12. Eine Entdeckungsreise auf dem Mars.

John übernahm die Wache, während sich die andern wieder zur Ruhe

niederlegten.

Am Morgen wurden zunächst die Zelte wieder ins Weltschiff gebracht; denn

ein zweitesmal auf dem Mars im Freien zu nächtigen, dazu verspürte

niemand mehr Lust.

Das Frühstück wurde in der Nähe der Sannah eingenommen fern von den

immer noch zuckenden Leibern der erlegten Lumbriciden auf dem

nächtlichen Schlachtfeld.

»Ich schlage eine Entdeckungsreise auf dem Mars vor«, begann Schultze,

als der Imbiß vertilgt war.

Alle waren damit einverstanden.

»John«, sagte Flitmore, »du bleibst als Wache zurück; man weiß ja nicht,

was hier vorkommt. Am besten begibst du dich auf die oberste Plattform,

wo du nach allen Seiten hin weite Ausschau halten kannst. Erblickst du

etwas Verdächtiges, so läßt du die große Sirene ertönen.«

Als Rieger sich mit der pneumatisch betriebenen Sirene auf der Höhe der

Kugel befand, marschierte die kleine Gesellschaft ab; Bobs wurde

mitgenommen, während Dick dem Wächter Gesellschaft leistete.

Drunten im Sumpf sah man nichts von den widerlichen Geschöpfen, die er

beherbergte; aber an den Bewegungen der Pflanzendecke konnte man

deutlich erkennen, daß der Morast von gelenkigen Bewohnern wimmelte.

Inzwischen ging man auf dem Höhenrücken einem nahen Walde zu, der aus

niedrigen, rotbelaubten Bäumen bestand.

Diese Bäume erweckten besonders Schultzes lebhaftes Interesse, denn sie

zeigten ganz eigentümliche Formen. Die meisten hatten weder Äste noch

Zweige; die großen Blätter entsproßten an langen, dicken Stielen direkt

dem Stamm, der sich an der Spitze in ein Bündel solcher beblätterter

Stiele auflöste.

Die Blätter waren meist rund und tellergroß, andre kleeblattförmig, aus

drei vereinigten Rundscheiben bestehend; wieder andre zeigten

dreieckige, viereckige und mehreckige Bildung, boten also einen Anblick,

der Erdbewohnern völlig neu und ungewohnt war.

[Illustration: Ein dreibeiniges Tier.]

Einzelne Baumarten, die reich verästelt waren, hatten Doppelblätter, die

sich gleich Austernschalen auf- und zuklappten und offenbar den

Insektenfang betrieben.

Übrigens war von Insekten nur wenig zu sehen: einige merkwürdige Mücken,

durchsichtig wie Glas, und Käfer ohne Beine, die fliegenden Raupen und

fliegenden Würmern glichen und sich am Boden und an den Bäumen auch

gleich solchen fortbewegten, ja geflügelte Schnecken, die einen

bläulichen Schleim aussonderten, zweibeinige Ameisen und Spinnen, das

waren die Wunder, die Schultze seinen Sammlungen einverleibte.

Auch Vögel waren nur in wenigen Arten vertreten: sie hatten alle die

Eigentümlichkeit, vierbeinig zu sein, ein Anblick, der den an irdische

Geschöpfe gewöhnten Augen äußerst sonderbar vorkam. Dazu gesellte sich

der Umstand, daß diese Vögel nicht gefiedert waren, sondern einen

behaarten oder mit Schuppen bedeckten Leib hatten, der aber in

wunderbaren bunten Farben von metallischem Glanze strahlte. Die Schnäbel

wiesen meist ein gezahntes Gebiß auf und die Flügel bestanden vorwiegend

aus fächerartig übereinandergreifenden langen und starken Schuppen oder

dünnen Hornscheiben.

Als die Wanderer eine Lichtung betraten, rauschte es im Gebüsch und das

erste Wild, das sie auf dem Mars erblickten, zeigte sich ihren Augen.

Es erschien ebenso seltsam wie die Insekten- und Vogelwelt. Groß war es

nicht, kaum größer als ein Esel; aber es hatte ein schreckliches Gebiß,

wie überhaupt der platte, lange Kopf an ein Krokodil erinnerte. Von der

Mitte des Hauptes stieg ein äußerst scharfes Horn senkrecht empor und zu

beiden Seiten über den Ohren ragten zwei kürzere Hörner wagrecht hervor,

die Spitzen nach vorne gebogen. Das Seltsamste aber war: Dieses

gefährlich aussehende Tier war dreibeinig! Es hatte zwei Vorderfüße,

aber nur einen Hinterfuß am Ende des nach hinten sich birnenförmig

zuspitzenden Leibes.

Späterhin wurden noch verschiedene Tierarten getroffen, alle klein, aber

scharf bewehrt, und alle dreibeinig wie das zuerst geschaute.

»Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!« rief der Professor ein

über das anderemal: »Vierbeinige Vögel, dreibeinige Säugetiere und

zweibeinige Insekten! Das glaubt mir ja drunten auf der Erde kein

Mensch, selbst wenn ich die wohlpräparierten Beweisstücke auf den Tisch

der Wissenschaft niederlege!«

»So seid ihr Professoren!« tadelte Münchhausen: »Wenn ihr so ungefähr

innehabt, wie die Naturprodukte auf eurer kleinen Erde aussehen, so

glaubt ihr, das ganze unendliche Weltall erschöpft zu haben und bildet

euch ein, die unerschöpfliche Natur sei nie und nirgends imstande, etwas

zu schaffen, das nicht aufs Haar mit dem übereinstimmt, was sie euch auf

eurem weltverlorenen kleinen Sandkörnchen vor die Nase zu führen

beliebt.«

Schultze bedauerte unendlich, daß er nicht den Vögeln und Insekten und

Pflanzenproben, die er sich aneignete, auch ein Exemplar jeder

Tiergattung beifügen konnte. Dafür gelangen dem Lord mehrere

Momentaufnahmen, so daß die eigenartige Tierwelt wenigstens in getreuen

photographischen Abbildungen mitgenommen werden konnte. Ein besonders

merkwürdiges Säugetier, das zum Transport nicht zu schwer schien,

erlegte Heinz auf des Professors Bitte mit einem wohlgezielten Schuß.

Dieses Wild hatte die Größe eines Ebers, einen schlanken, beweglichen,

doch starknackigen Hals, auf dem sich hoch oben ein rundlicher,

possierlicher Kopf mit einer breiten Schnauze wiegte; es war dreibeinig

wie alle anderen Marssäuger und aus seinem Schädel wuchsen starke

spitzige Hörner wie die Stacheln eines Igels, im ganzen 15 Stück, wie

nach der Erlegung festgestellt wurde.

»Ich danke! Wenn solch ein Vieh mit gesenktem Kopf auf einen losstürmt!«

sagte Münchhausen.

»Ja, das würde Ihre geschätzte Leibeswölbung in ein Sieb verwandeln,«

lachte der Professor.

»Ich bin nur begierig, wie die Marsbewohner aussehen,« fuhr der Kapitän

fort: »Sind die Insekten hier zweibeinig, so vermute ich, daß die

Menschen zum mindesten sechsbeinig sind; denn daß die Natur hier

besonders mit der Zahl der Beine verblüffende Experimente macht, dürfte

nach all dem Gesehenen feststehen.«

»An die Marsmenschen glaube ich nicht,« sagte Schultze.

»Hören Sie, Professor, was _Sie_ glauben, ist völlig belanglos, indem

Sie ein Mann der Wissenschaft sind. Haben Sie etwa an vierbeinige Vögel,

dreibeinige Wildsäue und zweibeinige Spinnen geglaubt, ehe Sie solche

hier sahen?«

»Nee! Das freilich nicht; aber -- -- --«

»Nichts >aber<! Wenn Sie also an keine sechsbeinigen Marsmenschen

glauben, so spricht das sehr für deren Vorhandensein, und ich gedenke

unter allen Umständen, wenn wir auf die Erde zurückkehren, sehr viel und

sehr Unterhaltendes von diesen Marsmenschen zu erzählen, auch wenn wir

keine zu sehen bekommen, und da hoffe ich, daß Sie mir nie widersprechen

werden, da Sie doch nun deutlich gesehen haben, daß eben das, woran Sie

nicht glauben, der Wirklichkeit entspricht.«

Inzwischen war das Ende des Waldes erreicht, der nur etwa zwei Kilometer

in der Breite maß.

An dieser Stelle verband ein von der Seite her kommender Hügelwall die

Anhöhen, auf denen die Wanderer marschierten, mit den parallel laufenden

Hügelstreifen.

Diese quer laufende Kette war besonders breit und konnte als Hochebene

bezeichnet werden; sie war aber durchaus nicht völlig eben, sondern

zeigte mehrere gebirgsartige Erhebungen, die allerdings nirgends viel

mehr als zwei- bis dreihundert Meter Höhe erreichen mochten.

Es wurde beschlossen, rechts abzubiegen und das nächstgelegene dieser

kleinen Gebirge näher zu untersuchen.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 18 / 70 题