38. Die Wunder Edens.

»Ah! Herrlich! Köstlich! Wunderbar!« klang es in Verzückung von aller

Lippen, als die Luft voll herber Frische und gleichzeitig erfüllt von

beinahe betäubenden aromatischen Düften durch die geöffnete Türe

hereinflutete.

Die ganze Gesellschaft eilte hinaus, die Strickleiter hinabzuklimmen und

die Landschaft, die sie von unten her anlachte, übte einen solchen

Zauber auf sie aus, daß sie wirklich nicht wußten, ob das ein Traumbild

sei oder Wirklichkeit seine könne.

Übrigens überkam alle das seltsame Gefühl, als ob der Abstieg einen ganz

außerordentlichen Kraftaufwand erfordere und wirklich eine Kletterpartie

darstelle, die mühsam und ermüdend hätte sein müssen, wenn der

ozonreiche Äther, den sie atmeten, sie nicht mit solcher morgenfrischer

Jugendkraft und überschwellender Lust, die neuen Kräfte zu betätigen,

erfüllt hätte, daß ihnen jede Anstrengung ein wahres Wonnegefühl

verursachte und von Ermattung keine Rede sein konnte.

Münchhausen, der letzte beim Abstieg, empfand diese fremdartigen,

erhebenden Gefühle am deutlichsten, wie es bei seinen schwerfälligen

Körperverhältnissen begreiflich war.

»Ich schwebe!« rief er wonnetrunken aus: »Ich fühle mich leichter als

eine Feder! In meiner zartesten Jugend fühlte ich mich nie so frisch.

Ich bin mehr als verjüngt, wirklich neugeboren: so wenig Gewicht spüre

ich mehr, daß ich kaum herabkomme; es ist mir, als könnte ich fliegen!«

Man mußte lachen, wenn man seine wuchtige, massige Gestalt ansah und ihn

so von Leichtigkeit und Flugfähigkeit reden hörte und Schultze rief ihm

zu:

»Na! Eine Kugel, wie Sie, Kapitän, sich schwebend vorzustellen, ist ein

unbezahlbarer Gedanke! Verzeihen Sie mir meine unhöfliche Heiterkeit,

aber ich kann nichts dawider. Nein! Wenn uns Lady Flitmore entschwebte,

so wäre dies höchst bedauerlich und schmerzlich für uns, doch nicht so

gar erstaunlich bei der Leichtigkeit, die wir hier, wie es scheint, alle

verspüren; aber Ihr Entschweben macht uns noch keine grauen Haare.«

»Na, na!« bruddelte Münchhausen in komischer Entrüstung, als er jetzt

den Boden betrat: »Sie bleiben doch stets unvernünftig, einsichtslos und

zweifelsüchtig, oller Professor! Warten Sie nur ab, ob Sie nicht noch zu

Ihrer Beschämung oder zu Ihrem Entsetzen das Wunder erleben, daß Kapitän

Hugo von Münchhausen Ihren Blicken entschwebt gleich einer luftigen

Sylphide, so gerne Sie ihn zurückhalten möchten.«

Der Kapitän als luftige Sylphide! Dieser Vergleich war gar zu köstlich,

um nicht ein allgemeines schallendes Gelächter zu erwecken.

Münchhausen stimmte zwar mit ein, protestierte aber doch weiter: »Wegen

meiner etwas kugeligen Gestalt trauen Sie mir das Fliegen nicht zu? Da

sieht man wieder, wie wenig Logik die Menschen haben! Was ist denn

runder, voller, kugeliger als ein Luftballon? Kann der etwa deshalb

nicht steigen und schweben, he?«

»Ja, Kapitän,« entgegnete Heinz: »Aber Sie sind doch nicht durch

Wasserstoff zu solcher Fülle gebläht?«

»Viel mehr als luftiges Gas wird meine Leibeshülle zur Zeit nicht

enthalten,« behauptete der Schalk: »Wenigstens fühle ich mich ganz leer

und ausgehungert, obgleich es eine Schande ist, dies zu gestehen

angesichts dieser paradiesischen Landschaft. Jedenfalls werde ich ihren

ganzen Zauber erst dann voll zu würdigen verstehen, wenn ein

ordentliches Frühstück mir den nötigen Halt gegeben haben wird. He,

John! Du hast doch die Eßvorräte nicht vergessen.«

»Nein, wertester Herr von Kapitän,« beeilte sich dieser zu versichern:

»Wie könnte ich mir gestatten dürfen, solcher Pflichtvergessenheit mich

schuldig machen zu können: schon habe ich allbereits den Semaphor

angesteckt.«

Dabei wies er auf den dickbauchigen Samowar, die russische

Teekochmaschine.

»Semaphor ist wieder gut!« lachte Schultze: »Du bist doch ein

urgelungener Kerl, John. Ein Semaphor ist nämlich ein Zeichentelegraph

und ein Samowar nicht ganz genau dasselbe.«

»Ach, Herr Professor,« entschuldigte sich Rieger: »Diese chinesischen

Ausdrücke kann ich sozusagen nicht genau behalten, weil die chinesische

Sprache in meiner Schule nicht gelernt wurde und Sie verstehen ja schon,

ob ich nun Semaphor oder Samopher sage, was ja ziemlich einerlei

klingt.«

Der gebildete Diener wußte nämlich, daß der Tee aus China stammt und

glaubte daher, der fremdartige Name der Teemaschine müsse chinesisch

sein.

»Er hat gar nicht so unrecht mit dem Semaphor,« nahm ihn der Kapitän in

Schutz: »Die aufsteigenden Dämpfe des biedern Kessels sind wahrhaftig

telegraphische Zeichen, die von ferne einen köstlichen Labetrank

ankündigen.«

Bald saßen alle mit dampfenden Teetassen und kräftiger Zuspeise zur Hand

da, obgleich sie außer dem Kapitän vor lauter Entzücken über die Wunder

ihrer Umgebung kaum ein leibliches Bedürfnis verspürten.

Das Auge mußte aber auch trunken sein von der Pracht und Lieblichkeit,

die ihm hier in unendlicher Mannigfaltigkeit entgegenstrahlte.

Da war zunächst die Flur, auf deren weichem Teppich man lagerte.

»Ein weicher Teppich,« das war hier keine bloße Redensart: tatsächlich

waren diese fein gefiederten Gräser in ihrem durchsichtig leuchtenden

Grün so weich wie Flaum und Daunen.

Und die Blumen dieser herrlichen Wiesen! In allen Farben leuchteten sie;

doch was ihnen den ganz besondern Reiz gab, war ihre unendliche

Zartheit, die selbst die Frühlingsblüten der Erde in Schatten stellte.

Wie ein Lichthauch, wie ein körperloser Duft, so wiegten sich diese

Sterne und Kelche in der balsamischen Luft, die von ihren tausend

Wohlgerüchen erfüllt war.

So durchsichtig zeigten sich die Blütenblätter, daß man tatsächlich wie

durch feinstes buntes Glas den Hintergrund deutlich durchschimmern sehen

konnte; je nachdem aber das Licht auffiel, wurde es in den zartesten

Farben zurückgeworfen, so daß farbige Strahlenbündel von den Blüten

auszugehen schienen, obgleich sie nichts von eigener Leuchtkraft besaßen

und sich hiedurch von den Wunderblumen der Tipekitanga wesentlich

unterschieden; dennoch erschienen sie, wenigstens bei Tag, unendlich

reizvoller als diese.

Diese fremdartige und doch so über die Maßen entzückende

Durchsichtigkeit schien überhaupt der Pflanzenwelt des paradiesischen

Planeten ihre besondere Eigenart zu verleihen. Dort erhoben sich Büsche

mit großen, prächtigen Blumen, gleich Glocken herniederhängend, gleich

Tellern und Schalen schwebend, gleich kleinen Ballons oder Seifenblasen

in runden, ovalen, zylindrischen oder zusammengesetzten Formen

emporstrebend; im Hintergrunde ragten Wälder von früchtebeladenen Bäumen

empor, teils schlanke, teils knorrige Stämme mit Zweigen voll Anmut im

Schwunge der Linien, mit Blättern gleich durchbrochenen Spitzen in allen

erdenklichen Musterungen; und das alles blinkte und glitzerte, wo es das

Licht zurückwarf, während es vollkommen durchsichtig erschien, wo die

Strahlen hindurchdrangen.

Dabei wirkten diese durchsichtigen Formen vielfach wie Kristalle und

Prismen, brachen tausendfach die Lichter in allen Regenbogenfarben,

wodurch je nach der eigenen Färbung des Gegenstands und der Farbe der

durchscheinenden Strahlen die wundersamsten Tönungen und zartesten

Mischungen zustande kamen, so daß selbst die tiefsten Schatten das Auge

durch ihren Farbenreichtum erfreuten.

Und nun erst der See, dieses lachende Himmelsauge! Ein Blau von einer

auf Erden nie zu schauenden Tönung, ein Hauch, ein Duft von Saphir

schien seine Grundfarbe auszumachen und hart am Ufer war er so

durchsichtig, daß die bunten Sandkörner am Grunde einzeln zu sehen

waren; wo sich aber die Farbenstrahlen, die sich rings in der Luft

kreuzten und mischten, in seinen Wassern spiegelten, da entstanden

Flächen von verschiedenster Färbung und das Auge irrte umher und wußte

nicht, wo es am schönsten sei, und dann wurde es wieder gefesselt von

dem Goldglanz, von dem Silberschimmer, von dem Rosenhauch da und dort,

als ob es sich nicht mehr loszureißen vermöchte von dem märchenschönen

Anblick.

Aber es mußte wieder los: die Inseln und Inselchen, der wunderbare

Linienschwung der Ufer, die Buchten und Landzungen, die fernen

jenseitigen Küsten, die Hügelränder und die erhabenen Felsenmauern mit

ihren zackigen Kämmen und seltsamen Formen, -- das alles heischte sein

Recht und nötigte zu immer neuen Ausrufen des Staunens.

In jedem Augenblick glaubte irgend wer in der Gesellschaft etwas Neues

entdeckt zu haben, das alles bisher Geschaute in Schatten stellte, und

man machte einander aufmerksam darauf und Augen und Seelen feierten

einen ununterbrochenen Festtag beseligenden Genießens.

»Eden, Eden!« rief Flitmore aus, der völlig aus seiner gewohnten

kaltblütigen Ruhe gerissen war. »Welch andre Benennung könnten wir

finden, um diesem Paradiese seinen gebührenden Namen zu geben? Und wäre

der ganze Planet sonst eine trostlose, abschreckende Wüste, dieser eine

Fleck rechtfertigt es, daß wir ihn mit dem Namen des Landes bezeichnen,

das den Garten des Paradieses umschloß.«

»Recht haben Sie,« rief der Professor seinerseits: »Eden soll dieser

neue Planet heißen!«

Stunden vergingen, ehe der Bann des Schauens und Bewunderns soweit

gebrochen war, daß Heinz den Vorschlag machen konnte, nun endlich eine

Entdeckungswanderung zu unternehmen, da man lange genug der Ruhe

gepflogen habe.

Alle waren damit einverstanden, denn eine jugendliche Unternehmungslust,

gepaart mit neugierigem Forschungstrieb, beseelte selbst die älteren

Herren. Nur der Kapitän erhob wieder Einspruch, indem er die Uhr zog.

»Wir sitzen nun hier geschlagene vier Stunden,« sagte er: »Die Zeit ist

uns freilich wie im Fluge vorbeigegangen, da wir genug zu schauen und zu

genießen hatten. Nur an meinem Magen ging sie nicht spurlos vorüber. Es

ist lange her seit dem Frühstück und ich stimme für ein Mittagsmahl.«

»Sie unverbesserlicher Genießer!« schalt der Professor. Flitmore aber

sagte: »Unser Freund hat recht, erledigen wir zuvor dieses leibliche

Bedürfnis, dann können wir unsre Entdeckungsreise um so länger

ausdehnen. Es wäre schade, wenn eintretender Hunger uns frühzeitig zu

deren Unterbrechung oder gar zur Rückkehr nötigte.«

So wurde denn zuvor das Mittagsmahl bereitet und getafelt unter steter

Heiterkeit und in dauernd gehobener Stimmung, eine Wirkung, welche der

wunderbaren Luft und der herrlichen Landschaft wohl mit Recht

zugeschrieben werden konnte.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 44 / 70 题