Die Sannah näherte sich dem größten aller Planeten, dem Jupiter, und
Flitmore begünstigte die Annäherung durch zeitweise Unterbrechung des
Zentrifugalstroms.
»Seien Sie vorsichtig!« warnte Münchhausen: »Ich habe großen Respekt vor
dem obersten aller olympischen Götter und fürchte sehr, er könnte uns
einen Streich spielen, wie dem unseligen Biela-Kometen, wenn wir uns ihm
allzu naseweis nähern. Stellen Sie sich das Unglück vor, wenn sein
gewaltiger Einfluß unsre Sannah in zwei Hälften teilen würde, vielleicht
just während wir uns in unsern verschiedenen Schlafkojen eines sorglosen
Schlummers erfreuen. Dann würde unsre schöne Gesellschaft getrennt und
wir könnten uns vielleicht nie wieder zusammenfinden.«
»Beruhigen Sie sich,« lachte der Lord: »Ich werde mich hüten, dem
Jupiter Anlaß zu solch grausamer Maßregel zu geben. Wir wollen ihn uns
nur etwas aus der Nähe betrachten.«
»Wollen wir nicht auch auf ihm landen, wie auf dem Mars und der
reizenden Tipekitanga?« fragte Lady Flitmore eifrig.
»Das hängt ganz davon ab, wie die Verhältnisse des Planeten sich uns
darstellen.«
»Hat er überhaupt eine Atmosphäre?« erkundigte sich Heinz.
»Vermutlich sogar eine sehr dichte,« belehrte Schultze, »denn er zeigt
ein sehr starkes Albedo.«
»Die Astronomen der Erde sind sogar im Zweifel, ob ihre Teleskope ihnen
überhaupt die Oberfläche des Jupiter zeigen,« mischte sich der Lord ein:
»Sie rechnen mit der Möglichkeit, daß das, was sie sehen, nur
Kondensationsprodukte, das heißt Verdichtungserscheinungen seiner
Lufthülle sind. Jedenfalls läßt sich von ihm keine Karte entwerfen, wie
vom Mars; denn das, was man erblickt, ist äußerst veränderlich. Nur zwei
dunkle Streifen bleiben dauernd sichtbar.«
John aber hatte vorhin den Professor von einem »Albedo« reden hören, das
war ihm ein völlig unbekanntes Wort, zumal es das Vorhandensein einer
dichten Lufthülle beweisen sollte. Er konnte das nicht hingehen lassen,
er mußte sich auch hierüber belehren und fragte daher:
»Herr Professor, um keine langwierigen Umschweife zu machen, gestatten
Sie mir wohl, infolge Ihrer unabsehbaren Liebenswürdigkeit, geradeheraus
eine Frage an Sie zu richten, die mir für meine Bildungsvollkommenheit
unabgängig zu sein scheint; weil Sie nämlich soeben sich äußerten, als
habe der Jupiter ein starkes Torpedo, so ist mir das von den
Kriegsschiffen her bekannt aber nicht begreifbar, wieso das mit den
atmosphärischen Verhältnissen wesentlich zu tun habe; das muß wohl eine
ganz andre Art von Torpedo sein.«
»Ja, mein Sohn!« lachte der Professor: »Es ist eine durchaus andre Art
von Torpedo und schreibt sich Albedo. Albedo ist nämlich das mittlere
Verhältnis der ausgestrahlten Lichtmenge eines Körpers zur
eingestrahlten.«
»Ach so!« erwiderte John zögernd; offenbar war ihm die Sache sehr
unklar. Er hatte ein sehr schwaches Albedo, denn das Licht, das
Schultzes Weisheit in ihn einstrahlte, strahlte nur sehr unvollkommen
aus seinen Zügen zurück.
»Ich will dir das näher erläutern,« sagte der praktische Engländer.
»Siehst du, wenn die Sonne auf einen schwarzen Stoff scheint, so saugt
dieser das meiste Licht auf oder absorbiert es, wie die Gelehrten sagen,
damit man sie nicht so leicht verstehen soll. Der schwarze Stoff wirft
nur wenig von dem Licht zurück, das ihn bestrahlt; er hat also ein
schwaches Albedo. Fällt dagegen der gleiche Sonnenstrahl auf einen
Spiegel, so wirft dieser das Licht fast ungeschwächt zurück, er blitzt
so hell, daß du nicht hineinsehen kannst; er hat also ein sehr starkes
Albedo.
Nun weiß man, wie viel Sonnenlicht den Jupiter oder sonst einen Planeten
trifft und wie hell er uns demnach erscheinen müßte, wenn er das ganze
Licht ungeschwächt auf uns zurückstrahlte. Je geringer nun sein Glanz im
Verhältnis zu diesem eingestrahlten Licht ist, desto geringer ist sein
Albedo und umgekehrt.
Die Erde hat eine Lufthülle, die so dünn ist, daß sie das meiste Licht
durchläßt und wenig davon zurückwirft; erst der Erdboden wirft das Licht
zurück, das ihn trifft, aber nur einen Teil davon, das meiste
verschluckt er. Darum hat die Erde ein schwaches Albedo. Wäre sie mit
einer Schneedecke bedeckt, dann würde ihr Albedo weit stärker, da der
Schnee das Licht reichlich zurückstrahlt.
Eine recht dichte, dunstige und wolkige Lufthülle wirft das Licht
ebenfalls stark zurück. Wenn daher ein Planet ein starkes Albedo hat,
das heißt im Verhältnis zu seiner Bestrahlung durch die Sonne recht hell
erscheint, nimmt man an, er habe eine besonders dichte Atmosphäre; dies
ist vor allem bei Venus der Fall. Mars hat ziemlich das gleiche Albedo
wie die Erde, und Merkur ist der einzige Planet, der ein geringeres
Albedo aufweist, also eine dünnere Luft zu haben scheint.
Allerdings muß man dabei nicht vergessen, daß eine spiegelnde
Oberfläche, eine Schneedecke oder etwa eigenes Licht, das der Planet
noch ausstrahlen könnte, ebensogut das starke Albedo erzeugen können wie
eine dichte Atmosphäre; völlige Sicherheit mangelt also auch diesen
Schlüssen.«
»Hören Sie, Lord,« bruddelte Schultze, sich höchst ärgerlich stellend:
»Sie haben mich als Astronomen der Expedition angeworben; wenn Sie aber
selber in der Astronomie so gründlich bewandert sind, dann sehe ich
nicht ein, was für einen Zweck ich hier habe!«
»Beruhigen Sie sich,« lachte Flitmore: »Mit einigen astronomischen
Kenntnissen habe ich mich freilich versehen, da ich in die Sternenwelt
reisen wollte; aber ich bin durchaus nicht auf dem ganzen Gebiete so
beschlagen, wie Sie. Übrigens schadet es bei solcher Fahrt gar nichts,
wenn mehrere oder alle Teilnehmer etwas von dieser Wissenschaft los
haben. He! Münchhausen, entscheiden Sie als Sachverständiger in ganz
ähnlichem Fall. Braucht ein Schiffskapitän vom Steuern eines Schiffes
nichts zu verstehen?«
»Wo denken Sie hin!« rief der Kapitän: »Einem solchen könnte das
Kommando über ein Schiff nicht anvertraut werden; gründlich muß er's
verstehen und im Notfall selber das Steuerruder führen können.«
»Ist dann nicht ein Steuermann überflüssig, da der Kapitän ja seine
Arbeit versehen könnte?«
»Unsinn! Einen ersten und einen zweiten Steuermann sogar braucht er
höchst notwendig.«
»Da haben Sie's, Professor,« lachte der Engländer: »Das ist hier ein
ganz ähnlicher Fall.«
Bald näherte man sich dem großen Planeten, der zwölfhundertundsiebzigmal
größer als die Erde ist und fünfmal so weit von der Sonne entfernt als
sie, nämlich 773 Millionen Kilometer.
In 9 Stunden 55½ Minuten dreht sich dieser Koloß um sich selbst, seine
Tage sind also nicht halb so lang wie die irdischen; dagegen beträgt
seine Umlaufzeit um die Sonne beinahe 12 Erdenjahre, nämlich 11 Jahre,
314 Tage, 20 Stunden und zwei Minuten.
Seiner schnellen Rotation entspricht die kolossale Abplattung seiner
Pole, die nicht weniger als ein Sechzehntel beträgt.
Bei der Annäherung spürte man selbst in den geschützten Räumen der
Sannah, daß Jupiter eine starke Wärme ausströmte, weshalb sich Flitmore
nur vorsichtig seiner Anziehungskraft aussetzte und das Weltschiff sich
abwechselnd senken und wieder entfernen ließ.
Währenddessen konnte man den Planeten genau beobachten.
Zunächst sah man leuchtendes Gewölk, das von einem rasenden Orkan
dahingetrieben wurde, rascher als Jupiter selber sich um seine Achse
dreht.
Wo die zerrissenen Wolken Durchblicke gestatteten, zeigte sich ein
wogendes Meer von Glut, zwischen dem sich wenige dunkle Streifen
erstarrten Gesteins hinzogen.
»Das stimmt,« sagte Schultze, »zu der Berechnung der Dichtigkeit des
Planeten, die sich als ¼ der Erddichte ergab, also nur 1-1/3 die Dichte
des Wassers beträgt, woraus zu schließen war, daß Jupiter sich in
flüssigem Zustande befindet. Ebenso ließ sein helles Strahlen auf
eigenes Licht schließen und der unscharfe, zum Teil durchsichtige Rand
auf eine wechselnde Dunsthülle.«
»An eine Landung ist hier also nicht zu denken, meine Liebe,« wandte
sich der Lord an seine Gattin.
»Nun denn auf dem Saturn!« meinte diese.
»Dort dürfte es auch nicht besser aussehen, Mylady,« wendete der
Professor ein: »Der beringte Planet hat die geringste Dichtigkeit von
allen, nur 1/8 der Erddichte und ¾ der Dichtigkeit des Wassers.«
»Na,« behauptete Münchhausen heiter, »noch flüssiger als das Wasser soll
er sein? Dann besteht er am Ende aus steifem Grog! Da laßt uns hin!«
Mit Interesse wurden noch die vier Jupitermonde betrachtet, die nach
Schultzes Belehrung in einem Tag, 18 Stunden und 27 Minuten, 3 Tagen, 13
Stunden und 13 Minuten, 7 Tagen, 3 Stunden und 42 Minuten und in 16
Tagen, 16 Stunden und 32 Minuten um den Planeten sich drehen.
Der erste, innerste, dem Jupiter nächste Mond war von einer starken
Wolkenschicht umgeben; doch sah man an den leuchtend durchschimmernden
Stellen und den dunkeln Flecken, die sich darin zeigten, daß er in der
Erstarrung begriffen war und auf seiner glutflüssigen Oberfläche
Schlackeninseln schwammen. Er ist etwas größer als der Erdenmond.
Der zweite, bläulichweiß schimmernde Trabant, fast genau so groß wie
unser Mond, zeigte ebenfalls glutflüssige und erstarrte Stellen.
Der dritte, größte und hellste befand sich in gleichmäßiger Rotglut, die
meist ins Gelbliche spielte. Er war außerordentlich stark abgeplattet
und rotierte sehr schnell.
Der vierte Jupitermond, der zuweilen als der lichtschwächste erscheint,
zuweilen aber alle andern überstrahlt, war von einer leuchtenden,
scharfbegrenzten Wasserdampfhülle umgeben.
»Diese Monde,« bemerkte Schultze, »gewähren den kurzen Jupiternächten
eine äußerst zweifelhafte Beleuchtung, da die drei innersten stets vom
Schattenkegel verfinstert werden und auch sonst mit unsrem irdischen
Mondlicht nicht konkurrieren können.«