Die Sannah stürzte auf Alpha Centauri zu. Je näher sie den beiden Sonnen
kam, desto größer erschienen diese und desto weiter ihr Abstand von
einander.
Auf dem Wege zu ihnen aber befand sich ein weiß leuchtender Stern, den
Schultze durch das Fernrohr als einen dunkeln Planeten erkannte, der im
Lichte seiner beiden Zentralsonnen erstrahlte und Phasen zeigte wie der
Mond. Der Professor berechnete seinen Umfang auf das Doppelte des
Erdumfangs und seine Umdrehungszeit auf 50 Stunden.
»Das soll unser nächstes Ziel sein,« erklärte Flitmore: »Wir haben nach
dieser ungeheuerlichen Reise wohl alle das Bedürfnis, einen Ruhepunkt im
Weltall zu suchen, und wenn wir finden, daß dieser verheißungsvolle
Planet uns die notwendigsten Lebensbedingungen bietet, so soll er für
die nächste Zeit unser Aufenthaltsort sein; dann sind wir vorerst
geborgen.«
»Ja,« ergänzte Münchhausen, »und können uns den Kopf zerbrechen, wie wir
es anstellen sollen, den Weg zu unserer armseligen Erde zurückzufinden!
Mich beschleicht wenigstens öfters ein stilles, wehmütiges Heimweh nach
unserem fernen Planeten; aber Gott allein weiß, ob wir ihn jemals
wiedersehen werden! Offen gestanden, mir täte es leid, wenn er uns ewig
entrückt bleiben sollte.«
»Schade wäre es,« gab Schultze zu, »schon deshalb, weil wir das Wissen
der staunenden Menschheit dann nicht durch den Bericht unserer
großartigen Entdeckungen bereichern könnten; auch könnte es dann
Jahrhunderte dauern, bis wieder einer auf unseres Lords großartige
Erfindung käme und der Verkehr zwischen der Erde und den Planeten ihres
Sonnensystems angebahnt würde. Andererseits eilt es mir jedoch durchaus
nicht mit der Heimkehr, denn ich ahne, daß uns noch die wunderbarsten
Entdeckungen bevorstehen.«
»Glauben Sie, daß der Planet, dem wir uns nähern, bewohnt sein könnte?«
fragte Mietje, der es am meisten Freude gemacht hätte, wieder mit Wesen
menschlicher Art zusammenzutreffen und die mit einem Gefühl des Grauens
an den Saturn zurückdachte und nicht minder an den Mars, wo nur
Ungeheuer und widerliche Scheusale eine sonst öde Welt bevölkerten.
»Möglich ist alles,« entgegnete der Professor bestimmt. »Selbst Snyder,
der nur an die allmächtige tote Natur und an die Allweisheit ihrer
Unvernunft glaubt, kann nicht umhin, zu erklären: »Nur ein Tor könnte
glauben, daß im unendlichen Raume die schrankenlos schaffenden Gewalten
des Weltalls zur Bildung einer einzigen bewohnten, von einer Sonne
erleuchteten Welt geführt hätten.« Der große Geometer Lambert ging noch
weiter und sagte, da uns das Mikroskop offenbare, daß auf der Erde alles
bewohnt sei, müsse auch im Weltall alles irgendwie Bewohnbare bewohnt
sein.«
»Ja, das Bewohnbare!« warf Heinz ein: »Das haben wir ja auf dem Mars und
Saturn selber gesehen, obgleich auf ersterem die vernünftigen Wesen
ausgestorben scheinen, auf letzterem noch nicht vorhanden sein dürften.
Aber wir werden doch annehmen müssen, daß auch in den Verhältnissen der
unzähligen Planeten unendliche Verschiedenheit herrscht: auf dem einen
mag unerträgliche Hitze, auf dem andern unmenschliche Kälte das Leben
unmöglich machen; einer kann allzuschroffe klimatische Unterschiede, ein
anderer eine ungünstig beschaffene Atmosphäre haben und was dergleichen
mehr ist.«
»Gewiß! Das geben wir alles zu,« meinte Schultze: »Das alles schließt
aber das Leben nicht aus, nicht einmal das Vorkommen vernünftiger Wesen.
Denken Sie doch daran, wie es schon auf Erden Lebewesen gibt, die
ungeheure Kälte- oder Hitzegrade unbeschädigt zu ertragen vermögen.
Früher war man der Ansicht, das Vorkommen von Lebewesen in größeren
Meerestiefen sei schon infolge des ungeheuren Wasserdrucks unbedingt
ausgeschlossen. Heute weiß man, daß ein sehr mannigfaltiges Leben auf
dem Meeresgrunde herrscht, und daß die Tiefseegeschöpfe eben in
wunderbarer Weise den Bedingungen angepaßt sind, unter denen sich ihr
Leben abspielt. So sagt denn auch der eben genannte Lambert, die
lebenden Wesen auf den verschiedensten Weltkörpern werden eben auch den
dort herrschenden Verhältnissen entsprechend gebaut und eingerichtet
sein, und dagegen läßt sich einfach nichts einwenden.«
»Immerhin hat Lambert eine kühne Phantasie entwickelt,« sagte Flitmore:
»Ich will ja gewiß nichts dawider sagen, auch die kühnsten Phantasien
können mit der Wirklichkeit zusammentreffen. Er scheint sich etwa
gedacht zu haben, daß die Menschen nach dem Tode mit einem Leibe
versehen würden, der ihnen das Fortleben auf andern Weltkörpern
gestatte, und daß sie dann eben dahin kämen, wo der für sie geeignetste
Ort sei. So meinte er zum Beispiel, die Kometen wären der geeignetste
Aufenthaltsort für Astronomen und Jahrhunderte müßten ihnen dort sein
wie uns kurze Stunden.«
»Unrecht kann ich ihm nicht geben,« erwiderte der Professor: »Verdanken
wir es nicht einem Kometen, daß wir bis in die Fixsternwelt vordringen
konnten? Welch ein erhebender Gedanke für einen Sternkundigen, mit einem
Kometen die unergründlichen Tiefen des Welltalls in nie endender Fahrt
zu durchreisen und immer neue Entdeckungen machen zu können, oft aus
nächster Nähe zu schauen, was er auf Erden kaum ahnen konnte!
Gauß wies sogar den Gedanken nicht von der Hand, man könne sich mit den
Mondbewohnern in Verkehr setzen, dadurch, daß man durch die Bodenkultur
auf einer größeren Ebene der Erde die Figur des pythagoräischen
Lehrsatzes darstelle, indem durch breite Streifen hellgelber Kornfelder
schwarze Waldvierecke eingerahmt würden. Ja, man vermutete schon im
Ernst, die Marsbewohner bemühten sich, uns ähnliche Zeichen zu geben.
Nüchterner zeigt sich Klein, wenn er sagt, wahrscheinlich sei nur eine
verhältnismäßig geringe Anzahl von Planeten mit vernünftigen Wesen
bevölkert; da aber die Zahl der Planeten nach Hunderten von Millionen
zählen dürfte, könne dies immerhin eine ganz bedeutende Zahl sein. Er
sagt ferner: >Viele darunter mögen von Wesen bewohnt sein, die uns
selbst in geistiger Beziehung weit überragen. Hier dürfen wir unserer
Phantasie frei die Zügel schießen lassen und überzeugt sein, daß die
Wissenschaft keinerlei Beweis weder für noch gegen die Richtigkeit eines
ihrer Gebilde liefern werde<.«
»Und dabei ist zu berücksichtigen,« schaltete Flitmore ein, »daß Klein
lediglich solche Weltkörper in Betracht zieht, die menschlichen Wesen
wie uns ohne besondere Anpassung die nötigen Lebensbedingungen gewähren
würden.«
»Für uns kommen zunächst auch nur solche in Betracht,« sagte Schultze:
»Jedenfalls können wir zur Zeit keinem Planeten einen Besuch abstatten,
auf dem wir nicht leben und atmen können, und mag er mit noch so
wunderbar angepaßten Lebewesen bevölkert sein, für uns ist es
ausgeschlossen, sie kennen zu lernen, so lange es uns an der notwendigen
Anpassung fehlt.«
»Höchstens von der Sannah aus könnten wir sie beobachten,« meinte Heinz.
»Kein übler Gedanke,« war des Professors beifällige Erwiderung.
»Jedenfalls glaubten viele große Astronomen an die Bewohntheit der
Planeten sogar im irdischen Sonnensystem: Huyghens, Littrow und viele
andere halten sie für sehr wahrscheinlich und heute noch kann nichts
Entscheidendes dagegen vorgebracht werden.«
Anderntags war man dem neuen Planeten so nahe gekommen, daß man schon an
den Schattenflecken und an den Zacken seines Randes die Gebirge erkennen
konnte, die sich teilweise zu ganz ungeheuren Höhen erhoben; weite
blitzende Flächen verrieten die Meere, und gegen Abend nach irdischer
Zeitrechnung entdeckte man die Färbung des bewachsenen Landes und
erschaute spiegelnde Seen und silberglänzende Flußläufe.
Flitmore erkannte die Notwendigkeit, durch zeitweise Unterbrechung des
Zentrifugalstroms die Annäherung, die mit wachsender Geschwindigkeit
erfolgte, zu verzögern.
Er gönnte sich nur kurze Ruhe, während welcher Heinz das Weltschiff
abwechselnd sinken und steigen ließ. Dann löste der Lord den jungen Mann
in seinem Wächteramt ab und übernahm selber die letzten Maßregeln, um
eine sanfte, gefahrlose Landung zu sichern.
Als Flitmore annehmen konnte, daß die Sannah schon ziemlich tief in die
Atmosphäre des Planeten gesunken sei, schaltete er den Fliehstrom ein
und begab sich nach außen. Bei ausgeschaltetem Strom wäre das
Hinausgehen gefährlich gewesen, weil nicht mehr der Mittelpunkt der
Sannah, sondern derjenige des Planeten die Schwerkraft durch seine
Anziehung beeinflußt hätte, und somit ein Absturz vom Weltschiff dem
Unvorsichtigen hätte drohen können.
Als der Lord hinaustrat, stieg die Sannah unter dem Einfluß der
Zentrifugalkraft zunächst noch mit mäßiger Geschwindigkeit empor.
Es war eine köstliche Luft, die da draußen wehte, ja sie schien Flitmore
etwas ganz besonders Einschmeichelndes und Belebendes zu besitzen, wie
keine Luft, die seine Lungen bisher geatmet hatten. Ein
unbeschreibliches Wohlgefühl erfüllte ihn, als er diesen balsamischen
Äther einsog, der von fremden, wunderbar wonnevollen Wohlgerüchen
durchdrungen schien.
Da war kein Zweifel, das war nicht mehr die gewöhnliche Lufthülle der
Sannah, das war eine ganz neue, unbekannte Atmosphäre, der man sich
jedoch ohne alle Bedenken anvertrauen durfte.
Nachdem der Lord dies festgestellt, eilte er wieder zurück, so gerne er
länger draußen geweilt hätte. Es galt jetzt, rasch und umsichtig die
Landung zu vollziehen, dann konnte man ja diesen köstlichen Äther zur
Genüge genießen.
Flitmore weckte Schultze.
»Ich möchte Sie bitten, Herr Professor,« sagte er, »nach den
Klingelzeichen, die ich Ihnen geben werde, den Strom ein- und
auszuschalten; ich will mich in das Antipodenzimmer ins Beobachtungsnetz
begeben, von wo ich die Landschaft unter uns überschauen kann. So kann
ich dafür sorgen, daß wir an einem günstigen Platze landen.«
Als der Lord sich auf seinen Posten begeben hatte, sah er, daß das
Weltschiff über einem Hochgebirge schwebte, dessen Kamm schon so nahe
war, daß man über seine Ränder hinweg die umgebende Landschaft nicht
mehr zu erschauen vermochte: nur in weiten Fernen erblickte man
hügeldurchzogene Ebenen und ausgedehnte Meere, ohne weitere Einzelheiten
erkennen zu können.
Er besann sich, ob er nicht wieder aufsteigen wollte, bis die Rotation
des Planeten ebenes Land unter die Sannah gebracht hätte; doch war es
schließlich nicht einerlei, wo man landete? Und unter ihm lachte ein so
himmlisch entzückender See, umgeben von märchenschönen Ufern in
leuchtender Blütenpracht, daß er dachte, es könne wohl kaum einen
schöneren Fleck geben als eben den, welchen der Schöpfer ihm hier vor
Augen führte.
So gab er denn die Zeichen zum Einschalten der Fliehkraft nur so weit es
notwendig war, um den Absturz zu mildern, und nach wenigen Minuten sank
die Sannah sanft nieder auf eine blumenreiche Aue am Ufer des Sees.
Das Fenster des Antipodenzimmers berührte den Boden; Flitmore konnte
nichts mehr sehen, eine kaum merkbare Erschütterung zeigte die
glattvollzogene Landung an: das Weltschiff hatte festen Fuß gefaßt und
ruhte sicher auf dem fremden Planeten.
Nun begab sich Flitmore hinauf und fand die ganze Gesellschaft ermuntert
und voll Begier, zu schauen, was sich ihr nun offenbaren würde.