»Gott sei uns gnädig! Was war das?« schrie Lady Flitmore.
»Wenn nur kein Unglück die andern betroffen hat!« rief Heinz.
Und so schnell ihre schwachen Kräfte es ihnen erlaubten, eilten sie
zurück in das Zenithzimmer.
»Was ist geschehen?« rief ihnen hier Münchhausen entgegen.
»Das wollten wir Sie fragen,« gab Heinz zurück.
»Wo ist mein Gatte?« forschte Mietje besorgt.
»Da kommt er!« sagte Schultze aufatmend.
Der Lord trat ein. Todesblässe bedeckte sein Antlitz.
»Gottlob! Dir ist nichts passiert!« rief die Lady, alles andre
vergessend.
»Wir wollen uns auf unser Ende vorbereiten,« erwiderte Flitmore dumpf:
»Es ist keine Hoffnung mehr für uns, mit dem Leben davonzukommen, die
nächsten Stunden bringen den Tod.«
»Kein Sauerstoff mehr da?« fragte der Kapitän.
»Ein großes Meteor hat die Sannah gestreift und ihre Umhüllung
zertrümmert und zwar mußte es gerade unsre letzte Sauerstoffkammer sein,
deren Decke durchlöchert wurde. Natürlich ist alles in den leeren Raum
entwichen. Als ich die Ventile öffnen wollte, erfolgte gerade der Krach.
Ich ahnte, was geschehen und blickte durch das Seitenwandfenster in den
Raum, der durch das Licht des Kometen erhellt wurde, das durch die
zertrümmerte Decke eindringt.«
Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich aller. Nur John
entfernte sich stillschweigend. Er wußte eigentlich selber nicht, warum;
doch gedachte er, sich den Schaden zu besehen und einen Rundgang durch
das Weltschiff zu machen, um festzustellen, ob sonst alles in Ordnung
sei.
In Ordnung! Ja, wenn nur Luft dagewesen wäre! Es war eine mühsame
Wanderung durch die sauerstoffleeren Räume und oft drohten dem Diener
die Kräfte zu versagen; doch heldenmütig schleppte er sich weiter.
Im Nordpolzimmer sah er die beiden Schimpansen sterbend am Boden liegen.
Sie dauerten ihn.
Er richtete die treuen Tiere auf, die sich krampfhaft an ihn
festklammerten.
»Ihr sollt nicht so lange leiden müssen,« sagte er: »Wir wollen alle
drei hinaussteigen, wo gar keine Luft ist, dann sind wir gleich tot!«
Gleichzeitig begab er sich zur Lucke, um sich mit den Affen in den
leeren Raum zu stürzen, denn er war der Meinung, sie würden hinabfallen;
die Anziehungskraft des Mittelpunktes der Sannah, die ihn an der
Oberfläche der Umhüllung festhalten würde, hatte er nicht begriffen.
Es waren durchaus keine Selbstmordgedanken, die John zu diesem
anscheinend so verzweifelten Schritte trieben; klare Gedanken vermochte
er überhaupt nicht mehr zu fassen, da das Blut dumpf in seinen Schläfen
hämmerte, seine Lunge keuchte und röchelte, und seine Kiefer umsonst
nach Luft schnappten. Ein dunkler Nebel umfing seine Sinne. Aber der
gleiche Gedanke, der Mietje bewogen hatte, sich opfern zu wollen,
dämmerte auch im Hintergrunde von Johns Seele, als er zur Lucke
hinaufkletterte: er wollte von dem letzten Restchen Luft seinem Herrn
nichts mehr wegatmen. Und dann war es noch das Mitleid mit Dick und
Bobs, die ein rasches Ende finden sollten.
Unterdessen sahen die andern im Zenithzimmer einem langsamen,
schrecklichen Ende entgegen. Immerhin konnte es nicht lange mehr dauern,
so würde eine wohltätige Bewußtlosigkeit eintreten und ihnen das Gefühl
der letzten Qualen ersparen.
Lord Flitmore war gefaßt und in den göttlichen Willen ergeben.
Heinz und Mietje zeigten sich ebenfalls ruhig: schwer wurde ihnen nur,
daß sie sich nicht für die andern opfern konnten, das hatte jetzt keinen
Zweck mehr.
Der Kapitän war der Unruhigste: ihm paßte das Ersticken durchaus nicht
und er sehnte sich nach einer frischen Seebrise. So murmelte er denn hie
und da etwas vor sich hin, das nicht danach klang, als habe er mit der
schnöden Welt bereits abgeschlossen. Doch er war kein Hasenfuß und kein
Zweifler; gewiß fand er sich auch noch in sein Schicksal, er mußte nur
zuvor noch einiges überwinden.
Im Stillen bewunderte er Professor Schultze: der schien auf einmal alles
vergessen zu haben und so schwer auch er mit dem Luftmangel kämpfte,
in den letzten Viertelstunden seines Lebens noch ganz von
wissenschaftlichem Eifer beseelt zu sein.
Der Zusammenstoß hatte seine Wißbegierde erregt und er forschte
angestrengt nach dessen Gründen.
»Es ist klar,« sagte er endlich mit schwacher Stimme: »Ein neuer Komet
ist die Ursache des Verhängnisses, dieser neue Komet ist durch den
Schweif der Amina gefahren und ein fester Bestandteil seines eignen
Schweifes hat unsre Sannah getroffen.
Auch sind wir vom Kopfe unsres Kometen viel weiter entfernt als bisher:
es scheint zwischen den beiden Haarsternen ein heftiger Kampf um unsre
Wenigkeit entbrannt zu sein: der neue Komet will uns mit sich
fortreißen, die Amina will uns nicht freigeben! Es wäre wirklich
interessant, zu erleben, welcher von beiden es gewinnt: kommt die Sannah
los vom Kometen Amina, so führt sie der andre Komet wahrscheinlich
zurück nach unserm irdischen Sonnensystem.«
»Wirklich hochinteressant,« sagte der Kapitän spottend. »Nur schade, daß
wir das Ende des Kampfes nicht erleben und daß die Rückfahrt in unser
Sonnensystem uns ziemlich einerlei sein kann; denn was kümmert's uns, wo
unser großer Sarg landet. Ja, wenn Sie uns verkünden könnten, daß irgend
in der Nähe ein Hoffnungsstern uns leuchtet, daß wir innerhalb einer
halben Stunde irgendwo landen können, das ließe ich mir gefallen, da
hätten Ihre Beobachtungen doch einen vernünftigen Zweck.«
In abgebrochenen Sätzen, oft unterbrochen durch das vergebliche Suchen
nach mehr Luft, hatte Münchhausen diese Rede hervorgestoßen. Schultze
aber erwiderte etwas kleinlaut:
»In letzterer Beziehung allerdings sieht es schlimm aus: Alpha Centauri
ist uns zwar verhältnismäßig sehr nahe gekommen, es lassen sich sogar
schon leuchtende Trabanten seines Sonnensystems unterscheiden; doch
einige Tage brauchten wir noch mindestens, um einen davon zu erreichen,
selbst wenn wir nicht jetzt auch noch dadurch aufgehalten würden, daß
zwei Kometen sich um uns balgen.«
»Also aussichtslos!« brummte Münchhausen; und nun ward es wieder stille
im Zimmer. Man hörte nur noch Stöhnen und Röcheln.
Flitmore beugte sich über seine Gattin. Sie hatte das Bewußtsein
verloren und würde es wohl auch nicht wieder erlangen. Es wäre zwecklos
und grausam gewesen, sie wieder zur Besinnung zurückrufen zu wollen.
Heinz schaute mit erlöschenden Blicken umher; er vermißte John: »Rieger
fehlt!« hauchte er.
Niemand erwiderte hierauf etwas.
Schultze blickte immer noch zum Fenster hinaus.
Plötzlich verdunkelte sich dieses; ein Schatten fiel darauf und nun
wurde der Professor auf einmal lebendig, durch das höchste Erstaunen
aufgeregt.
»Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!« keuchte er: »Da steht ja
John Rieger, die treue Dienerseele! Mitten im luftleeren Raum! Ja, er
lebt noch, er bewegt sich, er scheint ganz munter! Das ist ja die
reinste Unmöglichkeit.«
Inzwischen war John außen auf die dicke Scheibe niedergekniet, winkte
und klopfte aus Leibeskräften.
»Er tut ganz verzweifelt! Natürlich, er hält es keine Minute mehr aus
ohne Luft. Wie er aber auch da hinauskommt und warum?« machte Schultze
kopfschüttelnd weiter. »Soll ich ihn einlassen?«
»Natürlich!« sagte Flitmore.
»Meinetwegen!« stimmte der Kapitän bei: »Obgleich uns die letzte Luft
entweichen wird, wenn wir die Lucke öffnen.«
»Da ist ja auch Bobs! Nein, der tanzt ja ordentlich und schlägt
Purzelbäume!« rief Heinz verwundert, während der Professor sich
anschickte, eiligst die Lucke zu öffnen, um John einzulassen, den er im
Todeskampfe wähnte.
Doch noch ehe Schultze geöffnet, hatte Rieger sich besonnen, daß ja die
Türen auch von außen aufgemacht werden konnten.
Es eilte ihm offenbar ungeheuer und er konnte es nicht abwarten, bis die
da drinnen ihm den Zugang frei legten; er drückte auf den Knopf und
langsam drehte sich die dicke Metallplatte in ihren Scharnieren.
Nun mußte die Luft vollends in den leeren Raum entweichen, aber was
machte das schließlich aus, sie war ja Gift und ein rasches Ende konnte
nur willkommener sein als ein langwieriger Todeskampf.
Aber da geschah ein Wunder!