46. Überirdische Klänge.

Es fand sich, daß die Photographie den Edeniten nicht unbekannt war.

In Gabokols Wohnung waren die Wände vielfach mit Bildern geschmückt,

teils Porträts, teils Landschaftsbilder oder belebte Szenen aus Welt und

Leben. All diese Darstellungen erschienen so überaus lebendig und

naturwahr, so zart und leuchtend in den feinsten Farbenabstufungen, daß

unsre Freunde sich nicht genug wundern konnten über die hohe Stufe,

welche die Kunst der Maler hier erreicht habe.

Bald erfuhren sie jedoch, daß es sich nur zum geringsten Teil um Gemälde

handelte, daß vielmehr die meisten dieser Kunstwerke nichts andres waren

als Lichtbilder in natürlichen Farben.

Gabokol selber besaß einen photographischen Apparat, den er Flitmore

bereitwilligst erläuterte. Die Linse war durchaus dem menschlichen Auge

nachgebildet und wurde auch wie dieses eingestellt, wobei sie Bilder von

unnachahmlicher Schärfe lieferte. Die Platten bestanden aus

durchsichtiger Baumrinde und waren mit einem licht- und

farbenempfindlichen Stoffe überzogen, der ebenfalls genau dem

entsprechenden Stoff im Auge des Menschen nachgeahmt war. So entstand

schon auf der Platte ein farbiges Bild, das durch ein verblüffend

einfaches Verfahren festgehalten wurde. Von dieser ersten Platte konnten

dann beliebig viele Vervielfältigungen ausgeführt werden, wobei man

stets dieselben dünnen Platten benutzte: ein besonderes Material für die

Abzüge war durchaus entbehrlich.

Gabokol schenkte dem Lord einen solchen Apparat und Flitmore war nun

imstande, die Wunder Edens in einer Weise festzubannen, wie es keine

irdische Kunst vermocht hätte.

Heinz durfte die Wunderkamera benutzen so oft er wollte; während aber

der Lord vorzugsweise Landschaften, Tier- und Pflanzenbilder aufnahm,

bevorzugte der Jüngling Porträtaufnahmen. Namentlich wurde er nicht

müde, Heliastra allein oder mit ihrer anmutigen Schwester in immer neuen

Stellungen zu photographieren und die Mädchen kamen ihm hiebei mit

freundlichster Geduld entgegen.

Musik war den Edeniten ein Lebensbedürfnis; sie besaßen eigenartige

Instrumente von unbeschreiblichem Wohlklang und einer Mannigfaltigkeit

der Tonfarben, die ganz wunderbare Effekte ermöglichte. Das

durchsichtige Holz der Bäume und Rohre, aus dem hauptsächlich die

Instrumente gefertigt wurden, schien für diesen Zweck weit geeigneter

als alle irdischen Holz- oder Metallarten; auch der stärkste metallische

Klang, Orgel- und Glockentöne, war gewissen Holzarten eigen.

John war außer sich vor Freude über eine Flöte, die ihm Fliorot

verehrte, und aus welcher der musikalische Diener Weisen hervorzuzaubern

vermochte, die ihm alles Irdische zu übertreffen schienen.

Völlig in himmlische Sphären versetzt fühlten sich aber unsre Freunde,

wenn Gabokol und Fliorot mit Bleodila, Glessiblora und Heliastra ihre

herrlichen Gesänge erschallen ließen: das waren Stimmen, die den Traum

einer Sphärenmusik tatsächlich verwirklichten; es war zu wenig gesagt,

wenn man den Baß der Männer mit Orgelklängen vergleichen wollte und die

Reinheit der Mädchenstimmen mit Silberglocken: jeder irdische Vergleich

mußte hier verblassen und man konnte nur an die unbekannten Chöre der

himmlischen Heerscharen denken. Und der Umfang dieser Stimmen war

geradezu unglaublich: kein menschlicher Baß und kein irdischer Tenor

konnte in solche Tiefen hinab, in solche Höhen hinaufsteigen; und die

weiblichen Stimmen schienen in unendliche Räume entschweben zu können,

wo sie zu ätherischen Klängen sich verflüchtigten.

Und welch fremdartige Melodien! Seltsam und niegehört den Erdenbewohnern

und doch so heimatlich vertraut, als ob die in Träume des Entzückens

gewiegte Seele die Lieder eines verlorenen Paradieses vernehme, das

einst ihre selige Heimat war.

Merkwürdigerweise besaßen die Edeniten keinerlei Saiteninstrumente und

so war ihnen Heinz' Geige etwas völlig Neues.

Immer wieder wurde der Jüngling gebeten, ihnen irdische Weisen

vorzuspielen. Anfangs sträubte er sich, denn ihm schien auch das

Höchste, was Erdenkunst erreicht hat, kaum wert, sich hören zu lassen

vor Ohren, die eine Sphärenmusik gewohnt waren; so glaubte er, sein

Spiel müsse den Gastfreunden minderwertig erscheinen, und nur aus

Höflichkeit bäten sie ihn, sein schwaches Talent ihnen vorzuführen.

[Illustration: Heinz photographiert Heliastra und Glessiblora.]

Bald aber merkte er, daß er sich darin irrte; höfliche Verstellung und

Schmeichelei war diesen Menschen fremd und sie hielten mit ihrem Urteil

nicht zurück, wenn ihnen ein Musikstück nicht gefiel.

Aber das Violinspiel an und für sich und die wunderbare Vortragsweise

des jungen Künstlers übte einen mächtigen Zauber auf sie aus, und Heinz

mußte außerdem erkennen, daß die unsterblichen Tondichtungen irdischer

Meister sich durchaus nicht zu scheuen brauchten, auch in höheren Welten

zu Gehör gebracht zu werden, daß sie vielmehr hier ein noch höheres

Verständnis fanden und entsprechenden Genuß vermittelten.

Heliastra besonders konnte sich an diesen Klängen einer fernen Welt

nicht satthören.

»Unsre Musik ist schön,« sagte sie, »und wir haben große Tonmeister

gehabt und besitzen deren noch solche. Ihre Schöpfungen heiligen unsre

Andacht und geben unserm Jubel Flügel; aber unsrer Musik fehlt etwas:

ja, ihr mangelt der Reiz, der mich an der euren so völlig gefangen

nimmt, die Wehmut, der Schmerz, die himmlische Sehnsucht, die geben

euren Tonschöpfungen eine Seele, eine Wärme und Tiefe des Gefühls und

Ausdrucks, daß ich glaube, selbst die Engel und Verklärten im Himmel

könnten sich ihrem Banne nicht entziehen, noch ihnen ohne Bewegung und

innerste Erschütterung lauschen. O, was muß das für eine Welt sein, wo

der Schmerz sich in solchen Tönen verklärt und die Sehnsucht so

ergreifenden Ausdruck findet!«

Gabokol begeisterte sich so sehr für die Violine, daß er beschloß, den

Versuch zu machen, ein ähnliches Instrument herzustellen.

Er wählte das Holz eines Baumes, dessen Klangfarbe ihm zu diesem Zweck

am passendsten erschien, und als Saiten zog er Pflanzenfasern auf, die

sich vorzüglich hiezu eigneten. Im Bau ahmte er die Geige seines jungen

Freundes aufs genaueste nach.

Er kam rasch mit der Arbeit zustande und nun erwies es sich, daß sowohl

Holz als Saiten ungeahnte Vorzüge vor den irdischen Materialien

aufwiesen.

Heinz versuchte sich sofort auf dem neuen Instrument: es war eine

richtige Violine, aber sie ermöglichte eine solche Zartheit und wiederum

eine solche Kraft des Tones und war von einem Zauber der Klangfarbe und

Reinheit, daß keine Stradivari, Guarneri oder Amati sich entfernt mit

ihr hätte vergleichen können.

Auch die Edeniten erkannten sofort, daß dies neue Instrument dem schon

bisher so bewunderten Spiel ihres Freundes noch erhöhte Kraft und

Schönheit, vertiefte Wärme und Innigkeit verlieh.

Daher bot Gabokol sein so überraschend gelungenes Kunstwerk Heinz zum

Geschenk an, eine Gunst, die mit Jubel und Dankbarkeit angenommen wurde.

In der Folge baute Gabokol noch mehrere Violinen, die alle die gleichen

trefflichen Eigenschaften besaßen, obgleich es sich auch hier zeigte,

daß jedes neue Instrument seine besondere Eigenart in der Klangfärbung

aufwies.

Dieser Erfolg bewog unsre Freunde, ihren Gastgeber auch in die

besonderen Geheimnisse andrer Saiteninstrumente einzuweihen und so

entstanden Cellos, Gitarren, Mandolinen, Zithern, Harfen und sogar ein

Saitenklavier.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 52 / 70 题