Die frische Luft regte den Appetit mächtig an und Münchhausen war der
erste, der dies bemerkte.
»Wie wäre es,« sagte er, »wenn wir für heute unsern Luftwandel
einstellten und zunächst eine ausgiebige Stärkung zu uns nähmen? Mir
ist, als hätte ich seit acht Tagen nichts gegessen.«
»Unsre Mahlzeiten sind in letzter Zeit allerdings etwas zu kurz
gekommen,« lachte Flitmore; »der Mangel an Lebensluft und Stoffwechsel
ließ keinen rechten Hunger aufkommen.«
»Nicht einmal bei mir,« bestätigte der Kapitän.
»Was viel sagen will!« spottete Schultze.
»Komm, John!« gebot Lady Flitmore: »Eilen wir in die Küche, ein Festmahl
zu bereiten, so rasch wir eines zustande bringen; wir müssen heut unser
aller Geburtstag feiern.«
»Brava!« rief Münchhausen; »brava, Mylady, das ist ein genialer Gedanke.
In der Tat sind wir heute alle zu neuem Leben wiedergeboren.«
Mietje begab sich mit John hinab und die andern folgten.
Während erstere sich in die Küche begaben, blieben letztere im
Zenithzimmer.
»Ich glaube,« sagte hier Flitmore, »ich habe nun auch eine Erklärung
dafür gefunden, warum der Komet Amina uns entführt hat:
Sie wissen, meine Herrn, daß nach meiner Ansicht alle Körper mit
Anziehungskraft und Fliehkraft ausgestattet sind und sich demnach
gleichzeitig anziehen und abstoßen, so daß sie sich einander bis zu der
Entfernung nähern, wo Anziehung und Abstoßung sich ausgleichen und
einander aufheben.
Nun scheint mir in der Kometenmaterie die Fliehkraft zu überwiegen.
Daher kommt es, daß die durch die Sonnennähe aufgelösten Massen dieses
Stoffes mit solcher Wucht von der Sonne abgestoßen werden, daß sie einen
Schweif von vielen Millionen Kilometern bilden.«
»Das würde auch erklären,« fügte Schultze bei, »warum ein Komet, wenn
er, durch die Geschwindigkeit seines Laufes die Zentrifugalkraft bis zu
einem gewissen Grade unwirksam machend, dem Jupiter sehr nahe kommt oder
gar die Korona der Sonne durchsaust, zwar zertrümmert und aufgelöst
werden kann, niemals aber auf diese Weltkörper fällt.«
»Auch das!« stimmte der Lord zu. »Nun aber zieht Fliehkraft die
Fliehkraft an: nur so ist es begreiflich, daß ein Komet seinen
ungeheuren Schweif mit sich führen und späterhin wieder einziehen kann,
während die Weltkörper, die etwa diesen Schweif kreuzen, nichts davon
mitnehmen, eben weil die Fliehkraft in ihm vorherrscht.«
»Aber die Sternschnuppenregen und Meteorsteinfälle?« wandte Heinz ein.
»Tatsächlich werden eben doch Teile eines Kometen oder seines Schweifes
von der Erde angezogen.«
»Gewiß!« gab Flitmore zu: »Wir müssen uns eben vorstellen, daß zwar die
Fliehkraft in den Kometen überwiegt, einzelne Bestandteile aber doch
positiv magnetisch sind: gerade das könnte die lockere Schweifbildung
erklären, da sich dann Bestandteile darin finden würden, die einander
bis zu einem gewissen Grade abstoßen müßten. Jedenfalls wäre klar, warum
der Komet unsre mit Fliehkraft geladene Sannah anziehen und mit sich
fortreißen mußte.«
»Ich begreife,« sagte der Professor: »Und teils die rasende
Geschwindigkeit der Fahrt, teils das Vorhandensein anziehender Elemente
im Schweife verhinderte es, daß wir durch Ausschalten des Stroms
freikommen konnten.«
»So stelle ich es mir allerdings vor,« sagte der Lord. »Nun hat uns der
andre Komet aus dem Anziehungsbereich der Amina fortgerissen, ohne uns
jedoch festhalten zu können, weil die mit einander streitenden Kräfte
unsre Sannah schließlich an die Grenze der Anziehungssphäre beider
Kometen brachten. Und nun werde ich mich beeilen, den Zentrifugalstrom
auszuschalten, damit wir von dem Sonnensystem Alpha Centauri angezogen
werden und, wenn wir einen günstigen Planeten entdecken, dort landen
können.«
Da dies allgemein für das Beste gehalten wurde, stellte Flitmore alsbald
die Fliehkraft ab.
Dem Festmahl, das nun aufgetragen wurde, sprachen alle wacker zu und es
entwickelte sich eine behagliche und heitere Stimmung, die nach den
ausgestandenen Leiden und Todesängsten doppelt erquickte.
Dann ergab man sich einem köstlichen Schlaf, wie man ihn schon lange
nicht mehr genossen hatte.
Als unsre Freunde am andern Morgen im Zenithzimmer zum Frühstück sich
vereinigten, flutete heller Sonnenschein durchs Fenster, ein Wunder, das
mit größter Überraschung und einem wahren Jubelausbruch begrüßt wurde;
denn seit dem Verlassen des irdischen Sonnensystems war das blasse Licht
des Kometen und der Schein der elektrischen Glühbirnen der Sannah das
einzige Licht gewesen, das man gekannt.
Sofort nach beendigtem Mahl eilten alle ins Freie, um das neue
Schauspiel zu genießen.
Die Oberfläche der Sannah strahlte im hellsten Sonnenglanz. Ihre
Flintglasbekleidung verhinderte jedoch eine allzugroße Erhitzung. Es war
wie der plötzliche Einzug warmen, sonnigen Frühlings nach langer,
frostiger Winternacht!
»Da sind ja sozusagen zwei Sonnen!« rief John aufs höchste überrascht,
»wenn ich mir erlauben darf, mich nicht wesentlich zu täuschen, was
nicht der Fall sein dürfte.«
Alle sahen empor nach den blendenden Tagesgestirnen, die allerdings zu
zweit, anscheinend dicht neben einander am Himmel leuchteten.
So merkwürdig dies aussah, lange konnte man nicht hinblicken: die Augen
hielten den Glanz nicht aus.
»Das stimmt,« sagte Schultze: »Alpha Centauri ist ein Doppelstern.« Und
alsbald hielt er einen Vortrag über Doppelsterne, der hier ganz am
Platze war.
»Das Vorhandensein solcher Doppelsterne,« sagte er, »ist erst seit
einigen Jahrzehnten bekannt. Allerdings hatte das Fernrohr den
Astronomen schon lange enthüllt, daß da, wo man mit bloßem Auge einen
einzigen Stern zu sehen vermeint, in Wirklichkeit zwei oder gar mehrere
sein können, und der neblige Schimmer der Milchstraße löste sich unter
dem Teleskop in dichte Massen zahlloser Sterne auf, so daß Herschel
anfangs vermutete, alle Sternnebel müßten sich in genügend starken
Instrumenten als solche Sternenhäufungen erweisen. Aber alle diese
Sterne erscheinen nur wegen ihrer perspektivischen Lage und unendlichen
Entfernung einander so nahe zu sein, daß sie für das bloße Auge zu einem
zusammenhängenden Gebilde werden. In Wirklichkeit sind sie durch
Himmelweiten von einander getrennt und sind durchaus nicht das, was man
Doppelsterne und mehrfache Systeme nennt.
Die wirklichen Doppelsterne sind zwei Sonnen eines Sonnensystems, deren
eine die andere umkreist. Bessel war der erste, der im Jahre 1847
verkündigte, Sirius im großen Hunde, sowie Procyon im kleinen Hunde
müßten dunkle Begleiter haben.
Zwanzig Jahre später wurde der Begleiter des Sirius, den Bessel durch
bloße Berechnung erraten hatte, von Alvon Clark entdeckt. Er schien halb
so groß wie Sirius, also 12 bis 15 mal so groß wie unsere Sonne, aber
10000mal lichtschwächer, immerhin noch selbstleuchtend, sonst wäre er
unsichtbar geblieben. Seine Entfernung von Sirius ist gleich der des
Uranus von unserer Sonne.
Bessel hatte aus den ganz eigentümlichen Bewegungen des Sirius die
Umlaufzeit seines Begleiters auf 50 Jahre berechnet; sie wurde denn auch
neuerdings mit 50,38 Jahren bestimmt.
Die Doppelsterne« umkreisen einander meist in sehr langgestreckten
Ellipsen. Die Umlaufzeit der Doppelsterne, die durch die sichtbare
Veränderung ihrer Lage bestimmt werden konnte, beträgt im Mindestmaß 5,7
Jahre. Doppelsterne mit noch kürzerer Umlaufzeit stehen einander zu
nahe, um auch mit den besten Teleskopen noch getrennt gesehen werden zu
können.
Hier hat uns denn das Spektroskop neue Enthüllungen gebracht; man sah in
den Spektren einiger Sterne periodische Doppellinien auftreten, die mit
Sicherheit offenbarten, daß uns hier zwei Körper Licht sandten, von
denen sich einer auf uns zu, der andere von uns weg bewegte. Aus der
Verschiebung dieser Linien konnte man die Umlaufszeit nach
Sekundenkilometern berechnen, selbst ohne die Entfernung der
betreffenden Himmelskörper zu kennen.
Alle spektroskopisch entdeckten Doppelsterne haben sehr kurze
Umlaufzeiten von einem Tag bis zu 3 Jahren.
So wurde der Polarstern als Doppelstern mit viertägiger Periode und bloß
3 Kilometer Sekundengeschwindigkeit erkannt, sein Begleiter muß ihm also
äußerst nahe sein.
Man hat Tausende solcher Doppelsterne entdeckt und kann getrost sagen,
sie scheinen die Regel zu bilden und ein Sonnensystem, wie das irdische,
mit einer einfachen Sonne, ist eine Ausnahme. Diese Sterne gehören
sozusagen dem Algoltypus an, oder wie Freund John sagt, dem
Alkoholtyphus, nur daß ihre Begleiter nicht dunkel sind, sondern
selbstleuchtende Sonnen, manche allerdings schon im Erlöschen begriffen,
wie bei Sirius.
Es gibt aber nicht bloß Doppelsterne, sondern auch vielfache Systeme,
wie auch schon die Nebelflecke ein bis vier Zentralkerne aufweisen. Man
hat bis zu neunfachen Systemen entdeckt und wenn diese mehrfachen
Systeme verhältnismäßig selten erscheinen, so können sie
nichtsdestoweniger sehr zahlreich sein, da die kleineren Sonnen, so
leuchtend sie sein mögen, uns in solcher Entfernung nicht mehr sichtbar
werden können.
Ein dreifacher Stern, Gamma in der Andromeda, ist ein funkelnder
Edelstein, der zu den herrlichsten des Himmels gehört. Schon kleine
Fernrohre offenbaren uns seine ganze Schönheit: sein Hauptstern leuchtet
in goldgelbem Lichte wie ein Topas, sein Nebenstern, der wieder doppelt
ist, strahlt in wundervollem blauem Glanz, ein blitzender Saphir.
Auch das Spektroskop hat uns solche vielfache Systeme enthüllt: man
findet, daß periodisch sich verdoppelnde Linien sich in weiteren
Perioden nochmals spalten und so vierfache Systeme verraten.
Was nun die Doppelsonne anbelangt, die wir hier vor Augen haben, so
scheinen uns die beiden Gestirne von hier aus recht nahe bei einander;
in Wirklichkeit sind sie 25mal weiter von einander entfernt als unsere
Erde von ihrer Sonne, also beinahe so weit als unser äußerster Planet
Neptun von der Erde entfernt ist, da er 29 Sonnenentfernungen von dieser
hat.
Während Neptun sich in 165 Jahren um die Sonne bewegt, braucht die
Nebensonne unseres Alpha Centauri 81 Jahre, um ihr Zentralgestirn zu
umkreisen, welches etwa die doppelte Größe der irdischen Sonne hat.«
»Und nun,« sagte Flitmore, »möge dieses Doppelsonnensystem der
Fixsternwelt uns seine Gotteswunder offenbaren!«
[Illustration: Im Hochtale Edens.]