18. Die Planetoideninsel.

Als die Sannah auf dem Planetoiden landete, begab sich der Lord mit

Schultze in den untersten Raum, dessen Wände auf der Oberfläche des

Weltkörpers aufruhten. Hier wollte er abwarten, ob eine merkliche

Erhitzung der Wandungen stattfinde, ehe der Ausstieg gewagt wurde.

Der Professor hielt immer wieder die Hand an den Boden; denn er glaubte,

es _müsse_ eine gewaltige Steigerung der Temperatur erfolgen; aber er

konnte nichts dergleichen wahrnehmen und auch das angelegte Thermometer

stieg innerhalb einer halben Stunde um nur einen Grad.

»Entweder ist die Schutzhülle der Sannah von ganz wunderbarer

Vortrefflichkeit«, sagte Schultze erstaunt, »oder Sie behalten recht,

Lord. Zu Eis erstarrt ist der Planetoid aber keinesfalls; Wärme strahlt

er unter allen Umständen aus; denn die Temperatur steigt, wenn auch kaum

merklich.«

»Ich denke, wir können es wagen, uns ins Freie zu begeben«, meinte der

Engländer: »Es fragt sich nur noch, wie die Luftverhältnisse sind.«

Sie erstiegen nun das Nordpolzimmer, in dem die andern ihrer harrten.

Die Lucke wurde vorsichtig geöffnet und Dick gegen den Spalt geschoben.

Der Affe wich nicht zurück, im Gegenteil, er drängte den Kopf gegen die

Öffnung, ein Zeichen, daß keinerlei giftige Gase einströmten.

Nun öffnete der Lord die Türe weit und Dick und Bobs sprangen vergnügt

hinaus, um alsbald an den Rampen hinabzuklettern.

Flitmore trat unter die Türe und sah hinaus. Die Seite des Planetoiden,

auf der die Sannah festlag, war von der Sonne abgewendet, das heißt es

herrschte zur Zeit Nacht auf ihr; allein es war durchaus nicht dunkel

dort unten!

Große dunkle Flächen zeigten sich allerdings, aber sie schwammen wie

Inseln in einem leuchtenden Meer. Taghelle herrschte freilich nicht;

aber ein wunderbares, entzückendes sanftes Schimmern in allen

Farbenabstufungen: hier glänzte alles in grünem Schein, dort glühte es

rot, dort wieder blau und violett; an einzelnen Stellen brach ein

milchweißes Licht hervor, das seine Strahlengarben hoch emporsandte,

gleich einem elektrischen Scheinwerfer.

Da und dort schwammen buntdurchleuchtete Nebelwolken über dem Boden. Ein

leiser Luftzug trieb sie zuweilen weiter, und je nach der Färbung der

Strahlen, die vom Grunde aufstiegen, über den sie schwebten, wechselte

auch ihre Farbe in zauberschönem Spiel.

Eine würzige, lauwarme Luft wehte dem Lord entgegen und als er sah, daß

die Schimpansen den Erdboden erreicht hatten und sich ohne irgend ein

Zeichen von Mißbehagen, vielmehr seelenvergnügt auf dem leuchtenden

Boden tummelten, hakte er die Strickleiter ein und ließ sie hinabfallen.

Dann stieg er als erster in die Tiefe.

Ein lautes »Ah!« des Entzückens erscholl aus Mietjes Munde, als sie

hinter ihm aus der Türe trat und auch die Nachfolgenden hielten

überraschte Ausrufe der Bewunderung nicht zurück.

»Alles in bengalischer Beleuchtung zur Feier unserer Ankunft!« rief

Münchhausen, als er mühsam aber mit begierigem Eifer die schwanke

Strickleiter hinabkletterte, die unter seiner Last knirschte und

stöhnte.

Bald waren alle unten versammelt. Es schien eine Wiese zu sein, die sie

betreten hatten und das Gras leuchtete in grünem Schimmer von innen

heraus; aber auch der Erdboden selber, wo er zwischen den Gräsern

sichtbar wurde, phosphoreszierte in weißem und gelblichem Schimmer:

alles schien durchleuchtet!

Flitmore brach zuerst das Schweigen.

»Laßt uns dieser Wunderwelt, dir wir entdeckten und die uns einen neuen

Einblick in die schöpferische Allmacht gewährt, einen Namen geben!

Mietje, nach dir möchte ich den lieblich und herrlich zugleich

erschimmernden Stern benennen.«

»Nein, mein Lieber!« verwahrte sich Mietje entschieden: »Weder fühle ich

mich würdig einer solch außerordentlichen Pracht meinen Namen leihen zu

lassen, noch ist der schlichte Klang dieses Namens geeignet, diese

herrliche, strahlende Welt zu kennzeichnen: sie bedarf eines klangvollen

Namens.«

»Nun, so sollst du jedenfalls das Recht haben, den Namen zu wählen,«

sagte ihr Gatte und fügte höflich hinzu: »Falls die Herren nichts

dagegen haben.«

»Das wäre noch schöner!« rief Schultze: »Wir haben weder ein Recht dazu,

noch wüßten wir eine würdigere Wahl zu treffen.«

»Nun denn!« ließ sich Mietje vernehmen: »Ich trage im Herzen das Bild

einer stolzen und zugleich anmutigen Prinzessin, einer Heldin, der wir

alle, außer Herrn Friedung, der nicht das Glück hat, sie zu kennen,

unendlich viel verdanken, einer edlen Seele, die wir bewundern, eines

goldnen Herzens, das wir lieben lernten. Wie seh ich ihr leuchtendes

Auge im Geiste mich anblitzen und wie schmeichelt sich mir der Klang

ihres Namens ins Ohr.«

»Tipekitanga!« rief Münchhausen begeistert. »Brava, brava! Unsre

Tipekitanga verdient wahrhaftig solche Ehre!«

Wir müssen hier bemerken, daß der Kapitän der italienischen Sprache

mächtig war und daher einer Dame gegenüber nicht das männliche »Bravo!«

gebrauchte, wie es bei Unwissenden üblich ist, sondern das einzig

richtige »Brava«, das einem weiblichen Wesen zukommt, dem man Beifall

spendet.

Auch der Professor und der Lord waren mit Mietjes Vorschlag

einverstanden und ersterer bemerkte:

»Es ist überhaupt ein besonders glücklicher Gedanke, diesem Planetoiden

den Namen einer Zwergprinzessin beizulegen, sind doch diese Weltkörper

die Zwerge unter den Planeten und der von uns betretene scheint mir in

seinem leuchtenden Geschmeide eine Prinzessin unter den Asteroiden zu

sein.«

Nachdem nun diese Frage zu allgemeiner Genugtuung erledigt war, wurde

eine Entdeckungsreise auf dem neugetauften Planeten unternommen.

»Gehen wir nach Westen,« schlug der Lord vor: »Ich vermute, daß der

Anblick dieser Lichtwelt bei Nacht am reizendsten ist und wir gehen in

dieser Richtung der Sonne aus dem Wege.«

Auch dieser Vorschlag fand keinen Widerspruch, und so wanderten unsre

Freunde durch die leuchtenden Auen, von einem Entzücken ins andre

geratend.

Der grünen Wiese schloß sich eine blumige Au an: die roten, gelben und

blauen Blumen strahlten jede ihr eigentümliches Licht aus; man glaubte,

den leuchtenden Saft in den Stengeln emporsteigen und in dem feinen

Geäder der Blütenblätter kreisen zu sehen.

Das weiße Licht entstrahlte dem Boden an Stellen, die des

Pflanzenwuchses bar waren und die aus leuchtender Kreide oder Kalkstein

zu bestehen schienen.

Dann kamen Gebüsche und Stauden mit zartviolettem Blattwerk, Bäume,

zwischen deren mattlichten Blättern orangerote und goldgelbe, auch

purpurne und silbergraue Früchte förmlich strahlten und gleich

venezianischen Laternen die Umgegend erhellten.

Wunderbar erschien vor allem das Silberleuchten der Bäche, die sich

durch die Auen schlängelten und der weißaufblitzende Schaum der

Wasserfälle, die sich von felsigen Hügeln herabstürzten. Diese massiven

Felsen, die sich aus der Ebene erhoben, stellenweise auch als

tafelartige Flächen in der Ebene selber lagen, bildeten die dunkeln

Flecken, die unsern Freunden gleich zu Anfang aufgefallen waren. Sie

erhöhten in ihrem Teil den Reiz des Ganzen und der zauberhafte Eindruck

des farbenbunten Lichtes hätte sicher Einbuße erlitten, wenn nicht die

Schatten es wirksam unterbrochen und gehoben hätten.

Märchenschön erschienen die Teiche und Seen, deren Gewässer in

verschiedenen Farben vom lichtesten Blau bis zum dunkelsten Violett, vom

zartesten Rosa bis zum düstersten Purpur glühten. Über ihnen schwebten

die beweglichen, durchleuchteten Nebelwolken, die sich, vom Nachthauch

getrieben, in zerflatternden Streifen über Wiesen und Auen hinzogen.

Die Berge, die stellenweise zu überklettern waren, zeigten sich stets

von mäßiger Höhe und boten keine besonderen Schwierigkeiten. In der

Regel war das Gestein dunkel; doch auch hier waren Schichten

selbstleuchtender Mineralien eingesprengt und einen besonders feenhaften

Anblick gewährte es, wenn man über Geröll dahinwanderte, das aus

lichtsprühenden Steinchen aller Färbungen bestand: es war, als schritte

man über Diamanten Rubine, Saphire und andre Edelsteine hinweg, die im

eigenen Glanze funkelten und bei jedem Tritt bunt durcheinanderrollten

mit melodischem Klingen und wunderbarem Geblitz und Geflimmer. Flitmore

machte fleißig farbige photographische Aufnahmen, die sich späterhin als

von wunderbarer Wirkung erwiesen und ein herrliches und dauerndes

Andenken an die buntleuchtende Pracht der Tipekitanga bildeten.

Nach fünfstündiger Wanderung, die nur durch eine halbstündige

Frühstücksrast unterbrochen worden war, sahen unsre Freunde die Sonne

hinter sich emporsteigen.

Wie Flitmore richtig vermutet hatte, löschte ihr Glanz den Hauptreiz des

Wunderplaneten aus.

Zwar erschienen die leuchtenden Farben auch jetzt noch von einer Pracht,

mit der nichts auf der Erde sich vergleichen ließ und man konnte das

eigene Licht des Erdbodens, des Wassers und der Pflanzen ganz deutlich

unterscheiden. Aber das feenhafte Schauspiel, das sie im nächtlichen

Dunkel boten, war es nun doch nicht mehr.

Wie in einem Märchentraum waren die Wandrer bisher dahingewandelt,

schwelgend in nie geahnter Seligkeit des Schauens. Jetzt brachte das

altgewohnte Licht des Tagesgestirns das Erwachen, doch konnte es nicht

die Eindrücke verwischen, die sich ihnen unauslöschlich eingeprägt

hatten.

Aber was war das? Vor ihnen ragte die Sannah aus leuchtenden grünen

Matten!

Nicht mehr als eine Stunde brauchten sie, um wieder auf dem Platze zu

stehen, von dem aus sie die herrliche Rundreise angetreten hatten.

In fünf Stunden hatte die Tipekitanga ihre Umdrehung um ihre Achse

vollendet, nicht viel mehr als sechs Stunden hatten die Wandernden

gebraucht, um den Planetoiden im Äquator in seinem ganzen Umfang zu

umschreiten: wahrhaftig eine Zwergprinzessin unter den Planeten!

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 24 / 70 题