Um die elektrische Heizung und Beleuchtung zu ermöglichen, sowie zur
Entwicklung der Fliehkraft, mußte der elektrische Akkumulator täglich
zweimal frisch geladen werden.
Dies besorgten die Affen so pünktlich und mit so viel Eifer, daß der
Lord sie ohne jede Aufsicht die Arbeit ausführen lassen konnte, die den
Tieren das reinste Vergnügen war.
Allerdings hatte Flitmore die elektrische Krafterzeugungsanlage auch
genial eingerichtet: er hatte zwei große zylinderförmige Käfige
herstellen lassen, wie diejenigen, die man in kleinerer Ausführung
gefangenen Eichhörnchen zur Verfügung zu stellen pflegt. Wenn dann die
Eichhörnchen an den Stäben emporspringen, dreht sich die Käfigwalze um
ihre Axe und die kleinen Tiere sind unermüdlich in ihrer Beweglichkeit,
mit der sie das Gitter in rasche Drehbewegung versetzen.
Genau so war es den Schimpansen offensichtlich der höchste Genuß, sich
in ihren Drehkäfigen zu tummeln, ohne daß sie ahnten, daß sie damit eine
verdienstvolle Arbeit verrichteten; denn die sinnreiche Konstruktion
verwendete die rasche Rotation der Käfige zur Erzeugung elektrischer
Energie, die im Akkumulator sich aufspeicherte.
Eines Tages erschollen aus dem Musikzimmer wunderbare Töne, eigentlich
gräßliche Mißakkorde, wie wenn ein unmündiges Kind auf einem Klavier
herumhämmert, und doch entwickelte der Missetäter eine derartige
Fingergewandtheit, daß man auf einen geübten Pianisten hätte schließen
mögen, den eine tolle Laune oder plötzlich eingetretener Wahnsinn zu
solchen Orgien veranlaßte.
Unsre Freunde waren im Zenithzimmer versammelt bis auf den Diener, der
einen Rundgang zu machen hatte; sie waren in Bücher vertieft oder
beschäftigten sich mit ihren Gedanken. Bei dieser Katzenmusik aber
horchten alle auf.
»Sollte sich John auf dem Flügel üben wollen?« rief Mietje: »So hübsch
er Flöte spielt, so fremd ist ihm die Klaviatur; aber wie er ohne alle
Kenntnis solche Griffe unternehmen kann, wobei ihm doch die Mißklänge
die eigenen musikalischen Ohren zerreißen müssen, ist mir ein Rätsel.«
»Du irrst, meine Liebe,« sagte der Lord, »John ist niemals so keck, daß
er das Instrument berühren würde; du weißt, er hat sich noch nie eine
ungebührliche Freiheit herausgenommen; darin ist er äußerst bescheiden,
beinahe zu ängstlich.«
»Das ist Geisterspuck,« sagte Münchhausen dumpf, »denn im Musikzimmer
ist es just Mitternacht.«
»Horch! Da schrillt ja gar die Posaune dazwischen! Es ist ein Duett,«
bemerkte Heinz.
»Unbegreiflich!« murmelte der Lord.
»Na! Sehen wir nach,« meinte Schultze, begierig auf die Lösung des
Rätsels.
»Ach! Wollten Sie nicht lieber zuvor einige scharfsinnige Hypothesen
aufstellen, die geeignet wären, dieses Phänomen wissenschaftlich zu
erklären, bestes Professorchen,« bat Münchhausen ironisch.
»Damit Sie mich nachher wieder auslachen können mit meiner Wissenschaft,
oller Spötter? Nee, das gibt's nicht! Ich selber stelle den Augenschein
über alle theoretischen Erklärungsversuche.«
»Na, denn man zu!« rief der Kapitän und ging voran, während alle ihm
folgten.
Jetzt erscholl ein wahrer Höllenlärm aus dem Musiksaal.
»Da spielt einer mindestens sechshändig!« lachte Heinz.
»Nein! Und die Posaune! Das sind ja unerhörte Töne!« rief die Lady und
hielt sich die Ohren zu.
Im Musikzimmer leuchtete eine elektrische Glühbirne, bei deren Schein
man Bobs vom Flügel aufspringen sah, während es Dick just gelang, die
mißhandelte Posaune vollends ganz auseinander zu reißen.
Bobs war es diesmal in seinem Drehkäfig langweilig geworden, und dem
Schlaukopf war es gelungen, die Türe von außen zu öffnen, indem er
zwischen den Gitterstäben hindurch über die hölzerne Seitenwand
hinabtastete, bis er den Riegel fand, den er zurückschob.
Als er sich in Freiheit sah, öffnete er auch Dicks Gefängnis, und zu
allen Schandtaten aufgelegt, begab er sich mit seinem gleichgesinnten
Gefährten in das weiter unten gelegene Musikzimmer. Das Öffnen der
Verbindungstüren war den intelligenten Affen längst kein Geheimnis mehr.
Hier nun faßten die beiden Verschwörer den schwarzen Plan, einmal selber
eine musikalische Unterhaltung zu veranstalten, statt immer bloß als
untätige Hörer Professor Schultze Konkurrenz zu machen.
Bobs öffnete den Flügel ohne Schwierigkeit; er versäumte auch nicht, ein
Notenheft auf die Pultleiste zu stellen, freilich waren es Noten fürs
Cello, doch das berührte ihn nicht, zumal er das Heft verkehrt
aufstellte.
Dann hockte er sich auf den Klavierstuhl nieder und begann die Tasten
mit einer Virtuosität zu bearbeiten, die seiner ihm natürlich eigenen
affenartigen Geschwindigkeit alle Ehre machte.
Dick öffnete inzwischen bedächtig den Instrumentenkasten; das hatte er
dem Lord trefflich abgeguckt. Er betrachtete sich die verschiedenen
Musikerzeuger und griff dann nach der Posaune, deren Metallglanz ihm in
die Augen stach.
O, er wußte genau, wo man das Ding in den Mund nehmen mußte und daß der
untere Teil möglichst geschwind auf- und abgeschoben werden mußte, und
es gelang ihm richtig durch heftiges Prusten einige entsetzliche Töne
hervorzuzaubern, wobei er das Mundstück zu schanden biß.
Als nun aber die ganze Gesellschaft im Zimmer erschien, ahnten die Affen
eine Art des Beifalls, die ihnen höchst unsympathisch war; sie nahmen
daher schleunigst Reißaus und flüchteten in das anstoßende chemische
Laboratorium, wo sie die Regale erkletterten, nicht ohne einige Kolben
mit ätzenden Flüssigkeiten herabzustoßen.
Münchhausen folgte ihnen auf dem Fuß und drohte mit einem Stock zu Bobs
hinauf, der die Zähne fletschte und höhnisch grinste, als wollte er
sagen: »Na, Dicker! Du drohst umsonst: bei deiner Leibesfülle wirst du's
wohl bleiben lassen, mir nachklettern zu wollen.«
Dieser sichtliche Hohn mußte natürlich den Kapitän ärgern.
»Warte, du Spötter!« rief er und ergriff das Gestell eines
Spiritusbrenners, daß er mit solcher Gewandtheit emporschleuderte, daß
die drei Eisenfüße sich schmerzhaft in des Schimpansen schutzlosen Leib
einbohrten. Es gab zwar keine Wunde, aber es tat weh!
Bobs kreischte laut auf; er fand das rücksichtslos und anmaßend von
einem Menschen, der gar nicht sein Herr war und weder Klavier noch
Posaune spielte. Er sann auf Rache.
Da stand ein großer Kolben neben ihm. Er hätte ihn auf den Attentäter
werfen können; aber so plump handelte Bobs auch nicht in berechtigter
Erregung. Er riß den Glasstöpsel heraus, erfaßte die dicke Flasche und
goß ihren Inhalt auf den Untenstehenden herab, der sich eben
niederbeugte, um ein neues Wurfgeschoß aufzulesen.
»Zu Hilfe, zu Hilfe! Das Untier mordet mich! Bobs überschüttet mich mit
Vitriol; er verbrennt mir meinen schutzlosen Schädel!« schrie der
Begossene.
Erschreckt eilte Heinz herbei: er glaubte schon den Kapitän in
jämmerlich verbranntem Zustand zu finden, vielleicht des Augenlichts
beraubt, denn es befanden sich tatsächlich mehrere Kolben mit
Schwefelsäure auf den Regalen.
Ein Blick auf Münchhausens triefenden Schädel jedoch beruhigte ihn
sofort; auch sagte ihm seine für chemische Dünste geschärfte Nase
alsbald, daß es sich lediglich um Weingeist handelte, der allerdings auf
der Kopfhaut ordentlich brennen mochte, namentlich auch infolge seiner
starken Verdunstung ein Kältegefühl erzeugend, das, zumal wenn noch
Schreck und Einbildung dazu kamen, als fürchterliche Verbrennung
empfunden werden konnte.
»Beruhigen Sie sich, Kapitän,« rief Heinz dem Geängstigten zu: »es ist
glücklicherweise bloß Spiritus.«
»Ich pfeife auf Ihren Spiritus! Vitriol ist's oder irgend eine andre
Säure, die mich meines kostbaren Haarschmucks vollends beraubt, falls
sie mir nicht den ganzen Skalp vom Schädel wegätzt.«
»Ich garantiere Ihnen, daß nichts dergleichen passiert; aber Sie triefen
wie eine Wasserratte! Hier ist ein Handtuch, trocknen Sie sich ab und
dann werden Sie sich wohl den Kopf waschen und die Kleider wechseln
müssen.«
Das war allerdings notwendig. Münchhausen entfernte sich wie ein
begossener Pudel und Schultze rief ihm noch lachend den Trost nach:
»Bobs meinte es gut mit Ihnen, Weingeist stärkt ja wohl die Kopfhaut und
befördert einen üppigen Haarwuchs.«
»Jetzt haben Sie gut lachen,« sagte Heinz zum Professor, als Münchhausen
das Gemach verlassen hatte: »Aber ich sage Ihnen, mir ist der kalte
Schrecken in die Glieder gefahren, als ich den Ärmsten so jammern hörte.
Sehen Sie, da steht Schwefelsäure, Salzsäure, Karbolsäure und eine Menge
andrer gefährlicher Flüssigkeiten. Künftig muß ich das Laboratorium
stets abschließen und den Schlüssel zu mir nehmen; die Affen hätten da
ein furchtbares Unglück anrichten können.«
»Können sie immer noch,« meinte Schultze und sah zu den beiden
Schimpansen empor, die zu oberst zwischen den Kolben kauerten.
Nun aber rief Flitmore die beiden Missetäter und sie kamen alsbald ganz
demütig und zahm herab, gewohnt, ihrem Herrn aufs Wort zu folgen.
Strafe mußte sein, das erforderten des Lords Erziehungsgrundsätze; und
so wurden die sichtlich zerknirschten Sünder auf zwölf Stunden in
Einzelhaft gesteckt. Sie kannten die dunkeln, engen Kästen gar wohl und
wußten, daß die Einsperrung wohlverdiente Strafe war; denn sie sprangen
freiwillig hinein mit zerknirschten Mienen, duckten sich nieder und
ließen sich ohne Widerstreben einschließen.
Als man wieder im Wohnzimmer versammelt war, erschien bald auch
Münchhausen in trockener Kleidung. Er blieb dabei, daß die Flüssigkeit,
die so brannte, Vitriol gewesen sei: »Glücklicherweise hat sich meine
Haut als säurefest erwiesen,« fügte er bei, »und auch meine Kleider
haben weiter keinen Schaden erlitten; ein ganz vorzüglicher Stoff, sage
ich Ihnen!«