30. Schimpansenstreiche.

Um die elektrische Heizung und Beleuchtung zu ermöglichen, sowie zur

Entwicklung der Fliehkraft, mußte der elektrische Akkumulator täglich

zweimal frisch geladen werden.

Dies besorgten die Affen so pünktlich und mit so viel Eifer, daß der

Lord sie ohne jede Aufsicht die Arbeit ausführen lassen konnte, die den

Tieren das reinste Vergnügen war.

Allerdings hatte Flitmore die elektrische Krafterzeugungsanlage auch

genial eingerichtet: er hatte zwei große zylinderförmige Käfige

herstellen lassen, wie diejenigen, die man in kleinerer Ausführung

gefangenen Eichhörnchen zur Verfügung zu stellen pflegt. Wenn dann die

Eichhörnchen an den Stäben emporspringen, dreht sich die Käfigwalze um

ihre Axe und die kleinen Tiere sind unermüdlich in ihrer Beweglichkeit,

mit der sie das Gitter in rasche Drehbewegung versetzen.

Genau so war es den Schimpansen offensichtlich der höchste Genuß, sich

in ihren Drehkäfigen zu tummeln, ohne daß sie ahnten, daß sie damit eine

verdienstvolle Arbeit verrichteten; denn die sinnreiche Konstruktion

verwendete die rasche Rotation der Käfige zur Erzeugung elektrischer

Energie, die im Akkumulator sich aufspeicherte.

Eines Tages erschollen aus dem Musikzimmer wunderbare Töne, eigentlich

gräßliche Mißakkorde, wie wenn ein unmündiges Kind auf einem Klavier

herumhämmert, und doch entwickelte der Missetäter eine derartige

Fingergewandtheit, daß man auf einen geübten Pianisten hätte schließen

mögen, den eine tolle Laune oder plötzlich eingetretener Wahnsinn zu

solchen Orgien veranlaßte.

Unsre Freunde waren im Zenithzimmer versammelt bis auf den Diener, der

einen Rundgang zu machen hatte; sie waren in Bücher vertieft oder

beschäftigten sich mit ihren Gedanken. Bei dieser Katzenmusik aber

horchten alle auf.

»Sollte sich John auf dem Flügel üben wollen?« rief Mietje: »So hübsch

er Flöte spielt, so fremd ist ihm die Klaviatur; aber wie er ohne alle

Kenntnis solche Griffe unternehmen kann, wobei ihm doch die Mißklänge

die eigenen musikalischen Ohren zerreißen müssen, ist mir ein Rätsel.«

»Du irrst, meine Liebe,« sagte der Lord, »John ist niemals so keck, daß

er das Instrument berühren würde; du weißt, er hat sich noch nie eine

ungebührliche Freiheit herausgenommen; darin ist er äußerst bescheiden,

beinahe zu ängstlich.«

»Das ist Geisterspuck,« sagte Münchhausen dumpf, »denn im Musikzimmer

ist es just Mitternacht.«

»Horch! Da schrillt ja gar die Posaune dazwischen! Es ist ein Duett,«

bemerkte Heinz.

»Unbegreiflich!« murmelte der Lord.

»Na! Sehen wir nach,« meinte Schultze, begierig auf die Lösung des

Rätsels.

»Ach! Wollten Sie nicht lieber zuvor einige scharfsinnige Hypothesen

aufstellen, die geeignet wären, dieses Phänomen wissenschaftlich zu

erklären, bestes Professorchen,« bat Münchhausen ironisch.

»Damit Sie mich nachher wieder auslachen können mit meiner Wissenschaft,

oller Spötter? Nee, das gibt's nicht! Ich selber stelle den Augenschein

über alle theoretischen Erklärungsversuche.«

»Na, denn man zu!« rief der Kapitän und ging voran, während alle ihm

folgten.

Jetzt erscholl ein wahrer Höllenlärm aus dem Musiksaal.

»Da spielt einer mindestens sechshändig!« lachte Heinz.

»Nein! Und die Posaune! Das sind ja unerhörte Töne!« rief die Lady und

hielt sich die Ohren zu.

Im Musikzimmer leuchtete eine elektrische Glühbirne, bei deren Schein

man Bobs vom Flügel aufspringen sah, während es Dick just gelang, die

mißhandelte Posaune vollends ganz auseinander zu reißen.

Bobs war es diesmal in seinem Drehkäfig langweilig geworden, und dem

Schlaukopf war es gelungen, die Türe von außen zu öffnen, indem er

zwischen den Gitterstäben hindurch über die hölzerne Seitenwand

hinabtastete, bis er den Riegel fand, den er zurückschob.

Als er sich in Freiheit sah, öffnete er auch Dicks Gefängnis, und zu

allen Schandtaten aufgelegt, begab er sich mit seinem gleichgesinnten

Gefährten in das weiter unten gelegene Musikzimmer. Das Öffnen der

Verbindungstüren war den intelligenten Affen längst kein Geheimnis mehr.

Hier nun faßten die beiden Verschwörer den schwarzen Plan, einmal selber

eine musikalische Unterhaltung zu veranstalten, statt immer bloß als

untätige Hörer Professor Schultze Konkurrenz zu machen.

Bobs öffnete den Flügel ohne Schwierigkeit; er versäumte auch nicht, ein

Notenheft auf die Pultleiste zu stellen, freilich waren es Noten fürs

Cello, doch das berührte ihn nicht, zumal er das Heft verkehrt

aufstellte.

Dann hockte er sich auf den Klavierstuhl nieder und begann die Tasten

mit einer Virtuosität zu bearbeiten, die seiner ihm natürlich eigenen

affenartigen Geschwindigkeit alle Ehre machte.

Dick öffnete inzwischen bedächtig den Instrumentenkasten; das hatte er

dem Lord trefflich abgeguckt. Er betrachtete sich die verschiedenen

Musikerzeuger und griff dann nach der Posaune, deren Metallglanz ihm in

die Augen stach.

O, er wußte genau, wo man das Ding in den Mund nehmen mußte und daß der

untere Teil möglichst geschwind auf- und abgeschoben werden mußte, und

es gelang ihm richtig durch heftiges Prusten einige entsetzliche Töne

hervorzuzaubern, wobei er das Mundstück zu schanden biß.

Als nun aber die ganze Gesellschaft im Zimmer erschien, ahnten die Affen

eine Art des Beifalls, die ihnen höchst unsympathisch war; sie nahmen

daher schleunigst Reißaus und flüchteten in das anstoßende chemische

Laboratorium, wo sie die Regale erkletterten, nicht ohne einige Kolben

mit ätzenden Flüssigkeiten herabzustoßen.

Münchhausen folgte ihnen auf dem Fuß und drohte mit einem Stock zu Bobs

hinauf, der die Zähne fletschte und höhnisch grinste, als wollte er

sagen: »Na, Dicker! Du drohst umsonst: bei deiner Leibesfülle wirst du's

wohl bleiben lassen, mir nachklettern zu wollen.«

Dieser sichtliche Hohn mußte natürlich den Kapitän ärgern.

»Warte, du Spötter!« rief er und ergriff das Gestell eines

Spiritusbrenners, daß er mit solcher Gewandtheit emporschleuderte, daß

die drei Eisenfüße sich schmerzhaft in des Schimpansen schutzlosen Leib

einbohrten. Es gab zwar keine Wunde, aber es tat weh!

Bobs kreischte laut auf; er fand das rücksichtslos und anmaßend von

einem Menschen, der gar nicht sein Herr war und weder Klavier noch

Posaune spielte. Er sann auf Rache.

Da stand ein großer Kolben neben ihm. Er hätte ihn auf den Attentäter

werfen können; aber so plump handelte Bobs auch nicht in berechtigter

Erregung. Er riß den Glasstöpsel heraus, erfaßte die dicke Flasche und

goß ihren Inhalt auf den Untenstehenden herab, der sich eben

niederbeugte, um ein neues Wurfgeschoß aufzulesen.

»Zu Hilfe, zu Hilfe! Das Untier mordet mich! Bobs überschüttet mich mit

Vitriol; er verbrennt mir meinen schutzlosen Schädel!« schrie der

Begossene.

Erschreckt eilte Heinz herbei: er glaubte schon den Kapitän in

jämmerlich verbranntem Zustand zu finden, vielleicht des Augenlichts

beraubt, denn es befanden sich tatsächlich mehrere Kolben mit

Schwefelsäure auf den Regalen.

Ein Blick auf Münchhausens triefenden Schädel jedoch beruhigte ihn

sofort; auch sagte ihm seine für chemische Dünste geschärfte Nase

alsbald, daß es sich lediglich um Weingeist handelte, der allerdings auf

der Kopfhaut ordentlich brennen mochte, namentlich auch infolge seiner

starken Verdunstung ein Kältegefühl erzeugend, das, zumal wenn noch

Schreck und Einbildung dazu kamen, als fürchterliche Verbrennung

empfunden werden konnte.

»Beruhigen Sie sich, Kapitän,« rief Heinz dem Geängstigten zu: »es ist

glücklicherweise bloß Spiritus.«

»Ich pfeife auf Ihren Spiritus! Vitriol ist's oder irgend eine andre

Säure, die mich meines kostbaren Haarschmucks vollends beraubt, falls

sie mir nicht den ganzen Skalp vom Schädel wegätzt.«

»Ich garantiere Ihnen, daß nichts dergleichen passiert; aber Sie triefen

wie eine Wasserratte! Hier ist ein Handtuch, trocknen Sie sich ab und

dann werden Sie sich wohl den Kopf waschen und die Kleider wechseln

müssen.«

Das war allerdings notwendig. Münchhausen entfernte sich wie ein

begossener Pudel und Schultze rief ihm noch lachend den Trost nach:

»Bobs meinte es gut mit Ihnen, Weingeist stärkt ja wohl die Kopfhaut und

befördert einen üppigen Haarwuchs.«

»Jetzt haben Sie gut lachen,« sagte Heinz zum Professor, als Münchhausen

das Gemach verlassen hatte: »Aber ich sage Ihnen, mir ist der kalte

Schrecken in die Glieder gefahren, als ich den Ärmsten so jammern hörte.

Sehen Sie, da steht Schwefelsäure, Salzsäure, Karbolsäure und eine Menge

andrer gefährlicher Flüssigkeiten. Künftig muß ich das Laboratorium

stets abschließen und den Schlüssel zu mir nehmen; die Affen hätten da

ein furchtbares Unglück anrichten können.«

»Können sie immer noch,« meinte Schultze und sah zu den beiden

Schimpansen empor, die zu oberst zwischen den Kolben kauerten.

Nun aber rief Flitmore die beiden Missetäter und sie kamen alsbald ganz

demütig und zahm herab, gewohnt, ihrem Herrn aufs Wort zu folgen.

Strafe mußte sein, das erforderten des Lords Erziehungsgrundsätze; und

so wurden die sichtlich zerknirschten Sünder auf zwölf Stunden in

Einzelhaft gesteckt. Sie kannten die dunkeln, engen Kästen gar wohl und

wußten, daß die Einsperrung wohlverdiente Strafe war; denn sie sprangen

freiwillig hinein mit zerknirschten Mienen, duckten sich nieder und

ließen sich ohne Widerstreben einschließen.

Als man wieder im Wohnzimmer versammelt war, erschien bald auch

Münchhausen in trockener Kleidung. Er blieb dabei, daß die Flüssigkeit,

die so brannte, Vitriol gewesen sei: »Glücklicherweise hat sich meine

Haut als säurefest erwiesen,« fügte er bei, »und auch meine Kleider

haben weiter keinen Schaden erlitten; ein ganz vorzüglicher Stoff, sage

ich Ihnen!«

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 36 / 70 题