Schon mehr als eine Woche lebte der Fremde in der Stadt, indem er
beständig die Diners und Abendgesellschaften besuchte und so, wie man zu
sagen pflegt, seine Zeit auf recht angenehme Weise verbrachte. Endlich
entschloß er sich, seine Besuche auch über die Stadtgrenze auszudehnen
und den beiden Gutsbesitzern, Manilow und Sabakewitsch, seinem
Versprechen gemäß seine Aufwartung zu machen. Mag sein, daß ihn hierzu
noch ein anderer triftigerer Grund veranlaßte, eine ernstere
Angelegenheit, die ihm noch mehr am Herzen lag ... Doch von alledem wird
der Leser schon nach und nach und an der richtigen Stelle etwas
erfahren, vorausgesetzt, daß er die Geduld hat, diese lange Erzählung
durchzulesen, die sich in ihrem weiteren Verlauf noch mehr ausdehnen und
freier entfalten wird, je mehr sie sich dem Ende nähert, welches unser
Werk krönen soll. Der Kutscher Seliphan empfing die Weisung, die Pferde
in aller Frühe vor den uns schon bekannten Wagen zu spannen; Petruschka
aber erhielt den Befehl, zu Hause zu bleiben und das Zimmer nebst dem
Koffer zu bewachen. Es wird für den Leser nicht überflüssig sein, die
Bekanntschaft dieser beiden Leibeigenen unseres Helden zu machen. Obwohl
beide zwar nicht gerade bemerkenswerte und auffallende Persönlichkeiten,
sondern wie man zu sagen pflegt, Leute zweiten oder sogar dritten Ranges
sind, und obgleich die bedeutendsten Vorgänge und die Federn dieser
Dichtung eben nicht auf ihnen ruhen, und sie höchstens einmal berühren
oder leichthin streifen; -- der Verfasser liebt es nun einmal so sehr,
in allen Dingen möglichst gründlich und ausführlich zu sein, und so
möchte er auch hier, trotzdem er selbst ein sehr guter Russe ist, genau
und peinlich verfahren, wie ein Deutscher. Auch wird es gar nicht viel
Zeit und Raum in Anspruch nehmen, weil nicht mehr viel zu dem
hinzuzufügen bleibt, was der Leser schon weiß, wie z. B. dies, daß
Petruschka einen etwas weiten braunen Rock trug, der einmal seinem Herrn
gehört hatte, und daß er wie alle Leute seines Schlages eine große Nase
und dicke Lippen hatte. Er neigte eher zur Schweigsamkeit als zur
Geschwätzigkeit und war sogar von einem hohen Trieb zur Bildung d. h.
zur Lektüre beseelt, worin er sich nicht irre machen ließ, auch wenn er
den Inhalt der Bücher nicht verstehen konnte: es war ihm vollkommen
gleichgültig, was er las, ob es nun »Die Abenteuer eines verliebten
Ritters,« eine einfache Fibel oder ein Gebetbuch war, -- er las alles
mit der gleichen Aufmerksamkeit; hätte man ihm ein chemisches Lehrbuch
in die Hand gegeben, -- er hätte auch dieses nicht verschmäht. Ihn
freute nicht das, _was_ er las, sondern das Lesen selbst, oder richtiger
der Prozeß des Lesens, daß sich nämlich aus den Buchstaben stets irgend
ein Wort bildete, dessen Bedeutung freilich mitunter nur der Teufel
selbst enträtseln mochte. Diese Lektüre wurde gewöhnlich im Vorzimmer in
liegender Stellung, auf dem Bett oder auf der Matratze vorgenommen, die
infolge dieses Umstandes ganz zusammengedrückt und dünn wie ein
Pfannkuchen war. Außer der Lesewut hatte er noch zwei Gewohnheiten, die
zwei weitere Charakterzüge seiner Person bildeten: er liebte es zu
schlafen, ohne sich auszukleiden, so wie er ging und stand, in dem
bekannten Rock, und ferner schleppte er immer eine eigene Atmosphäre,
jenen ihm eigentümlichen Geruch mit sich, der ein wenig an den Duft
eines Wohnzimmers erinnerte, so daß er nur irgendwo sein Bett
aufzustellen und seinen Mantel und seine Habseligkeiten mitzubringen
brauchte, um sofort den Eindruck zu erwecken, daß dieses Zimmer seit
zehn Jahren von Menschen bewohnt werde, selbst wenn bislang noch niemand
darin gewohnt hatte. Tschitschikow, ein sehr empfindlicher Herr, der
leicht Ekel empfand, rümpfte gewöhnlich die Nase, wenn er morgens
gleichsam auf nüchternen Magen mit dem ersten Atemzuge diese Luft
einzog, schüttelte den Kopf und murmelte: »Hol' dich der Teufel, Kerl!
Du schwitzt wohl? Geh doch einmal ins Bad!« Worauf Petruschka gar nichts
erwiderte und sich nur mit etwas zu schaffen machte; er nahm wohl die
Bürste, um den an der Wand hängenden Frack seines Herrn auszubürsten,
oder er begann einfach die Stube aufzuräumen. Woran dachte er wohl,
während er still schwieg? Vielleicht sagte er zu sich selbst: »Du bist
mir auch der Rechte! Bist du's noch immer nicht satt, vierzigmal ein und
dasselbe zu wiederholen ...« Gott mag es wissen, es ist schwer zu
erraten, was ein leibeigener Bedienter sich denkt, wenn sein Herr ihm
gute Lehren gibt. Das ist etwa alles, was sich zunächst über Petruschka
sagen läßt. Der Kutscher Seliphan war ein ganz anderer Mensch ... Aber
der Autor hat schwere Bedenken, seine Leser so lange mit Leuten der
unteren Klasse zu unterhalten, da er aus Erfahrung weiß, wie ungern sie
die Bekanntschaft der niederen Stände machen. So ist nun einmal der
Russe: nach nichts verlangt ihn mehr, als die Bekanntschaft von Leuten
zu machen, ja mit ihnen familiär zu werden, die auch nur um _einen_ Rang
höher stehen als er, und der Gruß eines Grafen oder Fürsten gilt ihm
mehr als die herzlichste Freundschaft. Der Autor macht sich sogar einige
Sorgen, weil sein Held nur Kollegienrat ist. Ein Hofrat wird sich noch
allenfalls dazu herablassen, ihn kennen zu lernen, aber die, welche
bereits den Rang eines Generals erreicht haben -- werden am Ende gar,
was Gott verhüte, einen jener verächtlichen Blicke auf ihn werfen, wie
sie der Mensch stolz auf alles wirft, was ihm zu Füßen einherkreucht,
oder werden was noch schlimmer wäre, mit einer Nichtachtung an ihm
vorbeigehen, die für den Autor tödlich wäre. Doch so betrübend beides
auch sein mag, wir müssen dennoch zu unserem Helden zurückkehren.
Nachdem er also noch am Abend sämtliche notwendigen Anordnungen
getroffen hatte, erwachte er in aller Frühe, wusch sich, rieb sich vom
Kopf bis zu den Füßen mit einem nassen Schwamm ab, was er nur des
Sonntags zu tun pflegte -- doch traf es sich gerade so, daß der Tag ein
Sonntag war --, dann rasierte er sich, bis seine Wangen an Glanz und
Glätte dem Atlas gleichkamen, zog den bekannten gesprenkelten
preißelbeerfarbenen Frack und darüber einen mit Bärenfell gefütterten
Pelzmantel an und ging die Treppe hinunter, wobei ihn der Kellner unter
dem Arm faßte und bald auf der einen, bald auf der anderen Seite
unterstützte. Er bestieg den Wagen, welcher rasselnd durch das Tor des
Gasthofes auf die Straße hinaus rollte. Ein vorübergehender Pope lüftete
seinen Hut und grüßte; ein paar Straßenjungen in schmutzigen Hemden
streckten ihre Hand aus und murmelten: »Lieber Herr, eine Gabe für uns
arme Waisen!« Als der Kutscher bemerkte, daß der eine nicht übel Lust
hatte, auf den Wagentritt zu springen, langte er ihm eins mit der
Peitsche und der Wagen polterte weiter über die Steine. Man war nicht
wenig erfreut, als man in der Ferne einen gestreiften Schlagbaum
erblickte, der anzeigte, daß die Qualen des holperigen Pflasters und
noch manche andere bald überstanden seien. Und nachdem Tschitschikow
noch ein paarmal gegen den Kutschbock geflogen war, rollte der Wagen
jetzt auf ziemlich weichem Boden fort. Kaum lag die Stadt hinter ihnen,
da bot sich ihnen die bekannte Aussicht mit ihren Geschmacklosigkeiten
und Langweiligkeiten zu beiden Seiten der Landstraße: kleine mit Moos
bewachsene Erdhügel, junger Tannenwald, junge, niedrige und dünne
Fichtenstämme, angekohlte Baumstämme, wildes Heidekraut und ähnliches
Zeug. Hie und da begegnete man schnurgerade angelegten Dörfern, deren
Häuser in ihrer Bauart an alte Holzklaftern erinnerten. Die Hütten waren
mit grauen Dächern gedeckt und mit hölzernem Schnitzwerk verziert, das
die Form eines gestärkten Handtuches hatte und vom Dache herabhing. Ein
paar Bauern saßen wie gewöhnlich in Schafpelzen auf den Bänken vor der
Tür. Die Bäuerinnen mit dicken Gesichtern und eingeschnürten Brüsten
sahen aus den oberen Fenstern heraus. Durch das untere Fenster guckte
ein Kalb oder steckte ein Schwein seine blinde Schnauze hervor. Mit
einem Wort: das bekannte Bild. Nachdem sie fünfzehn Werst zurückgelegt
hatten, erinnerte sich Tschitschikow, daß nach Manilows Beschreibung
sein Gut nicht mehr fern sein könne; aber auch der sechzehnte
Streckenpfosten flog vorüber, ohne daß etwas von dem Gute zu entdecken
gewesen wäre. Und wenn sie nicht zufällig zwei Bauern begegnet wären,
wäre es ihnen sicher nicht geglückt, das Gut zu erreichen. Auf die
Frage, ob das Dorf Samanilowka noch weit sei, nahmen die Bauern die
Mützen ab, und der eine von ihnen, der etwas klüger zu sein schien und
einen Spitzbart trug, antwortete: »Vielleicht meinen Sie Manilowka und
nicht Samanilowka?« --
»Nun ja, Manilowka« --
»Manilowka! Wenn du noch eine Werst fährst, dann bist du da, d. h. dann
liegt es gerade rechts.« --
»Rechts?« sagte der Kutscher.
»Rechts,« sagte der Bauer. »Das ist der Weg nach Manilowka. Ein
Samanilowka gibt es überhaupt nicht. Es heißt so, d. h. sein Name ist
Manilowka. Ein Samanilowka aber existiert hier nicht. Da gerad auf dem
Berge wirst du ein steinernes, zweistöckiges Haus erblicken. Das ist das
Herrenhaus. Da wohnt nämlich der Herr selbst. Und das ist Manilowka. Ein
Samanilowka gibt es hier garnicht und hat es hier nicht gegeben.«
Man machte sich also auf, Manilowka zu suchen. Nachdem sie noch zwei
Werst gefahren waren, kamen sie an einem Feldweg vorüber. Dann fuhren
sie noch zwei, drei oder sogar vier Werst; aber das zweistöckige,
steinerne Haus war noch immer nicht zu sehen. Hier erinnerte sich
Tschitschikow, daß, wenn uns ein Freund auf ein Landgut einlädt, das
fünfzehn Werst entfernt ist, die Entfernung dann sicherlich dreißig
Werst beträgt. Die Lage des Dorfes Manilowka hatte gewiß wenig
Verlockendes. Das Herrenhaus stand einsam auf einer Anhöhe und war jedem
Winde ausgesetzt, dem es einfiel, zu blasen. Der Abhang des Berges, auf
dem es stand, war mit schön geschorenem Rasen bedeckt. Hie und da
standen Bosquets nach englischer Manier aus Flieder und gelben Akazien.
Fünf bis sechs Birken streckten stellenweise in kleinen Gruppen ihre
dünnbelaubten, schmächtigen Wipfel empor. Unter zweien von ihnen befand
sich eine Laube mit einer flachen grünen Kuppel auf blauen, hölzernen
Säulen, welche die Inschrift trug: »Tempel einsamer Betrachtungen«;
etwas weiter unten lag ein Teich ganz im Grünen, was übrigens in den
englischen Gärten der russischen Gutsbesitzer keine Seltenheit ist. Am
Fuße dieser Anhöhe und teilweise auch längs des Abhanges schimmerten
überall kleine Blockhäuser, welche unser Held aus irgend einem Grunde
sofort zu zählen begann und deren er mehr als zweihundert zählte. Sie
standen ganz nackt da, nirgends erblickte man ein Bäumchen oder etwas
frisches Grün. Nichts wie die kahlen Balken starrten einen an. Die
Landschaft wurde durch zwei Bauersfrauen belebt, welche mit malerisch
aufgesteckten und aufgepolsterten Kleidern bis an die Knie im Teich
wateten und an zwei Stöcken ein zerrissenes Netz hinter sich her
schleiften, in dem sich zwei Krebse und eine silbern schimmernde Forelle
gefangen hatten. Die Weiber schienen sich veruneinigt zu haben und
traktierten einander mit Schimpfworten. Etwas abseits in der Ferne
schimmerte ein Fichtenwald in melancholischem Blau. Auch das Wetter
entsprach ganz der Stimmung, der Tag war weder klar noch trübe, sondern
zeigte eine Art hellgraue Färbung, wie man sie nur an den alten
Uniformen unserer Garnisonssoldaten bemerken kann, dieses zwar recht
friedlichen, aber besonders an Sonntagen recht unmäßigen Truppenteils.
Zur Vervollständigung des Bildes fehlte es nicht an einem Hahn, der die
Rolle eines Wetterpropheten spielte und jeden Witterungsumschlag
vorausverkündigte. Und obwohl sein Kopf von den Schnäbeln anderer Hähne
wegen gewisser Liebeshändel vollkommen bis auf die Hirnschale zerhackt
war, krähte er noch immer aus vollem Halse und schlug sogar noch mit den
Flügeln, die zerfetzt und zerzupft waren, wie ein Paar alte zertretene
Matten. Als Tschitschikow sich dem Tore näherte, bemerkte er den
Hausherrn, der in einem grünen Rock von Wolle auf der Freitreppe stand
und die Hände wie einen Schirm über die Augen hielt, um den
heranrollenden Wagen besser betrachten zu können. In dem Maße, als der
Wagen sich dem Hause näherte, wurden seine Augen munterer und
verbreitete sich ein Lächeln über sein Gesicht.
»Pawel Iwanowitsch!« rief er schließlich aus, während Tschitschikow aus
dem Wagen stieg. »Endlich haben Sie sich doch an uns erinnert!«
Die beiden Freunde küßten sich sehr herzlich, und Manilow führte seinen
Freund ins Zimmer. Obwohl die Zeit, während der sie den Flur, das
Vorzimmer und den Speisesaal durchschreiten, nur sehr kurz ist, wollen
wir doch zusehen, ob es uns nicht gelingt, sie uns zunutze zu machen, um
ein paar Worte über den Hausherrn zu sagen. Hier aber muß der Autor
leider gestehen, daß ein solches Unternehmen seine großen
Schwierigkeiten hat. Es ist weit leichter einen Charakter von einer
gewissen Größe zu schildern. Da braucht man die Farben nur so mit der
Hand auf die Leinewand zu werfen -- schwarze flammende Augen, dicke
buschige Augenbrauen, die große Stirnfalte, der schwarze oder feuerrote
Mantel kühn über die Schulter geworfen -- und das Porträt ist fertig;
aber all diese Herrschaften, deren es so viele auf der Welt gibt, die
sich äußerlich so sehr ähnlich sehen, und doch bei näherem Studium
und Anblick eine ganze Reihe äußerst feiner, kaum faßbarer
Eigentümlichkeiten aufweisen -- diese Leute sind äußerst schwer zu
porträtieren. Da muß man seine Aufmerksamkeit bis aufs Äußerste
anspannen, ehe es einem gelingt, all die feinen, fast verschwindenden
Züge hervortreten zu lassen, und es wird überhaupt nötig, den durch die
Menschenkenntnis geschärften Blick bis tief auf den Grund der
Menschenseele hinabzusenken.
Nur Gott allein hätte vielleicht sagen können, was Manilow für einen
Charakter hatte. Es gibt eine Gattung von Menschen, die man
folgendermaßen zu bezeichnen pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht
dies noch das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land Seliphan,
wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht könnte man Manilow zu
_ihnen_ zählen. Äußerlich machte er einen recht stattlichen Eindruck;
seine Züge waren nicht unliebenswürdig, aber diese Liebenswürdigkeit war
zu stark mit einer gewissen Süßigkeit versetzt; in seinem Betragen und
Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, Vertrauen und Zuneigung
zu erwerben. Er lächelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue
Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, hätte ein jeder im ersten
Augenblick ausgerufen: »Welch ein angenehmer und freundlicher Mensch!«
Im darauffolgenden Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen
Augenblick später denkt man sich: >Pfui Teufel!< und macht, daß man
fortkommt; oder wenn man ihm nicht entfliehen kann, fühlt man eine
geradezu tödliche Langeweile. Nie hörte man ein lebhaftes oder
anmaßendes Wort von ihm, wie man es von jedem hören kann, wenn man einen
Gegenstand berührt, der ihm am Herzen liegt. Jeder hat sein
Steckenpferd: bei dem einen sind es die Windhunde; dem anderen kommt es
so vor, als ob er ein großer Musikliebhaber sei, und die ganzen Tiefen
dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich auf ein feudales
Mittagessen; ein vierter bemüht sich eine Rolle zu spielen, die um
wenigstens einen Zoll höher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein
fünfter, dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schläft und träumt
davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an Seite mit einem
Flügeladjutanten stolz vor allen Menschen, vor seinen Freunden und
Bekannten, ja sogar vor denen die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein
sechster hat eine so kräftige Hand, daß ihm der unnatürliche Wunsch
kommt, einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen kleinen
Hieb zu versetzen, während die Hand des Siebenten sich durchaus nicht
enthalten kann, überall Ordnung zu stiften und sich an die Herrn
Stationschefs oder die Postillons heranzumachen -- mit einem Wort, ein
jeder hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte nichts
derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte nur nach und
philosophierte, worüber er aber nachdachte, das weiß wohl auch nur Gott
allein. Man konnte auch nicht sagen, daß er sich mit der Landwirtschaft
beschäftigte, denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging alles wie von
selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: »Gnädiger Herr,
es wäre doch gut, wenn wir es so und so machten,« dann antwortete er
gewöhnlich »Ja, ja, gar nicht übel!« während er ruhig seine Pfeife
weiter rauchte, eine Gewohnheit, die er noch zur Zeit seines Dienstes in
der Armee angenommen hatte, wo er für einen der bescheidensten und
höflichsten Offiziere gehalten wurde. »Ja, ja, durchaus nicht übel!«
wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm kam, sich hinterm Ohr kratzte und
sprach: »Gnädiger Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir das
Geld für die Steuern zu verdienen,« dann sagte er: »Geh nur!« und fuhr
fort, seine Pfeife zu rauchen, wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam,
daß der Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen betrachtete
er von der Flurtreppe aus seinen Hof und seinen Teich, dann verbreitete
er sich wohl darüber, wie schön es doch wäre, wenn man vom Hause aus
einen unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brücke über den
Teich bauen könnte, zu dessen beiden Seiten Buden lägen, wo Kaufleute
allerhand Waren, die die Bauern brauchten, feilböten. Hierbei hatten
seine Augen etwas ungemein Süßes und sein Gesicht nahm einen äußerst
zufriedenen Ausdruck an. Übrigens blieb es trotz aller Projekte stets
nur bei den Worten. In seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem
Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche las er
beständig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte es immer an etwas; im
Salon standen prachtvolle Möbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen
und sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff hatte
wohl für die letzten zwei Lehnstühle nicht gereicht, denn sie standen
noch immer so da, bloß mit Sackleinwand überspannt; übrigens warnte der
Hausherr seine Gäste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich auf
einen der Stühle niederzulassen und sagte: »Setzen Sie sich nicht auf
diese Stühle, sie sind noch nicht fertig.« In einzelnen Zimmern standen
überhaupt keine Möbel, obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu
seiner Frau gesagt hatte: »Herz, wir müssen morgen dafür sorgen, daß wir
uns wenigstens für die erste Zeit Möbel kommen lassen.« Abends wurde ein
höchst eleganter Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken
Grazien und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt,
neben ihm aber stand irgend ein gewöhnlicher kupferner, hinkender,
verbogener, und ganz mit Talg bedeckter Invalide, und weder der Hausherr
noch die Hausfrau, noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken.
Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit einander zufrieden.
Trotzdem sie schon mehr als acht Jahre miteinander verheiratet waren,
schenkten sie sich noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nüsse und
sprachen mit einer rührend zärtlichen Stimme, welche von inniger Liebe
zeugte: »Mach doch dein Mündchen auf, Herzchen, ich will dir dies
Stückchen hineinstecken.« Es versteht sich von selbst, daß sich das
Mündchen in solchen Fällen äußerst graziös öffnete. Zum Geburtstag
bereitete man sich allerhand Überraschungen -- man schenkte sich z. B.
ein Perlenfutteral für die Zahnbürste usw. Und es geschah gar nicht
selten, daß, während sie beide auf dem Sofa saßen, ohne besonderen Grund
_er_ seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken ließ, die sie bis dahin in
der Hand hatten, um sich einen langen schmachtenden Kuß auf die Lippen
zu drücken, währenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre hätte
ausrauchen können. Mit einem Worte, sie waren das, was man glücklich
nennt. Man könnte freilich einwenden, es gäbe im Hause noch manches
andre zu tun, als sich lange Küsse zu geben und Überraschungen zu
bereiten, man könnte überhaupt noch vieles andre einwenden. Warum wurden
z. B. die Speisen so schlecht und so töricht zubereitet? Warum waren die
Vorratskammern so leer? Warum stahl die Haushälterin? Warum waren die
Diener immer so unsauber und betrunken? Warum schliefen die Knechte
beständig oder lungerten müßig herum? Aber dies alles sind gemeine
Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter Erziehung. Wie bekannt
wird die gute Erziehung in Pensionaten erworben, und in diesen
Pensionaten gibt es, wie jedermann weiß, drei Gegenstände, die die
Grundlage aller menschlichen Tugend ausmachen: die französische Sprache,
deren man für das häusliche Glück der Familie bedarf: das Klavierspiel,
das dazu dient, dem Gatten ein Paar angenehme Stunden zu bereiten, und
schließlich der eigentlich wirtschaftliche Teil: das Häkeln von
Geldbeuteln und ähnlichen Überraschungen. Übrigens gibt es mancherlei
Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, besonders in
neuerer Zeit: es hängt eben alles von der Verständigkeit und der
Fähigkeit der Pensionsvorsteherin ab. In gewissen Pensionaten ist es so,
daß zuerst das Klavier, dann die französische Sprache und erst zuletzt
der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter aber ist es auch gerade
umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche Teil: das Häkeln von kleinen
Geschenken usw., dann erst die französische Sprache und endlich das
Klavierspiel. Die Methoden sind eben verschieden. Doch hier wäre es am
Platze, noch die Bemerkung zu machen, daß Frau Manilow .... allein, ich
muß gestehen, daß ich mich ein wenig fürchte, über die Damen zu reden,
und außerdem ist es längst Zeit, daß ich zu unseren Helden zurückkehre,
die schon seit einigen Minuten vor der Türe des Salons stehen und sich
gegenseitig bitten, doch voranzugehen.
»Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstände, bitte nach
Ihnen,« sagte Tschitschikow.
»Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein Gast,« antwortete Manilow
und zeigte mit der Hand auf die Tür.
»Aber ich bitte, bemühen Sie sich doch nicht, nein, bitte bemühen Sie
sich nicht; bitte gehen Sie doch voran,« sagte Tschitschikow.
»Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es nicht zugeben, daß mein
Gast, ein so liebenswürdiger und feingebildeter Herr, nach mir
eintrete.«
»Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran!«
»Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein.«
»Warum denn nur?«
»Nun, so!« sagte Manilow mit einem freundlichen Lächeln. Endlich
zwängten sich beide Freunde seitwärts durch die Tür, wobei einer den
andern leicht zusammendrückte.
»Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle,« sagte Manilow.
»Herzchen! Dies ist Pawel Iwanowitsch.«
Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht bemerkt hatte,
während er und Manilow sich in das Zimmer hineinkomplimentierten. Sie
war ziemlich hübsch und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand.
Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der ihr sehr gut saß;
die kleine schmale Hand ließ schnell etwas auf den Tisch fallen und
preßte ein Battisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob
sie sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow küßte ihr
nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Hand. Frau Manilow sagte mit ihrer
etwas gaumigen Aussprache zu ihm, er habe ihnen eine große Freude mit
seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, daß ihr Mann sich
seiner nicht erinnere.
»Ja!« murmelte Manilow, »meine Frau hat mich oft gefragt: >Warum kommt
denn dein Freund nicht?< Ich aber antwortete: >Warte nur, er wird schon
kommen!< Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem Besuche
beehrt. Sie haben uns wirklich einen großen Genuß bereitet -- es ist wie
ein Maitag, wie ein Fest des Herzens.« ...
Als Tschitschikow vernahm, daß schon von Festen des Herzens die Rede
war, wurde er ein wenig verlegen und versetzte, er sei weder ein Mann
von berühmtem Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel.
»Sie besitzen alles,« unterbrach ihn Manilow mit demselben einnehmenden
Lächeln, »Sie besitzen alles und sogar noch mehr!«
»Wie haben Sie unsere Stadt gefunden?« fragte jetzt Frau Manilow. »Haben
Sie Ihre Zeit angenehm verbracht?«
»Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt!« versetzte
Tschitschikow, »ich habe dort wunderschöne Stunden verlebt; die
Gesellschaft ist äußerst liebenswürdig und zuvorkommend!«
»Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen?« fragte Frau Manilow
weiter.
»Nicht wahr? ein äußerst ehrenwerter und liebenswürdiger Mann?« fügte
Manilow hinzu.
»Sehr richtig,« sagte Tschitschikow, »ein höchst ehrenwerter Mann! Und
wie vortrefflich er seine Stellung ausfüllt, welches Verständnis er für
sie hat! Es wäre zu wünschen, wir hätten mehr solche Menschen!«
»Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und in all seinen
Handlungen den richtigen Takt zu wahren,« fuhr Manilow lächelnd fort,
und dabei kniff er vor Vergnügen die Augen zusammen wie ein Kater, den
man sanft hinter den Ohren krabbelt.
»Ein ungemein liebenswürdiger und höflicher Mann!« sagte Tschitschikow,
»und welch ein Künstler! Ich hätte mir gar nicht vorstellen können, daß
er so reizende Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir eine
Börse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet selten Damen,
die so schön sticken.«
»Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! nicht wahr?« bemerkte
Manilow und kniff die Augen wieder zusammen.
»Eine äußerst würdige und hochachtbare Persönlichkeit!« versetzte
Tschitschikow.
»Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen der Polizeimeister
gefallen? Auch ein sehr liebenswürdiger Herr? Nicht wahr?«
»Oh, ein äußerst liebenswürdiger Herr! Und wie klug und belesen er ist!
Ich habe zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten bis
zum frühen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein würdiger
Herr!«
»Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters?« fragte hier
Frau Manilow. »Finden Sie nicht auch, daß es eine äußerst liebenswürdige
Dame ist?«
»Oh, das ist eine der würdigsten und achtbarsten Damen, die ich kennen
gelernt habe!« erwiderte Tschitschikow.
Auch der Gerichtspräsident und der Postmeister wurden nicht vergessen;
so nahm man allmählich wohl sämtliche Beamten der Stadt durch, und es
zeigte sich, daß es lauter höchst ehrenwerte Männer waren.
»Leben Sie immer auf dem Lande?« fragte endlich Tschitschikow.
»Den größten Teil des Jahres!« antwortete Manilow. »Wir fahren auch wohl
hin und wieder in die Stadt, um mit gebildeten Menschen zusammen zu
sein. Man verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gänzlich vor der
Welt verschließt.«
»Sehr wahr, sehr richtig!« versetzte Tschitschikow.
»Es wäre ja natürlich etwas andres,« fuhr Manilow fort, »wenn man
angenehme Nachbarn, wenn man z. B. einen Menschen hätte, mit dem man
sich sozusagen aussprechen, über die guten Manieren und feinen
Umgangsformen unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben könnte, --
wissen Sie, so was fürs Herz, was einen über sich selbst hinaushebt ...«
Er wollte noch etwas hinzufügen, da er aber merkte, daß er sich ein
wenig vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die Luft und
sagte: »Dann hätten natürlich das Land und die Einsamkeit viele
Annehmlichkeiten. Aber ich habe tatsächlich niemanden. Höchstens liest
man einmal den »Sohn des Vaterlandes«.
Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden und fügte hinzu, es
könne in der Tat gar nichts Schöneres geben, als ganz für sich allein zu
leben, den herrlichen Anblick der Natur zu genießen und nur hin und
wieder ein Buch zu lesen ...
»Aber wissen Sie,« versetzte Manilow, »wenn man keinen Freund hat, dem
man sich mitteilen kann ...«
»Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig!« unterbrach ihn
Tschitschikow, »was könnten uns denn alle Schätze der Welt helfen?
>_Gute Freunde sind besser als alle Reichtümer der Erde_< hat einmal ein
weiser Mann gesagt.«
»Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte Manilow und machte dabei ein
freundliches oder vielmehr unangenehm süßliches Gesicht, gleich einer
Mixtur, die der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten einen
besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel Syrup versetzt hat, »dann
spürt man einen ganz besonderen, sozusagen -- geistigen Genuß ... Wie
zum Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glück, ich möchte
sagen, das seltene, ungetrübte Glück verschaffte, mich mit Ihnen
unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft genießen zu können ...«
»Nein, ich muß doch bitten, was für eine angenehme Gesellschaft? ... Ich
bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts,« erwiderte
Tschitschikow.
»Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz aufrichtig sein! Ich würde
mit Freuden die Hälfte meines Vermögens hingeben, um nur einen Teil
Ihrer großen Vorzüge zu besitzen!«
»Im Gegenteil, ich hätte vielmehr allen Anlaß, mich zu freuen ...«
Es läßt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige Gefühlserguß der beiden
Freunde geendigt hätte, wenn nicht der Diener eingetreten wäre, um zu
melden, das Essen sei aufgetragen.
»Darf ich bitten,« sagte Manilow.
»Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht mit einem Mittagessen
aufwarten können, wie Sie es wohl in den Hauptstädten und in vornehmen
Häusern gewohnt sind: bei uns ist's nur einfach, nach russischer Sitte,
nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von Herzen. Bitte seien Sie so
freundlich.«
Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer zuerst eintreten
solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu entschloß und sich seitwärts
durch die Tür drückte.
Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows Söhne; sie befanden sich
in dem Alter, wo man die Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch
auf hohen Stühlen sitzen läßt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, der
sich höflich lächelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die
Suppenterrine; der Gast mußte zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau
Platz nehmen, der Diener band den Kindern die Servietten vor.
»Was für reizende Knaben!« sagte Tschitschikow mit einem Blick auf die
Kinder. »Wie alt sind sie?«
»Der ältere ist sieben Jahre, der jüngere ist gestern sechs Jahre alt
geworden,« erklärte Frau Manilow.
»Themistokljus!« sagte Manilow und wandte sich an den älteren, der sein
Kinn unter der Serviette hervorzuziehen suchte, die ihm der Diener
vorgebunden hatte. Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Höhe,
als er diesen halbgriechischen Namen hörte, dem Manilow aus einem
unbekannten Grunde die Endung _jus_ gegeben hatte; aber er beeilte sich,
seinem Gesicht sofort wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen.
»Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schönste Stadt in
Frankreich?«
Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistokljus,
als wolle er ihm in die Augen springen, aber schließlich beruhigte er
sich wieder und nickte nur mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete:
»Paris.«
»Und welches ist bei uns die schönste Stadt?« fragte Manilow wieder.
Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben.
»Petersburg!« antwortete Themistokljus.
»Und weiter?«
»Moskau,« sagte Themistokljus.
»Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge!« sagte Tschitschikow. »Sagen sie
bloß ...,« fuhr er fort, indem er sich mit dem Ausdruck höchsten
Erstaunens an Manilow wandte. »So jung und schon ein solches Wissen. Ich
muß Ihnen gestehen, dieses Kind hat außerordentliche Fähigkeiten!«
»Oh, Sie kennen ihn noch nicht!« erwiderte Manilow, »er ist ungemein
scharfsinnig. Bei dem Jüngeren, Alcid, geht es nicht so schnell, dieser
dagegen ... wenn der irgend etwas bemerkt, einen Käfer oder ein
Würmchen, da blitzen seine Augen nur so, gleich läuft er hin und merkt
sich's. Ich will ihn die diplomatische Karriere ergreifen lassen.
Themistokljus!« fuhr er fort, indem er sich wieder an den Knaben wandte,
»willst du Gesandter werden?«
»Ja« antwortete Themistokljus, während er an seinem Brot kaute und mit
dem Kopfe hin und her wackelte.
Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende Diener dem Gesandten
die Nase ab, und das war nötig, sonst wäre ihm ein großer, recht
überflüssiger Tropfen in die Suppe gefallen. Das Gespräch wandte sich
jetzt den Genüssen des stillen und zurückgezogenen Landlebens zu und
wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau über das Stadttheater
und die Schauspieler unterbrochen. Der Lehrer beobachtete die
Sprechenden mit gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, daß
sie ihre Gesichter zu einem Lächeln verzogen, machte er seinen Mund weit
auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich hatte er ein dankbares Gemüt
und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise für die gute Behandlung
erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste Miene und klopfte
streng auf den Tisch, wobei er seinen Blick auf die ihm
gegenübersitzenden Kinder richtete. Und das hatte seinen guten Grund,
denn Themistokljus hatte den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen
zusammenkniff, den Mund weit öffnete und in ein klägliches Geschrei
ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, daß er dadurch um die süße
Speise kommen würde, brachte er den Mund wieder in seine frühere
Stellung und begann an seiner Hammelkeule zu nagen, während ihm die
Tränen über die Wangen liefen, die nur so vom Fette glänzten.
Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden Worten an Tschitschikow:
»Sie essen ja gar nichts, Sie haben sich aber so wenig genommen,« worauf
Tschitschikow regelmäßig versetzte: »Ich danke bestens, ich bin satt.
Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der schönste
Leckerbissen.« Dann stand man vom Tische auf. Manilow war äußerst
zufrieden und wollte seinen Gast eben in den Salon geleiten, indem er
ihm die Hand auf den Rücken legte und ihn sanft unterstützte, als
Tschitschikow plötzlich mit höchst bedeutungsvoller Miene erklärte, er
müsse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen.
»Dann möchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer zu folgen,« versetzte
Manilow und führte den Gast in ein kleines Gemach, dessen Fenster auf
den bläulich schimmernden Wald hinausging. »Dies ist mein kleiner
Winkel,« sagte Manilow.
»Ein freundliches Stübchen,« sprach Tschitschikow und ließ seinen Blick
durch das Zimmer schweifen. Dieses hatte in der Tat mancherlei
Annehmlichkeiten: die Wände waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb
blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand aus vier Stühlen,
einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf dem man das Buch mit dem eingelegten
Lesezeichen, das wir schon bei Gelegenheit erwähnt haben, ein paar
vollgeschriebene Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak erblickte.
Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: in Form von Paketen, als
Inhalt der Tabaksdose, oder er lag einfach in Häufchen auf dem Tische
herum. Auf beiden Fensterbänken sah man auch ein paar Häuflein
Pfeifenasche, die sorgfältig in hübschen und regelmäßigen Abständen
angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, daß diese Beschäftigung dem
Hausherrn mitunter zum Zeitvertreib diente.
»Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu nehmen,« sagte
Manilow. »Hier sitzen Sie bequemer.«
»Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen!«
»Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben!« sagte Manilow lächelnd.
»Dieser Lehnstuhl ist nun einmal für den Gast bestimmt. Ob Sie nun
wollen oder nicht -- Sie müssen drin Platz nehmen!«
Tschitschikow setzte sich.
»Gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Pfeife anbiete!«
»Nein danke, ich rauche nicht!« sagte Tschitschikow freundlich und wie
bedauernd.
»Warum nicht?« fragte Manilow ebenfalls freundlich und mit dem Tone des
Bedauerns.
»Ich bin es nicht gewöhnt und fürchte mich, es mir anzugewöhnen; man
sagt, das Rauchen sei schlecht für die Gesundheit!«
»Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß dies ein Vorurteil ist. Ich bin
sogar der Ansicht, daß das Pfeifenrauchen weit gesünder ist als das
Tabakschnupfen. Wir hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen
herrlichen, außerordentlich gebildeten Menschen, der legte die Pfeife
nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, sondern mit Respekt zu
sagen, auch nicht an anderen Orten. Und heute ist er bereits vierzig
Jahre alt und Gott sei dank so gesund, wie nur möglich.«
Tschitschikow wandte ein, daß dies in der Tat vorkomme; überhaupt gäbe
es viele Dinge in der Natur, die auch ein großer Geist nicht begreifen
könne.
»Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte vorzutragen ...« fuhr er
mit einer Stimme fort, in der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer
Ausdruck lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde um. Auch
Manilow sah sich um, ohne daß man hätte sagen können weshalb. »Wie lange
ist es her, daß Sie die Revisionsliste zum letztenmal einreichten?«
»Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit zu sagen, ich
erinnere mich nicht mehr.«
»Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben?«
»Das weiß ich leider nicht; darnach muß man den Verwalter fragen.
Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, er muß heute hier sein.«
Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein Mann von etwa vierzig
Jahren; er hatte ein glattrasiertes Kinn und einen Gehrock an, offenbar
führte er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich und
wohlgenährt, die gelbe Hautfarbe und die kleinen Äuglein waren ein
Beweis dafür, daß er mit weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste
vertraut war. Man sah sofort, daß er seine Laufbahn vollendet hatte,
gleich allen Leibeigenen, die die Güter ihrer Herrn verwalten; erst war
er ein gewöhnlicher Junge gewesen, der im Hause seines Herrn
aufgewachsen und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er irgend
eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der Hausfrau in besonderer
Gunst stand, geheiratet, und war dann selbst Hausmeister und endlich
Verwalter geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm er sich
natürlich genau so wie alle Verwalter: er verkehrte und befreundete sich
mit den reicheren Leuten im Dorf, legte den Ärmeren noch neue Lasten
auf, stand morgens früh gegen neun Uhr auf, wartete auf seine
Teemaschine und trank Tee.
»Hör mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei uns gestorben, seit wir
die Revisionsliste zum letztenmal eingereicht haben?«
»Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind viele gestorben,« sagte der
Verwalter, rülpste und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund.
»Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht,« nahm jetzt Manilow das Wort,
»es sind sehr viele gestorben!« Hierbei wandte er sich an Tschitschikow,
indem er noch hinzufügte: »Wirklich sehr viele!«
»Und wieviel werden es ungefähr sein?« fragte Tschitschikow.
»Ja, wie viele ungefähr?« fiel Manilow ein.
»Ja, wie soll ich sagen -- wie viele ungefähr. Das weiß man ja nicht,
wie viele gestorben sind. Niemand hat sie gezählt.«
»Natürlich,« sagte Manilow, indem er sich an Tschitschikow wandte, »das
dachte ich mir gleich, die Sterblichkeit war sehr groß; wir wissen gar
nicht, wie viele gestorben sind.«
»Bitte, zähle sie doch einmal,« sagte Tschitschikow, »und stelle mir ein
ausführliches Verzeichnis aller Namen auf.«
»Jawohl, aller Namen!« sagte Manilow.
Der Verwalter sagte: »Zu Befehl!« und entfernte sich.
»Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafür?« fragte Manilow,
nachdem der Verwalter fortgegangen war.
Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu bereiten: in dem
Ausdruck seines Gesichtes machte sich eine gewisse Anstrengung
bemerkbar, die ihn sogar ein wenig erröten ließ -- die Anstrengung, die
man macht, wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen sich
nicht fügen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu hören bekam, waren
so seltsame und unerhörte Dinge, wie sie noch nie ein menschliches Ohr
vernommen hat.
»Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der Grund ist folgender: ich hätte
Lust, die Bauern zu kaufen,« sagte Tschitschikow, fing an zu stottern,
und schloß seine Rede.
»Und darf ich mir die Frage erlauben,« sagte Manilow, »wie wollen Sie
die Bauern kaufen, mit dem Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also
ohne Land?«
»Nein, ich will eigentlich keine Bauern,« sagte Tschitschikow, »ich
möchte tote ... haben.«
»Wie? Verzeihen Sie ..., ich höre ein wenig schlecht, mir schien, ich
hätte ein ganz seltsames Wort gehört ...«
»Ich möchte die toten Bauern kaufen, die aber nach der letzten Revision
noch als lebendig eingetragen sind,« erklärte Tschitschikow.
Manilow ließ die Pfeife auf den Boden fallen, machte den Mund weit auf
und saß ein paar Minuten lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde,
die noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft gesprochen
hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten sich gegenseitig an wie
zwei Porträts, die man in der guten alten Zeit zu beiden Seiten des
Spiegels aufzuhängen pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf und sah
seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu erforschen, ob nicht ein
Lächeln um seine Lippen spiele, und ob er sich nicht bloß einen Spaß
erlaubt hätte: aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil,
das Gesicht erschien ihm noch ernster und würdevoller als gewöhnlich.
Dann überlegte er ein wenig, ob der Gast nicht plötzlich verrückt
geworden sei, und sah ihn aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber
seine Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem wilden,
unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im Auge des Wahnsinnigen
flackert: alles war in Ordnung, ganz wie es sich gehört. Und so sehr
Manilow auch darüber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier zu
tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als den Tabakrauch in
feinen Strahlen auszublasen.
»Ich möchte also wissen, ob Sie mir diese zwar tatsächlich toten, aber
vom Standpunkt der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen, überweisen
oder abtreten wollen, wie es Ihnen am besten erscheint.«
Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, daß er ihn nur ansah, ohne
ein Wort finden zu können.
»Mir scheint, Sie können sich nicht dazu entschließen?« bemerkte
Tschitschikow.
»Ich ... oh nein, das ist es nicht,« sagte Manilow, »aber ich kann nicht
verstehen ... entschuldigen Sie ... ich war natürlich nicht in der Lage,
mir eine so glänzende Bildung anzueignen, von der gewissermaßen jede
Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht die hohe Gabe,
mich so kunstvoll auszudrücken .... Vielleicht ... verbirgt sich hier
... hinter Ihrer Erklärung, die Sie soeben abgaben ... etwas andres ...
Vielleicht war es nur eine stilistische Schönheit, um deretwillen Sie
sich so auszudrücken beliebten?«
»Oh nein!« fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, »nein, ich nehme den
Gegenstand ganz buchstäblich, ganz so wie er ist, d. h. ich meine die
Seelen, die tatsächlich schon gestorben sind.«
Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fühlte, daß hier etwas geschehen,
daß er ihm irgend eine Frage stellen müsse, und doch konnte nur der
Teufel wissen, was das für eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er
schließlich fand, bestand wiederum darin, daß er eine Wolke Tabakrauch
ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, sondern durch die
Nasenlöcher.
»Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, so können wir mit Gottes
Hilfe gleich an die Aufstellung des Kaufvertrages gehen,« sagte
Tschitschikow.
»Wie? Ein Kaufvertrag über tote Seelen?«
»Nein! Das nicht!« antwortete Tschitschikow. »Wir sagen natürlich, sie
seien lebendig, wie es ja in der Tat in den Revisionslisten steht. Ich
pflege nie von den bürgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich
schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann nun mal nicht
anders; die Pflicht ist mir heilig, und das Gesetz ... vor dem Gesetz
muß ich verstummen.«
Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich er den
eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht erfassen konnte; statt zu
antworten, nahm er ein paar so heftige Züge aus seiner Pfeife, daß diese
zu tönen begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich aus der
Pfeife eine Ansicht über diesen geradezu unerhörten Fall herausholen
wollte; die Pfeife aber gab nur heisere Töne von sich und sonst nichts.
»Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel?«
»Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie dürfen nicht etwa glauben, ich
hätte ein ... gewissermaßen kritisches Vorurteil in bezug auf Ihre
Persönlichkeit. Aber darf ich mir die Frage gestatten: wird dieses
Unternehmen ... oder um mich sozusagen deutlicher auszudrücken ... dies
Geschäft ... wird dieses Geschäft nicht am Ende im Widerspruch mit den
bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands stehen?«
Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte Kopfbewegung und sah
Tschitschikow mit bedeutungsvoller Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag
in all seinen Zügen und besonders in den zusammengepreßten Lippen ein so
ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem Menschenantlitz
beobachtet hat, es sei denn bei einem ganz ungewöhnlich klugen Minister,
und auch bei dem nur, während er über ein ganz besonders schwieriges
Problem nachsann.
Aber Tschitschikow erklärte einfach, ein solches Unternehmen oder
Geschäft könne den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven
Rußlands durchaus nicht zuwiderlaufen, und fügte nach einem Augenblick
noch hinzu, es würde dabei sogar noch etwas für den Fiskus abfallen, da
der Staat ja seine gesetzlichen Gebühren erhalte.
»So meinen Sie also ...?«
»Ich glaube, es geht sehr gut!«
»Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. Dann habe ich
nichts dagegen,« sagte Manilow völlig beruhigt.
»Jetzt müssen wir uns noch über den Preis einigen ...«
»Wie? über den Preis?« sagte Manilow wieder ein wenig verblüfft. »Sie
glauben doch nicht, daß ich Geld für Seelen nehmen werde, die doch
gewissermaßen ... ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine,
ich möchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann würde ich für
meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergütung überlassen und auch den
Kaufvertrag auf mich nehmen.«
Der Geschichtsschreiber, der über die hier mitgeteilten Begebenheiten
berichtet, verdiente sicherlich den schärfsten Tadel, wenn er an dieser
Stelle zu erwähnen unterließe, daß unser Gast von einer hohen Freude
erfüllt wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen hörte. So gesetzt
und besonnen er auch war, er hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht,
wie ein Ziegenbock, was, wie bekannt, nur im Ausbruche höchster Freude
geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl um, daß der wollene
Stoff, mit dem der Sitz überzogen war, platzte; auch Manilow wurde
aufmerksam und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner
überquellenden Dankbarkeit _überschüttete_ ihn der Gast förmlich mit
Worten der Anerkennung, bis jener ganz verlegen wurde, errötete, eine
abwehrende Bewegung mit dem Kopfe machte und endlich erklärte, das sei
ja ein reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis für seine
herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner Seele geben wollen,
und tote Seelen -- das sei doch sozusagen eine Bagatelle -- die reinste
Lumperei.
»Durchaus keine Lumperei,« sagte Tschitschikow und drückte ihm die Hand.
Hierbei stieß er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie es scheint, hatte er
große Lust, sein Herz auszuschütten; und nicht ohne Ausdruck und Gefühl
sprach er zuletzt folgende Worte: »Oh! wenn Sie wüßten, was Sie einem
Menschen ohne Namen und Titel mit diesem Geschenk, das anscheinend nur
eine Kleinigkeit ist, für einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was
habe ich nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten wütender
Wogen ... Was für Verfolgungen hatte ich nicht zu erdulden! Welcher
Schmerz blieb mir erspart! Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu
blieb, mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den hilflosen
Witwen und armen Waisen entgegenstreckte!« Und hierbei wischte er sich
sogar eine Träne aus dem Auge.
Manilow war ganz gerührt. Beide Freunde drückten sich fortwährend die
Hand und sahen sich lange stumm in die Augen, in denen schöne Tränen
blinkten. Manilow wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der
seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drücken, daß jener kaum
noch wußte, wie er sie befreien solle. Nachdem er sie endlich sanft
zurückgezogen hatte, sagte er, es wäre gut, wenn man den Kaufkontrakt
gleich aufsetzen könnte und wenn Manilow selbst in der Stadt die nötigen
Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm er seinen Hut und
verabschiedete sich.
»Wie? Sie wollen schon fahren?« fragte Manilow, der wie aus einem Traum
erwachte und beinahe erschrocken war.
In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Zimmer.
»Lisanka!« sagte Manilow mit etwas kläglicher Miene, »Pawel Iwanowitsch
will uns verlassen!«
»Pawel Iwanowitsch ist unser wohl überdrüssig,« versetzte Frau Manilow.
»Gnädige Frau!« sagte Tschitschikow, »hier, sehen Sie hier« -- und dabei
legte er seine Hand aufs Herz -- »Ja hier werde ich mir die Erinnerung
an die schönen Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und
glauben Sie mir, ich kann mir keine größere Seligkeit vorstellen, als
mit Ihnen, wenn auch nicht in einem Hause, so doch wenigstens in
nächster Nachbarschaft zu leben!«
»Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch!« sagte Manilow, dem dieser Gedanke
offenbar sehr gefiel, »es wäre doch wirklich herrlich, wenn wir so
zusammen unter einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander
philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen könnten ...«
»Oh, das wäre himmlisch!« sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. »Leben
Sie wohl, gnädige Frau!« fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand
küßte. »Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie meine Bitte
nicht!«
»Oh, seien Sie ganz ruhig!« erwiderte Manilow, »wir trennen uns doch
nicht auf länger als zwei Tage!«
Sie betraten das Speisezimmer.
»Adieu, meine lieben Kleinen!« sagte Tschitschikow, als er Alcid und
Themistokljus erblickte, die mit einem hölzernen Husaren spielten, der
übrigens weder Hände noch Nase mehr hatte. »Lebt wohl, liebe Kinder.
Verzeiht, daß ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, aber ich muß
gestehen, ich wußte ja gar nicht, daß ihr auf der Welt seid. Aber wenn
ich das nächstemal wiederkomme, bringe ich euch sicher etwas mit. Dir
bringe ich einen Säbel. Willst du einen Säbel haben? Wie?«
»Ja!« antwortete Themistokljus.
»Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht wahr, du möchtest doch eine
Trommel haben?« fuhr Tschitschikow fort, indem er sich über Alcid
beugte.
»Ja, eine Prommel,« sagte Alcid leise, indem er den Kopf senkte.
»Schön also, ich will dir eine Trommel kaufen. -- Weißt du eine feine
Trommel. Die wird immer Trrr .... ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta
machen. Leb wohl, Herzchen! Adieu!« Er küßte ihn auf den Kopf und wandte
sich mit jenem Lächeln an Manilow und seine Frau, mit dem man sich an
alle Eltern zu wenden pflegt, wenn man ihnen zu verstehen geben will,
wie unschuldig doch die Wünsche ihrer Kinder sind.
»Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel Iwanowitsch!« sagte Manilow,
als schon alle auf die Freitreppe hinausgetreten waren. »Sehen Sie doch,
was dort für Wolken heraufziehen!«
»Das sind nur kleine Wölkchen,« meinte Tschitschikow.
»Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch?«
»Danach wollte ich Sie gerade fragen.«
»Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklären!« Und Manilow machte
dem Kutscher die Sache in der liebenswürdigsten Weise klar, und sagte
sogar einmal _Sie_ zu ihm.
Als der Kutscher hörte, daß er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen
und erst bei der dritten einbiegen müsse, sagte er: »Wir werden's schon
finden,« und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgrüßen
der Gatten, die noch lange auf den Fußspitzen standen und ihre
Taschentücher schwenkten.
Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem
davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon längst nicht
mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da.
Endlich ging er wieder ins Haus zurück, ließ sich auf einem Stuhl nieder
und versank in Sinnen, von Herzen froh, daß er seinem Gast eine kleine
Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne daß er es
merkte, zu anderen Gegenständen hinüber, um endlich, Gott weiß wo, zu
landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schön es doch
wäre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in
Gedanken eine Brücke über den Fluß und darauf ein Haus mit einem
gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er
stellte sich vor, wie herrlich es sein müßte, dort abends im Freien
seinen Tee zu trinken und sich über angenehme Gegenstände zu
unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in
eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle
Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzückung versetzen, und wie
dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehört hatte, sie
zu Generälen ernennt, und so träumte er immer weiter; was nun noch alles
folgte, weiß Gott allein, wußte er es doch selbst nicht mehr genau. Aber
plötzlich drängte sich Tschitschikows seltsame Bitte jäh in seine
Träumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er
mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar
über ihn werden. So saß er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis
das Abendessen auf dem Tische stand.