Unsre Freunde hatten beschlossen, ihre Zeitrechnung nach irdischem
Maßstab einzuteilen, um jeglicher Verwirrung der Begriffe zu entgehen,
und so war es, wie die Uhren der Sannah anzeigten, 8 Uhr morgens, als
sich alle um den Frühstückstisch im Nordpolzimmer versammelten.
Die Schlafgemächer befanden sich sämtlich in den inneren Räumen, die auf
künstliche Beleuchtung angewiesen waren; die vier Säle, die sich in der
Äquatorlinie der Sannah befanden, hatten stets abwechselnd eine Stunde
Tag und eine Stunde Nacht; im Südpolzimmer dagegen herrschte zur Zeit
beständige Nacht, im Nordpolzimmer unaufhörlich Tag. Aus diesem Grunde
wurde letzteres zum gewöhnlichen Aufenthaltsort gewählt.
Schultze berichtete eingehend über die Vorkommnisse der vergangenen
Nacht und schloß mit den Worten: »Die Tatsache, daß die Erde mit dem
Mond so rasch aus unserem Gesichtskreis entschwand, sowie daß das ganze
Sonnensystem uns zu entfliehen drohte, ist der erste praktische Beweis
für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems.«
»Wieso?« fragte Heinz Friedung erstaunt: »Ich meinte, nichts von der
Welt stehe so sicher wie dieses System und es sei längst schon als
zweifellos richtig erwiesen!«
»Da sieht man die Schulweisheit!« lachte der Professor: »Was einer
glaubt, verkündigt er, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Einbildung,
gewöhnlich als zweifellose Wahrheit. So werden den Schülern und selbst
den Studenten die anerkannten wissenschaftlichen Vermutungen als
felsenfest stehende Wahrheiten verkündigt. Meist lassen sie sich dadurch
täuschen, und so kommt es, daß die große Menge sowie auch die von ihrer
eigenen Unfehlbarkeit überzeugten Gelehrten glauben, jeden verhöhnen und
als ungebildet und rückständig brandmarken zu dürfen, der ihren Glauben
nicht teilt und an dem zweifeln zu dürfen glaubt, was als modernster
Standpunkt der Wissenschaft gilt.
Es ist wahr, das kopernikanische System ist überaus einleuchtend und
erklärt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der
Wissensstufe, auf der wir zur Zeit stehen; ja, unser ganzes
Physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner
Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist diese Richtigkeit so wenig,
wie irgend eine andre sogenannte »wissenschaftliche Wahrheit«. Es ist
sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, daß ein kommendes,
fortgeschritteneres Gechlecht wieder zum ptolomäischen Weltsystem
zurückkehrt. Dann müßte allerdings die gesamte astronomische
Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich
auf der ptolomäischen Anschauung aufbauen würde. Wie gesagt, es ist
unwahrscheinlich, daß dies geschehen wird, aber durchaus nicht
unmöglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen
auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst
die stets unsichern Schlüsse, die wir aus den Tatsachen folgern.«
»Mit Verlaub, Herr Professor,« begann nun John Rieger, der stets
bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: »Was ist das eigentlich, das
polemische und das koperganische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage
aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?«
»Gewiß darfst du das, und ich will dich gerne aufklären: Claudius
Ptolomäus war ein berühmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor
Christus und lebte in der Stadt Alexandria in Ägypten. Er glaubte, die
Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, während
Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja für uns den
Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomäische Weltsystem, an
das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte.
Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb,
auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543
erschien. Hier erklärt er nicht nur, daß die Erde sich um ihre Achse
dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern daß sie auch in einem
Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt
unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder
Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der
Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch
welche bewirkt wird, daß das Erdenjahr nicht völlig mit einer
scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfällt, so daß die Tag- und
Nachtgleichen etwas zu früh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt
man das kopernikanische Weltsystem.«
»Na!« meinte John geringschätzig: »Der Ptolomäus muß ja ein ganz
törichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus
behauptet hat, ist nichts besonderes: Das weiß ja jedes Kind, daß sich
die Erde um die Sonne dreht!«
»Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund. Aber du mußt bedenken,
dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus
gefunden.«
»Halt, Professor!« widersprach der Lord: »Es ist eine uralte Weisheit
der Ägypter, die Kopernikus aufwärmte, wodurch jedoch sein Verdienst
nicht geschmälert sein soll. Schon in den ältesten Zeiten gab es große
Geister, die auffallend richtige Begriffe über die Erde und unser
Sonnensystem besaßen. Sie scheinen dieselben von den ägyptischen
Priestern überkommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldäern.
Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, daß sie diese damals
so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund
derselben wissenschaftliche Großtaten vollbrachten.
Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut
wurde und deren Maße in überraschend genauem Verhältnis zum Umfang der
Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten
astronomischen Entfernungsmaßen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier
Himmelsrichtungen gerichtet, und in der königlichen Leichenkammer
befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel
unaufhörlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen
auszuführen vermochte, besaß Fähigkeiten und wissenschaftliche
Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den
ersten Größen unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei
und Isaak Newton nicht übertroffen wurde.«
»Sie haben recht«, gab Schultze zu: »Die Alten hatten gewaltige Geister,
die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse,
beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen
Größen mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgänger und der
vollkommensten Instrumente.
Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die
Kugelgestalt der Erde und behauptete, es müsse auf unsrer Erde Gegenden
geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei.
Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit
verblüffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu
annähernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chaldäer.
Der Geograph Strabo ahnte Amerika, da er sagte, es könne noch zwei oder
mehrere unbekannte Kontinente auf der Erdkugel geben. Aristarch wagte
es, die Entfernung und Größe des Mondes und der Sonne zu berechnen,
wobei er die Größe des Mondes und die Entfernung der Sonne fast genau so
angab, wie wir sie heute erforscht haben: das waren Maßstäbe, die für
jene Zeiten geradezu ungeheuerlich erscheinen mußten. Posidonius
lieferte eine wahrhaft wunderbare Berechnung der Erdatmosphäre und der
Lichtbrechung, und ebenso erstaunlich ist seine Berechnung der Größe der
Sonne: wir ahnen nicht, mit welchen Mitteln er solche verblüffende
Ergebnisse erreichte.
Auch Apollonius von Pergä war ein solcher Geistesriese, der den Begriff
der Parallaxe entdeckt haben soll, das heißt die Methode zur Berechnung
der Entfernung der Gestirne. Hipparch berechnete den Schattenkegel des
Mondes mit großer Genauigkeit und schloß daraus auf die Entfernung von
Sonne und Mond.
Pythagoras lehrte die Bewegung der Erde als Ursache der scheinbaren
Bewegung der Gestirne; Aristarch erkannte, daß die Erde sich um die
Sonne drehe und daß die Fixsterne sich in ungeheurer Entfernung von uns
befinden. Dies alles scheint übrigens Demokrit schon 400 Jahre vor
Christus erkannt zu haben.
Archimedes hatte schon die ersten Ideen von der Gravitation. Aber all
diese kühnen Fortschritte lagen hernach jahrhundertelang brach und
vergessen, bis Kopernikus sein großes Werk schrieb, zu dessen Prophet
sich der unglückliche Giordano Bruno aufwarf.
Dann kam Tycho Brahe, der große Beobachter, dem Kepler so viel
verdankte. Johann Kepler stellte die berühmten Gesetze der
Planetenbewegung auf, ihre elliptische Bahn um die Sonne, das Gesetz
ihrer Bewegungsgeschwindigkeit im Verhältnis zu ihrer Bahn und das
Gesetz des Verhältnisses ihrer Umlaufzeit zu ihrer mittleren Entfernung
zur Sonne.
Galilei benutzte als erster das Fernrohr, entdeckte die Monde des
Jupiter und die Mondphasen der Venus; Cassini berechnete die Entfernung
der Sonne aus ihrer Parallaxe beim Durchgang des Mars; Römer und
Leverrier maßen die Geschwindigkeit des Lichts, Newton stellte die
Gesetze der Gravitation auf; Kant und Laplace brachten das Weltall mit
seinen Bewegungsgesetzen in ein großartiges System und erklärten seine
Entstehung, Entwicklung und seine Zukunft. Endlich entdeckte Herschel
den Planeten Uranus, Piazzi, Gauß und Olbers die Planetoiden, wiederum
Herschel die Eigenbewegung der Fixsterne und das Vorhandensein von
Doppelsternen; er war es auch, der die Nebelflecke studierte.
Als nun noch im Jahre 1838 die erste Fixsternparallaxe berechnet wurde,
was uns in den Stand setzte die Entfernung und Größe der Himmelskörper
außerhalb unsres Sonnensystems zu berechnen, waren die großen
astronomischen Entdeckungen zu Ende, wenn wir absehen von den
wunderbaren Enthüllungen durch die Spektralanalyse.«
»Danke, weisester aller Professoren!« sagte Münchhausen lachend: »Sie
haben uns da einen Vortrag gehalten, der wahrhaftig ein Abriß der
Geschichte der Astronomie in den letzten 10000 Jahren genannt werden
darf. Aber in einem Punkte irren Sie: Sie haben sozusagen die großen
astronomischen Entdeckungen für abgeschlossen erklärt, und vergessen,
daß sie eben jetzt erst recht anfangen, seit wir ausgezogen sind, das
Weltall persönlich zu erforschen.«
»Und jetzt haben wir die beste Gelegenheit zu solchen Entdeckungen,«
sagte Mietje, die soeben eingetreten war. Sie hatte einen Rundgang durch
die Beobachtungszimmer gemacht, wie er abwechselnd jede halbe Stunde
ausgeführt wurde, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.
»Was gibt's?« fragte Flitmore.
»Wir nähern uns dem Mars mit großer Geschwindigkeit«, erwiderte seine
Gattin.
Flitmore stand auf: »Lassen Sie uns sehen, meine Herren«, sagte er, und
alle folgten ihm in eines der Äquatorialzimmer, von dem aus die Lady den
Planeten beobachtet hatte.