Wenn wir jene Stellen in den »Toten Seelen«, wo der Verfasser auf den
geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile
hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter
selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaßen die
direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des
»Revisors«. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit
erschütterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im
»Revisor« waren Beamte, zu denen sich in den »Toten Seelen« noch
Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint hier
unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und
Bewegungen der Helden des »Revisors« waren noch wenig differenziert und
nicht sehr vielgestaltig -- ganz anders verhält es sich in den »Toten
Seelen«, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker
Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt
sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe
ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite
der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die
wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich
der Held: Pawel Iwanowitsch _Tschitschikow_; ihn verbindet kein engeres
Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von außen
hereingeschneit wie _Chlestakow_ im »Revisor«. Dieser Held ist vom Autor
mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das
sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Führer in diesem
Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder
einzeln und für sich genommen so unendlich komisch und lächerlich wirkt,
und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck
hervorrufen.
Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gnädig verfahren. Es ist
keine Frage, daß Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften
moralischen Qualitäten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht
unerfreulichen Aktualität ist. Als Mensch und Bürger ist er ein Gauner
und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persönlichkeit der
typische Repräsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral,
die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber
selber lebt und leben läßt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit
dieser kühlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswürdigen
und höflichen Räubers begnügt; er erzählt uns die ganze Geschichte
seiner Jugend, er erklärt uns, wie in Tschitschikow diese räuberischen
Instinkte entstehen konnten, und läßt uns darüber nachsinnen, ob die
ganze Verantwortung für die Spitzbübereien und Gaunereien seines Helden
wirklich auf Tschitschikow allein fällt, oder ob nicht die größere
Hälfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs,
abgewälzt werden muß. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, daß er dem
Leser geradezu die Frage vorlegt: »Ist Tschitschikow denn tatsächlich
ein solcher Lump?« Und er fährt fort: »Warum gleich ein Lump? Warum
sollen wir so streng gegen unsere Nächsten sein? -- Er ist einfach das,
was man einen guten _Wirt_ und ein _Erwerbsgenie_ nennt.«
Der _Erwerbstrieb_ trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache, daß
Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet.
Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft »und es gibt
Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt«.
Wenn es aber möglich war, schon für Tschitschikow soviel mildernde
Umstände geltend zu machen, so war dies noch leichter bei seinen
Freunden und Bekannten, die ja wirklich nicht einmal so schuldig waren.
Und in der Tat verfuhr der Dichter gegen sie alle mit großer Milde; vor
allem gegen die Adligen, die er mit noch größerer Nachsicht behandelt,
als die Beamten. Freilich sind auch sie lauter hohle, armselige, elende
Menschen, aber eine besondere Entrüstung und eine allzu große Empörung
regen sie nicht in uns auf. Wir lachen wohl über sie, wir bemitleiden
sie, aber schließlich würden auch wir mit ihnen leben können, ohne daß
uns allzu große Opfer und Kompromisse zugemutet zu werden brauchten. Was
ließe sich schließlich gegen den so vertrauensseligen und gutmütigen
Manilow einwenden, der stets bei jedem nur die besten Absichten
voraussetzt? Ja, selbst ein Sabakewitsch läßt sich fast ertragen: dieser
grobe und ungeschlachte Halsabschneider, der uns nur hin und wieder
durch seine tierischen Instinkte in Erstaunen setzt, die übrigens für
seine Nächsten völlig unschädlich sind. Auch Pljuschkin und Korobotschka
verdienen eher unser Mitleid als unsere Verurteilung. Der Autor selbst,
der die ganze Kleinheit und Hohlheit ihrer Seelen und die Armseligkeit
ihres Lebens offen zur Schau stellt, beeilt sich, den Leser vor einer
voreiligen Verurteilung dieser beiden zu warnen. Er zeigt uns Pljuschkin
in der glücklichsten, schon weit zurückliegenden Zeit seines Lebens, und
wir verstehen, daß ein Unglücklicher vor uns steht, der ein Opfer der
Leidenschaft ist, gegen die er nicht zu kämpfen vermag. Der Dichter
spricht mit tiefem Schmerz von der Erbärmlichkeit, Kleinheit und
Häßlichkeit, bis zu der ein Mensch herabsinken kann; er weist hin auf
diese Entartung des Menschenbildes und gibt uns den weisen Rat, wenn wir
aus dem weichen, zarten Jugendalter hinaustreten in das strenge
verhärtende Mannesalter, uns mit einem möglichst großen Vorrat von
Begeisterung und Idealismus zu versehen und ihn unterwegs nicht
leichtsinnig zu verschwenden. Gogol droht uns mit diesen lebendigen
Leichen, und doch spricht er stets in einer Weise von ihnen, daß sie
nicht Abscheu hervorrufen, sondern uns eine Träne des Mitleids
entlocken. Selbst Nosdrjow, diese Synthese von Unrast, Unverfrorenheit,
Spitzbüberei und Zynismus, hat Gogol etwas so Gutmütiges und von jeder
Böswilligkeit Freies verliehen, daß er uns beinahe völlig entwaffnet und
die Fähigkeit nimmt, ihm ernsthaft zu zürnen.
So freundlich und milde verfuhr Gogol mit all jenen Personen, die er mit
seinem Helden zusammenführte, d. h. mit jener Klasse von Freien, die
keine eigentlichen Beamten darstellen. Dagegen war er weit strenger
gegen dieselben Menschen, wenn sie irgend ein Amt im Staate bekleideten,
mit andern Worten, wenn sie Beamte waren.
Wie der »Revisor«, so enthalten auch die »Toten Seelen« keine Spur von
einer politischen Anspielung. Die Satire berührte auch nicht mit einem
Wort die höhere Obrigkeit und setzte sich bloß mit den niederen Klassen
des Beamtenstandes auseinander.
Die ganze Dichtung bietet das Muster einer guten Gesinnung dar und daher
konnte sie auch den Leser zu keinerlei Betrachtungen veranlassen, die
sich _gegen_ die Regierung und Administration richteten, mit Ausnahme
etwa der schicksalsreichen »Geschichte vom Hauptmann Kopeikin«, die der
Zensor durchaus nicht freigeben wollte, und die erst nach bedeutenden
Änderungen und Zugeständnissen seitens des Autors die Zensur passierte.
Diese Geschichte war die einzige gegen die souveräne Gewalt gerichtete
Anspielung, die sich Gogol erlaubt hatte. In allen andern Fällen wählte
er sich bloß die ausführenden Organe dieser Gewalt zur Zielscheibe,
wobei er die Wucht seiner Angriffe genau nach Rang und Stellung seiner
Helden abstufte. Je höher ein Beamter stand, um so milder beurteilte ihn
der Verfasser, welcher freilich nicht die Absicht hatte, der Regierung
durchaus nur Schmeichelhaftes zu sagen, sondern sich allein von der
Erwägung leiten ließ, daß ein hohes Maß von Intelligenz den Menschen
auch zu einer höheren Sittlichkeit verpflichte.
So sind denn in den »Toten Seelen« alle höheren Beamten, selbst
abgesehen vom Generalgouverneur und vom Gouverneur, lauter ehrenwerte
und liebenswürdige Männer, die höchstens ein paar Seltsamkeiten oder
Eigenheiten an sich haben. Diese ganze so nette Beamtengesellschaft gibt
dem Moralisten nur wenig Anlaß zur Betrübnis, ja, er könnte sich nach
Gogols Ausdruck unter ihnen ganz wie zu Hause fühlen.
Aber das Bild wechselt jäh und mächtig, wenn wir aus dem Kreise dieser
relativ hochgestellten Provinzbeamten in die niederen Sphären
hinabsteigen und zusammen mit Tschitschikow die mit kleinen Beamten
bevölkerten Amtszimmer und Bureaus betreten. Hier befinden wir uns im
Reiche der Akten, der schmutzigen und der sauberen, innerhalb dessen
Unrecht und Bosheit einen viel freieren Spielraum haben. Wir sind
zugegen bei der Herbeischaffung falscher Zeugen, die ohne viel Umstände
unter den gerade anwesenden, größtenteils ungebildeten Gerichtsbeamten
ausgewählt werden; wir sehen wie Tschitschikows Spitzbubenstück die
Sanktion des Gesetzes erhält, wobei dem letzteren aus reiner
Liebenswürdigkeit gegen ihn nicht einmal die gesetzlichen Gebühren
abgenommen, sondern unbegreiflicher Weise einem andern Bittsteller aufs
Konto gesetzt werden ... mit einem Wort, wir befinden uns mitten in
einer Gesellschaft von wirklichen Gaunern und Betrügern, denen jede Spur
von Sentimentalität, welche ihre Vorgesetzten auszeichnete, fremd ist,
und die einem nüchternen illusionslosen Utilitarismus huldigen.
Wenn wir noch tiefer hinabsteigen, und uns aus der Stadt auf das Land
begeben, so treffen wir hier schon auf ausgemachte Lumpen und Schurken,
wie z. B. auf den Gendarmerieobersten Drobjaschkin, den Mann mit dem
weichen und zärtlichen Herzen, der alle Dörfer heimsucht und sie wie
eine verheerende Epidemie durchstreift, wofür er dann schließlich auch
von den Bauern ins Jenseits befördert wird. Diese Seite, die uns von den
Heldentaten der Dorfpolizei berichtet, ist sicher die kühnste in der
gesamten Dichtung.
Der erste Teil der »Toten Seelen« ist somit tatsächlich eine Epopöe der
menschlichen Erbärmlichkeit und Nichtigkeit. Erbärmlich ist dieser
_Erwerbsritter_ mit dem Instinkte des Raubtieres, erbärmlich und
armselig -- diese ganze Stadtgesellschaft, Männer wie Frauen --
erbärmlich dieses Reich der kleinsten, nichtigsten Interessen, dieses
prinzipienlose Vegetieren, diese geistige Beschränktheit, dieser Klatsch
und diese Verleumdung. Am charakteristischsten aber ist es wohl, daß
auch der _Bauern_stand, von dem der Autor nur ganz kurz und bei
Gelegenheit handelte, in den »Toten Seelen« vorzüglich nach seiner
unansehnlichen und erbärmlichen Seite dargestellt ist. Der Bauer ist
weder schlecht noch tugendhaft, weder gut noch böse, sondern nur
armselig, beschränkt und stumpfsinnig. Der Dichter wollte weder seinen
Verstand, noch sein Herz idealisieren und erheben, wie das viele
sentimentale und romantische Schriftsteller unter Gogols Zeitgenossen
taten; aber er wollte ihn auch nicht schlecht machen, wie das wohl der
Satiriker getan hätte, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Sünden
und Laster unserer ärmeren und schwächeren Mitbrüder lenken will, um
sein Nachdenken und sein Interesse für sie zu wecken.
Daß der Dichter ein herzliches Mitgefühl für diese seine Mitbrüder
hatte, daran ist gar kein Zweifel. Ein kurzer Einblick in die
Betrachtungen, die Tschitschikow über das Schicksal der von ihm
gekauften Bauern anstellt, genügt, um sich zu überzeugen, daß sich der
Dichter in seiner Phantasie das Los dieser Armen, denen ihre Herrn nach
ihrem Tode ein so schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt hatten, in
lebhaften Farben ausmalte. Aber jedesmal, wenn Tschitschikow auf seinem
Wege einem Bauern begegnet, bekommt er nichts zu hören außer dem
törichten Gerede eines Onkel Mitjaj und Onkel Minaj. In der ganzen
Dichtung findet sich auch nicht eine Seite, wo der russische Bauer etwas
von dem ihm angeborenen Mutterwitz und der Pfiffigkeit spüren läßt, wo
er uns durch jene geistigen und seelischen Fähigkeiten erfreut, von
denen alle Freunde des Vaterlandes uns so oft und sicherlich nicht ohne
Grund zu erzählen wußten.