17. Die Asteroiden.

Am folgenden Tag, den Tag zu 24 Stunden berechnet, kam die Sannah mitten

unter die Planetoiden.

»Die Entdeckung dieser Planetoiden oder kleinen Planeten, die man auch

Asteroiden nennt,« belehrte Professor Schultze, »hat wieder einmal

gezeigt, daß die von der Wissenschaft aufgestellten Naturgesetze niemals

als etwas für alle Zeiten Gewisses und Feststehendes gelten können. In

der Tat glaubte man bisher, die Planeten bewegten sich nahezu in der

gleichen Ebene um die Sonne, und hielt dies für eines der großen

Naturgesetze. Da entdeckte man diese Zwergplaneten, deren exzentrische

Bahnen die Hinfälligkeit des angeblichen Gesetzes bewiesen.

Andererseits war ihre Entdeckung die glänzendste Bestätigung eines

andern Naturgesetzes, das 1772 von Titius aufgestellt und später von

Bode und Wurm genauer bestimmt wurde: es sollte danach zwischen den

Abständen der Planeten von der Sonne ein bestimmtes gesetzmäßiges

Verhältnis bestehen; nun aber zeigte sich zwischen Mars und Jupiter eine

Lücke: nach dem Titiusschen Gesetze hätte sich dort ein Planet finden

sollen. Und wirklich entdeckte Piazzi in Palermo am 1. Januar 1801 den

kleinen Planeten Ceres, der aber bald durch seine Annäherung an die

Sonne den Blicken entschwand.

Hätte nicht der große Mathematiker Gauß eine geniale Methode erfunden,

durch die aus nur drei Beobachtungen eines Planeten seine Bahn berechnet

werden kann, so hätte niemand gewußt, wo der neue Planet wieder

aufgefunden werden könnte, und auch alle später entdeckten Planetoiden

wären der astronomischen Beobachtung wieder entschlüpft. Allein nach der

Gaußschen Berechnung konnte Olbers am 1. Januar 1802 die Ceres wieder

auffinden und entdeckte im nächsten Jahre noch die Pallas, ebenfalls in

der Lücke zwischen Mars und Jupiter. 1804 und 1805 wurden noch Juno und

Vesta gefunden und 40 Jahre später entdeckte Hencke die Asträa; von da

ab fand man noch mehrere Hundert solcher Wandelsternchen.

Eine solch verblüffende Bestätigung der Titiusschen Gesetzes schien

dessen unumstößliche Richtigkeit zu beweisen und die Astronomie gewann

dadurch auch bei den Laien ein Ansehen als einer Wissenschaft von

unbezweifelbarer Zuverlässigkeit: ihre mathematischen Gesetze ließen ja

selbst das Unbekannte mit Sicherheit feststellen.

Leider warf die Entdeckung des Planeten Neptun das ganze schöne Gesetz

über den Haufen, denn die Entfernung dieses unbequemen Gesellen stimmte

einfach nicht dazu. So mußte man einsehen, daß ein Naturgesetz, wenn es

noch so glänzend sich bewährt, doch etwas zweifelhaftes bleibt.«

»Es wurde doch aber bloß _ein_ Planet zwischen Mars und Jupiter

vermutet,« warf Mietje ein: »wie kommt es, daß man sie zu Hunderten

fand?«

»Das ist auch so ein Rätsel,« erläuterte der Professor: »Anfangs war man

geneigt, zu glauben, es handle sich um einen großen Planeten, der durch

eine Explosion oder durch den Zusammenstoß mit einem Kometen in kleine

Stücke zertrümmert worden sei. Gegenwärtig findet die Ansicht mehr

Anerkennung, daß der Planet schon bei seiner Entstehung durch die Nähe

des dicken Jupiter in der Entwicklung gehindert worden sei, und an

seiner Stelle gleich eine Menge kleinerer Weltkörper entstanden seien,

oder daß diese eine Art Spritzschaum bei Entstehung des Sonnensystems

darstellen. Sie sind außerordentlich klein und man könnte zum Beispiel

mit einem Eilzug innerhalb zwei Stunden um die ganze Atalanta

herumfahren. Übrigens erschwert ihre Lichtschwäche die Beobachtung von

der Erde aus ungeheuer und man kommt zu keiner sicheren Feststellung

ihrer Massen und Maße.«

»Umso wertvoller sind unsere Beobachtungen aus nächster Nähe,« sagte

Flitmore: »Schauen Sie, Professor, da kommen wir wieder an einem dieser

Zwerge vorbei.«

»Ah!« rief Schultze, »das ist interessant: keine Spur von Kugelform! Ein

durch den Raum sausendes Felsgebirge ist's. Es mag 300 Kilometer lang,

50 Kilometer breit und höchstens 4 Kilometer dick sein, abgesehen von

seinen Zacken und Spitzen.«

»Merken Sie wohl, diese Planetoiden haben keine Rotation, sie drehen

sich nicht um ihre Achse.«

»Bei solchen formlosen Klumpen,« lachte Münchhausen, »ist eine Achse

überhaupt nicht vorhanden.«

Eine längere Beobachtung der merkwürdigen Weltkörper ergab tatsächlich,

daß von einer Umdrehung nichts zu bemerken war. Wenn je eine solche

stattfand, so mußte sie ganz außerordentlich langsam vor sich gehen.

Heinz bemerkte noch: »Alles, was wir hier sehen, weist so regellose

Formen auf, daß ich schon daraus schließen möchte, daß wir es trotz

aller neuesten Ansichten dennoch mit den Splittern eines Planeten zu tun

haben, und schon der Mangel an Kugelformen legt auch den Mangel einer

Rotation nahe.«

»Nun sehen Sie,« begann der Lord wieder: »Weil diese Planetoiden keine

oder doch nur eine äußerst langsame Umdrehung ausführen, sind sie nicht

imstande, sich mit einer atmosphärischen Hülle zu umgeben; dadurch

entsteht bei ihrem Umlauf um die Sonne ihre starke Reibung an der

Weltatmosphäre, und so kommt es, daß sie glühen und leuchten. Besäßen

sie den Schutz einer Lufthülle, so müßten sie bei ihrem geringen

Durchmesser längst zu Eis erstarrt sein.«

Das leuchtete ein, um so mehr als späterhin eine ganze Anzahl dunkler

Planetoiden entdeckt wurde, die eine sichtliche rasche Rotation

aufwiesen und auch die Form von meist stark abgeplatteten Kugeln

zeigten. Diese hatten sich offenbar infolge ihrer Umdrehung um die

eigene Achse mit einer atmosphärischen Hülle umgeben, die sie vor der

Reibung im Weltraum schützte, so daß sie erstarren konnten.

Allein nicht ohne boshaften Triumph machte der Professor bald eine

Entdeckung, die ihn zu dem Ausruf veranlaßte: »Und dennoch, weiser Lord,

geht Ihre geniale Theorie in die Brüche, da sehen Sie hin! Hier ist ein

Planetoid von sphärischer Form, der ganz lustig um seine Achse wirbelt,

also nach Ihnen die Schutzhülle einer Atmosphäre genießt, und dennoch

leuchtet er, wenn auch etwas matt.«

Flitmore beobachtete den seltsamen Weltkörper. Sphärisch war er kaum zu

nennen, denn er erschien so plattgedrückt, daß er eher einem

Schweizerkäse glich, allerdings einem oben und unten rundlich

aufgewölbten. Die Rotation war unverkennbar, denn man konnte Bergspitzen

am Rande erkennen, die innerhalb einer Viertelstunde merklich ihre Lage

veränderten. Es ließ sich daraus eine Umdrehungszeit von 5 Stunden

ausrechnen. Daß der Planet eigenes Licht besaß, war unzweifelhaft.

Der Lord schüttelte den Kopf: »Wenn sich dieser Asteroid in Glut

befände, dann allerdings wäre meine Ansicht widerlegt, wenn er nicht

etwa erst vor kurzer Zeit entstanden oder durch einen Zusammenstoß

plötzlich erhitzt sein sollte. Es ist ja gar nicht unwahrscheinlich, daß

mitunter die Anziehungskraft eines solchen rotierenden Körpers bewirkt,

daß ein größerer Brocken, der in seine Nähe kommt, auf ihn stürzt und

sich mit ihm vereinigt, wobei er durch die Heftigkeit des Anpralls

vorübergehend zur Leuchtglut gelangen würde. Ich vermute jedoch eher,

daß dieses Leuchten ein phosphoreszierendes ist oder von leuchtenden

Substanzen, Radium und dergleichen herrührt. Ich meine, die Sache ist es

wert, daß wir uns durch den Augenschein überzeugen und auf dem

Streitobjekt landen.«

»Lord«, mahnte Schultze: »Sie würden dabei riskieren, daß die Sannah in

Glut gerät und wir alle elendiglich verbrennen.«

»Sollte es uns zu heiß werden,« lachte Flitmore, »so machen wir uns

einfach aus dem Staube.«

Da eine rechtzeitige Flucht jede Gefahr ausschließen konnte,

entschlossen sich alle, den Landungsversuch zu unternehmen und der Herr

des Weltschiffs stellte den Zentrifugalstrom ab.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 23 / 70 题