Der Verfasser an den Leser

Wer du auch sein magst, lieber Leser, auf welchem Platze du stehst,

welches Amt du bekleidet, ob du Rang und Würden dein eigen nennt, ein

schlichter Mann von einfachem Stande bist, wenn dir Gott die edle Gabe

des Lesens verliehen hat und dir ein Zufall dieses Buch in die Hände

spielte, so bitte ich dich, mir zu helfen.

In dem Buche, das vor dir liegt und dessen erste Auflage du

wahrscheinlich schon gelesen hat, ist ein Mensch dargestellt, der mitten

aus dem russischen Staate herausgegriffen ward. Er bereist unser

russisches Vaterland, und trifft hier mit Menschen jeder Art und jedes

Standes, mit vornehmen und einfachen zusammen. Er ward mehr _darum_ zum

Helden ausersehen, um die _Laster_ und _Mängel_, als die _Vorzüge_ und

_Tugenden_ des Russen aufzuzeigen; aber auch all die Menschen, die ihn

umgeben, sind so gewählt worden, daß sie unsere Fehler und Schwächen

widerspiegeln, die besseren Menschen und Charaktere sollen erst in den

folgenden Teilen vorgeführt werden. In diesem Buche ist manches

unrichtig dargestellt, und nicht so, wie die Dinge sich wirklich im

russischen Vaterlande zutragen, weil ich ja nicht alles kennen lernen

und in Erfahrung bringen konnte. Ein ganzes Menschenleben würde nicht

ausreichen, um auch nur den hundertsten Teil von dem zu erforschen, was

in unserer Heimat vorgeht. Zudem mögen sich infolge meiner eigenen

Unachtsamkeit, Unreife und Übereilung mancherlei Irrtümer und

Fehlschlüsse eingeschlichen haben, sodaß es wohl keine Seite in diesem

Buche gibt, an der nicht irgend etwas zu berichtigen wäre, und daher

bitte ich dich, lieber Leser, wo du es kannst, mich zu verbessern. Du

darfst diese Mühe nicht gering schätzen. Auf welch hoher Stufe der

Bildung und des Lebens du auch stehen mögest, so unbedeutend und nichtig

dir auch mein Buch erscheinen und so kleinlich und unwichtig dir es

vorkommen mag, mein Werk zu verbessern und deine Bemerkungen dazu

niederzuschreiben, ich bitte dich dennoch darum, es zu tun. Aber auch

du, lieber Leser, von _schlichter_ Bildung und einfachem Stande, sollst

dich nicht für zu unwissend halten, mich zu belehren. Ein jeder Mensch,

der gelebt, die Welt gesehen hat, und mancherlei Menschen begegnet ist,

hat sicher vielerlei gemerkt, was einem andern entgangen ist, und vieles

erfahren, was andere nicht wissen. Ich möchte daher nicht gerne auf

deine Bemerkungen verzichten. Es ist unmöglich, daß du nicht etwas zu

irgend einer Stelle meines Buches zu sagen hättest, wenn du es nur

aufmerksam durchliest.

Wie schön wäre es zum Beispiel, wenn auch nur _einer_ von jenen Leuten,

deren Kenntnisse so groß, deren Lebenserfahrung so reich ist, und die

den Kreis von Menschen, die ich beschrieben habe, genau kennen, seine

Anmerkungen zu dem ganzen Buche niederschreiben und _gar nicht anders_

an die Lektüre gehen wollte, als mit einer Feder in der Hand und einem

Stück Papier, das er vor sich auf dem Tische liegen hat. Wie schön wäre

es, wenn er jedesmal, nachdem er einige Seiten gelesen hat, sich an sein

ganzes Leben und das aller der Menschen, denen er auf seinem Wege

begegnet ist, an alle Ereignisse, die sich vor seinen Augen abspielten,

und auch an alles das erinnern wollte, was er selbst sah oder hörte, ob

es nun Ähnlichkeit mit den Begebenheiten hat, die in meinem Buche

geschildert sind, oder ihnen gerade entgegengesetzt ist -- und wenn er

dann alles genau so beschriebe, wie es sich in seiner Erinnerung

darstellt und mir hierauf jedes vollgeschriebene Blatt zusenden würde,

bis er auf diese Weise das ganze Buch zu Ende gelesen hätte. Welch einen

großen wahrhaften Dienst würde er mir damit erweisen. Der Stil und die

Schönheit des Ausdrucks brauchen ihm hierbei keine Sorge zu machen: hier

handelt es sich nur um die Sache selbst und um ihre Wahrheit und nicht

um den Stil. Auch braucht er sich nicht zu zieren, wenn er mich tadeln,

oder mir einen Vorwurf machen, oder mich auf eine Gefahr und auf den

Schaden hinweisen wollte, den ich durch die falsche und unüberlegte

Darstellung einer Sache gestiftet habe, wo doch nur Nutzen und Besserung

meine wahre Absicht war. Für all dieses wäre ich ihm von Herzen dankbar.

Ferner wäre es sehr gut, wenn sich ein Mensch aus dem höheren Stande

finden würde, welcher durch alles -- durch das Leben selbst und durch

seine Bildung -- jenen Kreisen fernsteht, die in meinem Buche

geschildert sind, der aber das Leben des Standes kennt, zu dem er selbst

gehört, und wenn ein solcher Mensch sich entschließen könnte, mein Buch

auf die gleiche Weise von Anfang an zu lesen, alle Menschen der höheren

Stände an seinem geistigen Auge vorüber ziehen zu lassen und streng

darauf zu achten, ob es nicht doch etwas Gemeinsames zwischen allen

Ständen gibt, ob sich nicht doch zuweilen in den höheren Kreisen

dasselbe wiederholt, was in den niederen Sphären zu geschehen pflegt?

Und wenn er nun alles, was ihm hierüber einfällt, das heißt also jedes

Vorkommnis aus den höheren Gesellschaftskreisen, das zur Bestätigung

oder Widerlegung dieses Gedankens dienen kann, ganz so schildern wollte,

wie es sich vor seinen Augen abspielte, ohne die Menschen selbst mit

ihren Sitten, Neigungen und Gewohnheiten zu vergessen oder die

seelenlosen Sachen, die sie umgeben, zu übergehen, von der Kleidung bis

hinab zu den Möbeln und den Mauern der Häuser, die sie bewohnen. Ich

_muß_ diesen Stand kennen, der die Blüte der Nation repräsentiert. Ich

kann die letzten Bände meines Werkes nicht in die Welt hinausgehen

lassen, bevor ich das Leben Rußlands nach all seinen Seiten kennen

gelernt habe, wenigstens in dem Maße, als dies für mein Werk notwendig

ist.

Auch wäre es nicht schlecht, wenn irgend jemand, der mit einer reichen

Phantasie und der Fähigkeit ausgestattet ist, sich alle möglichen

menschlichen Verhältnisse recht lebhaft vorzustellen, und die Menschen

in Gedanken auf Schritt und Tritt in allen Lebenslagen zu begleiten --

mit einem Wort, wenn jemand der es versteht, sich in den Geist eines

jeden Autors, den er liest, hinein zu versetzen oder seine Ideen weiter

zu führen und zu entfalten -- jede Person, die ich in meinem Buche

auftreten lasse, aufmerksam verfolgen und mir dann sagen wollte, wie sie

sich in diesem oder jenem Falle verhalten muß, was ihr, nach dem Anfang

zu schließen, im weiteren Verlauf der Erzählung zustoßen müßte, was für

neue Situationen sich hieraus ergeben könnten, und was ich wohl noch zu

meiner Beschreibung hinzufügen sollte; ich würde nämlich dies alles

sorgsam berücksichtigen bis zu der Zeit, wo mein Buch in einer neuen,

besseren und würdigeren Ausgabe vor den Leser treten wird.

Um eines noch möchte ich den, der mich durch seine Anmerkungen erfreuen

will, herzlichst bitten: wenn er sie niederschreibt, soll er nicht daran

denken, daß er sie für einen Menschen schreibt, der ihm an Bildung

gleich steht, der denselben Geschmack und dieselben Gedanken hat, wie er

selbst, und vieles auch ohne weitere Erklärungen verstehen wird;

vielmehr bitte ich ihn, so zu tun, als ob er einen Menschen vor sich

hat, der sich in bezug auf Bildung nicht mit ihm messen kann, und der

fast gar nichts gelernt hat. Es wäre vielleicht noch besser, wenn er

sich an meiner Statt irgend einen Wilden vorstellen würde, der sein

ganzes Leben in einem entlegenen Dorfe verbracht hat, dem man jede

kleinste Einzelheit umständlich erklären muß, wenn er sie verstehen

soll, und dem gegenüber man sich der einfachsten Ausdrucksweise

befleißigen muß, fast wie vor einem Kinde, um nur ja kein Wort zu

gebrauchen, das über seinen Horizont geht. Wenn jeder das stets im Auge

behalten wird, wenn jeder von denen, die dazu bereit sind, ihre

Bemerkungen zu meinem Buche niederzuschreiben, das stets im Auge behält,

dann werden diese Anmerkungen noch weit interessanter werden und noch

mehr an Wert gewinnen, als er es selbst glaubt; mir aber wird er einen

großen und wahrhaften Dienst erweisen.

Wenn es sich also so fügen sollte, daß meine Leser meinen Herzenswunsch

berücksichtigen und erfüllen, und wenn sich unter ihnen wirklich ein

paar Menschen von so gutem Herzen finden sollten, die bereit wären,

meine Bitte zu erfüllen, dann können sie mir ihre Anmerkungen auf

folgendem Wege übersenden: sie mögen ein an mich adressiertes Paket in

ein andres Paket einpacken und dieses an eine der hier nambar gemachten

Personen schicken: entweder an den Rektor der St. Petersburger

Universität Seine Exzellenz Peter Alexandrowitsch Pletnew (zu

adressieren an die Universität von St. Petersburg) oder an den Professor

der Moskauer Universität S. H. Stepan Petrowitsch Schewyrew (zu

adressieren an die Universität Moskau) je nachdem, welche Stadt dem

Absender näher liegt.

Zuletzt spreche ich noch allen Journalisten und Literaten überhaupt,

meinen aufrichtigen Dank aus für die Rezensionen und Besprechungen,

welche sie meinem Buche angedeihen ließen; sie haben meinem Herzen und

meiner Seele, trotz mancher Maßlosigkeiten und Übertreibungen, wie sie

nun mal in der menschlichen Natur liegen, einen großen Vorteil und

Nutzen gebracht, und daher bitte ich sie alle, mich auch diesmal mit

ihrem Urteil nicht im Stiche zu lassen. Ich kann ihnen das aufrichtige

Versprechen geben, daß ich alles was sie mir zu meiner Aufklärung und

Belehrung zu sagen haben, mit Dank entgegennehmen werde.

II.

Reflexionen,

die sich auf den ersten Teil beziehen.

Die Idee einer Stadt -- äußerster Grad von Hohlheit des in ihr

herrschenden Treibens. Klatschereien und Zwischenträgereien, die alle

Grenzen übersteigen. Wie dies alles aus dem Müßiggang entspringt und den

höchsten Grad der Lächerlichkeit angenommen hat, und wie ganz gescheite

Leute schließlich dazu kommen, die größten Dummheiten zu begehen.

Einzelheiten aus den Gesprächen der Frauen. Wie sich in die allgemeinen

Klatschereien noch solche von privatem Charakter mischen, und wie

hierbei keine die andere schont. Wie Gerüchte und Vermutungen entstehen.

Wie diese Vermutungen den Gipfel der Lächerlichkeit erreichen. Wie alle

unwillkürlich an diesen Klatschereien teilnehmen, und wie

Pantoffelhelden und Weiberknechte entstehen.

Wie die Hohlheit, die Ohnmacht und Tatenlosigkeit des Lebens abgelöst

werden durch einen trüben, nichtssagenden Tod. Wie sinnlos dieses

furchtbare Ereignis eintritt und vorübergeht. Nichts bewegt sich. Der

Tod überrascht dieses völlig unbewegte Leben. Dem Leser muß jedoch die

tote Gefühllosigkeit des Lebens dadurch noch furchtbarer erscheinen.

Die entsetzliche Dämmerung des Lebens zieht vorüber, darin liegt ein

tiefes Mysterium verborgen. Ist das nicht etwas ganz Furchtbares? Dieses

sich aufbäumende rebellierende müßige Leben -- ist es nicht eine

Erscheinung von furchtbarer Größe? ... Leben! ... Im Ballkostüm, im

Frack, da, wo man klatscht und Visitenkarten wechselt -- da glaubt

keiner an den Tod ....

_Einzelheiten._ Die Damen zanken sich gerade deswegen, weil die eine

haben möchte, daß Tschitschikow dies sei, während die andere wünscht,

daß er etwas anders sei -- und daher merken sie sich nur die Gerüchte,

die zu ihrer Idee von ihm passen.

Andere Damen erscheinen auf der Bildfläche.

Die in jeder Beziehung angenehme Dame hat einen Hang zur Sinnlichkeit

und liebt davon zu erzählen, wie sie diesen Hang zuweilen besiegt habe,

und zwar mit Hilfe ihres Verstandes, und wie sie es immer verstanden

habe, die Männer in einer gewissen Distanz zu halten. Übrigens geschah

das eigentlich ganz von selbst und auf ganz unschuldige Weise. Es trat

ihr nie einer zu nahe, aus dem einfachen Grunde, weil sie schon in ihrer

Jugend eine große Ähnlichkeit mit einem Nachtwächter hatte, trotzdem sie

so angenehm war und trotz all ihrer guten Eigenschaften. -- »Nein, meine

Liebe, wissen Sie, ich liebe es, den Mann erst ein wenig anzulocken, ihn

dann abzustoßen und dann _wieder_ anzulocken.« So verfährt sie auch auf

dem Ball mit Tschitschikow. Die andern überlegen sich es gleichfalls,

wie sie sich benehmen sollen. Die eine tritt sehr respektvoll auf. Zwei

Damen fassen sich unter, gehen auf und ab und nehmen sich vor, solange

als möglich zu lachen. Dann finden sie plötzlich, daß Tschitschikow

keine guten Manieren hat.

Die in jeder Beziehung angenehme Dame liebt es, Beschreibungen von

Bällen zu lesen. Auch die Beschreibung des Wiener Kongresses

interessiert sie sehr. Ferner interessiert sich diese Dame sehr für

Toiletten, d. h. sie liebt es, andre Damen daraufhin zu beobachten, ob

ihnen ein Kleid gut sitzt oder nicht.

Während sie auf ihrem Stuhl sitzt, beobachtet sie die Eintretenden. »Die

N. versteht sich garnicht zu kleiden, nein wirklich sie versteht es

nicht. Dieses Tuch kleidet sie garnicht.« -- »Wie reizend die Tochter

des Gouverneurs gekleidet ist!« -- »Aber Liebste, sie ist doch

abscheulich gekleidet.« -- Und wenn es selbst so wäre -- --

Die ganze Stadt mit ihrem wilden Durcheinander von Klatschereien und

Zwischenträgereien -- ist das Urbild der Tatenlosigkeit und Hohlheit des

menschlichen Lebens in seiner Masse. Das Geschwätz ist in die Welt

gesetzt und mit ihm alle nur möglichen Kombinationen. Die Hauptzüge der

Ballgesellschaft.

Das Urbild des Gegensatzes im II. Teil, der sich mit der in sich

zerrissenen und zerklüfteten Tatenlosigkeit beschäftigt.

Wie könnte man alle Welten der Tatenlosigkeit und des Müßigganges in all

ihren Spielarten auf die eine Art des städtischen Müßigganges

zurückführen, und wie könnte man den städtischen Müßiggang zum Urbild

der Untätigkeit und des Müßigganges der ganzen Welt erheben.

Dazu müssen alle ähnlichen Züge mit eingeschlossen werden, und es muß

eine gewisse Stetigkeit in die Erzählung kommen.

III.

Ende des neunten Kapitels

in veränderter Fassung.

Sie dachten nach und überlegten und beschlossen endlich, die Verkäufer

auszufragen, mit denen Tschitschikow verhandelt, und denen er diese

rätselhaften toten Seelen abgekauft hatte. Dem Staatsanwalt fiel die

Aufgabe zu, zu Sabakewitsch zu gehen und mit ihm zu sprechen, und der

Präsident erbot sich persönlich zu Karobotschka zu fahren. Wir wollen

uns daher gleichfalls aufmachen, ihnen nachgehen und zusehen, was sie

dort alles erfuhren.

Kapitel ...

Sabakewitsch lebte mit seiner Gemahlin in einem Hause, das etwas abseits

von dem lauten und lärmenden Getriebe lag. Er hatte sich ein massives,

solide gebautes Haus gewählt, wo ihm die Decke nicht überm Kopfe

einzustürzen drohte, und in dem es sich bequem und glücklich leben ließ.

Der Besitzer des Hauses war ein Kaufmann namens Kolotyrkin, auch ein

sehr solider Herr. Sabakewitsch hatte nur seine Frau bei sich, seine

Kinder waren nicht mitgekommen. Er fing schon an, sich zu langweilen,

dachte bereits an die Abreise und wartete nur noch auf den Zins für ein

Stück Land, das drei Bürger der Stadt bei ihm gepachtet hatten, um Rüben

darauf zu pflanzen, sowie ferner auf ein modernes wattiertes Kleid, das

seine Frau bei einen Schneider bestellt hatte, und das bald fertig sein

sollte. Er wurde bereits ein wenig ungeduldig und schimpfte, während er

in seinem Lehnstuhl saß, beständig auf die Gaunereien und Launen anderer

Leute, wobei er an seiner Frau vorbeisah und auf die Ofenecke blickte.

In einem solchen Moment trat der Staatsanwalt ins Zimmer. Sobakewitsch

sagte: »Ich bitte,« indem er sich einen Augenblick erhob, um sich jedoch

sogleich wieder zu setzen. Der Staatsanwalt ging auf Feodulia Iwanowna

zu, küßte ihr die Hand und nahm gleichfalls auf einem Stuhle Platz. Auch

Feodulia Iwanowna ließ sich auf einem Stuhle nieder, nachdem sie den

Handkuß in Empfang genommen hatte. Alle drei Stühle waren mit grüner

Ölfarbe angestrichen, und die Ecken waren mit gelben Wasserlilien, der

rohen Malerei eines Dilettanten geziert.

»Ich bin gekommen, um über eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen zu

sprechen,« sagte der Staatsanwalt.

»Herzchen, geh doch auf dein Zimmer! Die Schneiderin wartet

wahrscheinlich auf dich.«

Feodulia ging auf ihr Zimmer.

Der Staatsanwalt begann folgendermaßen: »Gestatten Sie mir eine Frage:

was für Bauern haben Sie an Pawel Iwanowitsch Tschitschikow verkauft?«

»Wie meinen Sie das: was für Bauern?« sagte Sabakewitsch. »Wir haben

doch einen Kaufkontrakt aufgesetzt; da steht es drin, was es für Leute

waren: der eine ist Wagenbauer ...«

»In der Stadt kursieren jedoch ....« versetzte der Staatsanwalt ein

wenig verlegen .... »In der Stadt kursieren Gerüchte ....«

»Es gibt eben zuviel Narren in der Stadt, von denen werden wohl die

Gerüchte herstammen,« sagte Sabakewitsch ruhig.

»Nein, nein, Michael Semjonytsch, das sind so merkwürdige Gerüchte, daß

einem davon ganz wirr im Kopfe wird, es heißt, es handele sich hier

garnicht um Bauern, und ihre Ansiedelung, und man behauptet, dieser

Tschitschikow sei eine höchst rätselhafte Persönlichkeit. Es werden

höchst verdächtige Vermutungen laut, man redet so eigentümliche Dinge in

der Stadt ...«

»Gestatten Sie mir bitte eine Frage: Sind Sie etwa ein altes Weib?«

fragte Sabakewitsch.

Diese Frage verblüffte den Staatsanwalt aufs äußerste. Er hatte sich

noch nie gefragt, ob er ein altes Weib sei, oder irgend etwas andres.

»Sie sollten sich schämen, solche Fragen zu stellen und noch damit zu

mir zu kommen,« fuhr Sabakewitsch fort.

Der Staatsanwalt stammelte einige Entschuldigungen.

»Gehen Sie doch zu den alten Klatschweibern, die hinter ihrem Webstuhl

sitzen und sich abends Schauergeschichten über Gespenster und Hexen

erzählen. Oder wenn Ihnen mit Gottes Hilfe nichts Besseres einfallen

will, dann spielen Sie doch lieber Knöchel mit den kleinen Jungen. Was

kommen Sie und beunruhigen Sie einen ehrlichen Menschen? Bin ich etwa

Ihr Hanswurst, wie? Sie kümmern sich zu wenig um Ihren Beruf, und denken

zu wenig daran, dem Vaterland zu dienen, Ihren Nächsten nützlich zu sein

und Ihre Kollegen zu schonen. Sie wollen immer der erste sein und laufen

gleich hin, wenn irgend ein Esel Sie irgendwo hinschickt. Passen Sie

auf, Sie werden noch einmal um nichts und wieder nichts zu Falle kommen,

und elendiglich zugrunde gehn, ohne eine gute Erinnerung an sich zu

hinterlassen.«

Der Staatsanwalt war ganz bestürzt und wußte absolut nicht, was er auf

diese unerwartete Moralpredigt antworten sollte. Ganz beschämt und

vernichtet verließ er Sabakewitsch: dieser aber rief ihm noch nach:

»Pack dich zum Teufel, du Hund!«

In diesem Augenblick erschien Feodulia: »Warum ist der Staatsanwalt so

plötzlich fortgegangen?« fragte sie.

»Der Kerl hat Gewissensbisse bekommen und ist weggelaufen,« versetzte

Sabakewitsch. »Da hast du wieder so ein Beispiel, Herzchen. So ein alter

Knabe! hat schon graue Haare und doch weiß ich, daß er noch immer den

Frauen anderer Leute keine Ruhe läßt. Das ist einmal die Art dieser

Menschen: sie sind eben Hundesöhne alle miteinander. Nicht genug, daß

sie der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last fallen, sie machen

solche Sachen, daß man sie allesamt in einen Sack stecken und ins Wasser

werfen sollte! Die ganze Stadt ist nichts wie eine Räuberhöhle. Wir

haben hier nichts mehr zu suchen. Wir wollen nach Hause fahren.«

Frau Sabakewitsch wollte einwenden, daß ihr Kleid noch nicht fertig sei,

und daß sie sich noch zu den Feiertagen ein paar Haubenbänder kaufen

müsse, aber Sabakewitsch erklärte: »Das sind alles Modetorheiten,

Herzchen; das nimmt noch ein schlechtes Ende.« Er befahl, alles für die

Reise vorzubereiten; begab sich selbst mit einem Polizeikommissar zu den

drei Bürgern der Stadt, um die Pacht für die Rüben einzukassieren; ging

hierauf zu der Schneiderin, nahm ihr das unfertige Kleid, an dem noch

gearbeitet wurde, weg, ganz so wie es war, mit der darinsteckenden Nadel

und dem Faden, um es zu Hause fertig nähen zu lassen, und fuhr bald

darauf zur Stadt hinaus. Unterwegs wiederholte er fortwährend, es sei

geradezu gefährlich, in diese Stadt zu kommen, denn hier säße ja ein

Schuft und Gauner auf dem andern, und da könne es einem noch leicht

passieren, daß man mit ihnen in dem allgemeinen Sumpfe versinke.

Inzwischen eilte der Staatsanwalt in der höchsten Bestürzung über den

Empfang, den ihm Sabakewitsch bereitet hatte, nach Hause. Er befand sich

in einer solchen Verlegenheit, daß er sich nicht einmal darüber klar

werden konnte, wie er dem Präsidenten das Resultat seines Besuches

mitteilen sollte.

Indessen auch der Präsident hatte nur wenig zur Aufklärung der Sache

beigetragen. Er fuhr zuerst in seiner Kutsche in die Stadt und geriet

dabei in eine so enge und schmutzige Gasse, daß während des ganzen Weges

bald das rechte, bald das linke Rad seines Wagens höher stand als das

andre. So kam es, daß er erst mit seinem Kinn und dann mit dem

Hinterkopf sehr heftig auf seinen Spazierstock aufstieß und seine

Kleider ganz mit Kot bespritzt wurden. Quatschend und schlürfend bahnte

sich der Wagen den Weg durch den Kot, bis man endlich beim Probst

anlangte, wo die Insassen von lebhaftem Schweinegegrunze begrüßt wurden.

Der Präsident ließ seine Kutsche halt machen und ging zu Fuß an

allerhand Zimmern und Stuben vorüber nach dem Hausflur. Hier bat er sich

zunächst ein Handtuch aus, um sich das Gesicht abzuwischen. Karobotschka

empfing ihn ganz so wie Tschitschikow, mit demselben melancholischen

Ausdruck im Gesicht. Um den Hals hatte sie etwas wie ein Flanelltuch

geschlungen. In dem Zimmer schwirrten unzählige Scharen von Fliegen, und

auf dem Tisch stand ein undefinierbares Gericht, das ihnen offenbar sehr

widerwärtig war, an das sie sich jedoch schon gewöhnt zu haben schienen.

Korobotschka bat ihn Platz zu nehmen.

Der Präsident begann zuerst damit, daß er ihren Mann gekannt habe und

ging dann plötzlich zu der Frage über: »Sagen Sie bitte, ist es wahr,

daß neulich in der Nacht ein Mensch mit der Pistole in der Hand zu Ihnen

gekommen ist und Ihnen gedroht hat, Sie zu ermorden, wenn Sie ihm nicht,

der Teufel weiß was für Seelen abtreten wollten? Können Sie uns nicht

erklären, was er damit eigentlich für eine Absicht verfolgte.«

»Gewiß, warum sollte ich das nicht können! Versetzen Sie sich doch in

meine Lage: fünfundzwanzig Rubel in Banknoten! Ich weiß wirklich nicht:

ich bin Witwe und habe ja gar keine Erfahrung; es ist doch so leicht,

mich zu betrügen und noch dazu in einer Sache, von der ich wahrhaftig

auch nicht das Mindeste verstehe, Väterchen. Was Hanf kostet, das weiß

ich, Speck habe ich auch schon verkauft, noch voriges ...«

»Nein, bitte, erzählen Sie mir doch die Sache erst recht ausführlich.

Wie war das doch? Hatte er wirklich eine Pistole in der Hand?«

»Nein, Väterchen. Gott behüte, Pistolen habe ich keine gesehen. Aber ich

bin bloß eine Witwe -- ich kann doch wirklich nicht wissen, wie hoch die

toten Seelen im Preise stehen. Nicht wahr Väterchen, Sie werden mich

nicht im Stiche lassen, sagen Sie es mir doch bitte, damit ich den

richtigen Preis erfahre.«

»Was für einen Preis? Was für einen Preis, Mütterchen? Was für einen

Preis meinen Sie?«

»Den Preis für tote Seelen, Väterchen!«

»Ist sie dumm geboren oder ist sie übergeschnappt?« dachte der

Präsident, indem er ihr starr ins Gesicht sah.

»Fünfundzwanzig Rubel? Ich weiß wirklich nicht, vielleicht sind sie

fünfzig Rubel wert, oder sogar noch mehr.«

»Bitte zeigen Sie mir doch den Schein,« sagte der Präsident und hielt

ihn ans Licht, um sich zu überzeugen, ob er nicht falsch sei. Aber es

war ein ganz gewöhnlicher ordentlicher Schein.

»Aber so erzählen Sie doch bloß, wie der Kauf zustande kam, und was er

Ihnen eigentlich abgekauft hat. Es will mir nicht in den Kopf ... ich

kann absolut nichts verstehen ...«

»Gewiß hat er mir welche abgekauft,« sagte Karobotschka, »aber warum

wollen Sie mir bloß nicht sagen, was die tote Seele kostet, damit ich

doch ihren richtigen Preis kennen lerne.«

»Ich bitte Sie, was reden Sie da! Wo hat man denn je davon gehört, daß

tote Seelen verkauft werden?«

»Warum wollen Sie mir den Preis durchaus nicht sagen?«

»Ach was Preis! Ich bitte Sie, von was für einem Preise kann denn hier

die Rede sein? Sagen Sie mir doch ernstlich, wie die Sache war. Hat er

Ihnen mit etwas gedroht? Wollte er Sie etwa verführen?«

»Nein, Väterchen, was Sie für Dinge reden! ... Jetzt sehe ich, daß Sie

auch ein Käufer sind.« -- Und sie sah ihm argwöhnisch in die Augen.

»Ach was! ich bin doch Gerichtspräsident, Mütterchen!«

»Nein, Väterchen, sagen Sie, was Sie wollen, Sie wollen mich wohl auch

.... Sie haben auch die Absicht ... mich zu betrügen. Aber was haben Sie

bloß davon? Sie haben doch nur selbst den Schaden davon. Ich hätte Ihnen

gern Daunen verkauft: ich werde zu Weihnachten schöne Daunen haben.«

»Mütterchen! Ich sage Ihnen doch, daß ich der Gerichtspräsident bin. Was

mache ich mit ihren Daunen, sagen Sie doch selbst! Ich will Ihnen doch

gar nichts abkaufen.«

»Aber das ist doch ein ganz christliches Werk, Väterchen,« fuhr

Karobotschka fort. »Heute verkaufe _ich_ Ihnen was und morgen werden

vielleicht _Sie_ mir etwas verkaufen wollen. Sehen Sie, wenn wir uns

gegenseitig übers Ohr hauen, wo blieben da Recht und Gerechtigkeit? Das

wäre doch eine Sünde gegen Gott!«

»Ich bin aber doch kein Kaufmann, Mütterchen, ich bin

Gerichtspräsident!«

»Gott weiß, vielleicht sind Sie wirklich der Gerichtspräsident. Ich kann

das doch nicht wissen. Nun also? Ich bin doch eine arme Witwe? Warum

fragen Sie mich denn so aus? Nein, Väterchen, ich sehe, daß Sie selbst

... auch ... welche kaufen wollen.«

»Mütterchen, ich rate Ihnen, sich an den Arzt zu wenden,« sagte der

Gerichtspräsident wütend. »Bei Ihnen scheint's wirklich dort oben nicht

ganz richtig zu sein« -- fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf seine

Stirn zeigte. Mit diesen Worten stand er auf und ging hinaus.

Karobotschka aber blieb dabei, daß sie es mit einem Kaufmann zu tun

gehabt habe und wunderte sich bloß, wie unfreundlich und bösartig die

Leute heutzutage geworden seien, und wie schwer es doch eine arme Witwe

auf dieser Welt habe. Der Präsident aber gelangte mit Mühe und Not, von

unten bis oben mit Kot bespritzt, nach Hause, nachdem ihm unterwegs noch

ein Wagenrad gebrochen war. Das war das Resultat dieser unfreundlichen

und erfolglosen Reise, wenn man nicht noch die Beule am Kinn mitrechnen

wollte, die er sich mit seinem Stock beigebracht hatte. In der Nähe

seines Hauses traf er den Staatsanwalt, der ihm in einer Kutsche

entgegengefahren kam. Er schien sehr schlechter Laune zu sein und ließ

den Kopf hängen.

»Nun was haben Sie von Sabakewitsch erfahren?«

Der Staatsanwalt senkte das Haupt und versetzte: »In meinem ganzen Leben

bin ich noch nicht so behandelt worden.« ...

»Wieso?«

»Er hat mir einen Fußtritt gegeben,« sagte der Staatsanwalt mit

betrübter Miene.

»Wie?«

»Er hat mir gesagt, ich sei ein unnützer Mensch und tauge nicht für

meinen Posten: und doch habe ich meine Kollegen noch nie denunziert.

Andere Staatsanwälte schreiben jede Woche Denunziationen, ich habe doch

unter jedes Aktenstück mein »Gelesen« gesetzt, selbst in solchen Fällen,

wo es eigentlich meine Pflicht gewesen wäre, über die Kollegen Bericht

zu erstatten. -- Ich habe auch nie eine Sache absichtlich in die Länge

gezogen.«

Der Staatsanwalt war ganz zerknirscht.

»Nun und was sagt er über Tschitschikow?« fragte der Präsident.

»Was er gesagt hat? Er hat uns alle alte Weiber und Schafsköpfe

genannt.«

Der Präsident wurde nachdenklich. Doch in diesem Augenblick kam eine

dritte Kutsche angefahren: es war der Vize-Gouverneur.

»Meine Herren! Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß wir auf der Hut

sein müssen. Man sagt, unsere Provinz soll wirklich einen

Generalgouverneur erhalten.« Der Präsident und der Staatsanwalt rissen

den Mund auf, und der Gerichtspräsident dachte sich: »Der kommt auch

gerade zur rechten Zeit, um die Suppe auszuessen, die wir hier

eingebrockt haben, und für die sich der Teufel selbst bedanken würde.

Wenn der erfährt, was für eine Unordnung in der Stadt herrscht!«

»Schlag auf Schlag!« dachte der Staatsanwalt, der ganz geknickt dastand.

»Und wissen Sie nichts darüber, wer zum Generalgouverneur ernannt werden

soll, was er für ein Mensch ist, und was für einen Charakter er hat?«

»Davon ist noch nichts bekannt,« sagte der Vizegouverneur.

In diesem Moment kam der Postmeister in einer Droschke angefahren.

»Meine Herren! Ich gratuliere Ihnen zum neuen Generalgouverneur.«

»Wir wissen schon, wir wissen schon, aber es ist doch noch gar nichts

bekannt,« versetzte der Vizegouverneur.

»O, nein, man weiß schon, wer es ist,« erwiderte der Postmeister: »Fürst

Odnosorowski-Tschementinski.«

»Nun und was spricht man von ihm?«

»Er soll ein sehr strenger Herr sein,« sagte der Postmeister, »ein sehr

weitsichtiger Mann von sehr starkem Charakter. Er soll früher bei irgend

einer staatlichen Baukommission gewesen sein, verstehen Sie wohl. Da

seien einmal kleine Unregelmäßigkeiten vorgekommen. Nun, was denken Sie

wohl Verehrtester, er hat alle miteinander zerschmettert, er hat sie

ganz zu Staub zermalmt, sodaß überhaupt nichts mehr von ihnen übrig

blieb, sehen Sie wohl.«

»Hier in der Stadt sind doch aber die strengen Maßregeln garnicht am

Platze.«

»O je, das ist ein gelehrtes Haus! lieber Herr! Ein Mensch von

kolossalen Dimensionen!« fuhr der Postmeister fort. »Einmal passierte

was ....«

»Aber meine Herren,« sagte der Postmeister, »wir reden hier ganz offen

auf der Straße in Gegenwart unserer Kutscher. Fahren wir doch lieber zu

...«

Erst jetzt kamen die Herren wieder zu sich. Auf der Straße hatten sich

nämlich schon mehrere Zuschauer angesammelt, welche dastanden und die

vier Herren, die sich von ihren Droschken aus miteinander unterhielten,

angafften. Die Kutscher spornten ihre Pferde an und die vier Droschken

fuhren eine hinter der andern zum Gerichtspräsidenten.

»Daß uns der Teufel diesen Tschitschikow auch gerade im ungünstigsten

Augenblick hierher senden mußte!« dachte der Präsident, während er im

Vorzimmer seinen bis oben mit Dreck bespritzten Pelz auszog.

»Mir wirbelt alles im Kopfe herum,« sagte der Staatsanwalt und legte

gleichfalls den Pelz ab.

»Aus dieser Sache werde ich nicht klug,« sprach der Vizegouverneur,

indem er sich seines Pelzes entledigte.

Der Postmeister sagte gar nichts und begnügte sich damit, seinen Pelz

abzulegen.

Man trat ins Zimmer, wo sofort ein kleiner Imbiß hereingetragen wurde.

Die Provinzialbehörden können nun mal nicht ohne solch einen Imbiß

auskommen, und wenn sich zwei Beamte in einer Provinz zusammenfinden, so

stellt sich der Imbiß ganz von selbst als dritter im Bunde ein.

Der Gerichtspräsident trat an den Tisch, goß sich ein Gläschen bitteren

Wermuth ein und sagte: »Schlagt mich tot, ich weiß nicht, wer dieser

Tschitschikow ist.«

»Ich noch weniger,« versetzte der Staatsanwalt. »Eine so verwickelte

Affäre ist mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, ich habe

wirklich nicht den Mut, die Sache in die Hand zu nehmen.«

»Und doch! trotzalledem. Was der Mensch für einen weltmännischen Schliff

besitzt!« meinte der Postmeister, indem er sich erst einen dunklen Likör

einschenkte, ein paar Tropfen von einem rosafarbenen hinzugoß und beide

miteinander mischte: »Er war sicher in Paris. Ich glaube bestimmt, er

ist etwas Ähnliches, wie ein Diplomat gewesen.«

In diesem Augenblick betrat der Polizeimeister das Zimmer, der

allbekannte und so hoch verehrte Wohltäter der Stadt, der Abgott der

Kaufmannschaft und berühmte Künstler und Arrangeur opulenter Diners,

Soupers und sonstiger Festivitäten.

»Meine Herren,« rief er aus, »ich habe nicht das Geringste über

Tschitschikow erfahren können. Ich konnte doch nicht in seinen eigenen

Papieren herumstöbern: er verläßt ja auch sein Zimmer garnicht mehr, und

scheint krank zu sein. Ich habe mich auch bei seinen Leuten erkundigt.

Seinen Bedienten Petruschka und den Kutscher Seliphan ausgefragt. Der

erste war ein wenig betrunken, übrigens scheint er sich immer in solch

einem Zustande zu befinden.« Bei diesen Worten trat der Polizeimeister

an das Anrichtetischchen und bereitete sich eine Mischung aus drei

Likören. »Petruschka behauptet, sein Herr hätte mit allerhand Leuten zu

tun gehabt, ich glaube, es sind lauter ehrenwerte Männer, die er nannte,

so z. B. Perekrojewski ..... er führte dann noch eine Reihe von

Gutsbesitzern an -- alles Kollegienräte oder sogar Staatsräte. Der

Kutscher Seliphan erzählt, alle hätten ihn für einen gescheiten Mann

gehalten, weil er sich im Dienste vortrefflich bewährt und ausgezeichnet

habe. Er habe im Zollamt gedient und hätte in irgend einer staatlichen

Baukommission gesessen! Was das für eine Kommission gewesen sei, das

konnte er mir jedoch nicht sagen. Er habe drei Pferde: »Eins hätten sie

vor drei Jahren gekauft, den Schecken hätten sie gegen ein anderes von

gleicher Farbe umgetauscht und das dritte hätten sie gleichfalls gekauft

.....« sagte er. Er erklärt ganz bestimmt, Tschitschikow heiße wirklich

Pawel Iwanowitsch und sei Kollegienrat.«

Alle Beamten versanken in tiefes Sinnen.

»Ein anständiger Mensch, und dazu noch Kollegienrat!« dachte der

Staatsanwalt, »und entschließt sich zu einer solchen Sache! Will die

Tochter des Gouverneurs entführen, kommt auf die wahnsinnige Idee, tote

Seelen zu kaufen und in tiefer Nacht alte Scharteken von

Gutsbesitzerinnen aus dem Schlafe zu stören -- das schickt sich wohl für

einen Husarenleutnant, aber doch nicht für einen Kollegienrat!«

»Wenn er Kollegienrat ist, wie kann er sich denn dann zu einer so

verbrecherischen Handlung, zur Fälschung von Banknoten, entschließen,«

dachte der Vizegouverneur, der selbst auch Kollegienrat war, die Flöte

spielte und in seinem Innern weit mehr zu den schönen Künsten als zum

Verbrechen neigte.

»Sagen Sie, was Sie wollen, meine Herren, aber wir müssen dieser Sache

ein Ende machen! Komme was da wolle! Denken Sie doch, wenn der

Generalgouverneur erscheint und dahinter kommt, daß bei uns weiß der

Teufel was los ist!«

»Und wie denken Sie, daß wir handeln müssen?«

Der Polizeimeister versetzte: »Ich glaube wir müssen entschlossen

vorgehen.«

»Wie meinen Sie das: entschlossen?« wandte der Präsident ein.

»Wir müssen ihn verhaften lassen, als einen Menschen, der sich

verdächtig gemacht hat.«

»Ja aber wie? wenn er statt dessen _uns_ als verdächtige Individuen

verhaften läßt?«

»Waaas?«

»Nun, ich meine, wenn er etwa hierhergesandt worden ist und geheime

Vollmachten hat! Tote Seelen? Hm! Wenn das nur kein Vorwand ist, daß er

sie kauft, ein Vorwand, um etwas über jene Toten zu erfahren, die, wie

es im Bericht heißt, >aus unbekannten Ursachen< verstorben sind.«

Diese Worte ließen alle verstummen. Der Staatsanwalt war aufs äußerste

überrascht. Auch der Präsident, der sie selbst ausgesprochen hatte,

wurde nachdenklich. Beiden ...

»Also meine Herren, was sollen wir tun?« sagte der Polizeimeister, der

Wohltäter der Stadt und der Liebling der Kaufleute, indem er die

wunderbare Mischung aus dem süßen und bitteren Likör hinabstürzte und

einen Bissen in den Mund steckte.

Ein Diener brachte eine Flasche Madeira und einige Weingläser herein.

»Ich weiß wirklich nicht, was wir anfangen sollen?« sagte der Präsident.

»Meine Herren,« erklärte hier der Postmeister, nachdem er ein Glas

Madeira hinabgegossen und ein Stück holländischen Käse mit Butter nebst

einem Bissen Stör verschlungen hatte, »ich bin der Meinung, daß wir

diese Sache gründlich untersuchen müssen, wir müssen sie gründlich

durchforschen und gemeinsam _in corpore_ beraten, d. h. wir sollten alle

zusammenkommen wie im englischen Parlament, verstehen Sie wohl, um den

Gegenstand zu ergründen, damit er uns in all seinen feinsten Details

deutlich und durchsichtig wird, verstehen Sie?«

»Meinetwegen wollen wir uns irgendwo versammeln,« sagte der

Polizeimeister.

»Ja, wir wollen uns versammeln,« fiel der Präsident ein, »und gemeinsam

entscheiden, wer dieser Tschitschikow ist.«

»Ja, das wird das vernünftigste sein -- wir müssen entscheiden, wer

Tschitschikow ist.«

»Wir wollen jeden um seine Meinung fragen, und dann entscheiden, wer

Tschitschikow ist.«

Bei diesen Worten verspürten alle zugleich eine unbändige Lust nach ein

paar Flaschen Champagner. Man trennte sich, höchst befriedigt darüber,

daß das Komitee alles aufklären und den sicheren Beweis erbringen werde,

wer eigentlich Tschitschikow war.

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 28 / 30 题