22. Ein Besuch auf dem Saturn.

Da die Hitze allmählich unerträglich wurde, mußte die Fliehkraft in

voller Stärke eingeschaltet werden, damit die Sannah möglichst schnell

aus dem Bereiche des ungastlichen Planeten gelangte.

Als dies erreicht war, verlangsamte Flitmore wieder den Flug. Er wollte

doch auch den Saturn näher in Augenschein nehmen, und da dieser Planet

auf seiner Bahn just ziemlich weit entfernt war, galt es diesmal, das

Sonnensystem sich ein wenig von der Sannah entfernen zu lassen, bis

Saturn sich soweit genähert hatte, daß man sich im Bereich seiner

Anziehungskraft befand.

Das konnte ein paar Tage dauern, wenn mit Ein- und Ausschalten des

Stroms zielbewußt abgewechselt wurde; und das war notwendig, denn bei

stetig eingeschaltetem Strom wäre das Sonnensystem in kürzester Frist

der Sannah entschwunden, diese wäre nicht bloß über die Saturnbahn,

sondern über die Neptunbahn hinausgeflogen und hätte bald kein Mittel

mehr gehabt, in das Sonnensystem zurückzukehren, weil sie über die

Anziehungssphäre der Sonne und ihrer Planeten hinausgekommen sein würde.

Wäre dagegen umgekehrt die Fliehkraft dauernd abgestellt worden, so

hätte das Weltschiff der Anziehungskraft der Sonne oder eines Planeten

erliegen müssen, vielleicht auch wäre es den Gravitationsgesetzen gemäß

selber wie ein Planet um die Sonne gekreist.

Diese Wartezeit wurde zu allerlei Arbeiten in den verschiedenen

Werkstätten benutzt; photographische Aufnahmen wurden entwickelt und

musikalische Unterhaltungen veranstaltet; auch versammelte man sich

fleißig zu gemütlicher Unterhaltung oder las ein Buch aus der

reichhaltigen Bibliothek vor, die der umsichtige Lord mitgenommen hatte.

Vor allem aber mußte Schultze astronomische Vorträge halten, da Mietje,

Münchhausen und Heinz Friedung das Bedürfnis empfanden, ihre Kenntnisse

auf dem Gebiet, das bei dieser Weltfahrt das wichtigste war, zu

ergänzen, ganz abgesehen natürlich von John Rieger, der den Vorträgen

mit besonderer Andacht lauschte und am fleißigsten das von vornherein

verkündigte Recht benutzte, den Redner jederzeit mit Fragen zu

unterbrechen.

In diesen Tagen wurde Münchhausens Geburtstag mit besonderem Glanze

gefeiert und Küche und Keller mußten das Beste dazu liefern, was sie

besaßen, beziehungsweise was Lady Flitmores und Johns Kochkunst

hervorzuzaubern vermochten. Denn wenngleich der Kapitän auch zu

entbehren, ja zu hungern vermochte, wenn es darauf ankam, so fühlte er

sich doch am aufgeräumtesten bei einer vollbesetzten Tafel mit

auserlesenen Genüssen und köstlichen Weinen.

Die Krone des Festmahls bildeten aber immer noch die unvergleichlichen

Früchte der Tipekitanga, die auch den Vorzug aufwiesen, sich völlig

frisch zu erhalten. Sie büßten weder ihre Leuchtkraft noch ihre

Nährkraft und ihren Wohlgeschmack ein.

Endlich kam der Saturn in Sicht und die Sannah wurde seiner

Anziehungskraft überlassen.

Schultze benutzte die Gelegenheit zu einer kleinen Repetition über das,

was er schon in seinen Vorträgen über den ringumkreisten Planeten gesagt

hatte.

»Wie gesagt,« führte er dabei aus, »ist Saturn nicht einmal so dicht wie

das Wasser. Er hat zweifellos eine Atmosphäre und ist der zweitgrößte

Planet, 780mal so groß wie die Erde. Seine Rotationsdauer beträgt nur

10¼ Stunden, also hat er wenig mehr als 5 Stunden Tag und 5 Stunden

Nacht bei Tag- und Nachtgleiche am Äquator. Um so länger dauert sein

Jahr, nämlich nach irdischer Rechnung 29 Jahre, 166 Tage, 5 Stunden und

16½ Minuten.«

»Herrlich!« rief Münchhausen aus: »Da lassen wir uns nieder; bedenken

Sie, wenn da einer hundert Jahre alt wird, so ist das gleich 2900 und

etlichen Erdenjahren. Da kann Methusalah nicht daran hin!«

»Nur wird es mit dem Niederlassen einige Schwierigkeiten haben,« meinte

der Professor: »Sie könnten sich da in eine schöne Sauce hineinsetzen,

vielleicht in steifen Grog, wie Sie vermuteten; darin würden Sie sich ja

wohl ganz gut konservieren.«

»Ganz famos!« bestätigte der Kapitän.

»Nun, wir werden ja bald sehen, wie die Terrainverhältnisse dort sind,«

fuhr Schultze fort: »Sollte die so undichte Masse glutflüssig sein wie

auf dem Jupiter, so werden Sie ja wohl auf eine Niederlassung darin

verzichten.«

»Unbedingt!« gab Münchhausen zu: »Doch hoffe ich nicht, daß der alte

Saturn mir solch eine Enttäuschung bereiten wird.«

»Wie gesagt, wir werden das bald sehen«, wiederholte der Professor. »Das

Interessanteste am Saturn sind jedenfalls seine Ringe; auch hat er

bekanntlich nicht weniger als acht Monde; doch weil wir ja eben im

Begriff sind, das alles selber zu schauen, will ich mich nicht weiter

darüber verbreiten, da ich, wenn es je nicht stimmte, was ich darüber zu

sagen weiß, doch nur der Blamierte wäre.«

Die Sannah war über die Saturnbahn hinausgekommen, als der Planet in

ihre Nähe kam und so senkte sie sich zunächst gegen seine Nachtseite.

Flitmore hatte erwartet, daß die Saturnringe aus Nebelmasse beständen,

obgleich er es nicht für unmöglich hielt, daß sie auch aus festen

Stoffen gefügt sein könnten oder, wie auch angenommen wird, aus einer

dichten Wolke sehr kleiner Trabanten.

Er trachtete danach, den innersten der drei Saturnringe, der

verhältnismäßig dunkel ist und verschwommene Umrisse aufweist, zu

erreichen; dies gelang ihm auch.

Dieser Ring ist trotz seiner Breite der schmälste der drei; er ist nicht

ganz so breit wie der äußere helle Ring und weniger als halb so breit

wie der mittlere.

Die Sannah fand festen Grund und ruhte auf ihm auf.

Es war gerade Zeit zur Nachtruhe und alle begaben sich schlafen bis auf

die jeweiligen Wachhabenden.

Als am andern Morgen alle beim Frühstück versammelt waren, nahm Kapitän

Münchhausen folgendermaßen das Wort:

»Professor, Sie haben behauptet, die Saturnnacht dauere durchschnittlich

5 Stunden. Warum wird es denn gar nicht Tag? Oder sollten wir den kurzen

Tag verschlafen haben?«

»Das nicht«, erwiderte Schultze, »aber wir befinden uns auf dem Ring,

auf dem die Verhältnisse wesentlich andre sind. Hier dauert nämlich Tag

und Nacht je ein halbes Saturnjahr, das sind 14¾ Erdenjahre. Während

dieser etwas dauerhaften Nacht ist der Ring auf das schwache Licht der

acht Saturnmonde und auf dasjenige des Saturns selber angewiesen, der

ihm, entsprechend seiner Rotation, periodisch leuchtet.«

»Hollah!« wetterte der Kapitän: »Und da warten wir nun wohl hier ab, bis

es Tag wird.«

»Allerdings,« schaltete Flitmore ein: »Aber beruhigen Sie sich, Kapitän,

die Sannah sitzt an einem Punkte des Rings, dem schon in zwei Stunden

die Sonne aufgehen wird, nachdem er sie seit fast 15 Jahren nicht mehr

gesehen.«

Dies bestätigte sich: zwei Stunden darauf ward es Tag; freilich, die

Sonne leuchtete weit nicht mit dem Glanze, mit dem sie die Erde

bescheint, ist sie doch von Saturn neunmal weiter entfernt als von der

Erde.

Nun wurde ein Abstieg auf den Ring gewagt. Er zeigte sich aus sehr

leichten schwammigen Stoffen gefügt und wies zahlreiche Löcher und Risse

auf, die durch und durch gingen.

Ganz entzückend und wahrhaft großartig war die Aussicht auf die

ungeheure Saturnkugel, die mächtige Gebirgszüge aufwies.

Auch der Ring war durchaus nicht eben, sondern zeigte mannigfaltige

Erhebungen, zum Teil recht stattliche Berge; aber die Wanderung wurde

jäh unterbrochen durch einen Riß, der den Ring in seiner ganzen Breite

durchlief.

Späterhin beobachteten unsre Freunde, daß alle drei Ringe durch

zahlreiche mehr oder weniger breite Spalten in einzelne Stücke geteilt

waren, die einander nicht berührten, daß aber diese Risse sich mehr und

mehr schlossen unter dem ausdehnenden Einfluß der Sonnenhitze.

Das ließ sich leicht feststellen, da die Teile des Rings, die schon

längere Zeit Tag hatten, zunehmend schmälere und schließlich gar keine

Lücken mehr aufwiesen, während auf der Nachtseite der Ringe die Klüfte

sich fortschreitend verbreiterten.

»Herrlich! Großartig! Wunderbar!« rief Schultze einmal über das andre:

»Wie ganz anders vermögen wir doch nun die Dinge dahier zu erkennen, als

die armen erdfernen Astronomen mit ihren besten Instrumenten. Wenn ich

nur bedenke, wie lange es dauerte, bis überhaupt erkannt wurde, daß

Saturn von einem Ring umgeben ist. Zwar hat ihn schon Galilei durch das

erste von einen Astronomen benutzte Fernrohr gesehen, doch glaubte er,

es handle sich um Auswüchse, die mit dem Planeten zusammenhingen. Erst

Huygens, der auch den ersten Satelliten des Saturn entdeckte, nämlich

den sechsten seiner acht Monde, erkannte, daß es ein Ring sei, der frei

um den Planeten schwebe, und Herrschel konnte dann die Rotationsdauer

des Ringes oder vielmehr der Ringe berechnen, die annähernd die gleiche

ist, wie die ihres Zentralkörpers.«

Da auch in der entgegengesetzten Richtung bald eine Spalte ein weiteres

Vordringen unmöglich machte, auch die Erforschung der Ringe wenig

Interessantes mehr zu bieten schien, wurde beschlossen, sich alsbald auf

den Planeten selber zu begeben.

Bald sank die Sannah unter die niedre Luftschicht, die um die Ringe

lagerte und nach kurzem, aber ungeheuer raschem Sturz trat sie in die

Saturnatmosphäre ein.

Hier verlangsamte Flitmore sofort die Fallgeschwindigkeit, und das

Weltschiff schwebte träge zur Oberfläche nieder.

»Mylord,« fragte währenddessen John seinen Herrn, »warum gehen wir nie

in die untern Zimmer, wenn wir einen Abstieg unternehmen? Da könnten wir

so schön alles aus der Vogelprospektiefe beobachten, wie wir näher und

näher kommen; hier oben aber sehen wir nichts als den Ring, der sich von

uns entfernt.«

Man sieht, daß John sich seinem Herrn gegenüber keiner so gewählten

Sprache befleißigte, wie wenn er den gelehrten Professor anredete; das

kam aber nicht etwa von einem Mangel an Respekt, sondern weil er aus

langjähriger Erfahrung wußte, daß der Lord viele Redensarten nicht

leiden mochte.

Flitmore gab seiner treuen Dienerseele folgende Auskunft: »Siehst du,

John, um den Fall der Sannah nicht zum verderblichen Sturz werden zu

lassen, muß ich die Fliehkraft abwechselnd ein- und ausschalten. Dadurch

wird aber jedesmal für die unteren Räume und die Seitenzimmer der

Schwerpunkt verändert: schalte ich die Zentrifugalkraft ein, so werden

wir gegen den Mittelpunkt unsres Fahrzeugs gezogen, schalte ich sie aus,

so zieht uns der Saturn an. Du wirst dich erinnern, was dies zur Folge

hatte, als wir die Erde verließen. Hier wäre es genau so: im untern

Zimmer würden wir abwechselnd von der Decke auf den Fußboden stürzen und

umgekehrt; in den Polzimmern würden wir zwischen der dem Saturn

zugekehrten Seitenwand und dem Fußboden hin- und hergeschleudert. Hier

oben aber liegt der Mittelpunkt der Sannah genau wie der Mittelpunkt des

Planeten zu unsern Füßen und meine Manöver verändern den Schwerpunkt in

keiner Weise. Das ist der Grund, weshalb wir hier wie bei unserm Abstieg

auf den Mars und die Tipekitanga auf die Beobachtung des Geländes, dem

wir uns nähern, verzichten müssen, so schade dies auch ist.

Du weißt ja, daß ich diesen Umstand beim Bau des Schiffes nicht in

Betracht gezogen habe und selber von der alles auf den Kopf stellenden

Wirkung der Fliehkraft überrascht wurde; sonst hätte ich Vorsorge

getroffen, daß wir wenigstens durch außen angebrachte Spiegel in den

Stand gesetzt worden wären, von diesem unserm Zenithzimmer aus zu

betrachten, was unter uns liegt.«

Ein sanfter Ruck zeigte an, daß die Saturnoberfläche erreicht war. Die

Sannah ruhte auf.

Daß diese Oberfläche weder flüssig noch glühend war, hatte man schon vom

Ring aus feststellen können, sonst wäre der Plan einer Landung

selbstverständlich ausgeschlossen gewesen.

Begierig zu schauen, welche neuen Wunder sich ihnen hier offenbaren

würden, verließen unsere Freunde das Fahrzeug durch das Nordpolzimmer,

nachdem die Lucke geöffnet und die Strickleiter hinabgelassen worden

war.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 28 / 70 题