»Ah! Herrlich! Köstlich! Wunderbar!« klang es in Verzückung von aller
Lippen, als die Luft voll herber Frische und gleichzeitig erfüllt von
beinahe betäubenden aromatischen Düften durch die geöffnete Türe
hereinflutete.
Die ganze Gesellschaft eilte hinaus, die Strickleiter hinabzuklimmen und
die Landschaft, die sie von unten her anlachte, übte einen solchen
Zauber auf sie aus, daß sie wirklich nicht wußten, ob das ein Traumbild
sei oder Wirklichkeit seine könne.
Übrigens überkam alle das seltsame Gefühl, als ob der Abstieg einen ganz
außerordentlichen Kraftaufwand erfordere und wirklich eine Kletterpartie
darstelle, die mühsam und ermüdend hätte sein müssen, wenn der
ozonreiche Äther, den sie atmeten, sie nicht mit solcher morgenfrischer
Jugendkraft und überschwellender Lust, die neuen Kräfte zu betätigen,
erfüllt hätte, daß ihnen jede Anstrengung ein wahres Wonnegefühl
verursachte und von Ermattung keine Rede sein konnte.
Münchhausen, der letzte beim Abstieg, empfand diese fremdartigen,
erhebenden Gefühle am deutlichsten, wie es bei seinen schwerfälligen
Körperverhältnissen begreiflich war.
»Ich schwebe!« rief er wonnetrunken aus: »Ich fühle mich leichter als
eine Feder! In meiner zartesten Jugend fühlte ich mich nie so frisch.
Ich bin mehr als verjüngt, wirklich neugeboren: so wenig Gewicht spüre
ich mehr, daß ich kaum herabkomme; es ist mir, als könnte ich fliegen!«
Man mußte lachen, wenn man seine wuchtige, massige Gestalt ansah und ihn
so von Leichtigkeit und Flugfähigkeit reden hörte und Schultze rief ihm
zu:
»Na! Eine Kugel, wie Sie, Kapitän, sich schwebend vorzustellen, ist ein
unbezahlbarer Gedanke! Verzeihen Sie mir meine unhöfliche Heiterkeit,
aber ich kann nichts dawider. Nein! Wenn uns Lady Flitmore entschwebte,
so wäre dies höchst bedauerlich und schmerzlich für uns, doch nicht so
gar erstaunlich bei der Leichtigkeit, die wir hier, wie es scheint, alle
verspüren; aber Ihr Entschweben macht uns noch keine grauen Haare.«
»Na, na!« bruddelte Münchhausen in komischer Entrüstung, als er jetzt
den Boden betrat: »Sie bleiben doch stets unvernünftig, einsichtslos und
zweifelsüchtig, oller Professor! Warten Sie nur ab, ob Sie nicht noch zu
Ihrer Beschämung oder zu Ihrem Entsetzen das Wunder erleben, daß Kapitän
Hugo von Münchhausen Ihren Blicken entschwebt gleich einer luftigen
Sylphide, so gerne Sie ihn zurückhalten möchten.«
Der Kapitän als luftige Sylphide! Dieser Vergleich war gar zu köstlich,
um nicht ein allgemeines schallendes Gelächter zu erwecken.
Münchhausen stimmte zwar mit ein, protestierte aber doch weiter: »Wegen
meiner etwas kugeligen Gestalt trauen Sie mir das Fliegen nicht zu? Da
sieht man wieder, wie wenig Logik die Menschen haben! Was ist denn
runder, voller, kugeliger als ein Luftballon? Kann der etwa deshalb
nicht steigen und schweben, he?«
»Ja, Kapitän,« entgegnete Heinz: »Aber Sie sind doch nicht durch
Wasserstoff zu solcher Fülle gebläht?«
»Viel mehr als luftiges Gas wird meine Leibeshülle zur Zeit nicht
enthalten,« behauptete der Schalk: »Wenigstens fühle ich mich ganz leer
und ausgehungert, obgleich es eine Schande ist, dies zu gestehen
angesichts dieser paradiesischen Landschaft. Jedenfalls werde ich ihren
ganzen Zauber erst dann voll zu würdigen verstehen, wenn ein
ordentliches Frühstück mir den nötigen Halt gegeben haben wird. He,
John! Du hast doch die Eßvorräte nicht vergessen.«
»Nein, wertester Herr von Kapitän,« beeilte sich dieser zu versichern:
»Wie könnte ich mir gestatten dürfen, solcher Pflichtvergessenheit mich
schuldig machen zu können: schon habe ich allbereits den Semaphor
angesteckt.«
Dabei wies er auf den dickbauchigen Samowar, die russische
Teekochmaschine.
»Semaphor ist wieder gut!« lachte Schultze: »Du bist doch ein
urgelungener Kerl, John. Ein Semaphor ist nämlich ein Zeichentelegraph
und ein Samowar nicht ganz genau dasselbe.«
»Ach, Herr Professor,« entschuldigte sich Rieger: »Diese chinesischen
Ausdrücke kann ich sozusagen nicht genau behalten, weil die chinesische
Sprache in meiner Schule nicht gelernt wurde und Sie verstehen ja schon,
ob ich nun Semaphor oder Samopher sage, was ja ziemlich einerlei
klingt.«
Der gebildete Diener wußte nämlich, daß der Tee aus China stammt und
glaubte daher, der fremdartige Name der Teemaschine müsse chinesisch
sein.
»Er hat gar nicht so unrecht mit dem Semaphor,« nahm ihn der Kapitän in
Schutz: »Die aufsteigenden Dämpfe des biedern Kessels sind wahrhaftig
telegraphische Zeichen, die von ferne einen köstlichen Labetrank
ankündigen.«
Bald saßen alle mit dampfenden Teetassen und kräftiger Zuspeise zur Hand
da, obgleich sie außer dem Kapitän vor lauter Entzücken über die Wunder
ihrer Umgebung kaum ein leibliches Bedürfnis verspürten.
Das Auge mußte aber auch trunken sein von der Pracht und Lieblichkeit,
die ihm hier in unendlicher Mannigfaltigkeit entgegenstrahlte.
Da war zunächst die Flur, auf deren weichem Teppich man lagerte.
»Ein weicher Teppich,« das war hier keine bloße Redensart: tatsächlich
waren diese fein gefiederten Gräser in ihrem durchsichtig leuchtenden
Grün so weich wie Flaum und Daunen.
Und die Blumen dieser herrlichen Wiesen! In allen Farben leuchteten sie;
doch was ihnen den ganz besondern Reiz gab, war ihre unendliche
Zartheit, die selbst die Frühlingsblüten der Erde in Schatten stellte.
Wie ein Lichthauch, wie ein körperloser Duft, so wiegten sich diese
Sterne und Kelche in der balsamischen Luft, die von ihren tausend
Wohlgerüchen erfüllt war.
So durchsichtig zeigten sich die Blütenblätter, daß man tatsächlich wie
durch feinstes buntes Glas den Hintergrund deutlich durchschimmern sehen
konnte; je nachdem aber das Licht auffiel, wurde es in den zartesten
Farben zurückgeworfen, so daß farbige Strahlenbündel von den Blüten
auszugehen schienen, obgleich sie nichts von eigener Leuchtkraft besaßen
und sich hiedurch von den Wunderblumen der Tipekitanga wesentlich
unterschieden; dennoch erschienen sie, wenigstens bei Tag, unendlich
reizvoller als diese.
Diese fremdartige und doch so über die Maßen entzückende
Durchsichtigkeit schien überhaupt der Pflanzenwelt des paradiesischen
Planeten ihre besondere Eigenart zu verleihen. Dort erhoben sich Büsche
mit großen, prächtigen Blumen, gleich Glocken herniederhängend, gleich
Tellern und Schalen schwebend, gleich kleinen Ballons oder Seifenblasen
in runden, ovalen, zylindrischen oder zusammengesetzten Formen
emporstrebend; im Hintergrunde ragten Wälder von früchtebeladenen Bäumen
empor, teils schlanke, teils knorrige Stämme mit Zweigen voll Anmut im
Schwunge der Linien, mit Blättern gleich durchbrochenen Spitzen in allen
erdenklichen Musterungen; und das alles blinkte und glitzerte, wo es das
Licht zurückwarf, während es vollkommen durchsichtig erschien, wo die
Strahlen hindurchdrangen.
Dabei wirkten diese durchsichtigen Formen vielfach wie Kristalle und
Prismen, brachen tausendfach die Lichter in allen Regenbogenfarben,
wodurch je nach der eigenen Färbung des Gegenstands und der Farbe der
durchscheinenden Strahlen die wundersamsten Tönungen und zartesten
Mischungen zustande kamen, so daß selbst die tiefsten Schatten das Auge
durch ihren Farbenreichtum erfreuten.
Und nun erst der See, dieses lachende Himmelsauge! Ein Blau von einer
auf Erden nie zu schauenden Tönung, ein Hauch, ein Duft von Saphir
schien seine Grundfarbe auszumachen und hart am Ufer war er so
durchsichtig, daß die bunten Sandkörner am Grunde einzeln zu sehen
waren; wo sich aber die Farbenstrahlen, die sich rings in der Luft
kreuzten und mischten, in seinen Wassern spiegelten, da entstanden
Flächen von verschiedenster Färbung und das Auge irrte umher und wußte
nicht, wo es am schönsten sei, und dann wurde es wieder gefesselt von
dem Goldglanz, von dem Silberschimmer, von dem Rosenhauch da und dort,
als ob es sich nicht mehr loszureißen vermöchte von dem märchenschönen
Anblick.
Aber es mußte wieder los: die Inseln und Inselchen, der wunderbare
Linienschwung der Ufer, die Buchten und Landzungen, die fernen
jenseitigen Küsten, die Hügelränder und die erhabenen Felsenmauern mit
ihren zackigen Kämmen und seltsamen Formen, -- das alles heischte sein
Recht und nötigte zu immer neuen Ausrufen des Staunens.
In jedem Augenblick glaubte irgend wer in der Gesellschaft etwas Neues
entdeckt zu haben, das alles bisher Geschaute in Schatten stellte, und
man machte einander aufmerksam darauf und Augen und Seelen feierten
einen ununterbrochenen Festtag beseligenden Genießens.
»Eden, Eden!« rief Flitmore aus, der völlig aus seiner gewohnten
kaltblütigen Ruhe gerissen war. »Welch andre Benennung könnten wir
finden, um diesem Paradiese seinen gebührenden Namen zu geben? Und wäre
der ganze Planet sonst eine trostlose, abschreckende Wüste, dieser eine
Fleck rechtfertigt es, daß wir ihn mit dem Namen des Landes bezeichnen,
das den Garten des Paradieses umschloß.«
»Recht haben Sie,« rief der Professor seinerseits: »Eden soll dieser
neue Planet heißen!«
Stunden vergingen, ehe der Bann des Schauens und Bewunderns soweit
gebrochen war, daß Heinz den Vorschlag machen konnte, nun endlich eine
Entdeckungswanderung zu unternehmen, da man lange genug der Ruhe
gepflogen habe.
Alle waren damit einverstanden, denn eine jugendliche Unternehmungslust,
gepaart mit neugierigem Forschungstrieb, beseelte selbst die älteren
Herren. Nur der Kapitän erhob wieder Einspruch, indem er die Uhr zog.
»Wir sitzen nun hier geschlagene vier Stunden,« sagte er: »Die Zeit ist
uns freilich wie im Fluge vorbeigegangen, da wir genug zu schauen und zu
genießen hatten. Nur an meinem Magen ging sie nicht spurlos vorüber. Es
ist lange her seit dem Frühstück und ich stimme für ein Mittagsmahl.«
»Sie unverbesserlicher Genießer!« schalt der Professor. Flitmore aber
sagte: »Unser Freund hat recht, erledigen wir zuvor dieses leibliche
Bedürfnis, dann können wir unsre Entdeckungsreise um so länger
ausdehnen. Es wäre schade, wenn eintretender Hunger uns frühzeitig zu
deren Unterbrechung oder gar zur Rückkehr nötigte.«
So wurde denn zuvor das Mittagsmahl bereitet und getafelt unter steter
Heiterkeit und in dauernd gehobener Stimmung, eine Wirkung, welche der
wunderbaren Luft und der herrlichen Landschaft wohl mit Recht
zugeschrieben werden konnte.