»Ich muß sagen, Sie hatten kaum den Mund aufgetan, da wußte ich schon,

worum es sich handelt« antwortete die in jeder Beziehung angenehme Dame.

»Was soll man aber nach alledem von der Erziehung im Pensionat denken.

Die liebe Unschuld!«

»Schöne Unschuld! Ich habe die Dinge reden hören! wahrhaftig ich hätte

nicht den Mut gehabt, so etwas auszusprechen.«

»Wissen Sie, Anna Grigorjewna, es ist wirklich zu schmerzlich, wenn man

sieht, wie weit heute die Unsittlichkeit geht!«

»Und die Herren sind ganz verschossen in sie. Ich dagegen muß gestehen,

daß ich nichts an ihr finden kann.«

»Sie ist schrecklich affektiert, geradezu unerträglich affektiert.«

»Ach liebste Anna Grigorjewna, sie ist kalt wie ein Marmorbild, ohne den

geringsten Ausdruck im Gesicht.«

»Nein, wie affektiert, wie schrecklich affektiert sie ist, Gott, wie

affektiert! Wer sie das nur gelehrt haben mag? Aber ich habe noch nie

ein Mädchen gesehen, das ein so geziertes Wesen gehabt hätte.«

»Liebste, Sie ist eine Marmorstatue, und bleich wie der Tod.«

»Ach, sagen Sie doch das nicht, Sofia Iwanowna, sie legt ja Rot auf, daß

es 'ne Schande ist.«

»Nein, was sprechen Sie, Anna Grigorjewna; sie ist ja bleich wie Kreide,

ganz wie Kreide.«

»Meine Liebe, ich habe doch neben ihr gesessen, die Schminke sitzt ihr

ja fingerdick auf den Wangen, und bröckelt stückweise ab wie der Kalk

von der Wand. Das hat sie von ihrer Mutter. Die ist selbst eine

abgefeimte Kokette, aber die Tochter ist der Mutter noch über.«

»Nein, erlauben Sie, nein, sagen Sie selbst, wobei ich schwören soll,

ich gebe gleich alles hin, meinen Mann, meine Kinder, all mein Hab und

Gut, wenn sie auch nur ein bißchen, ein Fünkchen, auch nur einen Anflug

von Farbe hat!«

»Ach, was reden Sie bloß, Sofia Iwanowna,« sagte die in jeder Beziehung

angenehme Dame, und schlug die Hände zusammen.

»Nein, wie sonderbar Sie sind! wirklich, Anna Grigorjewna, ich sehe Sie

bloß an und staune!« sagte die angenehme Dame, und schlug gleichfalls

die Hände zusammen.

Der Leser darf sich nicht darüber wundern, daß beide Damen sich durchaus

nicht über das einigen konnten, was sie doch fast zu gleicher Zeit

gesehen hatten. Es gibt tatsächlich sehr viele Dinge auf der Welt, die

diese merkwürdige Beschaffenheit haben; werden sie von _einer_ Dame

betrachtet, so sind sie ganz weiß; betrachtet sie dagegen eine andre

Dame, so sind sie ganz _rot_, rot wie Preißelbeeren.

»Nun, da haben Sie _noch_ einen Beweis dafür, daß sie blaß ist,« fuhr

die angenehme Dame fort: »ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie wenn

es heute wäre, daß ich neben Manilow saß und zu ihm sagte: >Sehen Sie

doch, wie bleich sie ist!< Wirklich, man muß schon so unvernünftig sein,

wie unsere Herren, um sich für sie zu begeistern. Und unser Herr Galan

... Herrgott, wie er mir in diesem Augenblick widerwärtig war! Sie

können sich garnicht vorstellen, wie er mir widerwärtig war!«

»Und doch gab es gewisse Damen, denen er nicht ganz gleichgültig war.«

»Meinen Sie mich, Anna Grigorjewna? Das können Sie doch wirklich nicht

sagen. Niemals, niemals!«

»Ich spreche doch nicht von Ihnen, es gibt doch noch andre Frauen auf

der Welt!«

»Niemals, niemals, Anna Grigorjewna. Erlauben Sie mir zu bemerken, daß

ich mich sehr gut kenne; das trifft mich wirklich nicht, aber vielleicht

andre Damen, die sich den Schein der Unnahbarkeit zu geben suchen.«

»Nein, verzeihen Sie Sofia Iwanowna, bitte lassen Sie sich sagen, daß

ich noch nie in eine solche Skandalgeschichte verwickelt war. So etwas

mag vielleicht jeder andern begegnen, aber mir nicht, Sie müssen mir

schon gestatten, Ihnen dieses zu bemerken.«

»Warum sind Sie denn so gekränkt? Außer Ihnen waren doch noch andre

Damen anwesend, welche den Stuhl an der Türe zu allererst besetzen

wollten, um möglichst nahe bei ihm zu sitzen.«

Man hätte meinen sollen, diese Worte der angenehmen Dame hätten

unbedingt ein Ungewitter zur Folge haben müssen; aber merkwürdigerweise

verstummten beide Damen ganz plötzlich, und der erwartete Sturm blieb

aus. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erinnerte sich noch zur

rechten Zeit, daß der Schnitt zum neuen Kleide noch nicht in ihrer Hand

war, und die bloß angenehme Dame war sich darüber klar, daß sie noch gar

keine Einzelheiten über die Entdeckung ihrer besten Freundin wußte, und

daher schloß man sehr schnell wieder Frieden. Übrigens kann man nicht

sagen, daß beide Damen von Natur das Bedürfnis hatten, sich

Unannehmlichkeiten zu bereiten, auch hatten sie nicht eigentlich einen

boshaften Charakter, es kam gleichsam ganz von selbst, daß sich während

des Gespräches der fast unmerkliche Wunsch in ihnen regte, einander

einen kleinen Hieb zu versetzen; da ereignete es sich denn zuweilen, daß

es der einen von beiden eine kleine Freude machte, der Freundin bei

Gelegenheit ein herzhaftes Wort zu sagen: »Da hast du's! nimm und friß

es!« So verschieden sind Herzensbedürfnisse beim männlichen und

weiblichen Geschlechte.

»Ich kann nur eins nicht verstehen,« sagte die bloß angenehme Dame, »wie

Tschitschikow, der doch hier nur auf der Durchreise ist, sich zu einem

so tollkühnen Abenteuer entschließen konnte. Er muß doch irgend welche

Helfershelfer haben.«

»Und Sie glauben wohl er hat keine?«

»Und was meinen Sie, wer könnte ihm dabei helfen?«

»Nun, zum Beispiel -- Nosdrjow!«

»Glauben Sie wirklich -- Nosdrjow?«

»Warum nicht. Der ist doch zu allem fähig. Wissen Sie denn nicht, er hat

seinen leiblichen Vater verkaufen oder richtiger am Kartentisch

verspielen wollen.«

»Gott, was für interessante Neuigkeiten ich von Ihnen erfahre! Ich hätte

nie gedacht, daß auch Nosdrjow in diese Geschichte verwickelt sei.«

»Und ich hab es mir gleich gedacht!«

»Wenn man denkt, was in der Welt alles vorfällt! Sagen Sie bloß, wer

hätte es damals vermuten können, als Tschitschikow zum Besuch in unsere

Stadt kam, daß er solche tolle Sprünge machen würde? Ach Anna

Grigorjewna, wenn Sie wüßten, wie mich das aufregt! Wenn ich Sie nicht

hätte, Ihre Freundschaft und Ihre Güte .... Ich stände wirklich wie vor

einem Abgrund .... Wo sollte ich nur hin? Meine Maschka schaut mich an,

sieht daß ich bleich bin wie der Tod, und sagt zu mir: >Liebe gnädige

Frau, Sie sind ja bleich wie der Tod!< Und ich sage ihr noch: >Ach

Maschka, mir gehen jetzt ganz andere Gedanken im Kopf herum!< Nein so

etwas! Und der Nosdrjow steckt auch dahinter! Schöne Geschichte das!«

Die angenehme Dame brannte darauf, noch weitere Details über die

Entführung d. h. etwas über den Tag, die Stunde und so weiter zu

erfahren, aber sie verlangte zu viel. Die in jeder Beziehung angenehme

Dame erklärte ganz einfach, sie wüßte nichts darüber. Und sie log

niemals: eine kühne Hypothese aufstellen -- das war eine andre Sache,

aber auch dies gelang ihr nur dann, wenn diese Hypothese auf einer

tiefen inneren Überzeugung beruhte; war diese innere Überzeugung aber

wirklich vorhanden, dann verstand es die Dame auch für sie einzustehen,

da hätte es der größte Advokat, der berühmteste Wortfechter und Sieger

über fremde Überzeugungen nur versuchen sollen, sich mit ihr im

Wettkampfe zu messen --: hier hätte er erst gemerkt, was das bedeutet:

eine innere Ueberzeugung.

Daß beide Damen zuletzt ganz fest davon überzeugt waren, was sie vordem

auf die bloße Vermutung hin angenommen hatten, das ist durchaus nicht

merkwürdig. Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte

Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und der beste Beweis dafür sind

unsere gelehrten Erörterungen. So ein Gelehrter geht zuerst auch an die

Sache heran wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und

fast schüchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: »Hat nicht dies Land

seinen Namen von dorther, von jenem Winkel der Erde?« oder »Gehört nicht

vielleicht diese Urkunde einer anderen, späteren Zeit an?« oder »Müssen

wir nicht dies Volk für das und das Volk halten?« Hierauf zitiert er

sofort den und den Schriftsteller des Altertums, kaum aber hat er irgend

eine Anspielung entdeckt oder doch etwas was _er_ für eine Anspielung

hält, so legt er auch schon im kühnen Galopp los, bekommt Mut, beginnt

mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie mit seinesgleichen,

richtet Fragen an sie, die er sogar selbst in ihrem eigenen Namen

beantwortet, und er hat plötzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener

Hypothese er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, als sähe

er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm jetzt und er beschließt

seine Betrachtung mit den Worten: »Und so ist es gewesen. Dies Volk also

war es. Das ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand beurteilt

werden muß!« Und dann wird es feierlich vom Katheder verkündet, daß alle

es hören können -- und die neue Wahrheit spaziert in die Welt hinaus, um

weitere Anhänger und Bewunderer zu gewinnen.

Während unsere beiden Damen eine so höchst verworrene und komplizierte

Sache so glücklich und mit soviel Scharfsinn geklärt und entwirrt

hatten, trat der Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen

Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden Auge in den Salon.

Beide Damen teilten ihm sofort alle Neuigkeiten mit, erzählten ihm von

dem Kauf der toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des

Gouverneurs zu entführen und redeten so lange auf ihn ein, bis er ganz

konfus wurde. Verwirrt stand er auf demselben Fleck, blinzelte mit dem

linken Augenlid, staubte sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem

Bart ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was er vernahm. In

einer solchen Verfassung überließen ihn die Damen sich selbst und

stürmten davon, jede in ihrer Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu

setzen. Dieses Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer halben

Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten aufgewühlt, alles befand sich

in wilder Gährung und bald begriff kein Mensch überhaupt noch etwas. Die

Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel zu erzeugen, daß

alle, besonders aber die Beamten, ihrer Sinne kaum noch mächtig waren.

Ihre Lage glich im ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine

Kameraden während des Schlafes eine Papierdüte mit Tabak, oder wie man's

bei uns nennt »einen Husaren« in die Nase gesteckt haben. Schnaufend und

mit der ganzen Gewalt des Schnarchenden zieht der Schläfer den Tabak

ein, erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach allen

Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, wo er sich befindet,

und was mit ihm vorgeht; doch nun erkennt er die Mauer, auf die der

schwache Lichtreflex eines Sonnenstrahles fällt, das Gelächter der

Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das nahende Morgenlicht,

das heiter durch das Fenster strahlt, den erwachenden Wald, aus dem

tausende von Vogelstimmen wiedertönen, das in der Morgensonne

erstrahlende Flüßchen, hie und da zwischen Schilfrohr versteckt, in

dessen glänzender Flut sich unzählige feuchte Knabenleiber tummeln, und

zum Bade laden -- und nun erst merkt er, daß ihm der Husar in der Nase

steckt. Genau so war im ersten Moment die Lage der Bewohner und Beamten

unserer Stadt. Ein jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die

Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des Gouverneurs, und

Tschitschikow; dies alles wogte und wirbelte in wunderlichster Weise in

ihren Köpfen durcheinander; erst später, nachdem die erste Verwirrung

sich gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge einzeln

voneinander zu unterscheiden, eins vom andern zu trennen, Rechenschaft

zu fordern, und sie wurden zornig, als sie sahen, daß durchaus keine

Klarheit über die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. »Was ist denn das

für eine Fabel, nein wirklich, was ist das für ein Gefasel von den toten

Seelen? Wo bleibt denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten

Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt es denn einen

solchen Esel, der so etwas täte? Und für was für ein unnützes Geld wird

er sie denn kaufen? Und schließlich, wozu kann er diese toten Seelen

bloß brauchen? Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit der

Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entführen wollte, warum sollte

er zu diesem Zwecke der toten Seelen bedürfen? Und wenn er sich tote

Seelen kaufen will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs zu

entführen? Wollte er ihr etwa die toten Seelen schenken? Was für einen

Unsinn sie da in der Stadt verbreiten! Was ist das wieder für eine

Ordnung: man darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten über

einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur überhaupt irgend einen Sinn

hätte! ... Andererseits aber muß doch etwas dahinter stecken, sonst wäre

doch dies Gerücht nicht entstanden. Irgend einen Grund muß es doch

haben. Aber was könnten die toten Seelen für ein Grund sein? Da fehlt es

doch sogar an einem vernünftigen Grunde! Das ist doch wirklich fast so

wie: »ein hölzernes Eisen«, »ein paar weichgekochte Stiefel« oder »ein

gläserner Stelzfuß!« Mit einem Wort, man sprach, man klatschte, man

tuschelte, und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von den

toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, von Tschitschikow und

von den toten Seelen, von der Tochter des Gouverneurs und von

Tschitschikow, und alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging es

durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken schien. Sämtliche

Faullenzer und Stubenhocker, die jahrelang in ihren Schlafröcken hinter

dem Ofen hockten und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu enge

Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder auf ihren betrunkenen

Kutscher schoben, kamen aus ihren Höhlen gekrochen, all die, welche

längst alle Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen

hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern Herrn Bärenhäuter und

Herrn Ofenhocker verkehrten (zwei berühmte Namen, die von den Ausdrücken

»auf der Bärenhaut« liegen und »hinterm Ofen hocken« abgeleitet und bei

uns sehr beliebt sind, ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und

Schlummersüß einen Besuch abstatten jenen totenähnlichen Schlaf auf der

Seite, auf dem Rücken und in allen möglichen anderen Lagen, bezeichnen

soll, der von einem kräftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsäuseln durch

die Nase und allem sonstigen Zubehör begleitet ist); alle die, welche

man nicht einmal durch die Aussicht auf eine teure Fischsuppe mit

meterlangen Sterlets und allen nur erdenklichen Pasteten, die einem auf

der Zunge zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; mit

einem Worte, es zeigte sich, daß die Stadt menschenreich und groß war,

und daß ein so lebhafter Verkehr in ihr herrschte, wie man es nur

wünschen konnte. Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und

ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man bis dahin noch nie

etwas gehört hatte; in den Salons erschien plötzlich ein baumlanger Kerl

mit einem durchschossenen Arm, ein wahrer Riese, von einer Größe, wie

sie überhaupt noch nie dagewesen war. Auf den Straßen sah man gedeckte

Wagen, vorsintflutliche Droschken, Klapperkästen, Rumpelkutschen -- und

der Brei war eingerührt. Zu einer anderen Zeit und unter anderen

Umständen hätten diese Gerüchte vielleicht gar keine Beachtung gefunden,

aber die Stadt N. war schon lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war

während der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, was man

in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine Klatschgeschichte zu nennen

pflegt und was bekanntlich für eine Stadt unter Umständen ebenso wichtig

ist, wie die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevölkerung der

Stadt teilte sich plötzlich in zwei völlig entgegengesetzte Parteien,

die zwei ganz verschiedene Standpunkte vertraten: die männliche und die

weibliche. Der Standpunkt der Männer war ganz unvernünftig und töricht;

sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die weibliche Partei

beschäftigte sich dagegen ausschließlich mit der Entführung der Tochter

des Gouverneurs. In dieser Partei -- zur Ehre der Damen sei es gesagt --

herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und Überlegung. Es ist offenbar

schon mal Bestimmung der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und überall für

die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles sehr bald ein

bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe und handgreifliche Formen an,

alles klärte sich und wurde durchsichtig und deutlich wie ein

vollendetes scharf umrissenes Gemälde. Jetzt kam es an den Tag, daß

Tschitschikow schon längst in jene Person verliebt war, daß sie sich im

Garten beim Mondenschein getroffen, daß der Gouverneur Tschitschikow

seine Tochter längst zur Frau gegeben hätte, weil jener reich wie ein

Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von ihm verlassen worden

war, dazwischen gestanden hätte (woher man erfahren hatte, daß er

verheiratet war, wußte niemand anzugeben), daß diese Frau, die eine

hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rührenden Brief an den

Gouverneur geschrieben, und daß sich Tschitschikow angesichts der

entschiedenen Weigerung von Mutter und Vater, zu einer Entführung

entschlossen habe. In manchen Häusern wurde diese Geschichte allerdings

etwas anders erzählt: darnach hatte Tschitschikow überhaupt keine Frau,

hätte aber als der feine und stets sicher gehende Mann, sich, da er die

Tochter haben wollte, zunächst an die Mutter gemacht, und mit dieser

eine kleine Herzensaffäre angebahnt, erst später habe er um die Hand der

Tochter angehalten; die Mutter aber hätte gefürchtet, hier könne leicht

ein Verbrechen geschehen, das den heiligen Geboten der Religion

zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen gefoltert ganz

kurz abgeschlagen, erst jetzt habe sich Tschitschikow dazu entschlossen,

die Tochter zu entführen. Dazu kamen noch eine Menge von Aufklärungen

und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, je weiter die

Gerüchte sich verbreiteten und bis in die entlegensten Gassen und Winkel

der Stadt eindrangen. Bei uns in Rußland haben auch die unteren

Schichten der Gesellschaft eine große Vorliebe für Klatschgeschichten,

die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man denn bald auch in

solchen Häusern von diesem Skandal zu reden, wo man Tschitschikow

überhaupt nicht kannte, und so entstanden bald wiederum neue Erklärungen

und Gerüchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick interessanter, nahm

mit jedem neuen Tage immer neue und bestimmtere Formen an und kam so

schließlich in voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau

Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fühlte sich, als Mutter

einer Familie, und als erste Dame der Stadt, durch diese Geschichten

aufs tiefste beleidigt, besonders da sie nichts derartiges auch nur

vermutet hatte, und geriet in eine große und auch in jeder Beziehung

berechtigte Empörung. Die arme Blondine hatte ein höchst unangenehmes

Tete-a-tete mit ihr, wie es nur je ein sechzehnjähriges junges Mädchen

zu überstehen hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwürfen,

Ermahnungen und Drohungen ergoß sie über das arme Mädchen, sodaß diese

in Tränen ausbrach und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort

von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste Order

Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande mehr vorzulassen.

Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese nämlich die Gouverneurin

betraf, erfüllt hatten, nahmen sie sich die männliche Partei vor, um sie

für sich zu gewinnen. Sie erklärten die Sache mit den toten Seelen für

eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, um jeden Verdacht ablenken und

so den Mädchenraub ungestört ausführen zu können. Viele von den Männern

ließen sich bekehren und schlossen sich der Partei der Damen an,

trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den Vorwürfen ihrer Genossen

aussetzten, welche sie Pantoffelhelden und Weiberröcke nannten -- zwei

Epitheta, die bekanntlich für das männliche Geschlecht einen recht

kränkenden Sinn haben.

Aber so sehr sich auch die Männer wappnen, so großen Widerstand sie auch

leisten mochten, es fehlte in ihrer Partei schließlich doch an jener

Ordnung und Disziplin, welche die Frauenpartei auszeichneten. Bei ihnen

war alles plump, ungeschickt, unzweckmäßig, unharmonisch und schlecht;

in den Köpfen herrschte Unordnung und Wirrwarr, in den Gedanken

Unklarheit und Verworrenheit -- mit einem Worte, es kam eben die

unglückliche Natur des Mannes so recht zum Vorschein, diese grobe plumpe

schwerfällige Natur, die weder zur Verwaltung des Haushalts zu brauchen,

noch tiefer ehrlicher Überzeugungen fähig ist, diese kleingläubige,

träge, von ewigen Zweifeln, von Ängstlichkeit und Furcht zerrüttete

Natur. Die Männer behaupteten, das seien alles Torheiten, die Entführung

einer Gouverneurstochter sei weit eher etwas für einen Husaren, als für

eine Zivilperson, so etwas würde Tschitschikow auf keinen Fall tun, den

Frauen sei nicht zu trauen, sie lögen alle, ein Weib sei wie ein leerer

Sack, was man in ihn hineinschütte, das käme auch wieder aus ihm heraus:

der Hauptpunkt, auf den man sein Augenmerk richten müsse, das seien die

toten Seelen, zwar wisse der Teufel allein, was sie zu bedeuten hätten,

sicherlich aber stecke etwas sehr Schlimmes und Häßliches dahinter.

Warum es den Männern aber schien, daß etwas so Häßliches und Schlimmes

dahinter stecke -- dies werden wir sogleich erfahren. Es war soeben ein

neuer Generalgouverneur für die Provinz ernannt worden -- bekanntlich

ein Ereignis, das die Beamten stets in einen Zustand voller Unruhe und

Aufregung versetzt: da gibt's dann immer allerhand Untersuchungen und

Rüffel, da wird einem der Kopf ordentlich gewaschen und zurechtgesetzt,

da muß man von Amts wegen alle Suppen ausessen, mit denen der

Vorgesetzte seine Untergebenen zu traktieren pflegt. -- »Herr Gott!«

dachten die Beamten, »wenn er auch nur das erfährt, daß in der Stadt

solche Gerüchte zirkulieren, dann wird er nicht zum Scherze, sondern

ernstlich zornig werden.« Der Inspektor der Sanitätsverwaltung wurde

plötzlich ganz bleich, ihm fiel etwas ganz Schreckliches ein, ob nicht

das Wort »tote Seelen« eine Anspielung auf die vielen Leute sei, die bei

der letzten Fieberepidemie erkrankt und wegen der mangelhaften

Vorsichtsmaßregeln in den Häusern und Lazaretten gestorben waren, und ob

Tschitschikow nicht am Ende ein Beamter aus der Kanzlei des

Generalgouverneurs sei, der hier im geheimen eine Untersuchung in die

Wege leiten solle. Er teilte seine Befürchtungen dem Gerichtspräsidenten

mit. Der Gerichtspräsident erklärte sie für Torheiten, erblaßte aber

gleich darauf selbst bei dem Gedanken: wie aber, wenn die von

Tschitschikow gekauften Seelen wirklich tot wären? Hatte er es doch

zugelassen, daß der Kaufvertrag abgeschlossen wurde und noch dazu selbst

die Rolle eines Vertrauensmannes bei Pljuschkin übernommen. Wie, wenn

das dem Generalgouverneur zu Ohren käme, was dann? Er teilte diesem und

jenem seine Besorgnisse mit, und plötzlich erblaßte auch dieser und

jener: die Angst ist ansteckender als die Pest und teilt sich in einem

Augenblicke mit. Alle entdeckten plötzlich solche Sünden an sich selbst,

wie sie sie garnicht mal begangen hatten. Die Worte »tote Seelen« hatten

einen so unbestimmten Klang, daß sogar der Argwohn laut wurde, ob es

sich hier nicht um zwei Fälle handle, wo zwei Menschen zu früh begraben

worden waren. Beide Ereignisse lagen noch nicht sehr weit zurück. Das

erste war mit ein paar Kaufleuten aus Ssolwytschiegodsk passiert, welche

zur Messe in die Stadt gekommen waren und nach Erledigung ihrer

Geschäfte mit ein paar befreundeten Kaufleuten aus Ustssyssolsk eine

solenne Zecherei veranstaltet hatten. Eine Zecherei nach russischer Art

aber mit deutschen Finessen: Grogs, Punschen, Bowlen usw. Diese Zecherei

endigte natürlich, wie das gewöhnlich zu passieren pflegt, mit einer

weidlichen Prügelei. Die Herren aus Ssolwytschiegodsk setzten denen aus

Ustssyssolsk tüchtig zu, obwohl sie von diesen ebenfalls ein paar

kräftige Rippenstöße und Püffe in die Bauch- und Magengegend erhielten,

welche von den ungeheuerlichen Dimensionen der Fäuste zeugten, mit denen

die seligen Prügelhelden begabt waren. Dem einen von den Siegern war

sogar der Erker eingetrommelt, wie sich unsere Boxer auszudrücken

pflegen, d. h. die Nase derart platt geschlagen, daß kaum mehr als ein

Fingerglied von ihr übrig war. Die Kaufleute gestanden ihre Schuld ein

und erklärten, sie hätten sich einen kleinen Scherz erlaubt. Man sprach

sogar davon, daß sie für jeden der von ihnen Erlegten je vier

Hundertrubelscheine bezahlt hätten; übrigens aber blieb das eine sehr

dunkle Sache. Aus den angestellten Ermittlungen und Nachforschungen ging

hervor, daß die Kaufleute von Ustssyssolsk an Kohlengasvergiftung

zugrunde gegangen seien. Und so wurden sie denn auch als solche

begraben. Der andere Fall, der sich vor kurzem ereignet hatte, war

folgender: die Ministerialbauern des Dorfes Wschiwaja Speß hatten sich

mit ebensolchen Bauern der Dörfer Borow, Borowka und Sadirailowo

vereinigt und angeblich die Gendarmerie in der Person eines gewissen

Schöffen, namens Drobjaschkin vom Erdboden vertilgt. Die Gendarmerie, d.

h. der Schöffe Drobjaschkin sollte sich gar zuviel herausgenommen und

allzuoft ihr Dorf heimgesucht haben, was unter Umständen fast so

gefährlich war, wie eine Epidemie. Der Grund aber sei gewesen, daß die

Gendarmerie aus einer gewissen Herzschwäche den Weibern und Dorfmädeln

gar zu eifrig nachgestellt habe. Ganz klar ist zwar die Sache nicht,

obwohl die Bauern geradezu aussagten, die Gendarmerie sei lüstern

gewesen, wie ein Kater, mehr als einmal hätten sie _ihn_ vertreiben und

einmal sogar ganz nackt aus einer Bauernhütte hinausjagen müssen.

Natürlich hatte die Gendarmerie wegen ihrer Herzschwäche eine harte

Strafe verdient, andererseits ließ sich aber die Eigenmächtigkeit der

Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo auch nicht rechtfertigen und

verteidigen, wenn sie wirklich an dem Morde teilgenommen hatten.

Immerhin blieb es doch eine ganz dunkle Sache; man fand die Gendarmerie

am Wege liegen; ihre Uniform oder ihr Rock glich einem Haufen von

Lumpen, und das Gesicht war auch fast unkenntlich. Die Sache kam vor die

Behörden und schließlich vor das Kriminalgericht, wo man sie zuerst ganz

unter sich erörterte und in folgendem Sinne entschied: da es unbekannt

sei, wer von den Bauern eigentlich an dem Tode der Gendarmerie Schuld

trug, alle zusammen jedoch eine zu respektable Anzahl ausmachten, da

Drobjaschkin andererseits aber ein toter Mann sei, und daher wenig davon

haben würde, wenn er den Prozeß gewönne, die Bauern hingegen noch am

Leben seien, weshalb denn auch eine günstige Wendung des Prozesses von

großer Bedeutung für sie sei, so habe das Gericht beschlossen: daß der

Schöffe Drobjaschkin selbst die Schuld an seinem Tode trage, weil er die

Bauern von Wschiwaja Speß und Sadirailowo in ungerechter Weise bedrückt

und verfolgt habe, und daß er demgemäß, als er eines Abends in seinem

Schlitten nach Hause zurückkehrte, an einem Schlaganfall gestorben sei.

Die Sache schien damit nach allen Regeln der Kunst erledigt; plötzlich

aber fingen die Beamten an zu glauben, daß es sich in diesem Falle um

die genannten toten Seelen handele. Dazu kam noch, daß gerade um die

Zeit, als sich die Herren Beamten ohnedies in einer schwierigen Lage

befanden, beim Gouverneur zwei Papiere eingingen. Das eine enthielt die

Mitteilung, daß auf gewisse Anzeichen hin sich in der Provinz ein

Falschmünzer aufhalte, welcher falsches Papiergeld herstelle und sich

hinter verschiedenen Namen verstecke. Und daher sei es nötig, eine

strenge Untersuchung in die Wege zu leiten. Das andere Papier enthielt

eine Mitteilung des Gouverneurs der Nachbarprovinz über einen Räuber,

der sich der gerichtlichen Verfolgung entzogen hatte, und die

Aufforderung, wenn in der Provinz des Herrn Kollegen eine verdächtige

Person auftauchen sollte, welche weder Paß, noch sonstige

Legitimationspapiere vorlegen könne, diese sofort zu verhaften. Beide

Papiere riefen eine allgemeine Bestürzung hervor; alle bisherigen

Vermutungen und Folgerungen waren plötzlich über den Haufen geworfen. Es

lag natürlich nicht der geringste Anlaß zur Annahme vor, daß sich auch

nur ein Wort davon auf Tschitschikow bezöge. Wenn man sich dagegen

überlegte und daran erinnerte, daß eigentlich niemand recht wußte, wer

Tschitschikow sei, daß er sich selbst nur sehr unklar und unbestimmt

über seine Person geäußert und bloß erklärt hatte, daß er in seiner

Karriere Schiffbruch gelitten, weil er der Wahrheit hätte dienen wollen,

so mußte das frischen Verdacht erregen. Aber das alles war doch zu

unklar und verschwommen. Und wenn er weiter sagte, er habe sich viele

Feinde erworben, die ihm nach dem Leben trachteten, so gab das noch mehr

Grund zum Nachdenken: also hatte er in Lebensgefahr geschwebt, also

wurde er doch verfolgt: also mußte er doch irgend etwas begangen haben

... Ja wer war er denn nun eigentlich? Man durfte natürlich nicht

annehmen, daß er falsches Papiergeld verfertige, oder gar ein Räuber sei

-- hatte er doch eine so gesinnungstüchtige Physiognomie; aber bei

alledem: wer war er denn nun tatsächlich? Und jetzt endlich stellten

sich die Herren Beamten die Frage, die sie sich gleich im Anfang, d. h.

im ersten Kapitel dieser Dichtung, hätten stellen sollen. Man beschloß

noch einige Nachforschungen bei all den Leuten anzustellen, die ihm die

toten Seelen verkauft hatten, um wenigstens zu erfahren, was das für ein

Geschäft gewesen sei, was man nun eigentlich unter diesen toten Seelen

zu verstehen habe und ob Tschitschikow nicht wenigstens einem von ihnen

zufällig oder so nebenher etwas von seinen Plänen und Absichten verraten

oder ihnen erzählt hätte, wer er sei. Zuerst wandte man sich an die

Karobotschka; aber aus der war nicht viel herauszubekommen: er hätte

halt für fünfzehn Rubel tote Seelen gekauft und kaufe auch Daunen ein,

ja er habe versprochen, ihr noch alles mögliche andere abzunehmen. Er

liefere auch Speck an den Staat und sei daher ganz gewiß ein Gauner;

denn es sei schon einmal einer dagewesen, der ihr Daunen abgekauft und

Specklieferungen an den Staat übernommen habe. Der habe alle miteinander

übers Ohr gehauen und die Frau Oberpfarrer um ganze hundert Rubel

betrogen. Mehr war nicht aus ihr herauszuholen; sie wiederholte immer

nur ein und dasselbe, und die Beamten überzeugten sich bald, daß

Karobotschka ganz einfach eine dämliche alte Schachtel sei. Manilow

erklärte, für Pawel Iwanowitsch werde er stets einstehen wie für sich

selber. Er würde gerne sein ganzes Gut dafür hingeben, wenn er nur einen

hundertsten Teil jener vortrefflichen Eigenschaften besäße, die

Pawel Iwanowitsch zierten; überhaupt äußerte er sich in der

schmeichelhaftesten Weise über ihn, indem er die Augen zusammenkniff und

noch einige Gedanken über Freundschaft von sich aus zugab. Diese

Gedanken zeugten natürlich in ausreichender Weise von den zarten

Regungen seines Herzens; aber sie klärten die Sache selbst eigentlich

doch nicht auf. Sabakewitsch erwiderte: seiner Ansicht nach sei

Tschitschikow ein braver Mensch, er Sabakewitsch habe ihm nur seine

besten Bauern verkauft: es seien Leute, die in jeder Hinsicht wohlauf

und munter seien; aber er könne natürlich nicht dafür garantieren, was

in Zukunft nicht noch alles geschehen könne. Wenn sie die Strapazen der

Übersiedelung nicht überstehen und unterwegs sterben sollten, so sei das

nicht seine Schuld; das liege in Gottes Hand. Es gäbe ja genug Epidemien

und andere tödliche Krankheiten in der Welt, und es habe schon Fälle

gegeben, wo ganze Dörfer ausgestorben seien. Die Herren Beamten nahmen

noch zu einem andern Mittel ihre Zuflucht, das man zwar nicht allzu

vornehm nennen kann, das aber doch zuweilen zur Anwendung kommt. Sie

ließen die Bedienten Tschitschikows auf allerhand Umwegen durch

befreundete Lakaien ausfragen, ob ihnen nicht irgend welche Einzelheiten

aus der Vergangenheit und den Lebensverhältnissen ihres Herrn bekannt

seien. Aber auch hier bekamen sie nur wenig zu hören. Von Petruschka

nahmen sie nichts mit als jenen etwas dumpfigen Geruch der Wohnstube,

und Seliphan erklärte nur kurz: »Er ist früher Beamter gewesen und hat

beim Zollamt gedient.« Das war alles. Diese Klasse von Menschen hat eine

seltsame Gewohnheit: wenn man sie direkt nach etwas fragt, dann können

sie sich nie auf etwas besinnen. Sie können sich die Dinge in ihrem

Kopfe nicht zusammenreimen, oder sagen einfach, daß sie nichts wissen.

Fragt man sie aber nach etwas anderem, dann bringen sie alles vor, was

ihr nur wünscht, und erzählen es euch mit solchen Einzelheiten, wie ihr

sie gar nicht mal hören wollt. Alle Nachforschungen, die von den Beamten

angestellt wurden, machten ihnen nur eins klar, daß sie wirklich nicht

wußten, wer Tschitschikow eigentlich war, und daß er doch aber sicher

etwas sein müßte. Schließlich beschlossen sie, sich endgültig über

diesen Gegenstand zu einigen, und wenigstens eine definitive

Entscheidung zu treffen, was hier zu tun sei, welche Maßregeln sie

ergreifen und wie sie ermitteln sollten, wer er sei: ob er ein Mensch,

den man als politisch unzuverlässig arretieren und verhaften müsse, oder

vielmehr ein solcher sei, der _sie selbst_ als politisch unzuverlässig

arretieren und verhaften könne. Zu diesem Zwecke verabredete man sich,

im Hause des Polizeimeisters zusammenzukommen, den der Leser ja schon

als Vater und Wohltäter der Stadt kennengelernt hat.

Zehntes Kapitel.

Man versammelte sich also im Hause des Polizeimeisters, der ja dem Leser

schon als Vater und Wohltäter der Stadt bekannt ist. Hier hatten die

Beamten die Gelegenheit, einander darauf aufmerksam zu machen, wie

eingefallen und abgemagert ihre Wangen von den beständigen Sorgen und

Aufregungen waren. Und in der Tat, die Ernennung des neuen

Generalgouverneurs, dann die kürzlich eingegangenen Papiere so

bedeutsamen Inhalts und endlich noch die schrecklichen Sorgen -- dies

alles hatte merkliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen, selbst

die Fräcke waren ihnen allen zu weit geworden. Alle waren ein wenig

heruntergekommen: der Gerichtspräsident, der Inspektor der

Sanitätsverwaltung, der Staatsanwalt sahen mager und bleich aus, ja

sogar ein gewisser Semjon Iwanowitsch, welchen man nie bei seinem

Familiennamen nannte, ein Herr mit einem goldenen Ring am Zeigefinger,

den er mit besonderer Vorliebe den Damen zeigte, selbst der war ein

wenig abgemagert. Natürlich gab es darunter auch ein paar von jenen

verwegenen Rittern ohne Furcht und Tadel, welche nie die

Geistesgegenwart verloren: aber ihre Zahl war nur klein: ja es gab

eigentlich nur einen einzigen den man dazu zählen konnte, nämlich den

Postmeister. Er allein blieb völlig unverändert in dem ruhigen Gleichmaß

seines Wesens und sagte wie gewöhnlich in derartigen Fällen: »euch kennt

man schon, ihr Herren Generalgouverneure. Von euch wird noch so mancher

dem anderen Platz machen müssen, ich aber stehe bald dreißig Jahre auf

meinem Posten.« Worauf die andern Beamten gewöhnlich zu erwidern

pflegten: »Sie haben es gut Herr!« »Sprechen Sie deutsch, Iwan

Andreitsch.« »Dein Geschäft ist der Postdienst -- du hast bloß die

eingelaufenen Briefe in Empfang zu nehmen und zu expedieren; du kannst

höchstens einmal dein Postamt eine Stunde zu früh schließen und dann

irgend einem Kaufmann, der sich verspätet hat, für die Annahme des

Briefes nach geschlossenem Schalter etwas abverlangen, oder du expediert

vielleicht ein Paket, welches nicht abgeschickt werden sollte. Unter

diesen Umständen kann natürlich jeder ein Heiliger sein. Aber versetze

dich mal in unsere Lage, wo dir täglich der Teufel in eigner Person

erscheint und dir fortwährend etwas in die Hände spielt. _Du selbst_

willst ja garnichts nehmen, er aber steckt es dir in die Hand. Bei dir

ist das Malheur nicht so groß; du hast bloß ein Söhnchen. Mir aber hat

Gott meine Praskowja Fjodrowna so reich gesegnet, daß sie mich jedes

Jahr mit irgend einem Praskuschka oder Petruschka beschenkt. Da würdest

du auch auf einer anderen Flöte pfeifen.« So sprachen die Beamten. Ob es

aber in der Tat möglich ist, dem Teufel auf die Dauer zu widerstehen,

das zu beurteilen, ist nicht Sache des Verfassers. In unserm Konzilium,

das sich bei dieser Gelegenheit versammelt hatte, machte sich vorzüglich

der Mangel dessen bemerkbar, was man in der Sprache des Volkes den

gesunden Menschenverstand zu nennen pflegt. Überhaupt sind wir, wie es

scheint, nicht so recht geschaffen für repräsentative Versammlungen. Bei

all unsern Sitzungen von denen der ländlichen Bauerngemeinden an bis zu

allen gelehrten und ungelehrten Komitees, herrscht, wenn nicht eine

leitende Persönlichkeit an der Spitze steht, ein recht bedenklicher

Wirrwarr. Es ist eigentlich schwer zu sagen warum das so ist;

wahrscheinlich ist unser Volk nun einmal so veranlagt, daß ihm nur _die_

Versammlungen und Beratungen gelingen, die irgend ein Diner oder eine

Zecherei zum Gegenstand haben, wie die Salon- und Klubversammlungen auf

deutsche Manier. Dagegen ist der gute Wille jederzeit und zu allen guten

Dingen vorhanden. Plötzlich fällt es uns ein, wenn der Wind günstig ist,

irgend welche Wohltätigkeits-, Hilfs- und Gott weiß was für andere

Vereine zu gründen. Und wenn die Sache nur einen guten Zweck hat, kann

man sicher sein, daß nichts dabei herauskommt. Vielleicht rührt das

daher, daß wir gleich im Anfang, d. h. zu früh, befriedigt sind, und

glauben, es sei schon alles getan. Wenn wir z. B. irgend eine

Gesellschaft mit wohltätigem Zweck gründen wollen und schon bedeutende

Summen dazu gestiftet haben, müssen wir unbedingt, um unsere so löbliche

Absicht bekannt zu machen, irgend ein Diner geben, zu dem alle Spitzen

der Stadt geladen sind und das mindestens die Hälfte der gezeichneten

Summe verschlingt. Für die andere Hälfte richtet sich das Komitee eine

prachtvolle Wohnung mit Heizung und Portier ein, worauf von der ganzen

Summe fünf und ein halber Rubel übrig bleiben. Aber auch hier sind sich

die Mitglieder des Komitees noch nicht einig über die Verwendung und

Verteilung dieser Summe, und ein jeder schiebt irgend eine arme Tante

oder Base vor. Übrigens war das Kollegium, das sich heute versammelt

hatte, ganz anderer Art: ein dringendes Bedürfnis hatte die Anwesenden

zusammengeführt. Und es handelte sich auch nicht um irgend welche Arme

oder Abseitsstehende, sondern die zur Verhandlung stehende Sache ging

jeden Beamten persönlich an; es handelte sich hier um eine Gefahr, die

allen in gleicher Weise drohte, und daher war es auch kein Wunder, wenn

sich alle Beteiligten unter solchen Verhältnissen einmütiger und enger

zusammenschlossen. Aber dennoch und trotzalledem nahm die Sitzung einen

ganz tollen Ausgang. Abgesehen von den Meinungsverschiedenheiten und

Streitigkeiten, wie sie ja bei all solchen Versammlungen

vorzukommen pflegen, kam in den Anschauungen und Äußerungen der

Versammlungsteilnehmer auch noch eine merkwürdige Unentschlossenheit zum

Ausdruck: der eine behauptete, Tschitschikow stelle falsche

Staatspapiere her, fügte jedoch gleich darauf hinzu: »vielleicht ist es

aber auch nicht so,« ein anderer erklärte, er sei ein Beamter aus dem

Büro des Generalgouverneurs, verbesserte sich aber sofort wieder und

meinte ȟbrigens: der Teufel mag wissen, wer er ist, vom Gesicht kann

man es einem Menschen doch nicht ablesen.« Gegen den Verdacht aber, daß

er ein verkleideter Dieb oder Räuber sei, lehnten sich alle in gleicher

Weise auf, man war der Ansicht, daß er doch ein vertraueneinflößendes

und gesinnungstüchtiges Äußeres besitze, aber auch in seinen Worten läge

nichts, was auf einen Menschen schließen ließe, der einer solch

gewalttätigen Handlungsweise verdächtig sei. Plötzlich rief der

Postmeister, der eine Zeitlang, in tiefes Sinnen versunken, dagestanden

hatte -- sei es nun, daß ihm eine momentane Erleuchtung gekommen war,

sei es aus einem andern Grunde -- ganz unerwartet aus: »Wissen Sie,

meine Herren, wer er ist?« Er hatte diese Worte mit einer Stimme

herausgeschrieen, die geradezu etwas Erschütterndes an sich hatte, so

daß sich allen Anwesenden wie aus einem Munde der Ruf entrang: »Nun

wer?« »Das ist niemand anderes, meine Herren, das Verehrtester, ist kein

anderer, als der Hauptmann Kopeikin!«[5] Und als ihn darauf alle

zugleich fragten: »Wer ist denn dieser Kopeikin?« antwortete der

Postmeister erstaunt: »Wie? Sie wissen nicht, wer der Hauptmann Kopeikin

ist?«

Alle erwiderten, sie hätten noch nie etwas von diesem Hauptmann Kopeikin

gehört.

»Der Hauptmann Kopeikin,« versetzte der Postmeister, indem er seine

Tabakdose nur ganz wenig öffnete, weil er sich fürchtete, es könnte am

Ende noch einer von den ihm Zunächststehenden mit den Fingern

hineinlangen, von deren Sauberkeit er nicht recht überzeugt war; pflegte

er doch zuweilen sogar zu sagen: »Weiß schon, weiß schon, mein Bester,

wo Sie Ihre Finger reingesteckt haben mögen! Tabak -- das ist ein

Objekt, das mit peinlichster Sorgfalt und Sauberkeit behandelt sein

will.« -- »Der Hauptmann Kopeikin,« wiederholte er, nachdem er eine

Prise genommen hatte: »ja -- übrigens, wenn ich Ihnen von ihm erzählen

wollte -- das gäbe eine höchst interessante Geschichte; selbst für einen

Schriftsteller: sozusagen ein ganzes Poema.«

[Fußnote 5: Groschen.]

Alle Anwesenden äußerten den Wunsch, diese Geschichte oder dieses für

einen Schriftsteller so interessante »Poema«, wie sich der Postmeister

ausgedrückt hatte, kennen zu lernen, und er begann folgendermaßen:

»Die Geschichte vom Hauptmann Kopeikin.

Nach dem Feldzuge vom Jahre 1812, verehrter Herr,« hub der Postmeister

an, trotzdem nicht _ein einzelner_ Herr, sondern ganze sechs im Zimmer

saßen, »nach dem Feldzug vom Jahre 1812 wurde zusammen mit anderen

Verwundeten auch ein Hauptmann namens Kopeikin ins Lazarett

eingeliefert. Ein Bruder Leichtfuß und launenhaft wie der Teufel, hatte

er alles durchgemacht, was es auf der Welt gibt, war auf der Hauptwache

gewesen und hatte manche Stunde Arrest abgesessen. War es bei Krasnoje

oder in der Schlacht von Leipzig gewesen, genug, er hatte im Kriege ein

Bein und einen Arm verloren. Sie wissen doch, damals gab's noch keine

von den bekannten Einrichtungen für die Verwundeten: dieser

Invalidenfond, das können Sie sich wohl denken, der wurde sozusagen erst

viel später gegründet. Der Hauptmann Kopeikin sieht also, daß er

arbeiten muß, aber sehen Sie wohl, er hatte eben nur einen Arm, nämlich

den linken. Er wandte sich also nach Hause an seinen Vater, aber der

Vater gab ihm zur Antwort: >Ich kann dich nicht auch noch ernähren;

ich,< denken Sie sich nur, >ich verdiene mir selbst mit knapper Not

meinen Unterhalt.< Da beschloß denn mein Hauptmann Kopeikin, sehen Sie

wohl, Verehrtester, da beschloß er nach Petersburg zu reisen und sich an

die Behörden zu wenden, ob sie ihm nicht eine kleine Unterstützung

zukommen lassen könnten, er habe doch gewissermaßen, sozusagen sein

Leben geopfert und sein Blut vergossen ... Er fuhr also in einem

Gepäckwagen oder einem staatlichen Transportwagen nach der Hauptstadt,

sehen Sie wohl Verehrtester, genug, er gelangte mit Mühe und Not nach

Petersburg. Und nun stellen Sie sich vor: da befindet sich _nun_ dieser

selbige, d. h. dieser Hauptmann Kopeikin in Petersburg, das sozusagen in

der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat! Plötzlich ist es um ihn herum

licht und hell, gewissermaßen ein weites Feld des Lebens, so eine Art

märchenhafte Scheherazade, verstehen Sie mich wohl. Also denken Sie nur,

plötzlich liegt vor ihm so ein Newski-Prospekt oder solch eine

Erbsenstraße oder, hol's der Teufel, irgend so eine Liteinaja, _da_ ragt

irgend so ein Turm in die Luft und dort _hängen_ ein paar Brücken,

wissen Sie, so ohne jegliche Stützen und Pfeiler, mit einem Wort die

reinste Semiramis. Tatsächlich, Verehrtester! Erst trieb er sich eine

Weile in den Straßen herum, um sich eine Wohnung zu mieten; aber das war

ihm alles zu brenzlich: all diese Gardinen, Rouleaux und all das

Teufelszeug, verstehen Sie, diese Teppiche, das reinste Persien,

Verehrtester ... Mit einem Wort, beziehungsweise, man tritt das Kapital

nur so mit Füßen. Man geht über die Straße, und die Nase merkt schon von

ferne, daß es nach Tausenden riecht; und, Sie wissen doch, die ganze

Staatsbank meines Hauptmannes Kopeikin besteht aus fünf blauen Scheinen

und noch ein paar Silbergroschen ... Nun also, Sie wissen ja, ein

Landgut läßt sich dafür nicht kaufen, d. h. es ließe sich vielleicht

kaufen, wenn man noch vierzig Tausend dazulegte; aber die vierzig

Tausend muß man sich erst beim König von Frankreich leihen. Genug, er

mietet sich schließlich in einem Gasthaus zur Stadt Reval ein, für einen

Rubel pro Tag. Sie wissen, ein Mittagessen aus zwei Gängen, eine

Kohlsuppe und ein Stück Suppenfleisch dazu ... Er sieht also, daß sein

Geld nicht mehr allzu lange reicht. Er erkundigte sich, wohin er sich

wenden soll. >Wohin könntest du dich wenden,< sagt man ihm. >Die Beamten

der Regierung sind nicht mehr in der Stadt. Sehen Sie wohl, das ist

alles in Paris. Die Armee ist noch nicht zurück. Aber es gibt hier eine

sogenannte provisorische Kommission. Versuchen Sie's,< sagt man ihm,

>vielleicht können Sie dort was ausrichten.< -- >Nun gut, dann gehe ich

zur Kommission,< spricht Kopeikin. >Ich werd' es ihnen schon klar

machen. So und so steht die Sache. Ich habe, sozusagen, mein Blut

vergossen und gewissermaßen mein Leben geopfert.< So stand er denn also

eines Morgens etwas früher auf, kratzte sich mit der linken Hand seinen

Bart, denn, sehen Sie wohl, wäre er zum Barbier gegangen, so hätte das

in gewissem Sinne neue Ausgaben verursacht, zog seine Uniform an und

begab sich auf seinem Holzfuß einherhinkend zum Vorsitzenden der

Kommission. Stellen Sie sich bloß vor! Er fragt also, wo der Vorsitzende

wohnt. Da sagt man ihm, jenes Haus dort am Kai, das gehört ihm. Eine

richtige Bauernhütte, verstehen Sie! Fensterscheiben, meterlange

Spiegel, Marmor, Lack, denken Sie sich nur, Verehrtester! Mit einem

Wort, die Sinne schwinden einem. So 'ne Türklinke aus Metall, der

feinste Komfort, sodaß man zuerst in den Laden laufen, sich für einen

Groschen Seife kaufen und sich dann, sozusagen, stundenlang die Hände

reiben muß, ehe man es wagt, sie anzufassen. Vorn am Eingang, verstehen

Sie, da steht ein Portier mit einem großen Säbel, mit so 'ner

Grafenphysiognomie, und Batistkragen, rein wie ein wohlgepflegter Mops

... Mein Kopeikin schleppt sich also auf seinem Holzfuß ins Vorzimmer,

setzt sich in einen Winkel, um nur nicht mit dem Arm gegen irgend so ein

Amerika oder Indien, gegen so eine vergoldete Porzellanvase, verstehen

Sie wohl, zu stoßen. Sehen Sie wohl, natürlich mußte er eine halbe

Ewigkeit dort warten, weil er zu einer Zeit gekommen war, wo der

Vorsitzende, sozusagen, noch kaum aus dem Bett gestiegen war und sein

Kammerdiener ihm eben irgend so ein silbernes Becken reichte, verstehen

Sie wohl, wo man sich drin wäscht. Mein Kopeikin wartet also vier

Stunden lang; da kommt endlich der diensthabende Beamte und sagt:

>Gleich kommt der Präsident!< Und schon füllt sich das Zimmer mit

allerhand Epauletten und Achselbändern. Mit einem Worte die Menschen

drängen sich wie Bohnen in der Schüssel. Endlich, Verehrtester, tritt

auch der Präsident herein. Na, Sie können sich natürlich vorstellen: der

Präsident in eigener Person sozusagen. Und, natürlich, seinem Rang und

Titel entsprechend so eine Physiognomie, so ein Ausdruck, verstehen Sie.

Aus allem spricht die »Condewite« des Großstädters. Erst geht er zu

einem dann zum andern: >Warum sind Sie hier?< >Und Sie?< >Was wünschen

Sie?< >In welcher Angelegenheit kommen Sie?< Zuletzt kommt auch mein

Kopeikin an die Reihe: >So und so,< sagt er, >ich habe mein Blut

vergossen, ein Bein und einen Arm verloren, sozusagen. Ich kann nicht

mehr arbeiten und erlaube mir die Anfrage, ob ich nicht eine kleine

Unterstützung, irgend so 'ne Anweisung, beziehungsweise auf eine kleine

Gratifikation oder Pension, verstehen Sie wohl, bekommen kann.< Der

Vorsitzende sieht der Mann hat einen Stelzfuß und der rechte Ärmel

baumelt leer herunter. >Gut!< sagt er, >fragen Sie nach ein paar Tagen

mal wieder an!< Mein Kopeikin ist ganz selig. >Na,< denkt er, >die Sache

macht sich.< Er ist in einer Laune, können Sie sich vorstellen; hüpft

geradezu auf dem Trottoir. Dann ging er ins Restaurant von Palkiku um

einen Schnaps zu nehmen, aß in der Stadt London zu Mittag, ließ sich

eine Kotelette mit Kapern kommen, dazu 'ne Poularde und allerhand

Filets, nebst einer Flasche Wein -- mit einem Wort, es war eine feudale

Zeche, sozusagen. Auf dem Trottoir sieht er plötzlich eine Engländerin

kommen. Wissen Sie, schlank wie irgend so'n Schwan. Mein Kopeikin,

dessen Blut in Wallung geriet, läuft ihr trach, trach, trach auf seinem

Stelzfuß nach; >ach nein!< denkt er, >hol die Kurmacherei einstweilen

der Teufel; das kommt nachher, wenn ich meine Pension habe. Ich bin

schon gar zu sehr aus Rand und Band geraten.< Dabei hatte er an diesem

einen Tage, bitte ich zu bemerken, fast die Hälfte seines Geldes

durchgebracht. Nach drei vier Tagen, sehen Sie wohl, da kommt er wieder

in die Kommission zum Präsidenten: >Ich bin gekommen,< sagt er, >um mir

Bescheid zu holen, so und so, infolge der überstandenen Krankheiten und

meiner Verwundungen .... Ich habe sozusagen mein Blut vergossen usw.,

verstehen Sie wohl.< Alles in der amtlichen Sprache, natürlich! >Ja,

ja,< sagt der Präsident, >zunächst aber muß ich Ihnen mitteilen, daß ich

in Ihrer Sache ohne die Zustimmung der Regierung nichts zu tun vermag.

Sie sehen selber, was das für eine Zeit ist. Die kriegerischen

Operationen sind gewissermaßen, sozusagen, noch nicht beendigt. Warten

Sie die Ankunft des Herrn Ministers ab und gedulden Sie sich bis dahin

noch ein wenig. Sie können überzeugt sein, man wird Sie nicht vergessen.

Sollten Sie indessen nichts zum Leben haben, so nehmen Sie dies. Das ist

alles was ich geben kann ...< Na, Sie verstehen, er gab ihm natürlich

nicht viel, aber bei bescheidenen Ansprüchen hätte man bis zum

Entscheidungstermin damit auskommen können. Aber mein Kopeikin hatte

keine Lust dazu. Er dachte er würde gleich morgen ein paar Tausender

erhalten: >Da hast du was, mein Lieber, trink eins und amüsier dich!<;

statt dessen aber muß er warten und weiß nicht einmal, bis zu welchem

Termin. Und dabei spuken ihm, sehen Sie wohl, all diese Engländerinnen

und Soupers und Kotelettes im Kopfe herum. Da kommt er nun wie so'n Uhu,

oder Pudel, den der Koch mit Wasser begossen hat, vom Präsidenten heraus

-- hat den Schwanz eingezogen und läßt die Ohren hängen. Das Leben in

Petersburg hatte ihn schon ein wenig mitgenommen, von diesem und jenem

hatte er auch schon gekostet. Und nun heißt es: sieh zu, wie du

weiterkommt, von all diesen Schleckereien nicht die Spur, sehen Sie

wohl. Und dabei war er noch ein junger frischer Mensch mit gutem

Appetit, einem wahren Wolfshunger sozusagen. Wie oft kam er nicht an

irgend so einem Restaurant vorüber: und nun stellen Sie sich vor: der

Koch ist ein Ausländer, so ein Franzose, wissen Sie, mit solch einem

offenen Gesicht, trägt immer nur die feinste holländische Wäsche, und

eine Schürze, so weiß wie Schnee sozusagen, da steht nun der Kerl vor

seinem Herd und bereitet euch irgend so ein Finserb, oder Koteletts mit

Trüffeln, mit einem Wort, irgend so eine Delikatesse, daß unser

Hauptmann sich am liebsten selbst aufgefressen hätte vor Appetit. Oder

er kommt an den Miljutinschen Läden vorbei: lacht ihm da sozusagen

irgend so ein geräucherter Lachs, oder ein Körbchen mit Kirschen -- zu

fünf Rubel das Stück, oder so 'ne Riesin von Wassermelone, so'n ganzer

Omnibus, wissen Sie, aus dem Fenster entgegen, und sucht nach einem

Narren, der einen überflüssigen Hunderter in der Tasche hat, verstehen

Sie, mit einem Wort, nichts wie Verführungen auf Schritt und Tritt, es

läuft einem sozusagen das Wasser im Munde zusammen, für ihn aber

heißt's: warte gefälligst. Und nun stellen Sie sich seine Lage vor:

einerseits, sehen Sie wohl, dieser Lachs und die Wassermelone, und

andererseits irgend so ein bitteres Gericht unter dem Namen: >_Komm

morgen wieder._< >Ach was,< denkt er, >mögen Sie dort machen, was sie

wollen, ich gehe hin, setze die ganze Kommission und all die

Vorsitzenden in Bewegung und erkläre: nein, bitte schön, das geht nicht

so weiter!< Und in der Tat, frech und aufdringlich, wie er ist, -- je

weniger einer im Oberstübchen los hat, desto mehr Mut hat er -- kommt er

also in die Kommission: >Nun was wünschen Sie?< fragt man ihn, >was

wollen Sie noch weiter, Sie haben doch schon Bescheid erhalten.< -- >Ich

bitt' Sie,< sagt er, >ich kann doch nicht so von der Hand in den Mund

leben. Ich muß doch meine Kottelette und eine Flasche französischen

Rotwein zum Mittagessen haben und mich ein wenig zerstreuen, einmal ins

Theater gehen, verstehen Sie,< sagte er -- >Nein, da müssen Sie uns

schon entschuldigen,< sagte da der Vorsitzende .. >Was das anbelangt, so

müssen Sie sich schon gewissermaßen gedulden. Sie haben doch etwas

bekommen, um sich über Wasser zu halten, bis die Order von oben

eingelaufen ist, und Sie können überzeugt sein, daß Sie nach Gebühr

entschädigt werden sollen: denn es ist bisher ohne Beispiel, daß bei uns

in Rußland ein Mann, der seinem Vaterland gewissermaßen, sozusagen,

einen Dienst geleistet hat, daß der unversorgt geblieben wäre. Aber,

wenn Sie sich freilich jetzt an Koteletts delektieren und ins Theater

gehen wollen, nein, wissen Sie, dann müssen Sie schon entschuldigen.

Dazu verschaffen Sie sich nur gefälligst selbst die Mittel. Da müssen

Sie sich schon selbst helfen.< Aber denken Sie bloß, mein Kopeikin

verzieht keine Miene. Die Worte prallen von ihm ab wie Erbsen von einer

Wand. Er erhob ein großes Geschrei und brachte die ganze Gesellschaft in

Aufruhr. Er ließ ein wahres Hagelwetter über all diese Regierungsbeamten

und Sekretäre los ... >Ja dann seid ihr ja dies und jenes,< sagte er,

>ja, dann kennt ihr ja eure Pflicht und Schuldigkeit nicht, ihr

Gesetzesverdreher!< Mit einem Wort, er wischte ihnen allen kräftig eins

aus. Zufällig kam ihm auch noch irgend so'n General aus einem andern

Ressort unter die Finger. Und auch der bekam seinen Teil, verstehen Sie

wohl. Kurz, er brachte sie alle durcheinander. Was soll man nur mit so

einem rasenden Kerl anfangen? Der Präsident sieht, es gibt keinen andern

Ausweg, man muß gewissermaßen, sozusagen, zu strengeren Maßregeln seine

Zuflucht nehmen. >Schön,< sagte er, >wenn Sie nicht damit zufrieden sind

was man Ihnen gibt, und hier in der Hauptstadt nicht ruhig auf die

Entscheidung Ihrer Sache warten wollen, so lasse ich Sie sozusagen in

Ihre Heimat abschieben. Der Feldjäger soll kommen und ihn nach der

Heimat transportieren!< Der Feldjäger aber, verstehen Sie wohl, der

steht schon da und wartet schon hinter der Tür: so'n baumlanger Kerl,

wissen Sie, mit einer Hand wie von der Natur selbst für den Kurierdienst

geschaffen. Mit einem Wort: ein richtiger Zahnzieher. So wird denn unser

braver Knecht Gottes in den Wagen befördert und ab geht's in Begleitung

des Feldjägers. >Na,< denkt Kopeikin, >da spar' ich wenigstens das

Reisegeld. Auch dafür bin ich den Herren dankbar.< So fährt er denn,

Verehrtester, mit dem Feldjäger, und während er so an der Seite des

Feldjägers sitzt, spricht er gewissermaßen, sozusagen, zu sich selber:

>Schön,< sagt er, >du erklärst mir, ich soll mir selbst helfen und die

Mittel suchen! Gut, schön,< sagt er, >ich will mir die Mittel schon

verschaffen!< Wie er nun an seinen Bestimmungsort befördert, und wohin

er eigentlich gebracht wurde, darüber ist nichts bekannt geworden. Und

daher sind denn auch die Nachrichten über den Hauptmann Kopeikin im

Strome der Vergessenheit untergegangen, in so einer Lethe, wissen Sie,

wie die Poeten es nennen. Doch hier, sehen Sie wohl, meine Herren, hier

schürzt sich, kann man wohl sagen, der Knoten unseres Romans. Wo also

Kopeikin verschwunden ist, das weiß niemand; aber stellen Sie sich vor,

es vergingen auch nicht zwei Monate, als in den Wäldern von Rjasan eine

Räuberbande auftauchte, und der Hauptmann dieser Räuberbande, sehen Sie

wohl, war kein anderer als ...«

»Aber erlaube mal, Iwan Andrejewitsch,« unterbrach ihn plötzlich der

Polizeimeister, »du sagtest doch selber, dem Hauptmann Kopeikin habe ein

Bein und ein Arm gefehlt; und Tschitschikow hat doch ...«

Da schrie der Postmeister laut auf, schlug sich mit aller Kraft vor die

Stirne und nannte sich vor versammeltem Publikum ein Rindvieh. Er konnte

garnicht verstehen, wie dieser Umstand ihm nicht gleich zu Anfang dieser

Erzählung eingefallen war, und erklärte, das russische Sprichwort: »der

Verstand des Russen ist von hinten am stärksten!« sei vollkommen wahr.

Aber gleich darauf fing er an, Winkelzüge zu machen und versuchte sogar

sich aus der Affäre zu ziehen, indem er behauptete, die Engländer

hätten, wie man aus den Zeitungen ersehen könne, die Mechanik sehr

vervollkommnet, und einer hätte sogar hölzerne Füße mit einem solchen

Mechanismus erfunden, daß man nur auf eine Spirale zu drücken brauche,

damit diese Füße einen in unbekannte Gegenden forttrügen, sodaß man den

Menschen überhaupt nicht mehr auffinden könne.

Aber trotzdem zweifelten alle, daß Tschitschikow der Hauptmann Kopeikin

sei, und fanden, daß der Postmeister schon gar zu weit über das Ziel

hinausgeschossen habe. Übrigens wollten sie sich ihrerseits auch nicht

lumpen lassen und verirrten sich, angeregt durch die geistvolle

Hypothese des Postmeisters, womöglich noch weiter. Unter den vielen in

ihrer Art geistreichen Vermutungen war besonders eine bemerkenswert: so

seltsam es klingt, es wurde die Ansicht laut, daß Tschitschikow

vielleicht _Napoleon_ sein könne, der sich verkleidet in ihrer Stadt

aufhielte; die Engländer seien schon längst eifersüchtig auf Rußland,

auf seine Macht und seine Größe, und es wären schon mehrmals Karikaturen

erschienen, auf denen ein Russe im Gespräch mit einem Engländer

abgebildet war: der Engländer steht da und hält einen Hund an der Leine,

dieser Hund aber soll _Napoleon_ vorstellen: >Paß auf,< sagt der

Engländer, >wenn mir etwas nicht behagt, dann hetze ich diesen Hund auf

dich.< Wer weiß, vielleicht hatten sie jetzt diesen Hund von St. Helena

losgelassen, und er schweifte nun unter der Maske Tschitschikows in

Rußland umher, während er doch in Wahrheit garnicht Tschitschikow sei.

Natürlich schenkten die Beamten dieser Hypothese keinen Glauben, aber

sie wurden doch nachdenklich und, wenn jeder von ihnen sich im stillen

die Sache überlegte, konnte er sich's nicht verhehlen, daß

Tschitschikows Profil eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem Napoleons

hatte. Der Polizeimeister, welcher den Feldzug von 1812 mitgemacht

hatte, hatte Napoleon persönlich gesehen und mußte gleichfalls zugeben,

daß er sicherlich nicht größer als Tschitschikow und auch von Statur

weder allzu dick, aber andererseits auch wiederum nicht allzu dünn

gewesen sei. Vielleicht wird mancher Leser dies alles für sehr

unwahrscheinlich halten, -- nun auch der Autor ist bereit ihm zuliebe

zuzugestehen, daß die Geschichte sehr unwahrscheinlich ist; aber wie zum

Tort mußte sich alles geradeso abspielen, wie wir es hier erzählen, was

um so seltsamer ist, da die Stadt nicht irgendwo abseits vom Wege,

sondern in nächster Nähe von beiden Hauptstädten lag. Übrigens darf man

nicht vergessen, daß all diese Ereignisse bald nach der glorreichen

Vertreibung der Franzosen stattfanden. Um diese Zeit waren alle unsere

Gutsbesitzer, Beamten, Kaufleute, Handlungsgehilfen und alle gebildeten

und ungebildeten Leute wenigstens für die ersten acht Jahre

eingefleischte Politiker geworden. Die »Moskauer Nachrichten« und der

»Sohn des Vaterlandes« wurden so zerlesen, daß sie an den letzten Leser

nur noch als ein Häuflein Papierfetzen gelangten, der zu nichts mehr zu

gebrauchen war. Statt Fragen, wie die folgenden: Wie teuer haben Sie den

Scheffel Hafer verkauft, Väterchen? -- Was denken Sie vom gestrigen

Schneefall? -- hörte man nur noch Fragen: Nun, was steht in der Zeitung?

-- Ist Napoleon nicht wieder entwischt? -- Besonders die Kaufleute

fürchteten sich sehr davor, denn sie glaubten fest an die Prophezeiung

eines Wahrsagers, welcher schon seit drei Jahren im Kerker saß. Dieser

neue Prophet war plötzlich -- kein Mensch wußte woher -- in Bastschuhen

und in Felle gehüllt, die schrecklich nach faulen Fischen rochen, in der

Stadt aufgetaucht und hatte verkündigt, Napoleon sei der Antichrist, der

jetzt hinter sechs Mauern und sieben Meeren an einer steinernen Kette

schmachte, aber bald werde er seine Ketten sprengen und sich die ganze

Welt unterwerfen. Dieser Prophet war wegen seiner Prophezeiungen ins

Gefängnis geworfen worden, und das von Rechts wegen. Trotzdem aber hatte

er seine Mission erfüllt und die Kaufleute vollkommen um ihr bißchen

Verstand gebracht. Und lange noch, selbst während des flottesten

Geschäftsganges kamen die Kaufleute im Wirtshaus zusammen, um sich hier

beim Tee über den Antichrist zu unterhalten. Viele von den Kaufleuten

und den vornehmen Adeligen dachten auch, selbst ohne es zu wollen, über

die Sache nach und glaubten unter dem Einflusse der mystischen Stimmung,

welche bekanntlich damals alle Geister beherrschte, in jedem Buchstaben,

der in dem Wort Napoleon vorkam, einen besonderen, bedeutungsvollen Sinn

zu entdecken; viele wollten in ihm sogar die Zahlen aus der Apokalypse

wiedererkannt haben. Daher war es durchaus nicht so wunderbar, wenn auch

die Beamten in diesem Punkte stutzig wurden. Allein bald kamen sie

wieder zur Besinnung und merkten, daß ihre Phantasie schon allzu üppig

wucherte, und daß die Sache doch ganz anders liege. Sie dachten hin und

dachten her, überlegten her und überlegten hin, und kamen schließlich

zur Überzeugung, daß es vielleicht nicht übel wäre Nosdrjow einmal

gründlich auszuhorchen. Da er es ja gewesen war, der die Geschichte mit

den toten Seelen zuerst in die Welt gebracht hatte und, wie man sagte,

in so nahen Beziehungen zu Tschitschikow stand, mußte er doch etwas über

dessen Lebensverhältnisse wissen; und so beschloß man denn, erst einmal

zu hören was Nosdrjow sagen werde.

Höchst seltsame Leute, diese Herren Beamten, und mit ihnen die Vertreter

aller anderen Berufe: sie wußten doch ganz genau, daß Nosdrjow ein

Lügner sei, daß man ihm kein Wort glauben könne, selbst da nicht, wo es

sich um eine Bagatelle handelte und doch nahmen sie zu ihm ihre

Zuflucht. Da mag einer den Menschen verstehen! Er glaubt nicht an Gott,

aber glaubt dafür, daß er unbedingt sterben müsse, wenn ihm seine Nase

juckt; er geht gleichgültig an einer Schöpfung des Dichters vorbei,

welche so deutlich für sich zeugt, wie das Licht der Sonne, ganz

durchdrungen ist von innerer Harmonie und schlichter weiser Einfalt, um

sich gierig auf das Erzeugnis eines kecken Kopfes zu stürzen, der ihm

irgend ein wirres, krauses Zeug vorschwatzt und die Natur verrenkt und

vergewaltigt. Und das gefällt ihm. Da tut er den Mund weit auf und

schreit mit lauter Stimme: »Seht ihr! das ist reine Herzenskündigung!«

Sein ganzes Leben lang pfeift er auf die Ärzte, um am Ende zu einem

alten Weibe zu laufen, welches die Leute mit Sympathiemitteln und Spucke

kuriert, oder er braut sich gar selbst ein Dekokt aus irgend einem Zeug,

weil ihm plötzlich die tolle Idee kommt, es könne ihm etwas gegen seine

Krankheit nützen. Man hätte natürlich die Herren Beamten mit ihrer

schwierigen Lage entschuldigen können. Man sagt ja, daß ein Ertrinkender

nach einem Strohhalm greife, und daß er nicht soviel Überlegung habe, um

sich zu sagen, auf einem Strohhalm könne höchstens eine Fliege einen

Spazierritt wagen, nicht aber er, der vier oder gar fünf Zentner wiegt;

aber wie gesagt, in der Gefahr stellt er diese Überlegung überhaupt

nicht an und greift nach dem Strohhalm. So nahmen denn auch unsere

Herren schließlich ihre Zuflucht zu Nosdrjow. Der Polizeimeister schrieb

ihm sofort einen Brief, in dem er ihn einlud, bei ihm zu Abend zu

speisen, und ein Polizeikommissar in hohen Wasserstiefeln und mit

freundlichen roten Backen machte sich spornstreichs auf den Weg, nahm

seinen Säbel in die Hand und lief im Galopp zu Nosdrjow, um ihm das

Schreiben zu überbringen. Nosdrjow war gerade mit einem sehr wichtigen

Gegenstande beschäftigt; schon den vierten Tag verließ er das Haus

nicht, empfing keinen Menschen und ließ sich sogar das Mittagessen durch

das Fenster reichen -- mit einem Wort, er war ganz abgemagert und sah

beinah grün im Gesicht aus. Die Sache selbst erforderte die größte

Aufmerksamkeit und Sorgfalt: sie bestand in der Auswahl und

Zusammenstellung _eines_ Kartenspieles von gleicher Zeichnung aus einem

ganzen _Schock_. Dabei mußte die Zeichnung aber so scharf sein, daß man

sich auf sie verlassen konnte, wie auf seinen besten Freund. Eine solche

Arbeit erfordert mindestens zwei Wochen. Während dieser ganzen Zeit

mußte Porphyr dem kleinen Bullenbeißer den Nabel mit einer besonderen

Bürste reinigen und ihn dreimal am Tage mit Seife waschen. Nosdrjow war

sehr ärgerlich, daß er in seiner Einsamkeit gestört wurde; zuerst

schickte er den Polizeikommissar zum Teufel, als er jedoch von dem

Polizeimeister erfuhr, daß sich heute abend ein kleines Geschäftchen

machen ließe, da irgend ein Neuling zum Souper erwartet werde, war er

sofort milder gestimmt; er schloß also sein Zimmer schnell ab, kleidete

sich in aller Eile an und begab sich zum Polizeimeister. Nosdrjows

Aussagen, Zeugnisse und Vermutungen standen in so scharfem Gegensatz zu

denen der Herren Beamten, daß selbst ihre _kühnsten_ Hypothesen über den

Haufen geworfen wurden. Dies war tatsächlich ein Mensch, für den es

überhaupt kein Schwanken und kein Zweifeln gab; und so schüchtern und

vorsichtig _ihre_ Vermutungen waren, so fest und sicher waren die

_seinen_. Er antwortete sogleich, _ohne_ auch nur einen Moment zu

stocken auf alle Fragen. Er erklärte, Tschitschikow habe für einige

tausend Rubel tote Seelen gekauft, und er, Nosdrjow selbst, habe ihm

welche verkauft, weil er den Grund einsehe, warum man das nicht tun

solle. Auf die Frage, ob jener nicht ein Spitzel sei, der gekommen wäre,

um herumzuschnüffeln, antwortete Nosdrjow: natürlich sei er ein Spitzel;

schon in der Schule, die sie zusammen besucht hätten, sei er allgemein

eine Petze gescholten worden, sämtliche Kameraden, und unter ihnen auch

er, hätten ihn dafür einmal so kräftig durchgebläut, daß man ihm nachher

allein an den Schläfen zweihundertvierzig Blutegel setzen mußte -- er

hatte ursprünglich nur vierzig sagen wollen, aber die zweihundert waren

ihm wie von selbst entschlüpft. -- Auf die Frage, ob er nicht falsches

Papiergeld mache, antwortete Nosdrjow: natürlich mache er welches. Bei

dieser Gelegenheit erzählte er eine Geschichte von Tschitschikows

unglaublicher Geschicklichkeit und Gewandtheit: es sei nämlich

herausgekommen, daß er in seinem Hause für zwei Millionen falsches

Papiergeld versteckt habe. Da habe man denn das Haus gerichtlich

gesperrt, einen Posten vor den Eingang und zwei Soldaten vor jede Tür

gestellt; Tschitschikow aber hätte die Banknoten in einer Nacht alle

miteinander vertauscht, sodaß man am anderen Tage, als die Siegel gelöst

wurden, lauter echte Scheine vorfand. Auf die Frage: ob Tschitschikow

tatsächlich die Absicht habe, die Tochter des Gouverneurs zu entführen,

und ob es denn wahr sei, daß er, Nosdrjow, ihm seine Hilfe und Beistand

dazu angeboten habe, antwortete dieser: gewiß habe er ihm geholfen, und

wenn er nicht dabei gewesen wäre, so wäre die ganze Sache mißglückt.

Hier stockte er ein wenig; er sah nämlich, daß er ohne allen Grund

gelogen habe und dadurch leicht in Unannehmlichkeiten geraten konnte,

aber er hatte eben die Zunge nicht im Zaum halten können. Und dies war

auch keine Kleinigkeit, denn es drängten sich seiner Phantasie gleich so

interessante Einzelheiten auf, daß es tatsächlich ein Ding der

Unmöglichkeit war, ganz auf sie zu verzichten: so nannte er denn sogar

das Dorf, wo sich die Kreiskirche befand, in der die Trauung stattfinden

sollte; dies sei nämlich das Dorf Truchmatschowka, der Pope heiße Pater

Sidor, die Trauung sollte fünfundsiebzig Rubel kosten, trotzdem aber

hätte der Priester seine Einwilligung nie gegeben, wenn ihm

Tschitschikow nicht gedroht hätte, er werde es bekannt machen, daß jener

den Kaufmann Michael mit einer Verwandten getraut habe; er, Nosdrjow,

habe ihnen sogar seinen Wagen zur Verfügung gestellt und auf allen

Stationen für Pferde gesorgt. Er verlor sich bereits soweit in Details,

daß er sogar die Postillone bei ihrem Namen nannte. Hier wagte es

jemand, Napoleon zu erwähnen, aber er wurde dessen selbst nicht froh,

denn Nosdrjow schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, der nicht nur gar

keine Ähnlichkeit mit der Wahrheit hatte, sondern in jeder Beziehung

unmöglich war, sodaß die Beamten schließlich aufstanden und seufzend

weggingen; nur der Polizeimeister hörte ihm noch lange aufmerksam zu,

weil er immer noch erwartete, daß sich was aus ihm herausholen ließe,

aber schließlich machte auch er eine hoffnungslose Gebärde und sagte

nur: »Pfui Teufel!« Und alle Anwesenden waren mit ihm einverstanden,

jede weitere Bemühung gliche wahrhaftig bloß dem Versuch, den Bock zu

melken. So war denn die Lage unserer Beamten noch schlimmer als vorher,

und man kam zum Schluß, daß es ganz unmöglich sei, herauszukriegen, wer

nun Tschitschikow eigentlich sei. Und hier kam es wieder so recht ans

Licht, was für ein Wesen der Mensch ist: er ist nur da klug, vernünftig

und weise, wo es sich um Sachen handelt, die _andere_ Leute, nicht aber

_ihn selbst_ was angehen. Mit was für umsichtigen und wohlüberlegten

Ratschlägen versorgt er euch nicht in den schwersten Lebenslagen! »Welch

ein gescheiter Kopf!« ruft die Menge: »welch ein unbeugsamer Charakter!«

Aber laßt nur einmal irgend ein Unglück über diesen »gescheiten Kopf«

hereinbrechen, laßt ihn selbst einmal in schwere Lebenslagen kommen --

wo ist da plötzlich sein Charakter geblieben! dieser unbeugsame Mann

steht völlig fassungslos da, er hat sich in einen erbärmlichen Feigling,

in ein schwaches, jammerndes Kind oder einfach in einen Waschlappen

verwandelt, wie Nosdrjow sich auszudrücken liebte.

All dies Gerede, diese Gerüchte und Hypothesen machten aus irgend einem

Grunde den größten Eindruck auf den armen Staatsanwalt. Dieser Eindruck

war so stark, daß er nach Hause ging, zu grübeln begann und so ins

Grübeln hineinkam, daß er sich eines schönen Tags ganz plötzlich, und

ohne daß man hätte sagen können, warum, hinlegte und starb. Hatte ihn

ein Schlag gerührt, oder war es etwas anders, genug, er fiel mit einem

Mal vom Stuhl herab und streckte sich lang auf den Fußboden aus. Wie das

in solchen Fällen zu geschehen pflegt, schrieen alle laut auf vor

Schrecken; schlugen die Hände zusammen, riefen: »Ach Gott, ach Gott!«

ließen den Arzt holen, um ihn zur Ader zu lassen, und überzeugten sich

schließlich, daß der Staatsanwalt nur noch ein seelenloser Leichnam war.

Jetzt erst erfuhr man zum allgemeinen Bedauern, daß der Verstorbene

tatsächlich eine Seele gehabt hatte, trotzdem er sich in seiner

Bescheidenheit nichts davon hatte merken lassen. Und doch war die

Erscheinung des Todes _hier_ genau so schrecklich, wo sie sich nur an

einem der kleinen Menschen offenbarte, wie wenn sie sich an einem großen

manifestiert hätte: er, der noch vor kurzem unter den Lebenden gewandelt

war, sich bewegt, Whist gespielt, alle möglichen Papiere unterschrieben

und so oft mit seinen buschigen Augenbrauen und den blinzelnden Augen

unter den Beamten geweilt hatte, er lag jetzt auf dem Tische, das linke

Auge blinzelte nicht mehr, und bloß die eine Augenbraue war noch ein

wenig emporgezogen, was dem Gesichte einen seltsamen fragenden Ausdruck

verlieh. Was das wohl für eine Frage war, die auf seinen Lippen

schwebte? ob er wissen wollte, wozu er gelebt hatte, oder wozu er

gestorben sei -- das weiß Gott allein.

»Aber das ist doch unmöglich, das ist ganz undenkbar! das kann doch

garnicht sein, daß die Beamten sich gegenseitig so in Furcht und

Schrecken jagten, eine solche Verwirrung anrichteten und sich so von der

Wahrheit entfernen konnten, wo doch jedes Kind einsehen mußte, um was es

sich hier handelte!« So wird mancher Leser sprechen und dem Autor

vorwerfen, er bringe unwahrscheinliche und unmögliche Dinge vor, oder

man wird die armen Beamten für Narren erklären, weil der Mensch ja

bekanntlich sehr freigiebig mit dem Worte »_Narr_« und zwanzigmal am

Tage dazu bereit ist, seinen Mitmenschen, diesen Kosenamen an den Kopf

zu werfen. Es genügt schon, daß man eine törichte Eigenschaft unter zehn

vernünftigen habe, um trotz alledem für einen Narren erklärt zu werden.

Der Leser hat es leicht, zu urteilen, wo er ruhig in seinem stillen

Winkel sitzt und von seinem hohen Standort, von dem aus sich ihm der

ganze weite Horizont auftut, auf das Treiben da unten herabzusehen, wo

der Mensch nur gerade _die_ Gegenstände erkennen kann, die sich

unmittelbar vor seiner Nase befinden. Und es gibt in der Chronik der

Weltgeschichte so manches Jahrhundert, das er einfach streichen und für

überflüssig erklären möchte. Wie reich an Irrtümern ist doch die Welt,

an Irrtümern die heute vielleicht ein Kind zu vermeiden wüßte. Was für

seltsame Schlangenwindungen, was für enge, verwachsene, unzugängliche,

abseitsführende Wege wählte die Menschheit in ihrem Streben nach der

ewigen Wahrheit, während der gerade Weg offen vor ihren Augen lag, wie

der Weg, der in das prunkende Heiligtum des königlichen Palastes führt.

Breiter und herrlicher ist er als alle Wege, im strahlenden Sonnenglanze

liegt er da und nachts erhellen ihn leuchtende Flammen; und doch irrten

die Menschen an ihm vorbei in düsterer Finsternis, oft schon stieg die

Vernunft vom Himmel herab und wies sie zurecht. Aber auch jetzt noch

schreckten sie zurück, kamen sie immer aufs neue vom rechten Wege ab,

verstanden sie es am hellichten Tage, sich in verborgene wüste Gegenden

zu verlaufen, immer wieder den andern undurchdringliche Nebel vor die

Augen zu weben, und trügenden Irrlichtern nachjagend, bis zu Abgründen

vorzudringen, um sich dann mit Entsetzen zu fragen: wo ist ein Steg, wo

gibt es einen Ausweg? Wohl ist dies alles unserem in der Klarheit

wandelnden Geschlechte bekannt. Es wundert sich über die Verirrungen, es

lacht über die Torheiten seiner Vorfahren, aber es sieht nicht, daß

diese Chronik mit der Flammenschrift des Himmels geschrieben ist, daß

jeder Buchstabe die Wahrheit laut verkündet, daß auf allen Seiten der

mahnenden Finger auf es selbst weist, auf unser heute lebendes

Geschlecht; aber es lacht das Geschlecht von heute, und stolz und seiner

selbst bewußt beginnt es eine neue Reihe von Verirrungen, über welche

die Nachkommen ebenso stolz lächeln werden.

Tschitschikow hatte nichts von alledem erfahren; wie mit Absicht hatte

er sich gerade um diese Zeit eine leichte Erkältung, Reißen im Gesicht

und eine kleine Halsentzündung zugezogen, eine von jenen Krankheiten,

mit denen das Klima vieler unserer Provinzstädte die Einwohner besonders

freigebig bedenkt. Damit nur sein Leben um Gottes Willen kein jähes Ende

nähme, ehe er noch Zeit gehabt, für seine Nachkommenschaft zu sorgen,

beschloß er lieber drei, vier Tage zu Hause zu bleiben. Während dieser

Zeit gurgelte er beständig mit Milch, in der eine Feige schwamm, welche

er jedesmal mit Genuß verzehrte, auch trug er ein kleines Säckchen mit

Kamillen und Kampfer auf der Wange. Um sich ein wenig zu zerstreuen,

legte er sich ein ausführliches Verzeichnis über die von ihm gekauften

Bauern an, las dann noch irgend ein Buch von der Herzogin Savallière,

das er in seinem Koffer fand, sah noch einmal alle Zettelchen und

Sächelchen durch, die sich in seiner Schatulle befanden, und überflog

manches noch einmal, bis ihm auch dies alles langweilig wurde. Er konnte

durchaus nicht verstehen, was es zu bedeuten habe, daß kein einziger von

den Beamten der Stadt zu ihm kam, um sich nach seiner Gesundheit zu

erkundigen, während doch noch vor wenigen Tagen fast immer ein Wagen vor

seiner Tür gehalten hatte -- bald der des Staatsanwalts, bald der des

Postmeisters, bald der des Präsidenten. Er zuckte fortwährend mit den

Achseln, während er im Zimmer auf- und abging. Endlich fühlte er sich

etwas besser, und er war ganz glücklich, als er wieder soweit

hergestellt war, daß er an die frische Luft gehen konnte. Er machte sich

ohne Verzug an die Toilette, öffnete die Schatulle, goß etwas warmes

Wasser in ein Glas, nahm Seife und Bürste heraus und ging daran, sich zu

rasieren, wozu es übrigens schon längst Zeit war, denn als er sein Kinn

mit der Hand befühlte und in den Spiegel blickte, rief er aus: »Das ist

ja der reinste Wald!« Und in der Tat: wenn's auch gerade kein Wald war,

so ließ sich's doch nicht leugnen, daß auf Kinn und Wangen die Saat

üppig sproßte. Nachdem er sich rasiert hatte, kleidete er sich ganz

schnell an, ja er sprang beinahe aus seinen Hosen heraus. Endlich war er

angezogen; er besprengte sich noch mit Kölnischem Wasser, hüllte sich

recht warm in seinen Mantel und trat auf die Straße hinaus, nachdem er

sich vorsichtiger Weise vorher noch ein Tuch um die Wange gebunden

hatte. Sein erster Ausgang hatte, wie der jedes wiedergenesenen Menschen

-- etwas wahrhaft Festliches. Alles, was er erblickte, schien ihm

freundlich zuzulächeln, die Häuser und die Bauern auf der Straße, die

eigentlich eine sehr ernste Miene zur Schau trugen und von denen schon

mancher seinen Bruder übers Ohr gehauen hatte. Sein erster Besuch sollte

dem Gouverneur gelten. Unterwegs kamen ihm allerhand Gedanken in den

Sinn: bald dachte er an die junge Blondine, ja seine Phantasie schlug

sogar ein wenig über die Schnur, und er begann über sich selbst zu

lachen und sich über sich selbst lustig zu machen. In solcher Stimmung

fand er sich plötzlich dem Hause des Gouverneurs gegenüber. Schon hatte

er den Flur betreten und war eben im Begriff, eilig seinen Mantel

abzulegen, als der Portier plötzlich auf ihn zuging und ihn durch

folgende Worte überraschte: »Ich habe den Befehl erhalten, Sie nicht

vorzulassen!«

»Wie? Was fällt dir ein? Du erkennst mich wohl nicht? Sieh mich doch

ordentlich an!« fiel Tschitschikow erstaunt ein.

»Gewiß habe ich Sie erkannt! Ich sehe Sie doch nicht zum ersten Mal,«

sagte der Portier. »Sie _allein_ darf ich ja gerade nicht vorlassen;

jeden andern, nur Sie nicht!«

»Ach was! Weswegen nur nicht, warum denn nicht?«

»So lautet der Befehl; es wird wohl seinen Grund haben,« sagte der

Portier und fügte noch ein »Ja« hinzu, worauf er in nachlässiger Haltung

vor ihm stehen blieb, ganz ohne jenes freundliche Lächeln, mit dem er

ihm sonst so dienstbeflissen aus seinem Mantel herausgeholfen hatte.

Wahrscheinlich dachte er sich: »He! wenn dich die Herrschaften von der

Schwelle jagen, dann bist du sicherlich irgend ein Prolet!«

»Unbegreiflich!« dachte Tschitschikow und begab sich sofort zum

Gerichtspräsidenten; aber der Präsident wurde bei seinem Anblick so

verlegen, daß er keine zwei Worte stammeln konnte und solch ein

törichtes Zeug zusammenschwatzte, daß alle beide verlegen wurden.

Tschitschikow entfernte sich und gab sich unterwegs alle mögliche Mühe,

herauszubekommen, was der Präsident eigentlich gemeint, und was seine

Worte für einen Sinn gehabt hätten, aber es wollte ihm durchaus nicht

gelingen. Dann ging er zu den andern: zum Polizeimeister, zum

Vize-Gouverneur, zum Postmeister, aber sie weigerten sich entweder, ihn

zu empfangen, oder bereiteten ihm einen so seltsamen Empfang, führten so

eigentümliche Reden, wurden so verlegen und benahmen sich so merkwürdig,

daß er wirklich annehmen mußte, sie seien nicht ganz bei Verstande. Er

machte noch einen Versuch und ging zu einigen Bekannten, um den Grund

dieser Veränderung zu erfahren, aber auch hier wollte es ihm nicht

glücken. Wie im Halbschlaf irrte er durch die Stadt, ohne entscheiden zu

können, ob er selbst verrückt sei, oder die Beamten den Kopf verloren

hätten, ob dies alles nur ein Traum, oder alberne törichte Wirklichkeit

sei, die noch abgeschmackter war als ein Traum. Erst spät am Abend, als

es schon dunkel zu werden begann, kehrte er in seinen Gasthof zurück,

den er in so glänzender Stimmung verlassen hatte, und ließ sich vor

Ärger und Langeweile Tee bringen. Nachdenklich und in Grübeln über die

Seltsamkeit seiner Lage versunken, schenkte er sich eine Tasse Tee ein,

als sich plötzlich die Zimmertür auftat und Nosdrjow, den er am

allerwenigsten erwartet hatte, hineintrat.

»Für einen Freund ist kein Weg zu weit! wie das Sprichwort sagt,« rief

dieser und nahm seinen Hut ab: »ich komme eben vorüber und sehe Licht in

deinem Fenster. >Wahrscheinlich schläft er noch nicht, denke ich mir,

ich muß doch mal rauf gehen und nachsehen.< Ah! das ist aber schön, daß

du Tee hast, ich trinke mit Vergnügen ein Täßchen mit: ich hab' heute

allerhand Zeug gegessen und fühle schon, daß mein Magen zu rebellieren

beginnt! Laß mir doch bitte eine Pfeife stopfen. Wo ist denn deine

Pfeife?«

»Ich rauche doch keine Pfeife,« sagte Tschitschikow trocken.

»Unsinn, als ob ich nicht weiß, daß du ein enragierter Raucher bist. He!

Wie heißt doch gleich dein Diener? He Bachrameus, hör mal!«

»Er heißt nicht Bachrameus, er heißt Petruschka.«

»Wie? Du hattest doch früher einen Bachrameus?«

»Ist mir nicht eingefallen!« sagte Tschitschikow. »Richtig, es ist ja

wahr. Das ist ja Derebin, der hat einen Bachrameus. Denk mal, was der

Derebin für ein Schwein hat: seine Tante hat sich mit ihrem Sohn

gezankt, weil der eine Leibeigne geheiratet hat, und nun hat sie dem

Derebin ihr ganzes Vermögen zugeschrieben. Das wär doch fein, wenn unser

einer so eine Tante hätte, weißt du, das wären schöne Aussichten, was?

Sag mal, Freund, was ist denn das mit dir, warum ziehst du dich

plötzlich so von uns allen zurück, man sieht dich ja überhaupt nicht

mehr. Ich weiß, du beschäftigst dich mit wissenschaftlichen

Gegenständen, du liest sehr viel (woraus Nosdrjow schloß, daß unser Held

sich mit wissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt und sehr viel

liest, das können wir, wie wir zu unserem Bedauern gestehen müssen,

leider nicht verraten, noch weniger aber hätte es Tschitschikow können).

Hör mal Tschitschikow! Wenn du bloß gesehen hättest ... das wär' was für

deinen satirischen Geist gewesen. (Warum Tschitschikow einen satirischen

Geist haben sollte -- ist leider auch ganz unbekannt.) Denk mal, lieber

Freund, beim Kaufmann Liebatschew da haben wir neulich Karten gespielt,

nein, und haben wir da aber gelacht! Pererependjew, der mit mir dort

war, sagte immer, >wenn doch Tschitschikow bloß hier wäre, das wäre was

für ihn!< (Tschitschikow hatte Pererependjew überhaupt nie gesehen.)

Nein, gesteh's nur, Bester, damals hast du wirklich gemein an mir

gehandelt, weißt du noch, als wir Dame spielten? Ich hatte ja gewonnen

... Aber, du hast mich einfach beschwindelt! Aber, hol's der Teufel, ich

kann halt nicht lange böse sein. Neulich beim Präsidenten ... Ach ja,

ich muß dir noch sagen: in der Stadt sind alle gegen dich aufgebracht!

Sie glauben, daß du falsches Papiergeld machst .. Plötzlich fallen alle

über mich her -- na, ich stelle mich natürlich wie ein Berg vor dich hin

-- ich habe ihnen was vorerzählt: daß wir zusammen in die Schule

gegangen sind, und daß ich deinen Vater gekannt habe; mit einem Wort,

ich habe ihnen tüchtig was vorgeschwindelt!«

»Ich soll falsches Papiergeld machen?« rief Tschitschikow aus und sprang

vom Stuhl auf.

»Warum hast du sie denn auch so in Schrecken gejagt?« fuhr Nosdrjow

fort, »sie sind ja halb toll vor Angst: sie halten dich für einen

Spitzel und Räuber. -- Der Staatsanwalt ist ja vor lauter Schreck

gestorben .. morgen ist die Beerdigung. Du kommst doch bestimmt? Offen

gestanden, sie haben Furcht vor dem neuen Generalgouverneur, und haben

Angst, es könnte deinetwegen noch eine Geschichte geben; was den

Generalgouverneur anbetrifft, so bin ich freilich der Ansicht, daß er

mit dem Adel nichts ausrichten wird, wenn er allzu hochnäsig ist und gar

zu dicke tut. Der Adel will mit Liebe behandelt sein: nicht wahr? Man

kann sich natürlich in seinem Zimmer verstecken und nie einen Ball

geben, aber was nützt das? Damit ist noch nichts gewonnen. Aber hör mal,

Tschitschikow, du hast da eine gefährliche Sache unternommen?«

»Was für eine gefährliche Sache?« fragte Tschitschikow unruhig.

»Na, das mit der Entführung der Gouverneurstochter. Offen gesagt, ich

habe das von dir erwartet, bei Gott, ich hab es erwartet! Gleich als ich

euch zum ersten Mal zusammen auf dem Ball sah: >Na! denke ich mir, der

Tschitschikow ist nicht umsonst hier ...< Übrigens hast du keine gute

Wahl getroffen; ich finde gar nichts Gutes an ihr. Es gibt da eine

andre, eine Verwandte von Bikussow, eine Tochter seiner Schwester, das

ist ein Prachtmädel! Da kann man sagen: Einfach entzückend!«

»Was redest du da für ein Blech zusammen? Wer will denn die Tochter des

Gouverneurs entführen. Was fällt dir ein?« sagte Tschitschikow und

starrte ihn verständnislos an.

»Mach doch keine Sachen, lieber Freund: so ein Geheimniskrämer! Ich will

ganz offen sein, ich bin eigentlich nur deswegen zu dir gekommen, um dir

meine Hilfe anzubieten. Ich will meinetwegen den Brautkranz halten und

dir meinen Wagen und meine Pferde zur Verfügung stellen, nur unter einer

Bedingung: du mußt mir dreitausend Rubel leihen. Ich hab sie unbedingt

nötig, ich bin in einer verzweifelten Lage.«

Während dieser törichten Reden Nosdrjows rieb sich Tschitschikow

mehrmals die Augen, um sich zu überzeugen, ob er nicht etwa träume. Das

falsche Papiergeld, die Entführung der Tochter des Gouverneurs, der Tod

des Staatsanwalts, dessen Ursache _er_ sein sollte, die Ankunft des

Generalgouverneurs, dies alles jagte ihm keinen geringen Schreck ein.

»Oh weh, wenn die Sache so steht,« dachte er, »dann darf ich nicht

länger säumen, dann muß ich mich schleunigst davonmachen.«

Er suchte sich Nosdrjow möglichst schnell vom Halse zu schaffen, ließ

sofort Seliphan rufen und befahl ihm, sich bei Sonnenaufgang bereit zu

halten, weil er am nächsten Morgen um 6 Uhr die Stadt verlassen wolle.

Daher trug er ihm noch einmal auf, nach allem zu sehen, den Wagen

ordentlich zu schmieren usw. usw. Seliphan sagte nur: Zu Befehl, Pawel

Iwanowitsch, blieb aber trotzdem eine Weile an der Türe stehen, ohne

sich vom Fleck zu rühren. Der Herr befahl Petruschka, sofort den Koffer

unter dem Bett hervorzuholen, der schon mit einer dicken Staubschicht

bedeckt war, und begann zusammen mit seinem Burschen all seine Sachen

einzupacken; dabei machte er nicht viel Umstände und warf alles, was ihm

unter die Hände kam, in einen Korb hinein: Strümpfe, Hemden, die _reine_

und die _schmutzige_ Wäsche, Stiefelbürsten, einen Kalender usw. Dies

alles wurde in aller Eile eingepackt, denn er wollte unbedingt noch am

selben Abend damit fertig sein, um am anderen Morgen nicht unnütz Zeit

zu verlieren. Seliphan stand noch ein paar Minuten an der Türe und

verließ dann leise das Zimmer. Ganz bedächtig und so langsam, wie man

sich's nur vorstellen kann, stieg er die Treppe hinunter, indem er den

Abdruck seiner feuchten Stiefel auf den abgetretenen Stufen zurückließ.

Und lange noch stand er da und kratzte sich den Hinterkopf. Was bedeutet

diese Gebärde? und was hat sie überhaupt zu bedeuten? War es der Ärger,

daß die für morgen verabredete Zusammenkunft mit irgend einem Kollegen

in einem ebenso ärmlichen Pelze und einem ähnlichen Gürtel um die Taille

in irgend einer kaiserlichen Schenke sich zerschlagen hatte; oder hatte

sich an dem neuen Ort schon eine Herzensaffäre angesponnen, und nun

sollte es aus sein mit dem Stehen unter dem Toreingange und mit dem

höflichen Händedrücken abends in der Dämmerung, wenn die Burschen im

roten Hemde vor den Mägden auf der Balalaika[6] klimperten und die bunte

Volksmenge nach des Tages Last und Mühe leise Reden wechselt -- oder war

es nur der Schmerz, das warme Plätzchen in der Küche am Ofen unter dem

Pelze, die Genossen, die Kohlsuppe und die weiche Pastete, wie man sie

nur in der Stadt bekommt, verlassen zu müssen, um sich aufs neue in den

Regen und Schnee hinauszubegeben und die Strapazen und Unbill der Reise

auf sich zu nehmen? Das mag Gott wissen -- errate wer's will. Gar

vielerlei hat es zu bedeuten, wenn sich das russische Volk hinter den

Ohren kratzt.

[Fußnote 6: Ein Saiteninstrument: eine Art Guitarre.]

Elftes Kapitel.

Es kam jedoch ganz anders als Tschitschikow vermutet hatte. Erstlich

wachte er viel später auf, als er beabsichtigte -- dies war die erste

Unannehmlichkeit -- dann stand er auf und schickte sofort jemand

hinunter, um zu erfahren, ob der Wagen in Ordnung, die Pferde angespannt

und alles zur Abreise bereit sei, mußte aber zu seinem Leidwesen

erfahren, daß die Pferde nicht angespannt und noch gar keine Anstalten

zur Abreise getroffen seien -- und dies war die zweite Unannehmlichkeit.

Das brachte ihn geradezu in Wut, er nahm sich sogar schon vor, unserem

Freunde Seliphan einen ordentlichen Nasenstüber zu versetzen, und

wartete mit Ungeduld, was der wohl für eine Ausrede zu seiner

Entschuldigung vorbringen würde. Bald erschien Seliphan auch in der Tür,

worauf sein Herr das Vergnügen hatte, dieselben Reden über sich ergehen

zu lassen, die man stets von den Bedienten zu hören bekommt, wenn man

verreisen will und große Eile hat.

»Man muß doch aber die Pferde zuerst beschlagen lassen, Pawel

Iwanowitsch!«

»Ach du Hundsfott! Du Klotz du! Warum hast du mir das denn nicht früher

gesagt? Du hast doch wohl Zeit genug dazu gehabt?«

»Hm, ja, Zeit hätt' ich freilich dazu gehabt ... Aber dann ist da noch

was mit dem Rade los, Pawel Iwanowitsch ... Man wird einen neuen Reifen

aufsetzen müssen, der Weg hat so viele Gruben und Löcher, und ist so

holperig ... Ja, und dann habe ich noch etwas vergessen: der Kutschbock

ist entzwei, der ist so wackelig, daß er keine zwei Stationen mehr

halten kann.«

»Schurke!« schrie Tschitschikow, schlug die Hände zusammen und ging auf

Seliphan los, daß dieser Angst bekam, sein Herr könne ihm ein recht

unangenehmes Geschenk machen, auswich und ein paar Schritte zurücktrat.

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 25 / 30 题