»Halloh! Das ist ein bedenkliches Zeichen!« rief Flitmore.
»Was mag da los sein?« fragte Mietje besorgt.
»Jedenfalls gilt es, schleunigst umzukehren«, mahnte der Kapitän.
Heinz faßte den Marsiten bei der Hand und wies ihm das in der Ferne hoch
aufragende Weltschiff, ihm bedeutend, er möge mit ihnen flüchten.
Der Mann aber schüttelte bloß traurig das Haupt und schwenkte die Hand
gegen den Sumpf hinab. Da war nichts zu machen: dort lagen alle seine
Lieben, bei ihnen wollte er sein Grab finden!
Flitmore unterließ nicht, den letzten Zeugen einer ausgestorbenen
Menschenwelt zu photographieren; dann schieden unsre Freunde bedauernd
von dem Greise und beeilten sich, die Sannah wieder zu erreichen; denn
der Ton der Sirene hatte ihnen verkündigt, daß dort etwas nicht in
Richtigkeit sein mußte.
Am Waldsaum machten sie Halt, um von den mitgenommenen Vorräten ein
kurzes Mahl zu halten; denn der Hunger hatte sich mächtig eingestellt
und Münchhausen hatte erklärt, mit leerem Magen komme er keinen Schritt
weiter, nachdem er heute Nacht so gründlich angezapft worden sei.
Bobs, der Schimpanse, pflückte sich die goldgelben pyramidenförmigen
Früchte der Bäume am Waldrand und verzehrte sie mit so sichtlichem
Behagen, daß der Kapitän sich nicht enthalten konnte, auch davon zu
kosten. Er fand sie von solch köstlichem Wohlgeschmack, daß auch die
Übrigen zugriffen und einen großen Vorrat davon mitnahmen.
In zwanzig Minuten war das Wäldchen durchschritten, da man sich nicht
wieder durch seine Merkwürdigkeiten aufhalten ließ.
Als John die Heimkehrenden aus dem Walde heraustreten sah, kletterte er
rasch an der Sannah hernieder und ging ihnen entgegen.
»Was ist's? Was gibt's?« rief ihm Heinz von ferne zu. »Ist etwas
passiert, sahst du eine Gefahr nahen, daß du das Notsignal gabst?«
»O, meine Herren!« rief Rieger, der keuchend dahertrabte: »Die Sannah
ist sozusagen heil und wohlbehalten, indem ihr nichts passiert ist; aber
es ist ein schreckliches Wunder geschehen, was ich von weitem erblickt
habe, und das ich befürchten mußte, wenn es in der Nähe sich ähnlich
ereignen dürfte, es nicht zum wenigsten unser Weltende herbeizuführen
vermöglich wäre.«
»Was sahst du denn so Entsetzliches?« forschte der Lord seelenruhig.
»Dort, weit dort drüben ist ein ganzer Bergzug sozusagen im Boden
verschwunden und dann ist ein andrer aus der Tiefe heraufgestiegen und
das Wasser und Gewürm floß an ihm herab.«
»Das scheint ein Erdbeben gewesen zu sein!« meinte Schultze.
»Merkwürdig, daß wir nichts davon spürten«, warf Münchhausen ein.
»O, die Sannah hat nicht unbeträchtlich gewackelt«, erklärte der Diener.
»Wenn die Wellenbewegung des Bebens sich senkrecht gegen diese
parallelen Hügelzüge richtete, so ist es nicht auffallend, daß sie bald
so abgeschwächt wurde, daß sie uns nicht mehr erreichte«, erläuterte der
Professor. »Überhaupt zeigen Erdstöße oft eine auffallend scharfe
Abgrenzung: ein Tal, ein Flußbett gebietet ihnen häufig Halt. Es kommt
vor, daß eine Stadt auf der einen Seite eines Flusses einstürzt, während
man im jenseitigen Stadtteil die Erschütterung kaum spürt.«
»Mag sein! Aber ich stimme dafür, daß wir den Mars schleunigst
verlassen, der bei Tag so unheimlich und gefährlich zu sein scheint, wie
bei Nacht.«
Dieser Meinung des Kapitäns wurde kein Widerspruch entgegengesetzt; aber
mit der schleunigen Abreise hatte es noch gute oder besser »schlimme«
Wege.
So weit das Auge sah, schien plötzlich die ganze Marsoberfläche in
Bewegung geraten zu sein. In der Luft dröhnte und donnerte es, der
Erdboden krachte, eine rötliche Staubwolke erfüllte die Luft, so daß
eine Zeitlang nichts mehr zu erkennen war; dann fegte ein plötzlich
daherbrausender Orkan die Wolke hinweg; doch schien sie nur in die
oberen Luftschichten getrieben worden zu sein; denn eine blutig-fahle
Dämmerung lagerte über dem Grunde.
Ein Schrei des Entsetzens entrang sich unwillkürlich aller Lippen; nur
Flitmore blieb stumm und anscheinend ruhig.
Dann standen die Erschreckten wie erstarrt.
Bobs, der Affe, allein sprang in rasenden Sätzen der Sannah zu, die er
erreichte und an der er zu seinem Kameraden Dick emporklomm.
Unsre Freunde aber sahen gewaltige Wogen auf sich zukommen.
Anfangs glaubten sie, es seien richtige Wasserwellen, das Meer sei
seinem Bette entstiegen, sie zu verschlingen.
Bald aber erkannten sie, daß das Land selber mit seinem leichten weichen
Erdboden diese Wellen warf: Hügel verschwanden und neue Hügelketten
tauchten auf, um wieder zu versinken und sich wieder zu erheben.
Und mit unheimlicher Geschwindigkeit nahten diese Erdwogen. An ein
Erreichen des Weltschiffs, das noch zweihundert Meter entfernt war, war
nicht mehr zu denken.
Der Boden wankte unter den Füßen der Schreckgelähmten.
Jetzt ein heftiger Stoß, der alle durcheinander warf; die Erde versank
zu ihren Füßen: sie lagen in der Tiefe; aber der Grund hob sich wieder
und sie mit ihm. Nur Münchhausens rundliche Masse kollerte alsbald
wieder von der Höhe hinab: sein kugelförmiger Körper fand nirgends Halt
und blieb in beständiger rollender Bewegung.
Noch mehrmals wurden die Daliegenden hilflos gehoben und gesenkt von der
Wellenbewegung der Erde; dann wurde die Erschütterung schwächer und sie
fanden sich in einer breiten Mulde liegend.
»Hinauf, hinauf!« rief Flitmore, der sich zuerst emporraffte und Mietje
beim Arm faßte, sie mit Hünenkraft den steilen Abhang emporschleifend.
Es war die höchste Zeit! Brausend kam es die Mulde herauf: ein Strom von
Schlamm, ein dichtes Pflanzengewirr und eine wimmelnde Masse von
zappelnden Würmern mit sich führend.
Wer von dieser Woge erreicht wurde, der war verloren: aus diesem Chaos
hätte keiner mehr seine Glieder zu befreien vermocht.
Mit knapper Not entkam der Professor der zähen Flut, die sich
heranwälzte, als er kaum auf halber Höhe des Abhangs angelangt war. Von
dem aufspritzenden Schlamm wurde er über und über bedeckt.
Heinz und John, unmittelbar vor ihm, reichten ihm hilfreich die Hand.
Der Lord und Mietje befanden sich schon oben in vorläufiger Sicherheit.
»Wo ist der Kapitän?« rief Flitmore, das Brausen im Grunde
überschreiend.
»Da liegt er gottlob!« schallte Heinzens Stimme.
Ja, da lag er zu oberst auf der Bodenwelle. Bei der letzten
Wellenbewegung war es seinen verzweifelten Anstrengungen geglückt, sich
an einem kleinen Erdhügel festzukrallen und so war er zuguterletzt
emporgehoben worden, ohne wieder herabzurollen. Sonst wäre der Unselige
unbedingt verloren gewesen; denn aus dem Grunde der Mulde hätte er sich
nicht so rasch emporarbeiten können wie die andern und da entschieden
Sekunden über Leben und Tod.
Da lag er nun und bot wiederum einen Anblick, der unter minder
grauenhaften Umständen die größte Heiterkeit entfesselt hätte; denn es
sah zu gelungen aus, wie er noch krampfhaft, beinahe zärtlich das
rettende Erdhügelchen umarmt hielt, als wolle er es nicht wieder von
sich lassen.
Endlich brachte ihn der Zuspruch und die tätliche Hilfe von Flitmore und
Heinz wieder auf die Beine, wobei John ihn mit kräftigen Armen von
hinten im Gleichgewicht hielt.
Aber nun war guter Rat teuer für alle: dort drüben ragte die Sannah aus
dem Sumpf, in den sie versenkt worden war. Gähnend öffnete sich die Türe
hart über dem Sumpfspiegel, auf dem die Strickleiter von Morast
überzogen schwamm.
Ein Glück, daß die Öffnung nicht tiefer zu liegen gekommen war, sonst
wäre der Schlamm ins Innere geflutet und keine Aussicht mehr gewesen,
überhaupt in das Fahrzeug zu gelangen.
Allerdings schien auch so keine Möglichkeit hiezu vorhanden, so
einladend das Tor herübergähnte: ein Sumpfarm von dreißig Meter Breite
trennte die Gesellschaft von der Sannah und das war ein unüberwindliches
Hindernis.
»Wenn wir nur die Strickleiter herüberziehen könnten!« meinte Flitmore
nachdenklich; »sie ist fünfzig Meter lang, und wir brauchen sie nur
straff anzuspannen, um hinüberturnen zu können.«
Alle strengten nun ihre Gehirnkraft an, um ein Mittel zu ersinnen,
dieses Ziel zu erreichen.
»Wenn die Affen so gescheit wären«, seufzte Mietje nach langem
Stillschweigen: »die könnten uns das Ende der Leiter wohl
herüberschaffen: die Schlammasse ist dick genug und soviele Wurzeln und
verwirrte Pflanzen ragen daraus hervor, daß die Schimpansen bei ihrem
geringen Körpergewicht kaum darin versinken würden.«
»Ja! Wenn ... wenn ...!« erwiderte der Lord: »Aber wie willst du ihnen
das begreiflich machen? Marsmenschen sind sie noch lange nicht.«
Immerhin pfiff er den Affen, ohne sich darüber klar zu sein, was es
helfen könne, wenn sie herkamen.
Die Schimpansen hatten stets mit Neugier herübergeblickt; es schien
ihnen offenbar nicht in der Ordnung, daß sie von ihren Herren völlig
getrennt waren.
Als nun Flitmores wohlbekannter Pfiff erscholl, dem sie zu folgen
gewohnt waren, kletterten sie an den Rampen herab bis zum Sumpfspiegel.
Hier aber machten sie unschlüssig Halt: der Boden schien ihnen
verdächtig.
Nochmals pfiff der Lord.
Nun wagte sich Bobs auf die trügerische Fläche. Er hielt sich mit einer
Hand an der Strickleiter fest und versuchte die ragenden Wurzeln und
Pflanzen als Brücke zu benutzen; dabei schleppte er die Strickleiter bis
zum halben Weg mit sich; da er aber eine Mittelsprosse und nicht das
Ende erfaßt hatte, war nun die Strickleiter straff gespannt und er
konnte nicht weiter, ohne sie loszulassen.
Ein dritter Pfiff Flitmores hatte nur zur Folge, daß er los ließ und nun
vollends frei herüberturnte, was ihm bei seiner Gewandtheit auch gelang.
Inzwischen nahte sich auch Dick, der nun an der Strickleiter eine Brücke
bis zur Mitte des Sumpfes fand. Hier verließ auch er sie und kam
vollends glücklich ans Ufer.
»Nur fünfzehn Meter!« seufzte der Kapitän.
»Wollen Sie's riskieren?« höhnte Schultze: »Untergehen werden Sie ja
wohl kaum.«
»Das nicht,« lachte Münchhausen gutmütig, »aber bis zur Mitte meiner
Konstitution einsinken, das ist sicher. Was könnte es Ihnen helfen, wenn
ich als lebendige Kugelboje im Morast schwämme?«
»Ich muß hinüber, ich bin die Leichteste«, sagte Mietje in plötzlichem
Entschluß.
»Du?« rief ihr Gatte mit einem Ton der Besorgnis in der Stimme.
»Ja, ich! Irgendwie müssen wir aus dieser Notlage herauskommen, und das
ist nicht möglich, wenn nicht jemand das Wagnis unternimmt. Das
geringste Körpergewicht gibt die beste Aussicht auf das Gelingen und
somit bin ich die Geeignetste dazu; denn sinke ich unter, so würde das
jedem von euch umso sicherer widerfahren.«
»Nein, nein! Dieses heldenmütige Opfer können wir nie und nimmer
annehmen«, widersprach der Kapitän.
»Doch, doch! Bobs wird mich führen, und so gescheit und treu ist er
schon, daß er mich hält, wenn er mich sinken sieht.«
»Wir müssen dich anseilen«, sagte Flitmore, der einsah, daß etwas gewagt
werden mußte und daß seine mutige Gattin allerdings am ehesten Aussicht
hatte, den Sumpf ohne ernsten Unfall beschreiten zu können.
»Gut«, sagte Mietje, »so bitte ich die Herren einen Augenblick
wegzusehen.«
Sie trug unter dem Kleide einen Unterrock aus starker Leinwand. Dieses
entbehrlichen Kleidungsstückes entledigte sie sich rasch und schnitt es
in Streifen mit der Scheere, die sie als praktische Hausfrau in einem
handlichen Nähetui stets bei sich trug.
Die aneinandergeknüpften Streifen gaben ein Seil, das stark genug war,
sie im Notfall ans Ufer zurückzuziehen.
Nun ergriff die junge Heldin Bobs Arm und schob den Schimpansen voran
auf den Morast.
Der Affe zeigte sich verständig und lenksam und schritt gewandt aus, die
haltbarsten Unterlagen geschickt auswählend.
Mietje, die sich des besseren Haltes wegen ihrer Schuhe und Strümpfe
entledigt hatte, konnte sich nicht wie der Schimpanse mit den Füßen an
den schwankenden Wurzeln und Ranken anklammern: um so fester klammerte
sie sich am Arme ihres Beschützers fest, während die Männer am Ufer das
Seil straff hielten, das ihr unter den Schultern festgebunden worden
war.
Es war übrigens ein kurioses Schauspiel, die zarte Lady am Arme des
Affen dahinschreiten zu sehen; doch richtete sich die Aufmerksamkeit der
am Ufer Stehenden lediglich auf ihre Tritte. Oft erbebten sie, wenn sie
sahen, daß ihr Fuß einsank; aber die Dame war so behende, daß sie
jedesmal schon den andern Fuß auf irgend einen festeren Punkt gesetzt
hatte und ihr Körpergewicht rasch auf diesen verlegte, ehe der eine Fuß
nur Zeit fand, tiefer einzusinken.
Ein langsames, zögerndes Ausschreiten wäre ihr Verderben gewesen; durch
dieses flinke Vorwärtshüpfen, das Bobs kaum gewandter zuwege brachte,
gelang es ihr auch sehr zweifelhafte Stützpunkte im Fluge zu benutzen,
sie nur als flüchtiges Sprungbrett für den nächsten Schritt verwertend.
»Bei allen Feen und Elfen!« konnte der Kapitän sich nicht enthalten,
bewundernd auszurufen: »Lord, ich glaube, ihre Gattin würde mit
ebensolcher Eleganz über das Meer hinweghüpfen: bis ein Fuß einsinken
will, ist er schon ganz wo anders.«
»Nicht wahr, da staunen Sie, stattlicher Hugo«, spöttelte Schultze: »Sie
möchte ich an Stelle der Lady sehen, wie leichtfüßig Sie durch den
Morast stapfen würden. Daß Sie ja hüpfen können, trotz einem
Ballettmädel, haben Sie uns heut Nacht bewiesen, edler Würmlizertreter.«
Jetzt atmeten alle auf; Mietje hatte die Strickleiter erreicht und zog
das in den Sumpf gesunkene Ende aus dem Schlamm; aber der hierdurch
veranlaßte Aufenthalt auf dem unsicheren Boden sollte ihr verhängnisvoll
werden.
Sie stand auf einem dünnen Gewirr verflochtener Lianen und Wurzeln, das
alsbald zu sinken begann, wie sie sich bückte und mühsam die
Strickleiter aus dem Sumpf zog: eine schwere Arbeit, da Pflanzen und --
o Graus! auch dicke Würmer an den Sprossen hingen.
Die Männer am Ufer zogen sofort das Seil an, als sie Mietje sinken
sahen; diese aber rief ihnen ein energisches: »Halt, halt!« zu.
Es wäre eine schlimme Sache für die arme junge Frau gewesen, am Strick
durch diesen Morast mit all seinem Wirrwarr geschleift zu werden, und
sie wäre sicher in bös zerfetztem und zerschundenem Zustand drüben
angekommen. Daran dachte sie jedoch nicht: es war ihr lediglich darum zu
tun, so nahe am Ziel den Erfolg ihres gefährlichen Unternehmens nicht in
Frage zu stellen.
Bangend sahen ihr die Männer am Ufer zu, bereit, sofort das Seil
anzuziehen, sobald Mietje in dringende Lebensgefahr geriete. Sie stak
schon bis zu halbem Leibe im Schlamm, als sie endlich die Strickleiter
so weit emporgezogen hatte, daß sie bis ans Ufer reichen konnte.
Aber was war das? Sie band ja das Seil los, das ihr den letzten Halt
geben sollte.
»Mietje, was tust du? Was fällt dir ein?!« rief Flitmore mit
unverkennbarem Schrecken.
»Das Gescheiteste!« rief die Lady zurück.
Sie band rasch das Ende des Stricks an einer Sprosse fest und schrie
dann hinüber: »Jetzt, schnell! Ziehet kräftig an.«
Mit fieberhafter Eile ließen die Männer das Seil durch ihre Hände
gleiten, bis die Strickleiter sich straffte: sie reichte nun gerade bis
ans Ufer.
Inzwischen war Mietje bis an den Hals im Schlamm versunken, hielt sich
aber mit emporgestreckten Armen an einer Sprosse fest.
Als nun die Männer die Leiter zu fassen bekamen und aus allen Kräften
anzogen, wurde die aufopfernde Heldin wieder soweit emporgezogen, daß
sie nur noch bis zur Brust im Moraste stak.
Dieses Straffen der Strickleiter war ein schweres Stück Arbeit gewesen!
Nun wurde das Ende der Leiter so fest als möglich an einem starken Busch
angebunden. Zu aller Vorsicht mußte Münchhausen es noch mit seinem
ganzen Körpergewicht beschweren und der Professor sich bereithalten, im
Notfall auch noch zuzugreifen; denn nun turnten der Lord und sein
Diener, sowie Heinz gleichzeitig auf der unsicheren Brücke über den
Sumpf, galt es doch, Mietje aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien.
Schrecklich war ihre Lage in der Tat: sie konnte kaum noch festhalten;
ihre ermüdeten Arme waren schmerzhaft gespannt und die sich krampfenden
Finger wollten sich an einem fort loslösen. Ein Glück war es, daß sie
nicht frei in der Luft hing, sonst hätten ihre Kräfte unbedingt versagt,
ehe Hilfe kam. Der zähe Brei, in dem sie steckte, minderte doch
einigermaßen das Körpergewicht, das an ihren Armen hing und ihr die
Hände aus den Gelenken zu reißen drohte.
Aber sie fühlte, wie trotz der äußersten Anspannung ihrer Willens- und
Muskelkraft alle Energie sie verließ: tausend Arme schienen sie in den
Sumpf zu ziehen, immer lockender wurde die Versuchung, loszulassen und
sich nicht weiter der schrecklichen Marter auszusetzen, die alle
Todesfurcht einschläferte, so daß Sinken, Ersticken, Einschlafen ihr als
Erlösung erschien.
Bei alledem gab sie keinen Laut von sich; aber das Blut hämmerte in
ihren Schläfen, es wurde schwarz um sie her, ihre Finger lösten sich:
das war das Ende!
Dies war ihr letzter dunkler, aber gar nicht schreckhafter Gedanke; dann
hatte sie das Bewußtsein verloren.
Aber in dem Augenblick, da sie mit schwindendem Bewußtsein die Sprosse
losließ, hatte Flitmore sie erreicht und ihre Handgelenke mit eiserner
Gewalt umklammert.
Hinter ihm krochen auch schon Heinz und John heran; denn nur kriechend
konnte man sich auf der schwanken Brücke fortbewegen.
»Ich halte sie«, keuchte der Lord; »jetzt sehet zu, wie wir sie
heraufbringen.«
Das war keine einfache noch leichte Aufgabe!
Heinz, der ein äußerst gewandter Turner war, hakte seine Füße in der
Strickleiter ein und ließ sich, den Kopf nach unten, hinab, während er
in den Knieen hing.
Dann faßte er die Lady mit beiden Händen um die Taille und hob sie mit
unsäglicher Anstrengung aus dem Schlamm.
»Ich habe sie!« stöhnte er endlich: »Sie können loslassen, Lord.«
Flitmore ließ die Handgelenke los, die er zwischen zwei Sprossen durch
ergriffen hatte; denn durch den engen Zwischenraum konnte er
selbstverständlich seine Gattin nicht emporziehen.
Schnell flocht er seine Beine zwischen Sprossen und Stricken fest und
und wies John an, ein Gleiches zu tun.
Jetzt beugten beide den Oberkörper auf der gleichen Seite hinab und
faßten Mietjes leblosen Körper unter den Armen. Es war höchste Zeit;
denn Heinz hätte ihn in seiner schwierigen Lage keine Minute mehr halten
können.
Flitmore und Rieger zogen nun die Ohnmächtige auf die Strickleiter, wo
sie dieselbe zunächst ausstreckten, um frische Kräfte zu schöpfen.
Inzwischen hatte auch Heinz sich wieder heraufgeschwungen.
Jetzt konnte die Lady, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, vollends zur
Sannah verbracht werden, wo es Flitmores Bemühungen bald gelang, sie
wieder zum Bewußtsein zu bringen.
Nun durften auch Schultze und Münchhausen die Reise antreten.
Der Kapitän bewegte sich voran, der Professor schob nach.
Ersterer hatte es schwer; denn seine runde Wölbung machte ihm das
Kriechen auf der schmalen Leiter beinahe unmöglich.
Es war ein köstlicher Anblick, diese Körpermasse sich langsam und
schwerfällig auf dem schwankenden Stege vorschieben zu sehen.
Auf der Mitte angelangt, erklärte der Kapitän mit lauter, aber höchst
kläglicher Stimme: »'s ist aus! Ich bin am Ende meiner Kräfte. Hier
bleibe ich und wenn ich hier übernachten muß und in den Sumpf kollere.«
»Machen Sie keine schlechten Witze, Kapitän«, mahnte Schultze von
hinten: »Ich schiebe Sie ja aus allen Kräften.«
»Ach, was richten Sie aus? Das ist, als ob eine Mücke einen Elefanten
schieben wollte! Ich sage Ihnen, ich bin schachmatt.«
»Sie freuen mich, Allerwertester! Was soll denn aus mir werden? Soll ich
etwa über Sie hinwegturnen? Im Bergkraxeln bin ich ganz und gar nicht
bewandert und zum mindesten müßte ich einen Alpenstock haben, wollte ich
es wagen, diese gefährliche Kletterpartie zu unternehmen.«
»Ha! Gefühlloser Schurke! Bin ich aus Granitquadern gebaut? Bin ich ein
rauher Felsblock, daß Sie die Eisenspitze eines Gebirgsstockes in meine
Flanken bohren wollen? Das lassen Sie sich beikommen und wie eine Lawine
rolle ich mit Ihnen ins Verderben!«
»Nee! ein rauher Felsbrocken sind Sie nicht«, lachte der Professor
belustigt: »Rauh sind Sie nur innerlich, oller Seebär; außen sind Sie
nur allzuglatt und wohlgerundet, das ist ja gerade das Fatale; ein
Absturz wäre mir sicher, wollte ich die Kletterei unternehmen. Also,
voran!«
»Keinen Schritt mehr!«
»Aber ich kann doch nicht hier übernachten.«
»So kehren Sie um.«
»Was? So nahe dem rettenden Hafen soll ich umkehren und mich in der
Nacht mit den blutdürstigen Würmern herumbalgen? Vorwärts, vorwärts! Es
dämmert schon.«
Flitmore hatte inzwischen John gesandt, der nun den Kapitän erreichte
und anseilte.
So, gezogen und geschoben, gelangte er endlich in die Sannah zur großen
Erleichterung des Professors, der sich nun auch geborgen sah.
Alle Anstrengungen, die Strickleiter vom Busch loszureißen, um sie in
das Weltschiff zu ziehen, waren vergeblich.
»Lassen wir sie zurück«, erklärte der Lord, »ich habe ja noch andre.«
»Nein!« widersprach Heinz: »Die Brücke, die uns das Leben rettete und um
die Lady Flitmore ihr Leben wagte, an der sie so heldenmütig die
gräßlichsten Folterqualen ertrug, darf nicht im Stiche gelassen werden:
ich mache sie los!«
Flitmore schüttelte den Kopf: »Und Sie? Sie werden es schwer haben auf
der losen Leiter zurückzukehren.«
»Lassen Sie mich machen, es wird alles gut gehen!«
Wirklich kletterte Heinz zurück.
Er schnitt ein Stück des leinenen Seiles ab, band es an den Teil des
Seiles, der die Leiter mit dem Busch verband und glimmte es an. Dann
kletterte er rasch zurück und erreichte auch wirklich die Sannah, ehe
die weiterglostende Lunte das Seil angesteckt und durchgebrannt hatte.
Sobald letzteres der Fall war, ließ sich die Strickleiter leicht
einziehen.
Nun waren alle im Weltschiff wieder beieinander; Bobs hatte sich schon
dorthin gemacht, als Mietje ihn losließ, um die Strickleiter aus dem
Moraste zu ziehen. Dick war über die Brücke als Erster geturnt, sobald
sie hergestellt worden war.
Inzwischen war es Nacht geworden; beide Marsmonde leuchteten am Himmel:
Phobos, der bei einer Umlaufszeit von nur 7½ Stunden manchmal in einer
Nacht zweimal erscheint, und Deimos, der dem Mars nicht jede Nacht
aufglänzt, da er 30¼ Stunde Umlaufszeit hat. Beide sind dem Planeten
sehr nahe, woraus sich ihre überaus kurze Umlaufszeit erklärt.
Flitmore schloß die Türe und ließ den Zentrifugalstrom durch das
Weltschiff strömen.
Die Sannah erhob sich mit wachsender Geschwindigkeit, und, wie unsre
Freunde sahen, gerade zu rechter Zeit; denn unter ihnen geriet das
monderhellte Land auf einmal wieder in Bewegung. Ein besonders heftiger
Erdstoß mußte es erschüttert haben; denn plötzlich kam von ferneher eine
haushohe dunkle Woge: das Meer brauste heran und verschlang das
schwankende Land, so weit man sehen konnte, und mit ihm auch zweifellos
den letzten Bewohner des Mars.