John übernahm die Wache, während sich die andern wieder zur Ruhe
niederlegten.
Am Morgen wurden zunächst die Zelte wieder ins Weltschiff gebracht; denn
ein zweitesmal auf dem Mars im Freien zu nächtigen, dazu verspürte
niemand mehr Lust.
Das Frühstück wurde in der Nähe der Sannah eingenommen fern von den
immer noch zuckenden Leibern der erlegten Lumbriciden auf dem
nächtlichen Schlachtfeld.
»Ich schlage eine Entdeckungsreise auf dem Mars vor«, begann Schultze,
als der Imbiß vertilgt war.
Alle waren damit einverstanden.
»John«, sagte Flitmore, »du bleibst als Wache zurück; man weiß ja nicht,
was hier vorkommt. Am besten begibst du dich auf die oberste Plattform,
wo du nach allen Seiten hin weite Ausschau halten kannst. Erblickst du
etwas Verdächtiges, so läßt du die große Sirene ertönen.«
Als Rieger sich mit der pneumatisch betriebenen Sirene auf der Höhe der
Kugel befand, marschierte die kleine Gesellschaft ab; Bobs wurde
mitgenommen, während Dick dem Wächter Gesellschaft leistete.
Drunten im Sumpf sah man nichts von den widerlichen Geschöpfen, die er
beherbergte; aber an den Bewegungen der Pflanzendecke konnte man
deutlich erkennen, daß der Morast von gelenkigen Bewohnern wimmelte.
Inzwischen ging man auf dem Höhenrücken einem nahen Walde zu, der aus
niedrigen, rotbelaubten Bäumen bestand.
Diese Bäume erweckten besonders Schultzes lebhaftes Interesse, denn sie
zeigten ganz eigentümliche Formen. Die meisten hatten weder Äste noch
Zweige; die großen Blätter entsproßten an langen, dicken Stielen direkt
dem Stamm, der sich an der Spitze in ein Bündel solcher beblätterter
Stiele auflöste.
Die Blätter waren meist rund und tellergroß, andre kleeblattförmig, aus
drei vereinigten Rundscheiben bestehend; wieder andre zeigten
dreieckige, viereckige und mehreckige Bildung, boten also einen Anblick,
der Erdbewohnern völlig neu und ungewohnt war.
[Illustration: Ein dreibeiniges Tier.]
Einzelne Baumarten, die reich verästelt waren, hatten Doppelblätter, die
sich gleich Austernschalen auf- und zuklappten und offenbar den
Insektenfang betrieben.
Übrigens war von Insekten nur wenig zu sehen: einige merkwürdige Mücken,
durchsichtig wie Glas, und Käfer ohne Beine, die fliegenden Raupen und
fliegenden Würmern glichen und sich am Boden und an den Bäumen auch
gleich solchen fortbewegten, ja geflügelte Schnecken, die einen
bläulichen Schleim aussonderten, zweibeinige Ameisen und Spinnen, das
waren die Wunder, die Schultze seinen Sammlungen einverleibte.
Auch Vögel waren nur in wenigen Arten vertreten: sie hatten alle die
Eigentümlichkeit, vierbeinig zu sein, ein Anblick, der den an irdische
Geschöpfe gewöhnten Augen äußerst sonderbar vorkam. Dazu gesellte sich
der Umstand, daß diese Vögel nicht gefiedert waren, sondern einen
behaarten oder mit Schuppen bedeckten Leib hatten, der aber in
wunderbaren bunten Farben von metallischem Glanze strahlte. Die Schnäbel
wiesen meist ein gezahntes Gebiß auf und die Flügel bestanden vorwiegend
aus fächerartig übereinandergreifenden langen und starken Schuppen oder
dünnen Hornscheiben.
Als die Wanderer eine Lichtung betraten, rauschte es im Gebüsch und das
erste Wild, das sie auf dem Mars erblickten, zeigte sich ihren Augen.
Es erschien ebenso seltsam wie die Insekten- und Vogelwelt. Groß war es
nicht, kaum größer als ein Esel; aber es hatte ein schreckliches Gebiß,
wie überhaupt der platte, lange Kopf an ein Krokodil erinnerte. Von der
Mitte des Hauptes stieg ein äußerst scharfes Horn senkrecht empor und zu
beiden Seiten über den Ohren ragten zwei kürzere Hörner wagrecht hervor,
die Spitzen nach vorne gebogen. Das Seltsamste aber war: Dieses
gefährlich aussehende Tier war dreibeinig! Es hatte zwei Vorderfüße,
aber nur einen Hinterfuß am Ende des nach hinten sich birnenförmig
zuspitzenden Leibes.
Späterhin wurden noch verschiedene Tierarten getroffen, alle klein, aber
scharf bewehrt, und alle dreibeinig wie das zuerst geschaute.
»Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!« rief der Professor ein
über das anderemal: »Vierbeinige Vögel, dreibeinige Säugetiere und
zweibeinige Insekten! Das glaubt mir ja drunten auf der Erde kein
Mensch, selbst wenn ich die wohlpräparierten Beweisstücke auf den Tisch
der Wissenschaft niederlege!«
»So seid ihr Professoren!« tadelte Münchhausen: »Wenn ihr so ungefähr
innehabt, wie die Naturprodukte auf eurer kleinen Erde aussehen, so
glaubt ihr, das ganze unendliche Weltall erschöpft zu haben und bildet
euch ein, die unerschöpfliche Natur sei nie und nirgends imstande, etwas
zu schaffen, das nicht aufs Haar mit dem übereinstimmt, was sie euch auf
eurem weltverlorenen kleinen Sandkörnchen vor die Nase zu führen
beliebt.«
Schultze bedauerte unendlich, daß er nicht den Vögeln und Insekten und
Pflanzenproben, die er sich aneignete, auch ein Exemplar jeder
Tiergattung beifügen konnte. Dafür gelangen dem Lord mehrere
Momentaufnahmen, so daß die eigenartige Tierwelt wenigstens in getreuen
photographischen Abbildungen mitgenommen werden konnte. Ein besonders
merkwürdiges Säugetier, das zum Transport nicht zu schwer schien,
erlegte Heinz auf des Professors Bitte mit einem wohlgezielten Schuß.
Dieses Wild hatte die Größe eines Ebers, einen schlanken, beweglichen,
doch starknackigen Hals, auf dem sich hoch oben ein rundlicher,
possierlicher Kopf mit einer breiten Schnauze wiegte; es war dreibeinig
wie alle anderen Marssäuger und aus seinem Schädel wuchsen starke
spitzige Hörner wie die Stacheln eines Igels, im ganzen 15 Stück, wie
nach der Erlegung festgestellt wurde.
»Ich danke! Wenn solch ein Vieh mit gesenktem Kopf auf einen losstürmt!«
sagte Münchhausen.
»Ja, das würde Ihre geschätzte Leibeswölbung in ein Sieb verwandeln,«
lachte der Professor.
»Ich bin nur begierig, wie die Marsbewohner aussehen,« fuhr der Kapitän
fort: »Sind die Insekten hier zweibeinig, so vermute ich, daß die
Menschen zum mindesten sechsbeinig sind; denn daß die Natur hier
besonders mit der Zahl der Beine verblüffende Experimente macht, dürfte
nach all dem Gesehenen feststehen.«
»An die Marsmenschen glaube ich nicht,« sagte Schultze.
»Hören Sie, Professor, was _Sie_ glauben, ist völlig belanglos, indem
Sie ein Mann der Wissenschaft sind. Haben Sie etwa an vierbeinige Vögel,
dreibeinige Wildsäue und zweibeinige Spinnen geglaubt, ehe Sie solche
hier sahen?«
»Nee! Das freilich nicht; aber -- -- --«
»Nichts >aber<! Wenn Sie also an keine sechsbeinigen Marsmenschen
glauben, so spricht das sehr für deren Vorhandensein, und ich gedenke
unter allen Umständen, wenn wir auf die Erde zurückkehren, sehr viel und
sehr Unterhaltendes von diesen Marsmenschen zu erzählen, auch wenn wir
keine zu sehen bekommen, und da hoffe ich, daß Sie mir nie widersprechen
werden, da Sie doch nun deutlich gesehen haben, daß eben das, woran Sie
nicht glauben, der Wirklichkeit entspricht.«
Inzwischen war das Ende des Waldes erreicht, der nur etwa zwei Kilometer
in der Breite maß.
An dieser Stelle verband ein von der Seite her kommender Hügelwall die
Anhöhen, auf denen die Wanderer marschierten, mit den parallel laufenden
Hügelstreifen.
Diese quer laufende Kette war besonders breit und konnte als Hochebene
bezeichnet werden; sie war aber durchaus nicht völlig eben, sondern
zeigte mehrere gebirgsartige Erhebungen, die allerdings nirgends viel
mehr als zwei- bis dreihundert Meter Höhe erreichen mochten.
Es wurde beschlossen, rechts abzubiegen und das nächstgelegene dieser
kleinen Gebirge näher zu untersuchen.