Wie ein Märchentraum erschien die Wanderung durch diesen blütenreichen
Edengarten unsern Freunden.
Sie scheuten sich bald nicht im mindesten, selbst die gewaltigsten und
raubtierähnlichsten der Tiere zu berühren und zu streicheln, was diese
verständnisvoll und mit einer gewissen Zärtlichkeit erwiderten, sei es,
daß sie die liebkosenden Hände sanft leckten, sei es, daß sie mit Haupt
oder Rüssel sich herabneigend den fremden Freunden anschmiegend ihr
Wohlwollen zu erkennen gaben; und dabei mäßigten sich auch die
behendesten, muskelkräftigsten und massigsten dieser Geschöpfe so
rücksichtsvoll in ihren Bewegungen, daß man daraus die bewußte Sorgfalt
erkennen konnte, ja keinen Schaden zuzufügen.
Hätte etwa so ein Mammut mit seinem Rüssel eine etwas temperamentvolle
Liebesbezeugung ausführen wollen, wie er es seinen Kameraden oder
Familiengliedern gegenüber tat, so wäre selbst Münchhausens solide Masse
zu Boden geschleudert worden.
Aber alle diese Tiere wußten das richtige Maß einzuhalten.
Die zweite Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, -- die erste war schon
vor einer Stunde hinter dem Horizont verschwunden, -- als unsre Freunde
endlich daran dachten, ihr Lager aufzuschlagen.
Die Früchte des Waldes hatten Hunger und Durst so nachhaltig gestillt,
daß selbst der Kapitän während der stundenlangen, meist sprungweise
ausgeführten Wanderung, kein einzigesmal die Notwendigkeit einer
Mahlzeit betont hatte. Und dabei war er einer der eifrigsten im Hüpfen,
wobei es ihm ganz besonderen Spaß machte, über den hohen und breiten
Rücken der größten Kolosse hinwegzusegeln.
Auch während des Aufschlagens der Zelte zeigte er sich noch unermüdlich
in Ausübung dieses erheiternden Sports; denn um den Lagerplatz herum
weideten just einige riesige Pelzelefanten.
John und Heinz pflöckten die Zelte ein, während die übrigen der
Zirkusvorstellung zuschauten, die Münchhausen gab, mehr zu seinem
eigenen Vergnügen, als um seine Gefährten zu belustigen.
Lautes Bravo und stürmisches Beifallsklatschen belohnten seine
gelungensten Sprünge.
Die Glanznummer der Vorstellung aber bildete ein Kunststück, das er zum
Schlusse noch vorführte, und zwar ganz gegen seine Absicht, es stand
durchaus nicht in seinem Programm!
Er hatte sich hinter einem gewaltigen Mammutbullen aufgestellt und
schnellte empor, um den Riesen in seiner ganzen Länge zu überspringen.
Nun fiel es aber im selben Augenblick dem Mammut ein, seinerseits einen
Luftsprung zu machen, und so kam es, daß Münchhausen mitten in seiner
Luftreise auf den Rücken des emporsegelnden Tieres zu stehen kam.
Eine Sekunde lang ritt er so als echter Kunstreiter stehend durch die
Luft; doch hatten seine Füße keinen festen Halt, er schwankte und wäre
kopfüber hinabgestürzt, hätte er nicht die Geistesgegenwart gehabt, die
kurzen Beine auszuspreizen, sodaß er alsbald rittlings auf dem seltenen
Reittier saß.
Es war ein großartiges Bild! Der Lord versäumte nicht, es auf einer
photographischen Platte zu verewigen.
»Ein Koloß auf dem andern!« jubelte Schultze.
John und Heinz hielten in der Arbeit inne, um das unvergleichliche
Schauspiel mitzugenießen.
Stolz um sich blickend, als habe er einen Drachen gebändigt und mit
kühner Absicht zu einer Luftfahrt bestiegen, so saß der Kapitän oben auf
dem kolossalen Dickhäuter, einer Kugel gleich, die kurzen Beine wagrecht
ausgestreckt, da er mit ihnen den breiten Rücken des Ungetüms nicht
umklammern konnte.
Jetzt landete Freund Mammut und mit einer Gewandtheit, die ihm niemand
zugetraut hätte, sprang Münchhausen auf die Beine und setzte mit
elegantem Schwunge von der Höhe herab auf den Erdboden. Jubel und Lachen
und nicht endenwollendes Beifallklatschen empfingen ihn nach solchem
Bravourstück, so daß das Mammut sich verwundert umsah und die Mähne
schüttelte, es mochte denken: »Bei denen ist es auch nicht mehr ganz
richtig im Oberstübchen!«
Nun half Mietje John und Heinz Früchte einsammeln für das Nachtessen,
denn an solchen fehlte es nicht in der Nähe, und die verschiedenen
Grogfrüchte sollten den warmen Tee vorteilhaft ersetzen.
Es dämmerte, als man sich zum Imbiß lagerte.
»Nun,« sagte Münchhausen, »Sie meinten, wir würden drei Tage brauchen,
um die Ebene zu erreichen, verehrtes Professorchen! Wir haben sie nicht
nur erreicht, sondern schon ein gutes Stück durchwandert am ersten
Marschtage.«
»Kunststück!« meinte Schultze. »Ich dachte an eine irdische
Fußwanderung, Schritt für Schritt; nachdem aber Sie, erfindungsreicher
Seebär, uns als lebendiger Luftballon die geniale Kunst der Hüpf- und
Schwebereise vorgemacht und beigebracht haben, hätten wir noch viel
weiter kommen können, wenn wir uns nicht so viel unterwegs aufgehalten
hätten. Auch ist die Länge des Tags in Betracht zu ziehen, der, wie ich
hiemit feststelle, vom Aufgang der ersten bis zum Untergang der zweiten
Sonne volle 27 Stunden gedauert hat!«
»Merkwürdig, daß wir uns so gar nicht müde fühlen,« bemerkte Mietje,
»nach einem so langen und ereignisreichen Tag. Ich wenigstens fühle
keine Spur von Ruhe- oder Schlafbedürfnis.«
»So scheint es uns allen zu gehen,« meinte der Lord. »Ich glaube, wir
haben uns eben schon der Eigentümlichkeit des Planeten angepaßt; dazu
mag uns die köstliche Luft und die erfrischende, belebende Kraft der
Früchte geholfen haben; wir werden wohl hier dauernd weit
leistungsfähiger sein als auf der Erde, entsprechend den doppelt so
langen Tagen.«
»Brauchen wir gar nicht,« warf der Kapitän ein, »wozu solch' kolossale
Leistungsfähigkeit, da einen hier alles so gar nicht anstrengt noch
ermüdet?«
»Ich habe nur eine Sorge,« sagte Heinz. »Wie werden wir die lange Nacht
herumbringen, die doch von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang 23 Stunden
währt, wenn wir so gar nicht müde sind?«
»Wir legen uns eben erst schlafen, wenn wir das Bedürfnis dazu fühlen,«
schlug Mietje vor.
»Einverstanden!« stimmte der Professor zu. »Wir pflegen der Unterhaltung
und studieren die Wunder der Nächte Edens, bis es uns Zeit scheint zur
Ruhe zu gehen.«
»Wertester Herr Professor,« fragte nun John, »welche Jahreszeit dürften
wir hier wohl haben? Nach den Blüten sieht es wie Frühling aus, sonst
aber wie Sommer; andrerseits aber, falls ich mir diese nicht unhöfliche
Bemerkung zu erlauben mir gestatten darf, ist es hier in der Ebene nicht
so furchtbar heiß, wie Sie die Vermutung aussprachen, als wir noch oben
waren.«
»Offen gestanden, über die Jahreszeit vermag ich noch keinen sicheren
Aufschluß zu geben,« entgegnete Schultze. »Ich vermute, wir stehen zu
Beginn des Frühlings, jedenfalls aber haben wir nahezu Tag- und
Nachtgleiche.«
»Entschuldigen der Herr Professor, aber ich bitte, noch einmal nicht
unhöflich sein zu dürfen, wenn ich verstanden zu haben glaubte, der Tag
sei heute vier Stunden länger als die Nacht.«
»Allerdings, mein Sohn; aber nur deshalb, weil wir hier zwei Sonnen
haben, die gegenwärtig in Opposition zu einander stehen, das heißt am
weitesten von einander entfernt sind auf ihrer Bahn, so daß stets mehr
als die Hälfte des Planeten erleuchtet ist und die zweite Sonne noch
fast zwei Stunden scheint, wenn die erste schon untergegangen ist.
Stehen die Sonnen in Konjunktion, also einander am nächsten, wobei die
eine vorübergehend die andere verdecken kann, so gehen sie uns
gleichzeitig auf und unter; vielleicht wird es dann auch viel heißer.
Über den Verlauf der Jahreszeiten Edens können wir aber noch nichts
wissen, kennen wir ja nicht einmal die Länge des Jahrs, das vielleicht
nur sechs, vielleicht bis zu tausend Erdenmonate dauert. Eines aber
scheint mir gewiß, große Unterschiede in der Temperatur herrschen hier
nirgends; denn wenn bei 6000 Meter Höhendifferenz so gut wie gar nichts
davon zu merken ist, wenn in solcher Höhe dort oben eine so herrliche
Pflanzenwelt vorkommt, dann kann auch Winterkälte und Sommerhitze kein
Übermaß entwickeln, sonst hätten wir droben irgendwelche Gletscherspuren
sehen müssen, hier unten aber fände sich keine so mannigfaltige Tierwelt
in einer Gegend, die den Polen näher steht als dem Äquator.«
Inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt.
»Ah!« rief Mietje plötzlich, »die Natur sorgt uns für
Abendunterhaltung!«
»Prächtig!« schmunzelte der Kapitän.
»Hochinteressant!« rühmte der Professor. »In der Tat, nicht uneben!«
[Illustration: Die Riesentiere.]
Und als nun auch Heinz sein »Großartig!« beigesteuert hatte, fühlte sich
John verpflichtet auch seinen Beifall zu äußern, indem er ausrief:
»Wirklich important!«
Imposant war allerdings das Feuerwerk, das sich in der Dämmerstunde
entwickelte: kleinere und größere Feuerfliegen und Leuchtkäfer erhoben
sich in die Luft; da sah man Funken, Sterne und Flammen teils aufblitzen
und verschwinden, teils ununterbrochen flimmern.
Das Neue und besonders Herrliche aber war das Farbenspiel dieser
lebendigen Meteore und Sternschnuppen; denn gelbes, rotes, blaues und
grünes Licht ging je nach ihrer Art von ihnen aus.
Auch auf dem Boden wurde es lebendig und hell: da krochen die Funken und
Laternchen der Glühwürmer und leuchtenden Schnecken und Ameisen
durcheinander, als rollten und rieselten selbstleuchtende Edelsteine,
Topase, Rubinen, Smaragde, Amethyste und Saphire dahin.
»Es ist mir unbegreiflich,« bemerkte Münchhausen, dem höchst poetisch
zumute wurde, »wie es Schriftsteller, ja solche, die Dichter sein wollen
und zu sein glauben, heutzutage fertig bringen, >der Dämmer< zu sagen,
statt >die Dämmerung<. Der Dämmer! Welch ein Wort! Ohr, Gemüt und
Vernunft wird gleicherweise dadurch beleidigt und die traute Stimmung
und Vorstellung der zarten Dämmerung geht dabei völlig verloren, wird
sozusagen totgeschlagen mit einem groben Knüppel in der Faust eines
Tölpels. Sehen Sie doch diese weichen Schleier, die von unsichtbaren
Elfenhänden in der dunkelnden Luft ausgebreitet werden; wie dämpft
dieses schleiernde Weben die farbigen Lichtstrahlen unsrer nächtlichen
Feuerwerker! Und nun soll man sich dieses zartwebende, sachthändige,
leisschwebende und schleierumwallte Wesen als eine männliche
Persönlichkeit vorstellen? Nein! ich bitte Sie, was ist das für eine
Geschmacklosigkeit, Stilwidrigkeit, ja für ein Blödsinn! He,
Professorchen! Können Sie sich etwa die liebliche, einschmeichelnde
Dämmerung durch einen Mann verkörpert denken, den Dämmer?«
»Ne, Kapitän, wenn ich mir denken sollte, Hugo von Münchhausen, so
elegant er zu schweben versteht, senke sich von Schleiern umwogt
hernieder und wollte mich mit ruhespendenden Elfenhänden liebkosen als
schmeichelnde Dämmerung, ich wäre aus allen Märchenträumen gerissen.«
»Münchhausen als Fee der geheimnisvollen Dämmerung ist gut!
Ausgezeichnet! Diese Vorstellung stimmt mich heiter!« sagte Flitmore
lachend.
Heinz aber meinte: »Wer es zuwege bringt, diesen neumodischen Ausdruck
>der Dämmer< zu gebrauchen, beweist damit ohne weiteres, daß ihm nicht
nur jegliches Sprachgefühl, sondern auch aller Sinn für Poesie abgeht,
was allerdings für die große Mehrzahl unsrer Versemacher zutrifft; denn
zu keiner Zeit gab es so viele Dichter und so wenig Poeten wie
heutzutage.«
»Darum verhöhnen sie auch die Poesie als hohles Pathos, weil sie die
Göttin nicht ehren dürfen, deren Gunst, Geist und hoher Flug ihnen
versagt blieb, falls sie nicht ihre eigene Wertlosigkeit einsehen und
eingestehen wollen!« fügte Münchhausen noch hinzu.
»O, meine Herrschaften, ein Nordlicht!« rief plötzlich John und wies
nicht nach Norden, wohl aber nach Osten.
»Das ist ja ein Mond!« berichtigte der Professor. »Wahrhaftig, ein
würdiger Mond für eine Nacht im Paradiese!«
Der Mond, der über die Berge tauchte, hatte eine unbeschreiblich
liebliche und duftige Rosafärbung. Nur die zartesten unter den wilden
Rosenblüten oder der blühende Hauch, der ein luftiges Wölkchen vor
Sonnenaufgang über dem Meere der italienischen Riviera in rosigen
Schimmer taucht, hätte zum Vergleich herangezogen werden können.
Bald schwebte der Mond, der etwa doppelt so groß erschien, wie der
Trabant der Erde, frei am tiefdunkeln Himmel zwischen den blitzenden
Sternen. Und nun ergoß er sein entzückendes Rosenlicht über die ganze
Landschaft.
Auf einmal schien ein neues Leben zu erwachen, nachdem es sich kaum ein
Stündchen über die Zeit der Dämmerung zur Ruhe gelegt hatte: Vögel
durchschwirrten die Luft und ließen wundervolle sanfte Weisen ertönen,
Grillen zirpten in melodischen, einschmeichelnden Weisen; kleinere
Tiere, den Hasen, Wieseln und Igeln ähnlich, letztere mit bunten
durchsichtigen Stacheln, tummelten sich lustig umher, spielend und sich
balgend, hüpfend und tanzend und seltsame Purzelbäume schießend.
Kurz, es gab wieder genug zu sehen, zu hören und zu bewundern, wenn
nicht schon der Zauber der magischen, bengalischen Mondbeleuchtung
genügt hätte, um alle wach zu halten: wer hätte eine solche feenhafte,
ja wahrhaft paradiesische Nacht stumpfsinnig verschlafen mögen.
Aber auch neue Blumen erschlossen ihre Kelche, äußerst zarte,
feingeformte Gebilde, meist leuchtend weiß mit goldgelben Staubfäden,
doch vom Mondlicht rosig überhaucht; auch hellblaue und hellrote Winden,
silberschimmernde Kapuzinerkresse und andere Blüten öffneten sich dem
Rosenmond und hauchten Düfte aus, deren Süßigkeit alle Wohlgerüche des
Tages weit zu überbieten schienen.
Acht Stunden leuchtete der rosa Mond; kaum aber war er untergegangen, so
stieg ein etwas kleinerer Mond von lichtblauer Farbe am
entgegengesetzten Horizonte auf.
Sein mildes Licht wirkte ungemein beruhigend. Es wurde überall still;
die Tierwelt begann zu schlafen und auch die Kelche der Nachtblumen
schlossen sich.
Aber wieder sprangen neue Blüten auf, große Dolden, bunte Mohnhäupter,
und ein einschläfernder Wohlgeruch gesellte sich zum einschläfernden
Lichte.
Auch unsere Freunde wurden still und fühlten schließlich das Verlangen
nach Schlaf.
Schultze leitete mit folgenden Worten den allgemeinen Rückzug in die
Zelte ein: »Wenn die beiden Monde sich jede Nacht so pünktlich ablösen,
wie heute, so hat dieses Paradies stets zwei Nächte, von denen die erste
für das Vergnügen und die höchste Beseligung, die zweite erst für den
Schlaf bestimmt zu sein scheint. Nun haben wir auch die blaue Nacht vier
Stunden lang bewundert; legen wir uns zur Ruhe, wir haben noch zehn
Stunden bis Sonnenaufgang.«
»Danken wir dem allgütigen Gott,« sagte der Lord, »der uns diese neuen
Wunder seiner Allmacht zu schauen würdigte; vor allem aber wollen wir
ihn preisen, daß er uns auf einer so lieblichen Friedenswelt landen
ließ, die keine Schrecken noch Gefahren zu bergen scheint. Trotzdem
wollen wir bei allem Gottvertrauen nicht lässig und leichtfertig sein
und nicht versäumen, die Wachen zu halten, wie die Vorsicht es uns
gebietet; denn es ist eben doch ein unbekannter Planet, auf dem wir uns
befinden und der außer dem Guten und Schönen, das wir kennen lernten,
noch viel des Unbekannten bergen wird, von dem wir noch nicht wissen,
wie es sich uns darstellen mag.«
»Lassen Sie mich die erste Wache übernehmen,« bat Heinz, »ich fühle noch
gar kein Schlafbedürfnis.«
»Gut! Nach drei Stunden wecken Sie mich, die mittlere Wache will ich
selber übernehmen,« sagte Flitmore.
»Und die Morgenwache bitte ich mir aus,« erklärte der Professor, »schon
der astronomischen Beobachtungen wegen, die für uns von Wert sein
können.«
Dabei blieb es, und alle, bis auf Heinz Friedung, zogen sich zurück.
Nach anderthalb Stunden seiner Wache sollte der jugendliche Wächter
entdecken, daß der Planet Eden nicht bloß zwei Nächte besaß, wie
Schultze festgestellt hatte, sondern deren drei!
Der blaue Mond neigte sich nämlich zur Rüste, als ein neuer Mond
aufging, diesmal ein dunkelgrün gefärbter. Er war wesentlich kleiner als
die beiden andern, etwa gerade so groß wie der Mond unserer Erde, der
scheinbaren Größe nach.
Eine halbe Stunde lang standen beide Monde gleichzeitig am Himmel; dann
leuchtete nur noch der grüne Mond mit geheimnisvoll mattem Licht.
Offenbar war diese dritte, die grüne Nacht, erst die rechte Nacht des
tiefen Schlafes; die blaue Nacht war sozusagen der Spätabend, der den
ersten Schlaf auf die Lider senkte.
Alles blieb still, wie ausgestorben, kaum ein Lüftchen wehte den
Dufthauch aus den zahllosen Blüten herüber.
Heinz wurde ordentlich schläfrig und ließ sich nach drei Stunden, von
denen nur eine ganz in die grüne Nacht gefallen war, gar nicht ungern
durch Flitmore ablösen, dem während seiner Wache nur der dunkelgrüne
Satellit Edens leuchtete.
Drei Stunden später kam der Professor an die Reihe. Noch drei weitere
Stunden stand der dritte Mond am Himmel; als er hinter dem Horizont
verschwand, trat die Morgendämmerung ein.
Schultze vermerkte also: Erster Sonnenaufgang (Alpha Centauri) als erste
Stunde gesetzt; zweiter Sonnenaufgang nach zwei Stunden (Begleitsonne);
erster Sonnenuntergang zu Ende der 25. Stunde (Alpha Centauri geht
unter); mit Ende der 27. Stunde geht die Begleitsonne unter (25 Stunden
nach ihrem Aufgang); folgt eine Stunde Dämmerung; zu Beginn der 29.
Stunde geht der rosa Mond auf, der acht Stunden leuchtet, bis zum Ende
der 36. Stunde, worauf sofort, zu Beginn der 37. Stunde, der blaue Mond
erscheint, der sechs Stunden am Himmel steht; nach 41½ Stunden taucht
der grüne Mond auf, eine halbe Stunde vor Untergang des blauen, und
braucht 7½ Stunden, um das Firmament zu durchmessen. Zu Ende der 49.
Stunde endlich geht auch er unter, worauf eine einstündige
Morgendämmerung eintritt, bis nach Verfluß der 50. Stunde Alpha Centauri
als erste Sonne wieder aufgeht.
Dies war der Verlauf, wie er sich zu dieser Jahreszeit abspielte unter
der Breite des Planeten Eden, wo sich unsre Freunde in der ersten,
wundersamen Nacht ihres dortigen Aufenthalts befanden.