VII.

Dies ist in seinen wesentlichen Zügen der Inhalt des _ersten_ noch

erhaltenen Teils dieser großen Vaterlandsdichtung. Wie wir sahen, hatte

dieses Werk für seinen Verfasser einen tiefen sittlichen Sinn gewonnen;

es war seine Absicht, uns erst eine Reihe von hohlen, lasterhaften und

erbärmlichen Menschen vorzuführen, um uns dann ein schönes Bild ihrer

Erhebung zu geben; diese Dichtung war in den Augen des Autors eine an

sein Vaterland gerichtete Verheißung, daß es sich einst von allem

Häßlichen und Schmutzigen reinigen und der göttlichen Liebe würdig

erweisen werde. Dieser ethische Sinn seines Werkes wurde Gogol durch

seine religiösen Anschauungen, seinen Patriotismus und sein weiches,

mitleidiges Herz diktiert. Es steht fest, daß Gogol als Ankläger des

Lasters, der Schwäche, der Gemeinheit, der Trägheit und Indolenz, mit

einem Wort, aller nur möglichen persönlichen und sozialen Schäden, einer

der fortgeschrittensten russischen Männer gewesen ist, und dieses hohe

Verdienst um das Vaterland vermag ihm niemand zu entreißen oder zu

schmälern.

Aber bei einer näheren Bekanntschaft mit seinen Werken überzeugt man

sich leicht, daß seine Kraft und sein Talent nicht allein in der Anklage

und Geißelung bestand. Dieser Satiriker war in Wahrheit ein weicher,

milder, zum Mitleid geneigter Mensch, und wußte gegen dieselben Menschen

gerechte Nachsicht zu üben, die er in seinen Werken an den Pranger

stellte. Er fand Worte der Vergebung und Rechtfertigung noch für den

Lasterhaftesten, ja er liebte es eigentlich gar nicht, von Lastern zu

sprechen und zog es vor, sie Schwächen zu nennen, wobei er den Leser

stets zur Milde gegen die Angeklagten und Verworfenen zu stimmen suchte.

Er brachte die Menschen zur Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit. Nicht

sowohl durch die Aufdeckung ihrer Schlechtigkeiten und ihrer Sünden, als

vielmehr dadurch, daß er in ihnen das Mitleid für ihre Nächsten weckte,

die durch eigene oder fremde Schuld ins Unglück geraten waren.

Doch es sind nicht diese sittlichen Ideen und Anschauungen, die die

große Bedeutung der »Toten Seelen« für die Literatur und das Leben

Rußlands ausmachen. Das Werk blieb unvollendet, und der russische Leser

erlebte nichts von den kühnen Verheißungen des Dichters. Der Leser

behielt nichts in seiner Hand zurück, als eine große Anklageschrift

gegen die Gesellschaft, in der er lebte, eine Anklageschrift freilich,

die von der Hand eines Meisters der Wirklichkeitsdichtung und eines

großen realistischen Künstlers stammte.

Die »Toten Seelen« sind das erste Muster eines großen realistischen

Romans in der Literatur Rußlands, und das Schicksal, das oft sein

ironisches Spiel mit den Menschen treibt, wollte es, daß dieses große

Vorbild eines realistischen Romans von einem Romantiker und von einem

Dichter geschrieben werden sollte, der seine Schriftstellerlaufbahn mit

einem romantischen Traum begann und sie mit einer religiösen Predigt

beschloß.

Aber die Natur hatte diesem Prediger ein wunderbares Talent in die Wiege

gelegt, er besaß wie kein anderer die Fähigkeit einer reinen,

ungeschminkten, von jeder Idealisierung freien Wirklichkeitsdarstellung

-- und in der kurzen Periode, wo dieses Talent seinen Kulminationspunkt

erreichte, um schnell und für immer zu erlöschen, erschuf der Dichter

dieses großartige Gemälde von tiefster Wahrheit, in dem der Russe zum

erstenmal sich selbst und sein eigenes Leben in einem Spiegelbilde von

verblüffender Treue erblickte.

Nestor Kotljarewski.

Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows

oder

Die Toten Seelen.

Erster Teil

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 16 / 30 题