48. Eine Reise auf dem Planeten.

Am folgenden Tag wurde die geplante Reise unternommen, auf der unsere

Freunde einen Teil des großen Planeten kennen lernen und Heinz in der

Hauptstadt seinen Vortrag über die Entstehung der Sprache halten sollte.

Der König des Landes und die Lehrer an der Universität waren durch

ausgesandte Schallwellen von dem bevorstehenden Besuch verständigt

worden.

Als Fahrzeug diente das gewöhnliche Beförderungsmittel der Edeniten,

eine Art großen Bootes mit verdeckten Schlafräumen und offenem Verdeck,

das, durch die sogenannte Parallelkraft getrieben, in geringer Höhe über

dem Erdboden durch die Luft flog.

Die Fluggeschwindigkeit, die sich bis auf 500 Stundenkilometer steigern

ließ, so daß der ganze Planet in 160 Stunden umkreist werden konnte,

wurde auf 100 Kilometer ermäßigt, damit die Reisenden alles bequem zu

schauen vermöchten.

Die ganze Familie Gabokol gab ihnen das Geleite, ebenso der

Provinzfürst, der es sich zur Pflicht und Ehre anrechnete, sie

persönlich dem König vorzustellen.

»Unser Land ist das größte und bedeutendste des Planeten,« erklärte der

Fürst während der Fahrt. »Die Könige der andern Länder haben sich

freiwillig unter die Oberhoheit unsres Königs gestellt, so daß dieser

der oberste Herr über die zweihundert Millionen Einwohner unserer

Weltkugel ist. Freilich gibt es da nicht viel zu regieren, da er den

andern Herrschern volle Freiheit läßt und nie Grund hat, einzuschreiten;

auch in den andern Ländern denkt nie ein Bürger daran, seine Pflichten

zu vernachlässigen; so kommt die höchste Gewalt eigentlich nur für die

einheitliche Leitung der gemeinsamen Arbeiten in Betracht, und da ist es

freilich notwendig, zielbewußt und nach dem gleichen Plane zu wirken,

damit die bewohnbare Zone unseres Planeten gleichmäßig verbreitert werde

und die wachsende Bevölkerung stets Platz finde, sich auszudehnen.

Abgesehen von den zahlreichen Dialekten, haben wir nur vier eigentliche

Sprachen, die auffallend von einander verschieden sind. Die Hauptstadt

unseres Landes liegt auf der nördlichen Halbkugel, jenseits des

Äquators, etwa 20 Flüge von hier entfernt, was nach euren Maßen 6000

Kilometer ausmachen dürfte.«

Die Edeniten rechneten nach »Flügen«, das heißt nach der Strecke, welche

sie gewöhnlich ohne Rast in einem Zuge zurücklegen konnten, und die 300

Kilometer nach Erdenmaß betrug.

Das Luftboot flog über Landschaften von wunderbarem Reize hinweg; Täler

und Ebenen, Flüsse und Ströme, Hügel, Felsen und Hochgebirge, große

Städte und idyllische Dörfer wurden überflogen, und als nach

vierzigstündigem Flug der rosa Mond unterging, landete die

Reisegesellschaft am Ufer eines brausenden, herrlichen Meeres.

Dieses wurde am folgenden Tage in 20stündiger Fahrt überflogen und am

jenseitigen Ufer ragte die Landeshauptstadt hart an der Küste empor,

eine Großstadt von anderthalb Millionen Einwohnern.

Der Rest des Tages, sowie die beiden folgenden Tage wurden der

Besichtigung der hochinteressanten Ansiedelung gewidmet.

Noch am Tage ihrer Ankunft wurden unsere Freunde dem Könige auf dessen

Wunsch vorgestellt.

Er empfing sie mit der gleichen Herzlichkeit und Einfachheit, wie es

jeder Bürger des Landes tat.

Besonders erfreut waren die Gelehrten der Hochschule, die Erdenbewohner

kennen zu lernen, und unsere Freunde hatten tausend Fragen zu

beantworten, wobei ihnen stets versichert wurde, welchen Dank man ihnen

schulde, da sie die Wissenschaft der Edeniten in ungeahntem Maße

bereicherten.

Als Heinz seinen Vortrag hielt, konnte der größte Raum der Hauptstadt

die Zuhörer nicht fassen, und er mußte seine Ausführungen noch dreimal

wiederholen, um nach und nach die Mehrzahl der Wißbegierigen zu

befriedigen.

Die Gelehrten versicherten, daß ihnen ein neues Licht für ihre

Sprachforschungen aufgegangen sei, und Schultze mußte bei sich denken,

daß hier oben neue Wahrheiten offenbar nicht unter dem Hohn und

leidenschaftlichen Widerspruch von Fachgelehrten zu leiden hatten, deren

Eitelkeit nicht zugeben will, daß ihre bisherigen Forschungsergebnisse

falsch waren.

Besonders interessant war unsern Freunden ein Besuch der Sternwarte. Die

Edeniten besaßen auch Fernrohre, die jedoch auf ganz anderen Prinzipien

beruhten als die irdischen und ihnen eine ungleich bessere Kenntnis der

Sternenwelt ermöglichten.

Freilich verdankten sie letzteres hauptsächlich der wunderbaren

Einrichtung ihrer Augen, konnten sie doch schon mit bloßem Auge Welten

erkennen, die unsern Fernrohren und selbst der photographischen Platte

ewig verborgen bleiben.

Die Astronomen waren höchlichst erstaunt, zu vernehmen, daß die

Erdenmenschen kaum 2000 Sterne mit unbewaffnetem Auge zu erkennen

vermochten und daß der Sternkatalog, den Hipparch vor 2100 Jahren

entwarf, nur 1080 Sterne enthielt, obgleich er alle einigermaßen hellen

Sterne verzeichnete.

Schultze berichtete ihnen weiter, daß Argelander mittels des Fernrohrs

etwa 360000 Sterne bestimmte und in seinem Katalog verzeichnete, eine

Arbeit, der er fast sein ganzes langes Leben widmete, und daß man

gegenwärtig an der Arbeit sei, auf photographischem Wege eine Mappierung

der Sterne vorzunehmen, die noch etwa hundert Erdenjahre in Anspruch

nehmen dürfte und die über 20 Millionen Sterne enthalten werde, von

denen drei Millionen ihrer Lage nach auf den Platten ausgemessen werden

sollen.

Die Gelehrten zeigten Schultze einen Sternkatalog mit genauen Karten,

der über 500 Millionen Sterne enthielt, unter diesen auch das irdische

Sonnensystem mit sämtlichen Planeten und ihren Monden.

Ihre langen Nächte und ihr langes Leben gestatteten ihnen eben auch

neben der Vorzüglichkeit ihrer Sehwerkzeuge, Aufgaben zu lösen, die den

Menschen unmöglich wären.

Während die irdischen Astronomen nur durch die Spektralanalyse mit

Sicherheit festzustellen vermögen, ob ein Nebelfleck, der auch durch das

stärkste Fernrohr als solcher erscheint, in Wirklichkeit ein Sternnebel

sei, oder aber ein Sternhaufe, eine große Zahl Sterne, die durch ihre

scheinbare Nähe infolge der großen Entfernung nicht mehr als einzelne

Sterne von einander unterschieden werden, konnten die Sternkundigen

Edens mittelst ihrer Fernrohre Nebel und Sternhaufen deutlich

unterscheiden.

Auch sie waren der Ansicht, daß die meist spiralförmigen Nebel die

Werkstätte des Schöpfers seien, in der durch Verdichtung des

weltenbildenden Stoffs neue Sterne, ja ganze Sonnensysteme gebildet

würden, die sich aus dem häufig erkennbaren Zentralkern und den vielfach

beobachteten anderweitigen Lichtknoten in der Nebelmasse herausbilden.

Schultze hielt auf Wunsch den Astronomen einen öffentlichen Vortrag über

den Stand und die Errungenschaften der irdischen Astronomie; dabei

führte er auch an, was David Gill in seiner berühmten Rede über die

Bewegung und Verteilung der Sterne im Raume sagt: »Wir haben die

Milchstraße als zwei majestätische Sternströme erkennen gelernt, die

nach entgegengesetzten Richtungen wandern; der eine dieser Ströme führt

das irdische Sonnensystem mit sich in unendliche Weiten, der andere

wandert der Erde entgegen. Die Milchstraße löst sich im Fernrohr in

Haufen unzähliger Sterne auf, die zum Teil in dichten Schwärmen

beieinander stehen und mit geballten Nebelflecken erfüllt sind, zum Teil

von dunkeln, gewundenen Kanälen unterbrochen erscheinen.«

»Eure Hauptsonne,« fuhr der Professor fort, »wandert im Sternenstrom mit

einer Schnelligkeit von 184 Kilometern in der Sekunde; unsere Erde mit

ihrem ganzen Sonnensystem bewegt sich auf das Sternbild des Herkules

oder der Lyra zu mit einer Geschwindigkeit von wahrscheinlich ebensoviel

als die Umdrehungsgeschwindigkeit unsrer Erdkugel um die Sonne beträgt,

nämlich 29450 Meter in der Sekunde oder etwa 30 Kilometer, den zehnten

Teil eines >Fluges< nach eurer Rechnung im Zeitraum >Zwei<, wie ihr

unsere Sekunden benennt.

Die Spektralanalyse, wie David Gill in seiner angeführten Rede sagt, hat

uns die Sterne enthüllt als gewaltige Schmelztiegel des Schöpfers, in

denen er den Stoff unter den Bedingungen des Drucks, der Hitze und

Umgebung gestaltet in einer Mannigfaltigkeit und einem Größenmaßstabe,

die alle Begriffe seiner Geschöpfe übersteigen.«

Drei Wochen dauerte der Aufenthalt in der Hauptstadt, dann wurde die

Rückreise auf einem andern Wege angetreten, wobei unsere Freunde auch

die ungeheuren Felsenwüsten Edens zu Gesicht bekamen, die keine Erde und

daher auch keinen Pflanzenwuchs hatten, und an deren Bedeckung mit Erde

emsig gearbeitet wurde.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 54 / 70 题