»Wir wollen eine andre Gegend des großen Planeten aufsuchen,« schlug
Flitmore andern Tags vor.
»Das ist ein guter Gedanke,« sagte Schultze beifällig: »Ich sehe selber
ein, die Tierwelt hier in den Tropen ist eklig und unangenehm, so
hochinteressant sie auch erscheint. Wohl möglich, daß andre Breiten neue
Wunder und weniger Schrecken offenbaren.«
Zunächst wurden noch reichlich Früchte, besonders Nüsse eingesammelt und
in die Sannah verbracht, wußte man doch nicht, ob der nächste
Landungsplatz ebenso fruchtbar sein würde.
Dann wurden einige leere Behälter mit dem Wasser des Bächleins gefüllt,
das sich als herrliches und bekömmliches Trinkwasser erwiesen hatte. In
Eimern wurde es an einem Flaschenzug emporgewunden.
Auch diese Vorsicht wurde geübt, weil man nicht voraussehen konnte, wie
es mit den Trinkverhältnissen an anderm Orte bestellt sei.
»Hoffentlich entdecken wir auch die Saturnmenschen, das heißt
vernünftige Wesen gleich uns,« äußerte Mietje: »Ich kann mir doch nicht
denken, daß ein so ungeheuer großer Weltkörper, der alle
Lebensbedingungen für menschliche Wesen bietet, nicht auch von solchen
bewohnt sein sollte!«
»Wenn diese Menschen wie die Pflanzen- und Tierwelt der Dichtigkeit des
Planeten angepaßt sind,« scherzte Münchhausen, »so müssen sie äußerst
leichtfüßig sein, und dann besteht für uns die Gefahr, daß sie uns als
»lästige Ausländer« ausweisen.«
»Das würde wenigstens Ihnen drohen, Freund Hugo der Dicke,« meinte
Schultze: »Der lästigste Ausländer sind zweifellos Sie und die
Saturniten könnten es mit Recht als eine schwere Bedrohung ihres
leichten Planeten ansehen, wenn er mit so lästigen Lasten belastet
wird.«
»Au!« rief Münchhausen: »Solche Kalauer bringt doch nur ein geborener
Berliner fertig. Ganz der Schultze aus dem Kladderadatsch!«
»Ernstlich geredet,« begann der Professor wieder, »glaube ich nicht an
die Saturniten, da wir bisher auch nicht die Spur von Menschenwerken
entdeckten, auch die langen Winter und Sonnenfinsternisse den Aufenthalt
dahier nicht besonders menschlich gestalten.«
»Ich neige zu Lady Flitmores Ansicht,« widersprach ihm Heinz: »Die
Menschen könnten ja eben diesen Verhältnissen angepaßt sein, vielleicht
sind auch die langen Winter gar nicht besonders streng. Und was die
menschlichen Spuren anbelangt, so ist ja die Saturnwelt so ungeheuer
groß im Vergleich zu der Erde, daß es rein nichts besagen will, daß
einzelne Gegenden sich als unbewohnt, vielleicht von den Saturniten noch
unerforscht erweisen.«
»Es steht Ihnen natürlich frei, Ihre eigene Ansicht hierüber zu haben,«
entgegnete Schultze: »Aber mit was wollen Sie dieselbe begründen? Eine
unbegründete Theorie schwebt in der Luft.«
»O, ich begründe sie genau wie unsre Lady. Darin sind wir ja doch alle
einig, daß diese Wunderwelten mit ihren Pflanzen und lebenden Wesen nur
durch den Willen eines persönlichen und vernünftigen Schöpfers
hervorgerufen worden sein können?«
»Natürlich! Darüber ist kein Wort zu verlieren,« ereiferte sich
Schultze. »Daß unpersönliche Kräfte Persönlichkeiten hervorzauberten und
die vernünftige Weltordnung das zufällige Erzeugnis der
Vernunftlosigkeit ist, solchen Blödsinn zu glauben wollen wir dem
Halbgebildeten und Denkschwachen überlassen.«
»Also!« fuhr Heinz fort: »Ein persönlicher, vernünftiger Schöpfer wird
nichts ohne Zweck und Bestimmung schaffen. Der Mars zum Beispiel war von
menschenähnlichen Wesen bewohnt; er scheint seine Bestimmung vorerst
erfüllt zu haben, um auszusterben, vielleicht nur, damit er in späteren
Zeiten unter günstigeren Lebensbedingungen einem neuen Geschlecht eine
Wohnstätte biete. Der Saturn, der fast 3000mal so groß ist wie der Mars
und vernünftigen Wesen weit bessere Lebensbedingungen zu bieten scheint,
kann doch unmöglich bloß als Aufenthalt der Rieseninsekten vom Schöpfer
gedacht worden sein?«
»Bravo! So meinte ich's,« spendete Mietje ihren Beifall.
»Erlauben Sie mir, beiden Parteien recht zu geben,« mischte sich der
Lord in den Streit: »Nordamerika war Jahrtausende lang sehr dünn
bevölkert und wies ungeheure unbewohnte Länderstrecken auf, die den
Menschen doch ausgezeichnete Lebensbedingungen boten; heute hat es eine
sehr dichte Bevölkerung, und das war jedenfalls seine Bestimmung.
Dieselbe Bestimmung dürfen wir für Kanada annehmen, das sich erst in
unsern Tagen etwas mehr zu bevölkern beginnt; desgleichen weist
Südamerika noch die herrlichsten Besiedelungsflächen auf, die zur Zeit
völlig oder doch beinahe menschenleer sind.«
»Daraus sehen wir nur,« fiel Mietje ein, »daß die Bestimmung der
bewohnbaren Länder sich erst im Laufe der Zeiten erfüllt.«
»Ganz richtig, meine Liebe! Wenn ihr also mit Recht sagt, Saturn ist für
menschenähnliche Wesen bewohnbar und ist also offenbar für solche
bestimmt, so könnt ihr daraus noch lange nicht folgern, daß er zur Zeit
auch schon seine Bestimmung erfüllt, das heißt, daß jetzt solche Wesen
auf ihm leben müssen. Er kann eine Welt sein, die für spätere
Besiedelung vorbehalten ist. Vielleicht werden bald seine Ringe vollends
in Trümmer gehen und auf seine Oberfläche herabstürzen, so daß einmal
die leidigen Sonnenfinsternisse ein Ende haben. Vielleicht wird dadurch
auch seine Umlaufszeit beschleunigt; dann hindert nichts, daß er von der
Erde aus bevölkert wird, nachdem nun die Mittel gefunden sind, binnen
weniger Tage ihn zu erreichen.«
»Dagegen ist nichts einzuwenden,« meinte Schultze. »Aber, werter Lord,
da wir nun zur Abfahrt bereit sind, um eine andre Gegend des Saturn zu
besuchen, bitte ich, diesmal mir den Beobachtungsposten anzuweisen. Ich
werde mich bemühen, den meistversprechenden Landungsplatz auszuwählen.«
»Halt, halt, Professorchen!« warnte Münchhausen: »das halten Sie nicht
aus. Ich sage Ihnen, da werden Sie zwischen Plafond und Hängematte hin-
und hergeworfen, daß Ihnen alle Knochen mürbe werden, da Sie mit keinem
so ausgepolsterten, federnden Leib gesegnet sind, wie ich. Sie sind eine
Landratte und werden jämmerlich seekrank, das dürfen Sie mir glauben.«
»Ach was, Landratte! Glauben Sie denn, ich könne keine schaukelnde
Bewegung vertragen? Bin ich etwa zu Lande nach Amerika, Afrika, Asien
und Australien gereist?«
»Na! probieren Sie's; aber Sie werden noch an mich denken!«
So begab sich der Professor in die Hängematte des Antipodenzimmers und
gab das Zeichen zur Abfahrt, worauf er alsbald aus dem Netze flog und
mit der Nase auf das Fenster zu liegen kam. Bei jedem Zeichen, das er
gab, wechselte er seine Lage zwischen Matte und Zimmerdecke; aber
mannhaft ertrug er das Ballspiel, das die Sannah mit seinem Körper
aufführte, und fand die jedesmalige Veränderung der Perspektive
hochinteressant.
Aber, was war das? Plötzlich verschwand der Saturn wie ein Blitz unter
ihm und war nirgends mehr zu sehen!
Schultze rieb sich die Augen, er strengte seine ganze Sehkraft an:
entzog ihm nur der plötzliche Einbruch der Nacht den Anblick des
Planeten? Aber die Sannah hatte sich ja beim Aufstieg auf der
Tagesseite, zwischen der Sonne und der Saturnbahn befunden: so lange die
Fliehkraft eingeschaltet war, mußte der Planet dem Weltschiff stets die
sonnbeschienene Seite zukehren, weil er sich unter ihm drehte, ohne daß
es an seiner Rotation teilnahm.
Bei ständig geschlossenem Strom hätte es immerhin einige Stunden dauern
müssen, bis die Nacht eingetreten wäre.
Das also konnte es nicht sein, und doch war weit und breit nichts zu
sehen als der dunkle Weltraum; die Sonne leuchtete ja der Sannah auf der
andern Seite, im Antipodenzimmer herrschte tiefste Nacht.
So verblüfft war der Professor durch dieses völlig unerwartete und
unerklärliche Ereignis, daß er lange Zeit nur seine Augen und sein
Gehirn anstrengte, ohne weder etwas sehen zu können, noch des Rätsels
Lösung zu finden.
Endlich fiel ihm ein, daß das Vernünftigste wäre, rasch den Strom
unterbrechen zu lassen, damit die Sannah durch die Wirkung der
Anziehungskraft womöglich dem verschollenen Gestirn wieder nahe komme.
Er gab das entsprechende Zeichen mehrmals: ganz umsonst! Ruhig blieb er
im Netze liegen, der Schwerpunkt der Sannah blieb unverändert im
Mittelpunkt des Fahrzeugs.
Da mußte etwas nicht in Ordnung sein, vielleicht gelang es dem Lord
nicht, die Fliehkraft abzustellen.
»Was ist denn los dort unten?« fragte jetzt Flitmores Stimme durch das
Telephon.
»Ich möchte fragen, was dort oben los ist?« frug Schultze zurück: »Der
Saturn ist verschwunden, völlig weg! Warum unterbrechen Sie den Strom
nicht?«
»Er ist unterbrochen! Ich stellte ihn ab, gleich bei Ihrem ersten
Zeichen.«
»Dann funktioniert Ihr Schaltungsapparat nicht mehr!«
»Doch! Er ist völlig in Ordnung. Da muß etwas andres im Spiele sein;
kommen Sie nur herauf.«
Kopfschüttelnd stieg der Professor aus der Hängematte und begab sich,
zuerst absteigend, dann vom Zentrum an aufsteigend, in das Zenithzimmer.
[Illustration: Die Sannah im Kometenschweif.]
Hier hatten die Reisenden gleich seit Beginn der Abfahrt ein ganz
einzigartiges Schauspiel genossen: trotz des blendenden Sonnenscheins
stand der Komet strahlend am Tageshimmel und bot als ein ungeheurer
Schweifstern einen entzückenden Anblick.
Flitmore hatte vorgeschlagen, dem Kometen einen Namen zu geben.
»Die Astronomen auf Erden haben ihn ja zweifellos schon benannt,« sagte
er, »aber wir wissen nicht wie und haben vorerst das Recht, ihm zu
unserm Hausgebrauch einen Privatnamen zu geben.«
Man kam überein, daß er »Amina« heißen solle, zu Ehren einer treuen
Somalinegerin, mit der man in Afrika so mannigfache Abenteuer bestanden
hatte.
Merkwürdigerweise schien der Komet immer näher zu kommen und die Sonne
immer ferner zu rücken. Einige leuchtende Körper, gleich Planetoiden,
sausten an der Sannah vorbei.
Inzwischen gab Schultze wieder einmal ein Zeichen; Flitmore stellte den
Zentrifugalstrom ab. Bald darauf aber ertönte das gleiche Zeichen
wiederholt.
»Der Professor kennt sich nicht mehr aus mit den Zeichen,« lachte
Münchhausen.
Und nun kam es zu dem Telephongespräch, infolge dessen Schultze sich
hinaufbegab.
Als er eingetreten war, wurden seine auffallenden Beobachtungen lebhaft
besprochen, ohne daß man jedoch eine Erklärung fand.
»Nehmen wir unser Mittagsmahl ein!« schlug Münchhausen vor: »Ein
ordentliches Essen schärft den Verstand.«
Der Professor beobachtete vor und während der Mahlzeit den merkwürdigen
Kometen; dann begab sich Heinz ins Antipodenzimmer und berichtete durchs
Telephon, daß vom Saturn nichts zu sehen und alles in Dunkel gehüllt
sei.
»Ich hab's!« rief Schultze: »Wir stecken mitten im Kometenschweif und
werden mit ihm fortgerissen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die
alle menschliche Fassungskraft übersteigt.«
»Hollah!« rief Flitmore: »Sie mögen recht haben! Beeilen wir uns, die
Fliehkraft wieder einzuschalten, daß wir nicht gar auf den Kern der
Amina stürzen.«
Und alsbald schloß er den Strom.
Aber die Wirkung war eine völlig unerklärliche: Die Sannah schien sich
dem Kopf des Kometen noch beträchtlich zu nähern; dann blieb sie
scheinbar unbeweglich an einem Fleck.
Dies konnte man daraus schließen, daß einige Meteorstücke, die sich nun
ganz in ihrer Nähe befanden, stets die gleiche Entfernung von ihr
beibehielten.
»Dieser scheinbare Stillstand,« erklärte der Professor, »beweist
lediglich, daß wir samt jenen Meteoriten, die einen Bestandteil des
Kometenschweifes bilden, unaufhaltsam im Schweife der Amina mit
fortgerissen werden.«
Der Lord machte noch einige Versuche mit Ein- und Ausschalten des
Stroms, aber diese hatten nur geringe Lageveränderungen der Sannah zur
Folge: Der Komet schien sie an einem unsichtbaren Faden festzuhalten.
Trotz der genauesten Untersuchung war nichts zu entdecken, das darauf
hätte schließen lassen, daß die Fliehkraft irgendwie nicht mehr richtig
in Tätigkeit war.
Niemand wußte Rat, niemand fand eine Erklärung.
Schließlich ließ Flitmore den Strom endgültig eingeschaltet, als
sicherstes Mittel, einen Zusammenstoß zu vermeiden und vielleicht, nach
Überwindung des rätselhaften Widerstands, vom Kometen loszukommen.
»Die Sannah wird vom Kometen regelrecht entführt, daran ist nicht zu
zweifeln!« sagte er. »Ergeben wir uns in unser Schicksal, bis vielleicht
einem von uns eine Erleuchtung kommt oder ein ebenso unbekannter Umstand
uns aus der fatalen Lage befreit.«
Die Sannah vollendete ihre Rotation und im Zenithzimmer ward es Nacht.
Nachdem die Wachen verteilt waren, begab man sich mit gemischten
Gefühlen zur Ruhe.