37. Eine neue Erde.

Die Sannah stürzte auf Alpha Centauri zu. Je näher sie den beiden Sonnen

kam, desto größer erschienen diese und desto weiter ihr Abstand von

einander.

Auf dem Wege zu ihnen aber befand sich ein weiß leuchtender Stern, den

Schultze durch das Fernrohr als einen dunkeln Planeten erkannte, der im

Lichte seiner beiden Zentralsonnen erstrahlte und Phasen zeigte wie der

Mond. Der Professor berechnete seinen Umfang auf das Doppelte des

Erdumfangs und seine Umdrehungszeit auf 50 Stunden.

»Das soll unser nächstes Ziel sein,« erklärte Flitmore: »Wir haben nach

dieser ungeheuerlichen Reise wohl alle das Bedürfnis, einen Ruhepunkt im

Weltall zu suchen, und wenn wir finden, daß dieser verheißungsvolle

Planet uns die notwendigsten Lebensbedingungen bietet, so soll er für

die nächste Zeit unser Aufenthaltsort sein; dann sind wir vorerst

geborgen.«

»Ja,« ergänzte Münchhausen, »und können uns den Kopf zerbrechen, wie wir

es anstellen sollen, den Weg zu unserer armseligen Erde zurückzufinden!

Mich beschleicht wenigstens öfters ein stilles, wehmütiges Heimweh nach

unserem fernen Planeten; aber Gott allein weiß, ob wir ihn jemals

wiedersehen werden! Offen gestanden, mir täte es leid, wenn er uns ewig

entrückt bleiben sollte.«

»Schade wäre es,« gab Schultze zu, »schon deshalb, weil wir das Wissen

der staunenden Menschheit dann nicht durch den Bericht unserer

großartigen Entdeckungen bereichern könnten; auch könnte es dann

Jahrhunderte dauern, bis wieder einer auf unseres Lords großartige

Erfindung käme und der Verkehr zwischen der Erde und den Planeten ihres

Sonnensystems angebahnt würde. Andererseits eilt es mir jedoch durchaus

nicht mit der Heimkehr, denn ich ahne, daß uns noch die wunderbarsten

Entdeckungen bevorstehen.«

»Glauben Sie, daß der Planet, dem wir uns nähern, bewohnt sein könnte?«

fragte Mietje, der es am meisten Freude gemacht hätte, wieder mit Wesen

menschlicher Art zusammenzutreffen und die mit einem Gefühl des Grauens

an den Saturn zurückdachte und nicht minder an den Mars, wo nur

Ungeheuer und widerliche Scheusale eine sonst öde Welt bevölkerten.

»Möglich ist alles,« entgegnete der Professor bestimmt. »Selbst Snyder,

der nur an die allmächtige tote Natur und an die Allweisheit ihrer

Unvernunft glaubt, kann nicht umhin, zu erklären: »Nur ein Tor könnte

glauben, daß im unendlichen Raume die schrankenlos schaffenden Gewalten

des Weltalls zur Bildung einer einzigen bewohnten, von einer Sonne

erleuchteten Welt geführt hätten.« Der große Geometer Lambert ging noch

weiter und sagte, da uns das Mikroskop offenbare, daß auf der Erde alles

bewohnt sei, müsse auch im Weltall alles irgendwie Bewohnbare bewohnt

sein.«

»Ja, das Bewohnbare!« warf Heinz ein: »Das haben wir ja auf dem Mars und

Saturn selber gesehen, obgleich auf ersterem die vernünftigen Wesen

ausgestorben scheinen, auf letzterem noch nicht vorhanden sein dürften.

Aber wir werden doch annehmen müssen, daß auch in den Verhältnissen der

unzähligen Planeten unendliche Verschiedenheit herrscht: auf dem einen

mag unerträgliche Hitze, auf dem andern unmenschliche Kälte das Leben

unmöglich machen; einer kann allzuschroffe klimatische Unterschiede, ein

anderer eine ungünstig beschaffene Atmosphäre haben und was dergleichen

mehr ist.«

»Gewiß! Das geben wir alles zu,« meinte Schultze: »Das alles schließt

aber das Leben nicht aus, nicht einmal das Vorkommen vernünftiger Wesen.

Denken Sie doch daran, wie es schon auf Erden Lebewesen gibt, die

ungeheure Kälte- oder Hitzegrade unbeschädigt zu ertragen vermögen.

Früher war man der Ansicht, das Vorkommen von Lebewesen in größeren

Meerestiefen sei schon infolge des ungeheuren Wasserdrucks unbedingt

ausgeschlossen. Heute weiß man, daß ein sehr mannigfaltiges Leben auf

dem Meeresgrunde herrscht, und daß die Tiefseegeschöpfe eben in

wunderbarer Weise den Bedingungen angepaßt sind, unter denen sich ihr

Leben abspielt. So sagt denn auch der eben genannte Lambert, die

lebenden Wesen auf den verschiedensten Weltkörpern werden eben auch den

dort herrschenden Verhältnissen entsprechend gebaut und eingerichtet

sein, und dagegen läßt sich einfach nichts einwenden.«

»Immerhin hat Lambert eine kühne Phantasie entwickelt,« sagte Flitmore:

»Ich will ja gewiß nichts dawider sagen, auch die kühnsten Phantasien

können mit der Wirklichkeit zusammentreffen. Er scheint sich etwa

gedacht zu haben, daß die Menschen nach dem Tode mit einem Leibe

versehen würden, der ihnen das Fortleben auf andern Weltkörpern

gestatte, und daß sie dann eben dahin kämen, wo der für sie geeignetste

Ort sei. So meinte er zum Beispiel, die Kometen wären der geeignetste

Aufenthaltsort für Astronomen und Jahrhunderte müßten ihnen dort sein

wie uns kurze Stunden.«

»Unrecht kann ich ihm nicht geben,« erwiderte der Professor: »Verdanken

wir es nicht einem Kometen, daß wir bis in die Fixsternwelt vordringen

konnten? Welch ein erhebender Gedanke für einen Sternkundigen, mit einem

Kometen die unergründlichen Tiefen des Welltalls in nie endender Fahrt

zu durchreisen und immer neue Entdeckungen machen zu können, oft aus

nächster Nähe zu schauen, was er auf Erden kaum ahnen konnte!

Gauß wies sogar den Gedanken nicht von der Hand, man könne sich mit den

Mondbewohnern in Verkehr setzen, dadurch, daß man durch die Bodenkultur

auf einer größeren Ebene der Erde die Figur des pythagoräischen

Lehrsatzes darstelle, indem durch breite Streifen hellgelber Kornfelder

schwarze Waldvierecke eingerahmt würden. Ja, man vermutete schon im

Ernst, die Marsbewohner bemühten sich, uns ähnliche Zeichen zu geben.

Nüchterner zeigt sich Klein, wenn er sagt, wahrscheinlich sei nur eine

verhältnismäßig geringe Anzahl von Planeten mit vernünftigen Wesen

bevölkert; da aber die Zahl der Planeten nach Hunderten von Millionen

zählen dürfte, könne dies immerhin eine ganz bedeutende Zahl sein. Er

sagt ferner: >Viele darunter mögen von Wesen bewohnt sein, die uns

selbst in geistiger Beziehung weit überragen. Hier dürfen wir unserer

Phantasie frei die Zügel schießen lassen und überzeugt sein, daß die

Wissenschaft keinerlei Beweis weder für noch gegen die Richtigkeit eines

ihrer Gebilde liefern werde<.«

»Und dabei ist zu berücksichtigen,« schaltete Flitmore ein, »daß Klein

lediglich solche Weltkörper in Betracht zieht, die menschlichen Wesen

wie uns ohne besondere Anpassung die nötigen Lebensbedingungen gewähren

würden.«

»Für uns kommen zunächst auch nur solche in Betracht,« sagte Schultze:

»Jedenfalls können wir zur Zeit keinem Planeten einen Besuch abstatten,

auf dem wir nicht leben und atmen können, und mag er mit noch so

wunderbar angepaßten Lebewesen bevölkert sein, für uns ist es

ausgeschlossen, sie kennen zu lernen, so lange es uns an der notwendigen

Anpassung fehlt.«

»Höchstens von der Sannah aus könnten wir sie beobachten,« meinte Heinz.

»Kein übler Gedanke,« war des Professors beifällige Erwiderung.

»Jedenfalls glaubten viele große Astronomen an die Bewohntheit der

Planeten sogar im irdischen Sonnensystem: Huyghens, Littrow und viele

andere halten sie für sehr wahrscheinlich und heute noch kann nichts

Entscheidendes dagegen vorgebracht werden.«

Anderntags war man dem neuen Planeten so nahe gekommen, daß man schon an

den Schattenflecken und an den Zacken seines Randes die Gebirge erkennen

konnte, die sich teilweise zu ganz ungeheuren Höhen erhoben; weite

blitzende Flächen verrieten die Meere, und gegen Abend nach irdischer

Zeitrechnung entdeckte man die Färbung des bewachsenen Landes und

erschaute spiegelnde Seen und silberglänzende Flußläufe.

Flitmore erkannte die Notwendigkeit, durch zeitweise Unterbrechung des

Zentrifugalstroms die Annäherung, die mit wachsender Geschwindigkeit

erfolgte, zu verzögern.

Er gönnte sich nur kurze Ruhe, während welcher Heinz das Weltschiff

abwechselnd sinken und steigen ließ. Dann löste der Lord den jungen Mann

in seinem Wächteramt ab und übernahm selber die letzten Maßregeln, um

eine sanfte, gefahrlose Landung zu sichern.

Als Flitmore annehmen konnte, daß die Sannah schon ziemlich tief in die

Atmosphäre des Planeten gesunken sei, schaltete er den Fliehstrom ein

und begab sich nach außen. Bei ausgeschaltetem Strom wäre das

Hinausgehen gefährlich gewesen, weil nicht mehr der Mittelpunkt der

Sannah, sondern derjenige des Planeten die Schwerkraft durch seine

Anziehung beeinflußt hätte, und somit ein Absturz vom Weltschiff dem

Unvorsichtigen hätte drohen können.

Als der Lord hinaustrat, stieg die Sannah unter dem Einfluß der

Zentrifugalkraft zunächst noch mit mäßiger Geschwindigkeit empor.

Es war eine köstliche Luft, die da draußen wehte, ja sie schien Flitmore

etwas ganz besonders Einschmeichelndes und Belebendes zu besitzen, wie

keine Luft, die seine Lungen bisher geatmet hatten. Ein

unbeschreibliches Wohlgefühl erfüllte ihn, als er diesen balsamischen

Äther einsog, der von fremden, wunderbar wonnevollen Wohlgerüchen

durchdrungen schien.

Da war kein Zweifel, das war nicht mehr die gewöhnliche Lufthülle der

Sannah, das war eine ganz neue, unbekannte Atmosphäre, der man sich

jedoch ohne alle Bedenken anvertrauen durfte.

Nachdem der Lord dies festgestellt, eilte er wieder zurück, so gerne er

länger draußen geweilt hätte. Es galt jetzt, rasch und umsichtig die

Landung zu vollziehen, dann konnte man ja diesen köstlichen Äther zur

Genüge genießen.

Flitmore weckte Schultze.

»Ich möchte Sie bitten, Herr Professor,« sagte er, »nach den

Klingelzeichen, die ich Ihnen geben werde, den Strom ein- und

auszuschalten; ich will mich in das Antipodenzimmer ins Beobachtungsnetz

begeben, von wo ich die Landschaft unter uns überschauen kann. So kann

ich dafür sorgen, daß wir an einem günstigen Platze landen.«

Als der Lord sich auf seinen Posten begeben hatte, sah er, daß das

Weltschiff über einem Hochgebirge schwebte, dessen Kamm schon so nahe

war, daß man über seine Ränder hinweg die umgebende Landschaft nicht

mehr zu erschauen vermochte: nur in weiten Fernen erblickte man

hügeldurchzogene Ebenen und ausgedehnte Meere, ohne weitere Einzelheiten

erkennen zu können.

Er besann sich, ob er nicht wieder aufsteigen wollte, bis die Rotation

des Planeten ebenes Land unter die Sannah gebracht hätte; doch war es

schließlich nicht einerlei, wo man landete? Und unter ihm lachte ein so

himmlisch entzückender See, umgeben von märchenschönen Ufern in

leuchtender Blütenpracht, daß er dachte, es könne wohl kaum einen

schöneren Fleck geben als eben den, welchen der Schöpfer ihm hier vor

Augen führte.

So gab er denn die Zeichen zum Einschalten der Fliehkraft nur so weit es

notwendig war, um den Absturz zu mildern, und nach wenigen Minuten sank

die Sannah sanft nieder auf eine blumenreiche Aue am Ufer des Sees.

Das Fenster des Antipodenzimmers berührte den Boden; Flitmore konnte

nichts mehr sehen, eine kaum merkbare Erschütterung zeigte die

glattvollzogene Landung an: das Weltschiff hatte festen Fuß gefaßt und

ruhte sicher auf dem fremden Planeten.

Nun begab sich Flitmore hinauf und fand die ganze Gesellschaft ermuntert

und voll Begier, zu schauen, was sich ihr nun offenbaren würde.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 43 / 70 题