33. Ohne Luft!

Fünf Monate dauerte schon die unheimliche Reise der Sannah mit dem

Kometen und noch war Alpha Centauri so weit entfernt, daß sich nicht

sagen ließ, wann man in seine Nähe kommen werde. Nun wurde öfters des

Lords Nährmaschine in Tätigkeit gesetzt, damit die zusammenschmelzenden

Lebensmittelvorräte gespart werden konnten. Sie lieferte denn auch eine

sehr nahrhafte, stärkende und auch schmackhafte Kost, die freilich auf

die Dauer die natürlich entstandenen Nahrungsmittel nicht vollwertig

hätte ersetzen können.

»Leider erweist sich Ihre Vermutung über die Geschwindigkeit Aminas als

unrichtig,« sagte Flitmore eines Tages zu Schultze.

»In der Tat,« erwiderte der Professor, »ich habe sie bedeutend

überschätzt. Wenn man keine sichern Unterlagen für eine Berechnung

besitzt, kann man sich leicht um das zehn- und hundertfache verrechnen

bei solch fabelhaften Zahlen.«

»Ein schlechter Trost,« seufzte der Lord; »was aber noch bedenklicher

ist, auch ich habe zu optimistisch gerechnet, wenn ich glaubte, meine

Sauerstoffvorräte würden elf Monate ausreichen: wir sind nicht viel mehr

als halb so lange unterwegs, und bis auf eine kleine Kammer sind schon

alle geleert; Ozon haben wir überhaupt keines mehr.«

»Wie lange kann uns die Luft noch reichen?« fragte Münchhausen.

Der Lord zuckte die Achseln: »Bei äußerster Sparsamkeit, und zwar bei

alleräußerster, drei Wochen; dann ist es aus mit uns.«

»Sparen wir!« sagte der Kapitän trocken.

»Das werden wir tun; aber es wird eine böse Zeit werden und wer weiß, ob

es uns etwas hilft!«

Von jetzt ab wurde der geringe Rest an Sauerstoff so ängstlich zu Rate

gehalten, daß die Luft in der Sannah für die Lungen kaum noch brauchbar

war.

Die Folgen zeigten sich auch bald bei allen: an mehr als die

notwendigste Tätigkeit war nicht mehr zu denken, da eine furchtbare

Mattigkeit und Erschlaffung sich der Ärmsten bemächtigte. Röchelnd und

nach Luft schnappend lagen sie umher und überließen sich so viel als

möglich der bleiernen Schläfrigkeit, die sie gefangen hielt; denn im

Schlaf verbrauchten sie am wenigsten von der kostbaren Luft.

Je mehr sich der Hunger nach Luft steigerte, desto weniger wollte ihnen

Essen und Trinken mehr schmecken. Bleich und eingefallen, Gespenstern

gleich, schlichen sie durch die Räume, wenn sie sich vom Lager erhoben,

suchend, ob nicht irgendwo bessere Luft zu finden sei; aber sie war

überall verbraucht und vergiftet.

Nicht mehr von Tag zu Tag, nein, von Stunde zu Stunde steigerten sich

jetzt die Qualen, und die Wächter hatten die schwere Pflicht, mit

äußerster Willensanspannung den Schlaf zu überwinden, um die

erstickenden Genossen rechtzeitig wecken zu können: sonst wäre

schließlich niemand mehr aufgewacht!

»Erfinden Sie etwas, um künstlichen Sauerstoff herzustellen oder um die

verbrauchte Luft wieder für die Atmung tauglich zu machen,« keuchte der

Kapitän: »Mit mir geht's zu Ende, Lord!«

Flitmore lächelte schwach und wehmütig und sah nach Mietje, die mit

geschlossenen Augen krampfhaft zuckend im Sessel lehnte. »Ja, wenn ich

das zu erfinden vermöchte! Hilft uns Gott nicht, so sind wir alle

verloren. Aber _bald_ muß die Hilfe kommen: ich habe ja berechnet, daß

uns der Sauerstoff bei dem gegenwärtigen Verbrauch noch vier Tage

reichen kann; aber ich sehe ein, so geht es nicht weiter, wir brauchen

unbedingt bessere Luft, es ist die höchste Zeit. Und so muß die

Sparsamkeit ein Ende haben; ich bin entschlossen, den ganzen Rest unsres

Vorrats auf die nächsten 24 Stunden zu verteilen. Dann leben wir noch

einmal auf, ein letztesmal. Was dann weiter kommt, steht in des

Allmächtigen Hand!«

Mit diesen Worten schlich sich der Lord weg, um die Ventile zu öffnen,

die den gepreßten Sauerstoff in das einzige noch bewohnte Zimmer strömen

lassen sollten.

Die Lady erhob sich wie im Traum und verließ mühsam das Gemach.

Heinz, dem nichts Gutes ahnte, folgte ihr. Er fand sie in einer Stube,

in der die beiden Schimpansen erstickend am Boden lagen: man hatte die

Affen, so leid es einem tat, entfernen müssen, daß sie nicht auch noch

halfen, ihren menschlichen Leidensgefährten das letzte bißchen Luft

wegzuatmen.

»Was haben Sie im Sinn?« fragte Heinz die Lady.

Diese sah ihn müde an: »Was liegt an mir? Es kommt vor allem darauf an,

die Männer am Leben zu erhalten, bis Gott ihnen Rettung sendet. Ich will

ihnen nicht die letzten Aussichten nehmen.«

»Sie wollen hier ersticken?« rief Heinz entsetzt.

»Hier oder dort, das ist doch einerlei,« sagte die Lady lächelnd.

»Aber hier ist es in einer Stunde aus mit Ihnen; dort können Sie noch 24

Stunden aushalten, und zwar in verhältnismäßig guter Luft, da der Lord

die Luft gründlich verbessern will.«

»Gehen Sie, vielleicht wird dadurch Ihr Leben verlängert bis die Hilfe

kommt, und die wird nicht ausbleiben, dessen bin ich sicher.«

»Nein, Lady! Ein solches Opfer können wir nicht annehmen, auch ist es

zwecklos.«

»Wer weiß?«

»Nun, so bleibe ich auch da; dann ....«

Weiter kam er nicht, ein furchtbarer Stoß erschütterte die Sannah, ein

Krachen und Knistern erscholl und pflanzte sich wie rollender Donner

durch die Metallhülle weiter. Alle Räume erbebten. Dann wurde es still.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 39 / 70 题