Es war eine schöne, ja eine selige Zeit, die unsere Freunde auf Eden
verbrachten.
Immer besser lernten sie die verklärten Menschen dort oben kennen, immer
höher sie schätzen, und im Umgang mit diesen durch und durch edlen Wesen
schien es ihnen, als streiften sie selber alle irdischen Mängel mehr und
mehr ab.
Auch rein körperlich hatten sie dieses Gefühl; denn so gesund, wohl und
frisch, so geistig angeregt und lebendig hatten sie sich in ihrem Leben
nie gefühlt, wie in den Wochen und Monaten, die sie hier zubrachten.
Noch mehrere Reisen unternahmen sie und wurden mit den schönsten
landschaftlichen Reizen, mit der Tier- und Pflanzenwelt vertraut.
Eines Tages aber erklärte Flitmore, es sei nun Zeit, an den Abschied zu
denken, und, da man keinen Kometen zur Heimreise benützen könne, müsse
man sich darauf gefaßt machen, daß diese mehrere Jahre dauern könne.
Gabokol, Bleodila, Fliorot und Glessiblora suchten vergeblich unsere
Freunde zu überreden, länger zu verweilen, oder, noch besser, ihren
Aufenthalt dauernd nach Eden zu verlegen.
»Wenn Gott will, ist dies nicht unser letzter Besuch hier,« sagte
Flitmore: »das nächstemal bringen wir euch dann allerlei irdische Dinge
mit, die euch zwar nicht bereichern aber doch interessieren können. Nun
aber ruft uns die Pflicht: unsere Entdeckungen, namentlich die
Möglichkeit eines Verkehrs mit fernen Welten, sind für unsere Brüder auf
Erden von größter Wichtigkeit: wir dürfen ihnen das nicht verloren gehen
lassen.«
Alle, besonders aber Heinz, wunderten sich, daß Heliastra allein keinen
Versuch machte, sie zum Dableiben zu bewegen; ja, den jungen Friedung
berührte dieser Umstand besonders schmerzlich: er hatte doch so gute
Freundschaft mit dem Mädchen geschlossen, so daß der Gedanke an die
Trennung ihm beinahe das Herz brechen wollte.
Als Gabokol nun sah, daß die Abreise seiner Gäste beschlossene Sache
sei, sagte er:
»Wie ihr erzähltet, hat ein Komet euch hierher geführt. Ich habe ja dein
Weltschiff genau angesehen und kennen gelernt, Freund Flitmore, aber es
hat einen bedenklichen Mangel: Durch die Fliehkraft wird es von den
Weltkörpern abgestoßen, ihr besitzt aber kein Mittel, die Fahrt zu
lenken und müßtet es daher dem Zufall überlassen, ob ihr in euer
Sonnensystem zurückkehren werdet oder euch noch weiter von ihm entfernt.
Ich will dein Fahrzeug mit der Parallelkraft ausrüsten; die Einrichtung
nimmt höchstens acht Tage in Anspruch. Die Parallelkraft hat für euch
ganz bedeutende Vorzüge: erstens könnt ihr im Raum die Geschwindigkeit
eurer Fahrt mit ihrer Hilfe wesentlich steigern, zweitens widerstrebt
sie weder der Fliehkraft noch der Anziehungskraft, sie kann also
ausgenützt werden sowohl so lange dein Strom eingeschaltet, als auch
wenn er abgestellt ist. Der dritte und wichtigste Vorteil aber ist, daß
du deiner Sannah eine beliebige Fahrtrichtung geben, also geradewegs auf
euer Sonnensystem zusteuern kannst. Gott kann euch ja selbstverständlich
auch ohne diese Naturkraft so schnell und sicher heimführen, wie er euch
hierherlenkte; aber er will, daß wir die Mittel benutzen, die seine Güte
uns gab und erkennen lehrte.«
»Du nimmst eine schwere Sorge von meinem Herzen,« erwiderte Flitmore;
»ich verhehlte mir nicht, welche vielleicht unüberwindlichen
Schwierigkeiten der Mangel an Lenkbarkeit meines Fahrzeuges uns auf der
Rückfahrt bereiten werde. Nun lernte ich ja bei euch die wunderbaren
Eigenschaften der Parallelkraft kennen und verstehe jetzt auch damit
umzugehen. Wenn du als erfahrener Mann die Einrichtung übernehmen
willst, so steigerst du noch die Dankbarkeit, die wir dir und euch allen
schulden.
Und dann habe ich noch eine Bitte: wie du weißt, enthält meine Sannah
sehr große Räume. Auf der Hinfahrt dienten sie vor allem der
Aufspeicherung großer Sauerstoffvorräte behufs Erneuerung der Luft.
Nun haben wir ja die Erfahrung gemacht, daß das Weltschiff sich im Raum
mit einer eigenen Lufthülle umgibt, die sich selbständig erneuert.
Dagegen müssen wir für reichliche Speisevorräte sorgen, da unter
Umständen die Rückfahrt mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann ....«
»Seid ohne Sorge!« unterbrach ihn Bleodila: »Allen Frauen der Stadt wird
es eine Freude sein, eure Vorratsräume mit Mehl, Gemüse- und
Obstkonserven, sowie mit Milch, Butter, Käse und Eiern anzufüllen, daß
ihr zehn Jahre daran zu zehren habt; ihr wißt, daß wir Verfahren kennen,
durch welche selbst Eier und Milch sich jahrelang frisch erhalten.«
»Auch Honig und Holz sollt ihr haben, da unser Baumholz ja so
schmackhaft und nahrhaft ist, wie die Früchte und sich auch ohne
besondere Behandlung hält und sein köstlicher Saft euch einen
unerschöpflichen Trank bietet,« setzte Fliorot hinzu.
»Nun, dann sind wir wohl geborgen, wenn Gottes Gnade uns begleitet, wie
ich nicht zweifle,« sagte Mietje mit feurigem Dank.
Jetzt trat Heliastra vor: »Auch ich habe eine Bitte auf dem Herzen,«
sagte sie, während eine holde Röte ihr Antlitz durchleuchtete: »eine
Bitte an euch, liebe Freunde: nehmt mich mit auf eure Erde!«
Alle standen starr. Auch Gabokol und Bleodila, Fliorot und Glessiblora
waren völlig aus der Fassung.
Heinz aber durchflutete es wie ein unausdenkbares Glück; doch gleich
darauf dachte er, es sei ja zu schön, um wahr zu werden, und weder
dürften sie das liebliche Mädchen seinem glücklichen Planeten entführen,
noch würden seine Eltern es je von ihren Herzen reißen können.
Mietje war die erste, die es aussprach: »Kind, liebes Kind, wie dürften
wir es wagen, dich ins Ungewisse mitzunehmen und aus deinem Paradies in
das Elend unserer Erde zu entführen.«
Heliastra lächelte: »Wißt ihr nicht, daß Gott überall ist? Wo ist da das
Ungewisse? Und sehet, das ist meine Sehnsucht, der brennende Wunsch
meines Herzens, euer Schicksal zu teilen und euch zu helfen, das Leid
eurer Erde zu mildern.«
»Es ist ein edles Ziel, das meine Tochter sich setzt,« sagte Gabokol
nachdenklich: »Es muß Gott wohlgefällig sein.«
»Nein, nein!« rief Heinz schmerzlich: »Gott weiß, wie mir das Herz
blutet, wenn ich von dir scheiden soll; aber hier bist du glücklich und
glücklich sollst du bleiben und nie in die Welt der Leiden kommen. Gerne
will ich mich mein Leben lang in Sehnsucht nach Dir verzehren, wenn ich
dich nur glücklich weiß!«
»So sehr hast du mich lieb?« fragte Heliastra und ihre Himmelsaugen
leuchteten ihn an.
»Ja, über alles bist du mir wert: nie werde ich dich vergessen!«
»Und meinst du, ich werde noch glücklich sein, wenn du nicht mehr bei
mir bist? Mein Glück ist fortan auf eurer Erde, dort laßt es mich
finden. Oder ist es unmöglich, daß ich deine Gattin werden könnte?«
»Du! Meine Gattin? Du wolltest aus deinen Sternenhöhen herabsteigen,
mich armseligen Erdensohn unaussprechlich glücklich zu machen? Aber
nein! Es darf ja nicht sein!«
»Ich sehe wohl, wie es steht,« sagte nun Gabokol wieder, »und ich sehe,
was Gottes Wille ist. Ja, Gott fordert von uns ein Opfer, das er noch
von keinem auf unserem Planeten gefordert hat. Heliastra, du willst uns
den Schmerz fühlen lehren, der uns bisher unbekannt gewesen! Aber sollte
Gott nicht alles von uns fordern dürfen, dem wir alles verdanken? Die
sich lieben, sollen mit einander verbunden bleiben, das ist der höchste
Gotteswille. Und wenn es uns auch schmerzt, wie wollten wir solch
unerhörten Frevel begehen, wider Gottes Willen zu handeln?«
»Gabokol hat recht,« sagte Bleodila mit Tränen in den Augen. »Eure
Ankunft und euer Hiersein war uns Freude; euer Scheiden bringt uns
Schmerz, größeren als wir je geahnt! Wußten wir denn, was Schmerz ist,
denen auch das Scheiden im Tod nur ein Vorausgehen in die höhere
Seligkeit bedeutet? Nun, so sei uns Heliastra, so jung sie ist, als eine
in die Seligkeit Vorangegangene. Willst du sie haben zu deinem Weib,
junger Freund, so dürfen wir sie nicht zurückhalten.«
Heinz wußte nicht, wie ihm war, als er seine Arme ausbreitete und die
leichte Elfengestalt sich an ihn schmiegte.
»So willst du immer bei mir bleiben?« flüsterte er, sie zaghaft küssend.
»Immer bei dir!« sagte sie mit heller Glockenstimme und strahlte ihn
warm an.
Während der nächsten Tage richtete Gabokol die Sannah, die Flitmore
herabgelenkt hatte, für die Parallelkraft ein, flickte auch das Loch,
das ihr der Meteorit beigebracht hatte. Die Bewohner der Stadt zogen
inzwischen unaufhörlich in Scharen herbei, um die Innenräume mit
unerschöpflichen Vorräten zu füllen, namentlich auch mit allerlei
Sämereien für die Erde, obgleich Schultze stark bezweifelte, daß dort
die Wunderpflanzen Edens gedeihen könnten.
Dann wurde die feierliche Hochzeit von Heinz Friedung mit Heliastra
gefeiert und der greise Priester der Stadt gab das Paar im Namen des
allmächtigen Gottes zusammen und segnete es ein.
Die ganze Stadt nahm Teil an dieser außerordentlichen Feier und zwar
nicht nur äußerlich, sondern mit liebenden und fürbittenden Herzen. Alle
bewunderten Heliastras Entschluß und wünschten ihr Gottes reichsten
Segen dazu.
Dann wurde ein Freudenfest gefeiert, wie es bei solchen Anlässen üblich
war. Zum Schlusse, als der Rosenmond dem blauen Monde Platz machte, nahm
die rosige Gattin Abschied von ihren Freundinnen und Bekannten.
Am andern Morgen verabschiedete sie sich auch von den Ihrigen, deren
Gottvertrauen und Fügsamkeit in den göttlichen Willen ihnen half, den
Trennungsschmerz getrost zu überwinden.
Auch unsere Freunde nahmen herzlichen, dankbaren und gerührten Abschied.
Heliastra aber war voll strahlender Freudigkeit, als sie mit ihrem
Gatten das Fahrzeug betrat, das sie führen sollte in die Welt ihrer
Sehnsucht, die Welt, wo es Schmerzen zu lindern und Tränen zu trocknen
gibt.
»Gott sei mit euch und lasse euch wiederkehren!« riefen die
Zurückbleibenden den Scheidenden nach, als die Sannah, von der
Fliehkraft getrieben, emporschoß, und Heinz und Heliastra aus der
offenen Lucke ein letztesmal herniederwinkten.