Tschitschikows Einkäufe waren bereits der Gegenstand des Stadtgespräches
geworden. Man stritt, man unterhielt sich und debattierte darüber, ob es
vorteilhaft sei, Bauern zu Ansiedelungszwecken anzukaufen. Viele von
diesen Debatten zeichneten sich durch Gründlichkeit und Sachlichkeit
aus: »Natürlich ist das so,« sagten die einen, »das läßt sich nicht
bestreiten, der Boden ist in den südlichen Gouvernements wirklich gut
und sehr fruchtbar; aber was werden Tschitschikows Bauern ohne Wasser
anfangen? da gibt's doch gar keine Flüsse.« -- »Das wäre noch nicht
schlimm, daß es kein Wasser gibt, das macht noch nichts, Stepan
Dimitrwejewitsch; aber die Kolonisation ist eine sehr riskante Sache.
Man weiß ja, wie so'n Bauer ist: da wird er auf eine ganz jungfräuliche
Scholle verpflanzt, und soll nun Ackerbau treiben -- und dabei ist
nichts da -- weder Haus noch Hof -- ich sag Ihnen, der läuft davon, das
ist so sicher wie zwei mal zwei vier, schnallt sich seine Schuhe an,
macht daß er fortkommt, dann können Sie lange suchen, bis Sie ihn
finden!« -- »Nein, erlauben Sie mal, Alexei Iwanowitsch, ich bin
durchaus nicht Ihrer Ansicht, wenn Sie sagen, die Bauern werden dem
Tschitschikow davonlaufen. Ein rechter Russe ist zu allem fähig und
gewöhnt sich an jedes Klima. Geben Sie ihm nur ein Paar warme
Handschuhe, dann können Sie ihn schicken, wohin Sie wollen, meinetwegen
bis nach Kamtschatka, der läuft ein bißchen herum, bis er warm ist,
nimmt die Axt und baut sich eine neue Hütte.« »Aber lieber Iwan
Grigorjewitsch, du hast eins ganz vergessen: du hast garnicht
berücksichtigt, was das für Leute sind, die Tschitschikow da gekauft
hat. Du vergißt ganz, daß ein Gutsbesitzer doch einen tüchtigen Kerl
nicht so leicht ziehen läßt, ich möchte meinen Kopf dafür geben, daß das
lauter Säufer, Trunkenbolde und wilde arbeitsscheue Leute sind.« --
»Schon gut, das gebe ich zu, das ist freilich richtig, daß niemand einen
tüchtigen Kerl verkaufen wird, und daß Tschitschikows Leute
wahrscheinlich größtenteils Trinker sind, aber man muß doch beachten,
daß ja gerade dies die Moral von der Geschichte ist: jetzt sind es
vielleicht lauter Taugenichtse, wenn man sie aber ansiedelt, können
plötzlich brave und tüchtige Untertanen daraus werden. Das ist doch
nicht der erste Präzedenzfall in der Welt und in der Geschichte.« »Nie
-- niemals,« versetzte der Verwalter der Staatsfabriken: »glauben Sie
mir, das kann niemals passieren, denn gegen Tschitschikows Bauern werden
sich jetzt zwei mächtige Feinde erheben. Der eine Feind -- das ist die
Nähe der kleinrussischen Gouvernements, wo, wie bekannt, der
Branntweinverkauf frei ist. Ich versichere Ihnen, in zwei Wochen werden
sie dem Suff verfallen und Faullenzer und Tagediebe sein. Der zweite
Feind -- das ist die Gewohnheit und der Hang zum Vagabundenleben, den
sich die Bauern durch die Übersiedelung erwerben werden. Es müßte denn
sein, daß Tschitschikow sie beständig im Auge behält und beaufsichtigt,
er müßte sie sehr streng behandeln, für jede Kleinigkeit hart bestrafen
und sich dabei nicht etwa auf einen anderen verlassen, sondern selbst
überall, wo es nötig ist, Püffe und Maulschellen austeilen.« -- »Wozu
soll Tschitschikow denn die Püffe selbst austeilen? Dazu kann er sich
doch einen Verwalter nehmen.« -- »Ja finden Sie gefälligst einen guten
Verwalter? Das sind lauter Gauner und Halunken!« -- »Sie sind nur darum
Gauner, weil die Besitzer es eben nicht richtig anzustellen wissen.« --
»Das ist richtig,« fielen hier viele ein. -- »Wenn der Gutsherr nun
selbst etwas von der Landwirtschaft versteht, und seine Leute kennt --
dann wird er immer einen tüchtigen Verwalter finden.« Aber der Direktor
der Staatsfabriken wandte ein, für weniger als 5000 Rubel könne man
keinen guten Verwalter finden. Dagegen bemerkte der Präsident, man könne
auch schon für 3000 einen haben, worauf der Direktor erklärte: »Wo
wollen Sie ihn denn hernehmen? Sie können ihn sich doch nicht aus der
Nase ziehen?« worauf der Präsident versetzte: »Aus der Nase freilich
nicht, nein, aber hier, im hiesigen Kreise, da gibt es einen, nämlich
Peter Petrowitsch Samoilow: das ist der rechte Mann, wie ihn
Tschitschikow für seine Bauern braucht!« Viele versuchten sich in
Tschitschikows Lage zu versetzen, und die große Schwierigkeit, eine
solche Menge von Bauern in einem fremden Lande anzusiedeln, erfüllte sie
mit Angst und Besorgnis; jemand äußerte sogar die Befürchtung, es könne
noch ein Aufruhr unter diesen unruhigen Elementen, wie die Bauern
Tschitschikows es wären, ausbrechen. Darauf bemerkte der Polizeimeister,
einen Aufruhr brauche man nicht zu befürchten; um dies zu verhindern,
gebe es ja Gottlob eine Macht: nämlich den Kreisrichter; der
Kreisrichter brauche sich nicht einmal selbst an Ort und Stelle zu
begeben, sondern nur seinen Hut hinzusenden, dieser Hut würde schon
genügen, um die Bauern zur Raison zu bringen, sodaß sie sich zerstreuen
und ruhig nach Hause gehen würden. Viele äußerten ihre Ansichten und
machten Vorschläge, wie der aufrührerische Geist niederzuhalten sei, der
Tschitschikows Bauern ergriffen habe. Die Meinungen darüber gingen recht
weit auseinander. Es gab solche, die sich gar zu sehr durch eine gewisse
militärische Strenge und überflüssige Grausamkeit auszeichneten, und
dann wieder andere, welche eine gewisse Milde ausströmten. Der
Postmeister machte die Bemerkung, Tschitschikow sehe sich jetzt einer
heiligen Pflicht gegenüber; er könne gewissermaßen der Vater seiner
Bauern werden, und, wie er sich auszudrücken beliebte, eine wohltuende
Aufklärung unter ihnen verbreiten. Bei dieser Gelegenheit unterließ er
es nicht, sich höchst lobend über die Lancastersche Methode des
gegenseitigen Unterrichts zu äußern.
So redete und disputierte man in der Stadt, und viele teilten
Tschitschikow aus persönlichem Interesse ihre Ansicht mit, gaben ihm
gute Ratschläge und boten ihm sogar eine Eskorte an, um die Bauern auch
sicher an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Für die Ratschläge
dankte Tschitschikow höflichst, indem er versprach, sie bei Gelegenheit
zu verwerten, dagegen verzichtete er sehr entschieden auf die Eskorte
und erklärte, sie sei vollständig überflüssig; die von ihm gekauften
Bauern hätten einen ganz besonders friedfertigen Charakter. Sie würden
den Umzug bereitwilligst mitmachen und begrüßten ihn sogar freudig. Von
einem Aufruhr könne überhaupt nicht die Rede sein.
All diese Gespräche und Unterhaltungen hatten indessen für Tschitschikow
die allergünstigsten Folgen, die er für sich nur erhoffen konnte. Es
verbreitete sich nämlich das Gerücht, er sei nicht mehr und nicht
weniger als ein Millionär. Die Stadtbewohner hatten, wie wir schon im
ersten Kapitel gesehen haben, Tschitschikow auch ohnedies in ihr Herz
geschlossen. Nach diesen Gerüchten aber gewannen sie ihn noch weit
lieber. Übrigens, um die Wahrheit zu sagen: es waren lauter brave,
gutmütige Leute, die sich gut miteinander vertrugen, auf
freundschaftlichem Fuße miteinander lebten, und ihre Unterhaltungen
trugen den Stempel ganz besonderer Treuherzigkeit und Milde: »Lieber
Freund, Ilja Iljitsch!« »Hör mal, Antipater Zararowitsch, mein Bester!«
»Du schwindelst, Mütterchen, Iwan Grigorowitsch!« Zum Postmeister, der
Iwan Andrejewitsch hieß, pflegte man gewöhnlich zu sagen: »Sprechen Sie
deutsch, Iwan Andreitsch?«
Mit einem Wort, es ging dort sehr familiär zu. Viele waren nicht ganz
ohne Bildung: der Gerichtspräsident kannte sogar die »Ludmilla« von
Shukowski auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der Neuheit
hatte, und er trug manche Stellen daraus geradezu meisterhaft vor, so
zum Beispiel den Vers: »Es schläft der Wald, die Täler schlummern«, ganz
besonders schön aber klang das Wort »hu« in seinem Munde, sodaß man
tatsächlich zu sehen glaubte, wie die Täler schlummerten; um die
Ähnlichkeit noch vollkommener zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit
auch noch die Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der
Philosophie zu und las ganze Nächte hindurch sehr fleißig in Youngs
»Nächten«, sowie im »Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur« von
Eckartshausen, aus dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich
bezogen, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. Übrigens war
er ein großer Witzbold, er hatte eine überaus blühende Sprache und
liebte es, wie er sich selbst ausdrückte, seine Rede »auszuschmücken«.
Und zwar schmückte er seine Reden mit einer Menge von Flickworten aus,
als da sind: »Lieber Herr, so und so, wissen Sie, verstehen Sie, können
Sie sich vorstellen, gewissermaßen, sozusagen« und andre mehr, mit denen
er nur so um sich warf; ferner schmückte er seine Reden noch recht
geschickt durch ein verständnisinniges Augenblinzeln aus, oder indem er
das eine Auge ganz zukniff, womit er vielen von seinen satirischen
Anspielungen einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die übrigen
Herren waren meist recht gebildete und aufgeklärte Leute: der eine las
Karamsin, der andre die »Moskauer Nachrichten« und ein dritter las sogar
überhaupt _nichts_. Der eine war was man eine Schlafmütze zu nennen
pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst einen kräftigen Rippenstoß
geben muß, wenn man ihn zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz
einfach ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Bärenhaut lag
und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen wäre, ihn überhaupt
aufzurütteln, da er ja doch nicht aufgestanden wäre. Was ihr Äußeres
anbelangt, so waren sie natürlich alle hübsche, stattliche,
vertraueneinflößende Leute -- einen Schwindsüchtigen gab es unter ihnen
nicht. Sie gehörten alle zu jener Menschengattung, welcher die Frauen in
zärtlichen Schäferstündchen unter vier Augen Namen wie die folgenden zu
geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, mein
Schnudelchen, mein Tönnchen, mein Moppelchen usw. Aber im allgemeinen
war es ein guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein
Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen Abend mit ihnen am
Whisttisch verbracht hatte, kam ihnen sehr schnell nahe und wurde
gewissermaßen einer der ihren. -- Dies traf aber noch mehr auf
Tschitschikow mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er kannte wirklich
das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie schlossen ihn so in ihr Herz,
daß er garnicht wußte, wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er
hörte immer nur: »Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine
einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch« -- mit einem Worte, er wurde
geradezu auf Händen getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber
unvergleichlich viel stärker und bedeutender, ja höchst erstaunlich und
wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um
das einigermaßen verständlich zu machen, müßten wir eigentlich
mancherlei über die Damen selbst sagen, über ihre Gesellschaften usw.,
müßten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit lebendigen
leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird dem Autor sehr schwer.
Einerseits hält ihn seine unbegrenzte Achtung und Ehrfurcht vor den
Gattinnen der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... ja
andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. Die Damen der Stadt
N. waren ... nein es geht unmöglich: tatsächlich, ich habe Angst. -- Was
an den Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... Nein, es ist zu
seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, wie wenn sie ein Bleiklumpen
wäre. Also gut: ich werde es wohl schon einem andern überlassen müssen,
der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden Farben auf seiner
Palette hat, als ich, ihren Charakter zu schildern; wir werden uns
darauf beschränken müssen, zwei, drei Worte über ihr Äußeres und das,
was gewissermaßen mehr an der Oberfläche liegt, zu sagen. Die Damen der
Stadt N. waren das, was man präsentabel nennt, und in dieser Beziehung
dürften alle Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen,
was guten Ton, Etikette und jene feinsten und zartesten Gebote des
Anstands anbelangt, vor allem was die Beobachtung der Mode in ihren
letzten Einzelheiten anbetrifft, so waren sie hierin selbst den
Petersburger und Moskauer Damen um eine Ellenlänge voraus. Sie kleideten
sich mit großem Geschmack, fuhren in schönen Equipagen durch die Stadt:
wie die letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai mit
goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. Eine
Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf einer Treff-Zwei oder einem
Karo-Aß stand, eine heilige Sache. Zwei Damen, die vordem große
Freundinnen und Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer
Visitenkarte ganz auseinander -- eine von ihnen hatte es nämlich
unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. Und so sehr sich
ihre Männer und Verwandten nachher bemühten, sie wieder zu versöhnen, es
war vergebens -- es stellte sich vielmehr heraus, daß alles auf der Welt
möglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu versöhnen, die sich
wegen eines unterlassenen Gegenbesuches verfeindet haben. Die Damen
verharrten also in »gegenseitiger Abneigung«, wie sich die Gesellschaft
der Stadt ausdrückte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebühre, gab es
auch eine Menge äußerst erregter Auftritte, welche in den Herren oftmals
höchst erhabene und ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschützerrolle
entstehen ließen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natürlich nicht,
weil sie alle Zivilbeamte waren; dafür aber suchten sie einander etwas
am Zeuge zu flicken, wo sie nur konnten, was bekanntlich unter Umständen
weit schwieriger ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen der
Stadt N. sehr streng und voll edler Entrüstung gegen alle Laster und
Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig jede Schwäche, wo sie nur
eine solche wahrnahmen. Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam,
was man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im
Geheimen ab, und niemand ließ sich merken, was eigentlich vorgegangen
war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. Selbst der Mann wurde rechtzeitig
vorbereitet, sodaß er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte oder
davon hörte, kurz und bündig antworten konnte: »Was ich nicht weiß,
macht mich nicht heiß,« wie das Sprichwort sagt. Hier muß noch erwähnt
werden, daß die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger
Gefährtinnen stets einer großen Vorsicht und eines sicheren Taktes in
Worten und Ausdrücken befleißigten. Niemals hörte man sie sagen: »Ich
habe mich geschneuzt.« »Ich schwitze.« »Ich habe ausgespuckt,« sondern
sie drückten sich stattdessen folgendermaßen aus: »Ich habe mir die Nase
geputzt« oder »Ich habe von meinem Taschentuch Gebrauch gemacht.« Unter
keinen Umständen aber durfte man sagen: »Dieses Glas oder dieser Teller
stinkt.« Ja, man durfte nicht einmal etwas sagen, was wie eine
Anspielung darauf erscheinen konnte, sondern, man wählte stattdessen
einen Ausdruck wie den folgenden: »Dieses Glas benimmt sich nicht gut«
oder sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache noch mehr zu
veredeln, wurde nahezu die Hälfte aller Worte aus dem Sprachgebrauch
verbannt, weswegen man sehr oft seine Zuflucht zum Französischen nehmen
mußte. Das war dann eine ganz andere Sache. Im Französischen waren noch
ganz andere, weit kräftigere Worte gestattet als die oben erwähnten. Das
also ist es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflächlich
gesprochen, sagen läßt. Freilich, wenn man etwas tiefer hineinblickte,
so würden noch ganz andere Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr
gefährlich, zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe also an der
Oberfläche und fahre fort. Bis dahin hatten alle Damen merkwürdigerweise
nur wenig von Tschitschikow gesprochen, obwohl sie ihm natürlich, was
seine angenehmen und weltmännischen Umgangsformen anbelangt, volle
Gerechtigkeit widerfahren ließen. Aber seitdem sich das Gerücht von
seinen Millionen verbreitet hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf
seine sonstigen Eigenschaften gelenkt. Übrigens waren unsere Damen
keineswegs eigennützig oder gar habgierig. An alledem war nur das Wort
Millionär -- nicht der Millionär selbst, sondern eben das Wort allein
schuld; denn in dem bloßen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung
auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, welches in gleicher
Weise auf die Schurken wie auf die guten Menschen und auch die, welche
weder das eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; mit
einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. Der Millionär hat den
Vorzug, daß er die ganz uneigennützige Niedertracht, die reine
Niedertracht, die auf keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht,
vortrefflich beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, daß sie
nichts von ihm bekommen werden und auch gar keinen Anspruch darauf
haben, und doch laufen sie vor ihm her, lächeln ihm freundlich zu,
nehmen den Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu einem
Mittagessen, an dem der Millionär teilnehmen wird. Man kann nicht sagen,
daß diese sanfte Hinneigung zur Niedertracht auch von den Damen geteilt
wurde. Allein man fing doch in vielen Salons an, darüber zu reden, daß
Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schönheit, aber doch ein stattlicher
Mann sei, wie er sein soll, und daß er schon nicht mehr so hübsch wäre,
wenn er auch nur ein ganz klein wenig dicker und voller wäre. Bei dieser
Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende Worte über die
dünnen Männer: das seien ja eigentlich Zahnstocher und keine Männer. An
den Toiletten der Damen konnte man auch allerhand Ergänzungen
wahrnehmen. Auf dem Tuchmarkt herrschte ein großes Gedränge, man schob
und stieß sich dort geradezu. Es war die reinste Kirmeß. Soviel
Equipagen reihten sich aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie
sahen, daß ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe mitgebracht und
wegen ihres allzu hohen Preises bisher nicht hatten loswerden können,
eine gesuchte Ware wurden und reißenden Absatz fanden. Während des
Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten am Kleide eine
Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, daß er die ganze Kirche
einnahm, und daß der anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen
mußte, Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurückzuziehen, um das
Kleid der Gnädigen nicht zu beschädigen. Auch Tschitschikow mußte
schließlich etwas von der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit auffallen, die
ihm gezollt wurde. Als er eines schönen Tages zu sich nach Hause kam,
fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es ließ sich durchaus nicht
herausbekommen, von wem er stammte und wer ihn gebracht habe: Der
Kellner erzählte, der Überbringer habe ihm verboten, zu sagen, wer der
Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt und entschlossen an und zwar
folgendermaßen: »Nein, ich muß dir schreiben!« Dann war davon die Rede,
daß es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und diese Wahrheit fand
ihre Bekräftigung in einer Reihe von Punkten und Gedankenstrichen,
welche beinahe eine halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige
Sentenzen, deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, daß
wir es fast für unsere Pflicht halten, sie hier anzuführen: »Was ist
unser Leben? -- Ein Tal, in dem sich unsere Leiden angesiedelt haben.
Was ist die Welt? -- Ein Haufen von Menschen, der nichts empfindet.«
Hierauf erwähnte die Schreiberin, daß sie die Briefe ihrer zärtlichen
Mutter, welche seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr auf der Welt sei,
mit Tränen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in eine Wüste zu
folgen und die Stadt für immer zu verlassen, wo die Menschen in der
Gefangenschaft geistiger Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende
des Briefes strömte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, und folgende
Zeilen bildeten den Abschluß:
Zwei Turteltäubchen bringen
Dich flugs zum Grabesstein,
Sie werden girren und singen
Dir von meiner Todespein.
In der letzten Zeile war zwar das Versmaß nicht ganz in Ordnung, aber
das machte nichts: der Brief war ganz im Geiste der damaligen Zeit. Auch
fehlte die Unterschrift, der Vor- und Familienname, selbst Datum und
Jahreszahl fehlten. In einem Postskriptum hieß es bloß, Tschitschikows
eigenes Herz müsse die Schreiberin des Briefes erraten, und auf dem Ball
des Gouverneurs, der morgen stattfinde, werde das Original persönlich
zugegen sein.
Das war alles sehr interessant. In der Anonymität lag soviel Reiz und
Lockung, soviel was die Neugierde herausforderte, daß Tschitschikow den
Brief noch ein zweites und drittes Mal überlas und schließlich ausrief:
»Es wäre doch höchst interessant, zu erfahren, wer eigentlich die
Schreiberin ist!« Mit einem Wort, die Sache begann ersichtlich eine
ernste Wendung zu nehmen; mehr als eine Stunde sann er über sein
seltsames Abenteuer nach, dann machte er eine nachlässige Gebärde, ließ
den Kopf herabsinken und murmelte: »Der Brief hat doch etwas
außerordentlich Geziertes!« Hierauf wurde der Bogen, wie sich das von
selbst versteht, sorgfältig zusammengefaltet und in die Schatulle
gelegt, wo er in nächster Nachbarschaft mit einem Theaterzettel und
einer Hochzeitseinladung zu liegen kam, welche nun schon sieben Jahre
unberührt auf demselben Flecke lag. Bald darauf brachte man ihm
tatsächlich eine Einladung zum Ball beim Gouverneur. Das ist in
Provinzstädten etwas sehr Gewöhnliches: wo es einen Gouverneur gibt, da
muß es auch Bälle geben, sonst könnte es der Adel leicht an der
gebührenden Liebe und Achtung fehlen lassen.
Er ließ nun sofort alles nicht zur Sache Gehörige liegen und machte sich
davon frei, um sich voll und ganz den Vorbereitungen zum Balle zu
widmen; denn dazu gab's so manchen Sporn und Stachel. Dafür ist aber
wohl auch noch nie seit Erschaffung der Welt soviel Zeit und Sorgfalt
auf die Toilette verwendet worden. Die Besichtigung und Prüfung des
eigenen Angesichts vor dem Spiegel nahm allein eine ganze Stunde in
Anspruch. Er versuchte es, seinem Antlitz eine ganze Reihe und Skala
verschiedenartigster Ausdrücke zu verleihen: bald sollte es Ernst und
Würde, bald eine gewisse durch ein Lächeln gemilderte Achtung, bald
wieder nur Achtung ohne jedes Lächeln widerspiegeln; dann verbeugte er
sich einige Male vor dem Spiegel, welche Bewegung von einigen
unartikulierten Lauten begleitet wurde, die einige Ähnlichkeit mit
französischen Worten hatten, obwohl Tschitschikow absolut kein
Französisch verstand. Hierbei bereitete er sich selbst eine Menge höchst
angenehmer Überraschungen, zwinkerte sich mit den Augenbrauen und den
Lippen zu und bewegte sogar die Zunge ein paar Mal hin und her; du
lieber Gott, was macht man nicht alles, wenn man mit sich allein und
sich bewußt ist, daß man ein schöner Mann ist, und noch dazu die sichere
Überzeugung hat, daß niemand durch das Schlüsselloch guckt. Endlich
kraute er sich noch ein bißchen am Kinn und sagte: »Ei, ei, du kleiner
Bullenbeißer!« und begann sich anzuziehen. Während dieses Prozesses
befand er sich die ganze Zeit über in der glücklichsten Stimmung: wenn
er die Hosenträger anlegte, oder sich den Schlips umband, machte er
Kratzfüße, anmutige Verbeugungen und sogar einen Luftsprung, obwohl er
nie tanzen gelernt hatte. Dieser Luftsprung hatte nun allerdings einige
Folgen, die übrigens recht harmloser Natur waren: die Kommode fing an zu
zittern, und die Kleiderbürste fiel vom Tisch herunter.
Sein Erscheinen auf dem Ball machte einen ganz außerordentlichen
Eindruck. Alle Anwesenden eilten ihm entgegen -- der eine hatte noch ein
Spiel Karten in der Hand, ein anderer brach das Gespräch am
interessantesten Punkte ab, als er gerade sagte: »Und denken Sie,
hierauf erwiderte das Kreisgericht ...« Was das Kreisgericht eigentlich
erwiderte, führte er gar nicht mehr aus, und stürmte auf unseren Helden
los, um ihn zu begrüßen: »Pawel Iwanowitsch!« »O, mein Gott, Pawel
Iwanowitsch!« »Lieber Pawel Iwanowitsch!« »Verehrtester Pawel
Iwanowitsch!« »Pawel Iwanowitsch, Herzchen!« »Da sind Sie ja Pawel
Iwanowitsch!« »Da ist er, _unser_ Pawel Iwanowitsch!« »Lassen Sie sich
umarmen, Pawel Iwanowitsch!« »Her mit ihm, seien Sie recht herzlich
geküßt, mein teurer Pawel Iwanowitsch!« Tschitschikow fühlte, wie er
fast gleichzeitig von mehreren umarmt wurde. Er hatte noch nicht Zeit,
sich aus der Umarmung des Gerichtspräsidenten zu befreien, als ihn schon
der Polizeimeister in _seine_ Arme schloß, dieser gab ihn an den
Inspektor des Sanitätswesens weiter, der Inspektor an den
Branntweinpächter, der Branntweinpächter an den Stadtbaumeister .... Der
Gouverneur, der währenddessen mit ein paar Damen zusammenstand und in
der einen Hand einen Zettel aus einer Bonbonniere, in der andern ein
Bologneserhündchen hielt, ließ, als er Tschitschikow erblickte, beides
-- Zettel und Hündchen -- auf den Boden fallen, sodaß das Hündchen laut
aufheulte ... mit einem Wort, der Ankömmling verbreitete Heiterkeit und
Freude um sich her. Es gab kein Gesicht, das nicht vor Vergnügen
strahlte, oder doch wenigstens etwas von der allgemeinen Freude
widerspiegelte. So glänzen die Gesichter der Beamten während des Besuchs
ihres Chefs, der gekommen ist, die ihrer Leitung unterstehenden Ressorts
zu inspizieren; nachdem der erste Schreck vorüber ist, bemerken sie, daß
manches seinen Beifall findet, ja daß er sich sogar leutselig zu einem
kleinen Scherz herabläßt, d. h. ein paar Worte sagt und angenehm dazu
lächelt -- und nun lachen die ihn umringenden, ihm zunächst stehenden
Beamten doppelt herzlich, und ebenso herzlich lachen jene, die zwar die
gesprochenen Worte kaum gehört und noch weniger verstanden haben, ja
selbst der weit abseits an der Tür stehende Polizist, der noch nie in
seinem Leben gelacht, und eben erst dem Volke die Faust gezeigt hat --
selbst er verzieht nach den unwandelbaren Gesetzen der Reflexion und der
Nachahmung sein Gesicht zu einem Lächeln, welches aber so wenig
Ähnlichkeit mit einem Lächeln hat, daß man eher meinen könnte, er habe
eine starke Prise genommen und müsse nun niesen. Unser Held beglückte
alle und jeden einzelnen mit einer Antwort und fühlte sich ganz
außergewöhnlich leicht und sicher: er verneigte sich nach rechts und
nach links, und zwar etwas seitwärts, wie das seine Gewohnheit war, aber
doch so ungezwungen, daß er alle Anwesenden entzückte. Die Damen
umringten ihn sogleich wie eine glänzende Girlande und hüllten ihn in
eine Wolke von Wohlgerüchen aller Art ein: die eine roch nach Rosen, die
andere brachte den Duft von Veilchen und Frühling mit, die dritte
strömte einen starken Resedaduft aus. Tschitschikow hob bloß die Nase
und zog den süßen Duft ein. In ihren Toiletten entwickelten sie
unendlich viel Geschmack; die Farben ihrer Mousselin-, Atlas- und
Tüllstoffe waren von einer so modernen Blässe und Mattigkeit, daß es
schwer wäre, auch nur einen Namen für jede Nuance zu finden -- eine
solche Höhe und Feinheit hatte Kultur und Geschmack hier erreicht!
Schleifen, Bänder und Blumensträuße umflatterten die Kleider in
malerischer Unordnung, obwohl an dieser Unordnung manch ordentlicher
Kopf sich viele Stunden abgemüht hatte. Der leichte Kopfputz ruhte
allein auf den Ohren und schien sagen zu wollen: »Halt! Ich fliege fort!
Schade nur, daß ich meine Schöne nicht mit mir forttragen kann!« Sie
hatten alle stark und eng geschnürte Taillen, welche dem Auge feste und
angenehme Formen darboten. (Bei dieser Gelegenheit muß ich erwähnen, daß
alle Damen der Stadt N. sich durch eine gewisse Fülle auszeichneten,
aber sie verstanden es, sich so kunstvoll zu schnüren und hatten dabei
so angenehme Umgangsformen, daß man es ihnen garnicht anmerkte, daß sie
dick waren). Alles war bei ihnen wohldurchdacht und zeugte von Umsicht
und Ueberlegung: der Hals und die Schultern waren nur gerade so weit
entblößt, als es unumgänglich notwendig war, auch nicht um einen Zoll
weiter: eine jede zeigte von ihren Besitzungen nur gerade soviel, als
nach ihrem eigenen Gefühl und ihrer Überzeugung nötig war, um einen Mann
zugrunde zu richten; der Rest war mit großem Takt und Geschmack verhüllt
und zugedeckt: irgend ein leichtes Halstuch aus einem Band, das noch
leichter und luftiger war, als jenes Gebäck, welches unter dem Namen
»Baiser« oder »Kuß« bekannt ist, schlang sich ätherisch um den Hals,
oder es ragte im Nacken unter dem Kleide eine kleine Spitzenwand aus
feinem Battist hervor, die man bei uns zu Lande »Sittenschild« zu nennen
pflegt. Diese Spitzenwand bedeckte vorn und hinten all das, was zwar
keinen Mann mehr zugrunde richten konnte, doch aber den Argwohn rege
hielt, daß gerade hier das eigentliche Verderben lauere. Lange
Handschuhe, die nicht ganz bis zu den Ärmeln reichten, ließen die
reizenden Teile des Armes oberhalb des Ellenbogens frei, welche bei
vielen eine beneidenswerte Fülle erkennen ließen; bei manchen waren die
Glacéhandschuhe sogar geplatzt, da sie zu hoch hinaufgeschoben waren --
mit einem Wort, es war so, als ob ein jedes Ding hätte sagen wollen:
»Nein, dies ist keine Provinz, das ist Paris!« Nur hie und da guckte
plötzlich eine Haube, wie noch nie ein Mensch sie gesehen hat, oder eine
Pfauenfeder, oder sonst was, das jeder Mode Hohn sprach und einer
Eingebung des eigensten Geschmackes entsprang, hervor. Aber ohne das
geht es halt nicht ab -- das ist nun einmal die Eigentümlichkeit einer
Provinzstadt: es gibt immer einen Punkt, wo sie sozusagen aus der Rolle
fällt. Tschitschikow stand vor den Damen und dachte sich: »Welche ist
denn nun aber die Verfasserin des Briefes?« Er versuchte es, einen
Augenblick seine Nase hervorzustrecken; aber da stieß er mit ihr gegen
eine ganze Reihe von Ellenbogen, Aufschlägen, Ärmeln, Schleifen,
duftigen Hemdchen und Kleidern. Eine wilde Galoppade jagte wie toll an
ihm vorüber: die Frau des Postmeisters, der Kreisrichter, eine Dame mit
einer blauen Feder, eine Dame mit einer weißen Feder, der Georgische
Prinz Tschiphaihilidsew, ein Beamter aus Petersburg, ein Beamter aus
Moskau, ein Franzose namens Coucou, ein Herr Perchunowski und ein Herr
Berebendowski -- dies alles wuchs plötzlich vor ihm aus der Erde und
stürmte davon ....
»Da haben wir die Provinz!« murmelte Tschitschikow, indem er zurückwich.
Aber als sich dann die Damen auf ihre Plätze begaben, fing er wieder an,
auszuschauen, ob er nicht nach dem Ausdruck des Gesichts und der Augen
erkennen könne, welche die Verfasserin des Briefes sei; allein weder die
Gesichter noch die Augen wollten ihm verraten, wer die Unbekannte sei.
Überall auf jedem Antlitz schwebte etwas kaum Merkliches, unendlich
Feines -- oh! wie Feines ...! »Nein,« sagte Tschitschikow zu sich
selbst: »Die Frau -- das ist ein Objekt« -- hierbei machte er eine
sprechende Handbewegung -- »darüber ist überhaupt kein Wort zu
verlieren! Es soll mal einer versuchen, all das zu erzählen oder
wiederzugeben, was über ihr Gesicht huscht, all diese Schlangenwindungen
und dies Wellengekräusel ... das läßt sich eben garnicht ausdrücken!
Ihre Augen allein sind ein so unendliches, grenzenloses Reich, wenn sich
da ein Mensch hinein verirrt, dann ist er verloren! Da holt ihn kein
Haken und keine Winde wieder heraus. Versuch' doch mal einer ihren Glanz
zu beschreiben: diesen feuchten, samtnen, zuckersüßen Glanz ... Gott
allein weiß, was es nicht alles für Arten solchen Glanzes gibt: einen
harten und weichen, ja selbst einen matten oder wie einige sich
ausdrücken, >wonnetrunkenen< Glanz und dann wieder einen ohne
Trunkenheit, der aber noch weit gefährlicher ist -- der einen nur so
beim Herzen packt und wie mit dem Fidelbogen über die Seele fährt. Nein,
da findet man kein Wort dafür: Es ist halt die >jalante< Hälfte des
Menschengeschlechts und weiter nichts!«
Oh weh! Ich fürchte, unserem Held entschlüpfte ein Wort, das er von der
Straße her kannte. Aber was soll ich tun? Das ist nun einmal das Los des
Schriftstellers in Rußland! Aber selbst wenn ein Wort von der Straße in
dies Buch hineingetragen wäre, so ist das nicht die Schuld des
Schriftstellers, sondern die der Leser und vor allem der Leser aus den
besseren Gesellschaftskreisen: sie sind die ersten, von denen man kein
anständiges russisches Wort zu hören bekommt, sie beglücken euch mit
deutschen, französischen und englischen Reden in solchem Übermaß, daß
man gern darauf verzichten würde, und selbst mit Beibehaltung und
Wahrung jeder nur möglichen Aussprache: sprechen das Französisch durch
die Nase oder schnarren es, reden englisch wie irgend ein Vogel es nicht
besser fertig brächte, ja sie machen ein richtiges Vogelgesicht dazu und
lachen einen noch aus, wenn man ihnen dies nicht nachmachen kann. Das
einzige, was sie sorgfältig vermeiden, ist alles Russische -- höchstens
lassen sie sich auf dem Lande eine Villa in russischem Stile bauen. So
sind nun mal die Leser aus den höheren Ständen, und alle, die sich
selbst zu den höheren Ständen rechnen! Aber andererseits wieder: welche
Strenge, welche Ansprüche! Sie wollen durchaus, daß alles in einem
absolut korrekten, reinen und edlen Stile abgefaßt werde -- wollen mit
einem Wort, daß die russische Sprache wie von selbst, ganz reif und
fertig aus den Wolken herabfalle und sich ihnen auf die Zunge setze,
sodaß sie nur den Mund zu öffnen und ihr freien Lauf zu lassen brauchen.
Die weibliche Hälfte des Menschengeschlechts ist freilich höchst
rätselhaft; aber ich muß gestehen, die verehrten Herren Leser sind mir
oft noch weit rätselhafter.
Unterdessen wurde Tschitschikows Ratlosigkeit immer größer, wie er die
Verfasserin des Briefes unter allen anwesenden Damen herauserkennen
sollte. Er machte noch einen Versuch, jede einzelne von den Damen mit
forschendem Blick zu mustern und bemerkte, daß in den Augen der holden
Weiblichkeit ein Etwas aufblitzte, was Hoffnung und süße Qual ins Herz
des armen Sterblichen einziehen ließ, sodaß er schließlich ausrief:
»Nein, es ist vergebens, ich errate es doch nicht!« Das hatte indessen
nicht den geringsten Einfluß auf seine gute Laune, die ihn die ganze
Zeit über nicht verließ. In seiner galanten ungezwungenen Art wechselte
er ein paar liebenswürdige Worte mit einigen Damen, ging mit schnellen
kleinen Schritten bald auf die eine und bald auf die andere zu, wie das
jene alten Gecken auf hohen Absätzen, welche man in Rußland
»Mäusehengste« nennt, zu tun pflegen, die sich gewandt und leicht um die
Damen herumbewegen. Wenn er sich schnell und sicher zwischen den
einzelnen Menschengruppen durchgewunden hatte, machte er einen Kratzfuß
und schlug dabei mit dem Füßchen ein wenig aus, was gewissermaßen die
Bedeutung eines Schnörkels oder eines Häkchens am Namenszug hatte. Die
Damen waren sehr glücklich und befriedigt und entdeckten an ihm nicht
nur einen ganzen Haufen von angenehmen und liebenswürdigen Seiten,
sondern fanden sogar etwas Majestätisches, Kriegerisches und
Martialisches im Ausdruck seines Gesichts, was den Frauen bekanntlich
sehr gefällt. Ja man hätte sich seinetwegen beinahe ein wenig gezankt:
es war bald von vielen bemerkt worden, daß Tschitschikow meist in der
Nähe der Türe stand, und nun suchte alles die der Türe zunächstehenden
Stühle zu besetzen, und als hierbei eine der Damen einer andern
zuvorkam, hätte es beinahe einen unangenehmen Auftritt gegeben, wobei
viele, die es selbst gern ebenso gemacht hätten, höchst empört über
diese Unverfrorenheit und Taktlosigkeit waren.
Tschitschikow verwickelte sich bald in eine lebhafte Unterhaltung mit
den Damen, oder wurde vielmehr von diesen in eine lebhafte Unterhaltung
verwickelt, wobei er von ihnen mit einer wahren Fülle höchst feiner und
geistreicher allegorischer Bemerkungen überschüttet wurde, die alle
gedeutet und enträtselt werden mußten, so daß ihm der Schweiß auf die
Stirn trat, und er sogar die vornehmste Anstandsregel zu erfüllen
vergaß: nämlich der Frau des Hauses seine Aufwartung zu machen. Er
erinnerte sich erst daran, als er dicht neben sich die Stimme der Frau
Gouverneurin vernahm, die ihm schon einige Minuten lang gegenüberstand.
Die Gouverneurin schüttelte freundlich den Kopf und sagte in zärtlichem
und etwas schelmischem Tone zu ihm: »So sind Sie also, Pawel
Iwanowitsch! ...« Ich kann die Rede der Gouverneurin hier nicht genau
reproduzieren, ich weiß nur, daß sie ihm einige äußerst freundliche und
liebenswürdige Worte sagte, in der Art, wie sich die Damen und Kavaliere
in den Romanen und Erzählungen unserer vornehmsten Schriftsteller
auszudrücken pflegen, die mit besonderer Vorliebe das Leben in unseren
Salons beschreiben und bei dieser Gelegenheit merken lassen, daß sie
große Kenner des feinen Tones sind: sie sagte etwa: »Hat man sich
bereits so sehr Ihres Herzens bemächtigt, daß darin gar kein Plätzchen,
ja nicht einmal ein kleiner Winkel für die übrig geblieben ist, die Sie
in so hartherziger Weise vergessen konnten?« Unser Held wandte sich
sogleich an die Gouverneurin und war schon im Begriff, ihr mit einer
Antwort aufzuwarten, die sicherlich nicht schlechter gewesen wäre, als
die, welche wir in unseren modernen Romanen und Novellen von den
Swonskijs, Linskis, Lidins, Gremins und andern weltmännisch-gewandten
Militärpersonen hören können, als er unwillkürlich die Augen aufschlug
und plötzlich wie vom Schlage gerührt stehen blieb.
Vor ihm stand die Gouverneurin, aber nicht allein: sie hielt ein
sechzehnjähriges junges Mädchen am Arm, eine frische Blondine, mit
feinen regelmäßigen Zügen, spitzem Kinn und schön gerundetem Oval des
Gesichts, das wohl einem Künstler als Modell zu einer Madonna hätte
dienen können, wie man es in Rußland nur selten findet, wo alle Dinge
mehr ins Weite schweifen: Berge und Wälder, Steppen, Gesichter, Lippen
und Füße -- es war dieselbe Blondine, welcher er unterwegs begegnet war,
als er von Nosdrjow kam, und als ihre Wagen durch die Dummheit der
Kutscher oder der Pferde auf so seltsame Weise zusammenstießen und mit
ihrem Geschirr in einander gerieten, und als Onkel Mitjai und Onkel
Minai den Knoten der Verwirrung lösen wollten. Tschitschikow wurde so
verlegen, daß er kein vernünftiges Wort über die Lippen bringen konnte
und einen so tollen Blödsinn herausstotterte, wie ihn allerdings weder
Gremin noch Swonskij noch Lidin jemals vom Stapel gelassen hätten.
»Kennen Sie meine Tochter noch nicht?« sagte die Gouverneurin. »Sie hat
soeben das Pensionat verlassen.«
Er erwiderte, er habe bereits das Vergnügen gehabt, ganz unerwartet ihre
Bekanntschaft zu machen; dann wollte er noch etwas hinzufügen, aber das
mißglückte ihm vollständig. Nachdem die Gouverneurin noch ein paar Worte
gesagt hatte, entfernte sie sich mit ihrer Tochter nach dem andern Ende
des Saals, um sich den andern Gästen zu widmen, und ließ Tschitschikow
wie angewurzelt stehen. Lange noch stand er auf demselben Fleck wie ein
Mensch, welcher heiter auf die Straße hinaustritt, um einen Spaziergang
zu machen, dessen Augen jedem Eindruck der Umgebung offen stehen, und
der plötzlich stehen bleibt, weil er sich erinnert, daß er noch etwas
vergessen hat; man kann sich überhaupt nichts Unbehilflicheres
vorstellen, als solch einen Menschen: Mit einem Schlage ist die
unbesorgte Miene von seinem Gesichte verschwunden. Mühsam sucht er sich
zu erinnern, was er denn eigentlich vergessen hat: das Taschentuch? Aber
das Taschentuch steckt in der Tasche! Sein Geld? Aber auch das Geld ist
da! Nichts scheint zu fehlen, und doch raunt ihm ein unbekannter Dämon
ins Ohr, er habe dennoch etwas vergessen. Verwirrt und kopflos blickt er
auf die vorüberwogende Menge, die vorbeijagenden Equipagen, auf die
Helme und Gewehre der Soldaten, die Aushängeschilder usw. und doch kommt
ihm nichts klar zu Bewußtsein. So auch wurde Tschitschikow allem
entfremdet, was um ihn her vor sich ging. Unterdessen flogen ihm von
duftigen Frauenlippen mancherlei Fragen und Anspielungen zu, die
Feinheit und Zärtlichkeit atmeten. »Dürften wir armen Erdenbewohner uns
wohl erkühnen, Sie zu fragen, worüber Sie nachsinnen?« -- »Wo liegen die
seligen Gefilde, wo Ihr Gedanke weilt?« -- »Kann man den Namen
derjenigen erfahren, die Sie in dieses holde Tal der Träume gelockt
hat?« Aber er beachtete keine dieser Fragen, und die freundlichen Worte
waren wie in den Wind gesprochen, ja er war so unliebenswürdig, daß er
die Damen ruhig stehen ließ und sich nach der andern Seite des Saales
begab, um auszuspähen, wohin die Gouverneurin mit ihrer Tochter
entschwunden war. Aber die Damen wollten ihn doch nicht so leichten
Kaufes davonkommen lassen -- eine jede von ihnen war innerlich fest
entschlossen, keins von jenen Mitteln, die unsern Herzen so gefährlich
werden und keinen ihrer stärksten Reize unbenutzt zu lassen. Hier muß
ich einschalten, daß einige Damen, ich sage einige und keineswegs alle
-- an einer kleinen Schwäche leiden: wenn sie etwas Reizvolles an sich
bemerken, sei es nun die Stirn, der Mund oder die Hände -- dann denken
sie gleich, dieser höchste Vorzug müsse auch allen anderen sofort
auffallen, sodaß alle wie ein Mann ausrufen sollten: »Seht, seht doch
nur, was sie für eine herrliche griechische Nase hat!« oder »Welch eine
entzückende regelmäßige Stirn!« Hat aber gar eine schöne Schultern, dann
ist sie im voraus überzeugt, daß alle jungen Leute von ihrem Anblick
ganz benommen sind und unbedingt ausrufen werden, wenn sie vorübergeht:
»Nein, was hat sie für herrliche Schultern!« während sie Gesicht, Haare,
Augen und Stirne keines Blickes würdigen, und wenn sie doch hinsehen,
diese Dinge als etwas ganz Nebensächliches behandeln werden. Wie gesagt,
so denken einzelne unter den Damen. Diesen Abend aber hatte sich eine
jede geschworen, beim Tanz so entzückend wie möglich zu erscheinen und
die Vorzüge ihrer größten Reize in vollem Glanze erstrahlen zu lassen.
Die Frau Postmeisterin ließ, während sie sich nach den Klängen eines
Walzers drehte, ihr Köpfchen so matt und müde auf die Schulter sinken,
daß man sich wirklich in eine höhere Welt versetzt glaubte. Eine äußerst
liebenswürdige Dame, welche garnicht in der Absicht zu tanzen auf den
Ball gekommen war, und bei der sich eine kleine Unannehmlichkeit oder
Inkommodität, wie sie sich selbst ausdrückte, in Form eines Hühnerauges
von der Größe einer Erbse auf dem rechten großen Zeh eingestellt hatte,
sodaß sie sogar Plüschstiefel hatte anziehen müssen, -- selbst diese
litt es nicht auf ihrem Platze, und auch sie machte einige Walzertouren
in ihren Plüschstiefeln, nur damit der Postmeisterin ihre Triumphe nicht
allzusehr zu Kopfe stiegen.
Aber dies alles übte nicht die gewünschte Wirkung auf Tschitschikow; er
blickte kaum hin auf die Pas und Figuren, welche die Damen ausführten,
sondern erhob sich nur immer auf den Zehenspitzen, um über die Köpfe
hinweg auszuschauen, wo sich die interessante Blondine gerade befand;
bald hockte er wieder ein wenig nieder, um zwischen Schultern und Armen
etwas von ihr zu erhaschen; und jetzt endlich hatte er gefunden, er sah
sie neben der Mutter sitzen, über deren Haupt sich majestätisch eine Art
orientalischer Turban mit einer Feder schaukelte. Fast schien es, als
wolle er die Festung im Sturme nehmen. War es die Frühlingsstimmung, die
so stark auf ihn wirkte, oder gab es jemand, der ihn von hinten stieß?
Genug, er drängte sich entschlossen und unter Mißachtung aller
Hindernisse bis zu ihnen durch: der Branntweinpächter erhielt von ihm
einen Rippenstoß, daß er sich nur mit Not auf einem Beine zu erhalten
vermochte, was noch ein Glück war, da er sonst den ganzen Reigen bei
seinem Falle in Mitleidenschaft gezogen hätte; auch der Postmeister
sprang zurück und sah ihn mit Staunen an, in das sich etwas wie feine
Ironie mischte; aber Tschitschikow würdigte sie keines Blickes: er hatte
für nichts ein Auge, als für die ferne Blondine, die gerade im Begriff
war, einen langen Handschuh anzuziehen und sicherlich vor Verlangen
brannte über das Parkett dahinzuschweben. Währenddessen holzten in der
andern Ecke schon vier Paare eine Mazurka ab: die Absätze zerstießen
fast den Boden, und ein Hauptmann der Armee arbeitete mit Leib und
Seele, Händen und Füßen, indem er sich in solchen Figuren produzierte,
wie sie die lebhafteste Phantasie sich nicht hätte träumen lassen.
Tschitschikow schoß fast über die Füße der Tänzer hinweg geradenwegs auf
den Platz zu, wo die Gouverneurin mit ihrer Tochter saß. Allein, er
näherte sich ihnen doch nur sehr zaghaft und trippelte nicht so forsch
und keck mit den Füßen, ja er wurde sogar etwas verlegen und in all
seinen Bewegungen kam eine gewisse Hilflosigkeit zum Ausdruck.
Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in unserm Helden sich
wirklich etwas wie Liebe regte; es ist sogar zweifelhaft, ob Männer wie
er, oder solche, die nicht gerade dick, aber doch auch nicht allzu dünn
sind, überhaupt der Liebe fähig sind; und doch spielte sich hier etwas
so Seltsames ab, daß er es sich selbst nicht erklären konnte: es kam ihm
so vor, wie er es nachher selbst eingestand, als ob der ganze Ball mit
all seinem Rausch und Trubel auf einige Augenblicke wie in weite Ferne
gerückt sei, die Geigen und Trompeten schienen wie hinter den Bergen zu
verhallen, und alles lag wie im Nebel gehüllt da, der einem nachlässig
hingemalten Felde auf einem Gemälde glich. Und von dem Hintergrunde
dieses trüben, nachlässig auf die Leinwand geworfenen Feldes hoben sich
allein die feinen Züge der entzückenden jungen Blondine scharf und
deutlich ab: das reizende Oval ihres Gesichtes, ihre schlanke elastische
Gestalt, wie man sie nur bei einem jungen Mädchen trifft, das eben aus
dem Pensionate kommt, ihr beinahe schlichtes weißes Kleid, welches sich
frei und leicht an die zarten jungen Glieder schmiegte, und überall die
herrlichen reinen Linien erkennen ließ. So glich sie einem wunderbaren,
kunstvoll geschnitzten Spielzeug aus Elfenbein; sie allein leuchtete
schneeweiß, klar und hell aus der trüben dunkelen Masse hervor.
Es ist wohl nicht anders auf dieser Welt; offenbar werden auch die
Tschitschikows einmal in ihrem Leben, wenn auch nur für einen kurzen
Augenblick, zu Dichtern; doch das Wort _Dichter_ ist ein wenig
übertrieben. Wenigstens kam er sich in diesem Moment ganz wie ein junger
Mann oder gar wie ein fescher Husar vor. Sowie ein Stuhl neben der
Schönen frei wurde, nahm er sofort auf ihm Platz. Das Gespräch wollte
zuerst nicht recht vom Flecke kommen, aber nach einiger Zeit kam es in
Fluß, er bekam sogar Mut, aber .... Hier muß ich zu meinem großen
Bedauern bemerken, daß ältere, würdige Leute, die wichtige Ämter im
Staate bekleiden, gerade in der Unterhaltung mit Damen ein bißchen
schwerfällig werden; so richtig raus haben das nur die Leutnants,
dagegen gilt dies nicht mehr für die höheren Offiziere, vom Hauptmann
aufwärts. Wie sie das anfangen, das weiß der liebe Gott: es sind doch
wahrhaftig keine abgrundtiefen Dinge, die sie da vorbringen, aber die
jungen Mädchen schütteln sich auf ihren Stühlen vor Lachen; dagegen kann
euch ein Staatsrat die wundersamsten Dinge erzählen: sich etwa darüber
verbreiten, daß Rußland ein gewaltiges Reich ist, oder ein Kompliment
vom Stapel lassen, das natürlich nicht ohne Geist ist, aber dies alles
schmeckt doch zu sehr nach Bücherweisheit, und wenn er etwas Komisches
sagt, dann lacht er sicherlich unvergleichlich viel mehr darüber, als
seine Dame. Ich mache diese Bemerkung an dieser Stelle, damit die Leser
verstehen, warum unsere Blondine während der Erzählungen unseres Helden
zu gähnen begann. Unser Held aber schien das garnicht zu bemerken und
fuhr fort all die schönen Dinge auszukramen, die er schon mehrfach und
bei verschiedenen Gelegenheiten zum Besten gegeben hatte, und zwar: im
Gouvernement Simbirsk bei Sophron Iwanowitsch Bespetschny, in Gegenwart
von dessen Tochter Adelheide Sophronowna und drei Schwägerinnen: Marha
Gawrilowna, Alexandra Gawrilowna und Adelheid Gawrilowna; ferner bei
Fjoder Fjodorowitsch Perekrojew im Gouvernement Rjasan; bei Frol
Wossiljewitsch Pobedonski im Gouvernement Pensa und bei dessen Bruder
Pjotr Wassiljewitsch, in Gegenwart von dessen Schwägerin Katarina
Michailowna und deren Enkelkindern: Rosa Fjodorowna und Emilia
Fjodorowna; und endlich im Gouvernement Wjatka bei Pjotr
Warßonowjewitsch in Gegenwart der Schwester seiner Schwiegertochter
Pelageja Jegorowna und seiner Nichte Sofja Rostislawna und deren beiden
Stiefschwestern Sofja Alexandrowna und Maklatura Alexandrowna.
Tschitschikows Benehmen erregte das Mißfallen aller Damen. Eine von
ihnen ging absichtlich an ihm vorbei, um ihm dies zu verstehen zu geben,
und streifte die Blondine sogar etwas nachlässig mit der breiten
Schleppe ihres Kleides, während sie den Shawl, der um ihre Schultern
flatterte, so dirigierte, daß sie die junge Dame mit dem Zipfel gerade
ins Gesicht traf; um dieselbe Zeit entfloh dem Munde einer anderen Dame
hinter Tschitschikows Rücken zugleich mit dem Veilchengeruch der von ihr
ausströmte, eine recht boshafte und bissige Bemerkung. Aber sei es nun,
daß er in der Tat nichts davon gehört hatte, sei es, daß er bloß so tat,
als ob er nichts höre, genug, seine Handlungsweise war in diesem Falle
nicht sehr korrekt und schön, denn man soll etwas auf die Meinung der
Damen geben: er sollte seinen Fehler bereuen, aber leider erst nachher,
als es schon zu spät war.
Eine wirklich berechtigte Empörung malte sich in vielen Zügen. So groß
auch Tschitschikows Ansehen in der Gesellschaft war, so sehr man davon
überzeugt war, daß er Millionär sei, und obwohl sein Gesicht einen
majestätischen und sogar martialischen Ausdruck hatte, -- es gibt Dinge,
welche die Damen keinem Manne verzeihen, er mag sein, wer er will, und
sein Untergang ist besiegelt. Es gibt Fälle, wo die Frau, so
charakterschwach sie auch im Vergleich mit dem Manne ist, plötzlich
nicht nur fester und unbeugsamer wird, als der _Mann_, sondern _als
alles in der Welt_. Die Mißachtung, die Tschitschikow, ohne es
eigentlich selbst zu bemerken, den Damen erwiesen hatte, führte wieder
zum Frieden und zur Einigung, die durch den Vorfall mit dem Stuhl
beinahe in die Brüche gegangen wäre. In den von ihm leicht hingeworfenen
ganz unwichtigen und belanglosen Reden entdeckte man plötzlich boshafte
und spitzige Anspielungen. Um das Unglück zu vollenden, hatte noch ein
junger Mann ein paar satirische Strophen auf die Tänzer gedichtet, ohne
das es bekanntlich bei Bällen in der Provinz, beinahe nie abgeht. Sofort
wurden diese Verse Tschitschikow zugeschrieben. Die Empörung wurde immer
größer, die Damen standen in den verschiedenen Ecken des Saales zusammen
und tuschelten miteinander, wobei einige sehr unfreundliche Äußerungen
über ihn fielen; die arme Blondine aber ward vollkommen vernichtet, ihr
Todesurteil war unterschrieben.
Inzwischen wartete unseres Helden eine höchst peinliche Überraschung;
während seine junge Nachbarin gähnte, und er ihr allerhand Geschichten
aus den entferntesten Zeitläuften erzählte, und sogar den griechischen
Philosophen Diogenes erwähnte, erschien plötzlich Nosdrjow auf der
Bildfläche, der gerade aus einem der hinteren Zimmer in den Saal trat.
Kam er aus dem Restaurationsraum oder war er aus dem kleinen grünen
Zimmer entsprungen, wo nicht bloß Whist, sondern weit weniger harmlose
Spiele gespielt wurden, erschien er aus freien Stücken, oder war er
herausgeschmissen worden, genug, er trat plötzlich fröhlich und sehr
aufgeräumt in den Saal, den Staatsanwalt am Arme, den er wohl schon eine
ganze Weile mit sich herumschleppte, denn der arme Staatsanwalt runzelte
seine Stirne und schaute nach allen Seiten aus, wahrscheinlich weil er
darüber nachsann, wie er sich von seinem freundlichen Reisebegleiter
befreien könne. Und in der Tat, seine Lage war wirklich unerträglich.
Nosdrjow hatte zwei Tassen Tee -- natürlich nicht ohne Rumzusatz
heruntergeschlürft und sich Mut getrunken. Jetzt log er wieder, daß sich
die Balken bogen. Als Tschitschikow ihn von ferne erblickte, entschloß
er sich sogar ein Opfer zu bringen, das heißt seinen angenehmen Platz zu
verlassen, und sich so schnell als möglich zu entfernen: denn er
versprach sich nichts Gutes von dieser Begegnung. Aber wie zum Trotz
tauchte plötzlich der Gouverneur neben ihm auf, um ihm seine große
Freude darüber auszudrücken, daß er Pawel Iwanowitsch endlich gefunden
habe, und hielt ihn fest, indem er ihn bat, Schiedsrichter in einem
kleinen Streit mit zwei Damen zu sein; man konnte sich nämlich nicht
darüber einigen ob die Liebe der Frau von Dauer sei oder nicht; jetzt
aber hatte Nosdrjow ihn schon bemerkt und ging geradewegs auf ihn zu:
»Ah! Der Chersoner Gutsbesitzer! Der Chersoner Gutsbesitzer!« schrie er,
während er näher kam und so laut lachte, daß seine frischen Backen, die
so rot waren wie Frühjahrsrosen, nur so zitterten: »Nun? Hast du viel
Tote gekauft? Sie wissen doch Exzellenz!« schrie er aus vollem Halse,
indem er sich an den Gouverneur wandte, »er handelt mit toten Seelen!
Bei Gott! Hör mal Tschitschikow! Hör doch, ich sag dir's in aller
Freundschaft, wir sind doch hier unter lauter Freunden, da ist ja auch
Seine Exzellenz, ich würde dich hängen lassen, bei Gott, ich lasse dich
hängen!«
Tschitschikow wußte nicht mehr, wie ihm wurde. »Sie werden mir's nicht
glauben, Exzellenz!« fuhr Nosdrjow fort: »wie er mir sagte: >Hör mal,
verkauf mir doch deine toten Seelen,< da bin ich fast geplatzt vor
Lachen. Dann komme ich in die Stadt, und da sagt man mir, er habe drei
Millionen Bauern gekauft, die er zur Kolonisation verwenden will, schöne
Kolonisation das! Er wollte mir doch Tote abkaufen. Hör mal
Tschitschikow: du bist ein Schwein, bei Gott, du bist ein Schwein! Da
ist ja auch seine Exzellenz, nicht wahr, Herr Staatsanwalt?«
Aber der Staatsanwalt und Tschitschikow waren so verlegen und verwirrt,
daß sie gar keine Antwort fanden; unterdessen aber fuhr Nosdrjow, der
ein wenig angeheitert war, ohne auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen,
in seiner Rede fort: »Ja, ja mein Bester ... ich lasse dich nicht eher
los, als bist du mir sagst, wozu du die toten Seelen gekauft hast. Hör
mal, Tschitschikow, du solltest dich schämen; du weißt ja selbst, daß du
keinen besseren Freund hast, als mich. Sieh mal, da ist ja auch Seine
Exzellenz ... nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Sie werden es nicht
glauben, Exzellenz, wie wir aneinander hängen, tatsächlich, wenn Sie
mich fragten -- hier steh ich, und wenn Sie mich fragten: >Nosdrjow, sag
mal auf Ehre und Gewissen, wer ist dir lieber, dein eigener Vater oder
Tschitschikow!< so müßte ich sagen: Tschitschikow! Bei Gott! ...
Herzchen komm laß mich dir einen Kuß, einen Baiser geben. Sie werden
wohl erlauben, daß ich ihn küsse, Exzellenz. Sträube dich doch nicht
Tschitschikow, laß mich dir doch ein Baiserchen auf deine schneeweiße
Wange drücken!« Aber Nosdrjow kam mit seinem Baiser so übel an, daß er
beinahe auf den Boden geflogen wäre. Alle zogen sich von ihm zurück und
hörten nicht mehr auf ihn. Allein seine Worte von dem Kauf der toten
Seelen waren doch so laut aus vollem Halse herausgeschrieen und von
einem so schallenden Gelächter begleitet worden, daß sie selbst die
Aufmerksamkeit _der_ Gäste auf sich lenkten, die sich in den
entferntesten Ecken des Zimmers befanden. Diese Nachricht klang so
seltsam, daß alle starr und stumm, mit einem halb fragenden, halb
törichten Ausdruck auf dem Gesichte dastanden. Tschitschikow bemerkte,
wie mehrere Damen sich mit den Augen Zeichen machten und sich boshaft
und gehässig zulächelten, und er glaubte in manchen Gesichtern etwas
ganz Eigentümliches und Zweideutiges zu entdecken, was die allgemeine
Verlegenheit noch verstärkte. Daß Nosdrjow ein Erzlügner und Schwindler
war, das wußte jedermann, und es wäre keinem Menschen aufgefallen, wenn
er etwas ganz Unsinniges und Törichtes von ihm gehört hätte; aber der
sterbliche Mensch ist -- nein, es ist wirklich schwer zu verstehen, wie
dieser sterbliche Mensch nun eigentlich beschaffen ist; so albern und
läppisch eine Neuigkeit auch sein mag, wenn es nur eine _Neuigkeit_ ist,
so wird er sie unbedingt einem andern Sterblichen mitteilen, wenn auch
nur um zu sagen: »Was sie da wieder für ein Lügenmärchen verbreiten!«
Und der andre Sterbliche wird höchst vergnügt die Ohren spitzen, wenn er
auch später sagen wird: »Aber das ist doch eine gemeine Lüge, der man
gar keine Beachtung schenken sollte!« Und gleich darauf wird er sich
aufmachen und sich einen dritten Sterblichen suchen, um ihm die
Geschichte zu erzählen und dann mit ihm zusammen in edler Empörung
auszurufen: »Was für eine gemeine Lüge!« Und so wird das Gerücht die
Runde durch die ganze Stadt machen, und alle Sterblichen, soviel ihrer
da sind, werden solange über die Sache sprechen, bis sie sie satt
kriegen, und dann behaupten, die ganze Geschichte sei es nicht wert, daß
man über sie rede.
Diese anscheinend so unbedeutende und belanglose Begebenheit hatte
unseren Helden indessen merklich verstimmt. So dumm und albern auch die
Reden eines Narren sind, oft reichen sie doch hin, um auch einen klugen
Mann in Verlegenheit zu bringen. Er fühlte sich plötzlich sehr
unbehaglich und peinlich berührt, wie wenn er mit einem schöngeputzten
Stiefel in eine schmutzige, stinkende Pfütze getreten wäre; mit einem
Wort, es war nicht schön, garnicht schön! Er versuchte es, nicht daran
zu denken, sich zu vergessen, zu zerstreuen, setzte sich sogar an den
Whisttisch, aber es ging alles schief wie ein verbogenes Rad: zweimal
spielte er die falsche Farbe aus, er vergaß sogar einmal, daß er eine
Karte nicht stechen durfte, holte mit der Hand aus und übertrumpfte
seine eigene Karte. Der Gerichtspräsident konnte es durchaus nicht
verstehen, wie es bloß möglich war, daß Pawel Iwanowitsch, der ein so
guter, ja man kann sagen feiner Spieler war, sich solche Schnitzer
zuschulden kommen und sogar seinen Pique-König übertrumpfen lassen
konnte, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, wie auf den
lieben Gott; dies waren seine eigenen Worte. Natürlich machten sich der
Postmeister, der Gerichtspräsident und sogar der Polizeimeister, wie das
zu geschehen pflegt, ein wenig über unsern Helden lustig und neckten ihn
damit, daß er wohl gar verliebt sei und daß Pawel Iwanowitsch, wie sie
ja wüßten, ein leicht entzündliches Herz habe. Auch sei es ihnen
bekannt, wer es verwundet hätte. Aber dieses war kein Trost für ihn, so
sehr er es auch versuchte, zu lächeln und die Scherze mit Scherzen zu
beantworten. Beim Abendessen wollte es ihm auch nicht gelingen, sich so
recht zur Geltung zu bringen, obwohl die Tischgesellschaft sehr angenehm
war und trotzdem man Nosdrjow schon längst hinausbefördert hatte, weil
selbst die Damen schließlich anerkennen mußten, daß sein Benehmen gar zu
skandalös war. Während des Kotillons hatte er nämlich ganz plötzlich auf
dem Parkett Platz genommen und die Tänzer bei den Frackschößen gepackt,
was nach dem Ausdruck der Damen, schon ein ganz unmögliches Betragen
war. Das Abendessen war sehr lustig: Alle Gesichter, die zwischen den
dreiarmigen Leuchtern, Blumen, Flaschen und Schüsseln mit Konfekt
hindurchschimmerten, glänzten vor eitel Freude und Befriedigung. Die
Offiziere, die Damen und die befrackten Herren -- flossen alle über vor
Liebenswürdigkeit bis zum Überdruß. Ein Oberst überreichte sogar seiner
Dame die Saucenschüssel, indem er sie auf der nackten Degenspitze
balancierte. Die älteren Herren, in deren Mitte auch Tschitschikow saß,
debattierten eifrig, und jedes treffende Wort wurde von einem kernhaften
Bissen Fisch oder Fleisch, der nur so von Senf triefte, begleitet; man
stritt gerade über die Gegenstände, für die sich Tschitschikow immer
lebhaft interessiert hatte, und doch glich er heute Abend einem
Menschen, der müde und zerschlagen von einem langen Wege heimgekehrt
ist, dessen Gehirn ihm den Dienst verweigert und dem nichts mehr
einfallen will. So wartete er denn nicht einmal das Ende des Soupers ab,
und fuhr viel früher nach Hause, als dies sonst seine Gewohnheit war.
Dort in jenem Zimmer, das der Leser so gut kennt, mit der Kommode, die
vor der Türe stand, und den hie und da aus den Ecken herausguckenden
Schwabenkäfern, wollten indessen sein Geist und seine Gedanken ebenso
wenig zur Ruhe kommen, wie der wacklige Lehnstuhl, in dem er saß. Es war
ihm sehr schwer ums Herz. Eine lastende Leere quälte ihn: »Wenn doch
alle die Menschen, welche diese Bälle erfunden haben, der Teufel holte!«
rief er wütend. »Welchen Anlaß haben sie nur, so zu jubeln? In der
Provinz herrschen Mißernte, Teuerung und Hungersnot, und sie geben
Bälle! Auch was Rechtes: hüllen sich da in alte Weiberlappen. Denken
Wunder was sie sind, wenn sie mehr als tausend Rubel auf ihrem Leibe
tragen! Das muß doch schließlich der Bauer mit seiner Steuer bezahlen,
und am Ende fällt es gar auf unsereinen zurück. Man weiß doch, weswegen
die Herren so heucheln und sich dennoch bezahlen lassen: um ihrer Frau
einen teuren Shawl, Roben und weiß der Teufel wie sie es sonst noch
nennen zu kaufen! Und wozu das alles? Damit nur ja keins von diesen
liederlichen Frauenzimmern sagen kann, die Frau Postmeisterin habe ein
besseres Kleid angehabt, -- deswegen schmeißt man tausend Rubel aus dem
Fenster. Da schreit man: ein Ball, ein Ball, wie amüsant! Ich mache mir
einen Dreck aus so 'nem Ball, das entspricht dem russischen Wesen gar
nicht, das ist eine ganz unrussische Einrichtung. Pfui Teufel noch
einmal: kommt da plötzlich ein reifer erwachsener Mensch im schwarzen
Frack wie ein nackter, gerupfter Teufel angesprungen und fuchtelt mit
den Beinen hin und her. Und ein anderer steht wohl gar mit einem andern
zusammen, unterhält sich mit ihm über eine ernste Angelegenheit und
führt rechts und links allerlei Arabesken auf dem Fußboden aus ... Das
ist alles nichts wie Nachäfferei; nichts wie Nachäfferei. Weil der
Franzose mit vierzig Jahren noch gerad so ein Kind ist, wie mit
fünfzehn, darum müssen wir's auch so machen! Nein wirklich, nach jedem
Ball ist mir zumute als hätte ich irgendein Verbrechen begangen, man
möchte lieber gar nicht daran denken! Der Kopf ist einem so leer wie
nach einem Gespräch mit einem vornehmen Weltmann: der schwatzt einem was
vor, berührt alles nur ganz obenhin, tischt einem was auf, was er sich
aus Büchern zusammengerafft hat; das klingt alles sehr schön und nett,
und doch ist einem der Kopf grad so leer, wie vordem; so daß man
schließlich überzeugt ist, daß eine Unterhaltung mit einem einfachen
Kaufmann, der nichts kennt wie sein Geschäft, es dafür aber auch
gründlich und aus dem ff kennt, mehr wert ist als all diese
Kinkerlitzchen. Was hat man nun von solch einem Ball? Wenn es zum
Beispiel einem Schriftsteller einfiele, diese ganze Szene zu schildern,
genau so wie sie sich abgespielt hat? Sie würde sich doch in einem Buche
genau so töricht und albern ausnehmen wie in Natur. Man weiß wirklich
nicht, wie sie wirken würde: sittlich oder unsittlich? Weiß der Teufel,
was das ist. Man würde nur ausspucken und das Buch zuklappen!« So
unfreundlich äußerte sich Tschitschikow über die Bälle im allgemeinen;
aber ich glaube, sein Unwillen hatte auch noch einen andern Grund. Was
ihn am meisten ärgerte, war in Wahrheit garnicht der Ball, sondern der
Umstand, daß er hereingefallen, plötzlich vor allen Leuten in Gott weiß
was für einem Lichte erschienen war, und dabei eine so seltsame und
höchst zweideutige Rolle gespielt hatte. Freilich, wenn er das
Vorgefallene mit dem Auge eines vernünftigen Menschen überschaute, sah
er, daß das alles nur Kleinigkeiten waren, und daß ein törichtes Wort
gar nichts zu bedeuten habe, besonders jetzt, wo die Hauptsache bereits
glücklich vollendet und erledigt war. Aber -- so seltsam ist nun einmal
der Mensch: was ihn so tief betrübte, war dies, daß er sich die
Zuneigung derselben Menschen verscherzt hatte, die er doch selbst nicht
achtete, über die er so hart urteilte und die er wegen ihrer Eitelkeit
und Putzsucht so scharf getadelt hatte. Das ärgerte ihn um so mehr, als
er sich bei genauerer Prüfung eingestehen mußte, daß er selbst einige
Schuld daran trug. Trotzdem zürnte er sich selber nicht im geringsten
und darin hatte er natürlich recht. Wir leiden alle an dieser kleinen
Schwäche, daß wir uns selbst gerne etwas schonen und uns lieber irgend
einen von unseren Nächsten aussuchen, an dem wir unseren Ärger auslassen
können, entweder einen Diener oder einen von unseren Untergebenen, der
uns gerade in den Weg läuft, oder unsere Frau, oder endlich gar einen
Stuhl, den wir gegen die Türe oder weiß der Teufel wohin schleudern,
sodaß ein Bein oder die Lehne bricht, damit die Herrschaften unseren
Zorn einmal gründlich kennen lernen! So fand auch Tschitschikow bald
einen Nächsten, der alles auf seinen Schultern davon tragen mußte, was
ihm sein Zorn eingab. Dieser liebe Nächste war Nosdrjow, und es läßt
sich nicht leugnen, daß er so kräftig von hinten und vorne und von allen
Seiten vermöbelt wurde, wie höchstens noch irgend ein Spitzbube von
einem Dorfschulzen oder ein Postkutscher von einem Reisenden, einem
Hauptmann mit reicher Erfahrung oder unter Umständen auch von einem
General vermöbelt wird, welcher zu den vielen klassischen Schimpfworten,
die er ihm an den Kopf wirft, noch eine ganze Reihe von andern
unbekannten auskramt, die seinem eigensten Erfindergeist entspringen.
Nosdrjows ganzer Stammbaum wurde hergenommen, und vielen Mitgliedern
seiner Familie in aufsteigender Linie wurde stark mitgespielt.
Aber während Tschitschikow so von trüben Gedanken geplagt, schlaflos in
seinem harten Lehnstuhle saß und Nosdrjow samt seiner ganzen Familie
tüchtig durchhechelte, während das Talglicht langsam niederbrannte,
dessen Docht schon ellenlang verkohlt war, sodaß die Kerze jede Minute
zu verlöschen drohte, während undurchdringliche nächtliche Finsternis
durchs Fenster blickte, und bei der nahenden Morgenröte schon im Begriff
war, in blaue Dämmerung umzuschlagen, während sich in der Ferne ab und
zu ein paar Hähne ihren Weckruf zukrähten, und irgendwo ein
Unglücklicher von unbekanntem Stand und Herkommen in einfachem
Wollmantel heimlich durch die stillen Straßen der verschlafenen Stadt
schlich, er, der nur den einen (leider nur den einen!) von dem
unbändigen russischen Volke ausgetretenen Weg kennt -- spielte sich am
andern Ende der Stadt ein Vorgang ab, welcher die peinliche Lage unseres
Helden noch verschlimmern sollte. Durch die entlegenen Straßen und
Gäßchen rasselte nämlich in diesem Augenblick ein gar seltsames Gefährt,
für welches nicht gleich ein Name zu finden wäre. Es hatte weder
Ähnlichkeit mit einem Bauernwagen, noch mit einer Kutsche, noch mit
einer Equipage, sondern glich eher einer pausbäckigen, dickbauchigen
Wassermelone, die man auf ein paar Räder gestellt hatte. Die Backen
dieser Wassermelone, d. h. die Wagentüren, welche noch Spuren von gelber
Farbe aufwiesen, schlossen sehr schlecht wegen des üblen Zustandes, in
dem sich die Klinken und Schlösser befanden, die nur notdürftig mit ein
paar Stricken zusammengebunden waren. Diese Wassermelone war mit
Kattunkopfkissen, die wie Tabaksbeutel, Rollkissen oder gewöhnliche
Kissen aussahen, und mit Säcken voll Getreide, Semmeln, Wecken und
Bretzeln aus gebrühtem Teig angefüllt. -- Oben guckten sogar eine
Hühner- und eine Salzpastete heraus. Auf dem Trittbrett stand eine
Gestalt, von lakaienhaftem Aussehen in einer gesprenkelten Jacke. Sie
war unrasiert, und ihre Haare begannen schon zu ergrauen. Mit einem
Wort, es war die bekannte Figur, die bei uns zu Lande »Bursch« genannt
zu werden pflegt. Der Lärm und das Gerassel der eisernen Klammern und
rostigen Schrauben weckten den Wächter am andern Ende der Stadt, sodaß
er seine Hellebarde aufrichtete und noch schlaftrunken aus voller Kehle:
Wer da? rief. Als er jedoch bemerkte, daß niemand da war, und nur ein
starkes Rasseln aus der Ferne herüber tönte, machte er sich flugs daran
ein Tierchen, das auf seinem Kragen saß, zu fangen, worauf er sich der
Laterne näherte, um hier eigenhändig das Todesurteil auf seinem Nagel zu
vollstrecken. Dann ließ er die Hellebarde wieder aus der Hand sinken, um
nach den Satzungen seines Ritterordens wieder einzuschlafen. Die Pferde
stolperten über ihre Vorderbeine, weil sie nicht beschlagen waren und
weil sie offenbar das bequeme Stadtpflaster noch nicht genügend kannten.
Die Kalesche machte noch ein paar Wendungen, indem sie aus einer Straße
in die andere einbog, und nahm endlich ihren Weg durch eine dunkle Gasse
an der kleinen Pfarrkirche St. Nikolaus vorüber, um vor dem Hause der
Frau Oberpfarrer Halt zu machen. Aus dem Wagen kroch ein Mädchen in
einem Flausrock und einem Tuch um den Kopf, und hämmerte mit beiden
Fäusten so stark auf das Tor los, wie ein Mann. (Der Bursche in dem
gesprenkelten Rock wurde erst nachher an den Füßen von seinem Standort
heruntergezogen, denn er schlief so fest wie ein Toter.) Die Hunde
fingen an zu bellen. Nach einiger Zeit öffnete sich auch das Tor und
verschlang, wenn auch nicht ohne Mühe, dieses plumpe Vehikel. Der Wagen
rollte in den engen Hof, in dem Holz aufgestapelt war, und in dem sich
mehrere Hühnerställe und andere Ställe befanden; zuletzt stieg noch eine
Dame aus dem Wagen; dies war die Gutsbesitzerin und Kollegiensekretärin
Korobotschka. Die alte Dame war bald nach der Abreise unseres Helden in
große Unruhe und Aufregung darüber geraten, daß sie von ihm betrogen
sein könnte, und hatte sich nach drei schlaflos verbrachten Nächten
endlich entschlossen, nach der Stadt zu fahren, obwohl die Pferde nicht
beschlagen waren, um dort Erkundigungen darüber einzuziehen, welchen
Kurs die toten Seelen hätten, und ob es nicht am Ende eine große Torheit
war, als sie sich überreden ließ, sie so billig zu verkaufen. Was ihre
Ankunft für Folgen hatte, kann der Leser aus einer Unterhaltung
entnehmen, welche bald darauf zwischen zwei Damen stattfand. Diese
Unterhaltung .... doch diese Unterhaltung mag lieber im nächsten Kapitel
stattfinden.
Neuntes Kapitel.
Eines Morgens, noch vor der Stunde, wo in der Stadt N. die Besuchszeit
beginnt, flatterte aus der Türe eines orangefarbenen, hölzernen Hauses
mit einem Erker und einigen blau angestrichenen Säulen, eine Dame in
einem eleganten gestreiften Kleidchen heraus, begleitet von einem Lakai
in einem Mantel mit mehreren Kragen und einem runden glänzenden Hut mit
goldenen Tressen. Die Dame hüpfte eilig die steile Treppe hinab, um
gleich darauf in dem vor der Türe haltenden Wagen zu verschwinden. Der
Lakai warf sogleich die Wagentüre zu, sprang auf das Trittbrett und
schrie dem Kutscher »Vorwärts!« zu. Die Dame brachte eine Neuigkeit mit,
die sie soeben erfahren hatte, und spürte ein schier unüberwindliches
Verlangen, sie auch anderen Leuten mitzuteilen. Sie blickte jeden
Augenblick aus dem Fenster und mußte sich zu ihrem unendlichen Ärger
überzeugen, daß sie kaum mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt
hatte. Jedes Haus kam ihr heute länger vor als gewöhnlich, das armselige
Asyl für alte Frauen mit seinen schmalen Fenstern schien gar kein Ende
nehmen zu wollen, so daß die Dame es schließlich nicht mehr aushielt und
ausrief: »Das verfluchte Haus, ist es denn noch immer nicht zu Ende!«
Der Kutscher hatte schon zweimal den Befehl erhalten, sich doch zu
beeilen: »Schneller, schneller, Andrjuschka! Du fährst ja heute
unerträglich langsam!« Endlich war das Ziel erreicht. Die Kutsche hielt
vor einem einstöckigen hölzernen Haus von dunkelgrauer Farbe mit weißen
Basreliefs über den Fenstern, vor denen sich ein hohes Holzgitter
befand; ein schmaler Staketenzaun friedigte das Ganze ein, dahinter
standen ein paar magere Bäumchen, die beständig mit Straßenstaub bedeckt
waren und daher ganz weiß aussahen. An den Fenstern sah man einige
Blumentöpfe, einen Papagei, der sich in seinem Käfig schaukelte, indem
er sich mit seinem Schnabel an ein Stäbchen anhakte, und zwei Hündchen,
die in der Sonne schliefen. In diesem Hause wohnte eine treue und
aufrichtige Freundin der soeben eingetroffenen Dame. Der Autor ist in
großer Verlegenheit, wie er beide Damen bezeichnen soll und zwar so, daß
ihm niemand deswegen zürne, wie man dies ehemals zu tun pflegte. Irgend
einen Familiennamen erfinden -- das wäre zu gefährlich. Was er auch für
einen Namen wählen würde -- es würde sich ganz sicher in irgend einem
Winkel unseres Landes -- groß genug ist es dazu -- jemand finden, der
denselben Namen trägt, ihm ganz ernstlich böse sein, sein Todfeind
werden und sagen würde, der Autor sei allein deswegen hingereist, um im
geheimen zu erforschen und zu erfahren, wer dieser Jemand eigentlich
sei, in was für einem Pelz er spazieren gehe, bei welcher Frau Agrafena
Iwanowna er verkehre, und was seine Lieblingsgerichte seien; oder nenne
ihn bei seinem Rang und Titel -- so begibst du dich in eine noch größere
Gefahr. Gott behüte! Heutzutage sind alle Berufe und Stände bei uns so
empfindlich geworden, daß sie alles, was sie in einem Buche gedruckt
lesen, sofort für eine persönliche Beleidigung halten: das liegt nun mal
so in der Luft. Man braucht nur zu erklären: in der und der Stadt gebe
es einen dummen Kerl -- sofort ist's eine persönliche Beleidigung: im
Handumdrehen meldet sich schon ein Herr von sehr würdigem Äußeren und
schreit einen an: »Ich bin doch auch ein Mensch, also bin ich wohl
dumm?« Mit einem Wort, er hat es sogleich heraus, um was es sich
handelt. Und darum wollen wir, um all diesen unangenehmen Eventualitäten
aus dem Wege zu gehen, _die_ Dame, welche den Besuch erhielt, so nennen,
wie sie fast einstimmig von der ganzen Stadt N. genannt wurde: nämlich:
die _in jeder Beziehung angenehme_ Dame. Diesen Namen hatte sie von
Rechts wegen erhalten, denn sie hatte in der Tat kein Mittel gescheut,
um im höchsten Grade angenehm und liebenswürdig zu erscheinen, obwohl
freilich aus ihrer Liebenswürdigkeit oft die ganze Schlauheit und
Gewandtheit des weiblichen Charakters hervorblickte, und in manch einem
ihrer stets angenehmen Worte eine ganz gefährliche Spitze verborgen lag!
Garnicht erst davon zu reden, was für ein Grimm gegen jede in ihrem
Herzen kochte, die es gewagt hätte, auf irgend eine Weise in eine erste
Stellung einzurücken. Aber dies alles kleidete sich in das Gewand
feinster weltmännischer Formen, wie man sie nur in einer Provinzstadt
finden kann. Jede ihrer Bewegungen war geschmackvoll, sie schwärmte sehr
für lyrische Gedichte, verstand es sogar, hin und wieder ihr Köpfchen
träumerisch auf die Schulter sinken zu lassen, mit einem Wort, alle
waren einverstanden, daß sie wirklich eine _in jeder Beziehung angenehme
Dame_ sei. Die andre Dame, das heißt jene, welche soeben angekommen war,
hatte keinen so vielseitig veranlagten Charakter, und daher wollen wir
sie _bloß die angenehme Dame_ nennen. Ihre Ankunft weckte die Hündchen,
welche sich auf der Fensterbank sonnten: die zottige Adèle, die sich
beständig in ihrem eigenen Pelze verstrickte und den Rüden Potpourri,
der zwei Paar äußerst dünne Beinchen hatte. Beide stürzten mit
geringelten Schwänzen und unter lebhaftem Gebell ins Vorzimmer, wo die
neuangekommene Dame sich soeben ihres Shawles entledigte und nun in
einem Kleid von neustem Schnitt und moderner Farbe, mit einer langen Boa
um den Hals dastand. Ein intensiver Jasmingeruch verbreitete sich durch
das ganze Zimmer. Kaum hatte die in jeder Beziehung angenehme Dame von
der Ankunft der bloß angenehmen Dame erfahren, als auch sie schon ins
Vorzimmer gelaufen kam. Beide Freundinnen ergriffen sich bei der Hand,
küßten sich und schrieen dabei auf, wie zwei junge Mädchen, die sich
bald nach ihrer Entlassung aus dem Pensionat wieder treffen, bevor noch
die beiden Mütter ihnen klar gemacht haben, daß der Vater der einen
ärmer und kein so hoher Beamter ist, als der Vater der andern. Sie
küßten sich so laut, daß beide Hündchen wieder zu bellen begannen, wofür
sie einen sanften Schlag mit dem Tuche erhielten, -- und beide Damen
begaben sich in den natürlich blautapezierten Salon, in dem ein Sofa,
ein ovaler Tisch und ein paar Fensterschirme standen, um die sich Efeu
rankte; nach ihnen kam die zottige Adèle und der große Potpourri mit den
langen Beinen knurrend ins Zimmer gelaufen. »Hierher, hierher, in dieses
Eckchen!« sagte die Hausfrau, indem sie den Gast in einer Ecke des Sofas
Platz nehmen ließ. »So ist's schön, so ist's recht! Da haben Sie auch
ein Kissen!« Mit diesen Worten schob sie jener ein schön gesticktes
Kissen in den Rücken; die Stickerei stellte einen von jenen Rittern dar,
wie sie gewöhnlich auf Tülle gestickt werden: seine Nase hatte große
Ähnlichkeit mit einer Treppe und die Lippen waren viereckig. »Wie froh
ich bin, daß Sie ... Ich höre jemand vorfahren und denke mir, wer könnte
das wohl sein, schon so früh? Parascha meinte, es sei die Frau
Vizegouverneur, und ich sage noch zu ihr: sollte die dumme Person schon
wieder gekommen sein, um mich zu langweilen? ich wollte mich schon
verleugnen lassen ...«
Die andre Dame war schon im Begriff zur Sache zu kommen und ihre
Neuigkeit auszukramen, aber ein Ausruf, den die in jeder Beziehung
angenehme Dame in diesem Augenblick tat, gab dem Gespräch eine ganz neue
Wendung.
»Was für ein hübscher heller Kattunstoff!« rief die in jeder Beziehung
angenehme Dame, während sie das Kleid der bloß angenehmen Dame
aufmerksam musterte.
»Ja ein sehr heller lebhafter Stoff! Praskowja Fjodorowna findet aber,
daß es hübscher aussehen würde, wenn die Karos noch etwas kleiner und
die Pünktchen nicht braun, sondern blau wären. Ich habe meiner Schwester
einen Stoff geschickt; der ist so entzückend! ich kann's gar nicht
sagen! Denken Sie nur: ganz schmale schmale Streifchen, auf blauem
Grunde, so schmal wie man sich's überhaupt nur vorstellen kann und
zwischen zwei Streifen immer Äuglein und Pfötchen, Äuglein und Pfötchen
.... Mit einem Wort, ganz herrlich! Man kann getrost behaupten, etwas
Schöneres hat es noch nie auf der Welt gegeben.«
»Wissen Sie, Liebste, das wirkt zu bunt.«
»Oh nein! Gar nicht bunt!«
»Oh doch! Viel zu bunt!«
Hier muß ich einschalten, daß die in jeder Beziehung angenehme Dame in
gewissem Sinne Materialistin war, eine starke Neigung zur Negation und
zum Zweifel hatte und sehr vieles an diesem Leben verneinte.
Jetzt aber erklärte die bloß angenehme Dame, daß es durchaus nicht zu
bunt sei, und rief: »Ach ja, ich gratuliere, man trägt keine
Faltenbesätze mehr!«
»Wieso trägt man keine mehr?«
»Statt dessen werden jetzt nur noch Festons getragen!«
»Ach! Festons sind doch aber nicht hübsch!«
»Ja man trägt nur noch Festons, nichts wie Festons. Pelerinen aus
Festons, auf den Ärmeln Festons, Aufsätze aus Festons, unten Festons,
mit einem Wort überall Festons.«
»Das ist aber schade Sofja Iwanowna, Festons sind nicht hübsch!«
»Doch Anna Grigorjewna, sie machen sich reizend, ganz entzückend, man
näht sie so: erst faltet man sie zweimal, läßt einen breiten Schlitz und
oben ... Aber warten Sie, jetzt muß ich Ihnen etwas erzählen, worüber
Sie sich wundern werden und sagen werden, daß ... Ja wundern Sie sich
nur: die Taillen werden jetzt viel länger getragen, vorn laufen sie ein
wenig spitz aus und das vordere Fischbein ragt ganz weit hervor; der
Rock wird rings herum gerafft wie bei den alten Reifröcken, und sogar
hinten ein wenig wattiert, ganz _à la belle femme_.«
»Nein, wissen Sie, das geht zu weit! Das muß ich denn doch sagen!« rief
die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, machte eine empörte
Kopfbewegung und richtete sich im Gefühl ihrer Würde stolz auf.
»Sehr richtig, das geht zu weit, das muß ich auch sagen!« antwortete die
bloß angenehme Dame.
»Nein, Verehrteste, machen Sie was Sie wollen, aber da tue ich nicht
mit!«
»Ich auch nicht ... Wenn man sich vorstellt, was nicht alles Mode wird
... da hört doch alles auf! Ich habe meine Schwester um den Schnitt
gebeten, bloß so zum Scherz, wissen Sie. Meine Melanie ist eben am
Nähen.«
»Was, Sie haben den Schnitt?« rief die in jeder Beziehung angenehme Dame
aus, nicht ohne daß man ihr eine gewisse innere Bewegung angemerkt
hätte.
»Natürlich. Meine Schwester hat ihn mitgebracht!«
»Herzchen, geben Sie ihn mir, bei allem, was Ihnen heilig ist!«
»Schade, ich habe ihn schon Proskowja Iwanowna versprochen. Vielleicht
nach ihr?«
»Wer wird denn etwas tragen, was Proskowja Iwanowna schon getragen hat?
Ich fände das sehr merkwürdig von Ihnen, wenn Sie eine Fremde ihrer
nächsten Freundin vorzögen!«
»Aber sie ist doch meine Tante zweiten Grades?«
»Ach, was ist das für eine Tante. Sie sind doch nur durch Ihren Mann mit
ihr verwandt ... Nein, Sofja Iwanowna, davon will ich gar nichts hören
-- Sie wollen mich beleidigen, Sie haben mich wohl schon satt bekommen
und wollen die Bekanntschaft mit mir abbrechen ...«
Die arme Sofja Iwanowna wußte garnicht, was sie anfangen sollte. Sie
merkte sehr gut, in welch ein Kreuzfeuer sie geraten war. Das kam von
der Wichtigtuerei! Sie hätte sich ihre dumme Zunge mit Nadeln zerstechen
mögen.
»Nun, und was macht unser Galan?« fuhr jetzt die in jeder Beziehung
angenehme Dame fort.
»Ach Gott, ach Gott. Und da sitze ich die ganze Zeit über mit Ihnen
zusammen. Eine schöne Geschichte! Wissen Sie Anna Grigorjewna, was ich
Ihnen für eine Neuigkeit mitgebracht habe?« Hier ging ihr der Atem aus,
ein ganzer Schwall von Worten drängte sich ihr auf die Zunge wie eine
Schar von Habichten, die wie ein Sturmwind dahinjagen und sich in
schnellem Fluge zu überholen streben. Es gehörte schon die ganze
unmenschliche Härte und Grausamkeit ihrer treusten Freundin dazu, um ihr
an dieser Stelle ins Wort zu fallen.
»Loben Sie ihn und heben Sie ihn in den Himmel, soviel Sie wollen,«
sagte sie mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit. -- »Und ich sage Ihnen
-- ich will es ihm meinetwegen selbst ins Gesicht sagen: er ist ein
nichtswürdiger Mensch; ein _nichts_würdiger, nichts_würdiger_ Mensch!«
»Ja aber hören Sie doch nur, was ich Ihnen mitzuteilen habe!«
»Da redet alle Welt davon, daß er schön sei, und dabei ist er nichts
weniger als schön, nichts weniger -- seine Nase -- er hat eine geradezu
widerwärtige Nase.«
»Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch erzählen, Herzchen,
Anna Grigorjewna, so lassen Sie mich doch nur erzählen. Das ist ja eine
ganze Geschichte, ich sage Ihnen, eine Geschichte >Bö kon apell
istoar<,« sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster
Verzweiflung und mit flehender Stimme. -- Es ist vielleicht nicht
überflüssig, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß beide Damen sehr
viel fremde Worte und sogar lange französische Phrasen in ihr Gespräch
einflochten. Aber so groß die Ehrfurcht ist, die der Verfasser für die
französische Sprache hegt, wegen der heilsamen Folgen, die sie für unser
Vaterland hat, so groß seine Achtung vor jener löblichen Sitte unserer
besseren Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten,
natürlich nur aus innigster Liebe für ihr Vaterland, zu ihrer
Verständigung gebrauchen, er kann es trotzdem nicht über sich gewinnen,
einen Satz aus einer fremden Sprache in diese rein russische Dichtung
hineinzunehmen, und so fahren wir denn auch russisch fort.
»Was für eine Geschichte?«
»Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie sich bloß vorstellen
könnten, in was für einer Lage ich mich befand! Denken Sie sich, da
kommt heute die Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater
Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter Heinrich! Sie
wissen schon: der neue Gast, ja was sagen Sie bloß zu ihm?«
»Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau Oberpfarrer die Kur?«
»Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wäre noch nicht das schlimmste! Nein,
hören Sie bloß, was die Frau Oberpfarrer mir erzählt hat! >Denken Sie
sich,< sagte sie, >kommt da plötzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka
bleich wie der Tod zu mir gestürzt und erzählt mir, nein, Sie glauben
garnicht, was die mir erzählt hat. Hören Sie doch nur, was die mir
erzählt hat! Das ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, während
im Hause schon alles schlief, hört sie plötzlich einen Höllenlärm, wie
man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; mit aller Gewalt wird ans
Tor geklopft, und sie hört eine menschliche Stimme rufen: >Macht auf!
Macht auf! Sonst stoß ich das Tor ein ...< Nun, wie gefällt Ihnen das?
Was sagen Sie bloß zu unserm Galan?«
»Ja, ist denn die Karobotschka jung und hübsch?«
»Ach, was! Eine alte Schachtel!«
»Das sind aber schöne Geschichten! Also hat er sich wohl an die Alte
rangemacht? Na, unsere Damen haben auch einen guten Geschmack, das kann
man wohl sagen. Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben!«
»Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz anders, wie Sie
vermuten. Denken Sie sich, plötzlich steht er bis an die Zähne bewaffnet
vor ihr, der reinste Rinaldo Rinaldini, und brüllt sie an: >Verkaufe mir
die Seelen derer, die gestorben sind,< sagte er. Die Karobotschka
antwortet natürlich ganz vernünftig: >Ich kann sie nicht verkaufen; sie
sind doch schon tot.< -- >Nein,< ruft er, >sie sind nicht tot. Das ist
meine Sache, zu wissen, ob sie tot sind oder nicht,< sagte er. >Sie sind
nicht tot, sind nicht tot!< schreit er. >Sie sind nicht tot!< Mit einem
Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, das ganze Dorf läuft zusammen,
die Kinder heulen, alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den
andern, kurz: ein Orrörrr, Orrörrr, Orrörrr! Sie können sich garnicht
vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken ich war, als ich dies
alles hörte. >Liebe gnädige Frau,< sagt meine Maschka zu mir. >Besehen
Sie sich doch in dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!< >Ach, jetzt ist mir
nicht darum zu tun,< sage ich, >ich muß schnell zu Anna Grigorjewna
hinfahren und es ihr erzählen.< Ich lasse sofort anspannen. Mein
Kutscher Andruschka fragt mich, wohin er fahren soll, aber ich bringe
kein Wort heraus und sehe ihm nur ganz blöde ins Gesicht. Ich glaube
wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrückt geworden. Ach, Anna
Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen könnten, wie mich das
aufgeregt hat!«
»Hm! Das ist sehr merkwürdig!« sagte die in jeder Beziehung angenehme
Dame. »Was hat das wohl zu bedeuten, das mit den toten Seelen? Ich muß
gestehen, von dieser Geschichte verstehe ich nichts, rein garnichts.
Jetzt höre ich bereits zum zweiten Male von diesen toten Seelen. Und da
behauptet mein Mann, daß Nosdrjow lügt! Irgend etwas steckt sicher
dahinter!«
»Nein, aber denken Sie sich bloß in meine Lage hinein, Anna Grigorjewna,
wie mir zu Mute war, als ich das hörte!»Und jetzt,« sagt Karobotschka,
»weiß ich gar nicht, was ich anfangen soll! Er hat mich gezwungen irgend
eine falsche Urkunde zu unterschreiben,« sagt sie, »und mir dann
fünfzehn Rubel in Papier auf den Tisch geworfen. Ich,« sagt sie, »bin
eine unerfahrene hilflose Witwe und verstehe nichts von diesen Sachen.«
Das ist 'ne Geschichte! Nein, wenn Sie sich bloß vorstellen könnten, wie
mich das alles aufgeregt hat.«
»Nein, sagen Sie was Sie wollen! Hier handelt es sich nicht um die toten
Seelen! Da steckt etwas ganz anderes dahinter.«
»Ich muß gestehen, ich dachte schon selbst daran,« sagte die bloß
angenehme Dame ein wenig erstaunt. Sie wurde sofort von der heftigsten
Begierde gepeinigt, zu erfahren, was wohl dahinter stecken könne, und
daher sprach sie gedehnt: »Und was glauben Sie, was dahinter steckt?«
»Nun, was denken Sie wohl?«
»Was ich denke ...? Ich muß sagen ich stehe wie vor einem Rätsel.«
»Ich möchte aber doch wissen, was Sie sich wohl dabei gedacht haben?«
Allein der angenehmen Dame fiel nichts ein und daher schwieg sie. Sie
konnte sich bloß über die Dinge aufregen, aber feine Vermutungen und
Kombinationen aufzustellen, das war nicht ihre Sache, und daher empfand
sie mehr als jede andere ein starkes Bedürfnis nach zärtlicher
Freundschaft, Rat und Beistand.
»Nun gut, dann will ich es Ihnen sagen, was diese toten Seelen zu
bedeuten haben,« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame und ihre
Freundin horchte auf und war ganz Ohr; ihre Ohren spitzten sich wie von
selbst. Sie richtete sich im Sitzen auf, sodaß sie das Sofa kaum noch
berührte und obwohl sie etwas kompakt war, wurde sie plötzlich beinahe
schlank und leicht wie Federflaum, sodaß man hätte glauben können, ein
noch so leichter Lufthauch müßte sie mit sich emportragen.
So scheint ein vornehmer russischer Junker, ein Hundefreund, Jäger und
Draufgänger, wenn er sich dem Walde nähert, aus dem eben ein von den
Treibern halb tot gehetzter Hase herausspringt, sich mit seinem Roß und
der hocherhobenen Koppelpeitsche in der Hand in einem geronnenen
Augenblick in ein Pulverfaß zu verwandeln, in das im nächsten Moment der
zündende Funke fallen soll. Seine Augen möchten die trübe Luft
durchbohren, und für das arme Tier gibts kein Entrinnen mehr. Er setzt
ihm unaufhaltsam nach, und selbst wenn tausend wirbelnde Schneefelder
sich gegen ihn erhöben, die ihm mit ganzen Garben silberner Sterne Mund
und Augen, Schnurrbart, Augenbrauen und die kostbare Bibermütze
überschütteten.
»Die toten Seelen ..« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame.
»Wie? Was?« fuhr die Freundin ganz aufgeregt dazwischen.
»Die toten Seelen ...!«
»Ach so sprechen Sie doch, um Gottes Willen!«
»Sind eine bloße Erfindung und nichts wie ein Vorwand. Hier handelt es
sich in Wahrheit um folgendes: er will die Tochter des Gouverneurs
entführen.«
Diese Schlußfolgerung kam in der Tat sehr unerwartet und war in jeder
Beziehung ungewöhnlich. Als die angenehme Dame dieses hörte, blieb sie
wie versteinert auf ihrem Platze sitzen; sie erbleichte, wurde blaß wie
der Tod, und geriet diesmal ernstlich in Aufregung. »Oh mein Gott!« rief
sie, indem sie die Hände zusammenschlug: »das hätte ich mir wirklich
nicht träumen lassen!«