Es fand sich, daß die Photographie den Edeniten nicht unbekannt war.
In Gabokols Wohnung waren die Wände vielfach mit Bildern geschmückt,
teils Porträts, teils Landschaftsbilder oder belebte Szenen aus Welt und
Leben. All diese Darstellungen erschienen so überaus lebendig und
naturwahr, so zart und leuchtend in den feinsten Farbenabstufungen, daß
unsre Freunde sich nicht genug wundern konnten über die hohe Stufe,
welche die Kunst der Maler hier erreicht habe.
Bald erfuhren sie jedoch, daß es sich nur zum geringsten Teil um Gemälde
handelte, daß vielmehr die meisten dieser Kunstwerke nichts andres waren
als Lichtbilder in natürlichen Farben.
Gabokol selber besaß einen photographischen Apparat, den er Flitmore
bereitwilligst erläuterte. Die Linse war durchaus dem menschlichen Auge
nachgebildet und wurde auch wie dieses eingestellt, wobei sie Bilder von
unnachahmlicher Schärfe lieferte. Die Platten bestanden aus
durchsichtiger Baumrinde und waren mit einem licht- und
farbenempfindlichen Stoffe überzogen, der ebenfalls genau dem
entsprechenden Stoff im Auge des Menschen nachgeahmt war. So entstand
schon auf der Platte ein farbiges Bild, das durch ein verblüffend
einfaches Verfahren festgehalten wurde. Von dieser ersten Platte konnten
dann beliebig viele Vervielfältigungen ausgeführt werden, wobei man
stets dieselben dünnen Platten benutzte: ein besonderes Material für die
Abzüge war durchaus entbehrlich.
Gabokol schenkte dem Lord einen solchen Apparat und Flitmore war nun
imstande, die Wunder Edens in einer Weise festzubannen, wie es keine
irdische Kunst vermocht hätte.
Heinz durfte die Wunderkamera benutzen so oft er wollte; während aber
der Lord vorzugsweise Landschaften, Tier- und Pflanzenbilder aufnahm,
bevorzugte der Jüngling Porträtaufnahmen. Namentlich wurde er nicht
müde, Heliastra allein oder mit ihrer anmutigen Schwester in immer neuen
Stellungen zu photographieren und die Mädchen kamen ihm hiebei mit
freundlichster Geduld entgegen.
Musik war den Edeniten ein Lebensbedürfnis; sie besaßen eigenartige
Instrumente von unbeschreiblichem Wohlklang und einer Mannigfaltigkeit
der Tonfarben, die ganz wunderbare Effekte ermöglichte. Das
durchsichtige Holz der Bäume und Rohre, aus dem hauptsächlich die
Instrumente gefertigt wurden, schien für diesen Zweck weit geeigneter
als alle irdischen Holz- oder Metallarten; auch der stärkste metallische
Klang, Orgel- und Glockentöne, war gewissen Holzarten eigen.
John war außer sich vor Freude über eine Flöte, die ihm Fliorot
verehrte, und aus welcher der musikalische Diener Weisen hervorzuzaubern
vermochte, die ihm alles Irdische zu übertreffen schienen.
Völlig in himmlische Sphären versetzt fühlten sich aber unsre Freunde,
wenn Gabokol und Fliorot mit Bleodila, Glessiblora und Heliastra ihre
herrlichen Gesänge erschallen ließen: das waren Stimmen, die den Traum
einer Sphärenmusik tatsächlich verwirklichten; es war zu wenig gesagt,
wenn man den Baß der Männer mit Orgelklängen vergleichen wollte und die
Reinheit der Mädchenstimmen mit Silberglocken: jeder irdische Vergleich
mußte hier verblassen und man konnte nur an die unbekannten Chöre der
himmlischen Heerscharen denken. Und der Umfang dieser Stimmen war
geradezu unglaublich: kein menschlicher Baß und kein irdischer Tenor
konnte in solche Tiefen hinab, in solche Höhen hinaufsteigen; und die
weiblichen Stimmen schienen in unendliche Räume entschweben zu können,
wo sie zu ätherischen Klängen sich verflüchtigten.
Und welch fremdartige Melodien! Seltsam und niegehört den Erdenbewohnern
und doch so heimatlich vertraut, als ob die in Träume des Entzückens
gewiegte Seele die Lieder eines verlorenen Paradieses vernehme, das
einst ihre selige Heimat war.
Merkwürdigerweise besaßen die Edeniten keinerlei Saiteninstrumente und
so war ihnen Heinz' Geige etwas völlig Neues.
Immer wieder wurde der Jüngling gebeten, ihnen irdische Weisen
vorzuspielen. Anfangs sträubte er sich, denn ihm schien auch das
Höchste, was Erdenkunst erreicht hat, kaum wert, sich hören zu lassen
vor Ohren, die eine Sphärenmusik gewohnt waren; so glaubte er, sein
Spiel müsse den Gastfreunden minderwertig erscheinen, und nur aus
Höflichkeit bäten sie ihn, sein schwaches Talent ihnen vorzuführen.
[Illustration: Heinz photographiert Heliastra und Glessiblora.]
Bald aber merkte er, daß er sich darin irrte; höfliche Verstellung und
Schmeichelei war diesen Menschen fremd und sie hielten mit ihrem Urteil
nicht zurück, wenn ihnen ein Musikstück nicht gefiel.
Aber das Violinspiel an und für sich und die wunderbare Vortragsweise
des jungen Künstlers übte einen mächtigen Zauber auf sie aus, und Heinz
mußte außerdem erkennen, daß die unsterblichen Tondichtungen irdischer
Meister sich durchaus nicht zu scheuen brauchten, auch in höheren Welten
zu Gehör gebracht zu werden, daß sie vielmehr hier ein noch höheres
Verständnis fanden und entsprechenden Genuß vermittelten.
Heliastra besonders konnte sich an diesen Klängen einer fernen Welt
nicht satthören.
»Unsre Musik ist schön,« sagte sie, »und wir haben große Tonmeister
gehabt und besitzen deren noch solche. Ihre Schöpfungen heiligen unsre
Andacht und geben unserm Jubel Flügel; aber unsrer Musik fehlt etwas:
ja, ihr mangelt der Reiz, der mich an der euren so völlig gefangen
nimmt, die Wehmut, der Schmerz, die himmlische Sehnsucht, die geben
euren Tonschöpfungen eine Seele, eine Wärme und Tiefe des Gefühls und
Ausdrucks, daß ich glaube, selbst die Engel und Verklärten im Himmel
könnten sich ihrem Banne nicht entziehen, noch ihnen ohne Bewegung und
innerste Erschütterung lauschen. O, was muß das für eine Welt sein, wo
der Schmerz sich in solchen Tönen verklärt und die Sehnsucht so
ergreifenden Ausdruck findet!«
Gabokol begeisterte sich so sehr für die Violine, daß er beschloß, den
Versuch zu machen, ein ähnliches Instrument herzustellen.
Er wählte das Holz eines Baumes, dessen Klangfarbe ihm zu diesem Zweck
am passendsten erschien, und als Saiten zog er Pflanzenfasern auf, die
sich vorzüglich hiezu eigneten. Im Bau ahmte er die Geige seines jungen
Freundes aufs genaueste nach.
Er kam rasch mit der Arbeit zustande und nun erwies es sich, daß sowohl
Holz als Saiten ungeahnte Vorzüge vor den irdischen Materialien
aufwiesen.
Heinz versuchte sich sofort auf dem neuen Instrument: es war eine
richtige Violine, aber sie ermöglichte eine solche Zartheit und wiederum
eine solche Kraft des Tones und war von einem Zauber der Klangfarbe und
Reinheit, daß keine Stradivari, Guarneri oder Amati sich entfernt mit
ihr hätte vergleichen können.
Auch die Edeniten erkannten sofort, daß dies neue Instrument dem schon
bisher so bewunderten Spiel ihres Freundes noch erhöhte Kraft und
Schönheit, vertiefte Wärme und Innigkeit verlieh.
Daher bot Gabokol sein so überraschend gelungenes Kunstwerk Heinz zum
Geschenk an, eine Gunst, die mit Jubel und Dankbarkeit angenommen wurde.
In der Folge baute Gabokol noch mehrere Violinen, die alle die gleichen
trefflichen Eigenschaften besaßen, obgleich es sich auch hier zeigte,
daß jedes neue Instrument seine besondere Eigenart in der Klangfärbung
aufwies.
Dieser Erfolg bewog unsre Freunde, ihren Gastgeber auch in die
besonderen Geheimnisse andrer Saiteninstrumente einzuweihen und so
entstanden Cellos, Gitarren, Mandolinen, Zithern, Harfen und sogar ein
Saitenklavier.