8. Die großen Astronomen.

Unsre Freunde hatten beschlossen, ihre Zeitrechnung nach irdischem

Maßstab einzuteilen, um jeglicher Verwirrung der Begriffe zu entgehen,

und so war es, wie die Uhren der Sannah anzeigten, 8 Uhr morgens, als

sich alle um den Frühstückstisch im Nordpolzimmer versammelten.

Die Schlafgemächer befanden sich sämtlich in den inneren Räumen, die auf

künstliche Beleuchtung angewiesen waren; die vier Säle, die sich in der

Äquatorlinie der Sannah befanden, hatten stets abwechselnd eine Stunde

Tag und eine Stunde Nacht; im Südpolzimmer dagegen herrschte zur Zeit

beständige Nacht, im Nordpolzimmer unaufhörlich Tag. Aus diesem Grunde

wurde letzteres zum gewöhnlichen Aufenthaltsort gewählt.

Schultze berichtete eingehend über die Vorkommnisse der vergangenen

Nacht und schloß mit den Worten: »Die Tatsache, daß die Erde mit dem

Mond so rasch aus unserem Gesichtskreis entschwand, sowie daß das ganze

Sonnensystem uns zu entfliehen drohte, ist der erste praktische Beweis

für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems.«

»Wieso?« fragte Heinz Friedung erstaunt: »Ich meinte, nichts von der

Welt stehe so sicher wie dieses System und es sei längst schon als

zweifellos richtig erwiesen!«

»Da sieht man die Schulweisheit!« lachte der Professor: »Was einer

glaubt, verkündigt er, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Einbildung,

gewöhnlich als zweifellose Wahrheit. So werden den Schülern und selbst

den Studenten die anerkannten wissenschaftlichen Vermutungen als

felsenfest stehende Wahrheiten verkündigt. Meist lassen sie sich dadurch

täuschen, und so kommt es, daß die große Menge sowie auch die von ihrer

eigenen Unfehlbarkeit überzeugten Gelehrten glauben, jeden verhöhnen und

als ungebildet und rückständig brandmarken zu dürfen, der ihren Glauben

nicht teilt und an dem zweifeln zu dürfen glaubt, was als modernster

Standpunkt der Wissenschaft gilt.

Es ist wahr, das kopernikanische System ist überaus einleuchtend und

erklärt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der

Wissensstufe, auf der wir zur Zeit stehen; ja, unser ganzes

Physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner

Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist diese Richtigkeit so wenig,

wie irgend eine andre sogenannte »wissenschaftliche Wahrheit«. Es ist

sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, daß ein kommendes,

fortgeschritteneres Gechlecht wieder zum ptolomäischen Weltsystem

zurückkehrt. Dann müßte allerdings die gesamte astronomische

Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich

auf der ptolomäischen Anschauung aufbauen würde. Wie gesagt, es ist

unwahrscheinlich, daß dies geschehen wird, aber durchaus nicht

unmöglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen

auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst

die stets unsichern Schlüsse, die wir aus den Tatsachen folgern.«

»Mit Verlaub, Herr Professor,« begann nun John Rieger, der stets

bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: »Was ist das eigentlich, das

polemische und das koperganische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage

aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?«

»Gewiß darfst du das, und ich will dich gerne aufklären: Claudius

Ptolomäus war ein berühmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor

Christus und lebte in der Stadt Alexandria in Ägypten. Er glaubte, die

Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, während

Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja für uns den

Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomäische Weltsystem, an

das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte.

Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb,

auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543

erschien. Hier erklärt er nicht nur, daß die Erde sich um ihre Achse

dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern daß sie auch in einem

Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt

unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder

Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der

Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch

welche bewirkt wird, daß das Erdenjahr nicht völlig mit einer

scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfällt, so daß die Tag- und

Nachtgleichen etwas zu früh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt

man das kopernikanische Weltsystem.«

»Na!« meinte John geringschätzig: »Der Ptolomäus muß ja ein ganz

törichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus

behauptet hat, ist nichts besonderes: Das weiß ja jedes Kind, daß sich

die Erde um die Sonne dreht!«

»Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund. Aber du mußt bedenken,

dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus

gefunden.«

»Halt, Professor!« widersprach der Lord: »Es ist eine uralte Weisheit

der Ägypter, die Kopernikus aufwärmte, wodurch jedoch sein Verdienst

nicht geschmälert sein soll. Schon in den ältesten Zeiten gab es große

Geister, die auffallend richtige Begriffe über die Erde und unser

Sonnensystem besaßen. Sie scheinen dieselben von den ägyptischen

Priestern überkommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldäern.

Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, daß sie diese damals

so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund

derselben wissenschaftliche Großtaten vollbrachten.

Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut

wurde und deren Maße in überraschend genauem Verhältnis zum Umfang der

Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten

astronomischen Entfernungsmaßen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier

Himmelsrichtungen gerichtet, und in der königlichen Leichenkammer

befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel

unaufhörlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen

auszuführen vermochte, besaß Fähigkeiten und wissenschaftliche

Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den

ersten Größen unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei

und Isaak Newton nicht übertroffen wurde.«

»Sie haben recht«, gab Schultze zu: »Die Alten hatten gewaltige Geister,

die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse,

beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen

Größen mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgänger und der

vollkommensten Instrumente.

Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die

Kugelgestalt der Erde und behauptete, es müsse auf unsrer Erde Gegenden

geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei.

Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit

verblüffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu

annähernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chaldäer.

Der Geograph Strabo ahnte Amerika, da er sagte, es könne noch zwei oder

mehrere unbekannte Kontinente auf der Erdkugel geben. Aristarch wagte

es, die Entfernung und Größe des Mondes und der Sonne zu berechnen,

wobei er die Größe des Mondes und die Entfernung der Sonne fast genau so

angab, wie wir sie heute erforscht haben: das waren Maßstäbe, die für

jene Zeiten geradezu ungeheuerlich erscheinen mußten. Posidonius

lieferte eine wahrhaft wunderbare Berechnung der Erdatmosphäre und der

Lichtbrechung, und ebenso erstaunlich ist seine Berechnung der Größe der

Sonne: wir ahnen nicht, mit welchen Mitteln er solche verblüffende

Ergebnisse erreichte.

Auch Apollonius von Pergä war ein solcher Geistesriese, der den Begriff

der Parallaxe entdeckt haben soll, das heißt die Methode zur Berechnung

der Entfernung der Gestirne. Hipparch berechnete den Schattenkegel des

Mondes mit großer Genauigkeit und schloß daraus auf die Entfernung von

Sonne und Mond.

Pythagoras lehrte die Bewegung der Erde als Ursache der scheinbaren

Bewegung der Gestirne; Aristarch erkannte, daß die Erde sich um die

Sonne drehe und daß die Fixsterne sich in ungeheurer Entfernung von uns

befinden. Dies alles scheint übrigens Demokrit schon 400 Jahre vor

Christus erkannt zu haben.

Archimedes hatte schon die ersten Ideen von der Gravitation. Aber all

diese kühnen Fortschritte lagen hernach jahrhundertelang brach und

vergessen, bis Kopernikus sein großes Werk schrieb, zu dessen Prophet

sich der unglückliche Giordano Bruno aufwarf.

Dann kam Tycho Brahe, der große Beobachter, dem Kepler so viel

verdankte. Johann Kepler stellte die berühmten Gesetze der

Planetenbewegung auf, ihre elliptische Bahn um die Sonne, das Gesetz

ihrer Bewegungsgeschwindigkeit im Verhältnis zu ihrer Bahn und das

Gesetz des Verhältnisses ihrer Umlaufzeit zu ihrer mittleren Entfernung

zur Sonne.

Galilei benutzte als erster das Fernrohr, entdeckte die Monde des

Jupiter und die Mondphasen der Venus; Cassini berechnete die Entfernung

der Sonne aus ihrer Parallaxe beim Durchgang des Mars; Römer und

Leverrier maßen die Geschwindigkeit des Lichts, Newton stellte die

Gesetze der Gravitation auf; Kant und Laplace brachten das Weltall mit

seinen Bewegungsgesetzen in ein großartiges System und erklärten seine

Entstehung, Entwicklung und seine Zukunft. Endlich entdeckte Herschel

den Planeten Uranus, Piazzi, Gauß und Olbers die Planetoiden, wiederum

Herschel die Eigenbewegung der Fixsterne und das Vorhandensein von

Doppelsternen; er war es auch, der die Nebelflecke studierte.

Als nun noch im Jahre 1838 die erste Fixsternparallaxe berechnet wurde,

was uns in den Stand setzte die Entfernung und Größe der Himmelskörper

außerhalb unsres Sonnensystems zu berechnen, waren die großen

astronomischen Entdeckungen zu Ende, wenn wir absehen von den

wunderbaren Enthüllungen durch die Spektralanalyse.«

»Danke, weisester aller Professoren!« sagte Münchhausen lachend: »Sie

haben uns da einen Vortrag gehalten, der wahrhaftig ein Abriß der

Geschichte der Astronomie in den letzten 10000 Jahren genannt werden

darf. Aber in einem Punkte irren Sie: Sie haben sozusagen die großen

astronomischen Entdeckungen für abgeschlossen erklärt, und vergessen,

daß sie eben jetzt erst recht anfangen, seit wir ausgezogen sind, das

Weltall persönlich zu erforschen.«

»Und jetzt haben wir die beste Gelegenheit zu solchen Entdeckungen,«

sagte Mietje, die soeben eingetreten war. Sie hatte einen Rundgang durch

die Beobachtungszimmer gemacht, wie er abwechselnd jede halbe Stunde

ausgeführt wurde, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.

»Was gibt's?« fragte Flitmore.

»Wir nähern uns dem Mars mit großer Geschwindigkeit«, erwiderte seine

Gattin.

Flitmore stand auf: »Lassen Sie uns sehen, meine Herren«, sagte er, und

alle folgten ihm in eines der Äquatorialzimmer, von dem aus die Lady den

Planeten beobachtet hatte.

Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird · 第 13 / 70 题