»Schade, daß wir uns so rasch vom Mars entfernen,« sagte Schultze
bedauernd: »Es wäre äußerst interessant und lehrreich gewesen, bei
Tageslicht aus nächster Nähe die Veränderungen zu beobachten, die das
Erdbeben auf der Oberfläche des Planeten hervorgerufen hat.«
»Wir haben keine Eile,« entgegnete Flitmore, »da wir ja nun in
Sicherheit sind, und es ist uns ein Leichtes, über Nacht in der
Marsatmosphäre zu verweilen. Ich übernehme die erste Nachtwache und
werde den Strom alle zehn Minuten unterbrechen, so daß wir wieder
sinken; Herr Friedung soll es in der zweiten Wache ebenso machen und
Sie, Professor, übernehmen die Morgenwache und vollführen das gleiche
Manöver; nur müssen Heinz und Sie wohl aufpassen, daß Sie den Strom
nicht allzulange unterbrechen, damit uns nicht etwa eine unsanfte,
vielleicht gefährliche Landung begegnet.«
Die beiden versprachen alle Vorsicht und bewiesen sie hernach auch, so
daß die Sannah beim Anbruch des Morgens sich nur wenige Kilometer über
der Marsoberfläche befand.
Es war ein überraschendes Bild, das sich nun unsern Freunden bot: der
Meeresgrund hatte sich gehoben und das bisherige Festland, das sich
gesenkt hatte, war vom Meer bedeckt, wenigstens zum größten Teile.
Nun zeigte sich aber deutlich, daß ähnliche Katastrophen den unseligen
Mars schon früher heimgesucht hatten, denn das neue, dem Meeresgrund
entstiegene Festland war mit Städten und Dörfern aus buntem Gestein
übersät, die aus dem Schlamm hervorleuchteten, der sich in ihren Gassen
und um sie her abgesetzt hatte.
»Nun begreife ich erst, wie die ganze Marsbevölkerung nach und nach
zugrunde gehen konnte!« sagte Schultze. »Noch eine oder zwei so
gewaltige Verheerungen, und auch das Tierleben wird auf dem Planeten
erloschen sein bis auf das Seegetier und die gräßlichen Sumpfwürmer.
Höchstens die Vögel mögen noch dem Verderben entgehen.«
Nun wurde die Marsbahn endgültig verlassen und Flitmore schlug vor, nach
dem Jupiter, dem Koloß unter den Planeten, zu fahren und dann dem Saturn
einen Besuch abzustatten, ehe die Rückreise nach der Erde angetreten
werde.
Damit waren alle einverstanden.
Zunächst wurde jetzt daran gegangen, die einzelnen Zimmer den
Schwerpunktverhältnissen der Sannah anzupassen, denn ihre Rotation hatte
wieder begonnen und es galt allerlei Möbel und Gerätschaften in den
Zimmern, die auf einen andern Schwerpunkt eingerichtet waren, von den
Wänden oder der Decke zu lösen und sie am Fußboden festzuschrauben.
Kurz darauf geriet die Sannah in einen Meteorschwarm.
Flitmore hatte behufs Verlangsamung der Fahrt den Fliehstrom abgestellt,
als ein Gepolter losging; anfangs waren es nur einzelne kleine
Meteoriten, die die Umhüllung des Schiffes trafen, bald aber prasselte
es auf sie hernieder wie ein regelrechtes Hagelwetter. Beschädigt wurde
die solide Hülle nicht, denn die Meteore waren wohl auch nicht größer
als Hagelkörner; um aber jeglicher Gefahr aus dem Wege zu gehen, ließ
der Lord rasch wieder den Strom durch die Sannah kreisen und alsbald
bewährte sich die Wirkung der Fliehkraft, denn die Meteore wichen dem
Weltschiff von ferne aus infolge der abstoßenden Wirkung, die sie auf
alle der Schwerkraft unterworfenen Körper ausübte.
Flitmore lud die Reisegesellschaft ein, sich in ein auf der Nachtseite
gelegenes Zimmer zu begeben: »Ich denke, daß wir auf der Schattenseite
ein herrliches Schauspiel von leuchtenden Sternschnuppen und Meteoren
genießen werden,« meinte er.
»Sie vergessen,« warf Schultze ein, »daß die Meteoriten nur beim
Eintritt in die Atmosphäre aufleuchten, infolge der Reibung mit
derselben.«
Der Lord lächelte: »Ich vergesse nichts: schauen wir leuchtende Meteore,
so ist dies ein neuer Beweis für meine Theorie, daß eben der ganze
Weltraum mit verdünnter Luft erfüllt ist.«
»Aber müßte dann nicht auch die Erde in Glut geraten?« fragte Heinz.
»Sie ist geschützt durch ihre atmosphärische Hülle, die sie vor der
Reibung mit den Stoffen des Raums bewahrt, und die Lufthülle selber
bleibt deshalb vor zu starker Reibung bewahrt, weil sie einen Teil der
Weltatmosphäre mit sich fortreißt und diese Bewegung mit der zunehmenden
Höhe nur immer schwächer wird, so daß die Reibung der Erdatmosphäre mit
der Weltatmosphäre an keinem Punkte stark auftreten kann, da jede neue
Schicht nur um sehr wenig geringere Bewegung aufweist als die darunter
liegende.«
[Illustration: Sannah im Meteorenschwarm.]
Mochte dem sein, wie ihm wollte, jedenfalls war es Tatsache, daß man
ganze Schwärme von kleineren und größeren Meteoren zu sehen bekam: ein
entzückendes Feuerwerk.
»Sie haben ja recht behalten, Lord,« gestand Schultze nun ein: »Aber
rätselhaft bleibt es mir, warum, wenn doch offenbar die Reibung an der
dünnen Weltatmosphäre genügt, um die Meteore zu entzünden, die irdischen
Sternschnuppen erst dann zum Leuchten kommen, wenn sie in die
Erdatmosphäre eintreten?«
»Die Sache ist sehr einfach: weil sie eben zuvor keiner oder doch nur
einer geringen Reibung ausgesetzt sind. Sehen Sie, ich erkläre mir den
Vorgang so: die Meteorschwärme haben ja wohl ihre Eigenbewegung, aber
wahrscheinlich teilt die Weltatmosphäre in ihrer Bahn diese Bewegung,
möglicherweise hat auch jedes noch so kleine Meteor seine eigene
Lufthülle, die es aus der Raumatmosphäre an sich zieht; dadurch wird die
Reibung aufgehoben oder auf ein geringes Maß beschränkt.
Gerät aber die Erde in einen solchen Meteorschwarm, so läßt die
Anziehungskraft der Erde die Meteore mit rasender Geschwindigkeit
stürzen; beim Eintritt in die dichtere Erdatmosphäre werden sie ihrer
Lufthülle plötzlich beraubt, der Widerstand der Luft streift sie ihnen
gleichsam ab, und nun entsteht die Reibung, die sie in plötzliche Glut
versetzt.
Wenn wir nun hier leuchtende Meteore sehen, so ist der Fall allerdings
insofern ein anderer, als keine dichtere Atmosphäre das Aufglühen
veranlaßt, jedenfalls aber ein ungemein beschleunigter Sturz. Diese
Meteore müssen in die Anziehungssphäre eines Planeten, vielleicht des
Jupiter, geraten sein und stürzen nun mit solch rasender Geschwindigkeit
durch den Raum ihm zu, daß der Widerstand der verhältnismäßig ruhenden
Weltatmosphäre sie ihrer Lufthülle beraubt, falls wir eine solche
annehmen wollen, jedenfalls aber ihre Reibung an der Weltatmosphäre
stark genug wird, sie in Weißglut zu versetzen.«
John Rieger lauschte mit offenem Munde diesen großartigen Ausführungen
seines Herrn, die ihm um so mehr Ehrfurcht einflößten, als er nicht das
mindeste davon begriff.
Aber bildungsdurstig, wie er stets war, wandte er sich an Professor
Schultze, der es besser verstand, sich seinem Verständnis anzupassen.
»Mit untertänigst gnädigstem Verlaub, Herr Professor,« hub er an: »Sie
reden da so viel äußerst Belehrendes von den Motoren oder Sternschuppen;
aber wenn Sie einmal die gütigste Liebenswürdigkeit hätten, mich
genauestens aufzuklären, was diese leuchtenden Motoren von Grund aus
sind, so wäre ich Ihnen vorzugsweise verbunden.«
»Sehr gern, mein Freund!« erwiderte der Professor bereitwilligst: »Wie
du ganz richtig bemerkt hast, sind Meteore und Sternschnuppen im Grunde
dasselbe. Es sind kleinere oder größere Körper, die im Weltraum sich
befinden. Wenn nun die Erde in ihre Nähe kommt, werden sie von ihr
angezogen und sie stürzen mit größerer oder kleinerer Geschwindigkeit in
die Lufthülle der Erde. Je rascher sie hereinstürzen, desto mehr
erhitzen sie sich, aber um so mehr verlieren sie auch an Fallkraft, so
daß sie weiter unten nicht schneller stürzen als diejenigen, die von
Anfang an langsamer fielen.
Die Erhitzung mag mehrere tausend Grad betragen; dabei kommen sie zum
Leuchten und schmilzen an der Oberfläche, wogegen sie im Innern ziemlich
kalt bleiben. Wenn sie die Erde erreichen, sind sie durchaus nicht
besonders heiß, was eben daher kommen mag, daß ihr Sturz je tiefer desto
langsamer wird.
Die meisten aber kommen gar nicht bis zur Erde herab, weil sie hoch oben
schon so heiß werden, daß sie sich in Gase auflösen: Das sind dann
Sternschnuppen. Gelangen sie jedoch bis zur Erde, so sind es Meteore. So
nennt man sie aber auch, wenn sie besonders groß und hell erscheinen;
übertreffen sie an Glanz die hellsten Sterne, so heißt man sie Boliden;
verbreiten sie einen ganz außerordentlichen, oft taghellen Glanz, so
bezeichnet man sie als Feuerkugeln; solche treten aber nur sehr selten
und immer vereinzelt auf, während Sternschnuppen und Meteore in ganzen
Schwärmen vorkommen.
Natürlich willst du nun wissen, woher diese Dinger eigentlich stammen.
Manche behaupten, Meteoriten, d. h. kleine Meteore, kämen vom Mond.
Sicher aber ist, daß die Sternschnuppen und Meteorschwärme von Kometen
herrühren. Erstens einmal sind ihre Bahnen denen der Kometen durchaus
ähnlich; zweitens aber hat man schon beobachtet, daß Kometen, die der
Sonne oder dem Jupiter zu nahe kamen, sich in Meteorschwärme aufgelöst
haben.
Dafür ist besonders der berühmte Bielakomet ein lehrreiches Beispiel.
Dieser kam 1846 dem Jupiter zu nahe und zersprang dadurch in zwei
Stücke, die 1852 zu richtiger Zeit wiederkehrten, aber 1858, als sie
wieder erscheinen sollten, nirgends zu finden waren. Seither hat man ihn
nicht wieder gesehen; als jedoch die Erde 1872 und 1885 seine Bahn
kreuzte, geriet sie in einen Meteorschwarm, der als prächtiger
Sternschnuppenhagel das Auge entzückte. Das waren die Überreste des
stolzen Kometen. Diesen Meteorschwarm nannte man die Leoniden, weil er
aus dem Sternbild des Löwen zu kommen schien; zuletzt ist auch dieser
Meteorschwarm verschwunden.«
»Das leuchtet mir spezifisch ein,« sagte John befriedigt, »daß die
Motore von den Kometen herkommen; denn man nennt doch die Kometen
»Haarsterne«, weil sie sozusagen eine goldene Mähne haben. Aber aus
solchen goldenen, leuchtenden Haarverhältnissen dürften vermutungsweise
auch goldene, leuchtende Schuppen fallen, und das sind dann die so
richtig benannten Sternschuppen.«
Alle lächelten über diese gelungene, echt volkstümliche Wortableitung;
der Professor aber sagte lachend:
»Brav, mein Sohn! Bleibe nur bei dieser Erklärung, so behältst du alles
am besten inne; denn Schuppen oder Schnuppen sind in Grunde Schnuppe und
Schuppen können zwar lästig sein, aber so ein hartnäckiger Schnuppen ist
doch noch weit unangenehmer. Aber noch weißt du nicht, aus was für
Stoffen die Meteore eigentlich bestehen. Sie enthalten allerlei:
Kieselsäure, Magnesia, Eisen, Nickel, Kupfer, Wasserstoff, Sauerstoff,
auch Kohlenstoff und zweifellos organische Bestandteile, das heißt
Spuren von Pflanzen oder lebenden Wesen, die uns Kunde geben, daß auch
andere Welten solche besitzen, wie wir jetzt ja auf dem Mars mit eigenen
Augen sehen; manchmal findet man sogar Diamanten im Innern eines
Meteorsteins. Meistens sind es größere oder kleinere Eisenblöcke.«
»Ja,« mischte sich der Lord in die Auseinandersetzung: »und drei solche
hat der berühmte Nordpolforscher Peary gestohlen!«
»Gestohlen?« fragte Heinz erstaunt.
»Jawohl. Dieser Peary fand bei den Eskimos eiserne Werkzeuge. Überrascht
hievon, erkundigte er sich, woher das Eisen stamme. Man antwortete ihm
stets: »Vom Eisenberg!« Wo sich aber dieser rätselhafte Eisenberg
befand, wußten nur die ältesten Männer des Stammes und diese verrieten
ihr Geheimnis nicht.
Auf späteren Reisen erwarb sich Peary nach und nach das Vertrauen der
Eskimos in so hohem Grade, daß sie endlich seinem Drängen nachgaben und
ihn zu dem rätselhaften Eisenberg führten, der aus drei gewaltigen
Meteoren bestand. Die Eskimos hatten ihnen Namen gegeben: »Die Zehn«,
»Das Weib« und »Den Hund« nannten sie diese Eisenklötze, die für sie ein
ganz unschätzbares Kleinod waren, das einzige Eisen in den arktischen
Regionen! Aufs gemeinste hat Peary das ihm entgegengebrachte Vertrauen
mißbraucht. Unter großen Schwierigkeiten ließ er die drei Meteore, ja
alle drei! heimlich an Bord schaffen und beraubte so die armen Eskimos,
die wahrhaftig hart genug ums Dasein zu kämpfen haben, ihres kostbarsten
Schatzes, den sie so lange unter strengstem Geheimnis gehütet hatten. In
Newyork erhielt er 200000 Mark für seinen Raub. Ob er wohl das
Sündengeld mit gutem Gewissen eingesackt hat?«
»Das ist allerdings ein Schurkenstreich erster Güte!« eiferte Schultze
empört: »In meinen Augen hat Peary seinen Ruhm damit aufs schmählichste
befleckt.«
»Und sehen Sie, so ist unsere europäische und amerikanische
Christenmoral,« fuhr der Lord fort: »Jedermann weiß, was dieser Peary da
verübt, und doch feiert man ihn, ja man bewundert noch die Kühnheit und
List, mit der er die Eskimos hintergangen und bestohlen hat. Hätte er
einem Amerikaner solche Wertgegenstände geraubt, so käme er dafür ins
Zuchthaus.«
»Ja ja! Aber so arme Eskimos bestehlen, das ist ja wohl etwas anderes,
eine Heldentat!« fügte Schultze grimmig bei.
Als der Professor seine Empörung über die Schuftigkeit eines berühmten
Mannes einigermaßen überwunden hatte, fühlte er sich bewogen, John noch
eine besonders interessante Mitteilung über die Meteoriten zu machen:
»Du siehst,« sagte er, »es fallen zu Zeiten recht stattliche Eisenblöcke
vom Himmel; manchmal geht ein ganzer Hagel von Meteoren nieder. Vom Jahr
823 wird berichtet, daß in Sachsen durch einen solchen Meteorhagel
Menschen und Vieh erschlagen und 35 Dörfer vom Feuer verzehrt worden
sind. Der berühmte Arzt und Chemiker Avicenna beschreibt genau
Meteoritenfälle, die um 1010 in Ägypten, Persien und anderwärts
niedergingen. Am 1. Oktober 1304 fielen bei Friedeburg an der Saale
feurige Steine wie Hagel und richteten großen Schaden an. Am 7. November
1492 fiel bei Ensisheim ein 260 Pfund schweres Meteor, von dem ein Stück
noch heute in der dortigen Kirche hängt. Am 4. September 1511 ereignete
sich bei Crema ein ungeheurer Steinregen, der die Sonne verfinsterte. Es
stürzten etwa 1200 Meteore herab, darunter solche von 260 und 120 Pfund;
sie erschlugen Vögel, Vieh und Fische, auch einen Mönch.
Und ähnliche Fälle kamen noch zu Dutzenden in Deutschland, Frankreich,
Spanien und Italien vor, wobei mehrfach Menschen ums Leben kamen. Eine
ganze Anzahl derselben wurde ausführlich beschrieben, oft von
einwandfreien Gelehrten und Professoren; sogar wissenschaftliche
Kommissionen untersuchten die Aerolithen, und trotzdem wollte die
Wissenschaft nicht daran glauben; ja die französische Akademie der
Wissenschaften erklärte es feierlich für einen Blödsinn, wenn man
behaupte, es könnten Steine vom Himmel fallen. Allerdings wurde sie
durch einen alsbald erfolgenden großartigen Steinregen in Frankreich
gründlich blamiert; aber man sieht daraus, wie zäh die Zweifelsucht
beschränkter Köpfe ist, die sich für Leuchten der Welt halten. Es ist
heute nicht anders, es gibt jetzt noch genug Vertreter dieser
wissenschaftlichen Beschränktheit, die vor den augenfälligsten Tatsachen
wie der Vogel Strauß den weisheitgeschwollenen Kopf in den Sand stecken,
sobald ihnen etwas über den Horizont geht: solche Kleingeister spötteln
heute über die Wünschelrute, das Hellsehen, die Weissagungen der
Propheten und wollen gar die Geschichtlichkeit eines Jesus leugnen,
genau wie jene Akademiker an keine Meteoriten glauben wollten; es ist
die Sorte, die nie ausstirbt und gegen welche Götter selbst vergebens
kämpfen!«
»Sachte, sachte, Professorchen,« lachte Münchhausen: »Sie sind auch
nicht immer gläubig und haben sich schon manchmal mit Ihren Zweifeln
verrannt.«
»Gebe ich zu! Aber hernach sehe ich es ehrlich ein und hülle mich nicht
in Eigensinn und überlegenes Lächeln.«
»Am meisten,« nahm der Lord das Wort, »belustigen mich die Gelehrten,
die aus erhabenem wissenschaftlichen Wirklichkeitssinn jede Möglichkeit
leugnen, ein Mensch könne Zukünftiges vorhersagen. Aus dieser
vorgefaßten Meinung heraus geben sie sich unendliche Mühe, mit einem
fabelhaften Aufwand von Phantasie und Mangel an Logik die prophetischen
Weissagungen der Bibel wegzuerklären, und dann erzittern sie, wenn sie
zu dreizehnt am Tische sitzen, weil das ein kommendes Unglück bedeuten
soll, oder wenn ihnen eine schwarze Katze über den Weg läuft: ja, eine
Zahl und eine Katze halten sie für Propheten und den prophetischen
_Geist_ begreifen sie nicht! Nirgends sieht man es so deutlich bewiesen:
Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren worden!«
»So ist es immer,« sagte der Kapitän mit ungewohntem Ernst: »Ich habe es
mein ganzes Leben lang beobachtet: wer die ewigen Wahrheiten nicht
glauben will, verliert die Fähigkeit des klaren Denkens, hält Phantasien
für Beweise und glaubt den kläglichsten Blödsinn.«
»Allerdings,« sagte Flitmore: »Dabei merkt aber der Ärmste gar nicht,
daß auch seine vermeintliche Weisheit nur Glaube ist, wenn auch ein
unvernünftiger; vielmehr glaubt und behauptet er, auf dem Boden
unfehlbarer wissenschaftlicher Ergebnisse zu stehen.«
»Wer an »unfehlbare wissenschaftliche Ergebnisse« überhaupt glauben
kann,« schloß Schultze, »dem ist schon nicht zu helfen: er leidet an
einem Verstandes- oder Willensfehler. Ein gebildeter Mensch, der zu
klarem Denken fähig ist, muß einsehen, daß es wohl Ergebnisse der
Beobachtung gibt, aber niemals zweifellose Ergebnisse der Wissenschaft.
Wobei zu bemerken ist, daß auch die reinen Beobachtungsergebnisse,
selbst wenn sie Jahrzehnte hindurch von den verschiedensten Beobachtern
bestätigt werden, durchaus keine Gewähr der Richtigkeit bieten, wie
schon die berühmten Marskanäle beweisen.«
John Rieger konnte diesen Erörterungen nicht recht folgen; er hatte aber
noch eine Frage betreffend der Meteore auf dem Herzen, die er jetzt
anbrachte, als die Herren schwiegen: »Sie haben so viele Vorkommnisse
von Steinregen benannt, Herr Professor, aber alle aus alter Zeit.
Heutzutage dürfte wohl so etwas überhaupt nicht mehr vorkommen in unserm
aufgeklärten Zeitalter?«
»Da sehe einmal einer den Zweifler!« polterte Schultze lachend: »Also
auch du bist noch nicht überzeugt, mein Sohn Brutus, daß die Meteorfälle
auf Erden Tatsache sind? Höre: auch heutzutage kommen sie häufig vor. So
ist zum Beispiel bei Mugello in der Nähe von Florenz am 3. Februar 1910
ein Hagel von Meteoriten in glühendem Zustand niedergegangen, die
Straßen, Felder und Weinberge bedeckten und die Kulturen vielfach
zerstörten. Nach diesem Feuerregen zerriß plötzlich der Dunstschleier
und es zeigte sich ein Komet von strahlendem Glanze.«
»Und das ist wirklich und wahrhaftig geschehen?«
»Wirklich und wahrhaftig: es stand in allen Zeitungen und ist so gut
bezeugt, daß ein gebildeter Mensch es glauben muß.«
»Ja, dann glaube ich es natürlich und selbstverständlich auch,« sagte
Rieger selbstbewußt.