11. Die Schrecken des Mars.

Heinz hatte die zweite Nachtwache.

Ihm war etwas unheimlich zumut auf diesem fremden Weltkörper, der völlig

neue und unbekannte Gefahren bergen mochte. Eigentliche Angst hatte der

junge Mann zwar nicht, dazu besaß er zuviel persönlichen Mut, verbunden

mit körperlicher und geistiger Gesundheit; aber eines eigentümlichen,

beklemmenden Gefühls konnte er sich nicht erwehren.

Das Lager befand sich auf einem breiten Hügelrücken, auf dem die Sannah

gelandet war und der sich ins Unendliche zu erstrecken schien. Ebenso

unendlich hatte bei Tageslicht der Sumpf ausgesehen, der die etwa 200

Kilometer breite Vertiefung zwischen dieser und der nächsten Hügelkette

ausfüllte.

Und diese sumpfige Niederung schien bei Nacht in unheimliche

Lebendigkeit zu geraten.

Bestimmte Laute konnte der junge Wächter nicht vernehmen, wohl aber ein

dumpfes Gemeng von Tönen, als ob da Tausende von Geschöpfen raschelten

und plätscherten.

Unwillkürlich kamen dem Aufhorchenden die unsterblichen Verse aus

Schillers Taucher in den Sinn:

»Da unten aber ist's fürchterlich,

Und der Mensch versuche die Götter nicht

Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.«

Und weiter:

»Das Auge mit Schaudern hinunter sah,

Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen

Sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,

Zu scheußlichen Klumpen geballt,

Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,

Des Hammers greuliche Ungestalt.

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Und schaudernd dacht' ich's, -- da kroch's heran,

Regte hundert Gelenke zugleich ...

Soweit war Heinz in seinen Gedanken gekommen, da kroch wirklich etwas

heran. Es schien eine Schlange zu sein, an und für sich kein besonders

großes Tier, etwa armsdick und ungefähr drei Meter lang; aber als der

Schein des Feuers den glatten, feuchten, rötlichen Leib erleuchtete, kam

es dem Jüngling doch wie ein grauenerregendes Ungeheuer vor; denn es

glich einem Regenwurm, und für einen solchen war seine Größe doch

geradezu riesenhaft.

Der spitz zulaufende Kopf zeigte zwei äußerst kleine, blasse Augen, die

kaum als solche zu erkennen waren; der Mund glich nur einem runden Loch

und schien zum Saugen und nicht zum Beißen bestimmt.

Der widerliche Wurm kroch geradenwegs auf Heinz zu und kümmerte sich

nicht um das Feuer. Hinter ihm tauchte ein zweiter auf und dann ein

dritter, -- ja der ganze Abhang schien sich zu beleben: in Scharen

rückte das Gewürm an, als habe der Sumpf seine Heere ausgesandt, die

unberufenen Eindringlinge auf dem Mars zu vernichten.

Zunächst sandte Heinz dem vordersten Wurm eine Explosionskugel in den

Leib, die ihm jedoch nur eine kleine Wunde beibrachte, da sie in der

weichen Masse auf keinen Widerstand traf und daher überhaupt nicht zum

Platzen kam.

Der Wurm krümmte und wand sich, schnellte dann aber plötzlich vor und

ringelte sich um des Schützen Fuß, in raschen Windungen an ihm

hinaufkriechend.

Von Schauer und Ekel erfaßt, griff der junge Mann nach seinem

Dolchmesser und bearbeitete das Tier mit Stichen und Schnitten; allein

er sah sich auf einmal von allen Seiten angegriffen: da erhob sich ein

schlüpfriges Haupt, dort ein zweites und drittes; und sie wanden sich an

ihm empor, all diese unheimlichen Geschöpfe und so viel Köpfe er

abschnitt, seine eigenen Kleider in der Eile der Abwehr zerfetzend, die

Zahl war zu groß, er konnte nicht mit ihnen fertig werden!

Ein stechender Schmerz im Nacken ließ ihn nach hinten greifen: er

berührte den kalten schleimigen Leib eines der Würmer, der sich dort

festgesogen hatte und ihm das Blut aussaugte; und schon hing ein andrer

der gräßlichen Köpfe an seiner Wange.

Heinz warf sich zu Boden und wälzte sich wie wahnsinnig umher; aber er

kam nicht los: nur immer neue schlüpfrige Ringe spürte er sich um seine

Glieder ziehen.

Flitmore war durch den Schuß geweckt worden und trat aus seinem Zelt.

Mit lautem Hallo weckte er die Genossen und stürzte sich selber mit dem

Messer auf das überall sich ringelnde Gewürm; denn mit dem Gewehr war

hier nichts anzufangen, das sah er gleich.

Es gelang dem Lord, den jungen Freund frei zu machen; aber er selber war

bereits von einigen der Würmer umschlungen und auch Heinz wurde alsbald

wieder angefallen.

Laut kreischend stürzte Mietje aus ihrem Zelt: die widerlichen

Sumpftiere waren dort eingedrungen und eines davon hing an ihrem weißen

Arm.

Aber wie sah es hier draußen aus! Sie schauderte, denn überall trat ihr

Fuß auf ähnliche ekelhafte Geschöpfe, die sich krümmten und an ihr

emporwanden.

Inzwischen war auch Schultze auf dem Plan aufgetaucht. Die wimmelnden

und sich bäumenden Geschöpfe, die den Boden bedeckten, erregten zunächst

sein wissenschaftliches Interesse.

»Das sind ja Ringelwürmer von fabelhafter Größe«, rief er aus:

»Lumbriciden oder Regenwürmer, nichts andres! Wirklich kolossale

Geschöpfe! Aber eigentlich nichts Auffallendes: gab es Schalentiere,

Schneckenarten von riesenhaften Formen, warum nicht auch Nacktschnecken

und Würmer? Ich vermute sogar, daß ähnliche Geschöpfe zur Zeit der

Ammoniten auch die Erde bevölkerten; Spuren ihres Daseins konnten sie

natürlich nicht hinterlassen, da sie knochenlose Weichtiere sind.«

»Helfen Sie uns lieber, Professor«, keuchte Heinz: »Später wollen wir

dann meinetwegen eine wissenschaftliche Unterhaltung über diese

Höllenbrut beginnen, falls wir mit heiler Haut davonkommen.«

»Sie haben recht«, sagte Schultze: »das scheinen ja in der Tat ganz

verflixte Kumpane zu sein: sie gehen ja geradewegs auf mich los! Aber

meine Hochachtung, junger Freund! Sie kämpfen wahrhaftig nach

Schwabenart. Bravo! Das war wieder ein Schwabenstreich!«

»Der wackre Schwabe forcht sich nit!« zitierte Münchhausen, der nun

ebenfalls, gleichzeitig mit John, auf der Bildfläche auftauchte: »Zur

Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken hinuntersinken.«

Heinz hatte wirklich mit einem wohlgezielten Hieb den Leib eines

Ringelwurms in der Mitte durchgetrennt, so daß das Zitat gut paßte.

»Wenn nur die andern kalter Graus packte«, meinte der junge Held, der

sich am Ende seiner Kräfte fühlte: »Aber da hat es gute Wege!«

»Hu, hu! Mich packt der kalte Graus!« schrie Münchhausen, dem sich eines

der Tiere um den Hals schlang. Er riß es los und schleuderte es zu

Boden, um es mit der Wucht seiner breiten Füße zu Brei zu zertreten.

Der Professor und der Diener waren bereits in den wütendsten Kampf

verwickelt: sie hieben wie rasend mit den Messern um sich; allein der

Sumpf mußte Tausende dieser Ungeheuer beherbergen und alle just auf den

Lagerplatz der Unseligen loslassen; der Kampf schien aussichtslos.

Was waren diese Geschöpfe? Weichtiere, die ein Fußtritt, ein Dolchhieb

unschädlich machte! Sie besaßen keine Tatzen, keine Krallen, kein Gebiß;

sie waren nicht gefährlicher als Blutegel: aber ihre unerschöpfliche

Zahl machte sie unüberwindlich, und unsre Freunde sahen ein gräßliches

Ende vor Augen. Viel lieber hätten sie mit den wildesten Raubtieren, mit

Löwen, Tigern, mit einem Rudel Elefanten oder einer Büffelherde

gekämpft.

Die Schimpansen Dick und Bobs hausten mörderisch unter den Angreifern:

sie schienen rasend vor Wut. Sie warfen sich auf den Boden und würgten,

zerrissen mit vier Händen zugleich, während sie gleichzeitig mit ihrem

scharfen Gebiß Dutzende der Lumbriciden unschädlich machten.

Aber was half's? Immer neue Scharen rückten an!

Münchhausen, der sich ohnehin nur schwerfällig bewegen und nicht leicht

bücken konnte, hatte sofort erkannt, daß seine wirksamste Waffe in

seinem kolossalen Körpergewicht bestand.

Er führte einen wahren Indianertanz auf, sprang so hoch er nur immer

konnte und zerquetschte unter seinen gewaltigen Fußsohlen alles zu Brei,

was sich unter ihm regte.

Es wäre ein Anblick zum Totlachen gewesen, wie der dicke Kapitän

umherhopste, als wolle er sich zur Ballettänzerin ausbilden, wenn nicht

das Gefährliche der Lage alle Lust zur Heiterkeit erstickt hätte.

Münchhausen floß der Schweiß in Strömen herab, und doch war sein Gehüpfe

umsonst: auch er fühlte sich umringelt und umwunden, und nun glitt er

gar auf dem gar zu schlüpfrig gewordenen Boden aus, fiel hin und rollte

mitten unter das blutdürstige Ungeziefer, nicht ohne eine ganze Anzahl

davon plattzudrücken.

Die Kämpfenden, die alle mehr oder weniger Blut lassen mußten, waren

erschöpft, und noch immer kroch es in dichten Massen den Abhang herauf.

Wenn sie sich nur zu der Strickleiter hätten flüchten und in dem

Weltschiff bergen können! Aber sie hatten ihr Lager wohl hundert Meter

weit davon aufgeschlagen und zwischen ihnen und der Sannah wimmelte es

von dichten schwarzen Massen, die sich über einander zu türmen schienen.

Da erschollen schrille, heißere Schreie in der Luft; dann dumpfe

Flügelschläge, und gespenstisch rauschten mächtige schwarze Gestalten

herab.

Im Schein des immer noch hochaufflackernden Feuers ließen sich einige

dieser neuen Geschöpfe, die sich in dessen Nähe niedergelassen hatten,

erkennen.

Sie boten keinen ermutigenden Anblick, vielmehr erschienen sie selber

als schreckliche Ungeheuer: es waren Vögel, die nichts Vogelähnliches

hatten als die ungeheuren Fledermausflügel. Am ehesten erinnerten sie an

den Pterodaktylus der irdischen Urzeit; ein plumper Kopf mit

tiefeingeschnittenem Rachen und scharfen Zähnen gab ihnen Ähnlichkeit

mit diesem erstaunlichen Vogel. Ihre Größe übertraf die des Adlers um

das Doppelte; das Merkwürdigste jedoch war, daß sie vier Füße besaßen,

die mit gewaltigen Krallen bewehrt waren.

So unheimlich und gefährlich diese Vögel aussahen, wenn man sie

überhaupt als Vögel bezeichnen konnte, so erschienen sie doch als Retter

in höchster Not; denn sie räumten mit fabelhafter Gewandtheit und

Mordgier unter den Ringelwürmern auf und kamen in solchen Scharen, daß

sie sich auch der wimmelnden Mengen gewachsen zeigten.

Sie ließen sich namentlich am Rande des Hügels nieder und packten mit

ihren Krallen und Zähnen alles, was da heraufkriechen wollte. Und nun,

da keine neuen Nachschübe kamen, nahm die Zahl der Angreifer auf der

Höhe sichtlich ab und mit neuem Mut ließen unsre Freunde wieder ihre

Messer arbeiten.

Endlich erhob kein Wurm mehr sein drohendes Haupt, wenn auch die

verstümmelten Leiber am Boden sich ringelten und wanden, zuckten und

schnellten, als ob sie überhaupt nicht völlig tot zu kriegen seien.

Schultze eilte auf Münchhausen zu, der immer noch auf dem Boden

umherrollte und nicht auf die Beine kommen konnte. Und jetzt, da die

Gefahr beseitigt schien, lachte der Professor aus vollem Halse über den

erheiternden Anblick: Da wälzte sich der runde Kapitän wie eine Tonne

auf stürmischer See; an seinem Haupte hingen zwei Würmer gleich

Schmachtlocken zu beiden Seiten herab und um seinen Hals wand sich ein

allerdings geköpftes Tier wie ein dickes Halstuch.

Trotz seiner Heiterkeit beeilte sich Schultze doch, den dicken Freund

von seinen Peinigern zu befreien und ihm mit Unterstützung des

inzwischen ebenfalls herbeigeeilten Heinz auf die Beine zu helfen.

Dann ging es an das Verpflastern und Verbinden der Wunden, die

merkwürdigerweise nur äußerst klein waren. Alle hatten mehr oder weniger

Blut hergeben müssen, Münchhausen aber war entschieden am stärksten

angezapft worden.

»Tut nichts!« meinte er humorvoll: »Ich habe Vorrat und die Biester

haben bei mir mehr Fett als Blut geholt, wie ich vermute; das kann mir

bloß gut tun. Ich fühle mich geradezu erfrischt und erleichtert.«

»Aber einen Tanz haben Sie aufgeführt, Kapitän«, lachte Schultze: »Ich

sage Ihnen, eine ägyptische Bauchtänzerin ist nichts dagegen.«

»Kunststück!« sagte Münchhausen: »Wo hat eine ägyptische Tänzerin auch

solch stattlichen Bauch?«

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 17 / 70 题