Schultze, der der Öffnung ganz nahe stand, spürte einen frischen Luftzug
hereinwehen!
Obgleich sich da selbstverständlich alle und jede Wissenschaft aufhörte,
sprach er doch kein Wort, sondern sperrte Mund und Nase auf, um die
köstliche, belebende Luft in seine Lungen aufzunehmen.
»Nein! Herrscht bei Ihnen eine abscheuliche Stickluft,« rief John
herein, indem er den Kopf in die Lucke steckte: »Kommen Sie doch schnell
alle heraus.«
»Kannst du denn schnaufen im luftleeren Raum?« rief der Kapitän von
unten: er war empört, denn es schien ihm, als treibe der Diener einen
höchst unangebrachten Scherz mit ihnen. Vielleicht hatte er den Verstand
verloren, der arme John! Oder war er schon ein Verstorbener, ein Geist,
der keiner Luft bedarf? Münchhausen jedenfalls brauchte noch Luft zum
Leben, das spürte er nur zu sehr!
John aber rief herab: »Es herrschen ja sozusagen die herrlichsten
atemsphärischen Verhältnisse hier draußen! Wirklich, werter Herr
Kapitän, eine köstliche Atemsphäre, und das Merkwürdigste ist, man fällt
gar nicht herunter von der Sannah: ich bin vom Nordpolfenster bis hier
heraufgestiegen, wie ich der Meinung nach gesagt haben würde, aber in
Wirklichkeit konnte ich von einer Steigung nichts verspüren: überall war
ich oben und wenn ich dann meinte, ich müsse mit größter Vorsichtigkeit
an der Rampe hinunterklettern, weil es überall rund hinunter ging, so
war das auch wieder gar nicht so und keinerlei Redensart von einem
vorhandenen Abstieg, sondern immer nur oben. Die Affen springen um die
ganze Sannah rings herum, daß man meint, jetzt fallen sie, jetzt stürzen
sie ganz ins Weite; aber sie bleiben unentwegtermaßen in vollster
Aufrichtigkeit ihrer leiblichen Haltung.«
Den letzten Teil seiner sprudelnden Rede hielt John an Professor
Schultze hin, der inzwischen hinausgeklettert war und nur atmete,
atmete.
Jetzt nahm er endlich das Wort: »Daß man um die ganze Sannahkugel
herumlaufen kann, ohne in den Weltraum zu fallen, das hat seine
Richtigkeit und selbstverständlich befinden wir uns an ihrer Oberfläche
überall oben. Aber daß im luftleeren Weltraum eine so tadellose Luft
vorhanden ist, das kann absolut nicht stimmen und geht nicht mit rechten
Dingen zu: Da hört sich ja einfach alle Wissenschaft auf!«
Nun war es heraus!
Jetzt aber wandte er sich zurück und rief in die Stube hinab:
»Was wollt Ihr denn dort unten noch länger mit der Atemnot kämpfen?
Macht, daß ihr herauskommt: tatsächlich ist hier draußen eine Luft, die
lebendig und gesund macht! Es ist zwar selbstverständlich ein
unmöglicher Umstand und die reinste Torheit, es zu glauben, aber ich
versichere euch, es ist doch so, tatsächlich so!«
Unterdessen hatte der frische Luftzug von oben seinen Weg nach unten
gemacht und war auch Flitmore, Heinz und Münchhausen in die Nasen
gedrungen.
Da raffte sich der Kapitän auf und bewegte seine Leibesmasse
schwerfällig empor, um die köstliche Atmosphäre aus erster Hand zu
genießen.
Als er mit Kopf und Brust aus der Lucke emporgetaucht war, blieb er
atemlos stehen und stützte sich mit den Armen auf den Türrahmen. Und
jetzt atmete und pustete er wie eine Dampfmaschine.
»He!« mahnte Schultze: »Machen Sie, daß Sie vollends herauskommen!«
Münchhausen schüttelte den Kopf: »Muten Sie mir keine übermenschlichen
Anstrengungen zu. Hier will ich verschnaufen. Ah, herrlich, köstlich!«
»Aber Mensch! Wenn Sie mit Ihrem Bauch die ganze Lucke verstopfen,
müssen ja die dort unten elendiglich umkommen! Haben Sie denn gar kein
Mitleid mit Ihren Nebenmenschen?«
»Ja so!« stammelte der Kapitän beschämt: »Da dachte ich ja gar nicht
daran vor lauter Lebensluft, die mir zuströmt.« Und nun krabbelte er
vollends heraus.
Jetzt kamen der Lord und Heinz nach, die Mietje an die freie Luft
emportrugen.
Die Lady war noch immer ohnmächtig, als sie aber draußen in die
sauerstoff- und ozonreiche Luft gebettet wurde, kam sie bald zu sich und
fühlte sich nach kurzer Zeit so gekräftigt, daß sie sich zu erheben
vermochte.
Nun wurde ein Spaziergang rings um das Weltschiff gemacht, ein
köstlicher Spaziergang! Dabei wurden sämtliche irgend vorhandenen Lucken
geöffnet, um die verdorbene Luft entweichen und die frische Atmosphäre
einströmen zu lassen.
»Und sagen, daß wir um ein Haar allesamt elend erstickt wären, da uns
die Lebensluft doch rings umgab!« sagte Münchhausen. »Gestorben wären
wir, nur weil wir nicht wußten, daß es eigentlich gar keine Not hatte!
Hätte John nicht zufällig, oder besser durch göttliche Fügung, den Gang
ins Freie angetreten, unsre Unwissenheit hätte uns das Leben gekostet.«
»Es ist aber auch rein unerklärlich, wie wir in einen mit Luft erfüllten
Winkel des Weltraums geraten konnten,« meinte der Professor. »Es war
gewiß niemand zuzumuten, daß er auf diesen himmelfern liegenden Gedanken
käme.«
»Doch!« widersprach Flitmore nachdenklich: »Eigentlich hätte ich daran
denken, ja es bestimmt wissen sollen. Sie haben da wieder ein Beispiel
dafür, Professor, wie wir Menschen, die wir uns so gar gescheit dünken,
mit Blindheit geschlagen sind, und oft nicht einmal die nächstliegenden
vernünftigen Folgerungen zu ziehen vermögen aus dem, was wir bereits
erkannten.«
»Wieso denn?«
»Nun, ich setzte Ihnen doch auseinander, daß meiner Ansicht nach der
Stoff, der den Weltraum erfüllt, nichts andres sein kann als verdünnte
Luft und daß jeder Planet oder vielmehr jeder rotierende Körper durch
eine Umdrehung und Anziehungskraft die Luft um sich her verdichtet und
sich so mit einer Lufthülle umgeben muß.
Welcher Schluß lag nun näher, als daß dies auch bei unsrer Sannah der
Fall sein müsse? Warum sollte sie sich nicht auch mit einer Atmosphäre
umgeben, die sie aus dem Weltraum an sich riß?«
»Nein!« rief Schultze, sich an die Stirn schlagend: »Solch ein alter
Esel, wie ich bin! Und solch einen Menschen tituliert man Professor! Die
Sache ist ja sonnenklar! Bei unsern Landungen merkten wir natürlich
nichts davon, weil wir die Sannah erst verließen, wenn sie sich in der
Atmosphäre eines Weltkörpers befand. Aber hätten wir in der Zwischenzeit
nur auch ein einzigesmal eine Lucke ein klein wenig geöffnet, so wäre
uns frische Luft entgegengeströmt!«
»Natürlich,« sagte der Lord wieder, »das wagten wir nicht, daran dachten
wir überhaupt nicht, weil wir stets im Wahne befangen waren, dort außen
gebe es keine Luft, die wir atmen könnten, vielmehr umlaure uns Tod und
Verderben und lediglich der luftdichte Abschluß aller Lucken, der das
Entweichen der Innenluft verhindre, schütze uns vor dem Erstickungstod.«
»Ich konnte das ja natürlich nicht ahnen,« sagte Münchhausen, »aber daß
unser Lord und vor allem Sie, allerweisester unter den Professoren,
nicht so weit dachten, das ist eine Schmach für die ganze Menschheit.
Was? Da halten Sie uns eingeschlossen wie in einem Bergwerk oder in
einem Unterseeboot, bis wir beinahe erstickt sind, statt zu sagen: Na,
Kinder! Machen wir die Pforten auf, spazieren wir hinaus, ein wenig
frische Luft schöpfen? Heinrich Schultze, Sie reden immer vom Aufhören
aller Wissenschaft, wenn Sie nur erst einmal des Wissens Anfänge inne
hätten!«
»Wenn ich mir erlauben darf, richtig verstanden zu haben«, mischte sich
John jetzt in die Unterhaltung, »so schiene mir aus Ihren respekttiefen
Reden ersichtlich zu sein, als ob diese Luft auch sonst früher vorhanden
gewesen sein müßte.«
»Gewiß,« sagte Flitmore, »seit unsrer Abfahrt von der Erde besitzt unsre
Sannah eine regelrechte Atmosphäre, die sich unaufhörlich aus dem
Raumstoff ergänzt und erneuert.«
»Ah!« rief Lady Flitmore: »Da hätten wir ja schon öfters solche
prächtige Spaziergänge im Freien machen können. Schade, daß wir's nicht
wußten; aber jetzt wollen wir's nicht wieder versäumen.«
»Nein, meine Liebe,« sagte der Lord. »Vor allem aber wollen wir Gott
danken, daß er uns das, was uns zuvor nur als eine Annehmlichkeit
erschienen wäre, im Augenblick der äußersten Not erkennen lehrte, da es
unser aller Leben rettete!«
Entzückend war der Wandel im Freien wahrhaftig zu nennen; nicht nur
wegen der gesunden Luft, die begreiflicherweise anfangs allen das
Wichtigste war, sondern auch wegen der wechselnden Aussicht, die man auf
den Sternhimmel genoß.
Die Oberfläche der Kugel mit ihren etwas mehr als 63½ Ar bot Raum genug,
sich zu ergehen; der Umfang von 141,3 Metern gestattete, in zwei Minuten
die ganze Sannah in beliebiger Richtung völlig zu umwandeln.
So konnte man den gesamten Sternhimmel bewundern.
Am nächsten standen der Sannah noch die beiden Kometen; doch schien es,
als ob beide sich nach entgegengesetzten Richtungen hin von ihr
entfernten: somit wäre das Weltschiff aus der gezwungenen Gefolgschaft
der Amina befreit worden, offenbar dadurch, daß der neue Komet die
Sannah ebenfalls angezogen hatte, ohne sie jedoch ganz mit sich
fortreißen zu können, da die Anziehungskraft des ersten sie noch
genügend zurückhielt.
Die meisten Sternbilder am nördlichen und südlichen Himmel erschienen
durchaus nicht viel anders, als von der Erde aus gesehen; die Entfernung
dieser Gestirne war so groß, daß die 3½ Lichtjahre, die man ihnen näher,
bezw. ferner gekommen war, gar nicht in Betracht kamen.
Diejenigen Sternbilder jedoch, denen man sich wesentlich genähert hatte,
(das heißt eigentlich nur einzelnen ihrer Sterne), erschienen ziemlich
verändert oder stark verschoben.
Man befand sich hier im Reiche der Fixsterne, und doch eigentlich wieder
nur in der Nähe eines fremden Sonnensystems, von dem die Fixsternwelt
ebenso fern schien wie von der Erde aus.
Schultze gab dieser Beobachtung folgendermaßen Ausdruck:
»Wir sind dem Sonnensystem Alpha Centauri ganz nahe und doch weit
entfernt, etwa im Sternbild des Centauren uns zu befinden, wie es sich
der Erde darstellt; denn die andern Sterne dieses Sternbildes sind uns
meist himmelfern und scheinen von hier aus auch einer abgelegenen
Fixsternwelt anzugehören.«
»Von der Erde aus betrachtet, sind wir hier unter den Fixsternen; von
hier aus betrachtet aber sind uns die Fixsterne ebenso entlegen wie der
Erde, wogegen uns die irdische Sonne einen Bestandteil des
Fixsternhimmels auszumachen scheint.«