Einst, vor langer langer Zeit, in den Tagen meiner Jugend, meiner
unwiederbringlich entschwundenen Jugend, da machte es mir stets Freude,
wenn ich an einem unbekannten Ort vorüberfuhr: ganz gleich, ob es ein
kleines Dorf, ein armes Kreisstädtchen, ein Flecken oder eine größere
Ortschaft war. Wieviel Interessantes entdeckte da nicht der neugierige
Blick des Kindes! Jedes Gebäude, alles was den Stempel einer scharf
ausgeprägten Eigenart an sich trug, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich
und hinterließ einen tiefen Eindruck in der Seele des Knaben. Ein
steinernes Haus oder ein Staatsgebäude von der bekannten Bauart, mit den
vielen gemalten Fenstern, das in einsamer Höhe aus dem Haufen
einstöckiger Blockhäuser der Stadtbewohner hervorragte; eine runde
regelmäßige, mit weißem Eisenblech gedeckte Kuppel, die sich über der
schneeweißen neuen Kirche erhob, ein Marktplatz, ein kleinstädtischer
Galan, der im Städtchen umherschlenderte -- nichts entging dem scharf
aufmerkenden kindlichen Spürsinn -- und ich steckte meine Nase aus
meinem Zeltwagen heraus und betrachtete neugierig einen Rock von mir
gänzlich unbekanntem Schnitt, die offenen Holzkisten mit der weithin
leuchtenden Schwefelblüte, mit Nägeln, Seife und Rosinen, die mir
zugleich mit allerhand Schachteln und Büchsen voll vertrockneter
Moskauer Bonbons aus der Tür eines Gemüseladens entgegenschimmerten;
oder ich sah mir einen vorübergehenden Infanterie-Offizier an, den
irgend eine seltsame Schickung hierher in die Langeweile der Kreisstadt
verschlagen hatte, oder einen Kaufmann in einem langen Rock, der auf
einem Rennwagen an mir vorbeijagte -- und ließ mich von meinen Gedanken
weit forttragen in ihr armseliges Dasein. Ging ein Beamter des
Städtchens an mir vorüber, so fing ich schon an zu träumen und zu
grübeln: wo mag er wohl hingehen? Zu einer Abendgesellschaft bei einem
seiner Brüder oder vielleicht nur zu sich nach Hause, um ein halbes
Stündchen vor der Haustür zu sitzen, bis die Nacht sich niedersenkt und
sich dann mit Frau und Mutter, der Schwägerin und der ganzen Familie an
den Tisch zum frühen Abendmahl zu setzen? Und wovon würden sie wohl
sprechen, wenn das Mädchen mit dem Perlenbande, oder ein Knabe in einer
dicken Hausjacke nach der Suppe den unverwüstlichen Leuchter mit der
Talgkerze hereinträgt? Näherte ich mich dem Dorfe irgend eines
Gutsbesitzers, dann blickte ich neugierig auf den hohen, schmalen
hölzernen Glockenturm oder die alte geräumige hölzerne Kirche. Wie
anheimelnd blickten dann zwischen dem dichten Blätterwerk der Bäume das
rote Dach und die weißen Schornsteine des Herrenhauses hindurch, und ich
wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo es aus seinem Gartenverstecke
heraustreten und daliegen würde mit seiner so gar nicht öden oder
langweiligen Front. Und dann suchte ich wohl aus dem Äußeren zu erraten,
wer der Besitzer sei, ob er dick oder dünn sei, ob er Söhne oder wohl
gar ein halbes Dutzend Töchter habe, die das Haus mit ihrem hellen
Mädchenlachen, ihren Mädchenspielen und Scherzen beleben, eine lustige
Mädchenschar mit der unvermeidlichen Jüngsten und Schönsten; ob sie
schwarzäugig seien und er selbst ein lustiger Bruder sei oder finster
und mürrisch blicke, wie ein später Septembertag, beständig in sein
Notizbuch und in den Kalender sehe und von nichts anderem spreche, als
von dem für die Jugend, ach! so langweiligen Weizen oder Roggen.
Heute fahre ich gleichmütig an jedem fremden Dorfe vorüber und blicke
gleichgültig auf seine elende Außenseite, mein erkalteter Blick fühlt
sich nicht angeheimelt, nichts reizt mich mehr zum Lachen, und was
früher, in vergangenen Jahren, meinem Gesicht eine Bewegung oder ein
Lächeln, und dem Munde nie versiegende Reden entlockte, das huscht jetzt
an mir vorbei, und teilnahmloses Schweigen schließt mir die Lippen. O
meine Jugend, o meine herrliche Frische!
Während Tschitschikow in Sinnen versunken war und heimlich in sich
hineinlächelte wegen des schönen Spitznamens, mit dem die Bauern
Pluschkin bedacht hatten, hatte er garnicht darauf geachtet, daß der
Wagen mitten durch ein großes und weitläufiges Dorf mit zahlreichen
Straßen und Häusern hindurchrollte. Allein dies wurde ihm bald zum
Bewußtsein gebracht durch einen recht kräftigen Stoß, der ihm von dem
Knüppeldamm appliziert wurde, im Vergleich mit dem das städtische
Straßenpflaster das reinste Kinderspiel war. Diese Knüppel hoben und
senkten sich wie die Tasten eines Klaviers, und der Reisende, der sich
nicht in acht nahm, hatte jeden Augenblick eine Beule am Hinterkopf oder
einen blauen Fleck an der Stirn zu gewärtigen, oder er lief sogar
Gefahr, sich eigenzähnig die Zungenspitze abzubeißen, was ja auch nicht
gerade zu den größten Annehmlicheiten unseres irdischen Daseins gehört.
Die Bauernhäuser machten alle einen morschen, verfallenen Eindruck. Die
Balken waren wurmstichig und altersgrau. Manche Dächer glichen einem
Sieb. An andern bemerkte man nichts von der Dachbekleidung außer dem
Firstbalken, und darunter ein paar Latten, die sich wie die Rippen eines
Skeletts ausnahmen. Wahrscheinlich hatten die Besitzer selbst die
Bretter und Schindeln heruntergeholt, in der wichtigen Erwägung, daß man
eine Hütte doch nicht zum Schutz gegen den Regen baut, und daß es bei
heiterem Himmel ja nicht von selbst in den Eimer tropft, andererseits
aber auch kein Grund vorliegt, gerade in ihr mit dem Weibe auf dem Ofen
zu liegen, da ja anderswo Platz genug dazu da ist: in der Schenke, an
der Landstraße -- mit einem Wort, wo es dein Herz nur begehrt. Überall
fehlten die Scheiben. Hie und da waren die Fensteröffnungen mit einem
alten Lappen oder einem Kleidungsstück zugestopft. Die kleinen Altane
unter dem Dachvorsprung mit der bekannten Brüstung, die sich aus einem
unbekannten Grunde an vielen russischen Bauernhäusern finden, hatten
sich gesenkt und waren nachgedunkelt, was nicht einmal einen malerischen
Anblick darbot. Hinter den Hütten sah man an mehreren Stellen lange
Reihen von Getreidehaufen, die offenbar schon recht lange unbenutzt
dalagen: ihre Farbe glich der eines alten schlechtgebrannten
Ziegelsteins. Oben auf dem Haufen wuchs allerhand Plunder und an der
Seite hatten Schlingpflanzen Wurzel geschlagen. Das Getreide gehörte
anscheinend dem Gutsherrn; hinter den Kornhaufen und den morschen
Dächern ragten bald rechts bald links, je nach den Wendungen, die der
Wagen machen mußte, zwei Dorfkirchen empor, die ihre Türme in die klare
Luft reckten. Beide lagen dicht nebeneinander, die eine von Holz, die
andere von Stein mit gelb angestrichenen Mauern, die große
Schmutzflecken und klaffende Risse zeigten. Hie und da blickte das Haus
des Gutsherrn durch, bis es schließlich frei vor den Augen dastand, wo
die Häuserkette abriß und statt dessen ein freier Platz sich öffnete,
der etwas wie einen Gemüse- oder Kohlgarten darstellte und von einem
niedrigen, stellenweise stark mitgenommenen Zaun eingefriedigt war. Wie
ein hinfälliger, altersschwacher Invalide sah dieses sich hier endlos
hinstreckende Schloß aus. Stellenweise hatte es nur ein Stockwerk,
stellenweise auch zwei. Auf dem dunklen Dach, das sein Alter nicht immer
sicher beschützte, befanden sich gerade gegenüber zwei Aussichtstürme,
beide schon altersgebeugt und verblichen, da die Farbe, die sie
einstmals deckte, längst verschwunden war. Hie und da ließen die Mauern
die nackten Fachwerkfelder sehen. Offenbar hatten sie schon viel unter
Regengüssen, Wirbelstürmen, Ungewittern und Herbstschauern zu leiden
gehabt. Nur zwei von den Fenstern waren offen; die übrigen waren mit
Läden verdeckt oder sogar mit Brettern vernagelt. Die beiden offenen
Fenster waren jedoch ihrerseits auch schon ein wenig erblindet und das
eine mit einem blauen Papierdreieck verklebt.
Ein großer, alter Garten, der hinter dem Hause lag, sich von dort weit
bis übers Dorf hinaus erstreckte und in den Feldern verlor, belebte
allein, obwohl auch schon verwildert und zugewachsen, dieses große Dorf
und bot in seiner malerischen Wildheit einen pittoresken Anblick dar.
Wie grüne Wolken und unregelmäßige Kuppeln von zitternden Blättern
ruhten im klaren Himmelsblau die verschlungenen Wipfel der Bäume, die in
ungebändigter Freiheit sich üppig hatten entfalten können. Der mächtige
weiße Stamm einer Riesenbirke ohne Krone, die der Sturm oder Blitz
gebrochen hatte, erhob sich aus diesem grünen Dickicht und rundete sich
in der Luft wie eine schlanke, schöngeformte Marmorsäule. Die schräge,
scharfkantige Bruchstelle, in die sie auslief statt in ein Kapitäl, hob
sich von dem schneeweißen Grund ab wie ein Hut oder ein schwarzer Vogel.
Grünschimmernder Hopfen, der mit seinem dichten Geflecht
Holundersträuche, Ebereschen und Haselbüsche in seinen engen Umarmungen
zu ersticken versuchte, kletterte am Stamm empor und rankte sich um die
halbgeborstene Birke. Auf halber Höhe ließ er sich wieder herabfallen,
um sich an andere Baumwipfel zu klammern, oder er senkte seine langen
Ranken in die Luft hinab, indem er seine Häkchen zu Ringen aufrollte,
die im sanften Winde schaukelten. Hie und da trat das im hellen
Sonnenlichte daliegende grüne Dickicht auseinander und ließ einen
dunkelen schattigen Grund sehen, der wie ein finsterer Rachen aufgähnte;
dieser war ganz in Schatten getaucht, man konnte mehr ahnen, als
erkennen, was einem aus der dunklen Tiefe entgegenschimmerte: einen
engen, schmalen Fußpfad, ein umgefallenes Geländer, eine verfallene
Laube, den hohlen morschen Stamm einer Weide, silbergraues Strauchwerk,
das stachelicht und dicht hinter der Weide hervorguckte, vertrocknete
Blätter und Äste, die in der allgemeinen Verwilderung wirr durcheinander
lagen, und endlich einen jungen Ahornschößling, der seine grünen
gelappten Blätter weit ausstreckte, und deren _eines_ ein Sonnenstrahl,
der sich Gott weiß auf welche Weise bis hierher den Weg gebahnt hatte,
in einen durchsichtig goldigglühenden Stern verwandelte, welcher aus der
dichten Finsternis herrlich hervorleuchtete. Ganz abseits am Rande des
Gartens standen einige hochgewachsene, alle andern Bäume weit
überragende Espen, die ein paar mächtige Krähennester in ihren
zitternden Baumkronen trugen. Hie und da ließ eine von ihnen einen
gebrochenen, aber noch lose am Stamm haftenden Ast mit seinen
vertrockneten Blättern traurig herabhängen. Mit einem Wort es war alles
sehr schön, wie weder Natur noch Kunst es _für sich allein_
hervorzubringen vermögen, und wie es nur dort zu gelingen pflegt, wo
sich beide zu gemeinsamem Werke vereinigen, wenn die Natur noch einmal
über die oft ohne Sinn und Geschmack zusammengestoppelte Schöpfung des
Menschen mit ihrem Meißel drübergeht, ihr den letzten Schliff gibt, die
schweren Massen belebt, ihnen etwas Leichtes, Schwebendes verleiht, die
grobe handgreifliche Regelmäßigkeit und Symmetrie verwischt und die
elenden Mängel und Schnitzer beseitigt, welche die nackte Absicht allzu
aufdringlich zur Schau stellen, um jene wundersame Wärme über alles zu
ergießen, was in der frostigen Kälte wohldurchdachter, errechneter
Sauberkeit und Peinlichkeit entstand.
Nachdem der Wagen noch einige Wendungen gemacht hatte, blieb er endlich
vor dem Hause selbst stehen, das jetzt fast noch düsterer und
trübseliger erschien. Die Mauern und das Tor waren mit grünem Schimmel
bedeckt. Im Hofe standen allerhand Gebäude: Vorratskammern,
Kornspeicher, das Gesindehaus usw. dicht nebeneinander -- auch sie alle
gleichfalls mit den deutlichen Spuren des Alters und der Baufälligkeit;
rechts und links sah man je ein Tor, das nach einem andern Hofe führte.
Alles legte Zeugnis davon ab, daß hier einmal in ganz großem Maßstabe
gewirtschaftet worden war, heute aber blickte alles trübe und finster.
Da gab es nichts, was das traurige Bild ein wenig erheitert hätte: --
keine sich auftuenden Türen, keine ein- und ausgehenden Menschen, keine
lebendigen häuslichen Sorgen! Nur das Haupttor stand offen, und auch
dies nur, weil ein Mann mit einem schwerbeladenen Wagen, der mit
Bastmatten zugedeckt war, in den Hof fuhr; wie mit Absicht, um diesen
öden toten Ort ein wenig zu beleben: zu einer andern Zeit wäre auch
dieses Tor fest verschlossen gewesen, denn an der eisernen Krampe hing
ein mächtiges Riesenschloß. Vor einem der Gebäude entdeckte
Tschitschikow bald eine Gestalt, die sich mit dem Wagenführer zankte. Er
konnte sich lange nicht darüber klar werden, welchem Geschlechte die
Gestalt angehörte; ob es ein Mann oder eine Frau war. Das
Kleidungsstück, das sie anhatte, war völlig undefinierbar, und hatte
eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Frauenrock; dazu trug sie noch eine
Kappe auf dem Kopf, wie sie die Dorfweiber zu tragen pflegen.
»Wahrhaftig, ein Weibsbild!« dachte er, er fügte aber gleich hinzu:
»Nein, doch nicht!« -- »Natürlich ein Weibsbild!« sagte er endlich,
nachdem er sich die Gestalt näher angesehen hatte. Diese beobachtete ihn
ihrerseits gleichfalls mit großer Aufmerksamkeit. Der Ankömmling schien
für sie eine Art Weltwunder zu sein, weil sie nicht bloß ihn, sondern
auch Seliphan und selbst die Pferde vom Maule bis zum Schwanze aufs
gründlichste musterte. Nach dem an ihrem Gürtel hängenden Schlüsselbund
und den kräftigen Schimpfworten, mit denen sie den Bauern überhäufte,
urteilte Tschitschikow, daß dies wohl die Schließerin sein müsse.
»Hör mal, Mütterchen,« sagte er, während er aus dem Wagen stieg, »was
macht der Herr?«
»Ist nicht zu Hause!« versetzte die Schließerin, ohne den Schluß der
Frage abzuwarten, und sie fügte gleich hinzu, »und was wollen Sie von
ihm?«
»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit.«
»Dann treten Sie bitte ins Zimmer,« sagte die Schließerin, indem sie die
Türe öffnete, ihm den mit Mehlstaub bedeckten Rücken zuwandte und dabei
ein großes Loch in ihrem Rocke sehen ließ.
Er betrat den großen dunklen Flur, aus dem ihn Grabeskälte wie aus einem
Keller anwehte. Aus dem Flur gelangte er in ein dunkles Zimmer, in das
nur wenig Licht aus einer breiten Spalte unter der Tür hineinfiel. Er
öffnete diese Tür und befand sich endlich in hellem Tageslicht. Die
Unordnung, die sich ihm überall aufdrängte, erregte sein Erstaunen. Es
sah fast so aus, als ob im ganzen Hause die Dielen gewaschen würden und
während dessen sämtliche Möbel in dieser Stube untergebracht worden
wären. Auf einem Tische stand sogar ein zerbrochener Stuhl, daneben eine
Uhr mit einem zerbrochenen Pendel, das eine Spinne bereits mit ihrem
Gewebe umsponnen hatte. Hier standen auch ein seitlich an die Wand
gelehnter Schrank mit altem Silbergerät und allerhand Karaffen aus
chinesischem Porzellan. Auf dem Schreibpult, das mit Perlmuttermosaik
ausgelegt, stellenweise seines Schmuckes entkleidet war und an seiner
Stelle die mit trockenem Leim gefüllten Lücken sichtbar werden ließ, lag
allerhand bunter Kram beieinander: ein Haufen eng beschriebener Zettel,
auf denen ein grünlich angelaufener Briefbeschwerer von Marmor mit einem
kleinen Ei als Griff ruhte, ein alter Schweinslederband mit rotem
Schnitt, eine trockene ausgepreßte Zitrone, die nicht größer war als
eine Walnuß, die abgebrochene Lehne eines Stuhles, ein Schnapsglas mit
einer roten Flüssigkeit und drei darin schwimmenden Fliegen, das mit
einem Briefbogen bedeckt war, ein Stückchen Siegellack, der Fetzen eines
irgendwo aufgelesenen Lappens, zwei Schreibfedern, die mit Tinte
beschmiert und ganz vertrocknet waren, wie wenn sie die Schwindsucht
hätten, ein gelblicher Zahnstocher, mit dem sich sein Herr wohl noch vor
der Einnahme Moskaus durch die Franzosen die Zähne gereinigt haben
mochte, usw. An den Wänden hingen nahe beieinander und in recht
geschmackloser Anordnung mehrere Bilder: ein schmaler Stahlstich von
irgend einer Schlacht, auf dem man fürchterliche Trommeln, schreiende
Soldaten mit Dreimastern auf den Köpfen und ersaufenden Pferden
erblickte. Der Stich befand sich in einem Rahmen von Mahagoniholz mit
schmalen Bronzeleisten und Bronzerosetten in den Ecken, jedoch ohne
Deckglas. Daneben hing ein gewaltiges nachgedunkeltes Ölgemälde, das die
halbe Wand einnahm, und auf dem Blumen, Früchte, eine zerschnittene
Wassermelone, die Schnauze eines Wildebers und der herunterhängende Kopf
einer wilden Ente abgebildet waren. Von der Mitte der Decke hing ein in
einem Leinewandsack eingenähter Kronleuchter herab, der so dicht mit
Staub bedeckt war, daß er dem Kokon eines Seidenwurmes glich. In einem
Winkel des Zimmers lag ein Haufen alter Sachen; dies waren gewissermaßen
die gröberen Gegenstände, die nicht gewürdigt wurden, auf dem Tisch zu
liegen. _Was_ das eigentlich für Sachen waren -- das ließ sich nicht
leicht angeben; denn es lastete eine so dicke Staubschicht auf ihnen,
daß jede Hand, die sie berührte, große Ähnlichkeit mit einem Handschuh
bekam; die einzigen Objekte, die sich mit einiger Deutlichkeit von dem
Schutthaufen abhoben, waren: ein Stück von einer zerbrochenen hölzernen
Schaufel und eine alte Schuhsohle. Kein Mensch hätte geglaubt, daß dies
Zimmer von einem lebenden Wesen bewohnt werde, wenn nicht eine alte
abgetragene Kappe, die auf dem Tische lag, davon Zeugnis abgelegt hätte.
Während unser Held noch in die Betrachtung dieser merkwürdigen
Zimmerausstattung versunken war, öffnete sich eine Seitentür, und
dieselbe Schließerin, die er auf dem Hofe getroffen hatte, trat herein.
Jetzt aber sah er, daß dies eher ein Schließer, als eine Schließerin
war: wenigstens pflegte sich eine Schließerin gewöhnlich nicht den Bart
zu rasieren, dieser Mensch aber tat es und zwar, wie es schien, recht
selten, denn sein Kinn und die untere Partie seines Gesichts glich einem
Striegel aus Eisendraht, mit dem man die Pferde im Stalle zu putzen
pflegt. Tschitschikows Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an; er
wartete mit Ungeduld darauf, was ihm der Schließer sagen würde. Dieser
schien jedoch seinerseits wiederum auf Tschitschikows Anrede zu warten.
Endlich entschloß sich der letztere, dem diese beiderseitige
Unentschlossenheit recht peinlich wurde, zu der Frage:
»Nun, was macht dein Herr? Ist er zu Hause?«
»Der Hausherr ist hier!« antwortete der Schließer.
»Wo denn nur?« wiederholte Tschitschikow.
»Sie sind wohl blind, Väterchen? Was?« versetzte der Schließer.
»Herrjeh! Ich bin doch der Herr des Hauses!«
Hier wich unser Held unwillkürlich ein wenig zurück und sah jenen starr
an. Er hatte in seinem Leben mancherlei Leute kennen gelernt, selbst
solche wie wir, lieber Leser, sie wohl nie zu sehen bekommen. Aber einem
ähnlichen Wesen war er noch nie begegnet. An seinem Gesichte war nichts
Besonderes zu bemerken. Es unterschied sich kaum von dem der meisten
hagern alten Leute; nur das Kinn sprang etwas weit vor, und er mußte es
immer mit einem Taschentuch bedecken, um es nicht mit seinem Speichel zu
befeuchten. Die kleinen Äuglein waren noch nicht erloschen und bewegten
sich unter den buschigen Augenbrauen hin und her wie zwei Mäuschen, wenn
sie die zierlichen Schnäuzchen aus dem finsteren Loche stecken, die
Ohren spitzen, mit ihren feinen Schnurrbarthärchen spielend,
hinauslugen, ob nicht irgendwo ein Kater oder ein mutwilliger Knabe
versteckt liegt und argwöhnisch in der Luft herumschnüffeln. Das Kostüm
war noch interessanter. Es wäre eine vergebliche Bemühung gewesen,
herauskriegen zu wollen, woraus sein Schlafrock eigentlich
zusammengeflickt war: die Ärmel und die Kragenschöße waren so schmutzig
und glänzend, daß sie dem Juchtenleder glichen, aus dem man Stiefel
macht; hinten baumelten ihm statt zweier vier Rockschöße hinunter, aus
denen das Futter sich in Knäueln ans Tageslicht drängte. Um den Hals
hatte er auch ein undefinierbares Etwas geschlungen, von dem man nicht
sagen konnte, ob es ein alter Strumpf, eine Leibbinde oder eine Bandage
war. Ein Halstuch war es jedenfalls nicht. Mit einem Wort, hätte ihn
Tschitschikow in diesem Aufzug vor irgend einer Kirche getroffen, er
hätte ihm sicherlich einen Kupfergroschen gereicht; denn, zur Ehre
unseres Helden sei es gesagt, er hatte ein sehr mitleidiges Herz und
konnte sich niemals enthalten, einem armen Mann eine Kupfermünze zu
reichen. Aber der Mensch, der vor ihm stand, war kein Bettler, sondern
ein vornehmer Gutsherr. Und dieser Gutsherr besaß mehr als tausend
Seelen, ja man hätte lange nach einem zweiten suchen können, der soviel
Getreide, Mehl und Ackerfrüchte in seinen Speichern barg, dessen
Vorratskammern, Scheuern und Tennen gleich vollgepfropft waren mit Tuch
und Leinewand, rohen und gegerbten Schafsfellen, getrockneten Fischen,
mancherlei Gemüsearten und Früchten. Man brauchte bloß einen Blick in
seinen Hof zu werfen, wo Holz aller Art und allerhand Geschirr
aufgestapelt lagen, welches nie verwendet wurde -- und man hätte sich
auf den Moskauer Holzmarkt versetzt geglaubt, wo sich täglich die
geschäftigen Schwiegermütter und Basen versammeln, begleitet von ihren
Köchinnen, um ihre Einkäufe zu machen, und wo uns ganze Berge von
geschnitztem, gedrechseltem, geflochtenem und verzahntem Holze
entgegenschimmern: Fässer, Bottiche, Teereimer, Kannen mit und ohne
Maul, Wannen, Körbe, Hechelbretter, durch welche die Frauen ihren Flachs
und anderes Zeug ziehen, Kästchen aus dünnem, gebogenem Espenholz,
Körbchen aus geflochtener Birkenrinde und noch vieles, vieles andere zum
Bedarf des reichen und armen Russenlandes. Man hätte meinen sollen, wozu
brauchte Pluschkin eine solche Unmenge verschiedenartigster Erzeugnisse?
Selbst zwei so große Güter, wie das seine, hätten mehrere Menschenalter
lang keine Verwendung für sie gefunden. Ihm aber war auch das noch nicht
genug. Unzufrieden ging er alltäglich durch die Straßen seiner Dörfer
und blickte unter Brücken und Stege und alles, was ihm in den Weg kam:
eine alte Schuhsohle, irgend ein Fetzen eines alten Kleiderstücks, ein
eiserner Nagel, eine Dachziegelscherbe -- alles trug er mit sich fort
und warf es auf jenen Haufen, den Tschitschikow in dem Winkel des
Zimmers bemerkt hatte. »Da geht unser Fischer wieder auf die Jagd,«
pflegten die Bauern zu sagen, wenn sie ihn beutelüstern nach allen
Seiten ausspähen sahen. Und in der Tat: die Straße brauchte man hinter
ihm nicht mehr zu fegen; hatte ein vorüberfahrender Offizier einen
seiner Sporen verloren -- eh man sich's versah, lag sie auf dem Haufen;
hatte ein Weib in ihrer Blödigkeit einen Eimer am Brunnen stehen lassen,
-- flugs schleppte er auch schon den Eimer mit sich fort. Übrigens, wenn
ein Bauer ihn dabei ertappte, dann widersetzte er sich nicht lange und
lieferte den geraubten Gegenstand gutwillig wieder aus; aber lag dieser
einmal im Haufen, dann war alles vorbei: er schwur und rief Gott zum
Zeugen an, daß er das Ding dann und dann, und da und da gekauft, oder
wohl gar von seinem Großvater geerbt habe. War er bei sich zu Hause,
dann hob er alles auf, was auf dem Fußboden lag: ein Stückchen
Siegellack, einen Papierfetzen, eine Feder, und legte alles auf das
Schreibpult oder auf die Fensterbank.
Und doch gab es eine Zeit, wo er nur ein _sparsamer Hausherr_ gewesen
war! Auch _er_ war einst ein braver Ehemann und Familienvater, und seine
Nachbarn besuchten ihn, um bei ihm zu Mittag zu speisen, die Kunst des
Haushalts und weise Sparsamkeit von ihm zu lernen. Damals floß das ganze
Leben noch rasch und wohlgeordnet dahin: die Mühlen und Walzen
klapperten lustig, die Tuchfabriken, die Drechselbänke und Webstühle
arbeiteten unermüdlich; in alle Ecken und Winkel des geräumigen
Landgutes drang das scharfblickende Auge des Herrn und glitt wie eine
fleißige Spinne besorgt und geschäftig von einem Ende des
Wirtschaftsnetzes zum andern. In seinem Antlitz spiegelten sich freilich
niemals allzu starke Leidenschaften und Gefühle, aber aus seinem Auge
blitzte ein heller Verstand, aus seinen Reden sprachen Erfahrung und
Weltkenntnis, und seine Gäste hörten ihm gerne zu; die liebenswürdige
redselige Hausfrau war berühmt wegen ihrer Gastfreundschaft; zwei
liebliche Töchter begrüßten den Ankömmling, beide blond und frisch, wie
junge Rosen, der Sohn, ein lebhafter, munterer Junge kam ihm
entgegengesprungen, und küßte den Gast, ohne viel danach zu fragen ob es
diesem angenehm war, oder nicht. Alle Fenster im Hause standen offen. Im
Zwischenstock wohnte der französische Gouverneur, welcher stets gut
rasiert war und für einen glänzenden Schützen galt: jeden Tag brachte er
ein Birkhuhn oder ein paar Enten, oder zuweilen gar einige Sperlingseier
zum Mittagessen mit, aus denen er sich einen Eierkuchen backen ließ, den
außer ihm kein Mensch im ganzen Hause aß. Im selben Stock wohnte auch
eine Landsmännin von ihm, die Gouvernante der beiden Mädchen. Der
Hausherr selbst erschien immer in einem schwarzen Rock, der zwar schon
ein wenig abgetragen, aber stets ordentlich und sauber war, zu Tische;
die Ellenbogen waren noch nicht durchgerieben, und er war auch noch
nicht geflickt. Aber die gute Hausfrau starb, und ein Teil der Schlüssel
und der kleinen Sorgen fielen von nun ab ihm zu. Pluschkin wurde
unruhig, geizig und argwöhnisch, wie alle Witwer. Auf seine älteste
Tochter Alexandra Stepanowna wollte er sich nicht in allem verlassen,
und darin hatte er recht, denn Alexandra Stepanowna lief bald darauf mit
einem Stabsrittmeister irgend eines Kavallerieregiments davon und ließ
sich in aller Eile in einer Dorfkirche mit ihm trauen, da sie wußte, daß
der Vater die Offiziere nicht leiden konnte: er hatte nämlich das
merkwürdige Vorurteil, sie seien alle Spieler und Verschwender. Der
Vater sandte ihr seinen Fluch nach, aber es fiel ihm nicht ein, ihr
nachzureisen und sie zurückzuholen. Das Haus wurde von nun ab noch
leerer und öder. Der Geiz des Besitzers trat immer offener zutage; die
ersten grauen Haare, die bei ihm aufblitzten, die treuen Begleiter der
Habsucht, begünstigten noch ihre Entwickelung. Der französische
Hauslehrer erhielt seinen Abschied, weil der Sohn in den Staatsdienst
treten sollte; Madame wurde weggejagt, weil sie nicht ganz unbeteiligt
an der Entführung Alexandra Stepanownas war. Der Sohn, den der Vater in
die Provinzhauptstadt geschickt hatte, um ihn hier den Staatsdienst
gründlich kennen lernen zu lassen -- nämlich wie der Vater ihn verstand
-- trat in ein Regiment ein, und schrieb dem Vater einen Brief, in dem
er ihn -- bereits nachdem er Offizier geworden war -- um Geld für die
Uniformierung bat; natürlich erhielt er hierauf nur das, was man im
Volke eine Nase zu nennen pflegt. Schließlich starb auch noch die letzte
Tochter, die bei Pljuschkin im Hause lebte, und der Alte blieb
mutterseelenallein auf dieser Welt zurück als Hüter, Wächter und
alleiniger Besitzer all seiner Reichtümer. Das einsame Leben gab der
Habsucht neue, reiche Nahrung, denn der Geiz hat bekanntlich einen
rechten Wolfshunger und wird nur um so unersättlicher, je mehr er
verschlingt: die menschlichen Regungen, die ja ohnedies nicht allzutief
in ihm wurzelten, wurden beinahe stündlich leichter und flacher, und
jeder Tag bröckelte von dieser verfallenen Ruine noch ein weiteres
Stückchen ab. In solch einem Augenblicke geschah es, daß der Sohn, wie
absichtlich, um die schlechte Meinung des Vaters vom Offiziersstand noch
zu bestätigen, sein ganzes Vermögen im Kartenspiele verlor; da sandte
ihm Pljuschkin seinen aufrichtigen väterlichen Fluch, und von da ab
kümmerte er sich überhaupt nicht um ihn, und interessierte sich nicht
mehr dafür, ob er noch auf der Welt sei oder nicht. Jedes Jahr wurde ein
neues Fenster im Gutshause verschlossen oder zugenagelt, bis schließlich
nur noch zwei übrig blieben, von denen eins, wie der Leser schon gehört
hat, mit Papier verklebt wurde; jedes Jahr verlor er ein neues richtiges
Stück von seinem Haushalt aus dem Auge, und sein enger Blick wandte sich
immer mehr allerhand Zettelchen und Federchen zu, die er in seinem
Zimmer vom Fußboden auflas; er wurde immer unzugänglicher und
unnachgiebiger gegen die Käufer, welche angereist kamen, um ihm etwas
von seinen landwirtschaftlichen Produkten abzukaufen; sie handelten und
feilschten mit ihm, gaben ihn endlich ganz auf und erklärten, dies sei
ein Teufel und kein Mensch; sein Heu und sein Korn verfaulten, seine
Vorräte und Heuschober verwandelten sich in reinen Dünger, es fehlte
bloß, daß man auf ihnen Kohl pflanzte; das Mehl in den Kellerräumen
wurde hart wie Stein, so daß man es mit dem Hammer zerklopfen mußte; die
Leinwand, die Wolle und die zu Hause gewebten Stoffe durfte man gar
nicht berühren, wenn sie sich nicht in Staub auflösen sollten.
Pljuschkin wußte selbst nicht mehr recht, was er alles besaß; das
einzige, dessen er sich noch erinnerte, war: ein Regal im Schrank, -- wo
eine Karaffe mit irgend einem Likörrest stand, auf der er ein Zeichen
eingeritzt hatte, damit sich nur niemand etwas vom Inhalt aneigne, --
und ein Platz, wo eine Feder oder ein Stückchen Siegellack lag. Die
Einkünfte aber liefen ein wie früher! Der Bauer mußte nach wie vor
seinen Zins bezahlen, die Weiber hatten noch immer dieselbe Ration Nüsse
abzuliefern, die Weberin war noch immer verpflichtet, eine bestimmte
Menge ihres Ertrages an Gewebe dem Herrn abzugeben. Das wurde alles in
den Vorratskammern aufgespeichert, wo es verfaulte und sich in Schutt
verwandelte, und auch er wurde schließlich zu einem menschlichen
Schutthaufen. Alexandra Stepanowna besuchte ihn ein paar Male mit ihrem
kleinen Söhnchen, in der Hoffnung, etwas von ihm herauszubekommen; das
Nomadenleben mit dem Stabsrittmeister war offenbar doch nicht so
reizvoll, wie es ihr vor der Hochzeit erschienen war. Pljuschkin verzieh
ihr und schenkte dem kleinen Enkel sogar einen Knopf zum Spielen, der
gerade auf dem Tische lag, aber mit Geld wollte er nicht herausrücken.
Ein andres Mal kam Alexandra Stepanowna mit zwei Kindern angefahren und
brachte ihm einen Stollen zum Tee mit, sowie einen neuen Schlafrock,
weil der Vater einen solchen Schlafrock trug, daß es nicht nur peinlich,
sondern geradezu eine Schande war, ihn anzusehn. Pljuschkin liebkoste
und streichelte beide Enkelkinder, setzte einen auf sein rechtes und den
andern auf sein linkes Knie, und ließ sie auf- und niederhopsen, wie
wenn sie auf einem Pferde säßen; den Stollen und den Schlafrock nahm er
dankbar an, ohne jedoch der Tochter ein Gegengeschenk zu machen, so daß
Alexandra Stepanowna unverrichteter Sache zurückkehren mußte.
So also war der Mann, der jetzt vor Tschitschikow stand! Man muß
zugeben, daß solche Gestalten einem in Rußland nicht allzuoft begegnen,
wo sich der Mensch eher auszubreiten und zu entfalten, als
zusammenzuziehen und zu konzentrieren liebt, und eine solche Erscheinung
setzt einen um so mehr in Erstaunen, als man gleich daneben in der
nächsten Nachbarschaft einen Gutsbesitzer treffen kann, der sein Leben
mit jenem breit ausladenden Elan genießt, und sein Hab und Gut mit jener
vornehmen Großartigkeit bis auf den letzten Heller verschwendet, die den
Russen nun einmal auszeichnen. Ein Reisender, der noch nicht viel von
der Welt gesehen hat, würde beim Anblick eines solchen Herrensitzes
stutzig werden und sich fragen, wie es nur möglich sei, daß ein so
mächtiger Prinz mitten unter diese kleinen unscheinbaren Bauern geraten
sei: schier wie Paläste ragen seine weißschimmernden steinernen Häuser,
mit ihren zahlreichen Schornsteinen, Aussichtstürmen und Seitenflügeln,
die von einer ganzen Schar von Nebengelassen und Wohnräumen für die
Besucher und Gäste umgeben sind. Was gibt es da nicht alles! Theater,
Bälle, Maskenfeste, die ganze Nacht hindurch liegt der feenhaft
illuminierte Garten im bunten Laternenglanze da, und rauschende Musik
erfüllt die Luft. Die halbe Provinz lustwandelt in reichem Festtagsputze
unter den Bäumen, niemand merkt und empfindet etwas von der wilden
drohenden Disharmonie dieser gewaltsamen Helligkeit, wenn aus dem
Baumdickicht von falschem Lichte beleuchtet sich plötzlich ein Ast
theatralisch hervorstreckt; kahl ragen seine des lichten Blätterschmucks
beraubten Arme in die Lüfte, hoch oben über allem breitet sich noch
ernster fast und dunkler und furchtbarer als sonst, der nächtliche
Himmel, und tief hinein in ewige Finsternis flüchten die rauhen Wipfel
der Bäume und grollen ob des Flitterglanzes, der ihre Wurzeln bestrahlt.
Schon mehrere Minuten stand Pljuschkin schweigend da, ohne ein Wort zu
sagen; auch Tschitschikow wollte es nicht gelingen, ein Gespräch
einzuleiten, da er durch den Anblick seines Wirtes und der ganzen
seltsamen Umgebung immer wieder von seinem Vorhaben abgelenkt wurde. Es
wollte ihm lange nichts einfallen, mit welchen Worten er seinen Besuch
motivieren sollte. Es kam ihm schon der Gedanke, etwa folgendes
zu sagen: da er von den Tugenden und den ausgezeichneten
Charaktereigenschaften Pljuschkins gehört habe, habe er es für seine
Pflicht gehalten, ihm persönlich einen Beweis seiner Achtung zu geben;
aber er besann sich noch zur rechten Zeit und sagte sich, daß das denn
doch zu weit gegangen wäre. Er warf noch einen verstohlenen Blick auf
die ganze Zimmereinrichtung, und hatte die Empfindung, daß die Worte
Tugend und seltene Charaktereigenschaften mit Erfolg durch die Worte
Sparsamkeit und Ordnungsliebe ersetzt werden könnten; so verbesserte er
denn seine Rede in dem angegebenen Sinne, und sagte: da er von der
Sparsamkeit und der vortrefflichen Verwaltung der Pljuschkinschen Güter
gehört habe, habe er es für seine Pflicht gehalten, ihn näher kennen zu
lernen und ihm persönlich den Ausdruck seiner Hochachtung zu Füßen zu
legen. Es wäre selbstverständlich möglich gewesen noch einen anderen
besseren Grund anzuführen, aber es wollte ihm, wie gesagt, durchaus
nichts Hübscheres einfallen.
Pljuschkin murmelte etwas, wobei er nur die Lippen bewegte, -- denn er
hatte keine Zähne mehr --; was er eigentlich sagen wollte, läßt sich
nicht mit Bestimmtheit angeben, wahrscheinlich aber hatten seine Worte
etwa folgenden Sinn: »Wenn du doch zum Teufel gingest, mit deiner
Hochachtung!« Aber da bei uns die Gastfreundschaft für eine der ersten
Pflichten und Tugenden gehalten wird, sodaß selbst der Geizhals ihre
Gesetze nicht ungestraft übertreten darf, so fügte er etwas deutlicher
hinzu: »Bitte nehmen Sie gefälligst Platz!«
»Es ist schon sehr lange her, daß ich keine Gäste mehr empfangen habe,«
sagte er, »wenn ich offen sein soll, kommt auch wenig dabei heraus. Da
haben die Leute die höchst überflüssige und unsinnige Mode eingeführt,
sich gegenseitig Besuche zu machen -- und dann wundert man sich noch,
daß zu Hause alles drunter und drüber geht ... dazu muß man auch noch
immer Heu für die Pferde bereit halten! Ich habe schon längst zu Mittag
gespeist, meine Küche ist auch so niedrig und häßlich, und der
Schornstein ist ganz eingefallen: ich darf den Herd gar nicht anheizen,
damit es kein Schadenfeuer gibt.«
»Steht es so!« dachte Tschitschikow, »gut, daß ich bei Sabakewitsch ein
Stück Quarkkuchen und einen Happen Lammfilet gegessen habe!«
»Denken Sie bloß, was für ein Pech! Wenn ich nur einen Büschel Heu im
Hause hätte!« fuhr Pljuschkin fort. »Und in der Tat, woher soll man es
bloß nehmen? Ich habe nur wenig Land, der Bauer ist faul, liebt nicht zu
arbeiten und denkt nur immer an die Schenke ... man muß sich in acht
nehmen, daß man auf seine alten Tage nicht noch betteln gehen muß!«
»Man hat mir aber doch gesagt,« wandte hier Tschitschikow bescheiden
ein, »daß Sie mehr als tausend Seelen haben!«
»Wer hat Ihnen das gesagt, Sie hätten dem Kerle ins Gesicht spucken
sollen, der solche Gerüchte verbreitet, Väterchen! Das ist wohl ein
Spaßvogel, der sich über Sie lustig machen wollte. Da sagt man: tausend
Seelen, aber wenn man nachrechnet, dann bleibt nicht viel übrig! Im
vergangenen Jahr sind mir durch das verdammte Fieber ein ganzes Schock
Bauern weggestorben.«
»Wahrhaftig? Sind es wirklich so viele,« rief Tschitschikow teilnehmend
aus.
»O ja, sehr viele!«
»Und darf ich fragen, wie viele?«
»An die achtzig Mann!«
»In der Tat?«
»Ich lüge nicht, Väterchen!«
»Und darf ich mir noch eine Frage erlauben? Diese Zahl bezieht sich doch
auf die ganze Zeit nach der letzten Revision?«
»Das wäre ja noch gut!« sagte Pljuschkin, »_so_ gerechnet sind es noch
viel mehr: etwa hundert und zwanzig Seelen!«
»Wirklich? Ganze hundert und zwanzig?« rief Tschitschikow aus und riß
sogar den Mund vor Verwunderung auf.
»Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen: ich bin schon über
die sechzig hinaus!« sprach Pljuschkin, der sich durch Tschitschikows
beinahe freudigen Ausruf gekränkt zu fühlen schien. Tschitschikow sah
ein, daß eine solche Kälte und Teilnahmslosigkeit gegen fremdes Leid in
der Tat nicht schön sei, daher stieß er schnell noch einen Seufzer aus
und äußerte sein Bedauern.
»Ihr Bedauern nützt mir leider nichts! Ich kann es doch nicht in den
Beutel stecken!« sagte Pljuschkin. »Sehen Sie, da wohnt neben mir ein
Hauptmann. Weiß der Teufel, wie der hier hereingeschneit ist. Will ein
Verwandter von mir sein: das geht immer Onkelchen hin, Onkelchen her,
und dabei küßt er mir stets die Hand; wenn der anfängt einem seine
Teilnahme zu äußern, dann erhebt er ein wahres Geheul, daß man sich rein
die Ohren zuhalten möchte. Der Mann hat ein ganz blaurotes Gesicht, er
liebt wohl die Branntweinflasche zu sehr. Wird sein Geld beim Regiment
durchgebracht haben, oder irgend eine Schauspielerin hat es ihm aus der
Tasche gelockt. Das wird der Grund sein, warum er so mitleidig ist!«
Tschitschikow versuchte ihm zu erklären, daß seine Teilnahme ganz
anderer Art als die des Hauptmanns, und daß er bereit sei, sie nicht
allein mit Worten sondern auch durch die Tat zu beweisen; er schob daher
die Sache nicht länger auf und erklärte ohne alle Umschweife seine
Bereitwilligkeit, die schwere Pflicht der Steuerzahlung für sämtliche
Bauern, die durch einen so unglücklichen Zufall hinweggerafft worden
wären, auf sich nehmen zu wollen. Dieses Angebot brachte Pljuschkin
anscheinend völlig aus der Fassung. Seine Augen quollen hervor und
starrten ihr Gegenüber lange Zeit unverwandt an. Endlich sagte er:
»Waren Sie etwa beim Militär?«
»Nein!« antwortete Tschitschikow schlau ausweichend, »ich war nur im
Zivildienst tätig.«
»Im Zivildienst!« wiederholte Pljuschkin und kaute dabei an seinen
Lippen, wie wenn er einen Bissen im Munde hätte. »Ja, wie denn nur? Das
wäre ja doch nur zu Ihrem eigenen Schaden.«
»Ihnen zu Gefallen würde ich selbst diesen Schaden auf mich nehmen.«
»Ach, Väterchen! Ach, du mein Wohltäter!« rief Pljuschkin aus, ohne in
seiner Freude zu merken, daß ihm ein Stückchen Schnupftabak wie dicker
Kaffeesatz aus der Nase quoll, was keinen gerade malerischen Anblick
bot, und daß die zurückgeschlagenen Schöße seines Schlafrockes die
Unterkleidung sehen ließen, welche auch nicht appetitlich anzuschauen
war. »Sie tun ein gutes Werk an einem armen Greise! O, du mein Gott, du
mein Heiland!« Mehr brachte Pljuschkin nicht heraus. Aber es verging
keine Minute, als die Freude, die so plötzlich in den erstarrten Zügen
aufgeleuchtet war, ebenso schnell wieder verlosch, ohne eine Spur zu
hinterlassen, und sein Gesicht nahm wieder den alten besorgten Ausdruck
an. Er wischte es sich sogar mit dem Taschentuch ab, ballte es zu einem
Klumpen zusammen und rieb sich damit die Oberlippe.
»Wollen Sie denn wirklich -- ich möchte Sie unter keinen Umständen
erzürnen -- mit Verlaub zu sagen, jedes Jahr diese Steuern bezahlen? Und
soll _ich_ oder die Krone das Geld erhalten?«
»Wissen Sie was? das machen wir einfach so: wir schließen einen
Kaufkontrakt miteinander ab, als ob sie noch am Leben wären und Sie sie
mir verkauft hätten.«
»Ja, einen Kaufkontrakt ...« sagte Pljuschkin, wurde ein wenig
nachdenklich und begann wieder an seinen Lippen zu kauen. »Sie sagen,
einen Kaufkontrakt -- das macht wieder neue Unkosten! Die Beamten beim
Gericht sind so unverschämt! Früher waren sie schon mit einem halben
Rubel in Kupfer und einem Sack Mehl dazu abzufinden. Jetzt aber
verlangen sie gleich eine ganze Fuhre Gerste und noch einen roten Lappen
als Zugabe. So geldgierig sind sie heutzutage. Ich begreife garnicht,
daß das niemand an die Öffentlichkeit bringt. Wenn man ihnen doch
wenigstens eine Moralpredigt halten wollte. Mit einem guten Wort kann
man schließlich jeden breitschlagen. Man mag sagen, was man will: einer
tüchtigen Moralpredigt widersteht niemand!«
»Na na, du würdest ihr gewiß widerstehen,« dachte Tschitschikow; aber er
fügte gleich darauf laut hinzu, daß er aus persönlicher Hochachtung für
ihn bereit sei, auch die Kosten des Kaufvertrags auf sich zu nehmen.
Als Pljuschkin hörte, daß sein Gast sogar die Spesen des Kaufvertrages
zu übernehmen gedenke, schloß er hieraus, daß er ein vollendeter Narr
sein müsse, und sich bloß so _anstelle_, als ob er im Zivildienst
gewesen sei, in Wahrheit aber bei irgend einem Regiment gedient und sich
mit Schauspielerinnen herumgetrieben habe. Bei alledem vermochte er es
jedoch nicht, seine Freude zu unterdrücken und überhäufte den Gast mit
allerhand Segenswünschen für ihn selbst und seine Kinder, ohne sich
übrigens erkundigt zu haben, ob er auch welche besitze. Dann trat er ans
Fenster, trommelte mit den Fingern gegen die Glasscheibe und rief: »Heh!
Proschka!« Gleich darauf hörte man, wie jemand atemlos über den Flur
rannte, sich dort geräuschvoll hin und her bewegte und mit den Stiefeln
aufstampfte. Endlich tat sich die Türe auf und Proschka, ein
dreizehnjähriger Junge, trat herein. Er hatte so weite Wasserstiefel an,
daß er sie beinahe bei jedem Schritte verlor. Warum Proschka eigentlich
so große Stiefel anhatte, soll der Leser sofort erfahren. Pljuschkin
besaß für seine sämtlichen Dienstboten nur ein Paar Stiefel, die immer
im Vorzimmer stehen mußten. Ein jeder, der in die herrschaftlichen
Gemächer beordert wurde, mußte erst quer über den ganzen Hof einen Tanz
ausführen, bis er den Flur erreicht hatte, wo er die Stiefel anzog, um
in diesem Aufzuge ins Zimmer zu treten. Beim Verlassen des Zimmers
entledigte er sich im Flure wiederum seiner Fußbekleidung und trat den
Rückweg auf seinen höchsteigenen Sohlen an. Wenn jemand zur Herbstzeit
und besonders des Morgens, wenn schon der erste Reif gefallen war, aus
dem Fenster geblickt hätte, so hätte er sich des schönen Anblicks
erfreuen können, was für prächtige Sprünge Pljuschkins Diener
vollführten.
»Sehen Sie nun diese Visage, Väterchen,« sagte Pljuschkin zu
Tschitschikow, indem er mit dem Finger auf Proschka zeigte. »Der Kerl
ist so dumm wie ein Holzklotz. Aber lassen Sie bloß etwas liegen,
schwupp, hat er es schon weggegrapst. Na, was willst du hier, du Esel?
Ja, was denn nur?« Hier machte er eine kleine Pause, während der
Proschka gleichfalls keinen Laut von sich gab. »Stell den Samowar auf!
Hörst du? Hier hast du den Schlüssel! Gib ihn der Mawra und sag ihr, sie
soll in die Speisekammer gehen. Da liegt auf dem Regal noch ein Zwieback
von Ostern her, Alexandra Stepanowna hat ihn mir mitgebracht; den soll
sie zum Tee servieren ... Wart, wo willst du hin, dummer Kerl? Bist du
ein Schafskopf! Dir sitzt wohl der Teufel in den Fersen. Hör mich doch
erst an! Der Zwieback ist oben nicht mehr ganz frisch. Sie soll ihn ein
bissel mit dem Messer abschaben; aber daß sie mir die Krumen nicht
wegwirft! Die müssen für die Hühner übrig bleiben. Und daß du mir nicht
mit ins Speisezimmer gehst: sonst gibt's was mit der Birkenrute,
verstehst du? daß du Geschmack daran bekommst. Du hast ja jetzt schon so
einen guten Appetit. Den wollen wir noch ordentlich vermehren. Geh mir
nur ins Speisezimmer! Ich werde schon auf deine Schliche kommen, hier
vom Fenster aus. Man kann den Kerlen in nichts trauen,« fuhr er fort,
indem er sich an Tschitschikow wandte, als Proschka mit seinen
Siebenmeilenstiefeln bereits in der Türe verschwunden war. Hierbei warf
er einen argwöhnischen Blick auf Tschitschikow. Dieser Zug einer
geradezu unerhörten Großmut und Großherzigkeit kam ihm unwahrscheinlich
und verdächtig vor, und er dachte sich: »Weiß der Teufel, vielleicht ist
er auch nur so ein Prahlhans, wie alle diese Prasser und Verschwender!
Lügt einem was vor, um ein Stündchen zu verplaudern und ein paar Tassen
Tee zu trinken und macht dann, daß er fortkommt!« Er sagte daher teils
aus Vorsicht, teils um dem Gast ein wenig auf den Zahn zu fühlen, daß es
nicht übel wäre, den Kaufvertrag so bald als möglich abzuschließen, denn
der Mensch sei ein gar unzuverlässiges und gebrechliches Ding: heute
rot, morgen tot.
Tschitschikow erklärte sich bereit, den Kontrakt auf Wunsch sofort zu
unterschreiben und bat nur um ein Verzeichnis sämtlicher Bauern.
Dies beruhigte Pljuschkin. Man merkte es ihm an, daß er irgend einen
Plan überdachte, und in der Tat zog er jetzt den Schlüsselbund hervor,
näherte sich dem Schrank, öffnete ihn, suchte lange unter den Gläsern
und Schalen herum und rief schließlich aus: »Jetzt kann ich ihn nicht
finden; ich hatte da doch einen feinen Likör; wenn die Bande ihn nur
nicht wieder ausgetrunken hat! Diese Leute sind die reinsten Banditen.
Ah da ist er schon?« Tschitschikow bemerkte in seinen Händen eine kleine
Karaffe, die in einer Staubhülle steckte wie in einem Trikothemd. »Der
stammt noch von meiner seligen Frau her,« fuhr Pljuschkin fort, »die
Schließerin, diese Spitzbübin hat ihn hier stehen lassen und sich
überhaupt nicht mehr um ihn gekümmert, nicht einmal zugekorkt hat sie
ihn, die Kanaille! Weiß Gott was für Würmer und Fliegen und sonstiger
Plunder drin herum schwammen, aber ich habe alles herausgefischt, jetzt
ist er wieder ganz rein, ich will Ihnen doch ein Gläschen einschenken.«
Aber Tschitschikow lehnte dies Anerbieten mit einigem Eifer ab und
bemerkte, daß er schon gegessen und getrunken habe.
»Schon gegessen und getrunken!« sagte Pljuschkin. »Freilich, freilich.
Einen Mann von gutem Stande erkennt man doch auf den ersten Blick: er
hat keinen Hunger und ist immer satt, so einen Schwindler kann man
füttern, soviel man will .... Da ist z. B. der Hauptmann: wenn der
angefahren kommt, dann heißt es gleich: >Onkelchen, haben Sie nicht
etwas zu essen?< Dabei bin ich ebensowenig sein Onkel, wie er mein
Großvater ist. Wahrscheinlich hat er selbst zu Hause nichts zu essen,
darum treibt er sich überall herum! Sie brauchen also ein Verzeichnis
von all diesen Faulenzern? Natürlich, Sie haben ganz recht! Ich habe sie
alle miteinander, so gut es ging, auf einen besonderen Zettel
geschrieben, um sie bei der nächsten Revision gleich streichen zu
lassen.« Pljuschkin setzte die Brille auf und begann in seinen Papieren
herumzuwühlen. Dabei löste er die Schnur von so manchem Päckchen und
warf die Papiere so durcheinander, daß eine Staubwolke dem Gaste in die
Nase stieg, und dieser niesen mußte. Endlich zog er einen Zettel hervor,
der beiderseits eng beschrieben war. Die Bauernnamen bedeckten ihn so
dicht wie Fliegenschmutz. Da waren alle Kategorien vertreten, da gab es
einen Paramonoff und Pimenow, einen Panteleimonow, ja es tauchte sogar
ein gewisser Grigorij »Immerlangsamvoran« aus der ganzen Menschenflut
hervor. Im ganzen waren es etwas mehr als hundertundzwanzig.
Tschitschikow lächelte unwillkürlich als er diese stattliche Zahl
übersah. Er steckte den Zettel in die Tasche und erklärte Pljuschkin, er
werde wohl zum Abschluß des Kaufes nach der Stadt fahren müssen.
»Nach der Stadt? Wie kann ich denn ...? Ich kann doch mein Haus nicht
sich selbst überlassen! Meine Dienstboten sind lauter Diebe und
Spitzbuben; die ziehen mich in einem Tage so aus, daß ich keinen Nagel
mehr übrig behalte, an dem ich meinen Rock aufhängen könnte.«
»Haben Sie nicht wenigstens irgend einen Bekannten?«
»Wer sollte das sein? Meine Bekannten sind alle schon tot, oder wollen
nichts mehr von mir wissen. Ach ja, _doch_, Väterchen! Wie denn
nicht! Natürlich habe ich einen,« rief er plötzlich aus. »Der
Gerichtspräsident, das ist ja mein guter Freund! Der hat mich früher oft
besucht; wie sollte ich den nicht kennen! Das ist ja mein Jugendfreund.
Wie oft sind wir zusammen über so manchen Zaun geklettert. Keinen
Bekannten? Ich sage Ihnen, das ist ein Bekannter! ... Ich könnte doch an
ihn schreiben?«
»Aber natürlich.«
»Ein so guter Bekannter! Ein alter Schulkamerad!«
Und über das erstarrte Gesicht huschte plötzlich etwas wie ein warmer
Strahl, ein schwacher Ausdruck oder doch wenigstens ein matter Abglanz
eines Gefühls belebte die toten Züge; wie wenn auf der Oberfläche eines
Gewässers ganz plötzlich und unerwartet ein Ertrinkender auftaucht und
nun die am Ufer versammelte Menge in freudiges Jauchzen ausbricht; aber
vergebens werfen die freudig erregten Schwestern und Brüder das rettende
Seil aus und warten ungeduldig darauf, daß sich eine Schulter oder der
vom Todeskampfe ermattete Arm aus den Fluten emporstrecke -- er war zum
letzten Mal emporgetaucht. Und stumm wird's ringsumher, und
schrecklicher noch, und öder erscheint jetzt die glatte ruhige Fläche
des launischen Elementes. So wurde auch Pljuschkins Gesicht, nachdem der
Schimmer eines Gefühls darüber hinweggeglitten war, fast noch kälter,
gemeiner und gefühlloser.
»Auf dem Tisch lag doch ein Stückchen reines Papier,« sagte er, »aber
ich weiß nicht, wo es hingekommen ist: diese Taugenichtse von
Dienstboten!« -- Und er guckte _unter_ den Tisch und _auf_ den Tisch,
kramte überall herum und rief schließlich: »Mawra, he! Mawra!« Auf sein
Geschrei erschien ein Weib mit einem Teller in der Hand, auf dem der dem
Leser schon bekannte Zwieback thronte. Jetzt entspann sich folgendes
Gespräch zwischen beiden:
»Wo hast du das Papier gelassen, du Diebin?«
»Bei Gott, gnädiger Herr! Ich habe kein Papier gesehen, außer dem
Stückchen, mit dem Sie das Spitzglas bedeckt haben.«
»Man sieht dir's ja an den Augen an, daß du es stibitzt hast.«
»Wie käme ich dazu, es zu stibitzen? Ich wüßte doch nichts damit
anzufangen. Ich kann ja nicht einmal lesen und schreiben.«
»Das lügst du, du hast es zum Küster hingetragen, das ist ein
Tintenklexer, dem wirst du's wohl gegeben haben.«
»Wenn der will, so kann er sich jederzeit Papier verschaffen. Der Küster
hat Ihren Papierfetzen überhaupt nicht zu sehen bekommen!«
»Warte nur! Die Teufel werden dir beim jüngsten Gericht tüchtig zusetzen
mit ihren eisernen Halseisen. Paß einmal auf, wie die dich plagen
werden!«
»Wofür sollten sie mich denn quälen, wenn ich doch das Papierstückchen
garnicht in der Hand gehabt habe. Sie können mir jede andere weibliche
Schwäche vorwerfen, aber daß ich stehle, das hat mir noch niemand
gesagt.«
»Du wirst schon sehen, wie die Teufel dir zusetzen werden! Das hast du
dafür, daß du deinen Herrn beschwindelt hast, werden sie sagen und dich
mit ihren glühenden Zangen zwacken!«
»Dann werd' ich eben antworten: Ich bin unschuldig, bei Gott, ich bin
unschuldig ... Aber da liegt es ja auf dem Tisch. Immer machen Sie einem
unnütze Vorwürfe!«
Pljuschkin sah den Papierschnitzel in der Tat daliegen, hielt einen
Augenblick inne, kaute an seinen Lippen und sagte: »Na was regst du dich
denn gleich so auf? So ein Trotzkopf. Man sagt ihr ein Wort, und sie
kommt einem gleich mit einem ganzen Dutzend. Geh', bring mir etwas
Feuer, damit ich den Brief versiegeln kann. Halt! du bringst mir
womöglich noch eine Talgkerze; der Talg schmilzt so schnell, weg ist er,
und man hat das Nachsehen! Bring mir lieber einen brennenden Kienspan!«
Mawra entfernte sich, Pljuschkin aber setzte sich in den Lehnstuhl, nahm
die Feder in die Hand und drehte und wendete den Zettel noch lange in
den Fingern hin und her; er überlegte wohl, ob er nicht noch die Hälfte
davon abschneiden könne, aber schließlich sah er wohl ein, daß das nicht
ging; er tauchte also die Feder ins Tintenfaß, das mit einer
verschimmelten Flüssigkeit angefüllt war, in der eine Menge Fliegen
herumschwammen, und begann zu schreiben; er setzte die Buchstaben, die
große Ähnlichkeit mit Noten hatten, dicht nebeneinander, und mußte
fortwährend den Lauf der Feder hemmen, die sich auf dem Papier in
übermütigen Sprüngen erging. Ängstlich fügte er Zeile an Zeile mit dem
lebhaften Bedauern, daß trotzdem noch immer etwas leerer Raum zwischen
ihnen übrig blieb.
Und bis zu einer solchen Armseligkeit, Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit
konnte ein Mensch herabsinken? So furchtbar konnte er sich wandeln? Hat
das überhaupt noch den Schein der Wahrheit? -- Jawohl! -- Es gibt
überhaupt nichts Unwahrscheinliches. Alles kann mit dem Menschen
geschehen! Ein feuriger Jüngling von heute würde vielleicht mit
Entsetzen zurückprallen, wenn man ihm das Bild seines eigenen
Greisenalters vorhielte. O, hütet sorgsam auf eurem Lebenswege, wenn ihr
heraustretet aus euren milden zarten Jugendtagen in das ernste härtende
Mannesalter -- o, hütet sorgsam jede menschliche Regung, verschwendet,
verliert sie nicht unbedacht unterwegs: ihr findet sie nie wieder!
Furchtbar und grauenvoll ist das in der Ferne drohende Greisenalter, es
liefert nichts wieder aus, es gibt uns nichts zurück. Das Grab selbst
ist barmherziger; auf dem Leichenstein wird vielleicht die Inschrift
stehen: »hier liegt ein Mensch begraben.« Aber kein Schriftzeichen
belebt die kalten gefühllosen Züge des menschlichen Alters.
»Haben Sie nicht vielleicht einen Freund,« sagte Pljuschkin, während er
den Brief zusammenfaltete, »der flüchtige Bauern brauchen könnte?«
»Haben Sie auch flüchtige?« fragte Tschitschikow schnell, wie aus einem
Traume erwachend.
»Das ist es ja gerade, daß ich welche habe. Mein Schwager hat schon
Erkundigungen eingezogen, und sagt, er hätte gar keine Spur von ihnen
entdecken können; aber er ist Soldat, der kann nur mit den Sporen
klirren, wenn man sich dagegen beim Gericht darum bemühen wollte, so
....«
»Und wieviel werden's wohl sein?«
»So an die siebzig Mann, mindestens.«
»Wahrhaftig?«
»Bei Gott! Es vergeht kein Jahr, ohne daß mir ein paar davonlaufen. Die
Leute sind heutzutage alle so unmäßig; tun den ganzen Tag nichts und
wollen nur immer fressen, und ich habe doch selbst nichts zu essen ...
Wahrhaftig ich würde sie fast umsonst hergeben. Nicht wahr, Sie sagens
doch Ihrem Freunde: wenn er auch nur ein Dutzend wiederbekommt, hat er
ein hübsches Sümmchen verdient. Eine eingetragene Seele ist doch an die
fünfhundert Rubel wert.«
»Die soll der Freund nicht einmal zu riechen bekommen!« dachte
Tschitschikow, und erklärte, daß er leider keinen solchen Freund besäße,
und daß allein die Kosten dieses Verfahrens mehr betragen würden; die
Gerichte hält man sich am liebsten ganz vom Leibe, denn da muß man ja
selbst noch die Rockschöße hingeben. Aber wenn Pljuschkin sich wirklich
in einer so bedrängten Lage befände, dann sei er, Tschitschikow, aus
Sympathie für ihn bereit, eine kleine Summe zu bezahlen ... Aber das
sei, wie gesagt, eine solche Kleinigkeit, die nicht einmal der Rede wert
sei.
»Und wieviel würden Sie geben?« fragte Pljuschkin, der vor Habgier
bebte, und seine Hände zitterten wie Espenlaub.
»Ich könnte fünfundzwanzig Kopeken pro Stück anlegen.«
»Und zahlen Sie bar?«
»Ja, Sie können das Geld gleich bekommen.«
»Hören Sie Väterchen, Sie wissen doch, wie arm ich bin, Sie könnten mir
wirklich vierzig Kopeken geben.«
»Verehrtester, ich würde Ihnen gerne nicht nur vierzig Kopeken, sondern
selbst fünfhundert Rubel pro Kopf bezahlen! Mit dem größten Vergnügen,
denn ich sehe, daß ein hochachtbarer, edler Geist infolge seiner
Gutmütigkeit Not leidet.«
»Ja, nicht wahr! Bei Gott!« sagte Pljuschkin, ließ den Kopf hängen und
schüttelte ihn heftig. »Das macht alles die Gutmütigkeit.«
»Nun sehen Sie, ich habe Ihren Charakter sofort erkannt. Warum sollte
ich nicht fünfhundert Rubel pro Mann geben? Aber ich bin eben auch nicht
vermögend; fünf Kopeken will ich meinetwegen noch zulegen, dann kostet
jede Seele rund dreißig Kopeken.«
»Legen Sie noch zwei Kopeken zu, Väterchen!«
»Also gut, meinetwegen noch zwei Kopeken! Wieviel Seelen waren es doch,
sagten Sie nicht siebzig?«
»Nein, es sind sogar achtundsiebzig.«
»Achtundsiebzig, achtundsiebzig zu dreißig Kopeken, das macht ...« hier
dachte unser Held eine Sekunde und nicht einen Augenblick länger nach
und sagte, »das macht vierundzwanzig Rubel sechsundneunzig Kopeken!« Er
war sehr stark in der Arithmetik. Dann ließ er Pljuschkin die Quittung
schreiben und händigte ihm das Geld aus, welches jener mit beiden Händen
ergriff und mit ängstlicher Vorsicht nach dem Schreibpulte trug, als
hielte er in seinen Händen eine Flüssigkeit, die er jeden Augenblick zu
verschütten fürchtete. Als er vor dem Pulte stand, betrachtete er die
Banknoten noch einmal genau und legte sie ebenso vorsichtig in eines der
Schubfächer, wo das Geld wahrscheinlich begraben blieb, bis Pater Karp
und Pater Polikarp, die zwei Priester des Dorfes, ihn selbst zur ewigen
Ruhe bestatteten: zur unbeschreiblichen Freude seiner Tochter und des
Schwiegersohnes -- und vielleicht auch des Hauptmanns, der durchaus mit
ihm verwandt sein wollte. Nachdem Pljuschkin das Geld eingeschlossen
hatte, ließ er sich auf dem Lehnstuhle nieder, ohne, wie es schien,
einen neuen Gesprächsstoff finden zu können.
»Wie, Sie wollen schon fahren,« sagte er, als er Tschitschikow, der im
Begriff war, sein Taschentuch herauszuholen, eine kleine Bewegung machen
sah. Diese Frage erinnerte jenen daran, daß es in der Tat zwecklos sei,
sich hier noch länger aufzuhalten. »Ja, es ist Zeit!« sprach er und
griff nach dem Hute.
»Wollen Sie denn keinen Tee?«
»Nein, ich danke! Ich spreche lieber bei anderer Gelegenheit einmal zum
Tee vor.«
»Ja, wie denn nur? Ich habe doch die Teemaschine aufsetzen lassen! Wenn
ich ehrlich sein soll, ich mache mir auch nichts aus Tee: es ist ein
teures Getränk, und dann sind auch die Zuckerpreise so unerhört
gestiegen. Proschka! Wir brauchen die Teemaschine nicht mehr. Und den
Zwieback bringst du der Mawra! Hörst du? Sie soll ihn wieder auf den
alten Platz legen; oder nein, gib ihn lieber her, ich will ihn schon
selbst hintragen. Leben Sie wohl, Väterchen; Gott segne Sie! Und den
Brief geben Sie dem Gerichtspräsidenten, nicht wahr? Er soll ihn lesen!
Er ist doch ein alter Freund von mir. Ja, ja, ein Jugendgespiele.«
Hierauf begleitete ihn diese seltsame Gestalt, dieser merkwürdig
eingeschrumpfte alte Mann in den Hof hinab. Nachdem Tschitschikow
davongefahren war, ließ Pljuschkin das Tor sofort schließen. Dann
schritt er durch alle Vorratskammern und Speicher, um sich zu
überzeugen, ob auch alle Wächter an ihrem Platze seien, die an jeder
Ecke standen und mit Holzschaufeln auf ein leeres Faß statt auf eine
Blechtrommel schlugen; er warf auch einen Blick in die Küche, sah dort
nach, ob auch das Essen für die Dienstboten gut und schmackhaft
zubereitet sei, was für ihn jedoch nur ein Vorwand war, sich selbst
gründlichst an Brei und Kohlsuppe satt zu essen. Nachdem er schließlich
noch alle bis auf den letzten wegen ihrer schlechten Aufführung tüchtig
gescholten und ihnen Diebstahl vorgeworfen hatte, kehrte er in sein
Zimmer zurück. Als er allein war, kam ihm einen Augenblick sogar die
Idee, sich dem Gast gegenüber für dessen beispiellosen Edelmut
erkenntlich zu erweisen: »Ich will ihm die Taschenuhr zum Geschenk
machen,« dachte er -- »es ist doch eine schöne silberne Uhr, und nicht
etwa von Tomback oder Bronze; sie ist freilich etwas verdorben, aber er
kann sie ja reparieren lassen; er ist noch ein junger Mann, und braucht
eine Taschenuhr, wenn er bei seiner Braut Eindruck machen will. Oder
nein!« -- fuhr er nach einigem Nachdenken fort: »ich will sie ihm lieber
vermachen; er soll sie erst nach meinem Tode erhalten, damit er sich
später noch meiner erinnert.«
Aber unser Held war auch ohne Uhr in höchst vergnügter Stimmung. Eine so
unerwartete Akquisition war eine wahre Gottesgabe. In der Tat, dagegen
ließ sich nichts einwenden: nicht nur ein Paar Schock tote Seelen,
sondern auch noch einige Dutzend flüchtige dazu: zusammen etwa
zweihundert Stück! Er hatte ja freilich schon so eine Ahnung gehabt, als
er sich Pljuschkins Landgute näherte, daß es hier was zu verdienen geben
würde, aber auf ein so gutes Geschäft hatte er nicht gerechnet. Den
ganzen Weg über war er außergewöhnlich lustig, pfiff und sang vor sich
hin, indem er sich die Faust vor den Mund hielt und hineinblies wie in
eine Trompete. Zuletzt stimmte er sogar ein Lied an, welches so seltsam
und sonderbar klang, daß selbst Seliphan verwundert aufhorchte, den Kopf
schüttelte und sagte: »Sieh mal an, wie mein Herr singen kann!« Es war
schon ganz dunkel, als sie sich der Stadt näherten. Licht und Finsternis
gingen vollkommen ineinander über, und alle Gegenstände schienen
zusammenzufließen. Der gestreifte Schlagbaum hatte eine ganz unbestimmte
undefinierbare Farbe angenommen; dem Posten vor der Stadt schien der
Schnurrbart hoch über den Augenbrauen zu sitzen, und seine Nase schien
überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein. Das Gerassel der Räder und die
Luftsprünge, die die Equipage machte, ließen erkennen, daß man sich
bereits wieder auf der gepflasterten Straße befand. Die Laternen waren
noch nicht angezündet, hie und da blitzte in den Fenstern der Häuser ein
Licht auf, und in den Winkeln und Gassen spielten sich die bekannten
Vorgänge ab; man hörte es munkeln und flüstern, was um die nächtlichen
Stunden in Städten stets zu geschehen pflegt, wo es viele Soldaten,
Kutscher, Arbeiter und jene besondere Menschengattung gibt, eine Art von
Damen mit roten Shawls, in Schuhen und ohne Strümpfe, die an den
Straßenkreuzungen herumschwirren wie die Fledermäuse. Aber Tschitschikow
bemerkte sie nicht, ebensowenig wie die schlanken Beamten, die mit
Spazierstöckchen in der Hand wohl von einer Promenade außerhalb der
Stadt zurückkehrten. Hie und da drangen Rufe an sein Ohr, die von
weiblichen Stimmen herzurühren schienen: »Das lügst du, du bist wohl
besoffen; ich hätte ihm nie eine solche Frechheit erlaubt!« oder »du
suchst wieder Händel du Grobian, komm mal mit auf die Polizei, da will
ich dir's schon zeigen.« Mit einem Wort, all jene Reden, die wie ein
Dampfbad auf einen phantasiereichen zwanzigjährigen Jüngling wirken,
wenn er aus dem Theater zurückkehrend eine spanische Gasse, eine dunkle
Mondnacht und ein herrliches Frauenbild mit einer Gitarre in seinem
Kopfe trägt. Welch wundersame Träume, welche tollen Phantasien wirbeln
in seinem Hirne durcheinander. Er glaubt im siebenten Himmel zu
schweben, und stattet sogar dem Dichter Schiller einen Besuch ab -- da
schlagen plötzlich jene verhängnisvollen Worte wie ein Donnerschlag
neben ihm ein, er fühlt sich wieder auf die Erde zurückversetzt, ja
sogar auf den »Heumarkt« in die nächste Nähe einer Schenke, und aufs
neue verschlingt ihn des Werktages altersgraue Öde.
Endlich machte der Wagen noch einen kräftigen Satz und tauchte wie in
einem Erdloch im Tore unter. Tschitschikow wurde von Petruschka
empfangen, welcher, einen seiner Rockschöße in der einen Hand haltend --
denn er liebte es nicht, daß die Schöße sich entzweiten -- mit der
anderen seinem Herrn aus dem Wagen half. Auch der Kellner kam mit einer
Kerze, die Serviette über die Schulter geworfen, angelaufen. Es läßt
sich nicht sagen, ob Petruschka über die Ankunft seines Herrn sehr
erfreut war, jedenfalls zwinkerten Seliphan und er sich verständnisinnig
mit dem Auge zu, und sein sonst so strenges Gesicht schien sich ein
wenig zu erhellen.
»Sie haben aber eine lange Spazierfahrt zu machen geruht,« sagte der
Kellner, indem er ihm auf der Treppe voranleuchtete.
»Ja,« sagte Tschitschikow und stieg die Stufen empor. »Und wie gehts bei
euch?«
»Gottlob!« antwortete der Kellner mit einer Verbeugung. »Gestern ist ein
Offizier angekommen. Er wohnt auf Nummer sechzehn.«
»Ein Leutnant?«
»Ich weiß nicht. Er kommt aus Rjasan und hat braune Pferde.«
»Schön, schön! Benimm dich auch fernerhin gut!« sagte Tschitschikow und
trat in sein Zimmer. Während er durch den Flur schritt, rümpfte er die
Nase und sprach zu Petruschka gewandt: »Du hättest auch die Fenster
aufmachen können.«
»Ich habe sie ja aufgemacht,« entgegnete Petruschka; aber er log.
Uebrigens wußte sein Herr selbst, daß es eine Lüge war. Doch er wollte
nicht widersprechen. Nach der langen Fahrt bemächtigte sich eine starke
Ermattung aller seiner Glieder. Er bestellte sich eine ganz leichte
Abendplatte, die nur aus einem Stück Spanferkel bestand, entkleidete
sich sofort, kroch unter die Decke und versank sogleich in einen tiefen,
festen Schlaf, in jenen wundersamen Schlaf, den nur die Glückspilze
kennen, welche nichts ahnen: weder von Hämorrhoiden, noch von Flöhen,
noch von einer allzu regen Geistestätigkeit.