27. Vom Kometen entführt.

»Wir wollen eine andre Gegend des großen Planeten aufsuchen,« schlug

Flitmore andern Tags vor.

»Das ist ein guter Gedanke,« sagte Schultze beifällig: »Ich sehe selber

ein, die Tierwelt hier in den Tropen ist eklig und unangenehm, so

hochinteressant sie auch erscheint. Wohl möglich, daß andre Breiten neue

Wunder und weniger Schrecken offenbaren.«

Zunächst wurden noch reichlich Früchte, besonders Nüsse eingesammelt und

in die Sannah verbracht, wußte man doch nicht, ob der nächste

Landungsplatz ebenso fruchtbar sein würde.

Dann wurden einige leere Behälter mit dem Wasser des Bächleins gefüllt,

das sich als herrliches und bekömmliches Trinkwasser erwiesen hatte. In

Eimern wurde es an einem Flaschenzug emporgewunden.

Auch diese Vorsicht wurde geübt, weil man nicht voraussehen konnte, wie

es mit den Trinkverhältnissen an anderm Orte bestellt sei.

»Hoffentlich entdecken wir auch die Saturnmenschen, das heißt

vernünftige Wesen gleich uns,« äußerte Mietje: »Ich kann mir doch nicht

denken, daß ein so ungeheuer großer Weltkörper, der alle

Lebensbedingungen für menschliche Wesen bietet, nicht auch von solchen

bewohnt sein sollte!«

»Wenn diese Menschen wie die Pflanzen- und Tierwelt der Dichtigkeit des

Planeten angepaßt sind,« scherzte Münchhausen, »so müssen sie äußerst

leichtfüßig sein, und dann besteht für uns die Gefahr, daß sie uns als

»lästige Ausländer« ausweisen.«

»Das würde wenigstens Ihnen drohen, Freund Hugo der Dicke,« meinte

Schultze: »Der lästigste Ausländer sind zweifellos Sie und die

Saturniten könnten es mit Recht als eine schwere Bedrohung ihres

leichten Planeten ansehen, wenn er mit so lästigen Lasten belastet

wird.«

»Au!« rief Münchhausen: »Solche Kalauer bringt doch nur ein geborener

Berliner fertig. Ganz der Schultze aus dem Kladderadatsch!«

»Ernstlich geredet,« begann der Professor wieder, »glaube ich nicht an

die Saturniten, da wir bisher auch nicht die Spur von Menschenwerken

entdeckten, auch die langen Winter und Sonnenfinsternisse den Aufenthalt

dahier nicht besonders menschlich gestalten.«

»Ich neige zu Lady Flitmores Ansicht,« widersprach ihm Heinz: »Die

Menschen könnten ja eben diesen Verhältnissen angepaßt sein, vielleicht

sind auch die langen Winter gar nicht besonders streng. Und was die

menschlichen Spuren anbelangt, so ist ja die Saturnwelt so ungeheuer

groß im Vergleich zu der Erde, daß es rein nichts besagen will, daß

einzelne Gegenden sich als unbewohnt, vielleicht von den Saturniten noch

unerforscht erweisen.«

»Es steht Ihnen natürlich frei, Ihre eigene Ansicht hierüber zu haben,«

entgegnete Schultze: »Aber mit was wollen Sie dieselbe begründen? Eine

unbegründete Theorie schwebt in der Luft.«

»O, ich begründe sie genau wie unsre Lady. Darin sind wir ja doch alle

einig, daß diese Wunderwelten mit ihren Pflanzen und lebenden Wesen nur

durch den Willen eines persönlichen und vernünftigen Schöpfers

hervorgerufen worden sein können?«

»Natürlich! Darüber ist kein Wort zu verlieren,« ereiferte sich

Schultze. »Daß unpersönliche Kräfte Persönlichkeiten hervorzauberten und

die vernünftige Weltordnung das zufällige Erzeugnis der

Vernunftlosigkeit ist, solchen Blödsinn zu glauben wollen wir dem

Halbgebildeten und Denkschwachen überlassen.«

»Also!« fuhr Heinz fort: »Ein persönlicher, vernünftiger Schöpfer wird

nichts ohne Zweck und Bestimmung schaffen. Der Mars zum Beispiel war von

menschenähnlichen Wesen bewohnt; er scheint seine Bestimmung vorerst

erfüllt zu haben, um auszusterben, vielleicht nur, damit er in späteren

Zeiten unter günstigeren Lebensbedingungen einem neuen Geschlecht eine

Wohnstätte biete. Der Saturn, der fast 3000mal so groß ist wie der Mars

und vernünftigen Wesen weit bessere Lebensbedingungen zu bieten scheint,

kann doch unmöglich bloß als Aufenthalt der Rieseninsekten vom Schöpfer

gedacht worden sein?«

»Bravo! So meinte ich's,« spendete Mietje ihren Beifall.

»Erlauben Sie mir, beiden Parteien recht zu geben,« mischte sich der

Lord in den Streit: »Nordamerika war Jahrtausende lang sehr dünn

bevölkert und wies ungeheure unbewohnte Länderstrecken auf, die den

Menschen doch ausgezeichnete Lebensbedingungen boten; heute hat es eine

sehr dichte Bevölkerung, und das war jedenfalls seine Bestimmung.

Dieselbe Bestimmung dürfen wir für Kanada annehmen, das sich erst in

unsern Tagen etwas mehr zu bevölkern beginnt; desgleichen weist

Südamerika noch die herrlichsten Besiedelungsflächen auf, die zur Zeit

völlig oder doch beinahe menschenleer sind.«

»Daraus sehen wir nur,« fiel Mietje ein, »daß die Bestimmung der

bewohnbaren Länder sich erst im Laufe der Zeiten erfüllt.«

»Ganz richtig, meine Liebe! Wenn ihr also mit Recht sagt, Saturn ist für

menschenähnliche Wesen bewohnbar und ist also offenbar für solche

bestimmt, so könnt ihr daraus noch lange nicht folgern, daß er zur Zeit

auch schon seine Bestimmung erfüllt, das heißt, daß jetzt solche Wesen

auf ihm leben müssen. Er kann eine Welt sein, die für spätere

Besiedelung vorbehalten ist. Vielleicht werden bald seine Ringe vollends

in Trümmer gehen und auf seine Oberfläche herabstürzen, so daß einmal

die leidigen Sonnenfinsternisse ein Ende haben. Vielleicht wird dadurch

auch seine Umlaufszeit beschleunigt; dann hindert nichts, daß er von der

Erde aus bevölkert wird, nachdem nun die Mittel gefunden sind, binnen

weniger Tage ihn zu erreichen.«

»Dagegen ist nichts einzuwenden,« meinte Schultze. »Aber, werter Lord,

da wir nun zur Abfahrt bereit sind, um eine andre Gegend des Saturn zu

besuchen, bitte ich, diesmal mir den Beobachtungsposten anzuweisen. Ich

werde mich bemühen, den meistversprechenden Landungsplatz auszuwählen.«

»Halt, halt, Professorchen!« warnte Münchhausen: »das halten Sie nicht

aus. Ich sage Ihnen, da werden Sie zwischen Plafond und Hängematte hin-

und hergeworfen, daß Ihnen alle Knochen mürbe werden, da Sie mit keinem

so ausgepolsterten, federnden Leib gesegnet sind, wie ich. Sie sind eine

Landratte und werden jämmerlich seekrank, das dürfen Sie mir glauben.«

»Ach was, Landratte! Glauben Sie denn, ich könne keine schaukelnde

Bewegung vertragen? Bin ich etwa zu Lande nach Amerika, Afrika, Asien

und Australien gereist?«

»Na! probieren Sie's; aber Sie werden noch an mich denken!«

So begab sich der Professor in die Hängematte des Antipodenzimmers und

gab das Zeichen zur Abfahrt, worauf er alsbald aus dem Netze flog und

mit der Nase auf das Fenster zu liegen kam. Bei jedem Zeichen, das er

gab, wechselte er seine Lage zwischen Matte und Zimmerdecke; aber

mannhaft ertrug er das Ballspiel, das die Sannah mit seinem Körper

aufführte, und fand die jedesmalige Veränderung der Perspektive

hochinteressant.

Aber, was war das? Plötzlich verschwand der Saturn wie ein Blitz unter

ihm und war nirgends mehr zu sehen!

Schultze rieb sich die Augen, er strengte seine ganze Sehkraft an:

entzog ihm nur der plötzliche Einbruch der Nacht den Anblick des

Planeten? Aber die Sannah hatte sich ja beim Aufstieg auf der

Tagesseite, zwischen der Sonne und der Saturnbahn befunden: so lange die

Fliehkraft eingeschaltet war, mußte der Planet dem Weltschiff stets die

sonnbeschienene Seite zukehren, weil er sich unter ihm drehte, ohne daß

es an seiner Rotation teilnahm.

Bei ständig geschlossenem Strom hätte es immerhin einige Stunden dauern

müssen, bis die Nacht eingetreten wäre.

Das also konnte es nicht sein, und doch war weit und breit nichts zu

sehen als der dunkle Weltraum; die Sonne leuchtete ja der Sannah auf der

andern Seite, im Antipodenzimmer herrschte tiefste Nacht.

So verblüfft war der Professor durch dieses völlig unerwartete und

unerklärliche Ereignis, daß er lange Zeit nur seine Augen und sein

Gehirn anstrengte, ohne weder etwas sehen zu können, noch des Rätsels

Lösung zu finden.

Endlich fiel ihm ein, daß das Vernünftigste wäre, rasch den Strom

unterbrechen zu lassen, damit die Sannah durch die Wirkung der

Anziehungskraft womöglich dem verschollenen Gestirn wieder nahe komme.

Er gab das entsprechende Zeichen mehrmals: ganz umsonst! Ruhig blieb er

im Netze liegen, der Schwerpunkt der Sannah blieb unverändert im

Mittelpunkt des Fahrzeugs.

Da mußte etwas nicht in Ordnung sein, vielleicht gelang es dem Lord

nicht, die Fliehkraft abzustellen.

»Was ist denn los dort unten?« fragte jetzt Flitmores Stimme durch das

Telephon.

»Ich möchte fragen, was dort oben los ist?« frug Schultze zurück: »Der

Saturn ist verschwunden, völlig weg! Warum unterbrechen Sie den Strom

nicht?«

»Er ist unterbrochen! Ich stellte ihn ab, gleich bei Ihrem ersten

Zeichen.«

»Dann funktioniert Ihr Schaltungsapparat nicht mehr!«

»Doch! Er ist völlig in Ordnung. Da muß etwas andres im Spiele sein;

kommen Sie nur herauf.«

Kopfschüttelnd stieg der Professor aus der Hängematte und begab sich,

zuerst absteigend, dann vom Zentrum an aufsteigend, in das Zenithzimmer.

[Illustration: Die Sannah im Kometenschweif.]

Hier hatten die Reisenden gleich seit Beginn der Abfahrt ein ganz

einzigartiges Schauspiel genossen: trotz des blendenden Sonnenscheins

stand der Komet strahlend am Tageshimmel und bot als ein ungeheurer

Schweifstern einen entzückenden Anblick.

Flitmore hatte vorgeschlagen, dem Kometen einen Namen zu geben.

»Die Astronomen auf Erden haben ihn ja zweifellos schon benannt,« sagte

er, »aber wir wissen nicht wie und haben vorerst das Recht, ihm zu

unserm Hausgebrauch einen Privatnamen zu geben.«

Man kam überein, daß er »Amina« heißen solle, zu Ehren einer treuen

Somalinegerin, mit der man in Afrika so mannigfache Abenteuer bestanden

hatte.

Merkwürdigerweise schien der Komet immer näher zu kommen und die Sonne

immer ferner zu rücken. Einige leuchtende Körper, gleich Planetoiden,

sausten an der Sannah vorbei.

Inzwischen gab Schultze wieder einmal ein Zeichen; Flitmore stellte den

Zentrifugalstrom ab. Bald darauf aber ertönte das gleiche Zeichen

wiederholt.

»Der Professor kennt sich nicht mehr aus mit den Zeichen,« lachte

Münchhausen.

Und nun kam es zu dem Telephongespräch, infolge dessen Schultze sich

hinaufbegab.

Als er eingetreten war, wurden seine auffallenden Beobachtungen lebhaft

besprochen, ohne daß man jedoch eine Erklärung fand.

»Nehmen wir unser Mittagsmahl ein!« schlug Münchhausen vor: »Ein

ordentliches Essen schärft den Verstand.«

Der Professor beobachtete vor und während der Mahlzeit den merkwürdigen

Kometen; dann begab sich Heinz ins Antipodenzimmer und berichtete durchs

Telephon, daß vom Saturn nichts zu sehen und alles in Dunkel gehüllt

sei.

»Ich hab's!« rief Schultze: »Wir stecken mitten im Kometenschweif und

werden mit ihm fortgerissen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die

alle menschliche Fassungskraft übersteigt.«

»Hollah!« rief Flitmore: »Sie mögen recht haben! Beeilen wir uns, die

Fliehkraft wieder einzuschalten, daß wir nicht gar auf den Kern der

Amina stürzen.«

Und alsbald schloß er den Strom.

Aber die Wirkung war eine völlig unerklärliche: Die Sannah schien sich

dem Kopf des Kometen noch beträchtlich zu nähern; dann blieb sie

scheinbar unbeweglich an einem Fleck.

Dies konnte man daraus schließen, daß einige Meteorstücke, die sich nun

ganz in ihrer Nähe befanden, stets die gleiche Entfernung von ihr

beibehielten.

»Dieser scheinbare Stillstand,« erklärte der Professor, »beweist

lediglich, daß wir samt jenen Meteoriten, die einen Bestandteil des

Kometenschweifes bilden, unaufhaltsam im Schweife der Amina mit

fortgerissen werden.«

Der Lord machte noch einige Versuche mit Ein- und Ausschalten des

Stroms, aber diese hatten nur geringe Lageveränderungen der Sannah zur

Folge: Der Komet schien sie an einem unsichtbaren Faden festzuhalten.

Trotz der genauesten Untersuchung war nichts zu entdecken, das darauf

hätte schließen lassen, daß die Fliehkraft irgendwie nicht mehr richtig

in Tätigkeit war.

Niemand wußte Rat, niemand fand eine Erklärung.

Schließlich ließ Flitmore den Strom endgültig eingeschaltet, als

sicherstes Mittel, einen Zusammenstoß zu vermeiden und vielleicht, nach

Überwindung des rätselhaften Widerstands, vom Kometen loszukommen.

»Die Sannah wird vom Kometen regelrecht entführt, daran ist nicht zu

zweifeln!« sagte er. »Ergeben wir uns in unser Schicksal, bis vielleicht

einem von uns eine Erleuchtung kommt oder ein ebenso unbekannter Umstand

uns aus der fatalen Lage befreit.«

Die Sannah vollendete ihre Rotation und im Zenithzimmer ward es Nacht.

Nachdem die Wachen verteilt waren, begab man sich mit gemischten

Gefühlen zur Ruhe.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 33 / 70 题