»Heute ist der siebte Tag,« sagte Gabokol eines Morgens. »Wollt ihr
nicht heute mit uns zum erstenmal die Stadt besuchen? Es ist bei uns von
jeher eine Vorschrift, daß wir uns am siebten Tage versammeln, um Gott
zu loben, ihn anzubeten und von seinem Willen und unsrer ewigen
Bestimmung zu hören, was der Priester des Ewigen uns verkündigt. Wir
lassen an diesem Tage alle Arbeit ruhen und sind fröhlich miteinander.«
»Ja, es ist der schönste Tag,« fügte Bleodila hinzu.
»Merkwürdig!« rief Mietje: »Auch wir pflegen den siebten Tag als Gottes
heiligen Tag zu feiern.«
»Das ist herrlich!« meinte Bleodila. »Und wir sehen daraus wieder, daß
ihr unsern Gott als den euren erkennt.«
So begaben sich alle einträchtig hinab in das Tal.
Der Versammlungsraum befand sich am äußersten Ende der Stadt, das heißt,
es war das nächste Gebäude und war vor allen andern durch seine Höhe,
Ausdehnung und Herrlichkeit ausgezeichnet. Statt der rauhen Felswände,
wie die meisten Wohngebäude sie aufwiesen, sah man hier glänzend
polierten Marmor und Säulen von durchsichtigen Edelsteinen, die meist
von den Monden Edens herabgeholt worden waren, wie Gabokol erklärte.
Die ganze Einwohnerschaft der Stadt versammelte sich hier: würdige
Greise mit edlen Zügen, trotz ihres oft vielhundertjährigen Alters
runzellos und von vollendeter Schönheit, Männer, Frauen, Jünglinge,
Jungfrauen, Knaben und Mädchen, ja ganz kleine Kinder schwebten herein
und alle leuchteten in verklärter Freude.
Das Erscheinen der Fremdlinge von einem entfernten Planeten erregte
Aufsehen, namentlich bei der Jugend; doch selbst die kleinsten Kinder
zeigten keine aufdringliche Neugier.
Immerhin waren zu Anfang Tausende von Blicken auf die Ankömmlinge
gerichtet; denn alle hatten zwar schon von den seltsamen Gästen gehört,
aber nur ganz wenige hatten sie geschaut bei zufälligen Begegnungen auf
deren einsamen Spaziergängen, und Besuche im Hause Gabokols hatte man
aus zarter Rücksicht in den letzten Tagen absichtlich vermieden, um
abzuwarten, bis die irdischen Besucher selber den Anfang machten, sich
unter den Leuten zu zeigen.
Sobald jedoch der Priester in den Altar trat, erfüllte ungeteilte
Andacht alle Gemüter und nun erscholl tausendstimmiger Gesang von einer
Reinheit und Musik, daß es unsren Freunden war, als hörten sie das Lob
der himmlischen Heerscharen.
Dann wurde ein gemeinsames Gebet gesprochen, worauf der Priester von der
Herrlichkeit und Güte des Schöpfers redete und von dem Dank und den
Pflichten seiner Geschöpfe.
Noch mehrmals erscholl der Orgel- und Glockenton der überwältigenden
Gesänge.
Heinz konnte sich nicht versagen, ein Loblied, das ihm besonders gefiel,
in deutschen Versen niederzuschreiben. Seine allerdings schwache
Übersetzung, die in unserer viel ärmeren Sprache weder der Gedankenkraft
noch der Klangfülle des Urtextes gerecht werden konnte, lautete
folgendermaßen:
Gott, Du Herr der Ewigkeiten,
Wer mag Deinen Ruhm verbreiten?
Wer mag preisen Deine Stärke,
Wer kann fassen Deine Werke?
Wunder schufst Du allerorten
Mit des Geistes Lebensworten,
Und vor Deiner Allmacht Zeugen
Muß der kühnste Geist sich beugen.
Was Du willst, das muß entstehen,
Was Du schiltst, das muß vergehen;
Aus dem Nichts riefst Du das Leben,
Hast dem Staube Geist gegeben;
Und Du hältest in den Gleisen
Welten, die um Welten kreisen:
Aus den unbegrenzten Fernen
Leuchtet uns ein Meer von Sternen.
Licht aus unerschöpftem Lichte
Strahlt von Deinem Angesichte,
Leuchtet aus der Sonnen Gluten,
Fleußt aus ungehemmten Fluten
Auf die Werke Deiner Liebe,
Weckt des Lebens reiche Triebe:
In dem All ist keine Stätte,
Die nicht ihre Wunder hätte.
O, daß ich in neuen Weisen
Deine Größe könnte preisen!
O, daß all mein Reden wäre
Nur ein Lob zu Deiner Ehre!
Meine Werke von Dir zeugten,
Meine Sinne Dir sich beugten!
Mach mich frei von eitlen Dingen,
Nur von Dir allein zu singen!
Als der erhebende Gottesdienst zu Ende war, trat der greise Priester
geradewegs auf unsre Freunde zu und sprach:
»Wir haben gehört, daß ihr Fremdlinge einer fernen Gotteswelt den ewigen
Schöpfer kennt und anbetet gleich uns. Das ist uns eine hohe Freude! Nun
wäre es dieser ganzen Gemeinde ein besonderes Fest und gewiß dem
Allgütigen angenehm, wenn in diesem Heiligtum zum erstenmale in fremder
Zunge von Gottesgeschöpfen eines weltfernen Planeten Gottes Lob
erklänge; darum, wenn ihr uns erfreuen wollt, eines eurer frommen Lieder
zu singen, so wären wir euch dankbar.«
»Ein feste Burg!« sagte Flitmore kurz zu seinen Begleitern.
Und ohne sich zu besinnen stimmten sie den Choral an. Es schien ihnen,
als seien ihre Stimmen zu Strömen gewachsen, so brauste das Lied aus
wenigen Kehlen durch die Hallen dahin, und der Gesang bewährte seinen
heiligen Zauber auch in dieser höheren Welt, denn unter lautloser Stille
lauschten ihm die Tausende mit Andacht und sichtlicher Ergriffenheit.
Als nun die ganze Gemeinde das Gotteshaus verließ, machten unsre Freunde
in Begleitung ihrer Wirte Besuche bei mehreren den letztern befreundeten
Familien und folgten zuletzt der Einladung des Provinzfürsten zum
Mittagsmahl.
Hierauf machten sie einen Ausflug vor die Stadt und bewunderten die
prächtigen Kulturen: die wogenden Getreidefelder mit ihren
durchsichtigen Goldähren, die Gemüse- und Nutzpflanzungen, die
Viehweiden.
In Scharen schwebten die festlich gekleideten Edeniten in der Umgegend
umher und es war ein himmlischer Anblick, sie so leicht dahingleiten zu
sehen, umflossen von ihren spinnwebzarten Gewändern, die in allen
Regenbogenfarben leuchteten. Noch höheren Genuß bereitete es, diese
vollkommenen Gestalten und diese von Schönheit, Anmut und
Herzensfreundlichkeit strahlenden Gesichter zu bewundern. Und doch mußte
sich Heinz sagen, so reizende Mädchen und Jungfrauen sich darunter
befanden, das heißt solche von besonders hervorragender Anmut und
Schönheit, denn reizend waren eigentlich alle Edeniten zu nennen, so
fand sich doch keine, die Heliastra an bezaubernder Lieblichkeit gleich
gekommen wäre, sie blieb die Perle Edens.
Da und dort spielte die Jugend unter Silberlachen und Scherzen; das war
ein Wirbeln und Hüpfen, Fliehen und Haschen auf der Erde und in den
Lüften, und die Spiele waren alle so sinnig und voll der spannendsten
Zwischenfälle, daß man stundenlang mit dem lebhaftesten Interesse dem
bunten Treiben zusehen konnte.
Als dann abends der Rosenmond aufglänzte, wurde in einem großen,
herrlichen Parke vor der Stadt ein Fest zu Ehren der fremden Gäste
gehalten.
Die ganze Stadt, jung und alt, beteiligte sich daran.
Während des köstlichen Gastmahls hielt der Fürst eine Ansprache, in
welcher er die Bedeutung des Ereignisses hervorhob, daß zum erstenmale
ein Verkehr und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Bewohnern
entfernter Planeten angebahnt worden seien. Er rühmte das Genie dieser
Erdenbürger, die solches zustande gebracht, ihren Mut, der das Unerhörte
gewagt habe, und die göttliche Güte, die sie beschützte und geleitete
auf einer Fahrt durch unendliche Welträume.
Heinz, als derjenige, der allein die Sprache Edens bereits vollkommen
beherrschte, erwiderte in glänzender Rede, und Gabokol und die Seinen,
vor allem Heliastra, bewunderten die Gewandtheit seiner Ausführungen und
den Glanz seiner Bilder, sowie den edlen Flug seiner Phantasie und den
Geist seiner Gedanken.
Sie waren ordentlich stolz auf ihre Gäste, und als jubelnder Beifall den
jungen Redner lohnte, erhob sich Heliastra begeistert und mit
tränenschimmernden Augen und drückte einen Kuß ihrer Rosenlippen auf des
Freundes Mund, das höchste Zeichen der Anerkennung, das ein Edenite zu
spenden vermochte.
Der erneute Beifall und Jubel, der dieser Tat folgte, zeigte deutlich,
daß das ganze Volk sich dieser Huldigung anschloß.
Heinz fühlte sich wie im Traum, umflossen von rosigem Mondlicht, geehrt
und beglückt durch die Anerkennung von Wesen, die er mit Recht für hoch
über sich stehend ansah, vor allem aber durch die verwirrende
Gunstbezeugung des holdseligsten aller Geschöpfe, saß er da, wie
verklärt.
Heliastra las ihm die Gedanken aus den Augen und nahm ihn bei der Hand.
»Komm!« sagte sie, »wir wollen eine Weile die Einsamkeit aufsuchen, ich
sehe, deine Seele verlangt nach Stille.«
Heinz ließ sich von ihr führen.
Sie traten durch ein Gebüsch an die Ufer eines stillen Sees, der im
rosigen Schein der Mondnacht magisch leuchtete.
Bunte Schwäne, Enten und Wildgänse plätscherten in seinen friedlichen
Fluten; Reiher, Flamingos, Ibisse, Pfauen und Pelikane belebten in ihrem
strahlenden Flaumkleide die Ufer, lauter Vögel, die zwar den
entsprechenden irdischen Arten ähnlich waren, doch in Formen und Farben
weit vollkommener und entzückender erschienen als diese.
Riesenechsen, eine Art Krokodile, mit perlmutterschimmernden Schuppen
lagen am Strand oder lugten aus dem rosenschimmernden Spiegel.
Heinz folgte dem Beispiel seiner Gefährtin, die diese prächtigen
Eidechsen zärtlich streichelte; hier hatten auch diese gewaltigen
Amphibien nichts Feindseliges noch Schreckhaftes; man sah es ihren
sanften Augen schon an, wie fromm und friedlich sie waren.
Der rosa Mond versank hinter dem Horizont und sein blauer Gefährte löste
ihn ab.
Da schlang Heliastra den zarten Arm um ihres Gefährten Hals und sagte:
»Komm, laß uns nun wieder zu den Freunden zurückkehren; die Stunde der
Heimkehr naht, und morgen wollen wir ja die große Reise nach der
Hauptstadt des Landes antreten.«
Sie kehrten in den Kreis der festlichen Menge zurück und bald darauf
erfolgte der allgemeine Aufbruch unter herzlichen Abschiedszurufen.