Fünf Monate dauerte schon die unheimliche Reise der Sannah mit dem
Kometen und noch war Alpha Centauri so weit entfernt, daß sich nicht
sagen ließ, wann man in seine Nähe kommen werde. Nun wurde öfters des
Lords Nährmaschine in Tätigkeit gesetzt, damit die zusammenschmelzenden
Lebensmittelvorräte gespart werden konnten. Sie lieferte denn auch eine
sehr nahrhafte, stärkende und auch schmackhafte Kost, die freilich auf
die Dauer die natürlich entstandenen Nahrungsmittel nicht vollwertig
hätte ersetzen können.
»Leider erweist sich Ihre Vermutung über die Geschwindigkeit Aminas als
unrichtig,« sagte Flitmore eines Tages zu Schultze.
»In der Tat,« erwiderte der Professor, »ich habe sie bedeutend
überschätzt. Wenn man keine sichern Unterlagen für eine Berechnung
besitzt, kann man sich leicht um das zehn- und hundertfache verrechnen
bei solch fabelhaften Zahlen.«
»Ein schlechter Trost,« seufzte der Lord; »was aber noch bedenklicher
ist, auch ich habe zu optimistisch gerechnet, wenn ich glaubte, meine
Sauerstoffvorräte würden elf Monate ausreichen: wir sind nicht viel mehr
als halb so lange unterwegs, und bis auf eine kleine Kammer sind schon
alle geleert; Ozon haben wir überhaupt keines mehr.«
»Wie lange kann uns die Luft noch reichen?« fragte Münchhausen.
Der Lord zuckte die Achseln: »Bei äußerster Sparsamkeit, und zwar bei
alleräußerster, drei Wochen; dann ist es aus mit uns.«
»Sparen wir!« sagte der Kapitän trocken.
»Das werden wir tun; aber es wird eine böse Zeit werden und wer weiß, ob
es uns etwas hilft!«
Von jetzt ab wurde der geringe Rest an Sauerstoff so ängstlich zu Rate
gehalten, daß die Luft in der Sannah für die Lungen kaum noch brauchbar
war.
Die Folgen zeigten sich auch bald bei allen: an mehr als die
notwendigste Tätigkeit war nicht mehr zu denken, da eine furchtbare
Mattigkeit und Erschlaffung sich der Ärmsten bemächtigte. Röchelnd und
nach Luft schnappend lagen sie umher und überließen sich so viel als
möglich der bleiernen Schläfrigkeit, die sie gefangen hielt; denn im
Schlaf verbrauchten sie am wenigsten von der kostbaren Luft.
Je mehr sich der Hunger nach Luft steigerte, desto weniger wollte ihnen
Essen und Trinken mehr schmecken. Bleich und eingefallen, Gespenstern
gleich, schlichen sie durch die Räume, wenn sie sich vom Lager erhoben,
suchend, ob nicht irgendwo bessere Luft zu finden sei; aber sie war
überall verbraucht und vergiftet.
Nicht mehr von Tag zu Tag, nein, von Stunde zu Stunde steigerten sich
jetzt die Qualen, und die Wächter hatten die schwere Pflicht, mit
äußerster Willensanspannung den Schlaf zu überwinden, um die
erstickenden Genossen rechtzeitig wecken zu können: sonst wäre
schließlich niemand mehr aufgewacht!
»Erfinden Sie etwas, um künstlichen Sauerstoff herzustellen oder um die
verbrauchte Luft wieder für die Atmung tauglich zu machen,« keuchte der
Kapitän: »Mit mir geht's zu Ende, Lord!«
Flitmore lächelte schwach und wehmütig und sah nach Mietje, die mit
geschlossenen Augen krampfhaft zuckend im Sessel lehnte. »Ja, wenn ich
das zu erfinden vermöchte! Hilft uns Gott nicht, so sind wir alle
verloren. Aber _bald_ muß die Hilfe kommen: ich habe ja berechnet, daß
uns der Sauerstoff bei dem gegenwärtigen Verbrauch noch vier Tage
reichen kann; aber ich sehe ein, so geht es nicht weiter, wir brauchen
unbedingt bessere Luft, es ist die höchste Zeit. Und so muß die
Sparsamkeit ein Ende haben; ich bin entschlossen, den ganzen Rest unsres
Vorrats auf die nächsten 24 Stunden zu verteilen. Dann leben wir noch
einmal auf, ein letztesmal. Was dann weiter kommt, steht in des
Allmächtigen Hand!«
Mit diesen Worten schlich sich der Lord weg, um die Ventile zu öffnen,
die den gepreßten Sauerstoff in das einzige noch bewohnte Zimmer strömen
lassen sollten.
Die Lady erhob sich wie im Traum und verließ mühsam das Gemach.
Heinz, dem nichts Gutes ahnte, folgte ihr. Er fand sie in einer Stube,
in der die beiden Schimpansen erstickend am Boden lagen: man hatte die
Affen, so leid es einem tat, entfernen müssen, daß sie nicht auch noch
halfen, ihren menschlichen Leidensgefährten das letzte bißchen Luft
wegzuatmen.
»Was haben Sie im Sinn?« fragte Heinz die Lady.
Diese sah ihn müde an: »Was liegt an mir? Es kommt vor allem darauf an,
die Männer am Leben zu erhalten, bis Gott ihnen Rettung sendet. Ich will
ihnen nicht die letzten Aussichten nehmen.«
»Sie wollen hier ersticken?« rief Heinz entsetzt.
»Hier oder dort, das ist doch einerlei,« sagte die Lady lächelnd.
»Aber hier ist es in einer Stunde aus mit Ihnen; dort können Sie noch 24
Stunden aushalten, und zwar in verhältnismäßig guter Luft, da der Lord
die Luft gründlich verbessern will.«
»Gehen Sie, vielleicht wird dadurch Ihr Leben verlängert bis die Hilfe
kommt, und die wird nicht ausbleiben, dessen bin ich sicher.«
»Nein, Lady! Ein solches Opfer können wir nicht annehmen, auch ist es
zwecklos.«
»Wer weiß?«
»Nun, so bleibe ich auch da; dann ....«
Weiter kam er nicht, ein furchtbarer Stoß erschütterte die Sannah, ein
Krachen und Knistern erscholl und pflanzte sich wie rollender Donner
durch die Metallhülle weiter. Alle Räume erbebten. Dann wurde es still.