»Willst du mich umbringen? Willst du mich töten? Was? Du willst mich

wohl am Wege ermorden, wie ein Räuber und Strauchdieb? Du Schwein du, du

Meerungeheuer! Drei Wochen lang rühren wir uns nicht vom Fleck! Und wenn

er nur ein einziges Wort gesagt hätte, der nichtsnutzige Kerl! Statt

dessen verschiebt er alles bis auf die letzte Stunde! Jetzt wo schon

alles so weit ist, daß man einsteigen und fortfahren möchte, gerade da

muß er einem solch einen Streich spielen! Was ...? Du hast es doch

gewußt? Hast du es etwa nicht gewußt? Wie? Antworte! Nun?«

»Freilich!« antwortete Seliphan und ließ den Kopf hängen.

»Nun warum hast du dann nichts gesagt? Wie?« Auf diese Frage erfolgte

keine Antwort. Seliphan stand noch immer mit gesenktem Kopfe da, und

schien zu sich selbst zu sprechen: »Siehst du wohl, wie das gekommen

ist: ich hab's doch gewußt, und trotzdem nicht gesagt!«

»So, lauf jetzt zum Schmied und laß ihn kommen. In zwei Stunden muß

alles fertig sein, verstanden? Spätestens in zwei Stunden! Wenn's dann

nicht fertig ist, dann -- dann nehm ich dich und binde dich zu einem

Knoten zusammen!« Unser Held war ganz außer sich vor Wut.

Seliphan wollte schon hinausgehen, um den Befehl seines Herrn

auszuführen; aber er besann sich noch einen Augenblick, blieb stehen und

sagte: »Wissen Sie, gnädiger Herr, den Schecken, den sollte man

eigentlich verkaufen, wirklich Pawel Iwanowitsch, das ist so ein Schurke

... bei Gott, solch ein gemeiner Gaul, der hindert einen ja nur!«

»So? ich soll wohl gleich auf den Markt laufen und ihn verschachern.

Was?«

»Bei Gott, Pawel Iwanowitsch. Der sieht nur so kräftig aus; in

Wirklichkeit ist er höchst verschlagen und unzuverlässig, so ein Pferd

gibt's gar nicht wieder ...«

»Esel! Wenn es mir paßt, dann verkaufe ich ihn schon selbst. Hält der

Kerl hier noch lange Reden! Paß mal auf; wenn du mir nicht gleich ein

paar Schmiede holst, und wenn mir nicht in zwei Stunden alles fix und

fertig ist, dann kriegst du einen Nasenstüber, daß du nicht weißt, wo

dir der Kopf steht! Mach, daß du raus kommt! Marsch!« Seliphan verließ

das Zimmer.

Tschitschikow war in der schlechtesten Laune, die man sich denken kann,

und warf seinen Säbel, den er auf Reisen immer bei sich trug, um die

Leute in Furcht und Respekt zu halten, wütend auf den Boden. Mehr als

eine Viertelstunde zankte er sich mit den Schmieden herum, ehe er mit

ihnen einig wurde, denn diese waren, wie das zu geschehen pflegt, ganz

abgefeimte Gauner und forderten das Sechsfache, als sie merkten, daß

Tschitschikow es sehr eilig hatte. So sehr er sich auch ereiferte, sie

Diebe, Räuber und Wegelagerer nannte, es wollte alles nichts fruchten;

er versuchte es sogar, sie mit dem jüngsten Gericht zu schrecken; aber

auch das machte keinen Eindruck auf die Schmiedegesellen, sie blieben

fest, und ließen nicht nur nichts vom geforderten Preise ab, sondern

brauchten noch dazu statt zwei Stunden ganze fünfeinhalb, um den Wagen

in Ordnung zu bringen. Während dieser Zeit konnte Tschitschikow in

vollen Zügen jene schönen Minuten genießen, die jeder Reisende so gut

kennt, wenn die Koffer gepackt sind und nur noch einige Stücke

Bindfaden, ein paar Papierfetzen und anderer Plunder im Zimmer

herumliegen, wenn der Mensch noch nicht im Wagen sitzt, aber auch nicht

ruhig zu Hause bleiben kann, und schließlich ans Fenster tritt, um sich

die Leute anzusehen, die unten auf der Straße vorüber gehen oder eilen,

über ihre Groschen sprechen, ihre blöden Blicke neugierig auf ihn

richten und ruhig ihrer Wege gehen, was den armen Reisenden, der

durchaus nicht fort kann, noch mehr verstimmt. Alles was er sieht: der

vor ihm liegende Kaufladen, der Kopf der alten Frau, die im

gegenüberliegenden Hause wohnt, und von Zeit zu Zeit immer wieder an das

mit kurzen Gardinen verhängte Fenster tritt, -- alles widert ihm an, und

doch kann er sich nicht entschließen, vom Fenster wegzugehen. Er rührt

sich nicht vom Fleck, seine Gedanken verlieren sich ins Uferlose, er

vergißt _sich_ und seine ganze Umgebung, um gleich darauf wieder zu den

vertrauten Gegenständen zurückzukehren. Stumpfen Sinnes betrachtet er

alles, was um ihn herum lebt und webt, und zerdrückt schließlich

ärgerlich eine Fliege, die summend gegen die Fensterscheibe fliegt und

ihm dabei gerade unter die Finger kommt. Aber alles in der Welt hat ein

Ende, und der ersehnte Augenblick bricht an: endlich war alles in

Ordnung: der Kutschbock war repariert, wie es sich gehörte, das Rad

hatte einen neuen Reifen, die Pferde hatten zu trinken bekommen, und die

Schmiede entfernten sich, nachdem sie ihr Geld noch einmal nachgezählt

und Tschitschikow eine glückliche Reise gewünscht hatten. Endlich waren

auch die Pferde vor den Wagen gespannt; dann wurden noch schnell zwei

warme Bretzel, die man soeben gekauft hatte, in die Kutsche gepackt,

auch Seliphan steckte sich noch etwas in die Tasche, die am Kutschbock

angebracht war, und unser Held verließ den Gasthof, um seinen Wagen zu

besteigen, begleitet vom Kellner, der wie immer seinen baumwollenen Rock

anhatte, und grüßend seinen Hut schwenkte, sowie von ein paar Kutschern

und Lakaien, die teils zum Gasthof gehörten, teils herbeigelaufen waren,

um zu sehen, wie der fremde Herr abfährt; nebst allem sonstigen Zubehör,

wie es bei einer Abreise nie fehlen darf; Tschitschikow setzte sich in

die Equipage, und die bekannte Junggesellenkutsche, die so lange

unbenutzt im Stall gestanden hatte und den Leser vielleicht schon zu

langweilen beginnt, rollte zum Tore hinaus. »Gott sei Dank!« dachte

Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Seliphan knallte mit der Peitsche,

Petruschka, der erst eine Weile auf dem Trittbrett gestanden hatte, nahm

neben ihm Platz, unser Held setzte sich recht bequem auf dem grusischen

Teppich zurecht, legte sich ein Lederkissen in den Rücken, wobei er die

beiden warmen Bretzel kräftig zusammendrückte, und der Wagen setzte sich

aufs neue, hopsend und springend in Bewegung, dank dem Pflaster, welches

ja bekanntlich eine beträchtliche Schwungkraft besaß. Mit einem

seltsamen unklaren Gefühl blickte Tschitschikow auf die Häuser, die

Mauern, die Zäune und Straßen, die gleichfalls auf und ab zu hüpfen

schienen und langsam an seinen Augen vorüberzogen. Weiß Gott, ob es ihm

beschieden sein würde, sie in seinem Leben noch einmal wiederzusehen.

Bei einer Straßenkreuzung mußte der Wagen Halt machen, er wurde nämlich

durch einen Leichenzug aufgehalten, der sich die ganze Straße entlang

dahin bewegte. Tschitschikow steckte den Kopf aus dem Wagen, und sagte

Petruschka, er solle einmal fragen, wer da beerdigt werde. Es stellte

sich heraus, daß es der Staatsanwalt war. Äußerst unangenehm berührt,

lehnte Tschitschikow sich schnell in eine Ecke zurück, ließ den Wagen

aufklappen und zog die Vorhänge zu. Während die Equipage still stand,

nahmen Seliphan und Petruschka fromm ihre Mützen ab und sahen sich den

Zug aufmerksam an, wobei sie sich besonders für die Wagen und ihre

Insassen zu interessieren und genau nachzuzählen schienen, wie viele von

den Leidtragenden fuhren, und wie viele zu Fuß gingen; auch ihr Herr,

der ihnen befohlen hatte, sich nicht zu erkennen zu geben und keinen von

den bekannten Lakaien zu grüßen, sah sich den Zug durch ein kleines

Fenster im ledernen Verdeck an. Alle Beamten folgten entblößten Hauptes

dem Sarge. Tschitschikow fürchtete sich einen Augenblick, sie könnten

seine Equipage erkennen; aber sie achteten gar nicht auf sie. Sie

unterhielten sich nicht einmal über jene praktischen Fragen, welche

gewöhnlich gestreift werden, wenn man an einer Beerdigung teilnimmt. All

ihre Gedanken konzentrierten sich auf sich selber; sie dachten darüber

nach, was der neue Generalgouverneur wohl für ein Mann sei, wie er die

Geschäfte verwalten, und wie er sich zu ihnen stellen werde. Auf die

Beamten, welche zu Fuß gingen, folgte eine Reihe von Wagen, aus denen

Damen mit schwarzen Hauben und Schleiern hervorblickten. Nach den

Bewegungen ihrer Hände und Lippen mußte man schließen, daß sie in einer

lebhaften Unterhaltung begriffen waren: vielleicht sprachen auch sie

über die Ankunft des neuen Generalgouverneurs, äußerten ihre Vermutungen

über die Bälle die er geben würde und sorgten schon jetzt für ihre neuen

Rüschen und Aufsätze. Zuletzt kamen noch einige leere Droschken hinter

den Equipagen hergefahren, eine hinter der andern, und dann kam lange

nichts mehr, die Bahn war frei, und unser Held konnte weiterfahren. Er

ließ das Lederverdeck herunter, seufzte aus tiefster Seele, und sagte:

»Das war der Staatsanwalt! Er lebte und lebte, und nun ist er tot! Jetzt

werden sie in den Zeitungen schreiben, er sei gestorben zum großen

Schmerz all seiner Untergebenen und der ganzen Menschheit, er der stets

ein geachteter Bürger, ein seltener Vater, das Muster von einem Gatten

gewesen sei; was werden sie nicht _noch_ alles schreiben: vielleicht

fügen sie auch noch hinzu, daß die Tränen der Witwen und Waisen ihn bis

ans Grab begleiteten; sieht man sich aber die Sache aus der Nähe an, und

geht man ihr ordentlich auf den Grund, dann war an dir eigentlich nichts

merkwürdig, außer deinen buschigen Augenbrauen.« Und er rief Seliphan

zu, er solle sich beeilen und sprach zu sich selber: »Eigentlich ist es

doch ganz gut, daß wir einem Leichenzuge begegnet sind, man sagt, es

bedeute Glück, wenn ein Leichenwagen vorüberfährt.«

Unterdessen fuhr der Wagen schon durch die öden und leeren Straßen der

Vorstadt, und bald sah man zu beiden Seiten nichts mehr, als lange

Bretterzäune, welche das Ende der Stadt ankündigten. Nun hörte auch

schon das Straßenpflaster auf, da war der Schlagbaum, die Stadt lag

hinter den Reisenden -- man befand sich auf der öden einsamen

Landstraße. Und wieder jagte der Wagen den Postweg entlang mit seinen

altbekannten Bildern zu beiden Seiten: seinen Meilensteinen,

Stationsbeamten, Brunnen, Fuhren, Lastwagen, den grauen Dörfern mit

ihren Teemaschinen, den Bauernfrauen und dem forschen bärtigen

Hausherrn, der mit einem Hafersack aus der Herberge gelaufen kommt, dem

Wanderer, in zerrissenen Bastschuhen, welcher vielleicht schon

siebenhundert Werst zurückgelegt hat, den munteren Städtchen mit ihren

hölzernen Läden, Mehlfässern, Bastschuhen, Bretzeln und dem übrigen

Plunder, den scheckigen Schlagbäumen, den ewig in Reparatur befindlichen

Brücken, den unübersehbaren Feldern hüben und drüben, den Erntewagen,

dem reitenden Soldaten, der einen grünen Kasten voll Artilleriefutter

mit der Inschrift: An die so und so vielste Artilleriebrigade! mit sich

führt, den grünen, gelben oder frisch aufgeworfenen _schwarzen_ Streifen

Ackerlandes, die hie und da in der Steppe auftauchen, dem aus der Ferne

herüberklingenden melancholischen Gesang, den Kiefernwipfeln in zartem

Nebeldunst, dem verhallenden Glockengeläute, den Scharen wilder Raben,

die vorüberziehen gleich Fliegenschwärmen und dem endlosen grenzenlosen

Horizont ... Oh, Rußland! mein Rußland! ich sehe dich, sehe dich aus

meiner herrlichen wundersamen Ferne. Arm, weit verstreut und

unfreundlich sind deine Gaue, kein frohes Wunder der Natur, gekrönt von

frechen Wunderwerken kühner Kunst -- erheitern oder schrecken hier den

Blick, keine Städte mit vielfenstrigen hohen Palästen in wilde Felsen

eingebaut, keine malerischen Bäume und Efeuranken, in Häuser

eingewachsen, umbraust vom Staube ewiger Wasserfälle; nicht braucht das

Haupt sich zurückzuneigen, um mit dem Blick den grenzenlos zur Höhe

emporgetürmten Gebirgsblöcken folgen zu können; nicht blitzen hinter

langgestreckten, dunklen Säulengängen, um die sich Rebenzweige, Efeu und

Millionen wilder Rosen schlingen: nicht blitzen hinter ihnen auf die

ewigen Linien ferner leuchtender Berge, die sich in silberklaren Himmeln

verlieren. Frei, wüst und offen liegst du da; wie kleine Pünktchen oder

Zeichen, so ragen aus der Ebene deine niedrigen Städte auf: nichts

lockt, verführt, bezaubert unseren Blick. Und dennoch, welch

unbegreifliche, geheimnisvolle Kraft zieht mich zu dir? Warum klingt

unaufhörlich dein melancholisches, nie verstummendes, die ganze

unermeßliche Weite durcheilendes, von Meer zu Meere dringendes Lied uns

im Ohr? Welch ein geheimer Zauber liegt in diesem Liede? Was ruft und

lockt, was schluchzt darin und greift so seltsam uns ans Herz? Was sind

das für Töne, die unsere Seele so zärtlich umschmeicheln und küssen, zum

Herzen dringen und es süß umspinnen? O, Rußland! sag, was willst du nur

von mir? Welch unbegreiflich Band ist zwischen uns geknüpft? Was blickst

du mich so an, und warum hält alles, alles was dich erfüllt, seine Augen

so erwartungsvoll auf mich gerichtet? ... Noch immer steh' ich zweifelnd

und unbeweglich da, schon hat die finstere regenschwangere Wolke mein

Haupt beschattet, und schon verstummt der Gedanke von deiner

grenzenlosen Ausdehnung. Was verheißt diese unermeßliche Freiheit und

Weite? Oder sollte hier, in deinem Schoße, auch der unendliche Gedanke

geboren werden, wo du doch selber kein Ende hast? Nicht hier der Held

erstehn? wo frei der Raum sich weitet, auf daß _er_ sich entfalte und

ausbreite und frei dahinschreite? Und furchtbar umfängt mich der

majestätische Raum, der tief mein Inneres erschüttert mit all seinen

Schrecken; von einer übernatürlichen Macht ward mein Auge erleuchtet ...

O, welch eine schimmernde, wunderbare unbekannte Ferne! Mein Rußland!

...

»Halt, halt, du Esel!« rief Tschitschikow Seliphan zu.

»Ich hau dir gleich eins mit meinem Pallasch runter!« schrie ihn ein

vorübersprengender Feldjäger an, der einen Schnurrbart von der Länge

eines Meters hatte. »Siehst du denn nicht, daß das ein staatlicher Wagen

ist? hol dich der Teufel!« Und wie eine Vision verschwand unter Donner

und Staubwolken das Dreigespann.

Welch eine seltsame, wunderbare Lockung liegt doch in dem Worte:

Landstraße! Und wie _herrlich_ ist sie selbst, diese _Landstraße_! Ein

heller Tag, Herbstblätter, die Luft ist kalt ... Hüll dich tiefer in

deinen Regenmantel! Die Mütze über die Ohren, und schmieg dich enger und

gemütlicher in deine Wagenecke! Ein letztes Mal noch läuft uns ein

Schauer durch unsere Glieder, und schon durchströmt uns behagliche

Wärme. Die Rosse jagen dahin ... Wie lockend naht der Schlummer. Die

Augenlider senken sich. Und wie im Halbschlaf erklingt noch einmal das

Lied: »Nicht weißer Schnee ...«, das Schnauben der Pferde und das

Rasseln der Räder und schon schnarchst du laut, indem du deinen Nachbar

tief in die Wagenecke drückst. Doch nun erwachst du: fünf Stationen

liegen hinter dir; der Mond steht hoch am Himmel; du fährst durch eine

unbekannte Stadt, vorbei an Kirchen mit altertümlichen Holzkuppeln und

dunkelen Turmspitzen, an finsteren hölzernen und weißen steinernen

Häusern vorüber: hie und da ein breiter Streifen schimmernden

Mondlichts, gleich als ob weiße Leinentücher über Wände und Straßen

gebreitet wären, kohlschwarze Schatten legen sich schräg darüber, wie

flimmerndes Metall glänzen die helleuchtenden Holzdächer: und keine

Seele rings umher: alles schläft. Nur ein einsamer Lichtschein fällt

hier oder dort aus einem kleinen Fenster: ist es ein Bürgersmann, der

seine Stiefel stopft, oder ein Bäcker, der sich beim Ofen zu schaffen

macht? -- was kümmert's dich, o, welche Nacht! Himmlische Mächte! welch

eine Nacht webt droben in der Höhe! O Luft, o Himmel, weiter hoher

Himmel in deiner unerreichbaren Tiefe, der du dich so unfaßbar klar und

helltönend über uns breitest! ... Kühl weht dir in die Augen der kalte

Atem der Nacht und lullt dich ein in süßen Schlaf; nun schlummerst du,

vergißt dich ganz und schnarchst -- doch zornig bewegt und schüttelt

sich dein armer, in die Ecke gezwängter Nachbar unter deiner allzu

schweren Bürde. Von neuem erwachst du, und wieder liegen vor dir Felder

und Steppen; leer ist's um dich herum, frei dehnt die Ebene sich in die

Weite. Ein Meilenstein nach dem andern fliegt an dir vorüber; der Morgen

steigt empor; am bleichen kalten Horizont erscheint ein matter

Goldstreifen, kühler und kräftiger weht dir der Wind um die Ohren. Hüll

dich tiefer in deinen Mantel! Welch herrliche Kälte! Wie wunderbar

umfängt aufs neue dich der Schlummer! Ein Stoß und abermals erwachst du.

Die Sonne steht schon im Zenith. »Vorsicht, Vorsicht!« ruft's neben dir,

der Wagen jagt den steilen Berg hinab. Unten wartet eine Fähre: ein

breiter, klarer Teich, der wie ein kupferner Kessel in der Sonne glänzt;

ein Dorf, mit malerischen Hütten an den Hängen; wie ein Stern blitzt

abseits das Kreuz der Dorfkirche; wie tiefes Summen tönt der Bauern

munteres Geplauder, und unbezwinglicher Appetit regt sich im Magen ...

Mein Gott, wie schön ist doch bisweilen solch weiter, weiter Reiseweg!

Wie oft schon klammerte ich mich gleich einem Untergehenden und

Ertrinkenden an dich, und jedes Mal noch zogst du mich empor und

rettetest hochherzig mich Armen! Und wieviel herrliche Gedanken und

Träume voll wundersamer Poesie wurden auf solche Weise geboren, wie

viele beglückende Eindrücke erfüllen schon die Seele! ... Indessen auch

Freund Tschitschikows Träume waren durchaus nicht so ganz prosaischer

Art. Sehen wir einmal zu, was für Gefühle ihn beseelten! Anfangs empfand

er überhaupt nichts und sah sich immer wieder um, weil er sich

überzeugen wollte, ob die Stadt auch wirklich hinter ihm läge; aber als

er sah, daß sie längst verschwunden war, und keine Schmiede, keine

Mühle, noch sonst etwas von alledem, was um eine Stadt herum zu liegen

pflegt, mehr zu entdecken war, und selbst die weißen Spitzen der

steinernen Kirchen längst in die Erde gesunken waren, da richtete sich

seine ganze Aufmerksamkeit auf den Weg; er blickte nach rechts und nach

links, die Stadt N. war ganz vergessen, wie wenn er vor _langer, langer_

Zeit, in seiner frühesten Kindheit dort gewesen wäre. Schließlich fing

auch der Weg an, ihn zu langweilen, er machte die Augen ein wenig zu und

lehnte den Kopf an das Kissen. Der Autor muß gestehen, daß er sich

eigentlich darüber freut, da er doch _so_ endlich einmal Gelegenheit

findet, einige Worte über seinen Helden zu sagen, denn bisher wurde er

ja immer -- der Leser weiß es ja selbst -- bald durch Nosdrjow, bald

durch irgend einen Ball, bald durch die Damen oder den Stadtklatsch,

oder durch tausend andere Kleinigkeiten daran gehindert, die immer erst

dann als Kleinigkeiten erscheinen, wenn sie im Buche stehen, dagegen

immer für höchst wichtige Angelegenheiten gehalten werden, solange sie

noch in der Welt umherschwirren. Nun aber wollen wir alles beiseite

legen und uns ganz der Sache selbst widmen.

Ich bin sehr im Zweifel, ob der Held meiner Dichtung dem Leser gefallen

wird. Den Damen wird er ganz sicher nicht gefallen, das läßt sich schon

im Voraus mit Bestimmtheit behaupten -- denn die Damen wollen, daß ihr

Held ein Muster jeglicher Vollkommenheit darstelle, und wenn ihm nur der

kleinste leibliche oder seelische Makel anhaftet, dann ist es für immer

vorbei. Der Autor mag ihm noch so tief in die Seele hineinleuchten, sein

Bild reiner zurückstrahlen lassen, als ein Spiegel -- der Mann hätte

doch nicht den geringsten Wert in ihren Augen. Schon die Fülle und das

Alter Tschitschikows müssen ihm sehr schaden: diese Fülle wird man

unserem Helden nie verzeihen, und viele Damen werden sich verächtlich

abwenden und sagen: »Pfui, wie häßlich er ist!« Ach ja! Das alles ist

dem Autor wohl bekannt, und dennoch -- und trotz alledem kann er sich

keinen tugendhaften Menschen zum Helden wählen ... Allein ... vielleicht

wird man in dieser selben Erzählung noch nie angeschlagene Saiten

vernehmen, wird der russische Geist in ihr in seinem unendlichen

Reichtum vor uns erscheinen, ein Mann begabt mit göttlichen Vorzügen und

Tugenden an uns vorüberschreiten, oder ein herrliches russisches

Mädchen, wie man es auf der ganzen Welt nicht wieder findet,

ausgestattet mit allen Schönheiten der weiblichen Seele voll

hochherzigen Strebens und zu jedem höchsten Opfer bereit! Verblassen und

dahinschwinden werden vor ihnen alle tugendhaften Männer und Frauen

anderer Stämme, wie der tote Buchstabe vor dem lebendigen Wort! Zum

Lichte drängen werden sich alle mächtigen Regungen der russischen Seele,

.. und es wird an den Tag kommen, wie tief die slavische Natur ergreift

und festhält, was nur die Oberfläche fremder Völker streifte ... Allein,

warum soll ich davon reden, was noch vor uns liegt? Nicht ziemt sich's

für den Dichter, der längst des Mannes reifes Alter erreichte, und den

die ernste Strenge inneren Lebens und die erfrischende Nüchternheit der

Einsamkeit härteten und stählten, dem Knaben gleich sich zu vergessen.

Jedes Ding hat seinen Platz und seine Zeit! Und doch, trotz alledem ward

nicht der Tugendhafte zum Helden erwählt. Wir können es sogar sagen

warum er nicht erwählt ward. Weil es endlich einmal Zeit ist dem armen

Tugendbold etwas Ruhe zu gönnen; weil das Wort »tugendhafter Mensch«

fortwährend auf allen Lippen schwebt; weil man den tugendhaften Menschen

zu einem Steckenpferd gemacht hat, und weil es keinen Schriftsteller

mehr gibt, der nicht beständig auf ihm herumreitet und ihn fortgesetzt

mit seiner Peitsche und Gott weiß womit sonst noch, vorwärts treibt;

weil man den tugendhaften Menschen so zu Tode gehetzt hat, daß bald auch

nicht der Schatten einer Tugend mehr an ihm sein wird, und nur noch ein

paar Rippen und etwas Haut statt des Leibes von ihm übrig bleiben

werden, weil man den tugendhaften Menschen einfach nicht mehr achtet.

Nein, es ist endlich Zeit, auch mal den Schurken vor den Wagen zu

spannen. Und so wollen wir ihn denn vor unseren Wagen spannen!

Bescheiden und dunkel ist die Herkunft unseres Helden. Seine Eltern

waren Edelleute, ob freilich von altem oder _nur_ von persönlichem Adel

-- das weiß der liebe Gott. Äußerlich zeigte er keine Ähnlichkeit mit

ihnen: wenigstens hatte eine Verwandte, die bei seiner Geburt zugegen

war, eine kleine kurze Dame, die man bei uns zu Lande einen Kiebitz zu

nennen pflegt, das Kind auf die Arme genommen und ausgerufen: »Ach

herrjeh! der ist aber ganz anders, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Er

sollte eigentlich der Großmama von mütterlicher Seite ähnlich sein, das

wäre sicherlich das Beste gewesen, statt dessen gleicht er, wie das

Sprichwort sagt: weder Vater noch Mutter sondern 'nem wandernden

Junker.« Das Leben sah ihn anfangs unfreundlich und mürrisch, wie durch

ein trübes vom Schnee verwehtes Fenster an: er hatte weder einen Freund,

noch Genossen seiner Kinderjahre! Ein kleines Stübchen, mit kleinen

Fensterchen, die weder im Sommer noch im Winter geöffnet wurden; sein

Vater war ein kranker Mann in einem langen mit Lammfell gefütterten

Rock, und in gestrickten Pantoffeln, die er über die nackten Füße zog;

beständig ging er im Zimmer auf und ab, seufzte und spuckte in den

Sandnapf in der Ecke, ewig mußte der Knabe auf der Bank sitzen, die

Feder in der Hand, Finger und Lippen mit Tinte beschmiert, die

unvermeidliche Vorschrift vor Augen: »Du sollst nicht lügen, sollst die

älteren Leute ehren und die Tugend im Herzen tragen!« Das ewige Klappern

und Schlürfen der Pantoffeln, die bekannte, ewig rauhe und strenge

Stimme: »Machst du schon wieder Dummheiten?« die sich immer dann

vernehmen ließ, wenn das Kind, angewidert von der Einförmigkeit seiner

Beschäftigung, irgend ein Häkchen oder Schnörkelchen an einem Buchstaben

anbrachte; und dann das lang bekannte aber immer peinliche Gefühl, das

den Worten folgte, wenn die Nägel der langen Finger sich von hinten

heranbewegten und das Ohrläppchen so schmerzhaft zusammendrehten. Das

ist das traurige Bild seiner ersten Kindheit, an die ihm nur eine

schwache Erinnerung geblieben war. Aber im Leben ändert sich alles

schnell und plötzlich: eines schönen Tages, als die ersten Strahlen der

Frühlingssonne die Erde erwärmten, und die Bäche zu rauschen begannen,

nahm der Vater seinen Sohn bei der Hand und bestieg mit ihm einen

Bauernwagen, der von einem braungescheckten Pferdchen gezogen wurde,

einem von jener Sorte, welche unsere Pferdehändler »Elstern« zu nennen

pflegen; der Wagen wurde von einem kleinen, buckligen Kutscher gelenkt,

dem Stammvater der einzigen Leibeigenenfamilie, die Tschitschikows Vater

gehörte. Fast anderthalb Tage lang dauerte die Fahrt, unterwegs

übernachtete man einmal, setzte über einen Fluß, nährte sich von kalten

Pasteten und gebratenem Hammelfleisch, und erreichte erst am dritten

Tage gegen Morgen die Stadt. Diese machte einen tiefen Eindruck auf den

Knaben durch den ungeahnten Glanz und die Pracht ihrer Straßen, daß er

den Mund vor Erstaunen weit aufriß. Dann plumpste die »Elster« mitsamt

dem Wagen in eine Grube, welche den Anfang einer engen, abschüssigen und

ganz mit Schmutz bedeckten Straße bildete; lange arbeitete sie dort aus

aller Kraft, watete mit den Beinen im Kot herum, angespornt und

ermuntert von dem buckligen Kutscher und dem Herrn selbst, bis sie die

Kutsche schließlich aus dem Dreck herauszog und in einem kleinen Hof

landete; dieser lag an einem kleinen Hügel; vor dem alten Häuschen

standen zwei blühende Apfelbäume und hinter demselben befand sich ein

kleines niedriges Gärtchen, das nur aus ein paar Ebereschen,

Hollunderbüschen und einem ganz tief im Innern liegenden kleinen

hölzernen Hüttchen bestand, welches mit Dachschindeln gedeckt war und

ein einziges halberblindetes Fensterchen hatte. Hier wohnte eine

Verwandte von Tschitschikow, ein altes vertrocknetes Mütterchen, die

aber noch jeden Morgen auf den Markt ging und ihre Strümpfe an der

Teemaschine trocknete. Sie klopfte den Jungen auf die Wange und freute

sich darüber, daß er so dick und wohlgenährt aussah. Hier sollte er von

nun ab bleiben und die städtische Schule besuchen. Der Vater blieb die

Nacht über bei der Alten. Am andern Tage machte er sich wieder auf den

Weg, um nach Hause zu fahren. Als er sich von seinem Sohne

verabschiedete, vergoß er keine Träne: er gab ihm einen halben Rubel

Kupfergeld für die kleinen Ausgaben und Naschwerk, und was bei weitem

wichtiger war, noch ein paar weise Lehren dazu: »Merk dir's Pawluscha,

lerne was Ordentliches, treib keine Dummheiten und mach keine schlechten

Streiche, vor allem aber: such stets deinen Vorgesetzten und Lehrern zu

gefallen. Wenn du's deinen Vorgesetzten recht machst, wird dir alles

gelingen, selbst wenn du unbegabt bist und keine großen Fortschritte in

den Wissenschaften machen solltest; und du wirst all deine Mitschüler

überholen. Laß dich nicht zu viel mit den Kameraden ein; sie werden dir

nicht viel Gutes beibringen; aber wenn es dennoch dazu kommt, dann wähle

dir die zu Freunden, die wohlhabend und reich sind, denn sie können dir

helfen und von Nutzen sein. Sei nicht zu freigiebig und gastfrei,

sondern mache es immer so, daß die anderen dich einladen und freihalten;

vor allem aber: sei sparsam und ehre den Pfennig: auf ihn kannst du dich

eher verlassen, als auf alles in der Welt. Deine Freunde und Kameraden

werden dich übers Ohr hauen, sie sind die ersten, die dich im Unglück

verlassen, der Pfennig aber wird dich _nie_ verlassen, weder in Not noch

Gefahr! Mit dem Pfennig kannst du alles durchsetzen, wirst du alles

erreichen, wonach dein Herz nur begehrt.« Nach diesen weisen Lehren

verabschiedete sich der Vater von seinem Sohne und trat die Rückreise

mit seiner »Elster« an. Der Sohn sollte ihn nie wiedersehen, allein, er

bewahrte seine Worte und Lehren tief in der Seele.

Noch am folgenden Tage fing Pawluscha an, die Schule zu besuchen.

Besondere Fähigkeiten für eine bestimmte Wissenschaft legte er nicht an

den Tag; er zeichnete sich mehr durch Fleiß und Ordnungsliebe aus; dafür

aber kam bei ihm bald eine andere Fähigkeit zum Durchbruch: ein großer

praktischer Verstand. Er begriff sofort, worum es sich handelte und

benahm sich im Verkehr mit den Kameraden ganz so, wie der Vater es ihn

gelehrt hatte, d. h., er ließ sich stets einladen und freihalten, er

selbst dagegen tat nie etwas derartiges, ja, er hob sich sogar mitunter

die erhaltenen Gaben und Geschenke auf, um sie später bei Gelegenheit an

den Geber selbst zu verkaufen. Schon als Kind hatte er es gelernt, sich

alles zu versagen. Von dem halben Rubel, den er vom Vater erhalten

hatte, nahm er keine Kopeke, sondern fügte noch im selben Jahre etwas zu

dieser Summe hinzu, wobei er einen großen Unternehmungsgeist an den Tag

legte: er knetete aus Wachs einen Dompfaffen, strich ihn hübsch an und

verkaufte ihn sehr vorteilhaft. Dann versuchte er es eine Zeitlang mit

andern Spekulationen und zwar mit folgenden: er kaufte auf dem Markte

Eßwaren ein und setzte sich in der Schule neben die, welche am reichsten

waren und das meiste Geld hatten; und wenn er bemerkte, daß einem

Kameraden schlecht wurde -- was ein Zeichen des eintretenden

Hungergefühles war -- ließ er ihn unter der Bank, wie im Versehen, die

Ecke eines Pfefferkuchens oder eines Brötchens sehen. Hatte er ihn dann

ganz wild gemacht, so nahm er ihm eine bestimmte Summe ab, die stets in

einem gewissen Verhältnisse zur Größe seines Appetites stand. Zwei

Monate lang machte er sich in seiner Wohnung ununterbrochen mit einer

Maus zu schaffen, die er in einen kleinen hölzernen Käfig eingesperrt

hielt; er brachte es endlich soweit, daß sich die Maus auf die

Hinterbeine stellte, sich auf Befehl hinlegte und wieder aufrichtete,

worauf er sie dann gleichfalls mit hohem Gewinn losschlug. Als er sich

auf diese Weise ungefähr fünf Rubel zurückgelegt hatte, nähte er sie in

ein Säckchen ein, und fuhr fort, neues Geld zu sparen. In seinem

Verhalten zur Schulobrigkeit war er noch klüger. Niemand verstand es so

gut, wie er, mäuschenstill auf der Bank zu sitzen. Hier müssen wir

bemerken, daß der Lehrer ein großer Freund der Ruhe und eines guten

Betragens war und die klugen und gescheiten Jungen nicht leiden konnte;

es schien ihm immer, daß diese über ihn lachten. Es braucht nur einer,

der im Verdacht stand, gescheit und witzig zu sein, sich ein wenig auf

der Bank zu bewegen oder im Versehen mit der Wimper zu zucken, um den

Zorn des Lehrers auf sich zu lenken. Er verfolgte und strafte ihn ganz

unbarmherzig. »Ich will dir deinen Hochmut und deine Aufsässigkeit

austreiben!« rief er, »ich kenne dich durch und durch, so wie du dich

selbst nicht kennst! Kniee einmal nieder! Du sollst schon erfahren, wie

der Hunger schmeckt!« Und der arme Knabe mußte sich die Kniee

durchscheuern und tagelang hungern, ohne selbst zu wissen, warum.

»Fähigkeit, Begabung, Talent -- das ist alles Unsinn!« pflegte der

Lehrer zu sagen, »ich sehe vor allem aufs Betragen. Einem Schüler, der

sich anständig benimmt, würde ich auch dann noch die besten Noten in

allen Fächern geben, wenn er keinen Deut von allem versteht; wo ich

dagegen jenen bösen Geist des Widerspruches und der Spottlust entdecke

-- da gibt's eine 0 selbst wenn er einen Solon in die Tasche steckte!«

So pflegte der Lehrer zu sprechen; daher haßte er auch Krylow so

ingrimmig, weil dieser in einer seiner Fabeln gesagt hatte: »Sauf

meinethalben, doch verstehe deine Sache!« Auch erzählte er immer mit

großer Befriedigung, wobei sein Gesicht und seine Augen leuchteten, wie

in der Schule, in der er früher unterrichtet hatte, eine solche Stille

geherrscht habe, daß man eine Mücke durchs Zimmer fliegen hören konnte;

daß keiner von den Schülern während des ganzen Jahres auch nur _einmal_

zu husten und sich während der Stunde zu schneuzen wagte, und daß bis

zum Glockenzeichen niemand hätte entscheiden können, ob jemand in der

Klasse war oder nicht. Tschitschikow erfaßte sofort den Geist und die

Absichten des Lehrers und was dieser unter einem guten Betragen

verstand. Er bewegte kein Auge und zuckte während der ganzen Stunde auch

nicht _einmal_ mit der Wimper, man mochte ihn kneifen und zwicken,

soviel man wollte; sowie das Glockenzeichen ertönte, stürzte

Tschitschikow kopfüber an die Türe, um dem Lehrer als erster die Mütze

zu reichen -- der Lehrer trug eine gewöhnliche Bauernmütze; hierauf

verließ er zuerst die Klasse und suchte ihm recht häufig auf der Straße

zu begegnen, wobei er jedesmal ehrerbietig den Hut abnahm. Sein

Verhalten war vom schönsten Erfolge gekrönt. Die ganze Zeit über,

während er die Schule besuchte, war er sehr gut angeschrieben, und bei

seinem Abgang erhielt er ein vorzügliches Zeugnis mit den besten Noten

in sämtlichen Fächern und außerdem noch ein Buch mit einer Inschrift in

goldenen Lettern: »Für lobenswerten Fleiß und musterhaftes Betragen.«

Bei seinem Abgang von der Schule war er bereits ein Jüngling von recht

anziehendem Äußeren, mit einem Kinn, das der sorgsamen Pflege durchs

Rasiermesser bedurfte. Um diese Zeit starb sein Vater. Er hinterließ

seinem Sohne vier völlig abgetragene Flaushemden, zwei alte Röcke, die

mit Lammfell gefüttert waren und eine ganz unbedeutende Geldsumme. Der

Vater verstand es offenbar nur, gute Lehren im Sparen zu erteilen, er

selbst aber hatte nur wenig zurückgelegt. Tschitschikow verkaufte

sogleich das alte Häuschen samt dem dazugehörigen dürftigen Grund und

Boden für tausend Rubel, und schickte die Leibeigenen-Familie die es

bewohnt hatte, nach der Stadt, da er beabsichtigte, sich daselbst

niederzulassen und in den Staatsdienst einzutreten. Um diese Zeit wurde

sein armer Lehrer, der soviel Wert auf Ruhe und gutes Betragen legte,

wegen seiner Unfähigkeit oder einer andern Verfehlung halber entlassen;

er begann vor Gram zu trinken; aber bald reichten die Mittel nicht

einmal mehr dazu; krank, hilflos, ohne einen Bissen Brot verkam und

verhungerte er in irgend einer ungeheizten abgelegenen Dachkammer. Als

seine früheren Schüler, hinter deren Witz und Scharfsinn er immer

Ungehorsam und Aufsässigkeit gewittert hatte, von seiner Lage erfuhren,

veranstalteten sie sofort eine kleine Geldsammlung für ihn, und

verkauften sogar einige von ihren eigenen Sachen, die sie nur schwer

entbehren konnten; nur Pawluscha Tschitschikow machte Ausflüchte, er

habe nichts, und opferte bloß ein armseliges silbernes Fünfkopekenstück,

das ihm die Kameraden mit den Worten: Oh, du Geizhals! vor die Füße

warfen. Der arme Lehrer bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, als er

von dieser Handlung seiner früheren Schüler erfuhr; die Tränen stürzten

ihm in Bächen, wie bei einem hilflosen Kinde aus den erlöschenden Augen.

»Noch auf dem Totenbett schickt Gott mir diese Tränen!« rief er mit

schwacher Stimme, er seufzte schmerzlich, als er vernahm, wie

Tschitschikow an ihm gehandelt hatte und fügte hinzu: »Ach, Pawluscha,

Pawluscha! Wie sich doch der Mensch verändert! Was für ein braver

artiger Junge er doch war! Er hatte so gar nichts Wildes und war so

weich wie Seide. Wie hat er mich betrogen, o, wie hat er mich doch

betrogen! ...«

Und doch kann man nicht sagen, daß die Natur unseres Helden so rauh und

hart, und daß sein Gefühl so abgestumpft war, daß er weder Mitleid noch

Teilnahme kannte. Beide Gefühle waren ihm sehr wohl bekannt, und er wäre

zu jeder Hilfe bereit gewesen, nur durfte sie nicht in einem gar zu

großen Geldopfer bestehen, denn unter keinen Umständen hätte er die

Summe angegriffen, die er beschlossen hatte, nie auszugeben; mit einem

Wort, der väterliche Rat: »sei sparsam und ehre den Pfennig« war auf

guten Boden gefallen. Und doch hing er nicht am Gelde, um des Geldes

selbst willen; Geiz und Habsucht waren keineswegs die Triebfedern, die

ihn ganz beherrschten. Nein, nicht sie waren die Motive, von denen er

sich leiten ließ; was ihm vorschwebte, war ein Leben in Wohlstand und

Überfluß, mit jeglichem Komfort, Equipagen, ein wohlgeordneter Haushalt,

schmackhafte Diners -- das war es, was ihn ganz erfüllte und fortwährend

beschäftigte. Und dazu sparte und ehrte er die Kopeke, die er sich

selbst und andern versagte, um, wenn die Stunde schlagen würde, all

diese Herrlichkeiten voll auszukosten. Wenn irgend ein reicher Mann in

einem leichten eleganten Wagen, mit stolzen Pferden in schimmerndem

Geschirr an ihm vorüberjagte, dann blieb er wie festgewurzelt stehen,

und sprach dann wie wenn er aus tiefem Traum erwachte: »Und er war doch

ein gewöhnlicher Handlungsgehilfe und trug gekräuseltes Haar!« Alles,

was von Reichtum und Wohlstand zeugte, machte einen so tiefen Eindruck

auf ihn, daß er es mitunter selbst nicht recht verstehen konnte. Als er

die Schule verließ, ruhte er nicht einmal ein wenig aus: so stark war

sein Wunsch, so schnell als möglich ans Werk zu gehen und in den

Staatsdienst einzutreten. Allein trotz der vorzüglichen Zeugnisse gelang

es ihm nur eine unbedeutende Stelle in der Finanzkammer zu erhalten;

selbst in den entlegensten Nestern kommt man nicht ohne Protektion aus!

Schließlich fand sich doch noch ein kleines Pöstchen, mit einem Gehalt

von dreißig bis vierzig Rubel jährlich. Aber er war fest entschlossen,

sich ganz dem Dienste zu widmen und alle Hindernisse zu besiegen und zu

überwinden. Und in der Tat, er legte eine geradezu unerhörte

Selbstverleugnung und Geduld an den Tag, und schränkte seine Bedürfnisse

auf das Allernotwendigste ein. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend

saß er unermüdlich hinter seinem Tische, ohne daß seine geistigen und

körperlichen Kräfte nur im geringsten nachließen, schrieb und schrieb,

verschwand vollkommen hinter seinen Akten, ging kaum nach Hause, schlief

in der Kanzlei auf dem Tische, aß mitunter mit den Hausknechten und

Wächtern zu Mittag und verstand es bei alledem, sich ein sauberes

wohlgepflegtes Äußeres zu bewahren, sich anständig zu kleiden, seinem

Gesicht einen angenehmen Ausdruck zu verleihen und sogar seinen

Bewegungen einen gewissen Adel zu geben. Man muß sagen, daß die Beamten

der Finanzkammer sich besonders durch ihre Unscheinbarkeit und

Häßlichkeit auszeichnen. Sie hatten alle Gesichter wie schlecht

gebackene Semmel; eine Backe war geschwollen, das Kinn war schief, die

Oberlippe aufgedunsen wie eine Blase, und noch dazu gesprungen; mit

einem Wort es sah gar nicht hübsch aus. Sie führten alle eine sehr

strenge Sprache, und ihre Stimme war so rauh, als wollten sie einen

durchhauen; sie brachten dem Gott Bachus reichliche Opfer, sie bewiesen,

daß sich bei den Slaven noch mancherlei Reste von Heidentum erhalten

haben; ja sie kamen sogar häufig etwas angeheitert in den Dienst, so daß

es im Amtszimmer recht ungemütlich wurde, da man die Luft nichts weniger

als aromatisch nennen konnte. Unter solchen Beamten mußte Tschitschikow

natürlich auffallen, war er doch fast in allem das vollkommene Gegenteil

von ihnen; seine Züge waren eindrucksvoll, seine Stimme angenehm, auch

enthielt er sich aller geistigen Getränke. Und doch wurde ihm die

Karriere durchaus nicht leicht gemacht. Er erhielt einen ganz alten

Aktuar zum Chef, ein wahres Muster starrer Gefühllosigkeit und

Unerschütterlichkeit; er blieb immer gleich unnahbar, nie belebte ein

Lächeln sein Gesicht, nie kam er einem freundlich grüßend entgegen, oder

erkundigte sich nach dem Befinden. Noch nie hatte ihn jemand anders

gesehen, als er sich immer zu geben pflegte, nicht einmal zu Hause oder

auf der Straße; nie äußerte er das geringste Interesse oder etwas wie

Teilnahme an fremdem Schicksal; nie war es ihm begegnet, daß er

betrunken gewesen wäre und in diesem Zustand einmal herzhaft gelacht

hätte; nie hatte er sich einem wilden Taumel hingegeben, wie es selbst

der Räuber in Augenblicken des Rausches tut; -- von alledem war auch

nicht ein Schatten bei ihm zu finden. Er war frei von Bosheit und Güte,

aber gerade in diesem vollständigen Mangel aller starken Gefühle und

Leidenschaften lag etwas Grauenerregendes. Sein hartes Marmorgesicht, an

dem man keinen unsymmetrischen Zug entdeckte, erinnerte an kein

Menschenantlitz und in seinen Linien herrschte eine rauhe Proportion.

Nur die zahlreichen Pockennarben und -Gruben, mit denen es übersät war,

machten es zu einem von jenen Gesichtern, auf denen der Teufel nachts

Erben drischt. Man sollte meinen, es hätte über alle Menschenkraft gehen

müssen, einem solchen Menschen näher zu treten und seine Zuneigung zu

gewinnen; Tschitschikow aber wagte dennoch diesen Versuch. Zuerst suchte

er sich ihm in allerhand unbedeutenden Kleinigkeiten gefällig zu

erweisen; er untersuchte sorgfältig wie die Federn geschnitten waren,

mit denen der Aktuar schrieb, dann besorgte er sich ein paar von der

genannten Art, und legte sie so hin, daß jener sie leicht finden konnte;

er blies und wischte den Streusand und Tabak von seinem Tische ab;

schaffte einen neuen Lappen für das Tintenfaß an; ferner lief er stets

nach seiner Mütze -- der häßlichsten Mütze, die es je auf der Welt gab,

und legte sie jedesmal kurz vor dem Schluß der Sitzung neben ihn hin;

oder er bürstete ihm den Rücken ab, wenn er sich an der Wand weiß

gemacht hatte u. s. f. Aber dies alles machte nicht den geringsten

Eindruck, gerad als ob es überhaupt nicht geschehen wäre. Schließlich

jedoch gelang es Tschitschikow, einen Einblick in das Familienleben

seines Chefs zu gewinnen: er erfuhr, daß er eine erwachsene Tochter

hatte, deren Gesicht gleichfalls so aussah, als ob »nachts Erbsen darauf

gedroschen« würden. Und nun versuchte er die Festung von dieser Seite zu

bestürmen. Er hatte in Erfahrung gebracht, welche Kirche sie Sonntags

besuchte; er stellte sich also jedesmal aufs feinste und tadelloseste

gekleidet, mit einem prachtvoll gestärkten Vorhemd _vis à vis_ von ihr

auf, und die Sache hatte Erfolg: der gestrenge Aktuar ließ sich

erweichen und lud ihn zum Tee ein! Im Handumdrehen war es so weit

gekommen, daß Tschitschikow zu ihm ins Haus zog und sich hier bald

geradezu unentbehrlich zu machen wußte; er kaufte Mehl und Zucker ein,

verkehrte mit der Tochter wie mit seiner Braut, nannte den Herrn Aktuar

»Papachen« und küßte ihm die Hand. Im Gericht war alles überzeugt, daß

Ende Februar, vor den großen Fasten die Hochzeit stattfinden werde. Der

gestrenge Aktuar bemühte sich sogar bei seinem Vorgesetzten für ihn, und

bald darauf saß Tschitschikow selbst als Aktuar auf einem Platz, der

gerade frei geworden war. Das war wohl der Hauptzweck seiner Annäherung

an den greisen Aktuar gewesen, denn noch am selbigen Tage ließ er seinen

Koffer heimlich zu sich nach Hause tragen und am folgenden Tage nahm er

sich schon eine andere Wohnung. Er hörte auf, den Aktuar »Papachen« zu

titulieren und ihm die Hand zu küssen, die Sache mit der Heirat wurde

immer weiter hinausgeschoben, fast als ob überhaupt niemals davon die

Rede gewesen wäre. Trotzdem drückte er dem Aktuar auch fürderhin, wenn

er ihm begegnete, zärtlich die Hand, lud ihn zu sich zum Tee ein, so daß

der Alte trotz seiner großen Schwerfälligkeit und seiner hartnäckigen

Gleichgültigkeit jedesmal den Kopf schüttelte und murmelte: »Hat der

mich beschwindelt, dieser Satan!«

Dies war das schwierigste Hindernis, das aber nun genommen war. Von da

ab ging es leichter und mit noch größerem Erfolge vorwärts. Man fing an,

ihn zu beachten. Besaß er doch alles, was man braucht, wenn man sich auf

dieser Welt durchschlagen will: die angenehmen Manieren, das feine

Betragen und den kecken Wagemut in allen geschäftlichen Unternehmungen.

Mit diesen Mitteln eroberte er sich in kürzester Zeit das, was man ein

»warmes Plätzchen« zu nennen pflegt, und wußte es aufs trefflichste

auszunützen. Man muß nämlich wissen, daß man um diese Zeit streng gegen

die Bestechlichkeit vorzugehen begann. Alle Maßnahmen hatten indes für

ihn keine Schrecken, da er sie vielmehr zu seinem eigenen Vorteil

auszunutzen wußte, und er legte hierbei einen echt russischen

Erfindungsgeist an den Tag, der sich während der Zeiten starken Drucks

stets in seiner höchsten Blüte zeigt. Er machte es nämlich

folgendermaßen: sobald ein Bittsteller erschien, und die Hand in die

Tasche steckte, um eins von den sattsam bekannten »Empfehlungsschreiben

des Fürsten Chowanski« wie man sich bei uns in Rußland ausdrückt,

hervorzuziehen -- sagte er sogleich mit einem freundlichen Lächeln,

wobei er den Bittsteller an der Hand festhielt: »Sie denken wohl, daß

ich .... nein, bitte! nein! Das ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, das

müssen wir auch ohne jede Entschädigung tun! Was das anbelangt, so

können Sie ganz ruhig sein. Morgen ist alles in schönster Ordnung! Darf

ich fragen, wo Sie wohnen? Sie brauchen sich selbst garnicht zu bemühen.

Es wird Ihnen alles nach Hause geschickt!« Der entzückte Bittsteller

kehrte ganz begeistert nach Hause zurück und dachte sich: »Endlich mal

ein Mensch! ach, wenn es doch mehr solcher gäbe, das ist ja ein wahres

Kleinod!« Jedoch der Bittsteller wartet einen Tag, wartet zwei, aber

seine Akten wollen noch immer nicht kommen. Am dritten Tag ist es

ebenso. Er geht noch einmal in die Kanzlei -- man hat seine Papiere noch

garnicht angesehen. Er geht wieder zu seinem Kleinod. »Ach entschuldigen

Sie,« sagt Tschitschikow sehr höflich, indem er den Herrn bei beiden

Händen ergreift: »Wir hatten so schrecklich viel zu tun, aber morgen,

morgen sollen Sie sie unbedingt haben! Es ist mir selbst höchst

peinlich!« All diese Worte wurden von geradezu bezaubernden Gesten

begleitet. Wenn bei dieser Gelegenheit der Rock aufgeknöpft wurde, so

suchte die Hand diesen Fehler sofort wieder gut zu machen, indem sie den

Bittsteller daran hinderte. Aber die Akten wollen trotzdem nicht kommen,

weder morgen, noch übermorgen, noch überübermorgen. Der Bittsteller

fängt an zu überlegen: »Hm! stimmt da vielleicht etwas nicht?« Er

erkundigt sich, und erhält die Antwort: »Die Schreiber müssen was

bekommen!« »Meinetwegen, warum sollte ich ihnen nichts geben: Sie sollen

ihre fünfundzwanzig, meinetwegen sogar fünfzig Kopeken haben.« -- »Nein,

damit ist's nicht getan, Sie müssen schon mindestens einen _weißen_

Zettel[7] hinlegen.« »Was? den Schreibern einen weißen?« ruft der

Bittsteller erstaunt aus. »Ja, warum regen Sie sich nur so auf?«

antwortet man ihm: »das stimmt doch: die Schreiber erhalten wirklich nur

ihre fünfundzwanzig Kopeken, der Rest geht an die Herren Vorgesetzten

weiter!« Hier schlägt sich der harmlose Bittsteller vor den Kopf und

flucht wütend über die neue Ordnung, über die Maßnahmen gegen das

Bestechungswesen, und die verfeinerten Umgangsformen der Beamten.

Früher, da wußte man wenigstens, was man zu machen hatte: da legte man

dem Geschäftsführer einen _roten_ Zettel auf den Tisch, und die Sache

war erledigt; jetzt muß man dagegen einen _weißen_ opfern und verliert

noch dazu eine ganze Woche, ehe man überhaupt heraus kriegt, was hier

eigentlich los ist! ... hol der Teufel diese Uneigennützigkeit und die

Vornehmtuerei der Herren Beamten! Der Bittsteller hat natürlich ganz

recht: aber dafür gibt's eben heute keine Bestechungen mehr: alle

geschäftsführenden Beamten sind rechtschaffene, ehrliche Leute und nur

die Schreiber und Sekretäre sind noch Halunken und Gauner. Bald jedoch

tat sich vor Tschitschikow ein weites Feld der Tätigkeit auf: es bildete

sich eine Kommission für den Bau eines großen Staatsgebäudes. In diese

Kommission ließ auch er sich hineinwählen, und wurde eins ihrer

tätigsten Mitglieder. Man schritt sofort zur Tat. Sechs Jahre lang

bemühte man sich um das Staatsgebäude, aber war es nun das Klima, oder

lag es an den Materialien, genug, der Bau wollte durchaus nicht

fortschreiten und kam nicht über das Fundament hinaus. Dafür aber

schafften sich die Mitglieder der Kommission an verschiedenen Enden der

Stadt eine Reihe von schönen Häusern in gut bürgerlichem Stile an;

offenbar war dort der Boden etwas besser. Die Herren Mitglieder fingen

schon an, sich eines gewissen Wohlstandes zu erfreuen und sich eine

Familie zu gründen. Erst jetzt und unter den neuen Verhältnissen begann

auch Tschitschikow, sich von dem schwer lastenden Druck seiner strengen

Enthaltsamkeitsprinzipien und der Selbstverleugnung zu befreien. Erst

jetzt entschloß er sich zu einer milderen Handhabung der

Fastenvorschriften, die er solange aufs strengste beobachtet hatte, und

nun erst stellte es sich heraus, daß er eigentlich nie ein Feind jener

Genüsse gewesen war, deren er sich in den Tagen einer feurigen Jugend so

gut zu enthalten verstand, gerade in den Jahren, wo der Mensch noch

nicht Herr seiner selbst ist. Er erlaubte sich sogar einen gewissen

Luxus: schaffte sich einen Koch und feine holländische Hemden an. Auch

kaufte er sich solche Stoffe, wie sie in der Provinz keineswegs

allgemein getragen wurden und bevorzugte besonders die braunen und

glänzenden hellroten Farben, er schaffte sich auch ein Paar stattliche

Pferde an und lenkte selbst seinen Wagen, wobei er wohl die Zügel selbst

in der Hand hielt und das Beipferd elegante Seitensprünge machen ließ;

jetzt wurde auch die Sitte eingeführt, sich mit einem Schwamm, der in

eine Mischung von Wasser und _Eau de Cologne_ getaucht wurde, zu

waschen; schon kaufte er sich teure Seife, um seine Haut weich und glatt

zu erhalten, schon ...

[Fußnote 7: Fünfundzwanzig Rubel.]

Da wurde plötzlich anstelle der alten Schlafmütze ein neuer Sektionschef

ernannt, ein strenger Herr, der beim Militär gedient hatte, und ein

geschworener Feind des Bestechungssystems, und alles dessen war, was man

Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit nennt. Schon am folgenden Tage

scheuchte er alle Beamten bis auf den letzten auf, verlangte

Rechenschaftsberichte, entdeckte auf Schritt und Tritt Mißstände, sah,

daß überall Summen fehlten, bemerkte sofort die stattlichen Häuser im

bürgerlichen Stil -- und ordnete sogleich eine Untersuchung an. Die

Beamten wurden ihres Dienstes entsetzt; die Häuser im bürgerlichen Stil

vom Staate beschlagnahmt und in allerhand wohltätige Anstalten und

Schulen für Kantonisten umgewandelt; alle Beamten erhielten eine

kräftige Moralpauke, am meisten aber unser Freund Tschitschikow. Sein

Gesicht erregte plötzlich trotz seines angenehmen Ausdrucks das höchste

Mißfallen des Chefs -- warum eigentlich -- das weiß Gott allein; oft

gibt es überhaupt keinen Grund dafür -- genug, er warf einen tödlichen

Haß auf Tschitschikow. Und der unerbittliche Chef war geradezu furchtbar

in seinem Zorn! Da er aber schließlich doch nur ein alter Soldat war und

all die feinen Kniffe und Kunstgriffe des Zivils nicht kannte, gelang es

den andern Beamten durch Vortäuschung eines ehrlichen Gesichts und durch

die Kunst, sich an alles anzupassen, sich seine Gnade zu erwerben, und

der General kam bald in die Hand noch weit größerer und schlimmerer

Halunken, die er noch dazu garnicht dafür hielt; ja er war schließlich

sogar noch zufrieden, daß er die rechten Leute gefunden habe und rühmte

sich ernstlich, wie gut er es verstehe, die Menschen nach ihren Talenten

und Fähigkeiten zu würdigen und abzuschätzen. Die Beamten kamen sogleich

hinter seinen Charakter und seine Eigenschaften. Alle, die unter ihm

standen, wurden gewaltige Wahrheitsfanatiker, die jedes Unrecht und

jegliche Ungerechtigkeit unbarmherzig ahndeten; überall, wo sie

dergleichen antrafen, verfolgten sie es, so wie ein Fischer mit seiner

Harpune einem fetten Stör nachjagt, und zwar mit so großem Erfolg, daß

ein jeder von ihnen in ganz kurzer Zeit im Besitz von einigen Tausend

Rubeln Kapital war. Um dieselbe Zeit bekehrten sich auch mehrere von den

früheren Beamten und wurden wieder in Gnaden aufgenommen. Tschitschikow

allein wollte es nicht glücken, sich wieder beim Chef einzuschmeicheln;

so sehr sich auch der erste Sekretär des Generals unter dem Eindruck

eines Empfehlungsbriefes des Fürsten Chowanski um ihn bemühte und für

ihn einsetzte, er, der so vortrefflich die Lenkung und Steuerung der

Nase des Gouverneurs verstand -- er vermochte dennoch nichts

auszurichten. Der General war nun einmal ein solcher Mensch, der sich

wohl an der Nase herumführen ließ (übrigens ohne, daß er es selbst

wußte); hatte sich aber einmal ein Gedanke in seinem Kopfe festgesetzt,

dann saß er so fest, wie ein eiserner Nagel und keine Macht der Welt

hätte ihn wieder herausziehen können. Alles was der kluge Sekretär

erreichen konnte, war, daß die alte schmutzige Dienstliste vernichtet

wurde, aber selbst hierzu konnte er seinen Chef nur veranlassen, indem

er an sein Mitleid apellierte und ihm in glühenden Farben das traurige

Schicksal Tschitschikows und seiner unglücklichen Familie ausmalte, die

ja Gott sei Dank garnicht existierte.

»Was tun!« sprach Tschitschikow: »ich hab eingehakt, raufgezogen, und

das Ding ist mir doch wieder abgeschnappt -- da ist kein Wort zu

verlieren. Durch Geheul und Gegrein macht man das Unglück nicht wieder

gut. Man muß ans Werk gehen und handeln!« Und er beschloß, seine

Laufbahn von neuem zu beginnen, sich aufs neue mit Geduld zu wappnen und

sich wieder zu beschränken, so schön und herrlich er sich auch vordem zu

entfalten begonnen hatte. Er entschloß sich, in eine andere Stadt

überzusiedeln und dort bekannt und berühmt zu werden. Aber es wollte

alles nicht recht glücken. In ganz kurzer Zeit mußte er zwei- oder

dreimal sein Amt und seinen Beruf wechseln, denn die damit verbundene

Tätigkeit war höchst unsauber und widerwärtig. Der Leser muß nämlich

wissen, daß Tschitschikow soviel auf Anstand und Sauberkeit gab, wie

kaum sonst jemand in der Welt. Und obwohl er sich im Anfang auch in

einer unsauberen Gesellschaft bewegen mußte, blieb seine Seele doch

immer rein und fleckenlos, daher liebte er es auch, wenn die Tische in

den Amtsstuben lackiert waren und alles fein und nobel aussah. Nie

erlaubte er sich in seinen Reden ein unanständiges Wort, und es kränkte

ihn tief, wenn er in den Worten eines anderen die schuldige Achtung

gegen seine Titel und Würden vermißte. Ich glaube, es wird dem Leser

angenehm sein, zu erfahren, daß er jeden zweiten Tag seine Wäsche

wechselte; im Sommer während der heißesten Zeit sogar zweimal täglich:

jeder unangenehme Geruch beleidigte sein empfindliches Geruchsorgan.

Daher steckte er sich auch jedesmal, wenn Petruschka erschien, um ihn

anzukleiden und ihm die Stiefel auszuziehen, ein paar Nelken in die

Nase; und oft waren seine Nerven zarter als die eines jungen Mädchens;

daher wurde es ihm auch so schwer, wieder in jene Schichten

unterzutauchen, wo alles nach Fusel roch und die feinen Manieren ganz

unbekannt waren. So sehr er sich auch beherrschte, er magerte dennoch

ein wenig ab und bekam eine grünliche Gesichtsfarbe von all diesen

Widerwärtigkeiten und Schicksalsschlägen. Eben hatte er angefangen, dick

zu werden und sich jene runden und gefälligen Körperformen zuzulegen, in

deren Besitz der Leser ihn angetroffen hat, als er seine erste

Bekanntschaft machte; und oft schon hatte er, wenn er sich im Spiegel

betrachtete, an mancherlei irdische Annehmlichkeiten gedacht: an ein

reizendes Weibchen, eine volle Kinderstube, und ein Lächeln hatte bei

diesem Gedanken sein Gesicht belebt; wenn er jetzt dagegen unversehens

in den Spiegel blickte, konnte er nicht umhin, auszurufen: »Heilige

Mutter Gottes, wie häßlich ich geworden bin!« Und es verging ihm für

lange Zeit die Lust, sich im Spiegel zu betrachten. Aber unser Held

ertrug alles, ertrug es geduldig und mutig -- und so erhielt er denn

endlich eine Stellung beim Zollamt. Hier müssen wir erwähnen, daß ein

solcher Posten schon längst Gegenstand seiner geheimen Wünsche gewesen

war. Er hatte gesehen, was sich die Zollbeamten für wunderschöne

ausländische Sachen anschafften, was für herrlichen Batist und Porzellan

sie ihren Schwestern, Vettern und Basen zum Geschenk machten. Oft schon

hatte er seufzend ausgerufen: »Das wär so etwas für mich: die Grenze ist

nahe, man ist in der Nähe von gebildeten Leuten, was für feine

holländische Hemden man sich da zulegen könnte!« Und wir müssen

hinzufügen, daß er auch noch an eine besondere Sorte französischer Seife

dachte, welche der Haut eine außerordentliche Weiße und Geschmeidigkeit

und den Wangen Frische und Glanz verlieh; was das für eine Marke war,

das mag Gott wissen, jedenfalls hatte er Grund zu vermuten, daß sie nur

an der Grenze zu haben war. Genug, er sehnte sich schon lange nach dem

Zollamt, aber die augenblicklichen Vorteile, die ihm aus dem Dienst in

der Baukommission erwuchsen, hielten ihn noch zurück, und er sagte sich

mit Recht, daß das Zollamt eben doch nicht mehr als eine Taube auf dem

Dache sei, während die Baukommission doch immerhin ein Sperling in der

Hand war. Jetzt aber hatte er sich entschlossen, unter allen Umständen

beim Zollamt unterzukommen -- und das setzte er denn auch tatsächlich

durch. Mit wahrem Feuereifer machte er sich ans Werk. Das Schicksal

selbst schien ihn zum Zollbeamten prädestiniert zu haben. Eine gleiche

Geschäftigkeit und ein solch durchdringender Scharfblick war noch nie

vorgekommen. In drei oder vier Wochen hatte er sich bereits eine solche

Sicherheit im Zollfach angeeignet, daß er buchstäblich alles wußte: er

brauchte garnicht abzumessen oder nachzuwiegen; denn er erkannte sofort

nach der Faktur, wieviel Meter Stoff in einem Paket enthalten waren; und

wenn er ein Gepäckstück in die Hand nahm, konnte er sofort sagen,

wieviel es wog; was aber die Untersuchung anbetraf, so hatte er, wie

seine eigenen Kameraden sich ausdrückten, geradezu »eine Witterung wie

ein guter Jagdhund«: es war wirklich wunderbar, wie geduldig er jeden

Knopf befühlte, und dies alles geschah mit einer vernichtenden

Kaltblütigkeit und einer geradezu unglaublichen Höflichkeit. Während die

unglücklichen Objekte der Untersuchung vor Wut rasten, alle

Selbstbeherrschung verloren und eine unwiderstehliche Lust verspürten,

sein angenehmes Gesicht tüchtig durchzubläuen, verzog er keine Miene und

sagte immer mit der gleichen Liebenswürdigkeit: »Wollen Sie nicht die

Gefälligkeit besitzen, sich ein wenig zu bemühen und aufzustehen!« oder

»Wollen Sie nicht die Güte haben, gnädige Frau, und ein wenig ins

Nebenzimmer treten. Die Gattin eines unserer Beamten möchte ein paar

Worte mit Ihnen sprechen«, oder »Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen das

Unterfutter Ihres Mantels ein wenig mit dem Messer auftrenne«. Und mit

diesen Worten zog er ganz kaltblütig alle möglichen Tücher, Shawls usw.

von dort hervor, ganz wie aus seinem eigenen Koffer. Selbst die

Vorgesetzten erklärten, das sei ein Teufel und kein Mensch. Überall fand

er etwas: zwischen den Rädern, in der Deichsel, in den Ohren der Pferde

und Gott weiß, wo noch sonst, wo es wohl selbst keinem Dichter in den

Kopf käme, etwas zu suchen, und wohin sich höchstens ein Zollbeamter

verirren kann. Der arme Reisende konnte sich noch lange, nachdem er die

Grenze passiert hatte, nicht auf sich selbst besinnen, wischte sich den

Schweiß, der ihm aus allen Poren getreten war, ab, schlug ein Kreuz und

murmelte: »Na, na!« Seine Lage erinnerte sehr an die eines Schuljungen,

der eben dem Karzer entronnen ist, wohin der Lehrer ihn rief, um ihm

eine kleine Standrede zu halten und ihn statt dessen zu seinem höchsten

Erstaunen kräftig durchwalkte. Bald wußten sich die Schmuggler vor ihm

nicht mehr zu retten: er war der Schrecken und die Verzweiflung der

gesamten polnischen Judenschaft. Seine Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit

waren unvergleichlich und geradezu unnatürlich. Er legte sich nicht

einmal ein kleines Kapital aus den konfiszierten Waren und den

beschlagnahmten Sachen an, welche dem Staate vorenthalten wurden, um die

unnützen Schreibereien zu vermeiden. Ein solcher uneigennütziger Eifer

im Dienst mußte natürlich allgemeines Staunen erregen und schließlich

auch der Regierung zu Ohren kommen. Er erhielt einen Titel und wurde

befördert, woraufhin er der Regierung ein Projekt vorlegte, wie man

sämtliche Schmuggler fangen und dingfest machen könnte. Diesem Projekte

legte er nur noch die Bitte um Einsendung der hierzu erforderlichen

Mittel bei. Sogleich wurde ihm das Oberkommando und die unbeschränkte

Vollmacht zur Ausführung aller möglichen Untersuchungen und

Ermittelungen erteilt. Das war es allein, was er brauchte. Um diese Zeit

hatte sich gerade eine große Gesellschaft von Schmugglern gebildet,

welche ganz bewußt und planmäßig vorgingen: das freche Unternehmen

versprach, Millionen abzuwerfen. Tschitschikow hatte schon längst etwas

davon erfahren und sich sogar geweigert, die Abgesandten zu kaufen,

indem er ganz trocken erklärte, die Zeit sei noch nicht gekommen.

Nachdem er jedoch alle Fäden in seiner Hand hatte, benachrichtigte er

die Gesellschaft sofort, indem er ihr sagen ließ: Jetzt ist es Zeit. Er

hatte fast zu sicher gerechnet. In einem Jahre hätte er hier mehr

gewinnen können, als er sich je in zwanzig Jahren durch noch so eifrige

Diensttätigkeit erwerben konnte. _Vordem_ wollte er sich nicht mit ihnen

einlassen, weil er doch nichts wie eine Schachfigur war, und daher nicht

viel erhalten hätte. Jetzt dagegen lagen die Dinge ganz anders, jetzt

konnte er ihnen seine Bedingungen diktieren. Damit die Sache sich

möglichst glatt abwickle, versuchte er noch einen andern Beamten auf

seine Seite zu bringen und das Unternehmen gelang, der Kollege konnte

der Versuchung nicht widerstehen, trotzdem seine Haare schon zu grauen

begannen. Der Pakt wurde geschlossen und die Gesellschaft schritt zur

Tat. Ihre ersten Operationen waren von glänzenden Erfolgen gekrönt. Der

Leser hat sicher schon jene berühmte Geschichte von der Reise der

gescheidten, spanischen Hammel gehört, welche die Grenze in doppelten

Häuten überschritten und dabei für eine Million Brabanter Spitzen unter

dem Pelze mitnahmen. Dieses ereignete sich gerade zu der Zeit, als

Tschitschikow beim Zollamt war. Hätte er selbst nicht an diesem

Unternehmen teilgenommen, kein Jude in der ganzen Welt hätte es fertig

gebracht, einen ähnlichen Streich auszuführen. Nachdem die Hammel die

Grenze drei oder viermal überschritten hatten, stellte es sich heraus,

daß beide Beamten je vierhunderttausend Rubel Kapital besaßen. Ja man

munkelte, daß es bei Tschitschikow sogar in die Fünfhunderttausend

gegangen wäre, weil er noch etwas kecker war, als der andre. Gott weiß,

welche gewaltige Höhe diese gepriesenen Summen erreicht hätten, wenn

nicht irgend ein vertraktes Tier ihnen über den Weg gelaufen wäre. Der

Teufel verdrehte beiden Beamten den Kopf. Der Haber stach sie, und sie

gerieten ohne jeden Grund aneinander. Während einer lebhaften

Unterhaltung nannte Tschitschikow, der vielleicht auch etwas zu viel

getrunken hatte, den andern Beamten einen _Popensohn_, worauf dieser,

der _wirklich_ der Sohn eines Popen war, sich aus irgend einem Grunde

aufs tiefste beleidigt fühlte und ihn sehr heftig und außerordentlich

scharf anfuhr. Und zwar sagte er ihm folgendes: »Das lügst du! Ich bin

Staatsrat und kein Popensohn. Du bist vielleicht ein Popensohn,« und

dann fügte er, um ihm einen Stich zu versetzen und ihn noch mehr zu

ärgern, noch hinzu: »Jawohl, so ist's!« Obwohl er unseren Tschitschikow

damit noch übertrumpfte, indem er ihm das auf ihn selbst gemünzte

Schimpfwort zurückgab, und trotzdem die Wendung: »Jawohl, so ist's«

schon stark genug war, genügte ihm dies jedoch noch nicht, sondern er

sandte noch außerdem eine geheime Denunziation an die Behörde. Übrigens

ging die Rede, beide hätten überdies noch einen Streit wegen eines

frischen handfesten Weibleins gehabt, die nach dem Ausdruck der Beamten

»kernig« gewesen sei, wie eine Rübe, ja es seien sogar ein paar kräftige

Kerle gedungen worden, die unseren Helden eines Abends in einer dunkelen

Gasse tüchtig durchwalken sollten; schließlich aber hätten beide Beamten

eine Nase erhalten, und ein gewisser Hauptmann Schamschajew habe sich

der betreffenden Dame bemächtigt. Wie sich die Sache in Wahrheit

zugetragen hat, das weiß Gott allein. Genug, die geheimen Abmachungen

mit den Schmugglern wurden ruchbar und kamen an den Tag. Der Staatsrat

wurde zwar gleichfalls gestürzt, aber er zog seinen Kollegen mit in

seinen Sturz hinein. Die Beamten wurden vor Gericht gestellt, ihr ganzer

Besitz konfisziert und versiegelt, und dies alles brach über ihre

schuldigen Häupter herein, wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel. Ihr

Geist war wie von Rauch und Dunst umnebelt, und als sie wieder zu sich

kamen, bemerkten sie mit Entsetzen, was sie angerichtet hatten. Der

Staatsrat überlebte diesen Schicksalsschlag nicht und ging irgendwo

elendiglich zugrunde, der Kollegienrat aber hielt dem Schicksal stand

und blieb fest. Er verstand es, einen Teil der Summe in Sicherheit zu

bringen, so fein auch die Witterung der Beamten war, die erschienen

waren um die Untersuchung zu leiten; er wandte alle Schliche und

Ausflüchte an, deren sich ein erfahrener Mann, welcher die Menschen nur

allzu gut kennt, zu bedienen pflegt: hier suchte er durch seine

angenehmen Umgangsformen Eindruck zu machen, dort durch rührende Reden,

hier wirkte er durch Schmeicheleien, die nie etwas schaden können, und

da erwarb er sich die Gunst der Beamten, indem er ihnen etwas zusteckte,

mit einem Wort, er wußte seine Sache so gut zu führen, daß er wenigstens

keinen so schmählichen und unehrenhaften Abschied erhielt, wie sein

Kollege und, wenn auch mit knapper Not, dem Strafrichter entrann.

Freilich: das Kapital und all die schönen ausländischen Sachen waren

dabei draufgegangen; für diese Dinge hatten sich andre Liebhaber

gefunden. Es gelang ihm, sich höchstens zehntausend Rubel aus diesem

Zusammenbruch zu retten, die er sich für alle Fälle zurückgelegt hatte,

dazu noch zwei Dutzend holländische Hemden, eine kleine Kutsche, wie sie

Junggesellen zu besitzen pflegen und zwei Leibeigene: den Kutscher

Seliphan und den Bedienten Petruschka, außerdem hatten ihm die

Zollbeamten, aus reiner Herzensgüte noch fünf oder sechs Stück Seife

geschenkt: damit er sich seine Wangen rein und frisch erhalte -- das war

alles. In so trauriger Lage befand sich nun mit einem Male wieder unser

Held. Welch ungeheueres Mißgeschick war plötzlich über ihn

hereingebrochen! Das nannte er im Dienste der Wahrheit leiden. Man

sollte meinen, nach all diesen Stürmen, Versuchungen, Schicksalsschlägen

und den bösen Zufällen dieses Lebens hätte er sich mit seinen letzten

teuren Zehntausend in den friedlichen Erdenwinkel eines

Provinzstädtchens zurückgezogen, um dort für immer einzurosten: da hätte

er wohl im geblümten Schlafrock am Fenster eines niedrigen Häuschens

gesessen und zugesehen wie Sonntags die Bauern rauften, oder er wäre

vielleicht zur Erholung einmal in den Hühnerhof hinabgegangen, um sich

persönlich das Huhn anzusehen, aus dem die Suppe gekocht werden sollte,

und so hätte er sein Dasein zwar still, doch in seiner Art auch nicht

ganz nutzlos hingebracht. Aber es kam anders; man muß der

unbezwinglichen Charakterstärke unseres Helden Gerechtigkeit widerfahren

lassen. Nach all diesen Schlägen, welche genügt hätten, einen Menschen

wenn nicht umzubringen, so doch für immer gegen alles abzukühlen und

zahm zu machen, war in ihm jene unerhörte Leidenschaft noch immer nicht

erloschen. Er war ärgerlich und zornig, murrte wider die ganze Welt,

schimpfte über die Ungerechtigkeit des Schicksals, war empört über die

Schlechtigkeit der Menschen, und konnte es dennoch nicht lassen, neue

Versuche zu unternehmen. Mit einem Wort: er legte eine Mannhaftigkeit an

den Tag, vor der die träge Geduld des Deutschen zu Nichts

zusammenschrumpft, welche ja in dem ruhigen, langsamen Blutumlauf seinen

Grund hat. Tschitschikows Blut dagegen wallte feurig durch die Adern,

und es bedurfte eines starken, vernünftigen Willens, um all jene Triebe

zu zügeln, welche in ihm nach außen drängten, um sich hier frei zu

ergehen und auszuleben. Er überlegte lange hin und her, und in seinen

Überlegungen war immer etwas Richtiges enthalten. Warum bin _ich_ es

gerade? Warum mußte das Unglück jetzt über _mich_ hereinbrechen? Wer

säumt denn jetzt in seinem Berufe? Alles strebt nach _Erwerb_. Ich habe

doch niemand unglücklich gemacht, habe keine Witwe beraubt, keinen

Menschen an den Bettelstab gebracht, nur von dem Überflusse genommen

dort wo jeder andere an meiner Stelle auch die Hand ausgestreckt hätte.

Hätte ich nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, so hätten andere

es statt meiner getan. Warum sollen denn andere schwelgen und glücklich

sein? Und warum soll ich denn verfaulen wie ein Wurm? Was bin ich jetzt?

Wozu tauge ich? Wie soll ich jetzt einem braven Familienvater ins Auge

sehen? Muß ich nicht Gewissensbisse empfinden, wenn ich daran denke, daß

ich nur die Erde unnütz belaste? Und was sollen einst meine Kinder

sagen? -- »Seht unsern Vater an,« werden sie sagen; »er war ein

Schweinehund, und hat uns kein Vermögen hinterlassen.«

Wir wissen bereits, daß Tschitschikow sehr besorgt um seine Nachkommen

war. Es ist damit eine kitzliche Sache. So mancher würde nicht so tief

in den fremden Beutel greifen, wenn sich ihm nicht immer die seltsame,

unbegreifliche Frage wie von selbst auf die Lippen drängte: »Und was

werden meine Kinder sagen?« Und der künftige Stammvater greift eilig

nach dem, was ihm zu allererst unter die Finger kommt, wie ein

vorsichtiger Kater, welcher ängstlich zur Seite schielt, ob nicht der

Hausherr in der Nähe ist: sieht er ein Stück Seife liegen, eine Kerze,

ein Endchen Speck, kommt ihm ein Kanarienvogel unter die Pfoten, er

nimmt alles mit und verschmäht nichts. So jammerte und klagte unser

Held, und doch arbeitete sein Kopf unaufhörlich weiter. Unabläßlich

wollte sich etwas formen und wartete nur auf den Plan zu dem neu zu

errichtenden Bau. Und wiederum schrumpfte er zusammen, wieder begann er

ein hartes Arbeitsleben, wieder schränkte er sich in allem ein, wieder

stieg er aus der Sphäre des Wohlstandes und der Reinheit in den Schmutz

und das Elend des Daseins hinab. In Erwartung eines Besseren ließ er

sich sogar dazu herbei, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu übernehmen,

ein Beruf, der sich bei uns noch nicht das Bürgerrecht erkämpft hat,

dessen Träger von allen Seiten Püffe und Stöße erdulden müssen, von den

niederen Gerichtsbeamten und von ihren Vorgesetzten verachtet werden und

zum Antichambrieren, zum Erleiden jeglicher Grobheiten und Beleidigungen

verurteilt sind. Allein die Not machte unsern Helden zu allem fähig.

Unter den mancherlei Aufträgen, mit deren Ausführung er betraut wurde,

gab es auch folgenden: es sollten einige hundert Bauern bei

Vormundschaftsgericht verpfändet werden. Das Gut, zu dem die Bauern

gehörten, stand vor dem Ruin. Furchtbare Viehseuchen, die Mißwirtschaft

spitzbübischer Verwalter, Epidemien, denen die besten Arbeiter zum Opfer

fielen, Mißernten und nicht zum mindesten die Unvernunft des Gutsherrn

hatten es dem Ruin entgegengeführt. Der Besitzer hatte sich in Moskau

ein modernes Haus im neusten und vornehmsten Geschmack erbaut, dabei

aber war sein ganzes Vermögen bis zur letzten Kopeke draufgegangen, so

daß ihm kaum noch was zum Essen übrig blieb. So sah er sich denn

gezwungen, sein einziges Gut, das ihm noch übrig geblieben war, zu

verpfänden. Hypothekengeschäfte mit dem Staate waren damals noch

ziemlich unbekannt und erst vor kurzem eingeführt, daher entschloß man

sich nicht ohne inneres Unbehagen zu einem solchen Schritt.

Tschitschikow hatte in seiner Eigenschaft als Gerichtsvollzieher

sämtliche Vorbereitungen zu treffen; vor allem sorgte er, daß auch alle

Anwesenden in der rechten Stimmung waren (ohne diese vorbereitende

Maßnahme ist es bekanntlich nicht einmal möglich, die einfachsten

Erkundigungen einzuziehen -- unter einer Flasche Madeira pro Kopf geht's

jedenfalls nicht ab), nachdem er also alle, auf die es hierbei ankam, in

die rechte Geistesverfassung versetzt hatte, erklärte er ihnen: es gäbe

bei dieser Sache noch einen Umstand, der unbedingt berücksichtigt werden

müsse: »die Hälfte der Bauern sei gestorben, da müsse man sich in acht

nehmen, daß später nicht etwa Klagen laut würden ...« »Sie stehen aber

doch in der Revisionsliste, nicht wahr?« sagte der Sekretär. »Freilich,«

erwiderte Tschitschikow. »Nun was fürchten Sie denn dann noch?« sagte

der Sekretär. »Der eine stirbt, ein andrer wird geboren, nun gut, dann

ist doch nichts verloren.« Wie man sieht, verstand es der Sekretär in

Versen zu sprechen. Hier aber blitzte in unserem Helden der genialste

Gedanke auf, der je einem Menschen in den Kopf gekommen war. »O, ich

Einfaltspinsel!« sprach er zu sich selbst, »ich suche meine Handschuhe

und sie stecken ruhig in meinem Gürtel! Hätte ich mir all diese Leute,

welche gestorben sind, gekauft, noch ehe die neuen Revisionslisten

aufgestellt wurden; hätte ich sie mir, sagen wir einmal, für tausend

Rubel erworben und dann beim Vormundschaftsgericht verpfändet; dann

hätte ich zweihundert Rubel für die Seele bekommen, und das würde heute

genau zweimal hunderttausend Rubel ausmachen! Und dazu ist jetzt gerade

der günstigste Augenblick: die Epidemie ist erst eben vorüber, die hat

gottlob nicht wenige das Leben gekostet! Die Gutsbesitzer haben ihr Geld

verspielt, zechen jetzt herum, und haben ihr ganzes Vermögen

durchgebracht; alles will nach Petersburg und in den Staatsdienst

treten: die Güter liegen darnieder, die Verwalter kümmern sich kaum um

sie, mit jedem Jahre wird's schwerer, die Steuern einzutreiben; wie gern

wird mir da jeder seine toten Bauern abtreten, nur um keine Kopfsteuer

für sie bezahlen zu müssen, ja am Ende nehme ich noch diesem oder jenem

ein paar Kopeken dafür ab. Das ist natürlich nicht leicht, es kostet

viele Mühe, man muß ewig in Sorgen schweben, daß man hereinfällt, und

daß eine neue Geschichte daraus entsteht. Aber wozu hat denn der Mensch

schließlich seinen Verstand? Das Gute dabei ist ja eben dies: daß die

Sache so unwahrscheinlich ist: niemand wird es recht glauben wollen.

Freilich ohne Land kann man sie weder kaufen noch verpfänden; aber ich

werde sie eben zu Ansiedelungszwecken kaufen, natürlich: zu

Ansiedelungszwecken; jetzt bekommt man ja das Land im Gouvernement

Taurien und Cherson fast umsonst; dort kannst du kolonisieren soviel

dein Herz begehrt! Ich führe sie eben einfach dorthin: ins Chersonsche

Gouvernement; da mögen sie meinetwegen leben! Und die Ansiedelung läßt

sich ja auf ganz gesetzlichem Wege vollziehen, nach allen Regeln der

Kunst, durch das Gericht. Wenn sie ein Zeugnis verlangen, gut, ich habe

nichts dagegen: Warum nicht? Ich werde auch ein Zeugnis mit der

eigenhändigen Unterschrift irgend eines Kreisrichters vorlegen. Das Gut

wird »Tschitschikowka« oder nach meinem Taufnamen »Pawlowskoje«

genannt.« So kam im Kopfe unseres Helden dieser seltsame Plan zustande;

ich weiß garnicht, ob ihm die Leser sehr dankbar für ihn sein werden,

dagegen läßt es sich kaum ausdrücken, wie sehr der Verfasser sich ihm

verpflichtet fühlt; wie dem auch sei, wäre Tschitschikow nicht auf

diesen Gedanken gekommen -- nie hätte diese Dichtung das Licht der Welt

erblickt.

Er schlug nach russischer Sitte ein Kreuz und ging an die Ausführung

seines großen Planes. Indem er vorschützte, er suche sich ein Plätzchen,

wo er sich niederlassen könne, und noch unter mancherlei anderen

Vorwänden, begann er damit, sich alle Ecken und Enden unseres Reiches

anzusehen, vorzüglich aber die, welche mehr als andere unter allerhand

Unglücksfällen zu leiden hatten, als da sind: Mißernten, Todesfälle usw.

usw. Mit einem Wort, wo sich ihm die günstigste Gelegenheit bot, sich

möglichst billig Bauern zu erwerben, deren er ja bedurfte. Dabei wandte

er sich nicht aufs geradewohl an den ersten besten Gutsbesitzer, sondern

wählte sich Leute nach seinem Geschmack aus, nämlich solche, mit denen

sich ein Geschäft dieser Art ohne große Schwierigkeiten abwickeln ließ.

Hierbei suchte er zunächst ihre nähere Bekanntschaft zu machen und ihre

Zuneigung zu gewinnen, um die Bauern womöglich zum Geschenk zu erhalten

und sie nicht bar bezahlen zu müssen. Daher darf der Leser auch dem

Autor nicht böse sein, wenn die Personen, die bisher im Laufe unserer

Erzählung auftraten, nicht immer nach seinem Geschmacke waren: das ist

Tschitschikows Schuld; denn hier ist _er_ der Herr der Situation, und

wir müssen ihm folgen, wohin zu wandern es ihm einfällt. Wir

unsererseits können, wenn man uns den Vorwurf macht, unsere Personen und

Charaktere seien unscheinbar und blaß, nur immer wieder sagen, daß man

im Beginn einer Sache nie ihren ganzen Umfang und die ganze Breite und

Tiefe ihres Verlaufs ermessen kann. Die Einfahrt in eine Stadt, und sei

es selbst die in die Reichshauptstadt, ist immer uninteressant. Zunächst

erscheint alles grau und einförmig. Endlose Fabriken und

rauchgeschwärzte Werkstätten ziehen sich in trübseliger Monotonie dahin.

Erst später erscheinen die Ecken sechsstöckiger Häuser, vornehme Läden,

Aushängeschilder, die langen Zeilen der Straßen mit Türmen, Säulen,

Denkmälern, Kirchen, mit ihrem Straßenlärm und Glanz und all den

Wundern, die Menschenhand und Menschengeist erschaffen. Wie die ersten

Einkäufe zustande kamen hat der Leser selbst gesehen; wie die Sache

weiter gehen wird, welche Erfolge und Mißerfolge unsern Helden erwarten,

was für Hindernisse weit schwierigerer Art er zu besiegen und zu

überwinden haben wird, wie dann gewaltige Gestalten vor uns auftreten,

wie sich die geheimsten Hebel unserer sich breit ergießenden Erzählung

in Bewegung setzen werden, wie der Horizont auseinander treten, und sie

selbst in majestätisch-lyrischem Strome dahinfluten wird, dies werden

wir später sehen. Ein weiter Weg ist's, den unsere Brigade zurückzulegen

hat bestehend aus einem Herrn mittleren Alters, einer Kutsche, wie die

Junggesellen zu benutzen pflegen, dem Diener Petruschka, dem Kutscher

Seliphan und dem Dreigespann edler Rosse, denen wir ja vorgestellt sind,

vom Assessor bis zum niederträchtigen Schecken. Da haben wir unsern

Helden wie er leibt und lebt. Aber vielleicht wird man noch eine

Charakteristik durch einen letzten Strich von mir verlangen: was ist er

für ein Mann nach der Seite seiner moralischen Qualitäten? Daß er kein

Held, erfüllt von allen Tugenden, Vorzügen und allen nur möglichen

Vollkommenheiten ist -- das ist evident. Wer also ist er? Folglich wohl

ein Schurke? Warum ein Schurke? Warum sollen wir so streng gegen andere

Leute sein? Jetzt gibt's bei uns keine Schurken mehr. Es gibt

wohlgesinnte, gesinnungstüchtige, angenehme Menschen, aber solche, die

ihre Physiognomie zur öffentlichen Beschimpfung darbieten müßten, um den

Streich auf die Wange in Empfang zu nehmen, gibt es nur sehr selten. Von

dieser Sorte werden wir kaum zwei bis drei finden und selbst sie reden

heute schon laut von der Tugend. Das Richtigste wäre es wohl, ihn einen

guten Wirt oder ein Erwerbsgenie zu nennen. Der Erwerbstrieb -- trägt

die Schuld an allem: er ist die Ursache all jener Affären und Geschäfte,

die die Welt »nicht ganz sauber« nennt. Freilich, so ein Charakter hat

schon etwas Abstoßendes an sich, und derselbe Leser, der sich auf seinem

Lebenswege mit so einem Menschen anfreundet, ihn in sein Haus einführt

und manche angenehme Stunde mit ihm verbringt, wird ihn mißtrauisch

ansehen, sowie er ihm in irgend einem Drama oder einer Dichtung

begegnet. Aber dreimal weise ist der, der überhaupt keinen Charakter

verabscheut, sondern prüfend seinen Blick auf ihn heftet und ihn

begreifen lernt in seinen innersten Triebfedern; wie schnell wandelt

sich alles im Menschen: eh man sich's versieht, hat sich im Innern ein

furchtbarer Wurm eingenistet, der wächst und wächst und alle

Lebenskräfte herrisch in sich aufsaugt. Und mehr als einmal schon

geschah es, daß in einem Menschen, der zu Höherem geboren war, nicht nur

eine übermächtige Leidenschaft gewaltig emporwuchs und erstarkte, nein

oft schon ließ ein armseliger minderwertiger Trieb ihn all seine hohen

und heiligen Pflichten vergessen und in elenden Nichtigkeiten etwas

Großes und Verehrungswürdiges sehen. Unendlich wie der Sand am Meere

sind des Menschen Leidenschaften, und keine gleicht der andern, alle

sind sie dem Menschen im Anfang gefügig und gehorsam, die hohen wie die

niedrigen, und erst später werden sie zu furchtbaren Despoten. Selig ist

der zu preisen, der sich unter allen die herrlichste Leidenschaft

erwählte: er wächst und mehrt sich täglich und stündlich sein

grenzenloses Glück, tiefer und immer tiefer dringt er ein in das

unendliche Paradies seiner Seele. Aber es gibt Leidenschaften, deren

Wahl nicht vom Menschen abhängt. Sie werden mit ihm geboren in der

Stunde, da er zur Welt kommt, und keine Kraft ward ihm gegeben, sie weit

von sich zu stoßen. Ein höherer Plan ist es, der sie lenkt, und es liegt

etwas in ihnen, das ewig ruft und lockt und keinen Augenblick im Leben

verstummt. Ihre große irdische Laufbahn zu vollenden ist ihre

Bestimmung, ob sie nun als finstere Gestalten vorüberwandeln oder als

herrlich leuchtende Erscheinungen, die den lauten Jubel der Welt

entfachen, indem sie an uns vorüberziehen -- ganz gleich -- sie kamen,

um das dem Menschen unbekannte Gute zu erfüllen. Und vielleicht stammt

auch die Leidenschaft die unseren Helden Tschitschikow lenkt und

vorwärtstreibt nicht aus ihm selber, und es liegt auch in seinem kalten

frostigen Dasein etwas beschlossen, was einstmals den Menschen auf die

Kniee und in den Staub niederzwingen wird vor der Weisheit des Himmels.

Und es ist noch ein Geheimnis, warum diese Gestalt gerade in dieser

Dichtung erscheinen mußte, die hiermit den Schauplatz der Welt betritt.

Aber nicht das ist das Bittere, daß man mit unserem Helden unzufrieden

sein wird; weit bitterer und schmerzlicher ist dieses: in meiner Seele

lebt die unumstößliche Gewißheit, daß die Leser dennoch und trotz

alledem mit diesem Helden, mit demselben Tschitschikow zufrieden sein

könnten. Hätte der Autor ihm nicht so tief ins Herz geblickt, hätte er

nicht alles aufgerührt, was im tiefsten Grunde seiner Seele lebt und nur

dem Blick der Welt entgeht und verborgen bleibt, hätte er nicht seine

geheimsten Gedanken enthüllt, die kein Mensch dem andern vertraut,

sondern ihn so gezeigt, wie er der ganzen Stadt, Manilow und all den

anderen -- erschienen war, -- so wären alle Leute sehr befriedigt, und

jeder würde ihn für einen äußerst interessanten Menschen halten.

Freilich wäre dann sein Bild und seine Gestalt nicht so lebendig vor

unser Auge getreten: dafür hätte auch keine Erregung in unserer Seele

nachgezittert, nachdem wir das Buch aus der Hand gelegt hätten, und wir

könnten uns ruhig wieder an unseren Kartentisch setzen, welcher der

Trost und die Freude ganz Rußlands ist. Ja meine braven Leser, ihr wollt

der Menschen nackte Armut lieber nicht sehen: »Warum nur?« sprecht ihr,

»wozu dient das alles? Wissen wir denn nicht selber, daß es gar viel

Verächtliches und Törichtes in der Welt gibt? Auch ohnedies muß man oft

Dinge sehen, die keineswegs tröstlich sind. Zeigt uns doch lieber das

Schöne, das was entzückt und begeistert! Helft uns, uns lieber selbst zu

vergessen!« -- »Warum sagst du mir, daß es schlecht um meine Wirtschaft

steht, Bruder?« sagt ein Gutsbesitzer zu seinem Verwalter »ich weiß das

auch _ohne_ dich, lieber Freund: kannst du denn wirklich nicht von etwas

andrem reden? Wie? Hilf mir lieber das alles zu vergessen, und nicht

daran zu denken -- dann bin ich glücklich.« Und so wird das Geld, das

dazu hätte dienen können, um das Gut etwas in die Höhe zu bringen, für

allerhand Mittelchen ausgegeben, um sich selbst zu vergessen. Der Geist

wird eingeschläfert, der vielleicht plötzlich einen Quell gewaltiger

Reichtümer entdeckt hätte; das Gut kommt unter den Hammer, der Gutsherr

muß betteln gehen, um sich zu vergessen; mit einer Seele, die zu jeder

äußersten Niedertracht und Gemeinheit bereit ist, vor denen er selbst

einst zurückgeschreckt wäre.

Noch eine andere Klage wird gegen den Autor laut; sie rührt von den

sogenannten Patrioten her, welche ruhig in ihren Winkeln sitzen und sich

mit ganz gleichgültigen Dingen abgeben: sich ein Kapital aufhäufen und

sich ein schönes Los auf Kosten anderer bereiten; sowie aber etwas

geschieht, was nach ihrer Meinung dem Vaterland zur Unehre gereicht,

_sowie_ irgend ein Buch erscheint, das eine bittre Wahrheit enthält --

dann kommen sie aus allen Ecken und Winkeln herausgekrochen, wie die

Spinnen, welche eine Fliege entdeckt haben, die sich in ihr Netz

verstrickte, und erheben ein lautes Geschrei: »Ja, ist es denn gut,

solche Dinge ans Licht zu bringen, sie offen zu verkünden. All das, was

da beschrieben wird, gehört ja zu _uns_ -- ist's also klug, so etwas zu

tun? Und was sollen die Ausländer sagen? Ist es denn angenehm, zu hören,

daß andre Leute schlecht von uns reden?« Und sie denken: tut es uns denn

nicht weh? Denken: sind wir etwa nicht Patrioten? Auf solch weise

Bemerkungen, besonders hinsichtlich der Ausländer, kann ich keine

passende Antwort finden. Es wäre denn etwa diese: In irgend einem

entlegenen Winkel Rußlands lebten einmal zwei Männer. Der eine war der

Vater einer großen Familie und hieß Kifa Mokiewitsch; er war ein sanfter

friedlicher Mensch, der ein Freund eines bequemen und ruhigen Lebens

war. Mit seiner Familie beschäftigte er sich kaum; sein Dasein war mehr

der Spekulation gewidmet, ihn beschäftigten in erster Linie

»philosophische Fragen« wie er sie nannte: »Nehmt z. B. das Tier,«

pflegte er zu sagen, indem er im Zimmer auf und abging, »das Tier wird

doch ganz nackt geboren. Warum gerade nackt? Warum nicht vielmehr

befiedert wie der Vogel: warum kriecht es z. B. nicht aus dem Ei? Nein,

wirklich, es ist sonderbar ... man versteht die Natur immer weniger, je

mehr man sich in sie vertieft!« So dachte der Bürger Kifa Mokiewitsch.

Aber das war noch nicht das Wichtigste. Der andre Bürger war Mokij

Kifowitsch, sein leiblicher Sohn. Er war das, was man in Rußland einen

Helden zu nennen pflegt, und während sich der Vater mit der Geburt des

Tieres beschäftigte, drängte es _seine_ zwanzigjährige, breitschultrige

Gestalt mit aller Macht danach, sich zu entfalten und auszuleben. Er

konnte nie eine Sache leicht und nur so obenhin in Angriff nehmen --

stets brach sich jemand dabei den Arm oder er trug eine Beule auf der

Nase davon. Zu Hause und in der Nachbarschaft liefen alle, von den

Mädchen auf dem Hofe -- bis auf den letzten Hund -- davon, wenn sie ihn

erblickten, sogar sein eigenes Bett, das in seinem Schlafzimmer stand,

schlug er in Trümmer. So war Mokij Kifowitsch, sonst aber war er ein

braver, gutmütiger Mensch. Jedoch das ist nicht das Wichtigste. Das

Wichtigste hierbei ist das, was nun kommt: »Ich bitt dich gnädiger Herr

Kifa Mokiewitsch,« sagten die eigenen und fremden Knechte und Mägde zum

Vater: »was ist dein Mokij Kifowitsch doch für ein Herr? Der läßt keinen

Menschen in Ruhe, ist der zudringlich!« »Ja, ja, etwas mutwillig ist er

schon,« erwiderte gewöhnlich der Vater: »aber was ist da zu tun? Hauen

kann ich ihn doch nicht mehr, alle Menschen würden über meine Härte und

Grausamkeit schreien, und dann ist er ein so ehrgeiziger Mensch; wenn

ich ihm in Gegenwart anderer Leute einen Vorwurf machte -- würde er sich

wohl in acht nehmen; aber vergeßt auch die Öffentlichkeit nicht -- das

ist eben das Unglück. Wenn die Stadt es erfährt, wird sie ihn gleich

einen Schweinehund nennen. Glaubt ihr denn, daß mir das nicht weh tun

würde? Bin ich denn nicht sein Vater? Meint ihr, weil ich mich mit der

Philosophie beschäftige und mitunter keine Zeit für andere Dinge habe,

sei ich nicht Vater? O nein, ihr irrt euch. Ich _bin_ Vater, jawohl ich

bin _Vater_, zum Teufel noch einmal, das laß ich mir nicht nehmen. Mokij

Kifowitsch -- der sitzt mir hier ganz tief im Herzen.« Und Kifa

Mokijewitsch schlug sich mit der Faust kräftig auf die Brust und geriet

in die größte Erregung: »Und wenn er schon sein Leben lang ein

Schweinehund bleiben sollte, so soll man es wenigstens nicht von mir

erfahren; ich kann ihn doch nicht verraten!« Nachdem er so von seinem

väterlichen Gefühl Zeugnis abgelegt hatte, ließ er Mokij Kifowitsch

ruhig seine Heldentaten fortsetzen und kehrte selbst zu seinen geliebten

Gegenständen zurück, indem er sich plötzlich irgend eine Frage wie etwa

die folgende vorlegte: »Hm, wenn die Elefanten Eier legten, müßten die

Eierschalen da nicht so dick sein, daß keine Kanonenkugel sie

zertrümmern könnte; ja, ja, es ist Zeit ein neues Schießwerkzeug zu

erfinden!« So verbrachten unsere zwei Bewohner des friedlichen

Erdenwinkels ihr Leben, sie, die am Schluß unserer Dichtung so plötzlich

wie aus einem Fenster hervorguckten, um ihre bescheidene Antwort auf den

Vorwurf glühender Patrioten vorzubringen, welche sich vielleicht lange

ganz ruhig mit irgendwelchen Philosophemen oder mit der Vergrößerung

ihres Wohlstandes auf Kosten des von ihnen so glühend geliebten

Vaterlandes beschäftigten und keineswegs darum besorgt sind, daß nur

nichts Böses geschieht, sondern allein darum, daß nur ja niemand sage,

sie täten Schlimmes. Doch nein, weder der Patriotismus noch jenes erste

Gefühl sind der Grund all dieser Anklagen und Vorwürfe. Dahinter

versteckt sich etwas ganz andres. Warum soll ich es verheimlichen? Wer

anders, wenn nicht der Autor hätte die Pflicht, die heilige Wahrheit zu

verkündigen? Ihr fürchtet den tiefen forschend auf euch gerichteten

Blick. Ihr wagt es nicht, diesen Blick selbst auf die Gegenstände zu

richten, ihr liebt es, mit blinden Augen gedankenlos über alles

hinwegzugleiten. Ihr werdet vielleicht auch von Herzen über

Tschitschikow lachen: vielleicht sogar den Autor _loben_ und sagen:

»Übrigens, manches hat er wirklich sehr fein beobachtet! Das muß doch

ein Mensch von heiterem Temperament sein!« Und nach diesen Worten werdet

ihr mit verdoppeltem Stolze zu euch selbst zurückkehren, ein

selbstgefälliges Lächeln wird euer Gesicht verklären, und ihr werdet

fortfahren: »Man muß doch sagen: in einigen Gegenden Rußlands gibt es

wirklich höchst merkwürdige und komische Menschen, und recht abgefeimte

Schurken dazu!« Doch wer von euch wird sich voll christlicher Demut,

nicht laut und öffentlich, sondern in aller Stille, in jenen

Augenblicken wo die Seele einsame Selbstgespräche mit sich führt, tief

im Innern die Frage vorlegen: »Wie? lebt nicht vielleicht auch in _mir_

etwas von Tschitschikow?« Warum nicht gar. Laßt dagegen irgend einen

Beamten, einen Mann mittleren Ranges an einem andern vorübergehn --

sofort wird er seinen Nachbarn anstoßen, und während er sich fast

ausschütten möchte vor Lachen, zu ihm sagen: »Sieh, sieh, das ist

Tschitschikow, da geht er vorüber!« Und er wird allen Anstand, den er

seinem Rang und Alter schuldig ist, vergessen, ihm wie ein Kind

nachlaufen, ihn verhöhnen, necken und ihm nachrufen: »Tschitschikow!

Tschitschikow! Tschitschikow!«

Aber wir sprechen so laut und vergessen ganz, daß unser Held, der

während der Erzählung seiner Lebensgeschichte fest schlief, schon

aufgewacht ist und leicht hören könnte, daß man seinen Familiennamen so

oft wiederholt. Er ist doch ein Mensch, der sich leicht gekränkt fühlt

und sehr unzufrieden ist, wenn man ohne die schuldige Achtung von ihm

spricht. Dem Leser kann's freilich ziemlich gleich sein, ob ihm

Tschitschikow böse ist oder nicht; was dagegen den Autor anbelangt, so

darf er sich unter keinen Umständen mit seinem Helden veruneinigen: er

hat noch manches Stück Weges Hand in Hand mit ihm zurückzulegen; noch

liegen zwei große Teile dieser Dichtung vor ihm, und das ist doch

wirklich keine Kleinigkeit.

»He, he! Was fällt dir ein!« rief Tschitschikow Seliphan zu, »du ...?«

»Wie?« sagte Seliphan langsam.

»Wie? fragst du! Trottel du! Wie fährst du denn? Vorwärts, rühr dich!«

Und in der Tat, Seliphan saß schon lange auf seinem Bock und blinzelte

mit den Augen. Nur hie und da schlug er im Halbschlaf die gleichfalls

schlafenden Pferde mit den Zügeln leicht auf den Rücken. Auch Petruschka

hatte schon lange und, Gott weiß, wo seine Mütze verloren, er war auf

dem Bock zurückgesunken und stützte seinen Kopf auf Tschitschikows Knie,

von dem er manchen kräftigen Puff empfing. Seliphan wurde munter und

versetzte dem Schecken ein paar tüchtige Hiebe, worauf dieser einen

lebhaften Trab anschlug; dann ließ er seine Peitsche über den Rücken der

Pferde sausen und rief mit dünner Stimme gleichsam singend: »Nur keine

Furcht!« Die Pferde wachten auf und zogen den leichten Wagen mit sich

fort, der wie ein Flaum dahinflog. Seliphan schwenkte bloß die Peitsche

und rief: »He, he, he!« indem er auf seinem Bock rhythmisch hin und her

hopste, während der Wagen über die Berge und Täler der Landstraße

dahinjagte, welche langsam bergab führte. Tschitschikow wurde auf seinem

Polster leicht emporgehoben, er lächelte vergnügt, denn er liebte das

schnelle Fahren. Und welcher Russe liebt das schnelle Fahren nicht?

Sollte seine Seele, die sich überall und immer nach dem Taumel und

Wirbel sehnt, und oft laut ausrufen möchte: »Ach was, hol' doch alles

der Teufel,« sollte seine Seele es nicht lieben? Es nicht lieben, wenn

etwas so Wundersames, Beseeligendes darin liegt? Wie eine unbekannte

Gewalt hebt dich's auf seinen Flügel, du fliegst dahin und mit dir alles

um dich her: die Meilensteine, die Kaufleute auf ihren Wagensitzen, der

Wald zu beiden Seiten mit den dunklen Reihen seiner Tannen und Fichten,

dem Lärm der Äxte und dem Rabengekrächze: der ganze Weg flieht vorüber

-- weit fort in unbekannte Fernen; und etwas Furchtbares, Schreckliches

liegt in diesem rasenden Aufblitzen und Verschwinden, wo der

vorübergleitende Gegenstand kaum Zeit hat, feste Formen anzunehmen und

nur der Himmel über uns, die leichten Wolken und der sich Bahn brechende

Mond allein unbeweglich still zu stehen scheinen. Mein Dreigespann, o du

Vogeldreigespann! wer hat dich erfunden? Nur aus einem kecken mutigen

Volk konntest du hervorgehen -- in jenem Lande, das nicht zu spaßen

liebt, sondern sich wie die unendliche Ebene streckt und breitet über

die halbe Erde: versuch's doch die Meilensteine zu zählen, ohne daß

dir's vor den Augen flimmert! Wahrlich kein schlau ersonnenes Gefährt

bist du, genietet durch eiserne Klammern. Sondern schnell, aufs

geratewohl mit Axt und Meißel hat dich ein flinker Jaroslawscher Bauer

verfertigt und zusammengefügt. Dich lenkt kein Postillon in deutschen

Stulpenstiefeln, bebartet und behandschuht sitzt er da, der Teufel weiß

worauf; und wenn er aufsteht, seine Peitsche schwingt und sein

unendliches Lied anstimmt -- dann stürmen die Rosse dahin wie ein

Wirbelwind. Zu einer runden, glatten Fläche fließen die Speichen der

Räder zusammen. Es donnert der Weg. Erschrocken schreit der Fußgänger

auf und bleibt wie angewurzelt stehen. -- Und dahin fliegt das Gefährt,

fliegt und fliegt! ... Und schon sieht man in der Ferne nichts wie eine

dichte Staubwolke, und wirbelnd folgt die Luft.

Jagst nicht auch du, Rußland, so dahin, wie ein keckes unerreichbares

Dreigespann? Rauchend dampft unter dir der Boden; es dröhnen die Stege.

Und alles bleibt zurück, weit hinter dir zurück. Wie durch ein

göttliches Wunder betäubt, steht festgebannt der staunende Zuschauer.

Ist es ein Blitz, der aus den Wolken zuckte? Was bedeutet diese

grauenerweckende Bewegung? Und was für unbekannte Kräfte wohnen in

diesen, nie gesehenen Rossen? Oh, ihr Rosse! Ihr wunderbaren Rosse! Lebt

ein Wirbelwind in euren Mähnen? Bebt ein wachsames Ohr euch in jeder

Ader? Lauscht ihr auf ein trautes altbekanntes Lied von oben, und spannt

jetzt einträchtig eure ehernen Brüste? Kaum rühren eure flüchtigen Hufe

die Erde, in eine langgestreckte Linie verwandelt fliegt ihr durch die

Lüfte, und fort stürmt das ganze, gottbegeisterte! ... Rußland? Wohin

jagst du, gib Antwort! Du bleibst stumm. Wundersam ertönt der Gesang des

Glöckchens. Wie von Winden zerfetzt, braust und erstarrt die Luft;

alles, was auf Erden lebt und webt, fließt vorüber; und es weichen vor

dir, treten zur Seite, und geben dir Raum alle anderen Staaten und

Völker.

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 26 / 30 题