Die Reise war bisher so ergebnisreich verflossen, daß unsere Freunde
noch nicht dazu gekommen waren, ein richtiges Konzert zu veranstalten,
wenn auch hie und da ein halbes Stündchen durch vereinzelte musikalische
Vorträge verklärt worden war. So war John einigemal aufgefordert worden,
seine Flöte hören zu lassen oder hatte der Lord mit seiner Gattin
vierhändig gespielt, -- lauter erhebende Genüsse. Ganz besonders aber
entzückte alle Heinz' wunderbares Geigenspiel.
Der junge Schwabe liebte es namentlich, im Dunkeln zu spielen, sei es,
daß er aus dem Gedächtnis seine Lieblingsschöpfungen großer Meister
wiedergab, sei es, daß er phantasierte.
Wie überirdische Musik klang dieses wundersame Phantasieren durch den
dunkeln Raum.
»Woher haben Sie nur diese Töne?« fragte Lady Flitmore einmal: »Das ist
ja die reinste Sphärenmusik!«
»Mir ist's auch, als vernähme ich die Harmonie der Sphären,« erwiderte
Heinz nachdenklich: »Hören Sie nichts? Fliegen wir nicht durch den Raum,
der von der wunderbarsten aller Harmonien erfüllt ist? Und mir ist's,
als riefe mir von einem fernen Stern eine melodische Stimme und locke
mich durch ihren bezaubernden Gesang. Das sind Klänge aus höheren
Wunderwelten, die ich vernehme, eine überirdische Musik, aber was ist
dagegen mein schwaches, armseliges Spiel? Wohl ist es beseelt von den
himmlischen Harmonien, doch nimmer ist es imstande, auch nur eine Ahnung
von ihrem Zauber zu vermitteln.«
»O, Sie geben uns mehr als eine Ahnung davon,« hatte dann der Lord
gesagt; denn ihm, wie allen andern kamen die Töne wahrhaft überirdisch
vor, die der junge Künstler seinem herrlichen Instrumente entlockte.
Heute nun wurde zum erstenmale ein regelrechtes Konzert veranstaltet,
bei dem alle mitwirken sollten, abgesehen von Schultze, dem jegliche
musikalische Ausbildung mangelte: »Gleich meinen Vettern, den
Schimpansen,« sagte er lachend.
Wie wir wissen, verstand sich Heinz nicht bloß auf die Violine, sondern
auch aufs Pistonblasen; der Lord betätigte sich außer auf dem Klavier
noch auf dem Cello und der Posaune; Mietje war eine vorzügliche
Pianistin und John ein nicht zu verachtender Flötenbläser: es ließ sich
also je nach Wunsch und Bedarf ein abwechslungsreich gestaltetes
Orchester zusammensetzen.
Münchhausen behauptete, sehr musikalisch zu sein, erklärte aber: »Um die
Klaviatur zu malträtieren oder die Saiten zu kratzen, fehlt es mir an
der nötigen Beweglichkeit und Gelenkigkeit; Blasinstrumente kann ich
wegen meiner fatalen Kurzatmigkeit nicht pusten, aber das Paukenschlagen
verstehe ich vorzüglich und weiß ein Gefühl, eine Stimmung, eine Melodik
hineinzulegen, daß ich mich anheischig machen wollte, in einem
Paukensolo Ihnen die herrlichsten Schöpfungen unserer größten Meister in
einer Weise vor Ohren zu führen, daß Sie gestehen müßten, kein
Instrument reicht in seiner Wirkungsfähigkeit an die Pauke heran, und
kein anderes ist so geeignet, den feinsten seelischen Stimmungsgehalt
eines Musikwerks wiederzugeben, wie eben dieses Instrument der
Instrumente.«
»Oho!« lachte der Lord: »Das ist mir wirklich neu! Kapitän, Sie sind ein
musikalisches Genie und eröffnen der Musik ganz neue Bahnen und
Aussichten. Wahrhaftig! ein Paukenvirtuos, wer hat je von einem solchen
gehört? So sei Ihnen denn die Pauke anvertraut, als dem Würdigsten unter
uns.«
»Münchhausen«, sagte Schultze: »Was wollen Sie überhaupt mit einer
Pauke? Sie reichen ja doch nicht mit ihren kurzen Armen um Ihre
Leibeswölbung herum und können das von Ihnen so gepriesene Instrument
überhaupt nicht treffen: Sie treffen höchstens Ihren eigenen Bauch und
das ist ja auch eine Pauke, die jede künstliche Pauke entbehrlich macht.
Überdies wird es für Sie eine äußerst zuträgliche Massage sein, wenn sie
diese größte und herrlichste aller Pauken schlagen, mit der die Natur
und Ihr guter Appetit Sie begabt hat.«
»Oho!« protestierte der Kapitän: »Schultze, Sie sind schief gewickelt!
Sie treiben da Ihren Spott mit einem Titanen der Musik, Sie, der Sie von
Musik überhaupt nichts verstehen und bei unserem Konzert einzig und
allein das verständnislose Publikum abzugeben vermögen. Allerdings gebe
ich zu, daß dies ein notwendiger Bestandteil jedes richtigen Konzertes
ist.« --
»Nun, nun,« eiferte der Professor: »Wenn ich auch nicht gerade
Sachverständiger auf dem Gebiete des Kontrapunkts und der Harmonielehre
bin, und nicht unterscheiden kann, ob Sie Beethoven oder Wagner pauken
...«
»Muß jeder feinhörige Mensch sofort an meinem Paukenschlag heraushören!«
unterbrach Münchhausen.
»Nanu! Wenn ich so fein auch nicht höre, so habe ich doch die größte
Freude an der Musik und werde als verständnisloses Publikum doch ein
dankbarer und begeisterter Hörer sein.«
»Bravo!« rief Mietje, »als solchen kennen wir Sie, und für Sie wird denn
auch das ganze Konzert gegeben.«
Unter den Virtuosen, die hier versammelt waren, hatte jeder seine
besondere Vorliebe für diesen oder jenen großen Komponisten.
Lady Flitmore zog Schubert, Schumann, Mendelssohn und Chopin vor; ihr
Gatte hielt Bach, Beethoven, Händel, Haydn und Weber für die
Bedeutendsten; Heinz neigte mehr zu Wagner, Bruckner, Hugo Wolff und
Grieg; Münchhausen begeisterte sich für Mozart, Brahms und Gluck,
während John für Meyerbeer und Richard Strauß schwärmte.
Doch waren alle vielseitig und unparteiisch genug, um auch der andern
Größe anzuerkennen und ihnen gern zu huldigen.
Am meisten bewies das Heinz, der trotz seiner Vorliebe für Wagner doch
auch von Sebastian Bach so eingenommen war, daß er diesen
weltumfassenden Geist durch mehrere kleine Gedichte gepriesen hatte, zu
denen ihn die Töne des Meisters begeisterten.
Die Choralphantasie über »Komm heil'ger Geist, Herre Gott!« hatte
beispielsweise folgende Verse bei ihm ausgelöst:
Töne von Bach!
Wie sie rauschen und schwellen
Gleich den Meereswellen!
Ich denk' ihm nach,
Ob ich's möge erfassen,
Was sie ahnen lassen.
Was reißt ihn fort
Über irdische Sphären
Zu den Himmelsheeren?
Heilige Glut,
Von Gott selber entzündet,
Die da Liebe kündet;
Liebe zu Gott,
Die in seligen Schauern
Sprengt die irdischen Mauern;
Liebe zu Dir,
O Du Heiland der Seelen,
Die in Schulden sich quälen.
Töne von Bach,
Sprengt die Ohren der Tauben,
Daß sie weinen und glauben;
Öffnet und hellt
Doch die Augen der Blinden,
Ihren Heiland zu finden
Und die selige Welt!
Ein andermal ließ er sich also vernehmen:
Sebastian Bach! Die Welt versinkt dem Geist,
Der schauernd lauschet deinen mächt'gen Tönen;
Und überwältigt ahnt er, was es heißt,
Zu hören die Vollkommenheit des Schönen.
O Bach, wie wird uns erst im Himmel sein,
Wenn wir verzückt, von sel'gen Engelchören
Getragen, deine Meisterwerke hören,
So heilig ernst und so vollkommen rein!
Und die unvergleichlichen Passionsoratorien gaben Heinz die
nachfolgenden Verse ein:
O heil'ge Wundertöne
Zum heil'gen Gotteswort,
Wie reißet eure Schöne
Die Herzen mit sich fort!
Der Erdenwelt entrücket,
Knie ich erschauernd da:
Es schaut mein Geist verzücket
Das Kreuz auf Golgatha.
Und was ich zitternd höre
So herzergreifend schön,
Das sind der Engel Chöre
Aus lichten Himmelshöhn;
Dazwischen Menschenstimmen
Voll Leidenschaft und Wut,
Die gegen _Den_ ergrimmen,
Der sie erkauft mit Blut.
Doch unaussprechlich milde
Ertönt durch all den Hohn
Die Stimme durchs Gefilde
Vom ew'gen Gottessohn:
Das sind nicht ird'sche Sänge!
Wie alles bebt und rauscht!
O Bach, du hast _die_ Klänge,
Dem Himmel abgelauscht!
Vom heil'gen Geist durchdrungen,
Ins Paradies entrückt,
Hast du uns nachgesungen,
Was Engel dort entzückt!
So verklärten sich diese Melodien in des jungen Künstlers Geist, wenn er
ihnen als andächtiger Zuhörer lauschte. Wirkte er aber selber mit, wie
heute, so legte er seine ganze Seele in den Ton, versenkt in die
Gefühle, die des Meisters Geist beseelten, da er sein Werk schuf.
Die Klänge rauschten in harmonischer Fülle durch den Saal und dann
erstarben sie in einem Pianissimo von einer Zartheit, das geradezu
wunderbar wirkte; alle standen unter dem Banne einer heiligen Andacht
und Schultze fühlte sich tief ergriffen und lauschte mit aller
Anspannung, um ja keinen der leisesten Töne sich entgehen zu lassen.
»Bum!« ein dumpfer Paukenschlag erscholl dröhnend durch das entzückende
Pianissimo; wie eine Bombe zerstörend platzte er herein und
zerschmetterte die klassischen Harmonien.
Was fiel dem Kapitän in seiner Ecke ein! War er ganz aus dem Konzept
gekommen? Das war ja eine Roheit, ein Verbrechen an Beethovens
unsterblichem Werke! So dachten alle, obgleich sie nicht aufsahen: Der
Fehler war ja gewiß absichtslos, warf aber ein schlimmes Licht auf
Münchhausens Musikverständnis.
Aber was war das? Noch schwebte das Pianissimo nach der unzeitgemäßen
Störung elfenhaft durch die Räume, als die Pauke plötzlich ein wahres
Kanonenfeuer eröffnete: »Bum, bum, bum-bum-bum!« Mit schwerem Geschütz
wurde das zarte Meisterwerk zusammengeschossen.
Nun sahen alle empört nach der Ecke. Da lag der Kapitän, in seinen
Sessel zurückgesunken, und rieb sich, aus tiefem Schlaf erwachend die
Augen: auch seine klassische Ruhe war durch den Donner der Pauke
zerstört worden.
An seinem vielgerühmten Instrument aber stand Dick, ein äußerlich
würdiger Stellvertreter des Entschlummerten, leider aber ein völlig
unfähiger Paukenvirtuos. Dieser heillose Schimpanse hatte den Schlegel
ergriffen, der dem Kapitän entsunken war und bearbeitete nun das
Trommelfell mit wuchtigen, höchst temperamentvollen, aber durchaus
unpassenden Schlägen.
Der Zauber der Stimmung war rettungslos dahin: ein unwiderstehliches
Gelächter erschütterte den Saal; Münchhausen aber rief, sich ermunternd:
»Da sieht man's, da hört man's mit Ohren, daß die Pauke in der Tat das
wichtigste Instrument in einem Konzerte ist: wer sie nicht zu handhaben
versteht, ruiniert das erhabenste Meisterwerk mit tötlicher Sicherheit.«
Und er entriß dem verblüfften Schimpansen den mißbrauchten Schlegel.