Nach einer halbstündigen Wanderung war der Fuß der Berge erreicht. Nach
einer weiteren halben Stunde die erste Anhöhe erklommen.
Der Ausblick, der sich hier unseren Freunden bot, überzeugte sie sofort,
daß die Sage von den Marsmenschen keine reine Phantasie der Astronomen
sein konnte; denn vor ihren Blicken öffnete sich ein Hochtal, das von
einer ganzen Anzahl von Bauten erfüllt war, die zweifellos
vernunftbegabten Wesen ihren Ursprung verdankten.
Auch diese Bauwerke hatten ihre auffallenden Eigentümlichkeiten: zum
ersten waren sie schmal und hoch, turmartig aufgeführt; zum zweiten
erschienen sie alle dreieckig, zum dritten sahen sie wie aus einem Guß
gefertigt aus.
Der Professor, der für alles eine Erklärung suchte und auch gleich bei
der Hand hatte, ließ sich also vernehmen:
»Die Marsbewohner bauen offenbar in die Höhe wie die Newyorker,
jedenfalls auch aus demselben Grund: sie müssen an Platz sparen. In der
Tat erreicht die gesamte Oberfläche des Mars noch keine drei Zehntel der
Erdoberfläche; da überdies die schrecklichen breiten Sümpfe einen großen
Teil des Festlandes einzunehmen scheinen, so müssen sie an Bauplatz
sparen. Dreieckig sind die Häuser aufgeführt, um den Orkanen und den
Wasserfluten bei der Schneeschmelze wirksamen Widerstand bieten zu
können; daß sie so glatt und ungegliedert aussehen, weist auf eine
besondere Masse hin, mit der die Baumeister die Gebäude von außen
gleichmäßig bestreichen, auf einen Mörtel, der vielleicht dem Mars
eigentümlich ist.«
»Scharfsinnig, wie immer, Professor!« lachte der Kapitän. »Aber
gestatten Sie _mir_ diesmal, den Zweifler zu spielen: wir haben auf
unserer ganzen Wanderung weder Dörfer noch Städte, ja nicht einmal
angebautes Land getroffen oder auch nur von ferne erblickt. Also haben
die Marsbewohner noch keinen Mangel an Bauplätzen; zum andern dürfte in
diesem geschützten Tale kaum je ein heftiger Orkan wehen, auch ist es so
hoch gelegen, daß keine Wasserfluten es bedrohen. Abgesehen von diesen
Kleinigkeiten mögen Sie ja immerhin recht haben.«
»Na!« sagte Schultze: »Sie oller Zweifler! Lassen wir das einstweilen
dahingestellt und untersuchen wir die Häuser. Verlassen oder
ausgestorben scheint ja die Stadt zu sein.«
Das, was Schultze eine »Stadt« nannte, waren etwa hundert zumeist gleich
geformte Bauwerke von mäßigem Umfang. Sie leuchteten in allen
Regenbogenfarben, eines blau, das andere rot, das dritte grün; einige
schneeweiß, andere schwarz; daneben gelbe, braune, orangerote, violette
Türme in allen Farbenabstufungen.
Im Innern erwiesen sie sich sämtlich ganz ähnlich angelegt; statt einer
Treppe führte ein gewundener Gang empor, von schmalen Seitenfenstern
erhellt. Ganz oben befand sich ein dreieckiges Gemach, in welchem auf
erhöhten Matten -- Leichen lagen.
Ja, nur Leichen!
»Eine Begräbnisstätte, ein Friedhof,« rief Heinz aus.
»Wenigstens eine Totenstadt,« entgegnete Schultze, »da von Gräbern und
Begräbnis hier nicht die Rede ist.«
Die Leichen waren alle in lange Gewänder von einem eigentümlichen
glatten und sehr schmiegsamen Stoffe gekleidet, der keine Fäden, kein
Gewebe erkennen ließ. Entweder war dieser auf Erden unbekannte Stoff aus
einer äußerst zähen Gummiart papierdünn gewalzt, wobei der Gummi
jegliche Elastizität verloren hatte, oder er war aus einem nur den
Marsbewohnern bekannten Material gegossen.
Die Gewänder glänzten auch in den verschiedensten lebhaften Farben. Die
Körper unterschieden sich nicht wesentlich von menschlichen Körpern; sie
waren aber alle sehr klein, schlank und zierlich und jedenfalls wiesen
sie eine Rasseneigentümlichkeit auf, die auf Erden nicht zu finden war.
Diese Eigentümlichkeit bestand im Wesentlichen in einer auffallenden
Schädelform: man hätte meinen können, jedes dieser Häupter trage eine
Kappe; denn über der Stirne eingeschnürt, saß eine zweite mäßig gewölbte
und dichtbehaarte Schädelkammer.
»Zwei Stockwerke!« rief Münchhausen in ehrlichem Staunen: »Ein
zweistöckiges Gehirn haben diese Marsiten besessen! Nein, müssen die
gescheit gewesen sein!«
Die rosige Haut des Gesichts und der Hände, so weich und zart sie
aussah, erwies sich nichtsdestoweniger bei der Berührung als ungeheuer
zäh, wie Leder oder wie die Haut eines Elefanten.
Schultze machte, nicht aus sträflicher Neugier, sondern aus
wissenschaftlichem Interesse, einen Versuch, die Haut einer Hand mit
seinem Dolche zu ritzen; doch als er schließlich auch alle Gewalt
anwendete, es gelang ihm nicht, das Gewebe zu verletzen; das Messer
hinterließ nur eine vertiefte Spur, die bald wieder verschwand.
»Die waren ausgerüstet für den Kampf ums Dasein!« sagte er: »die
scharfen Hörner der wilden Tiere, die Klauen und Gebisse der Vögel und
die blutsaugerischen Schnauzen des Gewürms konnten ihnen nichts anhaben.
Um so mehr dürfen wir erwarten, bald auf lebende Marsbewohner zu stoßen:
ein solches Geschlecht stirbt nicht aus!«
Der Professor kannte die Schrecken des Mars noch allzuwenig!
Flitmore photographierte das Innere der Leichenhalle, sowie einige
besonders charakteristische Mumien. Nach Verlassen der Totenstadt nahm
er auch diese von einer Anhöhe aus auf; dann verließen unsere Freunde
den Ort durch ein gewundenes, bergabführendes Tal.
Am Ausgange der Schlucht lehnte an der Bergwand ein niedriger,
dreieckiger Bau aus »Gußstein«; denn so hatte Schultze das steinerne
Material, das gleichmäßig glatt war und keine Lücken aufwies, benannt.
Er vermutete, daß die Marsbewohner eine besondere Steinart wie Lava zu
schmelzen verstünden, im flüssigen Zustand färbten und dann ihre Häuser
in einem Block in Erdformen gossen.
Dafür sprach der Umstand, daß die Bauten in der Totenstadt eine
beschränkte Anzahl von Formen aufwiesen, die in genau den gleichen
Abmessungen immer wiederkehrten. Der Bruch einzelner beschädigter Steine
zeigte, daß die Färbung den ganzen Stein durchdrang und daß tatsächlich
nirgends eine Fuge vorhanden war, sondern alles aus einem Block bestand.
Vor dem neuentdeckten Hause nun saß ein steinaltes Männlein, dessen
Doppelschädel den Eindruck machte, als trage er eine Mütze aus
Eisbärenfell; denn schneeweis war sein dichtes Pelzhaar, das zottig
herabhing, jedoch nicht länger als es bei einem Tierpelz zu wachsen
pflegt.
Ein ebenso zottiger kurzer Bart umrahmte sein Gesicht.
Mit den großen, gescheiten Augen betrachtete er die Ankömmlinge,
offenbar sehr interessiert, aber durchaus nicht mit der Verwunderung
oder gar dem Entsetzen, welche diese sich geschmeichelt hatten, bei dem
ersten Marsbewohner zu erregen, der ihre fremdartige Erscheinung
gewahren würde.
Als sie sich ihm nahten, erhob er sich langsam. Ein leuchtendes rotes
Gewand umfloß seine schlanken Glieder.
Und nun zeigte Schultze den unentwegten Professor: er redete den
Marsgreis im elegantesten Latein an, das ihm zur Verfügung stand; denn
er dachte, Latein sei eine Weltsprache, die von gebildeten Wesen überall
verstanden werden müsse. Er bedachte nicht, daß die alten Römer, so
unternehmungslustig sie waren, die Grenzen ihres Reichs doch nicht über
den Erdball ausgedehnt hatten.
Übrigens war der Marsite stocktaub, wie er durch ein beredtes Berühren
seiner Ohren und sein trüblächelndes Kopfschütteln zu verstehen gab.
Da er jedoch an Schultzes beweglichen Lippen erkannt hatte, daß dieser
ihn anredete, mochte er meinen, die seltsamen Besucher sprächen die
Marssprache; denn er ließ einige wohllautende Worte vernehmen, merkte
aber bald an des Professors Kopfschütteln, daß man ihn nicht verstand.
Da deutete er auf die Gruppe, die ihn anstaunte, und erhob den Blick gen
Himmel. Gleichzeitig streckte er den Arm empor und wies auf einen
blassen Stern.
Das war die Erde!
Da die Erde dem Mars weit näher steht als die Sonne, und diese ihm
infolge ihrer Entfernung nicht so blendend leuchtet, wie uns, konnte man
die Erde hier bei Tageslicht am Himmel stehen sehen.
So sehr Lord Flitmore an Selbstbeherrschung gewohnt war, die Gebärde des
Greises brachte ihn doch aus der Fassung.
»Allmächtiger!« rief er aus: »Sollte man das für möglich halten? Dieser
Marsmensch vermutet, daß wir von der Erde her kommen! Offenbar ist ihm
das Vorhandensein von Menschen dort bekannt und man rechnete hier damit,
eines Tages einen Besuch vom Nachbarsterne her zu erhalten.«
»Nein! Welche Hilfsmittel müssen diese Marsmenschen besitzen!« meinte
Schultze verwundert.
»Ich glaube fast, ihre Augen ersetzen ihnen das beste Teleskop,«
bemerkte Heinz: »Sehen Sie doch nur, wie der Mann seine Augen weit
heraustreten läßt, wenn er nach der Erde schaut, und wie tief er sie in
die Höhlen zurückzieht, wenn er uns betrachtet.«
In der Tat bemerkten jetzt alle dieses seltsame Augenspiel, je nachdem
der Marsite den Blick auf nähere oder entferntere Gegenstände richtete.
[Illustration: Der Marsgreis.]
»Fragen Sie doch den Alten, wo wir noch mehr Seinesgleichen treffen
können,« wandte sich Münchhausen ironisch an Schultze, der mit seinem
Latein zu Ende war nach dem ersten vergeblichen und etwas törichten
Verständigungsversuch.
Heinz Friedung aber bewies, daß er einer solchen Aufgabe gewachsen war:
er unternahm es, die gewünschte Auskunft zu erhalten.
Das griff der intelligente junge Mann folgendermaßen an:
Er wies auf die eigene Brust und streckte den Daumen der geschlossenen
linken Hand empor; dann deutete er der Reihe nach auf Flitmore, Mietje,
Schultze und Münchhausen, jedesmal einen weiteren Finger der Linken
ausstreckend.
Der Marsite folgte aufmerksam diesem Gebärdenspiel, das besagen wollte:
»Wir sind fünf.«
Als Heinz dann seine Hand wieder schloß, zeigte der Alte, daß er
begriffen habe und des Zählens mächtig sei; denn mit einer Handbewegung
wies er auf die Gruppe und streckte dann fünf Finger aus, als wollte er
sagen: »Das stimmt, ihr seid zu fünft.«
Jetzt zeigte Hans auf den Marsiten und streckte wieder den Daumen allein
vor. Das hieß: »Du bist nur einer.« Dann sah sich der junge Mann
forschend und fragend nach allen Seiten um mit hilflosen Handbewegungen,
aus denen der Marsbewohner sofort die Frage erriet: »Wo sind die andern
Bewohner des Mars?«
Da schüttelte er den Kopf und eine tiefe Traurigkeit überzog seine
milden Züge: eindringlich streckte er den einen Daumen empor, berührte
seine Brust, wies dann mit dem Arm im Kreise umher, immer kopfschüttelnd
und zugleich die Hand verneinend schwenkend, als wollte er sagen: »Ich
bin allein da! Sonst ist nirgends mehr jemand vorhanden.«
Erstaunt glotzten unsere Freunde ihn an; da winkte er ihnen, ihm zu
folgen.
Er führte sie an den Rand des Hügels und deutete in den Sumpf hinab.
Da sahen sie schaudernd die Spitzen von Gebäuden aus dem schwarzen
Schlamme emporragen und die traurigen Gebärden des Greises sagten: »Alle
sind verschlungen von den Wassern, alle modern im Sumpf oder dienen den
Sumpfwürmern zum Fraß.«
Dann raffte sich der Alte auf, deutete auf seine Gäste und dann hinauf
zur Erde, ihnen mit heftigen Handbewegungen begreiflich machend:
»Fliehet, fliehet! Sonst ereilt euch das gleiche Schicksal!«
Dieses gräßliche Geschick verdeutlichte er noch dadurch, daß er wieder
hinab in den Sumpf zeigte, dann die Handfläche wagrecht über den Boden
hielt und sie ruckweise am eigenen Körper immer höher steigen ließ, bis
er sie hoch über den Kopf hob.
»Er will andeuten, daß die Gewässer plötzlich steigen und hoch über
unsere Köpfe weggehen können,« erklärte der Lord.
»Allerdings,« bestätigte Schultze: »Die Astronomen haben des öfteren
derartige Katastrophen auf dem Mars beobachtet: Das Land wird
urplötzlich vom Meere verschlungen, und die Verteilung von Kontinenten
und Meeren nimmt eine ganz neue Gestaltung an.«
»So werden wir hier nicht mehr viel zu entdecken haben,« meinte
Münchhausen: »Der Mann kennt sich jedenfalls am besten aus auf dem Mars
und wir werden gut tun, seine Warnung nicht in den Wind zu schlagen.«
In diesem Augenblick dröhnte der Klang der Sirene von der Sannah durch
die Lüfte.