Es war wunderbar, wie die Lebensluft Edens Körper und Geist frisch
erhielt, stärkte und belebte!
Was ließ sich doch alles an _einem_ Tage ausführen, kam doch zum
siebenundzwanzigstündigen Sonnentag nach einer Dämmerstunde die
achtstündige Rosennacht, in der noch keine Müdigkeit oder Schläfrigkeit
aufkam!
Man ging zur Ruhe, wenn der blaue Mond bereits einige Stunden geleuchtet
hatte; man erhob sich gestärkt und munter, ehe der grüne Mond sich zum
Untergang neigte: acht bis neun Stunden Schlafs genügten allen
Bedürfnissen, so daß der Tag, das heißt die Zeit des Wachens, mehr als
40 Stunden währte.
Was man bei der hier so gesteigerten Auffassungsfähigkeit in wenigen
Tagen lernen konnte, merkten unsre Freunde besonders daran, daß sie bald
die Sprache Edens verstanden und redeten, als sei sie ihnen von Kind auf
bekannt gewesen. Freilich wäre dies nicht möglich gewesen, wenn nicht
eben die Verwandtschaft mit der irdischen und namentlich mit der
deutschen Sprache, die der menschlichen Ursprache so besonders nahe
steht, gewesen wäre.
Eines Abends, als der Rosenmond sein märchenschönes Licht über die
Landschaft ergoß, saß die nun so vertraute Gesellschaft auf dem Dache
des Hauses.
Gabokol führte mit Schultze und Flitmore ein ernstes Gespräch, dem John
andächtig lauschte, sich hier und da eine seiner wohlgesetzten Fragen
gestattend.
Mietje unterhielt sich mit Bleodila und der gesetzten Glessiblora über
das Leben und Treiben der Frauenwelt Edens.
Fliorot lauschte den fabelhaften Erzählungen des Kapitäns Münchhausen,
der an dem Knaben einen eifrigen Zuhörer gefunden hatte.
Etwas abseits saßen Heinz und Heliastra und betrachteten den leuchtenden
Sternhimmel, der freilich den Augen der Jungfrau einer höheren Welt noch
viel reichere Wunder offenbarte als dem Jüngling der irdischen Fernen.
»Ich liebe die Sterne so sehr!« sagte die kleine Elfe: »Wie viel
leuchtende Sonnen hat doch Gott erschaffen und wie unzählig mögen die
Wesen sein, die ihres Glanzes sich freuen! Den helleren Sternen haben
wir Namen gegeben und ebenso den Bildern, die durch verschiedene
einander scheinbar nahestehende Sterne entstehen, wenn man sie vereint
betrachtet.«
»Genau so haben auch wir auf der Erde es gemacht,« erwiderte Heinz
lächelnd.
»Nein! wie merkwürdig!« rief Heliastra erfreut: »Sieh einmal, dort am
Horizont stehen vier Sterne, die einen viereckigen Leib bilden, von dem
ein langer Hals emporstrebt; wir nennen das Sternbild, das wohl das
deutlichste am Himmel ist, Ligela, nach dem langhalsigen Tier, das ihr
Giraffe nennt, wie heißet denn ihr's?«
Heliastra hatte sich von Heinz fleißig in seiner Sprache unterweisen
lassen und wußte schon alle Namen derjenigen irdischen Geschöpfe, die
mit denen Edens einige Ähnlichkeit hatten.
»Wir nennen dies Sternbild den Wagen oder den Großen Bären,« erklärte
der Jüngling: »Es gehört auch bei uns zu den bekanntesten.«
Heliastra schüttelte das Goldköpfchen: »Ligela klingt schöner,« meinte
sie; »aber schau, dort drüben sind drei Sterne in einer Reihe und zwei
darunter; dieses Bild nennen wir den Thron, Sissal, und den hellen Stern
rechts unten Helor.«
»Wir heißen den letzteren Rigel, nehmen aber zum Sternbild noch jene
beiden oberen Sterne, links Beteigeuze, rechts Bellatrix, und heißen das
ganze Gebilde Orion.«
»Orion! Nein, welch schöner, klangvoller Name!« rief das Mädchen. »Aber
paß auf: die beiden Sterne, die ihr Beteigeuze und Bellatrix benennt,
wir aber Fluir und Saila, rechnen wir zum langgestreckten Bild der
Schlange, Slipilil; ihr Kopf ist dort links das strahlende Gestirn
Glorhel.«
»Das ist Sirius im großen Hund,« erläuterte Heinz.
»Und das Schwanzende,« fuhr Heliastra fort, »ist dort rechts der helle
Stern, an den sich mehrere kleinere in schönem Schwung anschließen;
ersteren heißen wir Glizil.«
»Das ist Aldebaran im Stier und die kleine Gruppe die Hyaden.«
Noch eine ganze Reihe von Stern- und Sternbildernamen erklärten sich die
beiden gegenseitig, wobei es sich freilich erwies, daß die Astronomen
Edens meist andre Gruppierungen festgestellt hatten, als die irdischen.
Genau übereinstimmend erfanden sich außer dem großen Bären nur die
besonders scharf begrenzten Bilder der Kassiopeia, die ein großes
lateinisches W bildet und der Wage; diese beiden nannte Heliastra
»Doppeldreieck« und »Amboß« oder Dutri und Kolgor.
Immer wieder mußte Heinz dann von der Erde und den Menschen erzählen,
und Heliastra lauschte seinen Berichten wie Wundermären aus einer fernen
Märchenwelt.
Und wenn er von den Leiden, Fehlern und Leidenschaften der irdischen
Geschöpfe berichtete, von den Schrecken und Gefahren, von Unglück und
Verbrechen, die den Frieden und das Glück der Erdenbewohner trübten, da
offenbarte sich ihm das tiefe Gemüt, das sich hinter dieses Sonnenkindes
schelmischem Wesen barg.
Denn die Liebliche empfand ein so tiefes Mitleid mit ihren fernen
Brüdern und Schwestern, daß ihre Himmelsaugen in Tränen schwammen; und
die Sünde und Verworfenheit kam ihr noch als das allerbemitleidendste
Elend vor, unter dem die armen Geschöpfe zu leiden hätten.
»O,« rief sie aus: »Wie viel höhere und edlere Aufgaben, Arbeit und
Tätigkeit ist doch euch zugewiesen, die ihr Schmerzen zu lindern, Übel
zu bekämpfen und Schlechtes zu überwinden habt! Wir streben ja auch der
Veredlung und Vollkommenheit zu, aber die Schwierigkeiten, mit denen ihr
zu rechnen habt, sind uns unbekannt: bei euch muß das Leben ein wahres
Heldentum sein. Nur einmal möchte ich auch hineinversetzt werden in all
dies bejammernswerte Elend, um mit euch kämpfen und siegen zu können.«
»O, wünsche das nicht!« sagte Heinz, das zarte Geschöpf in seiner
verklärten Begeisterung wehmütig betrachtend: »Wie viel glücklicher seid
doch ihr!«
»Meinst du? Ich fühlte mich wohl wunschlos glücklich, so lange ich
nichts ahnte von Leiden, wie du sie zu schildern weißt. Nun aber ist ein
heißer Wunsch, ein brennendes Verlangen in meiner Seele erwacht: ist es
nicht das höchste Glück, trösten, lindern, helfen zu dürfen, wo das
Elend zum Himmel schreit?«
»Und dann Undank ernten und von denen, mit denen man es so gut meinte,
verhöhnt und gequält zu werden, wie es unserm Heiland ging?«
»Glaubst du nicht, es sei das Schönste, auch Unrecht zu leiden, nach dem
Vorbild des Gottessohns, von dem du so himmlisch Großes und Herrliches
zu erzählen weißt? Und dann weiß ich doch, du und deine Freunde, ihr
würdet nicht spotten und mir mit Undank vergelten; ihr wäret meine
treuen Mithelfer und Mitdulder. O, Freund, es müßte wahrhaft schön
sein!«
Heinz betrachtete voll Bewunderung dieses ätherische Wesen, das sein
beneidenswertes Glück mit Freuden geopfert hätte, um Lichtstrahlen zu
spenden denen, die ihre Finsternis mehr liebten als das Licht!
Ja, wer an der Seite solch einer Seele hätte arbeiten können an der
Beglückung der Gequälten und Verirrten!
Heinz hatte schon den Wunsch empfunden, für immer in dieser neuen Welt
des Friedens zu weilen und nie wieder in das Elend der Erde
zurückzukehren. Aber die hochherzige Gesinnung dieses Mädchens ließ ihn
sich seiner eigennützigen Fluchtgedanken schämen: nein! er mußte
zurückkehren auf die Erde als ein Kämpfer für Licht und Glück!