IV.

A. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.

(Nach einer der ersten Fassungen.)

»Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, werter Herr,« hub der Postmeister an,

obwohl nicht ein einzelner Herr, sondern ganze sechs im Zimmer anwesend

waren, »nach dem Feldzuge von 1812 wurde zusammen mit andern Verwundeten

auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett eingeliefert. War es bei

Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, lieber Herr,

er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch,

damals gabs noch keine von den bekannten Veranstaltungen und

Einrichtungen für die Verwundeten: dieser Invalidenfonds -- das können

Sie sich wohl denken -- der wurde sozusagen erst viel später gegründet.

Unser Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er arbeiten muß, aber verstehen

Sie wohl, er hatte ja doch nur einen Arm, nämlich den linken. Er schrieb

also nach Hause an seinen Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort:

>Ich kann dich nicht auch noch ernähren.< Denken Sie sich! >Ich verdiene

mir nur selbst mit knapper Not meinen Unterhalt.< Nun sehen Sie wohl,

werter Herr, da beschloß denn mein Kopeikin nach Petersburg zu reisen

und an die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine

kleine Unterstützung bewilligen wolle: er habe doch gewissermaßen,

sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also

in einem Gepäckwagen oder in einem staatlichen Transportwagen nach der

Hauptstadt, Verehrtester, und gelangte so mit Mühe und Not nach

Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich nun dieser

selbe, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin plötzlich in der Hauptstadt, die

sozusagen in der ganzen Welt nicht ihresgleichen hat! Mit einem Male ist

es um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des

Lebens, so eine Art märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl.

Also denken Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder

solch eine Erbsenstraße oder, hol's der Teufel, irgend so eine

Liteinaja, _da_ ragt irgend so ein Turm in die Luft und dort _hängen_

ein paar Brücken, wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit

einem Wort die reinste Semiramis. Verehrtester, tatsächlich! Erst trieb

er sich eine Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten;

aber das war ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und

all das Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien,

Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital

nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von

ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze

Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen

das war alles, verstehen Sie wohl. So mietete er sich denn schließlich

ein Zimmer in einem Gasthaus zur Stadt Reval für einen Rubel pro Tag.

Sie wissen: ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine Kohlsuppe und ein

Stück Suppenfleisch dazu. Er sieht also: große Sprünge kann er da nicht

machen. Er beschloß daher, am folgenden Tage zum Minister zu gehen,

Verehrtester. Der Kaiser war nämlich damals nicht in der Hauptstadt,

denn die Armee war noch nicht aus dem Kriege zurückgekehrt, das können

Sie sich wohl denken. So stand er denn eines Morgens etwas früher auf,

kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn sehen Sie wohl, wäre

er zum Barbier gegangen, so hätte das im gewissen Sinne neue Ausgaben

verursacht, zog sich seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß

umherhumpelnd zum Minister. Und nun stellen Sie sich vor, er fragt erst

einen Schutzmann, wo der Minister wohnt. >Dort,< antwortet dieser und

zeigt auf ein Haus am Schloßquai. Eine feine Bauernhütte kann ich Ihnen

sagen! Große Fensterscheiben, meterlange Spiegel, Marmor und überall

Metall, denken Sie sich bloß, Verehrtester! So'ne Türklinke, wissen Sie,

da muß man zuerst in einen Laden laufen, sich für einen Groschen Seife

kaufen und sich sozusagen stundenlang die Hände reiben, ehe man es wagt

sie anzufassen! Mit einem Wort, nichts als Ebenholz und Lack, daß einem

fast die Sinne schwinden, Verehrtester! Am Eingang, verstehen Sie, da

steht so ein Portier: der reinste Generalissimus: so'ne

Grafenphisiognomie, mit einem Säbel in der Hand und einem Battistkragen,

Teufel auch! Wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich

also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um

nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so

eine vergoldete Porzellanvase zu stoßen, verstehen Sie. Sehen Sie wohl,

natürlich mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer

Zeit gekommen war, wo der Minister sozusagen noch kaum aus dem Bette

gestiegen war und sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes

Becken reichte, verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein

Kopeikin wartet also vier Stunden lang, da kommt endlich der Adjutant

oder ein anderer diensthabender Beamter und sagt: Der Minister wird

gleich erscheinen. Im Vorzimmer aber drängen sich schon die Menschen wie

die Bohnen in einer Schüssel. Lauter hohe Beamte der vierten Klasse,

Oberste und hie und da sogar einer mit Markronen auf den Achselklappen,

verstehen Sie wohl, mit einem Wort sozusagen die ganze Generalität.

Schließlich betritt denn auch der Minister das Zimmer, Verehrtester! Sie

können sich vorstellen: er geht erst zum einen und dann zum andern:

Warum sind Sie gekommen? Und Sie? Was wünschen Sie? Zuletzt kommt auch

mein Kopeikin an die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt:

>so und so, ich habe mein Blut vergossen und ein Bein und einen Arm

verloren, sozusagen: ich kann nicht mehr arbeiten, und habe daher die

Kühnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren.< Der Minister sieht:

der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel baumelt leer herunter.

>Gut,< sagte er, >fragen Sie nach ein paar Tagen wieder an.< Na also

Verehrtester, es vergehen keine vier oder fünf Tage, da erscheint mein

Kopeikin schon wieder bei dem Minister. Dieser erkennt ihn sogleich

wieder, verstehen Sie wohl. >Ah!< sagt er, >leider kann ich Ihnen

diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rückkunft des Kaisers

zu gedulden. Dann wird sicherlich etwas für die Verwundeten und die

Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen,

sozusagen, vermag ich nichts für Sie zu tun.< Hierauf macht er eine

kurze Verbeugung und die Audienz ist zu Ende. Sie können sich denken,

daß mein Kopeikin sich in einer recht prekären Lage befand, als er den

Minister verließ; hatte er doch gewissermaßen weder eine Zusage noch

eine Absage erhalten. Das Leben in der Hauptstadt aber wurde natürlich

immer schwieriger für ihn, das können Sie sich wohl vorstellen. Er denkt

sich also: >ich will doch noch einmal zum Minister gehen und ihm sagen:

Machen Sie was Sie wollen, Exzellenz, ich habe bald nichts mehr zu

essen; wenn Sie mir nicht helfen, dann muß ich gewissermaßen vor Hunger

sterben.< Aber wie er zum Minister hinkommt, da heißt es: >Es geht

nicht, der Minister empfängt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.<

Am folgenden Tage -- dieselbe Geschichte, der Portier sieht ihn kaum

noch an. Mein Kopeikin hat nur noch ein Fünfzig-Kopekenstück in der

Tasche. Früher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe, und ein

Stück Suppenfleisch dazu, jetzt aber kauft er sich höchstens irgend so

einen Häring oder so eine Salzgurke und für zwei Groschen Brot -- mit

einem Wort, der arme Kerl hungert tatsächlich, und doch hat er einen

Appetit wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorüber

und nun stellen Sie sich vor: der Koch das ist ein Teufelskerl, so ein

Ausländer, wissen Sie, der trägt immer nur die feinste holländische

Wäsche, steht vor seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb

oder Kottelets mit Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse,

daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor

Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da

sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit

Kirschen -- zu fünf Rubel das Stück, oder so 'ne Riesin von

Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen,

und sucht nach einem Narren, der einem überflüssigen Hunderter in der

Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf

Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser im Munde

zusammen, für ihn aber heißt's: warte gefälligst bis morgen. Und nun

stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl, dieser

Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein bitteres

Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Endlich hielt es der

arme Kerl nicht mehr aus und beschloß, sich um jeden Preis noch einmal

eine Audienz zu verschaffen. Er stellte sich also am Eingang auf und

wartete, ob nicht noch irgend ein Bittsteller erscheinen werde;

schließlich schlüpft er denn auch mit irgend so einen General, wissen

Sie, ins Haus, und humpelt auf seinem Stelzfuß bis ins Vorzimmer. Der

Minister erscheint wie gewöhnlich zur Audienz: >Was haben Sie? und was

wünschen Sie?< >Ah,< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen

doch schon erklärt, daß Sie warten sollen, bis über Ihr Gesuch

entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu

essen, sozusagen ...< -- >Was soll ich denn machen? Ich kann nichts für

Sie tun, Sie müssen sich schon selbst helfen und sich selbst die Mittel

zu verschaffen suchen.< -- >Aber Eure Exzellenz, das können Sie doch

selbst gewissermaßen beurteilen, was kann ich mir denn für Mittel

verschaffen, wo mir eine Hand und ein Fuß fehlt.< Er wollte noch

hinzufügen: >mit der Nase aber kann ich erst recht nichts anfangen; da

kann man sich höchstens einmal schneuzen, aber selbst dazu muß man sich

ein Taschentuch kaufen.< Allein der Minister, sehen wohl, lieber Herr,

-- sei es nun, daß Kopeikin ihn langweilte, oder daß er tatsächlich mit

wichtigen Staatsangelegenheiten beschäftigt war -- der Minister also,

können Sie sich vorstellen, wird ganz aufgeregt und zornig. >Gehen Sie!<

ruft er, >solche wie Sie, sind noch viele da, gehen Sie und warten Sie

ruhig, bis die Reihe an Sie kommt!< Jedoch mein Kopeikin antwortete --

der Hunger treibt ihn zum äußersten, wissen Sie --: >Tuen Sie was Sie

wollen, Exzellenz; ich rühre mich nicht vom Flecke, bevor Sie die

entsprechende Ordre erteilt haben.< Da aber, lieber Herr, können Sie

sich vorstellen, da geriet der Minister ganz außer sich. Und in der Tat,

bis dahin war es wohl in den Annalen der Weltgeschichte noch nie

vorgekommen, daß sich sozusagen irgend ein Kopeikin erkühnte, so mit

einem Minister zu sprechen. Sie können sich vorstellen, was ein

erzürnter Minister ist, das ist doch gewissermaßen ein Staatsmann

sozusagen. >Sie frecher Mensch!< schrie er: >Wo ist der Feldjäger? Der

Feldjäger soll kommen und ihn nach seiner Heimat abschieben!< Der

Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon

hinter der Tür: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von

der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein

richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den

Wagen befördert, und ab geht's in Begleitung des Feldjägers. >Na,< denkt

Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den

Herren dankbar.< So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und

während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er

gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: >Schön,< sagt er, >der

Minister erklärt mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen!

Gut, meinetwegen< sagt er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!<

Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich

gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn

auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der

Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die

Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt

sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin

verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es

vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine

Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie

wohl, war kein anderer als der Hauptmann Kopeikin. Er sammelte sich

allerhand fahnenflüchtige Soldaten und bildete aus ihnen gewissermaßen

eine ganze Räuberbande. Dies war, können Sie sich, natürlich vorstellen,

sogleich nach dem Kriege: da war noch alles an ein ungebundenes Leben

gewöhnt, wissen Sie -- das Leben galt damals kaum mehr als einen

Groschen: eine Freiheit und Zügellosigkeit sag ich Ihnen, man pfiff auf

alles -- mit einem Wort, Verehrtester, er hatte eine ganze Armee zu

seiner Verfügung. Kein Reisender konnte mehr ruhig passieren, und dies

alles richtete sich, sozusagen, nur gegen den Reichsschatz. Wenn einer

vorüber kam, der in seinen eigenen Geschäften reiste -- na, dann fragte

man nur: >was wollen Sie?< und ließ ihn laufen! Handelte es sich dagegen

um einen staatlichen Transport; Viehfutter, Proviant oder Geld, -- mit

einem Wort alles, was sozusagen den Namen des Staates trägt -- da gab's

kein Pardon. Nun, Sie können sich vorstellen, er brandschatzte den

Beutel des Fiskus gründlich. Oder er hört etwa, daß der Termin für die

Bezahlung der Staatssteuern vor der Tür steht -- sofort ist er an Ort

und Stelle. Er läßt sogleich den Dorfschulzen zu sich rufen und schreit:

>her mit dem Zins und den Staatssteuern.< Na, Sie können sich denken,

der Bauer sieht: >so ein hinkender Teufel, sein Rockkragen ist rot und

glänzt vor lauter Gold wie die Federn eines Phönix, Teufel auch, das

schmeckt nach Ohrfeigen.< >Da nimm, Väterchen, aber laß uns nur in

Ruhe.< Er denkt natürlich: >das ist irgend so ein Kreisrichter oder

womöglich noch was Schlimmeres sozusagen.< Das Geld aber, Verehrtester,

das nimmt er natürlich in Empfang, ganz wie es sich gehört, und stellt

den Bauern eine Quittung aus, um sie gewissermaßen vor den Behörden zu

entschuldigen, und ihnen zu bescheinigen, daß sie das Geld wirklich

abgeliefert und ihre Steuern vollzählich bezahlt haben, empfangen aber

habe es _der_ und _der_ d. h. der Hauptmann Kopeikin; ja er setzte sogar

noch sein Siegel darunter, mit einem Wort, Verehrtester, er raubt und

stiehlt, daß es nur so eine Art hat. Mehrere Male wurden

Soldatendetachements ausgesandt, um ihn zu fangen, aber mein Kopeikin

kümmert sich den Teufel darum. Das waren eben lauter Schinderhannesse,

verstehen Sie, die da zusammen gekommen waren ... Schließlich aber bekam

er doch wohl Angst, als er sah, daß dies kein Spaß war, und daß er sich

da sozusagen eine schöne Suppe eingebrockt hatte; die Verfolgungen

nahmen jeden Augenblick zu, er selbst aber hatte sich unterdessen ein

recht hübsches Kapitälchen zurückgelegt lieber Herr, na, und da rückte

er denn sozusagen eines Tages ins Ausland aus, ins Ausland,

Verehrtester, verstehen Sie wohl, d. h. in die Vereinigten Staaten. Von

dort aus schreibt er einen Brief an den Kaiser, können Sie sich denken,

einen äußerst redegewandten und so großartig stilisierten Brief, wie Sie

sich nur vorstellen können. All diese Platos und Demosthenesse im

Altertum -- das sind sozusagen die reinsten Waschlappen oder Küster

gegen ihn: >du darfst nicht glauben, Kaiser,< schreibt er, >daß ich

dieses und jenes< ... Mit einem Wort, er ließ euch Perioden vom Stapel

-- geradezu glänzend! >Nur die Notwendigkeit war die Ursache meines

Handelns,< sagt er; >ich habe sozusagen mein Blut vergossen und

gewissermaßen mein Leben nicht geschont und nun habe ich, denken Sie

sich bloß, nichts mehr zum Leben. Ich bitte dich, meine Kameraden

straflos ausgehen zu lassen,< sagt er, >sie sind unschuldig, denn ich

habe sie sozusagen verführt, übe Gnade und verfüge, daß in Zukunft, wenn

die Verwundeten aus dem Kriege zurückkehren, können Sie sich denken,

gewissermaßen für sie gesorgt werde ..< Mit einem Wort, der Brief war

außerordentlich gewandt stilisiert. Na, Sie können sich denken, der

Kaiser war natürlich gerührt. Es tat seinem kaiserlichen Herzen leid um

den Mann, obwohl er tatsächlich ein Verbrecher war, und gewissermaßen

sozusagen die Todesstrafe verdient hatte, na, und da er sah, wie ein

Unschuldiger sozusagen zum Verbrecher werden kann und zugeben mußte, daß

hier eine Unterlassungsünde vorlag -- übrigens konnte man in jener

unruhigen Zeit auch nicht für alles sorgen -- Gott allein, kann man wohl

sagen, ist ganz ohne Verfehlungen -- mit einem Wort, lieber Herr, der

Kaiser geruhte diesmal, sozusagen ein einzig dastehendes Beispiel seiner

hochherzigen Gesinnung zu geben: er befahl, die Schuldigen nicht weiter

zu verfolgen und gab zugleich strenge Ordre, ein Komitee zu gründen, das

sich ausschließlich mit der Fürsorge um die Verwundeten zu beschäftigen

habe sozusagen und dies ... Verehrtester -- war gewissermaßen der Anlaß

für die Gründung des Invalidenfonds, durch den jetzt sozusagen in jeder

Hinsicht für die Verwundeten gesorgt ist, und ein ähnliches Institut

gibt es tatsächlich weder in England noch in allen übrigen aufgeklärten

Staaten, können Sie sich denken. Das also ist der Hauptmann Kopeikin,

Verehrtester. Nun aber glaube ich folgendes: wahrscheinlich wird er all

sein Geld in den Vereinigten Staaten vertan haben, und ist nun zu uns

zurückgekehrt, um noch einmal zu versuchen, ob es ihm nicht vielleicht

sozusagen, gewissermaßen mit einem neuen Unternehmen gelingen mag.«

B. Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.

(In der vom Zensor gestrichenen Fassung.)

»Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,« hub der Postmeister

an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer

saßen, »nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen

Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett

eingeliefert. War es bei Krasnoje oder in der Schlacht von Leipzig

gewesen, genug, er hatte im Kriege ein Bein und einen Arm verloren. Sie

wissen doch, damals gab's noch keine von den bekannten Einrichtungen für

die Verwundeten: dieser Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken,

der wurde sozusagen erst viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin

sieht also, daß er arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur

einen Arm, nämlich den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen

Vater, aber der Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht _auch_

noch ernähren; ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst nur

mit knapper Not meinen Unterhalt.< Da beschloß denn mein Hauptmann

Kopeikin, sehen Sie wohl, Verehrtester, nach Petersburg zu reisen und an

die Gnade des Monarchen zu apellieren, ob dieser ihm nicht eine kleine

Unterstützung bewilligen wolle. So und so, er habe doch gewissermaßen,

sozusagen sein Leben geopfert und sein Blut vergossen .... Er fuhr also

in einem Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen in die

Hauptstadt, sehen Sie wohl Verehrtester, genug er gelangte mit Mühe und

Not nach Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich

_nun_ dieser selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das

sozusagen in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es

um ihn herum licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens,

so eine Art märchenhafte Scheherazade verstehen Sie mich wohl. Denken

Sie nur, plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine

Erbsenstraße oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt

irgend so ein Turm in die Luft und dort _hängen_ ein paar Brücken,

wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die

reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine

Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war

ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das

Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien,

Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital

nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von

ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze

Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus zehn blauen Scheinen

... Genug, er mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval

ein, für einen Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei

Gängen, eine Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht

also, daß sein Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich,

wohin er sich wenden soll. Man sagt ihm, es gäbe so'ne Oberkommission,

gewissermaßen so ein Direktorium sozusagen, an dessen Spitze der General

_en chef_ soundso stehe. Der Kaiser, müssen Sie wissen, war nämlich um

jene Zeit noch nicht in der Hauptstadt, und die Armee, können Sie sich

vorstellen, war noch nicht aus Paris zurückgekehrt, alles war noch im

Ausland. So stand denn mein Kopeikin eines Morgens etwas früher auf,

kratzte sich mit der linken Hand seinen Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre

er zum Barbier gegangen, so hätte das in gewissem Sinne neue Ausgaben

verursacht, zog seine Uniform an und begab sich auf seinem Holzfuß

einherhinkend zum Vorsitzenden der Kommission. Stellen Sie sich bloß

vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende wohnt. >Da< antwortet man ihm und

zeigt auf ein Haus am Schloßquai. Eine feine Bauernhütte, können Sie

sich vorstellen. Meterlange Spiegelscheiben in den Fenstern, kann ich

Ihnen sagen, sodaß die Vasen und alles, was sich sonst noch in den

Zimmern befindet, gleichsam draußen vor einem zu stehen scheinen, und

man all diese schönen Dinge geradezu greifen zu können glaubt: die Wände

sind von kostbarem Marmor, wissen Sie, alles ist von Metall, und so'ne

Türklinke, denken Sie sich, da muß man zuerst in einen Laden laufen,

sich für einen Groschen Seife kaufen und sich dann sozusagen zwei

Stunden lang die Hände reiben, ehe man sie anzufassen wagt. Dazu alles

lackiert, mit einem Wort die Sinne schwinden einem gewissermaßen. Der

Portier sieht aus wie ein Generalissimus: so eine Grafenphisiognomie mit

einem goldenen Säbel in der Hand und einem Battistkragen, Teufel auch,

wie ein wohlgepflegter Mops. Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem

Holzfuß ins Vorzimmer, setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem

Arm gegen irgend so ein Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete

Porzellanvase, verstehen Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich

mußte er eine halbe Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen

war, wo der General, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und

sein Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte,

verstehen Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also

vier Stunden lang; da kommt endlich der Adjutant oder irgend ein

diensthabender Beamter herein und sagt: >Gleich kommt der General!< Im

Empfangszimmer aber drängen sich schon die Menschen, wie die Bohnen in

einer Schüssel. Lauter hohe Beamte der vierten und fünften Klasse, nicht

solche elende Sklaven wie unsereiner sondern alles Oberste, und hie und

da sogar einer mit Makronen auf den Achselklappen, mit einem Wort, die

ganze Generalität sozusagen. Plötzlich geht eine kaum merkliche Bewegung

durch das Zimmer, wie so'n feiner Äther, wissen Sie. Hie und da hört man

jemand Pst ... Pst ... rufen und dann tritt eine fürchterliche Stille

ein. Der hohe Staatsbeamte hatte das Zimmer betreten. Na, Sie können

sich vorstellen, ein Staatsmann, sozusagen. Natürlich seinem Rang und

Titel entsprechend, so ein _Physionomio_, so ein Ausdruck, verstehen Sie

wohl. Alles was sich im Empfangszimmer befand, stand natürlich sofort

stramm, alles zittert und bebt und wartet auf die Entscheidung seines

Schicksals sozusagen. Der Minister oder Staatsmann geht erst zum einen,

und dann zum andern. >Warum sind Sie hier? Und Sie? Was wünschen Sie? In

welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein Kopeikin an

die Reihe, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sagt: So und so,

Exzellenz ich habe sozusagen mein Blut vergossen, und gewissermaßen

einen Arm und ein Bein verloren. Ich kann nicht mehr arbeiten und habe

die Kühnheit, an die Gnade des Monarchen zu apellieren. Der Minister

sieht: der Mann hat einen Stelzfuß, und der rechte Ärmel baumelt leer

herunter verstehen Sie wohl. >Gut,< sagt er, >fragen Sie nach ein paar

Tagen mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz seelig: schon allein, daß

ihm eine Audienz bewilligt wurde sozusagen, daß er gewürdigt wurde mit

einem der ersten Würdenträger des Staats zu sprechen, können Sie sich

denken, und dann die Hoffnung, daß sich endlich sein Schicksal,

gewissermaßen die Frage nach der Pension entscheiden sollte! Er ist in

der besten Laune, kann ich Ihnen sagen. Er hüpft geradezu auf dem

Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkin, um einen Schnaps zu

nehmen; aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich eine Kotelette mit

Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand Filets, nebst einer

Flasche Wein, ging abends ins Theater -- mit einem Wort, es war eine

feudale Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine

Engländerin kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein

Kopeikin, dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach

auf seinem Stelzfuß nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei

einstweilen der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe.

Ich bin schon gar zu sehr aus Rand und Band gekommen.< Nach drei vier

Tagen erscheint mein Kopeikin abermals beim Minister. Der Minister tritt

ein. >So und so,< sagt Kopeikin, >ich bin gekommen um zu erfahren, was

Eure Exzellenz über das Schicksal der Kranken und Verwundeten zu

verfügen geruht haben ... und dergleichen mehr, können Sie sich denken,

in der amtlichen Sprache natürlich!< Der hohe Staatsbeamte, stellen Sie

sich vor, erkennt ihn sogleich wieder. >Ah, gut,< sagt er, >leider kann

ich Ihnen diesmal keinen andern Rat geben, als sich bis zur Rückkunft

des Kaisers zu gedulden; dann wird sicherlich etwas für die Verwundeten

und Invaliden geschehen, aber ohne die Einwilligung des Monarchen,

sozusagen, vermag ich nichts für Sie zu tun.< Damit verbeugt er sich,

und die Audienz ist zu Ende, verstehen Sie. Sie können sich denken, daß

sich mein Kopeikin hiernach in einer höchst prekären Lage befand. Er

hatte schon damit gerechnet, daß ihm morgen das Geld ausbezahlt werden

würde. >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!<;

statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem

Termin. Da kommt er nun wie so'n Uhu, oder Pudel, den der Koch mit

Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus -- hat den Schwanz

eingezogen und läßt die Ohren hängen. >Nee,< denkt er, >ich will doch

_noch_ einmal hingehen und dem Minister erklären, ich habe bald nichts

mehr zu essen, wenn Sie mir nicht helfen, muß ich, sozusagen, vor Hunger

sterben.< Mit einem Wort lieber Herr, er geht wieder an den Schloßquai

und fragt nach dem Minister: >Es geht nicht,< heißt es, >der Minister

empfängt heute niemand, kommen Sie morgen wieder.< Am folgenden Tage --

dieselbe Geschichte, der Portier will ihn kaum noch ansehen. Mein

Kopeikin aber hat nur noch einen blauen Schein in der Tasche, verstehen

Sie wohl. Früher da leistete er sich noch einen Teller Kohlsuppe und ein

Stück Suppenfleisch, jetzt aber kauft er sich höchstens so einen Häring

oder irgend so eine Salzgurke und für zwei Groschen Brot --, mit einem

Wort, der arme Kerl hungert tatsächlich, und doch hat er einen Appetit

wie ein Wolf. Oft kommt er an irgend so einem Restaurant vorüber und,

nun stellen Sie sich vor, der Koch -- das ist irgend so ein Ausländer,

so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem offenen Gesicht, trägt

immer nur die feinste holländische Wäsche, und eine Schürze, so weiß wie

Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor seinem Herd und bereitet

euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit Trüffeln, mit einem Wort,

irgend so eine Delikatesse, daß unser Hauptmann sich am liebsten selbst

aufgefressen hätte vor Appetit. Oder er kommt an den Miljutinschen Läden

vorbei: lacht ihm da sozusagen irgend so ein geräucherter Lachs, oder

ein Körbchen mit Kirschen -- zu fünf Rubel das Stück, oder so 'ne Riesin

von Wassermelone, so'n ganzer Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster

entgegen, und sucht nach einem Narren, der einen überflüssigen Hunderter

in der Tasche hat, verstehen Sie, mit einem Wort, nichts wie

Verführungen auf Schritt und Tritt, es läuft einem sozusagen das Wasser

im Munde zusammen, für ihn aber heißt's: warte gefälligst bis morgen.

Und nun stellen Sie sich seine Lage vor: einerseits, sehen Sie wohl,

dieser Lachs und die Wassermelone, und andererseits irgend so ein

bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm morgen wieder._< Schließlich

hielt es der arme Kerl nicht mehr aus und beschloß, die Festung

sozusagen im Sturme zu nehmen, verstehen Sie. Er stellte sich also am

Eingang auf und wartete, ob nicht noch ein Bittsteller erscheinen werde,

und richtig, es gelang ihm denn auch, mit irgend einem General

hindurchzuschlüpfen und auf seinem Stelzfuß bis ins Vorzimmer zu

humpeln. Der hohe Staatsmann erscheint wie gewöhnlich. >Was wünschen

Sie? Und Sie?< >Ah!< ruft er, wie er Kopeikin erblickt, >ich habe Ihnen

doch schon erklärt, daß Sie warten sollen, bis über Ihr Gesuch

entschieden wird.< -- >Ich bitte Sie, Exzellenz, ich habe nichts mehr zu

essen, sozusagen ...< >Was soll ich denn machen? ich kann nichts für Sie

tun, Sie müssen sich gewissermaßen einstweilen selbst helfen und sich

selbst die Mittel zu verschaffen suchen.< -- >Aber Exzellenz, daß müssen

Sie doch sozusagen selbst einsehen, wie kann ich mir denn die Mittel

verschaffen, wo mir ein Arm und ein Bein fehlt?< >Aber verstehen Sie

doch!< sagte der Minister, >ich kann Sie doch gewissermaßen nicht auf

meine Kosten erhalten, wir haben noch viele Verwundete, die könnten doch

alle dieselben Ansprüche machen. Wappnen Sie sich mit Geduld. Ich gebe

Ihnen mein Ehrenwort: wenn der Kaiser kommt, wird er Gnade üben und Sie

nicht im Stiche lassen.< -- >Aber ich kann doch nicht warten,

Exzellenz,< versetzte Kopeikin, und zwar fängt er schon an, grob zu

werden sozusagen. Da aber wurde der Staatsmann etwas ärgerlich,

verstehen Sie, und in der Tat: rings herum stehen lauter Generäle und

warten auf eine Antwort oder eine Ordre; hier handelte es sich sozusagen

um wichtige Staatsangelegenheiten, die gewissermaßen eine schleunige

Erledigung erfordern -- jeder verlorene Augenblick kann von Bedeutung

sein -- und da kommt so ein aufdringlicher Teufel und läßt einen nicht

los, können Sie sich denken. -- >Entschuldigen, ich habe keine Zeit --

ich habe noch andere wichtigere Dinge zu tun, als mit Ihnen zu reden.<

Er sagt es gewissermaßen durch die Blume, es sei nun die höchste Zeit,

daß er sich aus dem Staube mache, verstehen Sie wohl. Jedoch mein

Kopeikin antwortet -- der Hunger treibt ihn nämlich zum äußersten,

müssen Sie wissen. >Tun Sie, was Sie wollen, Exzellenz, ich rühre mich

nicht vom Flecke, bevor Sie die entsprechende Ordre erteilt haben.< Na,

Sie können sich denken: einem Staatsmann so zu antworten, der nur ein

Wort zu sagen braucht, damit man kopfüber rausfliegt, sodaß der Teufel

selbst einen nicht mehr auffinden kann sozusagen ... Wenn ein Beamter,

der auch nur um _einen_ Rang tiefer steht als wir, unsereinem so etwas

sagen wollte, so würde man es schon eine Frechheit nennen. Nun aber

denken Sie sich -- diese Distanz, diese gewaltige Distanz! Ein General

_en chef_ -- und irgend ein Kopeikin sozusagen! Neunzig Rubel und eine

Null. Der General, verstehen Sie, der maß ihn bloß mit einem Blick --

der reinste Kanonenschuß sozusagen: da hätte keiner Stand gehalten, da

wäre jedem das Herz in die Hosen gefallen. Mein Kopeikin aber, können

Sie sich vorstellen, rührt sich nicht vom Flecke und steht da wie

angewurzelt. >Nun? Was warten Sie?< sagt der General und packt ihn mit

beiden Händen bei den Schultern. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen, er

behandelt ihn noch ziemlich gnädig: ein anderer hätte ihn so

angeschnauzt, daß die ganze Straße noch drei Tage nachher auf dem Kopfe

gestanden und sich mit ihm im Kreise gedreht hätte sozusagen, er aber

sagte nur >Gut, wenn das Leben für Sie hier zu teuer ist und Sie nicht

ruhig in der Hauptstadt auf die Entscheidung Ihres Schicksals warten

können, dann lasse ich Sie auf Staatskosten in die Heimat befördern. Der

Feldjäger soll kommen und ihn nach der Heimat transportieren!< Der

Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der steht schon da und wartet schon

hinter der Tür: so'n baumlanger Kerl, wissen Sie, mit einer Hand wie von

der Natur selbst für den Kurierdienst geschaffen. Mit einem Wort: ein

richtiger Zahnzieher. So wird denn unser braver Knecht Gottes in den

Wagen befördert und ab geht's in Begleitung des Feldjägers. >Na,< denkt

Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das Reisegeld. Auch dafür bin ich den

Herren dankbar.< So fährt er denn, Verehrtester, mit dem Feldjäger, und

während er so an der Seite des Feldjägers sitzt, spricht er

gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber: >Schön,< sagt er, >du erklärst

mir, ich soll mir selbst helfen und die Mittel suchen! Gut, schön,< sagt

er, >ich will mir die Mittel schon verschaffen!< Wie er nun an seinen

Bestimmungsort befördert, und wohin er eigentlich gebracht wurde,

darüber ist nichts bekannt geworden. Und daher sind denn auch die

Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im Strome der Vergessenheit

untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie, wie die Poeten es nennen.

Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier schürzt sich, kann man

wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also Kopeikin verschwunden

ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor, es vergingen auch

nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine Räuberbande

auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie wohl, war

kein anderer als ...«

* * * * *

1. _Die Toten Seelen, Band I_, sind in der zweiten Hälfte des Jahres

1835 begonnen und 1841 vollendet. Sie erschienen am 21. Mai (2. Juni)

1842. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 9. Mai (21. Mai)

1842. Die vom Zensor gestrichene »Geschichte vom Hauptmann Kopeikin«

wurde vom Autor in fünf Tagen vom 5.-9. (17.-21.) Mai 1842 umgearbeitet.

2. _Die Vorrede zur zweiten Auflage des I. Bandes der Toten Seelen_

(pag. 431) wurde Ende Juli entworfen und im September 1846 vollendet.

Sie erschien zugleich mit der zweiten Auflage dieser »Dichtung«. Die

Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 25. August (6. September)

1846.

3. _Die Reflexionen zum ersten Teil der Toten Seelen_ (pag. 436) stammen

wahrscheinlich aus dem Jahre 1846.

4. _Das Ende des IX. Kapitels in veränderter Fassung_ (pag. 439) wurde

etwa im Jahre 1843 niedergeschrieben.

5. _Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin_: _Variante A_ (pag. 452) ist

im August 1841, _Variante B_ (pag. 461), die vom Zensor gestrichen

wurde, im November 1841 vollendet. Der Text der vorliegenden deutschen

Ausgabe geht auf die russischen Ausgaben von N. S. Tichonrawow und W. I.

Schönrock zurück.

_Der Herausgeber._

* * * * *

Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt.

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 29 / 30 题