23. Eine unfreiwillige Polarreise.

Es war Nacht, als die Gesellschaft auf dem Saturn landete; aber da sich

alle sehnten, ins Freie zu kommen, wurden die Zelte errichtet, diesmal

aber in unmittelbarer Nähe der Sannah, damit ein sofortiger Rückzug

angetreten werden konnte, falls je ein gefährliches Abenteuer drohen

sollte; die schreckliche Nacht auf dem Mars war ja allen noch gar zu

frisch in Erinnerung.

Holz- und Reisigvorräte barg die Sannah zur Genüge, der Lord hatte sich

für alle Fälle vorgesehen. So brauchte man nicht in der Dunkelheit nach

Brennmaterial zu suchen.

Ein Feuer wurde entfacht und nach gehaltener Mahlzeit suchten bald alle

die Ruhe auf bis auf Heinz, der die erste Wache übernommen hatte.

Nach zwei Stunden löste ihn John ab und diesen nach weiteren zwei

Stunden Münchhausen.

Der Kapitän freute sich kindlich auf den ersten Sonnenaufgang auf dem

Saturn, und daß er der erste sein sollte, der diese neue Welt aus

nächster Nähe bei Tageslicht schauen sollte.

Aber merkwürdig, es wollte nicht tagen! Als seine zwei Dienststunden zu

Ende waren, war es noch so finster wie zuvor. Er rechnete aus, daß die

Nacht nun schon mehr als acht Stunden währte; da die Rotationsdauer des

Saturn 10¾ Stunden beträgt, hätte es eigentlich schon wieder gegen Abend

gehen sollen.

Es war ausgemacht worden, daß Münchhausen gleich nach Tagesanbruch alle

wecken sollte, aber der Tag brach nicht an und er wartete noch eine

Stunde; er hatte sich so sehr darauf gefreut, allein als Erster die

Sonne aufleuchten zu sehen.

Endlich weckte er den Professor.

»Hören Sie,« fuhr er den Schlaftrunkenen an: »Ich pfeife auf die ganze

astronomische Wissenschaft und auf die Ihrige insbesondere. Es ist

nichts mit den kurzen Saturnnächten. He! wissen Sie, wie lange diese

Nacht schon währt? Neun volle Stunden!«

Schultze hatte sich ermuntert und sah auf die Uhr.

»Wahrhaftig!« brummte er, »das stimmt!« Dann schaute er hilflos zum

Himmel, als könnte er doch irgendwo die Sonne entdecken, trotz der hier

unten herrschenden Finsternis.

»Da hört sich doch alle Wissenschaft auf!« fuhr es ihm heraus.

»Jawohl, alle Wissenschaft hört auf und blamiert sich angesichts der

Tatsachen,« grollte Münchhausen. »Wissen Sie gewiß, daß auf dem Saturn

die Nacht nicht auch 15 Jahre dauert wie auf seinen Ringen?«

»Unsinn!« rief der Gelehrte, obgleich er selber nicht mehr wußte, wo er

dran war: »Das trifft ja wohl für die Polarzonen zu, nicht aber für

diese Breiten.«

Unterdessen hatten sich auch die andern erhoben und wunderten sich, daß

es noch nicht Tag werden wollte.

Schultze war nachdenklich, während man das Frühstück einnahm: er

repetierte innerlich seine Kenntnisse des Saturn.

Plötzlich rief er: »Ich habs! Es herrscht hier eine Sonnenfinsternis,

verursacht durch den Ring des Planeten.«

»Na! dann wird sie ja bald vorübergehen,« sagte Münchhausen aufatmend;

denn die rätselhafte Dunkelheit hatte ihm wirkliche Beklommenheit

verursacht. »Freilich,« fügte er bei, »für heute ist es nun schon nichts

mehr mit dem Sonnenschein; es muß ja bald wieder Nacht werden; aber in

sechs bis sieben Stunden werden wir das Tageslicht wieder schauen.«

»Wo denken Sie hin!« widersprach Schultze. »Davon kann keine Rede sein:

Diese saturnischen Finsternisse dauern mehrere Erdenjahre. Ich vermute,

wir befinden uns hier etwa unter 23½ Grad Breite und haben dann mit

einer Sonnenfinsternis von zehn Jahren zu rechnen.«

»Sie freuen mich!« polterte der Kapitän: »Und da sollen wir wohl hier

abwarten, bis der Ringschatten sich gefälligst entfernt oder die Sonne

uns geschwind höhnisch durch eine seiner Lücken anlächelt, um dann

wieder zu verschwinden? Oder sollen wir den vertrackten Weltkörper bei

Fackelbeleuchtung untersuchen?«

»Nein!« lachte Flitmore: »Wir steigen einfach wieder auf und landen auf

einem günstigeren Breitengrade.«

»Ein ungastlicher Planet scheint Saturn doch zu sein,« meinte Mietje:

»In manchen Gegenden fast 15 Jahre Nacht, dann noch 10 Jahre

Sonnenfinsternis, das gibt ja 25 Jahre Dunkelheit und nur 5 Jahre

Tageshelle!«

»Das stimmt allerdings je nach der Zone,« bestätigte Schultze: »Aber

trösten Sie sich, es gibt ja lichtreichere Gegenden, und wir halten uns

nicht gar zu lange hier auf.«

Die Weiterreise wurde sofort angetreten.

»Leider,« bemerkte der Lord, als man wieder im Zenithzimmer versammelt

war, »ist die Sannah nicht als lenkbares Luftschiff gebaut. Das erkenne

ich jetzt als verhängnisvollen Fehler an. Mit ein paar Motoren

ausgerüstet, könnte sie ihren Weg in der Atmosphäre nach Belieben

suchen, während wir es so dem Zufall überlassen müssen, wo wir landen.

Sobald ich nämlich die Fliehkraft einschalte, nimmt unser Weltschiff

weder an der Rotation noch an dem Umlauf des Saturn mehr teil. Das

erstere ist ja belanglos, denn durch seine Umdrehung um die Axe kehrt

uns der Planet nur abwechselnd eine andere Seite zu und es macht nichts

aus, ob wir auf dieser oder jener niedergehen.

Durch seinen Umlauf auf seiner Bahn um die Sonne aber saust der Saturn

unter uns weg, sobald wir durch den Zentrifugalstrom von seiner

Anziehungskraft gelöst sind; es fehlen uns die Mittel, diese Bewegung

genau zu berechnen, und so können wir unsern Landungsort nicht nach

Belieben bestimmen.«

Das erwies sich denn auch als fatal, denn als sich der Lord nach einiger

Zeit zum Niedergehen entschloß, befand sich die Sannah in der

Nordpolarzone des Saturn.

Als die Lucke geöffnet wurde, strömte eine so eisig kalte Luft herein,

daß sich alle mit den wärmsten Pelzhüllen versahen, ehe sie ins Freie

hinaustraten.

Ein herrlicher Anblick blendete ihre Augen, als sie an der Strickleiter

hinabstiegen: unabsehbar dehnte sich eine Eis- und Schneewüste,

unterbrochen von phantastisch gezackten und wildzerklüfteten Eisbergen,

die im Glanze der Sonne in allen Farben flimmerten, je nachdem sich das

Licht im Kristall brach.

In der Ferne ragte ein ganzes Gebirge empor, das lebhaft an die

Gletscherketten der Alpen erinnerte; kurz, es war eine Landschaft voll

Großartigkeit, die ein Gefühl der Andacht in aller Herzen erweckte.

Doch hatte ein längerer Aufenthalt hier keinen Zweck: die Eiswüsten des

Saturns gedachten unsere Freunde nicht zu erforschen, so lange sie

hoffen konnten, interessantere Gebiete für ihre Entdeckungen zu finden.

Immerhin mußte die entzückende Polarlandschaft auf einigen

photographischen Platten ihre größten Reize festhalten lassen.

Plötzlich rief Mietje aus, indem sie verwundert den Himmel betrachtete:

»Wo ist denn der Ring? Er scheint verschwunden zu sein: von einem

Horizont zum andern kann ich keine Spur mehr von ihm entdecken!«

Alle schauten auf und Münchhausen erklärte: »Das ist ja ein schöner

Reinfall! Da sind wir am Ende auf einen ganz andern Planeten geraten,

wohl gar auf einen vergletscherten Saturnmond. So geht es, wenn man ins

Blaue hineinfährt und nicht einmal Ausschau halten kann, wohin man sich

bewegt und was sich unter einem befindet! Oder ist der Saturngürtel

verhext und kann sich unsichtbar machen mittelst der berühmten

radioelektrischen Strahlen Manfreds von Rothenfels? Heda, Professorchen,

lassen Sie Ihre wissenschaftliche Bogenlampe strahlen, wenn angesichts

dieses rätselhaften Verschwindens bei Ihnen nicht, wie gewöhnlich, alle

Wissenschaft sich aufhört!«

»I wo denn?« erwiderte Schultze kühl: »Da hört sich die Wissenschaft

doch gar nicht auf, ganz im Gegenteil! Das weiß jeder angehende

Astronom, daß die Saturnringe auf dem größten Teil der Polarzone

überhaupt nicht zu sehen sind, aus dem einfachen Grunde, weil sie unter

dem Horizont stehen. Weiter südlich würden wir nur den äußeren Ring

erblicken und erst beim Überschreiten des Polarkreises würden allmählich

auch die inneren Reifen auftauchen: es ist also alles in Ordnung und war

gar nicht anders zu erwarten.«

Eine merkwürdige Tatsache fiel Heinz hier noch auf, als er einen losen

Eisblock zu heben versuchte: Der stattliche Brocken erwies sich als ganz

unglaublich leicht im Verhältnis zu seiner Masse; da dies weder von

einer geringeren Anziehungskraft des Planeten herrühren konnte, noch das

Eis eine losere Struktur zeigte, als es beim irdischen Eise der Fall

ist, mußte angenommen werden, daß das Eis auf dem Saturn und demnach

wahrscheinlich auch das Wasser dort an und für sich weit weniger Gewicht

oder Dichtigkeit habe als auf der Erde.

Nachdem sich alle von der seltsamen Leichtigkeit des Blocks überzeugt

und das gleiche auch an andern Eisstücken festgestellt hatten, begaben

sie sich wieder ins Innere ihres Fahrzeugs.

»Wir dürfen nicht mehr so planlos landen,« erklärte der Engländer: »Wir

müssen ein Mittel ersinnen, das uns aus der Lage befreit, hiebei nur ein

Spielball des Zufalls zu sein. He, Professor! Strengen Sie Ihren großen

Geist an und setzen Sie uns in den Stand, unsere Landungsstelle nach

eigenem Gutdünken auszuwählen!«

Bevor Schultze recht begonnen hatte, sein Gehirn anzustrengen, trat

Heinz Friedung mit folgendem Vorschlag hervor:

»Spannen wir ein Netz unmittelbar unter dem Fenster unseres

Antipodenzimmers aus. In dieses Netz kann sich ein Beobachter legen;

wird die Fliehkraft ausgeschaltet, so liegt er eben auf dem Bauch über

dem Fenster, ist der Strom geschlossen, so fällt er auf den Rücken weich

in das Netz zurück. Jedenfalls kann er andauernd die Saturnoberfläche im

Auge behalten und uns im Zenithzimmer durch elektrische Klingelzeichen

verständigen, ob wir steigen, fallen oder uns endgültig niederlassen

sollen. Drei verabredete Zeichen genügen hiefür. Da übrigens außer dem

elektrischen Läutewerk auch ein Telephon in jedem Zimmer vorhanden ist,

kann er, wenn etwas Besonderes zu melden sein sollte, auch telephonische

Nachricht geben.«

»Ausgezeichnet!« lobte Schultze: »Den Beobachtungsposten will ich

einnehmen.«

»Nichts da!« protestierte Münchhausen: »Ich freue mich schon lange

darauf, als Erster zu schauen, wie der Saturn aus nächster Nähe

aussieht. Die Sonnenfinsternis hat mich um diese Hoffnung betrogen,

jetzt will ich wenigstens als Beobachter im Mastkorb mein Ziel

erreichen, wozu ich mich als alter Seemann auch am besten eigne.«

Der Professor schüttelte lachend den Kopf: »Ihr spezifisches Gewicht,

edler Hugo, macht die Sache zu gefährlich; wie Spinnwebe würden die

stärksten Netze reißen, wollten Sie sich ihnen anvertrauen.«

»O,« sagte Flitmore, »ich habe eine Hängematte an Bord, die aus so

starken Baststricken geflochten ist, daß selbst unseres Kapitäns paar

Zentner sie nicht aus der Fassung bringen können; auch ist sie so groß,

daß sie ihm Raum genug bietet, also gönnen wir ihm das Vergnügen.«

Der Professor hätte zwar auch gern die ersten Entdeckungen gemacht, doch

wollte er sie dem älteren Freunde nicht streitig machen, und so wurde

denn Münchhausen mit einem Feldstecher bewaffnet im »Mastkorb«, wie er

sich ausdrückte, untergebracht, sobald das Netz an Ort und Stelle

befestigt war.

Dann wurde die Fliehkraft eingeschaltet und der Kapitän schwebte, auf

dem Rücken liegend, in der Hängematte unmittelbar unter dem Fenster, das

sich von dem eisigen Grunde trennte, auf dem es bis jetzt aufgeruht

hatte.

So schaute er hinauf in die Eisgefilde, die über ihm zu schweben

schienen und mit ihren Bergen und Schroffen drohend genug aussahen. Es

war ein eigentümlicher, unheimlicher Anblick, diese blitzenden Massen so

über sich herabhängen zu sehen, als müßten sie niederstürzen und alles

zermalmen. Immerhin wußte Münchhausen ja zur Genüge, daß dies alles nur

so schien, weil die Sannah nun ihren eigenen Schwerpunkt in ihrem

Zentrum besaß, und daß der Saturn seine Oberfläche fest genug halten

würde.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 29 / 70 题