20. Die Seeschlange.

Das Gespräch über die Kometen war während des Mittagsmahls geführt

worden; deshalb hatte sich Münchhausen so wenig daran beteiligt, denn

wenn er an der gewaltigen und doch so angenehmen Arbeit war, seinen

Appetit zu stillen, ließ er die andern behaupten, was sie wollten, das

war ihm alles Nebensache.

John fühlte sich durch die neuen Lichter, die ihm über die Kometen

aufgesteckt worden waren, so erleuchtet, daß er zum Schluß begeistert

äußerte: »Die Asternomie ist doch sozusagen die hochwohllöblichste

Wissenschaft, indem daß sie das höchste Lob verdient, sowohl von wegen

ihres Verstandes der unbekanntesten und schwierigsten Probleme, sowie

von wegen der besonderen Interessantheit und Wichtigkeit ihrer

Entdeckungstatsachen.«

»Lieber Freund,« widersprach der Kapitän, den letzten Bissen mit einem

Schluck Wein begießend: »Es fehlt der Astronomie nur ein einziger

Buchstabe, um das Lob zu verdienen, das du ihr spendest. Weil ihr aber

dieser Buchstabe fehlt, kommt sie erst in zweiter Linie.«

»Und was wäre dann, wenn Sie mir gütigst zu fragen gestatten,

hochverehrtester Herr Kapitän, dieser Buchstaben?« fragte John

verwundert.

»Das G,« erwiderte Münchhausen überzeugt: »Über die Astronomie und alle

andern Wissenschaften geht die Gastronomie.«

»Die Gasternomie?« wiederholte John, hochaufhorchend. »Verzeihen Sie

bescheidenst, wenn mir das leider vollständig unbekannt zu sein der Fall

ist, daß es auch eine sobenannte Wissenschaft gibt, wo ich doch der

schmeichelhaften Meinung war, alle Wissenschaften zu kennen, aus welchem

Grunde ich Ihnen besonders zu Dankbarkeit verpflichtet wäre, wenn Sie

mich auch diese Wissenschaft lernen wollten.«

»Die lernt man nicht, die genießt man, mein Sohn; es ist eine

Wissenschaft, die einem angeboren sein muß; sie beschäftigt sich mit dem

Eßbaren und Trinkbaren und lehrt, was gut schmeckt und bekömmlich ist,

sowie was man zu tun hat, um besonders schmackhafte Speisen und Getränke

zu bereiten. Ihr Lehrbuch ist das Kochbuch, das aber ohne angeborenes

Genie geringen Wert hat. Übrigens genügt es, die leiblichen Genüsse

recht zu schätzen und zu genießen, um ein tüchtiger Gastronom zu sein,

wenn man auch ihre Zubereitung nicht selber verstünde. Schau, ohne

Astronomie und alle andern Wissenschaften kann der Mensch leben und

glücklich sein, nicht aber ohne Essen und Trinken; ja, ohne diese

notwendigste aller Beschäftigungen wäre er gar nicht imstande, irgend

einer andern Wissenschaft sich hinzugeben; daher ist die Gastronomie die

Grundlage und Seele aller andern Wissenschaften.«

»Das dürfte ja wohl sozusagen stimmen,« meinte Rieger nachdenklich: »Und

mit hungrigem Magen bin ich auch nicht für die Wissenschaften

aufgelegt.«

»Also!« triumphierte Münchhausen: »die wichtigste Frage ist nicht _die_,

wie schnell sich ein Weltkörper bewegt, wie weit er von uns entfernt ist

und was für Stoffe ihn zusammensetzen, sondern ob es auf ihm auch etwas

Gutes zu essen gibt, und das kann uns die Astronomie nicht enthüllen.«

»Viel wichtiger erscheint mir,« sagte Mietje lachend, »zu wissen, was

für Geschöpfe auf einem Planeten hausen, dem wir einen Besuch abstatten

wollen; denn solchen scheußlichen Ringelwürmern wie auf dem Mars möchte

ich doch nicht wieder begegnen.«

»Kleinigkeit!« brummte der Kapitän: »Geben Sie mir eine gute Mahlzeit

und ich pfeife auf alle Lumbriciden und andere Ungeheuer.«

»Na, na!« spöttelte Schultze: »Auf dem Mars ist Ihnen das Pfeifen doch

vergangen; Sie schienen wenigstens bereits aus dem letzten Loch zu

pfeifen, als Sie »unter Larven die einzige fühlende Brust« sich am Boden

wälzten.«

»Unsinn! Wer wie ich schon die Seeschlange bekämpft und besiegt hat,

sollte sich vor solch harmlosem Gewürm fürchten?«

»Die Seeschlange? Die echte, fabelhafte Seeschlange?« fragte Heinz

neugierig.

»Gewiß! Ein Ungeheuer, zwanzig Meter lang und dick wie eine

Hochwaldtanne.«

»Bitte, erzählen Sie uns doch dieses bemerkliche Abenteuer, wenn ich mir

die Unbescheidenheit erlauben darf,« bat John.

»Ja, das war eine schlimme Geschichte,« hub der Kapitän schmunzelnd an.

»Also! Wir fuhren auf der Höhe von Kap Horn, als der zweite Steuermann,

Petersen hieß er, auf mich zukommt und sagt: >Kapitän, dort taucht der

Rücken eines Wals aus dem Wasser.<

Ich schaue hin: >Nee,< sag ich, >das sind Delphine<, denn ich sah fünf

Rücken in einer Reihe hintereinander über dem Meeresspiegel. >Vorhin war

es bloß einer,< versicherte Petersen, >aber jetzt scheint es mir selber,

es sind Delphine.<

Die Geschöpfe bewegten sich, doch man sah weder Kopf noch Schwanz

auftauchen und plötzlich rufe ich: >Kinder, das sind auch keine

Delphine; das sind die Rückenwölbungen eines einzigen Ungeheuers: es ist

die Seeschlange!<

Das gab ein Hallo, ein Laufen und Schreien! Die Seeschlange aber, sobald

sie sich erkannt sah, gab ihr Versteckspiel auf und hob den scheußlichen

Kopf über das Wasser. Sie wuchs empor wie ein Riesenmast und bald wiegte

sich ihr Haupt über dem Schiff. Die sonst nicht so furchtsamen Matrosen

stürzten alsbald feige davon und verkrochen sich in den Lucken. Ich

allein blieb auf dem Posten und das entsetzliche Reptil streckte den

Hals nach mir aus, den gewaltigen Rachen aufsperrend.«

»Natürlich! Ein so fetter Bissen mußte ihr willkommen sein!« lachte

Schultze.

»Bitte!« verwahrte sich der Kapitän: »Ich war damals noch jugendlich

schlank und äußerst behende, wie Sie bald sehen werden. Sie wählte mich

nur deshalb zum Opfer, weil ich eben der einzige war, der sich noch an

Deck befand.

Wohl war mir nicht zumute, das gestehe ich, wie dieser mörderische

Rachen mir entgegengähnte. Hoch in den Lüften wölbte sich der dicke Hals

zu einem Bogen, während das Haupt der Schlange sich zu mir herabsenkte.

Ich springe beiseite; der Kopf fährt mir nach. Ich, in der Verzweiflung,

setze mit gewaltigem Schwung über den Leib des Ungetüms weg, dort wo er

am Bordrand auflag. Die Seeschlange fährt mit ihrem Haupte um ihren

eigenen Leib herum, immer hinter mir her.

Da, im Momente der äußersten Gefahr, kommt mir ein rettender Gedanke.

Der Oberkörper des Reptils bildete nun einen Ring über dem Verdeck und

mit der Kühnheit der Verzweiflung springe ich durch diesen gräßlichen

Ring hindurch mit gleichen Füßen. Keine Zirkuskünstlerin hätte es besser

machen können.

Was ich gehofft hatte, trat ein. Die Schlange in ihrer gedankenlosen

Verfolgungswut fährt mir auch diesmal mit dem Kopfe nach, der somit

durch den Ring schlüpft, der durch ihren eigenen Oberleib gebildet

wurde. Das gab eine regelrechte Schleife.

[Illustration: Der Kapitän und die Seeschlange.]

Nun renne ich aus Leibeskräften das Verdeck entlang. Das Scheusal will

mich verfolgen; aber nun zieht sich die Schleife zu, es gibt einen

Knoten, der sich eng um den Hals der Seeschlange zusammenzieht. Zu spät

merkt sie diesen fatalen Umstand, es gelingt ihr nicht mehr, den dicken

Kopf zurückzuziehen; ihre wütenden Bewegungen ziehen den Knoten bloß

immer fester an, bis sie schließlich jämmerlich erstickt, von der

Schleife des eigenen Körpers erdrosselt.

Schlaff hing das widerliche Haupt mit hervorquellenden Augen herab und

mit dumpfem Fall stürzte der Oberkörper des gigantischen Reptils auf das

Schiffsdeck, während der Schweif noch eine Weile krampfhaft das Meer

peitschte.

Ich rief die zitternden Matrosen herauf und sagte ihnen: »Da, ziehet das

Vieh vollends an Bord, wir wollen es dem ozeanographischen Museum auf

den Falklandsinseln stiften. Wie ihr seht, habe ich die Schlange gut

gefaßt und trotz ihres gewaltigen Sträubens einen Knoten in ihren Hals

geschlungen, daß sie elendiglich ersticken mußte.«

Ich sage Ihnen, die Matrosen, die den so einfachen und natürlichen

Hergang nicht ahnten, bekamen nun vor mir einen wahrhaft abergläubischen

Respekt, vertrauten und folgten mir blindlings. Das hatte ich meinem

gewandten Sprung und der Unvorsichtigkeit der Seeschlange zu danken.«

»Er lebe hoch!« rief Schultze lachend und alle stimmten mit ein und

stießen an auf den gewaltigen Helden und Drachentöter, dessen fabelhafte

Geistesgegenwart, wie der Lord schalkhaft bemerkte, die ganze

Reisegesellschaft getrost allen kommenden Gefahren entgegensehen lassen

könne.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 26 / 70 题