Am folgenden Tag, den Tag zu 24 Stunden berechnet, kam die Sannah mitten
unter die Planetoiden.
»Die Entdeckung dieser Planetoiden oder kleinen Planeten, die man auch
Asteroiden nennt,« belehrte Professor Schultze, »hat wieder einmal
gezeigt, daß die von der Wissenschaft aufgestellten Naturgesetze niemals
als etwas für alle Zeiten Gewisses und Feststehendes gelten können. In
der Tat glaubte man bisher, die Planeten bewegten sich nahezu in der
gleichen Ebene um die Sonne, und hielt dies für eines der großen
Naturgesetze. Da entdeckte man diese Zwergplaneten, deren exzentrische
Bahnen die Hinfälligkeit des angeblichen Gesetzes bewiesen.
Andererseits war ihre Entdeckung die glänzendste Bestätigung eines
andern Naturgesetzes, das 1772 von Titius aufgestellt und später von
Bode und Wurm genauer bestimmt wurde: es sollte danach zwischen den
Abständen der Planeten von der Sonne ein bestimmtes gesetzmäßiges
Verhältnis bestehen; nun aber zeigte sich zwischen Mars und Jupiter eine
Lücke: nach dem Titiusschen Gesetze hätte sich dort ein Planet finden
sollen. Und wirklich entdeckte Piazzi in Palermo am 1. Januar 1801 den
kleinen Planeten Ceres, der aber bald durch seine Annäherung an die
Sonne den Blicken entschwand.
Hätte nicht der große Mathematiker Gauß eine geniale Methode erfunden,
durch die aus nur drei Beobachtungen eines Planeten seine Bahn berechnet
werden kann, so hätte niemand gewußt, wo der neue Planet wieder
aufgefunden werden könnte, und auch alle später entdeckten Planetoiden
wären der astronomischen Beobachtung wieder entschlüpft. Allein nach der
Gaußschen Berechnung konnte Olbers am 1. Januar 1802 die Ceres wieder
auffinden und entdeckte im nächsten Jahre noch die Pallas, ebenfalls in
der Lücke zwischen Mars und Jupiter. 1804 und 1805 wurden noch Juno und
Vesta gefunden und 40 Jahre später entdeckte Hencke die Asträa; von da
ab fand man noch mehrere Hundert solcher Wandelsternchen.
Eine solch verblüffende Bestätigung der Titiusschen Gesetzes schien
dessen unumstößliche Richtigkeit zu beweisen und die Astronomie gewann
dadurch auch bei den Laien ein Ansehen als einer Wissenschaft von
unbezweifelbarer Zuverlässigkeit: ihre mathematischen Gesetze ließen ja
selbst das Unbekannte mit Sicherheit feststellen.
Leider warf die Entdeckung des Planeten Neptun das ganze schöne Gesetz
über den Haufen, denn die Entfernung dieses unbequemen Gesellen stimmte
einfach nicht dazu. So mußte man einsehen, daß ein Naturgesetz, wenn es
noch so glänzend sich bewährt, doch etwas zweifelhaftes bleibt.«
»Es wurde doch aber bloß _ein_ Planet zwischen Mars und Jupiter
vermutet,« warf Mietje ein: »wie kommt es, daß man sie zu Hunderten
fand?«
»Das ist auch so ein Rätsel,« erläuterte der Professor: »Anfangs war man
geneigt, zu glauben, es handle sich um einen großen Planeten, der durch
eine Explosion oder durch den Zusammenstoß mit einem Kometen in kleine
Stücke zertrümmert worden sei. Gegenwärtig findet die Ansicht mehr
Anerkennung, daß der Planet schon bei seiner Entstehung durch die Nähe
des dicken Jupiter in der Entwicklung gehindert worden sei, und an
seiner Stelle gleich eine Menge kleinerer Weltkörper entstanden seien,
oder daß diese eine Art Spritzschaum bei Entstehung des Sonnensystems
darstellen. Sie sind außerordentlich klein und man könnte zum Beispiel
mit einem Eilzug innerhalb zwei Stunden um die ganze Atalanta
herumfahren. Übrigens erschwert ihre Lichtschwäche die Beobachtung von
der Erde aus ungeheuer und man kommt zu keiner sicheren Feststellung
ihrer Massen und Maße.«
»Umso wertvoller sind unsere Beobachtungen aus nächster Nähe,« sagte
Flitmore: »Schauen Sie, Professor, da kommen wir wieder an einem dieser
Zwerge vorbei.«
»Ah!« rief Schultze, »das ist interessant: keine Spur von Kugelform! Ein
durch den Raum sausendes Felsgebirge ist's. Es mag 300 Kilometer lang,
50 Kilometer breit und höchstens 4 Kilometer dick sein, abgesehen von
seinen Zacken und Spitzen.«
»Merken Sie wohl, diese Planetoiden haben keine Rotation, sie drehen
sich nicht um ihre Achse.«
»Bei solchen formlosen Klumpen,« lachte Münchhausen, »ist eine Achse
überhaupt nicht vorhanden.«
Eine längere Beobachtung der merkwürdigen Weltkörper ergab tatsächlich,
daß von einer Umdrehung nichts zu bemerken war. Wenn je eine solche
stattfand, so mußte sie ganz außerordentlich langsam vor sich gehen.
Heinz bemerkte noch: »Alles, was wir hier sehen, weist so regellose
Formen auf, daß ich schon daraus schließen möchte, daß wir es trotz
aller neuesten Ansichten dennoch mit den Splittern eines Planeten zu tun
haben, und schon der Mangel an Kugelformen legt auch den Mangel einer
Rotation nahe.«
»Nun sehen Sie,« begann der Lord wieder: »Weil diese Planetoiden keine
oder doch nur eine äußerst langsame Umdrehung ausführen, sind sie nicht
imstande, sich mit einer atmosphärischen Hülle zu umgeben; dadurch
entsteht bei ihrem Umlauf um die Sonne ihre starke Reibung an der
Weltatmosphäre, und so kommt es, daß sie glühen und leuchten. Besäßen
sie den Schutz einer Lufthülle, so müßten sie bei ihrem geringen
Durchmesser längst zu Eis erstarrt sein.«
Das leuchtete ein, um so mehr als späterhin eine ganze Anzahl dunkler
Planetoiden entdeckt wurde, die eine sichtliche rasche Rotation
aufwiesen und auch die Form von meist stark abgeplatteten Kugeln
zeigten. Diese hatten sich offenbar infolge ihrer Umdrehung um die
eigene Achse mit einer atmosphärischen Hülle umgeben, die sie vor der
Reibung im Weltraum schützte, so daß sie erstarren konnten.
Allein nicht ohne boshaften Triumph machte der Professor bald eine
Entdeckung, die ihn zu dem Ausruf veranlaßte: »Und dennoch, weiser Lord,
geht Ihre geniale Theorie in die Brüche, da sehen Sie hin! Hier ist ein
Planetoid von sphärischer Form, der ganz lustig um seine Achse wirbelt,
also nach Ihnen die Schutzhülle einer Atmosphäre genießt, und dennoch
leuchtet er, wenn auch etwas matt.«
Flitmore beobachtete den seltsamen Weltkörper. Sphärisch war er kaum zu
nennen, denn er erschien so plattgedrückt, daß er eher einem
Schweizerkäse glich, allerdings einem oben und unten rundlich
aufgewölbten. Die Rotation war unverkennbar, denn man konnte Bergspitzen
am Rande erkennen, die innerhalb einer Viertelstunde merklich ihre Lage
veränderten. Es ließ sich daraus eine Umdrehungszeit von 5 Stunden
ausrechnen. Daß der Planet eigenes Licht besaß, war unzweifelhaft.
Der Lord schüttelte den Kopf: »Wenn sich dieser Asteroid in Glut
befände, dann allerdings wäre meine Ansicht widerlegt, wenn er nicht
etwa erst vor kurzer Zeit entstanden oder durch einen Zusammenstoß
plötzlich erhitzt sein sollte. Es ist ja gar nicht unwahrscheinlich, daß
mitunter die Anziehungskraft eines solchen rotierenden Körpers bewirkt,
daß ein größerer Brocken, der in seine Nähe kommt, auf ihn stürzt und
sich mit ihm vereinigt, wobei er durch die Heftigkeit des Anpralls
vorübergehend zur Leuchtglut gelangen würde. Ich vermute jedoch eher,
daß dieses Leuchten ein phosphoreszierendes ist oder von leuchtenden
Substanzen, Radium und dergleichen herrührt. Ich meine, die Sache ist es
wert, daß wir uns durch den Augenschein überzeugen und auf dem
Streitobjekt landen.«
»Lord«, mahnte Schultze: »Sie würden dabei riskieren, daß die Sannah in
Glut gerät und wir alle elendiglich verbrennen.«
»Sollte es uns zu heiß werden,« lachte Flitmore, »so machen wir uns
einfach aus dem Staube.«
Da eine rechtzeitige Flucht jede Gefahr ausschließen konnte,
entschlossen sich alle, den Landungsversuch zu unternehmen und der Herr
des Weltschiffs stellte den Zentrifugalstrom ab.