Das Gespräch über die Kometen war während des Mittagsmahls geführt
worden; deshalb hatte sich Münchhausen so wenig daran beteiligt, denn
wenn er an der gewaltigen und doch so angenehmen Arbeit war, seinen
Appetit zu stillen, ließ er die andern behaupten, was sie wollten, das
war ihm alles Nebensache.
John fühlte sich durch die neuen Lichter, die ihm über die Kometen
aufgesteckt worden waren, so erleuchtet, daß er zum Schluß begeistert
äußerte: »Die Asternomie ist doch sozusagen die hochwohllöblichste
Wissenschaft, indem daß sie das höchste Lob verdient, sowohl von wegen
ihres Verstandes der unbekanntesten und schwierigsten Probleme, sowie
von wegen der besonderen Interessantheit und Wichtigkeit ihrer
Entdeckungstatsachen.«
»Lieber Freund,« widersprach der Kapitän, den letzten Bissen mit einem
Schluck Wein begießend: »Es fehlt der Astronomie nur ein einziger
Buchstabe, um das Lob zu verdienen, das du ihr spendest. Weil ihr aber
dieser Buchstabe fehlt, kommt sie erst in zweiter Linie.«
»Und was wäre dann, wenn Sie mir gütigst zu fragen gestatten,
hochverehrtester Herr Kapitän, dieser Buchstaben?« fragte John
verwundert.
»Das G,« erwiderte Münchhausen überzeugt: »Über die Astronomie und alle
andern Wissenschaften geht die Gastronomie.«
»Die Gasternomie?« wiederholte John, hochaufhorchend. »Verzeihen Sie
bescheidenst, wenn mir das leider vollständig unbekannt zu sein der Fall
ist, daß es auch eine sobenannte Wissenschaft gibt, wo ich doch der
schmeichelhaften Meinung war, alle Wissenschaften zu kennen, aus welchem
Grunde ich Ihnen besonders zu Dankbarkeit verpflichtet wäre, wenn Sie
mich auch diese Wissenschaft lernen wollten.«
»Die lernt man nicht, die genießt man, mein Sohn; es ist eine
Wissenschaft, die einem angeboren sein muß; sie beschäftigt sich mit dem
Eßbaren und Trinkbaren und lehrt, was gut schmeckt und bekömmlich ist,
sowie was man zu tun hat, um besonders schmackhafte Speisen und Getränke
zu bereiten. Ihr Lehrbuch ist das Kochbuch, das aber ohne angeborenes
Genie geringen Wert hat. Übrigens genügt es, die leiblichen Genüsse
recht zu schätzen und zu genießen, um ein tüchtiger Gastronom zu sein,
wenn man auch ihre Zubereitung nicht selber verstünde. Schau, ohne
Astronomie und alle andern Wissenschaften kann der Mensch leben und
glücklich sein, nicht aber ohne Essen und Trinken; ja, ohne diese
notwendigste aller Beschäftigungen wäre er gar nicht imstande, irgend
einer andern Wissenschaft sich hinzugeben; daher ist die Gastronomie die
Grundlage und Seele aller andern Wissenschaften.«
»Das dürfte ja wohl sozusagen stimmen,« meinte Rieger nachdenklich: »Und
mit hungrigem Magen bin ich auch nicht für die Wissenschaften
aufgelegt.«
»Also!« triumphierte Münchhausen: »die wichtigste Frage ist nicht _die_,
wie schnell sich ein Weltkörper bewegt, wie weit er von uns entfernt ist
und was für Stoffe ihn zusammensetzen, sondern ob es auf ihm auch etwas
Gutes zu essen gibt, und das kann uns die Astronomie nicht enthüllen.«
»Viel wichtiger erscheint mir,« sagte Mietje lachend, »zu wissen, was
für Geschöpfe auf einem Planeten hausen, dem wir einen Besuch abstatten
wollen; denn solchen scheußlichen Ringelwürmern wie auf dem Mars möchte
ich doch nicht wieder begegnen.«
»Kleinigkeit!« brummte der Kapitän: »Geben Sie mir eine gute Mahlzeit
und ich pfeife auf alle Lumbriciden und andere Ungeheuer.«
»Na, na!« spöttelte Schultze: »Auf dem Mars ist Ihnen das Pfeifen doch
vergangen; Sie schienen wenigstens bereits aus dem letzten Loch zu
pfeifen, als Sie »unter Larven die einzige fühlende Brust« sich am Boden
wälzten.«
»Unsinn! Wer wie ich schon die Seeschlange bekämpft und besiegt hat,
sollte sich vor solch harmlosem Gewürm fürchten?«
»Die Seeschlange? Die echte, fabelhafte Seeschlange?« fragte Heinz
neugierig.
»Gewiß! Ein Ungeheuer, zwanzig Meter lang und dick wie eine
Hochwaldtanne.«
»Bitte, erzählen Sie uns doch dieses bemerkliche Abenteuer, wenn ich mir
die Unbescheidenheit erlauben darf,« bat John.
»Ja, das war eine schlimme Geschichte,« hub der Kapitän schmunzelnd an.
»Also! Wir fuhren auf der Höhe von Kap Horn, als der zweite Steuermann,
Petersen hieß er, auf mich zukommt und sagt: >Kapitän, dort taucht der
Rücken eines Wals aus dem Wasser.<
Ich schaue hin: >Nee,< sag ich, >das sind Delphine<, denn ich sah fünf
Rücken in einer Reihe hintereinander über dem Meeresspiegel. >Vorhin war
es bloß einer,< versicherte Petersen, >aber jetzt scheint es mir selber,
es sind Delphine.<
Die Geschöpfe bewegten sich, doch man sah weder Kopf noch Schwanz
auftauchen und plötzlich rufe ich: >Kinder, das sind auch keine
Delphine; das sind die Rückenwölbungen eines einzigen Ungeheuers: es ist
die Seeschlange!<
Das gab ein Hallo, ein Laufen und Schreien! Die Seeschlange aber, sobald
sie sich erkannt sah, gab ihr Versteckspiel auf und hob den scheußlichen
Kopf über das Wasser. Sie wuchs empor wie ein Riesenmast und bald wiegte
sich ihr Haupt über dem Schiff. Die sonst nicht so furchtsamen Matrosen
stürzten alsbald feige davon und verkrochen sich in den Lucken. Ich
allein blieb auf dem Posten und das entsetzliche Reptil streckte den
Hals nach mir aus, den gewaltigen Rachen aufsperrend.«
»Natürlich! Ein so fetter Bissen mußte ihr willkommen sein!« lachte
Schultze.
»Bitte!« verwahrte sich der Kapitän: »Ich war damals noch jugendlich
schlank und äußerst behende, wie Sie bald sehen werden. Sie wählte mich
nur deshalb zum Opfer, weil ich eben der einzige war, der sich noch an
Deck befand.
Wohl war mir nicht zumute, das gestehe ich, wie dieser mörderische
Rachen mir entgegengähnte. Hoch in den Lüften wölbte sich der dicke Hals
zu einem Bogen, während das Haupt der Schlange sich zu mir herabsenkte.
Ich springe beiseite; der Kopf fährt mir nach. Ich, in der Verzweiflung,
setze mit gewaltigem Schwung über den Leib des Ungetüms weg, dort wo er
am Bordrand auflag. Die Seeschlange fährt mit ihrem Haupte um ihren
eigenen Leib herum, immer hinter mir her.
Da, im Momente der äußersten Gefahr, kommt mir ein rettender Gedanke.
Der Oberkörper des Reptils bildete nun einen Ring über dem Verdeck und
mit der Kühnheit der Verzweiflung springe ich durch diesen gräßlichen
Ring hindurch mit gleichen Füßen. Keine Zirkuskünstlerin hätte es besser
machen können.
Was ich gehofft hatte, trat ein. Die Schlange in ihrer gedankenlosen
Verfolgungswut fährt mir auch diesmal mit dem Kopfe nach, der somit
durch den Ring schlüpft, der durch ihren eigenen Oberleib gebildet
wurde. Das gab eine regelrechte Schleife.
[Illustration: Der Kapitän und die Seeschlange.]
Nun renne ich aus Leibeskräften das Verdeck entlang. Das Scheusal will
mich verfolgen; aber nun zieht sich die Schleife zu, es gibt einen
Knoten, der sich eng um den Hals der Seeschlange zusammenzieht. Zu spät
merkt sie diesen fatalen Umstand, es gelingt ihr nicht mehr, den dicken
Kopf zurückzuziehen; ihre wütenden Bewegungen ziehen den Knoten bloß
immer fester an, bis sie schließlich jämmerlich erstickt, von der
Schleife des eigenen Körpers erdrosselt.
Schlaff hing das widerliche Haupt mit hervorquellenden Augen herab und
mit dumpfem Fall stürzte der Oberkörper des gigantischen Reptils auf das
Schiffsdeck, während der Schweif noch eine Weile krampfhaft das Meer
peitschte.
Ich rief die zitternden Matrosen herauf und sagte ihnen: »Da, ziehet das
Vieh vollends an Bord, wir wollen es dem ozeanographischen Museum auf
den Falklandsinseln stiften. Wie ihr seht, habe ich die Schlange gut
gefaßt und trotz ihres gewaltigen Sträubens einen Knoten in ihren Hals
geschlungen, daß sie elendiglich ersticken mußte.«
Ich sage Ihnen, die Matrosen, die den so einfachen und natürlichen
Hergang nicht ahnten, bekamen nun vor mir einen wahrhaft abergläubischen
Respekt, vertrauten und folgten mir blindlings. Das hatte ich meinem
gewandten Sprung und der Unvorsichtigkeit der Seeschlange zu danken.«
»Er lebe hoch!« rief Schultze lachend und alle stimmten mit ein und
stießen an auf den gewaltigen Helden und Drachentöter, dessen fabelhafte
Geistesgegenwart, wie der Lord schalkhaft bemerkte, die ganze
Reisegesellschaft getrost allen kommenden Gefahren entgegensehen lassen
könne.