Glücklich der Reisende, der nach einer weiten, langweiligen Fahrt mit
ihrer Kälte, ihrem Schmutz und Kot, ihren verschlafenen Posthaltern,
ihrem Schellengeklingel, ihren Reparaturen, ihrem Herumgezanke, ihren
Postknechten, Schmieden und ähnlichen Vagabunden, endlich das traute
Dach mit dem immer heller werdenden Lichterglanz erblickt -- schon
taucht vor seinem geistigen Auge sein liebes Heim mit den bekannten
Zimmern auf, schon hört er die jubelnden Rufe der ihm entgegeneilenden
Hausgenossen, die freudige Aufregung und das Gelärm der Kinder, stille
sanfte Worte unterbrochen von glühenden Zärtlichkeiten, die die Kraft
haben, alles vergangene Leid aus dem Gedächtnis zu tilgen. Glücklich der
Familienvater, dem ein solches Heim beschieden ward; aber wehe dem
Hagestolzen! Glücklich der Schriftsteller, der an den langweiligen,
widerwärtigen, durch ihre traurige Blöße erschreckenden Gestalten der
Wirklichkeit flüchtig vorüber eilend sich Charakteren nähert, welche des
Menschen hohe Würde verkörpern und erscheinen lassen, der aus dem großen
Wirbel ewig wechselnder Formen sich nur die wenigen Ausnahmen erkiest,
der auch nicht _einmal_ dem heiligen Schwunge seiner Leier untreu ward,
der nie von seiner eigenen Höhe zu seinen armseligen, schwachen Brüdern
herab stieg und, ohne das Irdische zu berühren, sich selig stürzte in
den erdentrückten Chor erhabener Gestalten. Doppelt beneidenswert ist
sein herrliches Los, er wandelt unter ihnen wie im trauten Kreise der
Familie; indes schallt weit und laut sein Ruhm durch alle Lande. Mit
Weihrauchwolken hat er die Augen der Menschen umhüllt, mit Zauberworten
nahm er schmeichelnd ihren Geist gefangen, verbergend vor ihnen des
Lebens rauhe Wirklichkeit und ihnen den schönen Menschen weisend.
Händeklatschend folgt alles seiner Spur und umschwärmt jauchzend seinen
Wagen. Einen großen Weltendichter nennt man ihn, der im hohen Raume
schwebt ob allen andern Genien dieser Welt, wie der Aar über allem
hochfliegenden Getier. Sein Name schon weckt heilige Schauer in jungen
glühenden Herzen, Tränen der Sympathie erglänzen in jedem Auge ... An
Macht kommt ihm kein Wesen gleich -- er ist ein Gott! Wie ganz anders
ist das Los des Schriftstellers, der sich erkühnte, all das ans Licht zu
ziehen, was jederzeit vor jedem Auge liegt und doch dem gleichgültigen
Blicke entgeht: den grauenvollen Schlamm des Nichtigen, der unser Leben
umstrickt, die ganze abgründige Tiefe jener kalten zerklüfteten
Alltagscharaktere, die unsern dornigen, oft öden Erdenweg bevölkern, und
mit dem kräftigen Schlag des unerbittlichen Meißels es wagte, sie klar
und plastisch dem Blick der Menschen preiszugeben! Er erntet nicht des
Volkes lauten Beifall, kein Dank strahlt ihm aus den Tränen und der
einmütigen Begeisterung tieferregter Seelen, die sein Wort tief im
Innersten aufwühlte; ihm fliegt keine sechzehnjährige Jungfrau
entzückten Sinnes voll heroischer Leidenschaft entgegen; er kann sich
nicht berauschen am süßen Klang der Töne, die er der eigenen Leier
entlockte, und nicht wird er dem Gerichte des Tages entgehen, dem
heuchlerisch gefühllosen Richterspruch des Augenblicks, der die am
eignen warmen Busen genährten Geschöpfe armselig, gemein und nichtig
nennen, ihm einen elenden Winkel anweisen wird inmitten jener
Schriftsteller, die die Menschheit schänden, ihm die Charakterzüge
seiner eigenen Helden beilegen und ihm Herz und Seele und den göttlichen
Funken des Talentes rauben wird; denn das Gericht des Tages erkennt
nicht an, daß gleich bewundernswürdig _jene_ Gläser sind, in denen sich
die Sternenheere spiegeln und jene, durch die man die zarten Bewegungen
unsichtbarer Lebewesen wahrnehmen kann, denn das Gericht des Tages
erkennt nicht an, daß hohes begeistertes Lachen sich wohl messen kann
mit hohem lyrischen Schwunge, und daß ein Abgrund gähnt zwischen jenem
und den unwürdigen Fratzen des Jahrmarktgauklers. Das Gericht des Tages
versteht dies nicht und verwandelt alles in Schimpf und Vorwurf für den
verachteten Dichter: ohne Mitleid, ohne Antwort, ohne Teilnahme wie ein
heimatloser Wanderer steht er allein auf öder Straße. Schwer und hart
ist sein Beruf und bitter fühlt er seine Einsamkeit.
Und lange noch ist mir's von der geheimnisvollen Schicksalsmacht
beschieden, den Weg fortzuwandeln Hand in Hand mit meinem Helden, das
ganze gewaltig treibende Leben zu überschauen, durch das aller Welt
_sichtbare_ Lachen und die keinem bekannten _unsichtbaren_ Tränen. Und
noch fern ist die Zeit, wo ein andrer Springquell hoher Begeisterung wie
ein Wirbelsturm aus dem von heiligem Schauer erschütterten flammenden
Haupte aufsteigen, und wo verzagt die Menge dem majestätischen Donner
anderer Reden lauschen wird ...
Vorwärts! Vorwärts! fort mit der finsteren Miene, fort mit der
grämlichen Runzel, die deine Stirne furcht. Laßt uns geschwind wieder
untertauchen in das Leben mit all seinem tonlosen Gelärm und
Schellengeklingel: laßt uns zusehen was Tschitschikow macht.
Tschitschikow war soeben aufgewacht, er dehnte und streckte sich, denn
er hatte das behagliche Gefühl, sich gut ausgeschlafen zu haben. Nachdem
er noch ein paar Minuten ruhig auf dem Rücken gelegen hatte, schnalzte
er mit den Fingern, und sein Gesicht verklärte sich bei dem Gedanken,
daß er jetzt nahezu vierhundert Seelen besaß. Dann sprang er aus dem
Bett, betrachtete sich nicht einmal im Spiegel, und warf keinen Blick
auf sein Gesicht, das er aufrichtig liebte, und an dem ihm das Kinn ganz
besonders gefiel, denn er pries es bei jeder Gelegenheit vor seinen
Freunden, ganz besonders während des Rasierens. »Sieh mal,« pflegte er
dann gewöhnlich zu sagen, »was ich für ein schönes rundes Kinn habe.«
Und dabei streichelte er es mit der Hand. Heute aber warf er keinen
einzigen Blick weder auf sein Kinn noch auf sein Antlitz, sondern zog
sich sogleich seine Saffianstiefel mit dem gestickten Blumenbesatz an,
mit denen die Stadt Torshok einen so schwunghaften Handel treibt,
welcher in unserer russischen Bequemlichkeit eine so reiche Nahrung
findet. Hierauf machte Tschitschikow in einem kurzen schottischen
Hemdchen zwei kühne Luftsprünge, wobei er sich nicht ohne
Geschicklichkeit eins mit dem Hacken auswischte. Und dann ging er sofort
ans Werk: er rieb sich vor der Schatulle ebenso vergnügt die Hände wie
ein unbestechlicher Kreisrichter, der hinausfuhr, um eine Untersuchung
vorzunehmen und nun vor das Anrichtetischchen tritt, beugte sich über
das Kästchen und holte ein Päckchen Papier hervor. Er wollte die Sache
so schnell als möglich erledigen, um sie nicht auf die lange Bank zu
schieben. Daher ging er rasch entschlossen an die Aufsetzung des
Kaufkontraktes und kopierte ihn dann eigenhändig, um sich die Unkosten
für den Notar zu sparen. Auf die Formalitäten verstand er sich
vortrefflich; zuerst malte er mit schwungvollen, großen Buchstaben die
Jahreszahl achtzehnhundert und so und so viel hin; hierauf schrieb er
mit kleinen Buchstaben darunter: Gutsbesitzer Soundso und was noch sonst
drum und dran hängt. In zwei Stunden war alles fix und fertig. Als er
danach auf diese Blätter hinblickte, auf die Namen der Bauern, welche
tatsächlich einmal gelebt, gearbeitet, geackert, getrunken,
Kutscherdienste geleistet, ihre Herren betrogen hatten oder vielleicht
einfach brave Bauern gewesen waren, da beschlich ihn ein wundersames,
unheimliches Gefühl. Jeder Zettel schien seinen eigenen Charakter zu
besitzen, und das schien den Bauern selbst eine eigentümliche Wesensart
zu verleihen. Die Bauern, welche Karobotschka gehört hatten, trugen alle
irgend einen Spitznamen als Anhängsel. Pljuschkins Liste zeichnete sich
durch Kürze und Gedrängtheit des Stiles aus: oft standen nur die
Anfangssilben der Vor- und Beinamen da, worauf ein paar Punkte folgten.
Sabakewitschs Register setzte durch seine außerordentliche
Ausführlichkeit und Vollständigkeit in Erstaunen; da gab es keine noch
so geringe Eigentümlichkeit, die nicht sorgfältig gebucht war: von einem
hieß es: »Ein guter Tischler,« von einem andern: »Er versteht seine
Sache und säuft nicht.« Ebenso sorgfältig waren die Eltern eines jeden
aufgezählt und ihr Charakter wie ihr Benehmen genau beschrieben. Nur von
einem gewissen Fedotow stand vermerkt: »Der Vater ist unbekannt, die
Mutter ist eine meiner Dienstmägde, namens Kapitolina, die jedoch einen
guten Charakter hat und nicht stiehlt.« All diese Einzelheiten verliehen
dem Ganzen eine gewisse Frische. Man gewann den Eindruck, als hätten die
Bauern gestern noch gelebt. Tschitschikow überlas die Namen noch einmal
genau und sorgfältig. Eine seltsame Rührung erfaßte ihn, er seufzte und
sprach leise vor sich hin: »Herrgott welche Menge da dichtgedrängt
beieinander steht! Was mögt ihr wohl alles getrieben haben, euer Leben
lang, ihr Lieben? Wie mögt ihr euch durchgeschlagen haben?« Und seine
Augen hefteten sich auf eine Stelle, wie unwillkürlich angezogen von
einem Namen. Dies war der bekannte Peter Saweljewitsch, der
Trogverächter, welcher einst der Gutsbesitzerin Karobotschka gehört
hatte. Und abermals konnte er den Ausruf nicht unterdrücken: »Herrjeh,
ist der aber lang, der nimmt ja die ganze Zeile ein! Was magst du wohl
gewesen sein: ein Meister deines Handwerks, oder ein schlichter Bauer,
und wie hat der Tod dich ereilt? War's in der Schenke, oder hat dich gar
auf breiter Straße eine plumpe Fuhre überfahren, du Schlafmütze? --
Stepan Probka, der Tischler, _ein braver nüchterner Mann_. -- Sieh da
bist du ja, mein Stepan Probka, du großer Held, der du für die Garde
geboren warst! Hast wohl manch weites Stück Weges durchwandert, die Axt
am Gürtel und die Stiefel über die Schulter geworfen, für einen Groschen
Brod verzehrt und für zwei Groschen gedörrten Fisch und du brachtest
dann wohl jedes Mal einen Hunderter in deinem Beutel mit oder nähtest
dir gar einen Tausender in deine Nangkinghose ein oder stecktest ihn dir
in den Stiefel. Wo holte dich der Tod? Bist du vielleicht nur um des
gemeinen Mammons willen bis auf die Kirchenkuppel hinaufgestiegen oder
gar bis aufs Kreuz emporgeklettert und von dem Gerüst herabgestürzt zu
Füßen irgend eines Onkel Michei, der sich nur den Kopf kratzte und
mitleidig murmelte: >Ach Wanja, was ist nur in dich gefahren!< um sich
sogleich den Strick um den Leib zu binden und ruhig an deiner Stelle
hinaufzuklettern. -- Maxim Telhatnikow, der Schuster. Der Schuster? He?
>Besoffen wie ein Schuster<, sagt ein Sprichwort. Ich kenn' dich, kenne
dich, mein Liebling; willst du's, so erzähle ich dir deine ganze
Lebensgeschichte. Du kamst zu einem Deutschen in die Lehre, der euch
allesamt fütterte, für eure Nachlässigkeit mit dem Riemen züchtigte und
nie auf die Straße ließ, damit ihr keine Streiche macht. Du warst ein
wahres Weltwunder und kein Schuster, und der Deutsche konnte dein Lob
nicht hell genug singen, wenn er mit seiner Frau oder seinem Kameraden
über dich sprach. Und als deine Lehrzeit aus war, da sprachst du zu dir
selbst: >Jetzt will ich mir ein eigenes Häuschen kaufen, aber ich will's
nicht machen wie der Deutsche, der einen Groschen zum andern legt, ich
will mit einem Schlage ein reicher Mann werden!< Und du zahltest deinem
Herrn einen reichen Erbzins, schafftest dir einen Laden an, besorgtest
dir einen Haufen Aufträge und legtest los. Dann triebst du irgendwo zum
Drittel des Preises ein Stück halbverfaulten Leders auf und verkauftest
jeden Stiefel mit doppeltem Gewinn, aber deine Schuhe platzten schon
nach zwei Wochen und deine Kunden schimpften dich kräftig aus, wie du's
verdientest. So kam es, daß es in deinem Laden leer ward, du fingst an
zu trinken, dich auf der Straße herumzutreiben und sprachst: >Ist das
eine schlimme Welt! Wir Russen können rein verhungern: und an alledem
ist niemand schuld als der Deutsche!< -- Und was ist das für ein Mann:
Jelisawetus Sperling? Verdammt noch einmal: das ist ja ein Weibsbild!
Wie ist die hierhergekommen? Der Sabakewitsch, der Schurke hat sie mit
hineingeschmuggelt!« Tschitschikow hatte ganz recht: dies war wirklich
eine Frau. Wie sie in diese Gesellschaft gekommen war, das wußte Gott
allein; aber ihr Name war so geschickt und kunstvoll hingemalt, daß man
sie von ferne wirklich für ein Mannsbild halten konnte, ja der Vorname
hatte sogar die männliche Endung und lautete: Jelisawetus, statt
Jelisaweta. Allein Tschitschikow nahm keine Rücksicht darauf und strich
sie einfach aus der Liste. -- »Und du Grigorij Immerlangsamvoran! Was
warst du wohl für ein Mensch? Warst du ein Postknecht, der sich ein
Dreigespann samt einem gedeckten Wagen anschaffte, und dem eignen Heim,
dem trauten Winkel für immer Valet sagte, um sich mit den Kaufleuten auf
den Jahrmärkten herumzuplagen? Gabst du unterwegs deinen Geist auf,
brachten dich deine eigenen Freunde wegen eines dicken rotbackigen
Soldatenweibes um, oder fand irgend ein Wegelagerer Gefallen an deinen
ledernen Fausthandschuhen und dem Dreigespann deiner kleinen aber
kräftigen Pferde, oder fiel's dir vielleicht ein, derweil du auf deinem
Lager lagst und vor dich hingrübeltest, plötzlich ohne jeden Grund und
Anlaß in die Schenke hineinzuspazieren und von dort geradewegs in ein
Eisloch, so daß keine Menschenseele weiß, wo du verschwunden bist? Oh du
mein russisches Volk! Du liebst es nicht, eines natürlichen Todes zu
sterben! -- Und ihr meine Lieblinge,« fuhr er fort, indem er einen Blick
auf die Liste warf, auf der Pljuschkins flüchtige Seelen verzeichnet
standen: »ihr freut euch zwar noch eures Lebens, aber was für einen Wert
habt ihr? Ihr seid so gut wie tot. Und wohin tragen euch wohl jetzt eure
schnellen Füße! Hattet ihr's wirklich gar so schlecht bei dem
Pljuschkin, oder machte es euch bloß Spaß im Walde herumzustreichen und
die Reisenden auszuplündern? Sitzt ihr vielleicht im Gefängnis oder habt
ihr euch einen anderen Herrn gesucht, dessen Felder ihr nun pflügt?
Jeremej Leichtfuß, Nikita Renner, Anton Renner, dessen Sohn, euch merkt
man's schon an euren Namen an, daß ihr gute Läufer seid; Popor, der
Knecht ... War wohl ein gelehrter Mann, der sich auf's Lesen und
Schreiben verstand! der hat sicher kein Messer in die Hand genommen und
sich ein hübsches Vermögen zusammengestohlen. Paß auf! paßloses
Individuum, du fällst noch einmal dem Polizeihauptmann in die Hände.
Zwar stellst du mutig deinen Mann: >Wer ist dein Herr?< fragt dich der
Hauptmann und begleitet, da sich eine so gute Gelegenheit dazu bietet,
seine Worte mit einem kräftigen Fluch: -- >Gutsbesitzer Soundso,<
antwortest du keck. >Und wie kommst du hierher?< fragt dich der
Hauptmann. >Ich bin gegen Bezahlung des Erbzinses freigelassen,<
erwiderst du ohne Zaudern. >Wo ist dein Paß?< >Bei meinem Herrn, dem
Kleinbürger Pimenow.< Pimenow wird gerufen. >Bist du Pimenow?< >Jawohl.<
>Hat er dir seinen Paß gegeben?< >Nein, er hat mir keinen Paß gegeben.<
>Du lügst also?< sagt der Polizeihauptmann und läßt wieder ein kräftiges
Wort folgen. >Zu Befehl,< antwortest du frech: >ich gab ihm den Paß
nicht, weil ich sehr spät nach Hause kam, ich habe ihn dem Glöckner zur
Aufbewahrung gegeben.< -- >Der Glöckner soll herkommen! Hat er dir
seinen Paß gegeben.< -- >Nein, ich habe keinen Paß von ihm bekommen.<
>Warum lügst du schon wieder!< fragt der Polizeihauptmann aufs neue und
flicht zur Bestätigung abermals ein kräftiges Wörtlein ein. >Wo ist denn
dein Paß?< >Ich weiß genau, daß ich ihn bei mir hatte,< antwortest du
sicher, >wahrscheinlich werde ich ihn wohl unterwegs irgendwo verloren
haben.< -- >Und warum hast du dem Soldaten den Mantel und dem Pfarrer
einen Kasten mit Kupfermünzen gestohlen?< sagt der Polizeihauptmann,
indem er zur Bekräftigung wiederum ein kerniges Wörtlein anfügt.
>Wahrhaftig nicht,< sagst du ohne mit der Wimper zu zucken, >beim
Stehlen hat mich noch keiner ertappt.< >Und wie kommt es, daß man den
Mantel bei dir gefunden hat?< >Ich weiß nicht, wahrscheinlich hat ihn
ein anderer bei mir liegen lassen!< -- >O, du Hallunke, du Bestie!< sagt
der Polizeihauptmann kopfschüttelnd, und stemmt die Hände in die Seiten.
>Legt ihm Fußschellen an und führt ihn ins Gefängnis.< -- >Zu Befehl,
ich habe nichts dagegen,< antwortet du. Und du ziehst deine Tabaksdose
aus der Tasche, reichst sie gutmütig den zwei Invaliden, die dir die
Fußschellen angelegt haben und fragt sie aus, ob es schon lange her ist,
daß sie beim Militär waren und an welchem Kriege sie teilgenommen haben.
Und dann wanderst du ins Gefängnis und bleibst ruhig drin sitzen,
während das Gericht deine Sache prüft. Schließlich fällt es seinen
Spruch, und du wirst aus Zarewo-Kokschaisk nach dem ***er Gefängnis
transportiert. Das dortige Gericht läßt dich nach Wessjegonsk oder sonst
wohin weiterbefördern usw.; so wandert du aus einem Gefängnis ins andre
und sprichst jedesmal, wenn du dein neues Heim erblickst: >Nein das
Wessjegonskische Gefängnis ist doch netter, da ist doch mehr Platz, da
kann man auch einmal das Knöchelspiel spielen, und da gibt's auch mehr
Gesellschaft.< -- Abakum Fyrow? Na und du mein Bester? Wo, in welcher
Gegend treibst du dich herum? Lebst _du_ vielleicht irgendwo an der
Wolga und bist ein Fährmann geworden, weil du ein freies Leben liebst?
...« Hier hielt Tschitschikow inne und wurde ein wenig nachdenklich.
Worüber sann er wohl nach? Dachte er an das Schicksal Abakum Fyrows,
oder war es jene natürliche, fast selbstverständliche Nachdenklichkeit,
die jeden Russen in jedem Lebensalter überfällt, welchem Stande und
Berufe er auch angehören mag, wenn er an die Lust eines freien
ungebundenen Lebens denkt? »In der Tat wo war jetzt Fyrow?
Wahrscheinlich spazierte er laut und fröhlich am Landungsplatze herum,
sich heiter unter die Kaufleute mischend. Mit Blumen und Bändern an den
Hüten plaudert und lärmt der ganze Troß der Bootsführer, welche sich von
ihren schlanken, hohen Frauen und Schätzen verabschieden, die
Perlenbänder um den Hals und bunte Schleifen im Haar tragen; es schwingt
sich der Reigen, helle Lieder ertönen aus fröhlichen Kehlen, der ganze
Landungsplatz wogt auf und nieder, während die Last- und Gepäckträger
unter Lärmen, Gezänk und ermunternden Zurufen sich mit einem Haken neun
Pud schwere Ballen auf den Rücken laden, Weizen und Erbsen geräuschvoll
in geräumige Schiffe schütten und Säcke mit Hafer und Buchweizen
fortschleppen; weithin blinken die gewaltigen Haufen gleich einer
Pyramide von Kanonenkugeln aufeinander getürmter Säcke und Ballen, die
den ganzen Platz bedecken, und machtvoll ragt dieses ganze
Getreidearsenal empor, bis es in all' die geräumigen Barken und
Fahrzeuge verladen ist, und diese endlose Flotte zugleich mit dem
Frühjahrseise den Fluß hinabschwimmt. Da gibt's Arbeit für euch in Hülle
und Fülle, ihr Schiffer, und vereint, so wie ihr einst munter geschwärmt
und über alle Stränge geschlagen, geht ihr nun ans Werk und zieht im
Schweiße eures Angesichts an dem Strange, unter Liedern und Gesängen,
die so unendlich sind, wie die russische Heimat selbst!
»Herrjeh! Schon zwölf Uhr!« rief Tschitschikow plötzlich aus, indem er
auf die Uhr blickte. »Was säume ich bloß so lange? Wenn ich noch etwas
Vernünftiges getan hätte, aber da rede ich erst allerhand albernes Zeug
und versinke dann noch in törichte Träumereien! Ich bin doch ein rechter
Narr! Wahrhaftig!« Mit diesen Worten vertauschte er sein schottisches
Kostüm mit einem europäischen, zog seine Hosenschnalle etwas fester an,
um sein kräftiges Bäuchlein nicht so hervortreten zu lassen, besprengte
sich mit Eau de Cologne, nahm seinen warmen Hut in die Hand und die
Aktenmappe unter den Arm und begab sich nach dem Zivilgericht, um die
Kaufkontrakte perfekt zu machen. Dabei beeilte er sich sehr, nicht weil
er sich zu verspäten fürchtete -- davor brauchte er keine Angst zu
haben, denn der Präsident war sein guter Bekannter und konnte auf Wunsch
die Sitzung ausdehnen oder aufheben, ganz wie der alte Zeus Homers, der
die Tage verlängerte und frühe Nächte herabsandte, wenn er den Streit
seiner geliebten Helden unterbrechen oder ihnen ein Mittel an die Hand
geben wollte, um ihn auszutragen; aber Tschitschikow hatte selbst den
lebhaften Wunsch, die Sache so schnell als möglich zum Abschluß zu
bringen; solange dies nicht geschehen war, fühlte er sich unruhig und
unbehaglich: denn er konnte den Gedanken nicht ganz los werden, daß es
sich hier doch eigentlich nicht um richtige Seelen handele und daß es in
solchen Fällen besser sei, eine solche Last möglichst schnell
abzuwerfen. Unter solchen Gedanken hüllte er sich in einen warmen Pelz
von braunem Tuch, der mit Bärenfell gefüttert war, und kaum war er auf
die Straße getreten, als er an der Ecke der Gasse mit einem Herrn
zusammenstieß, der gleichfalls einen mit Bärenpelz gefütterten Überwurf
um die Schultern geschlagen hatte und eine Pelzkappe mit Ohrenklappen
auf dem Kopfe trug. Der Herr stieß einen Freudenschrei aus -- es war
Manilow. Beide schlossen einander in die Arme und verharrten etwa fünf
Minuten lang in dieser Stellung. Dabei waren die Küsse, die sie
austauschten, so kräftig und inbrünstig, daß ihnen beiden nachher den
ganzen Tag über die Vorderzähne schmerzten. Von Manilows Gesicht blieben
vor Freude nichts wie die Nase und die Lippen übrig, seine Augen waren
überhaupt nicht mehr zu sehen. Etwa fünfzehn Minuten lang hielt er
Tschitschikows Hand in seinen beiden Händen, bis sie ganz warm wurde. In
der feinsten und liebenswürdigsten Weise erzählte er ihm, wie er
herbeigeflogen wäre, um Pawel Iwanowitsch in seine Arme zu schließen,
und er schloß seine Rede mit einem Kompliment, wie man es höchstens
einem jungen Mädchen zu sagen pflegt, das man zum Tanze auffordert.
Tschitschikow hatte kaum seinen Mund geöffnet, ohne noch recht zu
wissen, wie er ihm danken sollte, als Manilow einen zusammengerollten
Bogen Papier, der mit einem roten Bändchen zusammengebunden war, aus
seinem Pelze hervorholte.
»Was ist das?«
»Das sind die Bauern.«
»Ah!« -- Er rollte den Bogen sogleich auf, überflog ihn schnell mit den
Augen und war erstaunt über die Schönheit und Sauberkeit der
Handschrift. »Ist das aber schön geschrieben!« sagte er, »man braucht es
gar nicht erst abschreiben zu lassen. Dazu noch der Rand rund herum! Wer
hat denn diese wundervolle Einfassung gezeichnet!«
»Ach fragen Sie lieber gar nicht,« sagte Manilow.
»Sie?«
»Meine Frau!«
»O mein Gott! Es tut mir wirklich leid, daß ich Ihnen soviel Mühe
gemacht habe!«
»Für Pawel Iwanowitsch ist uns keine Mühe zu groß!«
Tschitschikow verbeugte sich dankend. Als Manilow erfuhr, daß er nach
der Zivilkammer ging, um den Kaufkontrakt abzuschließen, erklärte
Manilow sich bereit, ihn dorthin zu begleiten. Die Freunde faßten sich
unter und gingen zusammen weiter. Bei jeder kleinen Erhöhung, bei jedem
Hügel, oder jeder Stufe stützte Manilow Tschitschikow mit der Hand und
hob ihn beinahe in die Höhe, wobei er angenehm lächelte und hinzufügte,
er werde es nie zugeben, daß Pawel Iwanowitsch sich weh tue.
Tschitschikow wurde verlegen, da er nicht wußte, wie er sich erkenntlich
erweisen solle, denn er fühlte, daß er nicht ganz leicht war. So halfen
sie sich gegenseitig, bis sie endlich auf dem Platze anlangten, wo das
Gerichtsgebäude lag -- ein großes dreistöckiges Haus, das so weiß war,
wie ein Stück Kreide, wahrscheinlich, um die Seelenreinheit der in ihm
tätigen Beamten zu symbolisieren. Die andern Häuser, die sich noch sonst
auf dem Platze befanden, konnten sich an Größe nicht im geringsten mit
dem steinernen Amtsgebäude messen. Dies waren: ein Wächterhäuschen, vor
dem ein Soldat mit einer Flinte stand, zwei bis drei Standplätze für
Mietskutschen, und endlich gab es noch hie und da einen von jenen langen
Bretterzäunen, mit den bekannten Aufschriften und Zeichnungen, die mit
Kohle oder Kreide hingemalt waren. Sonst war nichts auf diesem einsamen,
oder wie man sich bei uns zu Lande auszudrücken pflegt, _schönen_ Platze
zu sehen. Aus den Fenstern des zweiten oder dritten Stockes guckten ein
paar unbestechliche Häupter der Themispriester heraus, um im selben
Augenblick wieder zu verschwinden: wahrscheinlich weil der Kanzlei-Chef
gerade ins Zimmer trat. Die beiden Freunde _traten_ nicht ein, sondern
liefen eilig die Treppe hinauf, weil Tschitschikow seine Schritte
beschleunigte, da er nicht wollte, daß Manilow ihn mit der Hand
unterstützen solle, dieser aber lief seinerseits wieder voraus, weil er
Tschitschikow nicht müde werden lassen wollte, und so kam es, daß beide
ganz atemlos waren, als sie den dunkelen Korridor betraten. Weder der
Korridor noch die Säle fielen ihnen durch ihre Reinlichkeit besonders
auf. Damals kümmerte man sich noch recht wenig darum, und was einmal
schmutzig war, blieb schmutzig und nahm niemals ein freundlicheres und
angenehmeres Äußeres an. Themis empfing ihre Gäste ganz so wie sie war,
im Negligé und im Schlafrock. Eigentlich sollten wir auch noch die
Kanzleiräume beschreiben, durch die unsere Helden hindurchschritten,
aber der Autor hat eine große Ehrfurcht vor allen Amtsgebäuden. Selbst
wenn er Gelegenheit hatte, sie in der Periode ihres höchsten Glanzes, in
einem gleichsam veredelten und verschönten Zustande kennen zu lernen und
zu durchwandeln, das heißt, wenn die Dielen frisch gewichst und die
Tische neu lackiert waren, lief er eilig, mit demütig gesenktem Blicke
hindurch, daher hat er auch keine Ahnung davon, wie wohl sich dort alles
fühlt und wie dort alles blüht und gedeiht. Unsere Helden sahen
gewaltige Mengen Papier, reines und vollgeschriebenes, über den Tisch
gebeugte Köpfe, breite Nacken, Fräcke und Röcke von kleinstädtischem
Schnitt, oder sogar eine ganz gewöhnliche hellgraue Jacke, die recht
stark von den andern abstach und deren Besitzer den Kopf auf die
Schulter gebeugt, sodaß er fast auf dem Papier lag, mit schwungvollen
Lettern ein Protokoll niederschrieb; wahrscheinlich handelte es von
einem Gut, welches sein friedlicher Besitzer, irgend ein Gutsherr, der
ein Menschenalter lang darum prozessiert und im ruhigen Genuß seines
Eigentums Kinder und Enkel gezeugt, nun verloren hatte, oder das ihm
irgendwo konfisziert worden war. Hie und da hörte man ein paar Worte
oder kurze Sätze, die von einer heiseren Stimme gesprochen wurden:
»Fedossej Iwanowitsch, reichen Sie mir doch die Akten Nr. 368! Immer
werfen Sie den Deckel von dem Tintenfaß weg; er gehört doch dem Staat!«
Dazwischen hörte man eine majestätische Stimme, die ohne Zweifel einem
Kanzleichef angehörte, gebieterisch rufen: »Da, schreib das ab, sonst
laß ich dir die Schuhe ausziehen und dich einsperren, daß du mir sechs
Tage lang nichts zu essen kriegst!« Das Geräusch vom Federgekritzel war
sehr stark und erinnerte an den Lärm, den ein paar Fuhren mit Reisig
verursachen, wenn sie durch einen Wald fahren, dessen Wege einen Fuß
hoch mit dürren Blättern bedeckt sind.
Tschitschikow und Manilow traten an den ersten Tisch, an dem zwei
jüngere Beamten saßen, und fragten diese: »Bitte! Können Sie uns sagen,
wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?«
»Was wollen Sie?« sagten die beiden Beamten zugleich, indem sie sich
umwandten.
»Ich habe ein Gesuch einzureichen!«
»Haben Sie etwas gekauft?«
»Ich möchte zuvor wissen, wo die Abteilung für Kaufverträge ist? Hier
oder anderswo?«
»Sagen Sie uns doch, was Sie gekauft haben, und zu welchem Preise, dann
werden wir Ihnen sagen, wohin Sie sich wenden müssen. So geht es doch
nicht!«
Tschitschikow merkte sogleich, daß die Beamten einfach neugierig waren,
wie alle jungen Beamten, und sich und ihrer Stellung mehr Gewicht und
Bedeutung geben wollten.
»Hören Sie, meine verehrten Herren,« sagte er, »ich weiß sehr gut, daß
alle Angelegenheiten, die sich auf Kaufverträge beziehen, in ein und
dasselbe Ressort gehören, ich bitte Sie daher, mir den Ort zu nennen,
wohin ich mich zu wenden habe; wenn Sie nicht wissen, was in diesen
Räumen vorgeht, dann müssen wir uns eben bei jemand anders erkundigen!«
Hierauf antworteten die Beamten gar nicht mehr, der eine zeigte bloß mit
einem Finger auf eine Zimmerecke, wo ein alter Herr saß, der damit
beschäftigt war, Akten zu numerieren. Tschitschikow und Manilow
schritten zwischen den Tischen hindurch gerade auf ihn los. Der Alte war
ganz in seine Tätigkeit versunken.
»Darf ich fragen,« sagte Tschitschikow mit einer Verbeugung, »ob dies
die Abteilung für Kaufverträge ist?«
Der Alte sah auf und sagte gedehnt: »Nein, hier ist keine Abteilung für
Kaufverträge.«
»Wo denn?«
»Die ist in der Kontraktabteilung.«
»Und wo ist die Kontraktabteilung?«
»Bei Iwan Antonowitsch.«
»Und wo ist Iwan Antonowitsch?«
Der Alte zeigte mit dem Finger auf eine andere Zimmerecke, worauf
Tschitschikow und Manilow sich zu Iwan Antonowitsch begaben. Iwan
Antonowitsch hatte schon mit einem Auge nach ihnen hingeschielt und sie
von der Seite angesehen, aber er beugte sich sogleich wieder über sein
Papier und schrieb eifrig weiter.
»Darf ich fragen, ob dies die Abteilung für Kaufverträge ist,« sagte
Tschitschikow mit einer Verbeugung.
Iwan Antonowitsch schien ihn nicht gehört zu haben, denn er war ganz in
seine Akten vertieft und antwortete nichts. Man sah sofort, daß dies ein
Mann von reiferen Jahren war und kein junger Schwätzer und
Springinsfeld. Anscheinend war Iwan Antonowitsch ein hoher Vierziger; er
hatte dichtes, schwarzes Haar, die ganze mittlere Partie seines Gesichts
trat stark hervor und schien sich gewissermaßen in der Nase konzentriert
zu haben; mit einem Wort, es war eins von jenen Gesichtern, die man bei
uns gewöhnlich als »Kannenschnauze« zu bezeichnen pflegt.
»Darf ich fragen, wo hier die Abteilung für Kaufverträge ist?«
wiederholte Tschitschikow.
»Hier,« sagte Iwan Antonowitsch, indem er seinen Rüssel ein wenig empor
hob und sogleich wieder zu schreiben begann.
»Ich komme in folgender Angelegenheit: ich habe bei einigen
Gutsbesitzern dieser Provinz Bauern gekauft, die ich zu
Ansiedlungszwecken benutzen will; ich habe den Kontrakt mitgebracht, er
muß bloß noch unterschrieben werden.«
»Und sind die Verkäufer zugegen?«
»Einige sind da, und von den anderen habe ich Vollmachten.«
»Haben Sie das Gesuch mitgebracht?«
»Jawohl, ich habe es hier! Ich möchte gern ... Ich habe große Eile ...
Könnte ich die Sache nicht schon heute erledigen?«
»Hm! Heute! Nein heute geht es nicht,« sagte Iwan Antonowitsch. »Man muß
noch Erkundigungen einziehen, ob sie nicht verpfändet sind.«
»Übrigens ist Iwan Grigorowitsch, der Präsident, ein guter Freund von
mir; da ließe sich ja etwas zur Beschleunigung der Sache tun.«
»Es handelt sich hier doch nicht bloß um Iwan Grigorowitsch; es sind
doch noch andere da,« sagte Iwan Antonowitsch mürrisch.
Tschitschikow merkte jetzt, wo der Hase im Pfeffer lag und sagte: »Die
anderen sollen schon nicht zu kurz kommen. Ich habe selbst gedient und
kenne den Instanzenweg.«
»Gehen Sie also zu Iwan Grigorowitsch,« sagte Iwan Antonowitsch etwas
besänftigt. »Er mag an passender Stelle seine Order geben. An uns soll
es nicht liegen.«
Tschitschikow nahm einen Schein aus der Tasche und legte ihn vor Iwan
Antonowitsch hin. Dieser nahm gar keine Notiz von ihm und deckte ihn
sofort mit einem Buche zu. Tschitschikow wollte ihn darauf aufmerksam
machen, aber Iwan Antonowitsch gab ihm durch eine Kopfbewegung zu
verstehen, daß er das nicht wünsche!
»Der da wird Euch in die Kanzlei führen!« sagte Iwan Antonowitsch, indem
er mit dem Kopfe nickte. Und einer von den anwesenden Hohenpriestern,
welcher Themis mit solchem Eifer opferte, daß seine beiden Ärmel an den
Ellenbogen geplatzt waren und das Futter aus den Löchern hervorquoll,
wofür er seinerzeit den Rang eines Kollegienregistrators erhalten hatte,
übernahm die Führerrolle bei unseren Freunden, wie einst Vergil bei
Dante, und geleitete sie in die Kanzlei, in der lauter breite Lehnstühle
standen, auf deren einem vor einem Spiegeltisch und zwei dicken Büchern
der Präsident gleich dem Sonnengott thronte. Hier fühlte sich der neue
Vergil von einer solchen Ehrfurcht beseelt, daß er sich durchaus nicht
entschließen konnte, seinen Fuß über die Schwelle zu setzen. Er kehrte
daher um, indem er den Freunden seinen Rücken zuwandte, welcher
abgerieben war wie eine Bastmatte, und an dem eine Hühnerfeder klebte.
Als sie ins Zimmer traten, bemerkten sie, daß der Präsident nicht allein
war, neben ihm saß Sabakewitsch, der ganz von dem Spiegel verdeckt
wurde. Die Ankunft der Gäste entlockte den Anwesenden ein paar freudige
Rufe, und der Präsidentensessel wurde geräuschvoll beiseite geschoben.
Auch Sabakewitsch erhob sich und stand nun mit seinen langen Ärmeln von
allen Seiten sichtbar da. Der Präsident umarmte Tschitschikow, und das
Amtszimmer hallte wieder von den Küssen der Freunde. Man erkundigte sich
gegenseitig nach dem Wohlergehen, und hierbei stellte sich heraus, daß
beide an Hexenschuß litten, was man flugs der sitzenden Lebensweise aufs
Konto setzte. Wie es schien war der Präsident von Sabakewitsch schon
über das Kaufgeschäft unterrichtet; denn er gratulierte Tschitschikow
aufs herzlichste, was unsern Helden zunächst ein wenig in Verlegenheit
setzte, besonders jetzt, wo Sabakewitsch und Manilow, die beiden
Verkäufer, mit denen er doch im geheimen, unter vier Augen verhandelt
hatte, sich nun Aug in Auge gegenüberstanden. Er bedankte sich indessen
beim Präsidenten und sagte dann, indem er sich zu Sabakewitsch wandte:
»Und wie befinden Sie sich?«
»Gott sei Dank, ich kann nicht klagen,« sagte Sabakewitsch, und in der
Tat, er hatte wirklich keinen Grund zur Klage, eher hätte sich ein Stück
Eisen erkälten und den Husten bekommen können, als dieser wunderbar
gebaute Gutsbesitzer.
»Ja, Sie durften sich immer einer guten Gesundheit rühmen,« sagte der
Präsident. »Ihr seliger Herr Vater war auch so stark wie Sie.«
»Ja, der ging auch allein auf die Bärenjagd!« antwortete Sabakewitsch.
»Mir scheint, Sie würden es auch fertig bringen, einen Bären
umzuschmeißen, wenn Sie allein mit ihm in den Kampf gerieten,« meinte
der Präsident.
»Nein, das bringe ich doch nicht fertig,« antwortete Sabakewitsch. »Mein
seliger alter Herr war doch kräftiger als ich,« und er fuhr seufzend
fort: »Nein, heutzutage gibt's keine solchen Menschen mehr. Nehmen Sie
z. B. gleich mein Leben. Was ist das für ein Leben, nur so, so, lala
...«
»Und warum ist Ihr Leben nicht schön?« fragte der Präsident.
»Nein, schön kann man es wirklich nicht nennen,« sagte Sabakewitsch
kopfschüttelnd. »Denken Sie doch selbst, Iwan Grigorjewitsch, ich bin
schon in den Fünfzigern und bin noch nie krank gewesen; wenn ich auch
nur ein einziges Mal Halsschmerzen, ein Geschwür, oder einen Furunkel
gehabt hätte .... Das nimmt sicher kein gutes Ende! Das wird sich noch
einmal rächen ...« Bei diesen Worten wurde Sabakewitsch sehr
melancholisch.
»Daß dich der ...!« dachten fast gleichzeitig Tschitschikow und der
Präsident: »Worüber der nicht zu klagen hat!«
»Ich habe auch einen Brief für Sie,« sagte Tschitschikow, während er
Pljuschkins Schreiben aus der Tasche zog.
»Von wem?« fragte der Präsident. Er nahm den Brief in Empfang,
entsiegelte ihn und rief erstaunt aus: »Von Pljuschkin! Existiert der
auch noch auf dieser Welt? Das ist auch ein Leben! Was war das doch für
ein kluger und wohlhabender Mann! Und nun ...«
»Ein Schweinehund!« sagte Sabakewitsch. »So ein Schuft, der läßt all
seine Leute verhungern!«
»Gern, mit Vergnügen!« rief der Präsident, nachdem er den Brief gelesen
hatte, »ich will ihn gerne vertreten! Wann wünschen Sie den Kauf
abzuschließen? Jetzt gleich oder etwas später?«
»Gleich!« versetzte Tschitschikow: »Ich möchte Sie sogar bitten, dafür
zu sorgen, daß es gleich _heute_ geschieht. Ich möchte nämlich schon
morgen wieder weiterreisen, den Kontrakt und das Gesuch habe ich gleich
mitgebracht!«
»Das ist alles sehr schön und gut, aber Sie werden schon verzeihen: so
früh können wir Sie unmöglich fortlassen. Die Kontrakte sollen noch
heute unterschrieben werden, aber Sie werden sich schon entschließen
müssen, noch ein paar Tage mit uns zu verleben. Ich will sogleich Order
erteilen,« fuhr er fort, indem er die Tür der Kanzlei öffnete, welche
ganz voll von Beamten war, die wie ein Bienenschwarm ihre Zellen
umschwärmten, wenn nur ein Vergleich der Akten mit Bienenzellen zulässig
ist: »Ist Iwan Antonowitsch hier?«
»Ja! Hier!« antwortete eine Stimme aus dem Innern des Zimmers.
»Er soll herkommen!«
Iwan Antonowitsch, die Kannenschnauze, deren Bekanntschaft der Leser
schon gemacht hat, erschien im Amtszimmer und machte eine devote
Verbeugung.
»Bitte, Iwan Antonowitsch, nehmen Sie doch alle diese Kaufverträge und
...«
»Iwan Grigorjewitsch!« fiel hier Sabakewitsch ein, »bitte vergessen Sie
nicht, daß wir auch noch Zeugen brauchen, wenigstens zwei Mann von jeder
Partei. Schicken Sie doch gleich zum Staatsanwalt, er hat nicht viel zu
tun und sitzt sicher zu Hause: Solotucha, der Anwalt, besorgt all seine
Arbeiten; einen größeren Räuber wie den gibt's auf der Welt nicht
wieder! Der Sanitätsinspektor ist auch nicht sehr beschäftigt, und ist
wahrscheinlich auch zu Hause, wenn er nicht bei einem Bekannten sitzt
und Karten spielt; ach, und dann gibt's ja noch eine ganze Reihe von
Leuten, die hier in der Nähe wohnen: Truchatschewski, Bjeguschkin --
lauter Leute, die der lieben Erde durch ihren Müßiggang zur Last
fallen!«
»Richtig! Sehr richtig!« sprach der Präsident, und schickte sofort einen
Kanzleibeamten fort, um sie holen zu lassen.
»Ich habe noch eine Bitte,« sagte Tschitschikow: »Schicken Sie doch
bitte noch nach dem Vertrauensmann einer Gutsbesitzerin, mit der ich
auch ein kleines Geschäft abgeschlossen habe -- es ist der Sohn des
Oberpriesters Pater Cyrill; er dient bei Ihnen.«
»Mit Vergnügen, ich will ihn gleich holen lassen!« sprach der Präsident:
»es wird alles besorgt, ich bitte Sie nur eins, geben Sie den Beamten
nichts. Meine Freunde brauchen nicht zu zahlen.« Hierauf gab er Iwan
Antonowitsch noch einen Auftrag, der diesem recht wenig zu gefallen
schien. Die Verträge schienen einen vortrefflichen Eindruck auf den
Präsidenten gemacht zu haben, besonders als er sah, daß die Kaufsumme
nahezu hunderttausend Rubel betrug. Er sah Tschitschikow einige Minuten
lang in die Augen und sagte schließlich: »Sehen Sie wohl, Pawel
Iwanowitsch. Sie haben also eine Akquisition gemacht!«
»Sehr richtig!« antwortete Tschitschikow.
»Daran haben Sie wohl getan. Wahrhaftig! Daran haben Sie sehr wohl
getan!«
»Ja, jetzt sehe ich selbst, daß ich nichts Besseres tun konnte. Mag es
sein, wie es will, der Lebenszweck des Menschen ist noch nicht endgültig
fixiert, solange er nicht festen Fuß auf dauerndem Grunde gefaßt hat,
und noch irgend einem chimärischen Jugendideal der Freidenker nachjagt.«
Bei dieser Gelegenheit verfehlte er nicht ein paar tadelnde Worte über
die jungen Leute und ihren Liberalismus zu sagen, und das von Rechts
wegen. Aber, was sehr merkwürdig war, es lag in seinen Worten noch immer
eine gewisse Unsicherheit, wie wenn er gleich darauf zu sich sagen
wollte: >Ach was? Bester, du schwindelst, und nicht zu knapp!< Ja, er
wagte es nicht einmal, Sabakewitsch und Manilow anzusehen, weil er sich
fürchtete, einem unliebsamen Ausdruck in ihren Gesichtern zu begegnen.
Aber seine Sorge war unnütz; in Sabakewitschs Gesicht regte und rührte
sich nichts, Manilow aber war ganz hingerissen von der schönen Rede,
schüttelte bloß den Kopf vor Vergnügen, und geriet dabei in eine solche
seelische Verzücktheit, wie sie sich wohl eines Musikkenners zu
bemächtigen pflegt, wenn die Sängerin noch die Violine überbietet und
einen so feinen hohen Ton in die Luft schmettert, wie ihn selbst eine
Vogelkehle nicht herauszubringen vermag.
»Warum sagen Sie denn Iwan Grigorjewitsch nicht, was Sie eigentlich
gekauft haben?« bemerkte Sabakewitsch. »Und Sie, Iwan Grigorjewitsch?
Fragen Sie denn garnicht, was für einen Kauf er gemacht hat? Wüßten Sie
nur, was für prächtige Leute das sind! Gold ist nichts dagegen! Ich habe
ihm doch auch den Wagenmacher Michejew verkauft.«
»Wahrhaftig? Nein?« versetzte der Präsident. »Ich kenne den Michejew;
der Mann ist ein Meister in seinem Fach; er hat mir einmal eine Droschke
repariert. Aber erlauben Sie mal ... Wie ist denn das? ... Haben Sie mir
denn nicht gesagt, daß er gestorben ist? ...«
»Wer? Michejew tot?« fragte Sabakewitsch, der auch nicht einen
Augenblick die Fassung verlor. »Sie meinen wohl seinen Bruder, der ist
allerdings tot; dieser hier ist so gesund, wie ein Fisch im Wasser; der
fühlt sich noch wohler als früher. Vor kurzem hat er mir noch eine
solche Kutsche gebaut, wie Sie sie nicht einmal in Moskau bekommen. Der
sollte eigentlich zum Hoflieferanten des Kaisers ernannt werden.«
»Ja, Michejew ist ein Meister,« versetzte der Präsident, »ich wundere
mich eigentlich, daß Sie sich so leicht von ihm trennen konnten.«
»Ja, wenn's nur der eine Michejew wäre! Stepan Probka, der Tischler, der
Ziegelbrenner Miluschkin, der Schuster Maksim Teljatnikow -- sie gehen
alle fort, ich habe sie alle zusammen verkauft.« Und als der Präsident
fragte, warum er sie denn gehen lasse, wenn es doch lauter nützliche
Leute und Handwerker seien, die er in seinem Haushalt brauchen könne,
antwortete Sabakewitsch, indem er eine gleichgültige Handbewegung
machte: »Ich weiß nicht, es ist mir mal so'ne dumme Idee in den Kopf
gekommen! Ich habe mir halt gedacht: ach was, ich verkaufe sie, und hab'
sie dann dummer Weise wirklich verkauft!« Hierauf ließ er den Kopf
hängen, wie wenn es ihn jetzt tatsächlich reute, und er fügte hinzu: »Da
wird man alt und grau und wird doch nicht klüger!«
»Aber erlauben Sie mal, Pawel Iwanowitsch,« sagte der Präsident. »Wozu
kaufen Sie eigentlich Bauern, ohne Land? Brauchen Sie sie etwa zu
Ansiedelungszwecken?«
»Natürlich zu Ansiedelungszwecken!«
»So, das ist freilich was andres. Und wo wollen Sie sie ansiedeln?«
»In dem .... Im Gouvernement Cherson.«
»O, da gibt es ausgezeichneten Boden!« sprach der Präsident, und er
sprach sich sehr lobend über die Höhe und Güte des dortigen Grases aus.
»Und haben Sie auch Land genug?«
»Vollkommen genug -- genau soviel, als ich brauche, um die Bauern
anzusiedeln.«
»Gibt's dort auch einen Fluß oder nur einen Teich?«
»Einen Fluß. Übrigens ist auch ein Teich da.« Bei diesen Worten sah
Tschitschikow im Versehen Sabakewitsch an, und obwohl dieser ebenso
unbeweglich wie vorher in seiner Stellung verharrte, schien es
Tschitschikow doch, als läse er in dessen Gesichte die Worte: »Du
schwindelt, mein Lieber! Ich bezweifle sehr, daß dieser Teich und Fluß
und das ganze Land überhaupt existieren.«
Während die Unterhaltung noch ihren Fortgang nahm, erschienen allmählich
die Zeugen: der Staatsanwalt, den der Leser schon kennt und der ewig mit
dem linken Augenlide zuckte, der Inspektor der Sanitätskommission,
ferner die Herren Truchatschewski, Bjeguschkin und die andern, die nach
Sabakewitschs Worten der Erde durch ihren Müßigang zur Last fallen.
Viele von ihnen kannte Tschitschikow noch garnicht; die fehlenden Zeugen
wurden durch einige diensthabende Beamte ersetzt. Man hatte nicht nur
den _Sohn_ des Oberpriesters, Pater Cyrill, sondern auch den
Oberpriester selbst herangeholt. Jeder von den Zeugen setzte seine
Unterschrift mit Aufführung all seiner Titel und Würden unter das
Dokument, der eine in runder, der andre in schräger Schrift; bei einem
dritten schienen sozusagen die Buchstaben auf dem Kopf zu spazieren,
oder es liefen solche Lettern mit unter, wie sie im russischen Alphabet
garnicht einmal vorkommen. Iwan Antonowitsch erledigte alles gewandt und
sicher, die Kontrakte wurden notifiziert, mit dem Datum versehen, und in
die Bücher und wohin sich's sonst noch gehört, eingetragen, nachdem die
ein halbes Prozent betragenden Gebühren und Spesen für die Ankündigung
im Amtsblatt erhoben worden waren, sodaß Tschitschikow nur eine
Kleinigkeit zu bezahlen brauchte. Ja, der Präsident gab sogar Order ihm
nur die Hälfte von den Gebühren anzurechnen, während die andre Hälfte
einem andern Kontrahenten auf die Rechnung gestellt wurde. Wie man das
fertig brachte, weiß der liebe Himmel.
»Und nun,« sagte der Präsident, nachdem alles glücklich erledigt war,
»hätten wir das Geschäft nur noch zu begießen.«
»Mit Vergnügen,« sagte Tschitschikow. »Ich überlasse es Ihnen, die Zeit
zu bestimmen. Es wäre eine Sünde, wenn ich meinerseits mich weigern
wollte, in so angenehmer Gesellschaft ein paar Flaschen Sekt springen zu
lassen.«
»Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst,« sagte
der Präsident; »das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind
unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen
wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger
Zauberkünstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung
vorübergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein
glänzendes Frühstück da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser
Gelegenheit können wir auch eine Partie Whist machen.«
Ein solch vernünftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen
lief schon bei der bloßen Erwähnung des Fischmarktes das Wasser im Munde
zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mütze, und die Sitzung war zu
Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch -- die
Kannenschnauze -- mit einer höflichen Verbeugung zu Tschitschikow: »Sie
haben für hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur
fünfundzwanzig für meine Mühe bekommen.«
»Ja, was sind denn das für Bauern,« flüsterte ihm Tschitschikow leise
zu: »lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die
Hälfte wert.« Iwan Antonowitsch begriff, daß er einem Mann von festem
Charakter gegenüberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen würde.
»Wieviel hat Ihnen Pljuschkin für die Seele abgenommen?« flüsterte ihm
Sabakewitsch ins andere Ohr.
»Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt?« antwortete ihm
Tschitschikow.
»Welchen Sperling?« fragte Sabakewitsch.
»Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a
geschrieben.«
»Von diesem Sperling weiß ich nichts,« sagte Sabakewitsch und mischte
sich unter die anderen Gäste.
Die Gäste begaben sich schließlich _in corpore_ nach dem Hause des
Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatsächlich ein Zauberkünstler;
kaum hatte er gehört, worum es sich handelte, als er schon einen
Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich
heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr
flüsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: »Hast du verstanden?«, und
schon erschienen im andern Zimmer, während die Gäste noch ihren Whist
droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Störe, Hausen,
geräucherter Lachs, frischer und gepreßter Kaviar, Hering, Wels,
allerhand Käsesorten, geräucherte Zunge -- dies wenigstens war das Menu,
soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus
dem eigenen Haushalt und der eigenen Küche stammten: eine Fischpastete,
die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Störs gefüllt
war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig,
Splittertörtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater
und der Wohltäter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Bürger ganz
wie im eigenen Familienkreise, und in den Läden oder auf dem Tuchmarkt
wußte er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war überhaupt,
wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus
dem ff heraus. Es wäre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob _er_
für sein _Amt_ oder sein _Amt_ für _ihn_ geschaffen war. Er wußte seinen
Posten so gut auszufüllen, daß seine Einnahmen sich beinahe auf das
Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgänger erhalten hatten, und doch
war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schätzten
ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der
Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und
obwohl er sie tüchtig bluten ließ, machte er doch auch dies mit einer
ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich
auf die Schulter und lächelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein,
ließ sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus:
wie die Geschäfte gehen und wie es sonst stände; wenn er erfuhr, daß
eins der Kinder krank sei, dann wußte er gleich Rat und verschrieb ihm
die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam
er in seinem Wagen daher gefahren, um überall für Ordnung zu sorgen,
dann hatte er immer für den einen oder andern das rechte Wort bereit:
»Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.«
-- »Freilich, Alexei Iwanowitsch,« antwortet dieser und zieht die Mütze,
»freilich sollten wir!« »Hör doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu
mir und sieh dir mein Rennpferd an; das läuft noch schneller als das
deine; laß es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann
wollen wir sehen!« Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war,
lächelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und
sagte: »Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch!« Selbst die
Ladendiener nahmen hierbei ihre Mützen ab und sahen sich vergnügt an,
wie wenn sie sagen wollten: »Alexei Antonowitsch ist doch ein prächtiger
Mensch!« Mit einem Wort, er war sehr populär, und die Kaufleute hatten
eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: »Alexei Antonowitsch nimmt
zwar ein bissel viel, dafür hält er aber auch sein Wort.«
Als der Polizeimeister sich überzeugte, daß das Frühstück fertig sei,
forderte er seine Gäste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle
begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer
Geruch bis in die Nebengemächer verbreitete. Dieser Geruch hatte die
Nasen unserer Gäste schon längst in angenehmer Weise gekitzelt, und
Sabakewitsch schielte fortwährend durch die Türe nach dem Tisch, da er
bereits von dem Stör Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem
großen Teller lag. Nachdem die Gäste erst einen Likör von jener
dunkelgrünen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den
durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in
Rußland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln
bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt,
der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte,
indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter
an den Käse heranmachte. Sabakewitsch würdigte indessen all diese
Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nächster Nachbarschaft
vom Stör ein; während jene aßen, tranken und sich unterhielten,
verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde völlig ein, und als
der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: »Und
was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren!« zugleich die
andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den
Stör hintrat, da merkte er, daß von dem Naturprodukt nur noch der
Schwanz übrig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die
Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von
den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen
getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Stör verarbeitet hatte,
ließ sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und aß und trank von da
ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der
Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der
erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf
das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite
galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glücklichen Ansiedlung.
Dann trank man auf die Gesundheit seiner künftigen reizenden Ehehälfte,
was unserm Helden ein freundliches Lächeln entlockte. Dann drängten sich
alle um ihn und suchten ihn zu überreden, daß er doch noch wenigstens
zwei Wochen in der Stadt bleiben möge. »Nein, Pawel Iwanowitsch! Das
hieße ja die Wohnung kalt werden lassen: über die Schwelle und gleich
wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen
Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir
verschaffen ihm eine Frau?«
»Ja, ja, eine Frau!« fiel der Präsident ein, »sträuben Sie sich mit
Händen und Füßen, soviel Sie wollen, Sie werden doch verheiratet! Nichts
da, mein Bester! Mitgefangen, mitgehangen! Da dürfen Sie sich nicht
beklagen, wir lieben nicht zu spaßen!«
»Warum nicht, wozu sollte ich mich mit Händen und Füßen dagegen stemmen?
Die Heirat ist doch nicht solch eine Sache, daß man darüber gleich ...
Wenn nur eine Braut da wäre.«
»Die Braut wird sich schon finden! Wie sollte sie nicht? Es wird sich
alles finden, alles was Sie nur wollen.«
»Nun, unter diesen Umständen ...«
»Bravo, er bleibt!« schrieen alle: »Vivat Hurrah! Pawel Iwanowitsch,
Hurrah!« Und alle traten mit den Gläsern in der Hand auf Tschitschikow
zu, um mit ihm anzustoßen. Tschitschikow stieß mit allen an.
»Nein, noch einmal!« sagten die Tollsten, und die Gläser mußten noch
einmal erklingen; ja sie wollten noch zum dritten Mal anstoßen, und so
machte man es denn zum dritten Male. In kurzer Zeit wurden alle
außerordentlich lustig. Der Präsident, welcher in angeheitertem Zustande
ein äußerst lieber Mensch war, schloß Tschitschikow mehrmals in seine
Arme und stammelte im Übermaß seines Gefühles: »Mein liebes Herz, mein
liebes Mamachen!« Ja, er knipste sogar mit den Fingern und begann um
Tschitschikow herumzutanzen, wobei er das bekannte Volkslied anstimmte:
»Ach du Hundesohn! du Bauer aus Komarinsk.« Nach dem Sekt ging man zu
den Ungarweinen über, welche die Stimmung noch mehr hoben und noch mehr
zur Erheiterung der Gesellschaft beitrugen. Der Whist war ganz und gar
vergessen: man schrie, man zankte, man unterhielt sich über alle
möglichen und unmöglichen Dinge -- über Politik, ja sogar über
militärische Fragen, man führte freie Reden, für die ein jeder unter
gewöhnlichen Umständen seine eigenen Kinder durchgeprügelt hätte. Bei
dieser Gelegenheit wurde eine ganze Reihe höchst schwieriger Probleme
zur Lösung gebracht. Tschitschikow hatte sich noch nie so froh und
heiter gefühlt, er kam sich tatsächlich schon als Chersonscher
Gutsbesitzer vor, sprach von allerhand wirtschaftlichen Neuerungen und
Verbesserungen, von dem Dreifeldersystem, von dem Glück und der
Seligkeit zweier Seelen und deklamierte Sabakewitsch sogar eine gereimte
Epistel von Werther an Charlotte vor, wozu jener nur mit den Augen
blinzelte, denn er saß in seinem Lehnstuhl und fühlte nach dem Stör eine
starke Neigung zum Schlafen. Tschitschikow sah bald selbst ein, daß er
sich vielleicht zu sehr habe gehen lassen, er erkundigte sich, ob er
nicht einen Wagen bekommen könne und benutzte schließlich die Equipage
des Staatsanwalts, um nach Hause zu fahren. Der Kutscher war, wie es
sich unterwegs herausstellte, ein gewiegter Wagenlenker, denn er hielt
die Zügel in der einen Hand, während er die andere zurückstreckte, um
den bedenklich hin und her schwankenden Tschitschikow festzuhalten. So
langte dieser im Wagen des Staatsanwalts im Gasthof an, wo er noch lange
Zeit allerhand tolles Zeug schwatzte: von einer blonden Braut mit roten
Backen und einem Grübchen auf der rechten Wange, von Chersonschen
Gütern, Kapitalien und dergleichen mehr. Seliphan erhielt sogar
verschiedene Aufträge, die sich auf die Gutsverwaltung bezogen: so
sollte er zum Beispiel alle neu angesiedelten Bauern herbeiholen und
jeden einzeln aufrufen. Seliphan hörte lange schweigend zu und verließ
dann das Zimmer, nachdem er zu Petruschka gesagt hatte: »Geh, kleide den
Herrn aus!« Petruschka versuchte es zunächst, Tschitschikow die Stiefel
auszuziehen, wobei er ihn beinahe selbst vom Bette heruntergezogen
hätte. Schließlich war er damit fertig, der Herr entkleidete sich, wie
es sich gehört, wälzte sich noch ein paar Minuten im Bette herum,
welches gewaltig krachte und ächzte, und schlief tatsächlich als
Chersonscher Gutsbesitzer ein. Unterdessen trug Petruschka die Hosen und
den preißelbeerfarbenen Frack mit den Sternchen ins Vorzimmer hinaus,
hängte sie über den hölzernen Kleiderhalter und bearbeitete sie so
kräftig mit dem Ausklopfer und der Kleiderbürste, daß der ganze Korridor
in eine Staubwolke gehüllt zu sein schien. Als er die Kleider oben
herunternehmen wollte, erblickte er Seliphan von der Gallerie aus, der
soeben aus dem Stall zurückkehrte. Ihre Augen begegneten sich, und sie
verstanden sich sofort wie durch einen gewissen Instinkt: der Herr
schlief, warum sollte man da nicht einem bekannten Lokal einen kleinen
Besuch abstatten? Petruschka trug also Frack und Hosen schnell wieder
ins Zimmer, lief die Treppe hinunter, und beide machten sich, ohne ein
Wort über ihr eigentliches Reiseziel zu verlieren, unter ganz
gleichgültigen Gesprächen auf den Weg. Ihr Spaziergang nahm nicht
allzuviel Zeit in Anspruch, sie gingen bloß über die Straße, bewegten
sich auf ein Haus zu, das dem Gasthof gerade gegenüberlag, und traten
durch eine niedrige rauchgeschwärzte Glastür, die in eine Art Kellerraum
führte, in das Lokal, wo schon eine ganze Gesellschaft von allerhand
Leuten ihrer wartete: da gab's Rasierte und Unrasierte, Männer mit
Pelzen und ohne solche, im bloßen Hemd und hie und da auch einen in
einem Mantel. Wie Petruschka und Seliphan hier ihre Zeit verbrachten, --
weiß nur der liebe Gott; genug sie kamen nach einer Stunde Arm in Arm
und stumm wieder heraus, wobei sie sehr besorgt umeinander zu sein
schienen und sich gegenseitig auf jede Straßenecke aufmerksam machten.
Dann stiegen sie wohl eine Viertelstunde lang Arm in Arm und ohne
einander auch nur einen Augenblick loszulassen, die Treppe hinauf, bis
auch dies Hindernis genommen war und sie oben anlangten. Petruschka
blieb einen Moment vor seinem niedrigen Bette stehen, still erwägend,
wie er sich wohl am besten darin plazieren könnte, dann legte er sich
quer darüber, sodaß seine Füße den Fußboden berührten. Seliphan stieg in
dasselbe Bett, indem er seinen Kopf auf Petruschkas Bauch legte; er
hatte ganz vergessen, daß dies ja nicht seine eigentliche Schlafstätte,
und daß sein Platz irgendwo in der Bedientenstube oder im Stall bei den
Pferden war. Beide schliefen sofort ein, indem sie ein Schnarchduett von
gewaltiger Kraft und Stärke anstimmten, dem ihr Herr mit seinem feinen
Zephyrsäuseln durch die Nase sekundierte. Bald darauf wurde es auch im
ganzen Gasthofe still, und ein tiefer Schlaf bemächtigte sich aller
Bewohner; nur in einem Fenster schimmerte noch ein schwacher
Lichtschein; dort wohnte ein angereister Leutnant aus Rjasan, der eine
große Leidenschaft für Stiefel zu haben schien, denn er hatte sich
bereits vier Paar Schuhe bestellt, und ließ sich nun schon das fünfte
Paar anmessen. Wiederholt trat er ans Bett, um sich die Stiefel
auszuziehen und sich niederzulegen, aber er konnte sich nicht dazu
entschließen: die Stiefel saßen wirklich vorzüglich und immer wieder hob
er den Fuß in die Höhe und betrachtete wohlgefällig den schneidigen,
wunderbar geformten Absatz.