Erstes Kapitel

Durch das Tor eines Gasthofes der Provinzstadt N. N. rollte ein

schmucker, leicht federnder, kleiner Wagen, wie ihn gewöhnlich

Junggesellen zu benutzen pflegen, als da sind: Oberstleutnants a. D.,

Majore, Edelleute, die etwa hundert Bauern besitzen, u. s. w. -- mit

einem Worte jene Klasse von Menschen, die man wohlgeborene Herren

mittleren Ranges nennt. Im Wagen saß ein Herr von nicht gerade

überwältigender Schönheit, aber doch von angenehmem Äußeren; er war

weder allzu dick noch allzu dünn, man konnte nicht sagen, daß er alt

war, doch war er andererseits auch nicht übermäßig jung. Seine Ankunft

erregte in dem Gasthofe nicht das geringste Aufsehen und war von

keinerlei besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei Bauern, die vor der

Türe der dem Gasthof gegenüberliegenden Schenke standen, machten ein

paar Bemerkungen, die sich noch dazu mehr auf das Gefährt, als auf den

Insassen bezogen. »Sieh dir mal das Rad an,« sagte der eine zum andern.

»Was meinst du? Würde es wohl zum Beispiel bis Moskau halten, oder

nicht?« -- »Gewiß,« antwortete der andere. »Aber bis Kasan wird es wohl

nicht halten, denk ich.« -- »Bis Kasan wohl kaum,« versetzte der andere.

Damit war die Unterhaltung zu Ende. Als dann der Wagen vor dem Gasthofe

hielt, ging noch ein junger Mann vorüber. Er trug kurze, sehr enge weiße

Nankinghosen und einen Frack, der modern sein sollte und unter dem ein

Vorhemd hervorguckte, das eine Tulasche-Nadel mit einem Kopf in Form

einer bronzenen Pistole schmückte. Der junge Mann drehte sich um, sah

sich den Wagen an, während er seine Mütze, die der Wind fortzublasen

drohte, mit der Hand festhielt, und ging seiner Wege.

Als der Wagen in den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner oder

Aufwärter, wie man sie in den russischen Schenken zu nennen pflegt,

empfangen, einem so lebhaften und beweglichen Wesen, daß es ein Ding der

Unmöglichkeit war, ein Bild von seinen Gesichtszügen zu gewinnen.

Gewandt und sicher kam er mit der Serviette in der Hand herausgelaufen,

ein hoch aufgeschossener Bursche in einem langen baumwollenen Rock,

dessen Taille beinahe in der Höhe des Nackens saß, schüttelte seine

Mähne und führte den Herrn flink durch den langen hölzernen Flurgang, um

dem Reisenden das ihm von Gott bestimmte Gemach zu zeigen. -- Das Zimmer

war eins von der bekannten Art; denn auch der Gasthof war einer von der

bekannten Art, wie nämlich alle Gasthöfe in den Provinzstädten sind, wo

die Reisenden für zwei Rubel täglich ein ruhiges Zimmer erhalten: mit

Schwabenkäfern, die wie Pflaumen aus allen Ecken hervorgucken, und mit

einer Kommode vor der Tür, die ins anstoßende Gemach führt, in dem der

Nachbar wohnt, ein stiller, schweigsamer, aber äußerst neugieriger Mann,

der sich aufs lebhafteste für den Reisenden und alle Einzelheiten seiner

Person interessiert. Die äußere Fassade des Gasthofes entsprach durchaus

dem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere war

nicht geweißt und ließ noch die dunkelroten Ziegelsteine erkennen,

die, an sich schon nicht ganz sauber, infolge der heftigen

Witterungsumschläge noch mehr nachgedunkelt waren. Die obere Etage war

gelb angestrichen, wie überall. Unten waren Läden, wo Pferdegeschirr,

Bindfaden und Bretzel verkauft wurden. In dem Eckladen, oder richtiger

im Fenster des Ladens saß ein Sbitenverkäufer[1] mit einem Samowar aus

Kupfer und einem Gesicht, das ebenso kupferrot war wie sein Samowar,

sodaß man aus der Ferne fast glauben konnte, auf dem Fenster ständen

zwei Samoware, wenn nicht der eine von ihnen einen pechschwarzen Bart

gehabt hätte.

Während der Reisende sich noch sein Zimmer näher ansah, wurde sein

Gepäck hereingetragen. Zunächst ein etwas abgenutzter Koffer aus weißem

Leder, dem man es ansah, daß er nicht zum erstenmal eine Reise machte.

Der Koffer wurde vom Kutscher Seliphan, einem kleinen Mann in einem

kurzen Pelz, und vom Lakaien Petruscha hereingebracht. Letzterer war ein

Bursche von etwa dreißig Jahren und trug einen weiten abgetragenen Rock,

der offenbar von seinem Herrn stammte; er machte einen etwas strengen

und mürrischen Eindruck und hatte große dicke Lippen und eine ebensolche

Nase. Nach dem Koffer wurden ein kleines Kästchen aus Mahagoni mit

eingelegten Verzierungen aus Korelischem Birkenholz, ein Paar

Schuhleisten und ein gebratenes Huhn hereingebracht, das in blaues

Papier eingewickelt war. Als alles besorgt war, begab sich der Kutscher

Seliphan in den Stall, wo er sich mit den Pferden zu schaffen machte,

während sich der Lakai Petruscha in dem kleinen Vorzimmer einrichtete,

einem finstern Loche, wohin er aber schon seinen Mantel und zugleich mit

diesem einen merkwürdigen Geruch mitgebracht hatte, der nur ihm

eigentümlich war. Dieser Geruch teilte sich auch einem Sack mit

allerhand Utensilien der Bediententoilette mit, den er gleich darauf

hereinschleppte. In dieser Kammer stellte er an der Wand ein enges

dreibeiniges Bett auf und legte einen Gegenstand darauf, der einer

Matratze ähnlich sah, flach und zusammengedrückt wie ein Pfannkuchen und

vielleicht ebenso fettig wie dieser; er hatte sich das Ding von dem

Gastwirte geben lassen.

[Fußnote 1: Sbiten: ein Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern

oder Salbei, das von den niederen Klassen statt Tee getrunken wird.]

Während die Diener mit der Einrichtung beschäftigt waren, begab sich der

Herr in den Salon des Gasthofes. Jeder Reisende weiß aus Erfahrung, wie

so ein Salon beschaffen zu sein pflegt: immer dieselben mit Oelfarbe

gestrichenen Wände, die oben vom Rauche geschwärzt und tiefer unten wie

poliert sind durch die Rücken der Reisenden und mehr noch durch die der

einheimischen Kaufleute, die an Markttagen sechs oder sieben Mann hoch

hierher kommen, um ihre bestimmte Anzahl Tassen Tee zu trinken; dieselbe

rauchige Decke, derselbe geschwärzte Kronleuchter mit einer Unzahl

herabhängender Glaskristalle, die jedesmal herumhüpften und klirrten,

wenn der Kellner über den abgeriebenen Läufer von Wachstuch sprang und

dabei gewandt das Tablett schwenkte, auf dem eine Unmenge von Teetassen

ruhte, wie Vögel am Meeresstrande; dieselben Ölgemälde, die eine ganze

Wand einnahmen, mit einem Wort: es war alles wie überall, höchstens mit

dem Unterschied, daß auf einem der Bilder eine Nymphe mit so gewaltigen

Brüsten dargestellt war, wie sie der Leser noch nicht gesehen hat.

Übrigens begegnet man ähnlichen Naturspielen auf vielen historischen

Gemälden, von denen man nicht weiß, woher sie, wann sie und von wem sie

zu uns nach Rußland gebracht wurden; mitunter freilich waren es unsere

vornehmen Würdenträger und Kunstliebhaber selbst, die sie in Italien auf

Anraten der sie begleitenden Kuriere kauften. Der Herr warf seine Mütze

hin und legte sein wollenes, regenbogenfarbenes Halstuch ab, wie es

unsere Ehefrauen ihren Gatten eigenhändig zu häkeln pflegen, wobei sie

stets noch allerhand nützliche Lehren hinzufügen, wie das Tuch umgelegt

werden muß; wer sie dagegen den Hagestolzen anfertigt, das kann ich

nicht mit Bestimmtheit sagen, Gott weiß es, ich habe nie ein solches

Halstuch getragen. Nachdem also der Herr sein Halstuch abgelegt hatte,

bestellte er sich ein Mittagessen. Während die verschiedenen Speisen,

die einem gewöhnlich in den Gasthöfen vorgesetzt werden, aufgetragen

wurden, als da sind: Krautsuppe mit Pasteten aus Blätterteig, die

wochenlang für die Reisenden aufgehoben und bereit gehalten werden,

ferner Hirn mit Schoten, Würstchen mit Kraut, eine gebratene Pularde,

eine saure Gurke und das unvermeidliche jederzeit vorrätige

Splittertörtchen; während also dies alles aufgetragen wurde, aufgewärmt

oder kalt, ließ er sich von dem Diener oder Kellner allerhand törichte

Geschichten erzählen: wer den Gasthof früher besessen habe, wer sein

jetziger Besitzer sei, wie groß die Einnahmen seien, ob der Herr ein

großer Hallunke sei usw., worauf der Kellner die gewohnte Antwort gab:

»Oh! ein großer Spitzbube! gnädiger Herr!« Wie in dem aufgeklärten

Europa, so gibt es jetzt auch in dem aufgeklärten Rußland eine Menge

höchst ehrenwerter Leute, die es nicht über sich bringen, in einem

Gasthaus zu speisen, ohne mit dem Kellner zu schwatzen oder gar mit ihm

ihre Scherze zu treiben. Übrigens stellte der Ankömmling nicht nur

sinnlose Fragen: er erkundigte sich auch ganz genau nach dem Gouverneur,

nach dem Gerichtspräsidenten und Staatsanwalt der Stadt -- mit einem

Wort: er überging auch nicht einen von den hohen Beamten; und mit fast

noch größerer Ausführlichkeit erkundigte er sich nach allen bedeutenden

Großgrundbesitzern der Umgegend: wieviel Bauern ein jeder von ihnen

habe, wie weit von der Stadt er wohne, ja sogar was er für einen

Charakter habe und wie oft er in die Stadt komme; er fragte genau nach

den Zuständen, die im Kreise herrschten, ob es in der Provinz vielleicht

Krankheiten oder Epidemieen, wie tödlich verlaufende Fieber, Blattern u.

s. f. gegeben habe, und dies alles tat er mit einer Peinlichkeit und

Ausführlichkeit, die weit mehr als bloße Neugierde erkennen ließ. Im

Betragen des Herrn lag etwas Gesetztes und Solides; auch schneuzte er

sich ungewöhnlich laut. Es läßt sich kaum sagen, wie er das machte,

jedenfalls tönte seine Nase dabei gleich einer Trompete. Aber dieser

scheinbar so harmlose und unbedeutende Vorzug eroberte ihm die

Hochachtung des Kellners, welcher jedesmal, wenn er diesen Laut vernahm,

seine Mähne schüttelte, sich ehrerbietig aufrichtete, seinen Kopf etwas

von seiner Höhe herabsinken ließ und fragte: »Wünschen der Herr

vielleicht etwas?« Nach dem Essen trank der Herr eine Tasse Kaffee und

ließ sich auf dem Sofa nieder. Er schob sich ein Kissen in den Rücken,

das in den russischen Gasthäusern statt mit weicher Wolle mit einem

Etwas gestopft wird, das die größte Ähnlichkeit mit Kieseln oder

Ziegelsteinen hat. Er begann zu gähnen und ließ sich in sein Zimmer

führen, wo er sich niederlegte, um zwei Stunden lang zu schlummern.

Nachdem er geruht hatte, schrieb er auf den Wunsch des Kellners seinen

Stand, Vor- und Familiennamen auf einen Papierfetzen, damit diese, wie

sich's gehört, der Polizei mitgeteilt werden könnten. Als der Kellner

die Treppe hinabstieg, buchstabierte er den Inhalt des Geschriebenen:

»Kollegienrat Pawel Iwanowitsch Tschitschikow, Gutsbesitzer, reist in

eigenen Angelegenheiten.« Während der Kellner den Zettel noch immer zu

entziffern suchte, verließ Pawel Iwanowitsch Tschitschikow den Gasthof,

um sich die Stadt anzusehen, die offenbar einen befriedigenden Eindruck

auf ihn machte; denn er fand, daß sie sich durchaus mit jeder andern

Provinzhauptstadt messen konnte: die gelbe Farbe der steinernen und das

bescheidene Dunkelgrau der hölzernen Häuser fielen besonders ins Auge.

Die Häuser hatten ein, zwei oder anderthalb Stockwerke, mit den

stereotypen Mansarden, die wohl nach der Ansicht der dortigen

Architekten besonders schön waren. Stellenweise schienen diese Häuser

wie verloren inmitten der Straße, die breit wie ein Feld war, und

zwischen den Bretterzäunen, die gar kein Ende nehmen wollten; an andern

Punkten dagegen stießen sie eng aneinander, und hier machte sich auch

mehr Leben und Bewegung bemerkbar. Hie und da sah man vom Regen

verwaschene Schilder, auf denen ein Bretzel oder ein Stiefel, oder ein

Paar blaue Hosen abgebildet waren, und die die Unterschrift zierte:

Arschawski, Schneidermeister. Oder ein Hutgeschäft, mit Mützen und Hüten

und einem Schild mit der Inschrift: »Der Ausländer Wassili Fjodorow.«

Auf einem dieser Schilder sah man ein Billard mit zwei Spielern in

Fräcken abgebildet, wie sie in unseren Theatern die Gäste zu tragen

pflegen, die im letzten Akte auf der Bühne erscheinen. Die Spieler waren

in der Stellung dargestellt, wo sie mit den Queues gerade zum Stoße

ausholen, mit ein wenig zurückgezogenen Armen und gekrümmten Beinen, als

ob sie soeben einen Luftsprung gemacht hätten. Unter diesem Bilde befand

sich die Inschrift: »Hier ist eine Schenke!« Hie und da standen unter

freiem Himmel auf der Straße Tische mit Nüssen, Seife, und Honigkuchen,

die gleichfalls wie Seife aussahen. Etwas weiter befand sich eine

Garküche, auf deren Aushängeschild ein mächtiger Fisch abgebildet war,

in dem eine Gabel steckte. Am häufigsten aber begegnete man den

zweiköpfigen schwarzen Staatsadlern, welche heute bereits durch die

lakonische Inschrift: »Ausschank« ersetzt sind. Das Pflaster war überall

ziemlich schlecht. Der Herr warf auch einen Blick in den städtischen

Garten, der aus ein paar dünnen Bäumchen bestand, welche offenbar sehr

schlecht fortkamen und unten von Pfählen gestützt wurden, die ein

Dreieck bildeten und mit grüner Ölfarbe angestrichen waren. Übrigens

hieß es von ihnen in den Zeitungen, obwohl sie kaum Schilfhöhe

erreichten, bei Beschreibung einer Illumination: »Dank der Fürsorge

unseres Zivilgouverneurs ward unsere Stadt durch einen Garten voller

breitkroniger, schattenreicher Bäume verschönt, die an heißen

Sommertagen angenehme Kühle spenden.« Weiterhin hieß es: »Es sei rührend

anzusehen, wie die Herzen der Bürger in überquellender Dankbarkeit

erzitterten und Tränenströme in warmer Anerkennung der Verdienste

unseres verehrten Stadtoberhauptes vergössen.« Der Herr erkundigte sich

bei einem Polizisten ausführlich nach dem kürzesten Wege zur Domkirche,

zu den Amtsgebäuden, zum Gouverneur und begab sich schließlich zum Fluß

hinab, der mitten durch die Stadt floß. -- Unterwegs riß er einen

Reklamezettel ab, der an einer Plakatsäule klebte, um ihn zu Hause in

Ruhe durchzulesen. Dann betrachtete er aufmerksam eine Dame von recht

angenehmem Äußeren, die auf den Holzbrettern des Bürgersteiges an ihm

vorüberging, begleitet von einem Knaben in militärischem Aufputz, der

ein Bündel in der Hand trug. Und nachdem er noch manchmal einen Blick

auf das Ganze geworfen hatte, wie um sich die Örtlichkeit gründlich

einzuprägen, ging er nach Hause und stieg geradewegs die Treppe zu

seinem Zimmer empor, gefolgt vom Kellner, der ihn hierbei leicht

unterstützte. Nachdem er seinen Tee getrunken hatte, setzte er sich an

seinen Tisch, ließ sich eine Kerze bringen, nahm das Plakat aus der

Tasche und begann zu lesen, wobei er sein rechtes Auge ein wenig

zukniff. Übrigens stand nicht viel Bemerkenswertes auf dem Zettel. Man

gab ein Drama von Kotzebue, in dem ein Herr Popljowin den Rolla und ein

Fräulein Sjablowa die Kora spielten. Die übrigen Personen waren noch

unbedeutender. Trotzdem las er sämtliche Namen durch, bis auf die Preise

der Parterreplätze und erfuhr, daß der Zettel in der städtischen

Buchdruckerei hergestellt worden war; dann drehte er ihn um, um sich zu

überzeugen, ob nicht noch etwas auf der Rückseite stehe. Aber da er

nichts fand, rieb er sich die Augen, faltete ihn sorgsam zusammen und

legte ihn in das Kästchen, in dem er alles aufzubewahren pflegte, was

ihm unter die Finger kam. Ich glaube der Tag wurde mit einer Portion

kalten Kalbsbratens, einer Flasche Kislischtschi (Kaltschale) und einem

festen Schlaf beschlossen, den ein Schnarchen begleitete, ähnlich dem

Geknarr eines Pumpenkrahns, wie man sich in einigen Gegenden unseres

geräumigen russischen Vaterlandes auszudrücken pflegt. --

Der ganze folgende Tag war Besuchen gewidmet. Der Reisende stellte sich

allen Honoratioren der Stadt vor. Er machte dem Gouverneur einen

Achtungsbesuch, der, wie sich's herausstellte, ebenso wie Tschitschikow

weder dick noch dünn war, den Annenorden im Knopfloch trug und, wie man

sich erzählte, selbst Prätendent des Sternes war; im übrigen war er ein

gutmütiger alter Herr, der sich sogar bisweilen in Tüllstickereien

versuchte. Sodann begab er sich zum Vizegouverneur, zum Staatsanwalt,

zum Gerichtspräsidenten, zum Polizeimeister, zum Branntweinpächter und

Direktor der staatlichen Fabriken ... leider ist es nicht ganz leicht,

all die Gewaltigen dieser Welt aufzuzählen; genug, unser Reisender

entwickelte eine lebhafte Geschäftigkeit im Besuchemachen: er ging sogar

zum Inspektor der Sanitätsverwaltung und zum Stadtbaumeister, um ihnen

seine Aufwartung zu machen. Und lange noch saß er in seinem Wagen, bei

sich erwägend, wem er wohl noch einen Besuch machen könne, aber leider

fand sich in der Stadt kein Beamter mehr, den er nicht schon beglückt

hätte. Im Gespräch mit den Machthabern verstand er es vorzüglich, einem

jeden von ihnen eine Schmeichelei zu sagen. Zum Gouverneur sagte er wie

beiläufig, wenn man in seine Provinz komme, glaube man sich im

Paradiese, die Wege seien herrlich, es sei einem, als führe man über

Samt; und er fügte hinzu, die Regierung, welche es verstände, weise

Männer auf verantwortungsvolle Stellen zu setzen, verdiente das höchste

Lob und die größte Anerkennung. Dem Polizeimeister sagte er etwas höchst

Schmeichelhaftes über die städtischen Polizisten und den Vizegouverneur

und den Gerichtspräsidenten, die erst Staatsräte waren, nannte er im

Gespräche zweimal wie im Versehen »Exzellenz«, was ihnen sichtlich

Freude bereitete. Der Erfolg von alledem war, daß der Gouverneur ihn

noch am selben Tage zu einer kleinen Abendgesellschaft in seinem Hause

einlud; auch von den übrigen Beamten erhielt er Einladungen, vom einen

zum Diner, vom andern zu einer Partie Boston oder einer Tasse Tee.

Über sich selbst viel zu reden, vermied der Reisende offenbar. Und wenn

er etwas sagte, so waren es meist Gemeinplätze. Er drückte sich mit

einer auffallenden Bescheidenheit aus, und sein Gespräch bewegte sich in

diesen Fällen in Redewendungen aus der Büchersprache, wie etwa folgende:

er sei ja nur ein unbedeutender Wurm auf dieser Welt, nicht wert, daß

man sich viel um ihn kümmere. Er habe in seinem Leben schon viel

erfahren und durchgemacht, für die Wahrheit gelitten und sich viele

Feinde erworben, die ihm sogar nach dem Leben trachteten. Jetzt sehne er

sich nach Ruhe, und daher suche er sich endlich ein Plätzchen, wo er

ungestört leben könne. Er habe es bei seiner Ankunft in dieser Stadt für

seine erste Pflicht gehalten, die hervorragenden Repräsentanten des

Beamtenstandes aufzusuchen und ihnen seine Hochachtung auszusprechen.

Das war alles, was man in der Stadt über den Fremden in Erfahrung

bringen konnte, der nicht zögerte, bei der Soiree des Gouverneurs zu

erscheinen. Die Vorbereitungen zu dieser Abendgesellschaft nahmen gute

zwei Stunden in Anspruch, und hierbei legte der Reisende eine solche

peinliche Aufmerksamkeit für seine Toilette an den Tag, wie man ihr nur

selten begegnet. Nach einem kurzen Nachmittagsschläfchen ließ er sich

ein Waschbecken reichen und rieb sich hierauf lange Zeit beide Wangen

mit Seife, wobei er die Zunge von innen gegen die Backe drückte. Dann

nahm er dem Hausdiener das Handtuch von der Schulter, trocknete sein

rundliches Gesicht überall sorgfältig ab, indem er bei den Ohren anfing

und dem Diener zuvor zweimal gerade ins Gesicht prustete. Dann trat er

vor den Spiegel, um sich das Vorhemd anzulegen, riß sich zwei aus der

Nase hervorragende Härchen aus und stand gleich darauf in einem

preißelbeerfarbenen roten gesprenkelten Fracke da. Nachdem er so seine

Toilette vollendet hatte, bestieg er seine eigene Equipage und fuhr

durch die ungemein breiten Straßen, welche von dem spärlichen Lichte

beleuchtet wurden, das aus einigen Fenstern fiel. Das Haus des

Gouverneurs war indessen so glänzend erleuchtet wie bei einem Ball; vor

dem Hause standen Wagen mit hellen Laternen, sowie zwei Gendarmen. Aus

der Ferne klangen die Rufe der Vorreiter herüber; mit einem Wort, es war

alles so, wie es sich gehörte. Als Tschitschikow den Saal betrat, mußte

er die Augen für einen Moment schließen, weil der blendende Glanz der

Lichter, der Lampen und Damentoiletten geradezu überwältigend war. Alles

war wie mit Licht übergossen. Schwarze Fräcke schwirrten einzeln und in

Gruppen durch den Saal, wie Fliegen um den Zuckerhut an einem heißen

Julitag, während ihn die Wirtschafterin zerteilt und vor dem offenen

Fenster in weiße leuchtende Stücke zerschlägt: alle Kinder umstehen sie

und verfolgen mit Neugierde die Bewegungen ihrer arbeitsharten Hände,

welche den Hammer schwingen, während geflügelte Schwadronen von Fliegen

von einem leichten Winde emporgetragen, kühn herbeifliegen, als wären

sie die Herren des Hauses, und sich die Kurzsichtigkeit der Frau und das

Sonnenlicht, das ihr Auge blendet, zu nutze machend, die süßen

Leckerbissen hier vereinzelt, dort in dichten Haufen umschwirren.

Gesättigt vom reichen Sommer, der ohnehin auf Schritt und Tritt leckere

Gaben austeilt, kamen sie herbeigeflogen, nicht etwa um zu naschen,

sondern bloß um sich zu zeigen, auf dem Zuckerhaufen herumzuspazieren,

eine an der anderen ihre Vorder- oder Hinterfüßchen zu wetzen und sie an

den Flügelchen zu reiben oder endlich, die beiden Vorderpfötchen

vorstreckend, sich das Köpfchen zu krauen und mit einer kühnen Wendung

davonzufliegen, um bald in neuen, zudringlichen Schwärmen

wiederzukehren. Tschitschikow fand kaum Zeit, sich umzusehen, als der

Gouverneur ihn schon am Arme faßte und der Gouverneurin vorstellte. Auch

bei dieser Gelegenheit vergab sich der Reisende nichts: er sagte der

Dame ein Kompliment, wie es sich für einen Mann in mittleren Jahren

schickt, dessen Rang und Titel weder sehr hoch noch sehr niedrig sind.

Als die tanzenden Paare Aufstellung nahmen und alle Zuschauer an die

Wand drückten, stand er, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, da, und

betrachtete die Tänzer einige Minuten lang sehr aufmerksam. Viele von

den Damen waren sehr gut gekleidet und trugen moderne Toiletten, andre

dagegen hatten an, was Gottes Vorsehung in eine Provinzstadt gelangen

läßt. Die Herren zerfielen hier wie überall in zwei Kategorien: die

einen waren sehr dünn und hager und drehten sich beständig um die Damen

herum; unter diesen gab es einige, die man nicht leicht von Petersburger

Herren hätte unterscheiden können; sie hatten ebenso sorgfältig

gepflegte Backenbärte, und ihre Barttracht war ebenso wohl überlegt und

geschmackvoll, oder sie hatten einfach hübsche, glattrasierte Ovale,

nahmen ebenso ungezwungen neben den Damen Platz, sprachen ebensogut

französisch und brachten die Damen genau so zum Lachen wie in

Petersburg. Die andere Kategorie von Herren bildeten die dicken, oder

die, welche Tschitschikow glichen, also weder sehr dick waren, ohne doch

wiederum zu dünn zu sein. Diese waren ganz anders in ihrem Auftreten,

sie sahen weg, gingen den Damen aus dem Wege und schauten immer aus, ob

nicht der Kammerdiener des Gouverneurs irgendwo einen grünen Tisch für

das Whistspiel aufgestellt habe. Ihre Gesichter waren rund und

wohlgenährt, einzelne hatten sogar eine Warze oder Pockennarben; sie

trugen ihr Kopfhaar weder in Form von Büscheln, noch Locken, noch >_a la

Diable m'emporte_< (Hol mich der Teufel), wie die Franzosen es nennen.

Das Haar war entweder kurz geschoren oder glatt ins Gesicht gekämmt, wie

geleckt, und ihre Gesichtszüge waren rund und kräftig. Das waren die

geachteten Würdenträger der Stadt. Ach ja! Die Dicken verstehen es

besser, auf dieser Welt Geschäfte zu machen als die Dünnen. Die Dünnen

sind meist Beamte für besondere Aufträge oder werden bloß in den Listen

geführt und treiben sich müßig herum; ihre Existenz hat etwas gar zu

Leichtes, Luftiges und ist ganz unsicher. Die Dicken besetzen dagegen

nie einen Platz, der abseits vom geraden Wege liegt, sie nehmen immer

die bedeutenden Stellungen ein, und wenn sie sich einmal hinsetzen, so

sitzen sie fest und sicher, sodaß eher der Sitz unter ihnen kracht oder

sich biegt, als daß sie herunterfallen. Jeder äußere Glanz ist ihnen

verhaßt, der Frack sitzt ihnen freilich nicht so gut, wie den Dünnen,

dafür sind ihre Schatullen voll, und es ruht der Segen Gottes auf ihnen.

Der Dünne hat schon nach drei Jahren keine Seele mehr, die nicht

verpfändet ist, der Dicke aber lebt ganz ruhig, und siehe da --

plötzlich steht irgendwo am Ende der Stadt ein Haus da, das er sich auf

den Namen der Frau erworben hat, dann am andern Ende ein zweites, ferner

ein kleines Gut in der Nähe des Städtchens und ein Stück Land mit allem

Zubehör. Und schließlich quittiert der Dicke, nachdem er Gott und dem

Kaiser genug gedient und sich die allgemeine Achtung erworben hat,

seinen Dienst, verläßt die Stadt und wird Landwirt, ein prächtiger

russischer Landjunker, macht ein offenes Haus und lebt ruhig und

herrlich und in Freuden. Seine dünnen Erben aber bringen wiederum nach

guter russischer Sitte den ganzen väterlichen Besitz im Eilposttempo

durch. Es läßt sich nicht verheimlichen, daß unseren Tschitschikow

ähnliche Betrachtungen beschäftigten, während er sich die Gesellschaft

näher ansah, und die Folge hiervon war, daß er sich schließlich zu den

Dicken gesellte, wo er beinahe lauter bekannte Gesichter vorfand: da war

der Staatsanwalt, ein Herr mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, der ein

wenig mit dem linken Augenlid zuckte, wie wenn er sagen wollte: »kommen

Sie doch ins Nebenzimmer, ich möchte Ihnen etwas erzählen« -- übrigens

ein ernster und schweigsamer Mann. Da war der Postmeister, ein kleines

Männchen, aber ein Witzbold und Philosoph; ferner der Gerichtspräsident,

ein sehr verständiger und liebenswürdiger Herr -- sie alle begrüßten ihn

wie einen alten Bekannten, worauf Tschitschikow sich ein wenig linkisch,

aber doch nicht ohne Grazie verbeugte. Hier machte er auch die

Bekanntschaft eines sehr höflichen und freundlichen Herrn, eines

Gutsbesitzers, namens Manilow, und eines etwas plump aussehenden Herrn

Sabakewitsch, der ihm sofort auf den Fuß trat und »Bitte um

Entschuldigung« dazu sagte. Zugleich reichte man ihm eine Spielkarte,

als Aufforderung zu einer Partie Whist, die er mit der gleichen

höflichen Verbeugung annahm. Man setzte sich an den grünen Tisch, und

blieb bis zum Abendessen sitzen, ohne sich zu erheben. Die Unterhaltung

hörte sogleich auf, wie das immer zu sein pflegt, wenn man nun endlich

an eine ernste Beschäftigung geht. Und obwohl der Postmeister sehr

redselig war, so erhielt doch auch _sein_ Gesicht einen nachdenklichen

Ausdruck, er bedeckte seine Oberlippe mit der unteren und verharrte

während des ganzen Spiels in dieser Stellung. Wenn er eine Figur

ausspielte, dann schlug er mit der Hand kräftig auf den Tisch. War es

eine Dame, dann fügte er hinzu: »Raus, alte Popin!« War es dagegen ein

König, so rief er: »Raus mit dem Tambower Bauern!« Der Präsident aber

antwortete: »Dem geb ich's auf den Schnauzbart! Dem geb ich's auf den

Schnauzbart!« Zuweilen entschlüpften ihnen Ausdrücke, wie die folgenden,

während sie mit den Karten auf den Tisch schlugen: »Ach was: Was nicht

is, is nicht, in solchen Fällen spielt man Schellen!« oder einfache

Ausrufe wie: »Herzen! Herzchen! Pikentia!« oder »Piekchen, Piekchen,

Pickelchen!« oder einfach »Pikkolo«. Lauter Namen, mit denen sie in

ihrer Gesellschaft die Farben zu bezeichnen pflegten. Nach Beendigung

eines jeden Spieles wurde, wie das so zu geschehen pflegt, laut

gestritten. Unser neu angekommener Gast beteiligte sich auch am Streit,

aber er wußte das so geschickt zu machen, daß alle zwar sahen, daß er

auch mitstritt, doch aber immer liebenswürdig blieb. Er sagte niemals:

»Sie spielten ...« sondern stets: »Sie hatten die Güte ... zu spielen«

oder: »ich habe mir erlaubt, Ihre Zwei zu stechen« u. s. w. Um seine

Gegner noch mehr zu gewinnen, reichte er ihnen jedesmal seine

emaillierte Tabaksdose, auf deren Grunde zwei Veilchen zu sehen waren,

die er des Wohlgeruchs wegen hineingetan hatte. Am meisten

interessierten unseren Reisenden die beiden Gutsbesitzer Manilow und

Sabakewitsch, von denen schon oben die Rede war. Er erkundigte sich

sogleich nach ihnen beim Präsidenten und beim Postmeister, die er

hierbei ein wenig beiseite nahm. Die wenigen Fragen, die er ihnen

vorlegte, ließen erkennen, daß der neue Gast nicht nur sehr wißbegierig,

sondern auch sehr gründlich war, denn er suchte vor allem in Erfahrung

zu bringen, wieviel Bauern ein jeder von ihnen besäße, und in welcher

Verfassung sich ihre Güter befänden; erst hierauf fragte er auch nach

ihren Vor- und Zunamen. In ganz kurzer Zeit wußte er sie alle zu

bezaubern. Der Gutsbesitzer Manilow, ein Mann in den besten Jahren, mit

Augen süß, wie Zucker, die er beim Lachen stets zusammenkniff, war ganz

begeistert von ihm. Er drückte ihm lange die Hand und bat ihn inständig,

ihm doch die Ehre eines Besuchs bei ihm auf dem Lande zu machen, und er

fügte hinzu, sein Gut wäre nur fünfzehn Werst vom Stadttor entfernt,

worauf Tschitschikow mit höflichem Kopfnicken und warmem aufrichtigem

Händedruck erwiderte, er werde dieser freundlichen Aufforderung nicht

nur mit dem größten Vergnügen nachkommen, sondern halte es sogar für

seine heiligste Pflicht. Sabakewitsch aber sagte lakonisch: »Ich bitte

gleichfalls darum,« dabei machte er eine kleine Verbeugung und zog den

Fuß ein wenig an, der in einem Stiefel von so gewaltigen Dimensionen

steckte, daß man wohl vergeblich nach einem zweiten Fuß suchen würde,

der zu diesem Stiefel gepaßt hätte, besonders zu unserer Zeit, wo die

Recken und Ritter in Rußland im Aussterben begriffen sind.

Am folgenden Tag war Tschitschikow zum Mittagessen und zu einer

Abendgesellschaft beim Polizeimeister geladen. Um drei Uhr, nach dem

Mittagessen setzte man sich an den Tisch zum Whistspielen und spielte

bis zwei Uhr nachts durch. Dort machte Tschitschikow unter anderm auch

die Bekanntschaft eines Gutsbesitzers namens Nosdrjow, eines sehr

gewandten Herrn von dreißig Jahren, der ihn nach drei bis vier Worten zu

duzen begann. Den Polizeimeister und den Staatsanwalt duzte Nosdrjow

gleichfalls und behandelte sie höchst familiär; aber als man sich

hinsetzte und um einen hohen Einsatz zu spielen anfing, gaben der

Polizeimeister und der Staatsanwalt sehr genau auf die Stiche acht, die

er machte, und ließen keine Karte aus den Augen, die er ausspielte. Den

nächsten Abend war Tschitschikow beim Gerichtspräsidenten, der seine

Gäste, darunter zwei Damen, in einem etwas fettigen Schlafrock empfing.

Dann besuchte er eine Soirée beim Vizegouverneur, ein großes Diner beim

Branntweinpächter und ein _kleines_ Diner beim Staatsanwalt, das sich

übrigens neben dem großen wohl sehen lassen konnte; und endlich noch ein

Dejeuner nach der Messe, welches vom Stadthaupt veranstaltet wurde und

gleichfalls ein Mittagessen aufwog. Mit einem Wort, er war kaum eine

Stunde zu Hause und kam nur in den Gasthof, um zu schlafen. Der Reisende

verstand es dabei, sich in jede Situation zu finden und zeigte sich

überall als erfahrener Weltmann. Worauf auch die Rede kam, er wußte

immer ein passendes Wort einzuflechten; sprach man von Pferdezucht, so

wußte auch er etwas über die Pferdezucht zu sagen; sprach man von den

Vorzügen der Hunde, so machte er auch hierbei ein paar feine

Bemerkungen; unterhielt man sich über eine Untersuchung, die vom

Gerichtshof angestellt wurde, -- so ließ er merken, daß ihm auch die

gerichtlichen Kniffe nicht ganz unbekannt seien; war die Rede vom

Billardspiel -- so gab er sich auch beim Billardspiel keine Blöße; kam

das Gespräch auf die Tugend -- so konnte er auch sehr schön, und sogar

mit Tränen im Auge von der Tugend reden; oder kam man auf die

Branntweindestillation zu sprechen, auch über Branntweindestillation

wußte er Bescheid -- oder auf die Zollwächter und Zollbeamten -- er

sprach auch über diese, als ob er selbst Zollbeamter oder Zollwächter

gewesen wäre. Das Merkwürdigste dabei war, daß er bei alledem eine

gewisse Würde und Gesetztheit bewahrte, und immer ein feines und

vornehmes Betragen zeigte. Er sprach weder zu laut noch zu leise,

sondern ganz so, wie es sich schickt. Mit einem Wort: von welcher Seite

man ihn auch betrachten mochte, er war durchaus ein Ehrenmann vom

Scheitel bis zur Sohle. Alle Beamten waren hoch erfreut über die Ankunft

dieser neuen Erscheinung. Der Gouverneur erklärte ihn für einen

wohlgesinnten Mann -- der Staatsanwalt für einen tüchtigen Mann -- der

Gendarmerieoberst für einen gelehrten -- der Gerichtspräsident für einen

hochgebildeten und ehrenwerten -- der Polizeimeister für einen

ehrenwerten und liebenswürdigen Mann und die Frau des Polizeimeisters

für einen _sehr_ liebenswürdigen und galanten Mann. Ja selbst

Sabakewitsch, der selten gut über seine Mitmenschen redete, sprach, als

er spät abends aus der Stadt zurückkehrte, während er sich entkleidete

und zu seiner mageren Frau ins Bett stieg: »Schatz, ich war heute abend

beim Gouverneur und beim Polizeimeister zu Mittag, wo ich die

Bekanntschaft des Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow gemacht

habe: ein äußerst angenehmer Herr!« Worauf seine Gemahlin »Hm« machte

und ihm einen leichten Fußtritt gab.

Diese für unseren Gast so schmeichelhafte Meinung bildete und erhielt

sich so lange in der Stadt, bis eine seltsame Eigentümlichkeit des

Reisenden sowie eine Unternehmung oder eine Passage, wie man sich in der

Provinz auszudrücken pflegt, von der der Leser in Kürze Näheres erfahren

soll, nahezu die ganze Stadt aufs höchste in Staunen und Zweifel

versetzten.

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 17 / 30 题