V.

Die Arbeit an den Toten Seelen war für den Verfasser eine hohe Freude

und ein großer Schmerz. Noch nie hatte er einen so erhabenen Genuß und

eine solche innere Befriedigung empfunden, als in jenen Stunden, wenn

ganze Seiten seiner Dichtung wie von selbst aus der Feder flossen, und

nie hat er so gelitten, als in jenen langen Jahren, wo er monatelang auf

die ersehnte Inspiration warten mußte. Diese Arbeit hat Gogol 16 Jahre

lang beschäftigt: von 1835, als er die ersten Seiten des Werkes

niederschrieb, bis zum Beginn des Jahres 1852, als ihm der Tod die Feder

aus der Hand nahm. Von diesen 16 Jahren brauchte er 6: von 1835-1841 --

während der er natürlich noch an andern Dichtungen arbeitete -- um den

ersten Teil zu vollenden. Die ihm noch übrig bleibenden 10 Jahre waren

ganz mit Versuchen ausgefüllt, eine Fortsetzung für sein Werk zu finden.

Nach der Idee des Autors sollten die »Toten Seelen« eine »Dichtung«

werden, in welcher Rußland in der ganzen Mannigfaltigkeit seines

staatlichen und sozialen Lebens, mit all seinen lichten und dunkelen

Seiten erscheinen sollte. Gogol wollte hier in neuer Form das alte Epos

wieder aufleben lassen; daher nannte er wohl mit bewußter Anspielung auf

die Homerischen Gesänge seinen Roman -- ein Poem d. h. eine Dichtung.

Der Gesamtplan des Werkes stand natürlich im Geiste des Verfassers nicht

gleich völlig fertig da, und nahm mit den Jahren eine recht seltsame

Richtung an. Die ruhige, uninteressierte epische Erzählung verwandelte

sich immer mehr in eine Predigt sittlicher Wahrheiten, und der Wunsch,

Rußland möglichst vollständig nach all seinen Seiten darzustellen, trat

immer mehr hinter dem Ideal zurück, der ganzen Menschheit eine neue

Lehre zu künden, die die Seele erheben und ihr Leben erhöhen sollte.

Gogol behielt den Entwurf zu seiner Dichtung für sich und sprach nur

selten und ganz im Allgemeinen zu seinen nächsten Freunden davon, wie

groß und tief sein Plan war. Die übertrieben stolzen Reden Gogols über

sein Werk erregten die heftigste Opposition unter seinen Freunden und

Bekannten, sie ärgerten und verstimmten sie. Hätten sie gewußt, wie

großartig dieser Plan des Künstlers tatsächlich war, sie hätten ihm

vielleicht seine Überhebung verziehen, die um so verzeihlicher war, als

Gogol nicht so sehr auf sein Künstlertum stolz war, als vielmehr darauf,

daß er im Besitze der sittlichen Wahrheit zu sein glaubte, und er fühlte

sich verpflichtet, seinen Nächsten diese Wahrheit zu verkünden, sobald

er dieser hohen Aufgabe würdig geworden war.

Aber obgleich Gogol den Plan zu seinem Werk geheim hielt, ist es dennoch

möglich, nach gelegentlichen Äußerungen und Anspielungen, nach seinen

Unterhaltungen mit nahestehenden Personen, sowie nach seinen Briefen und

den Fragmenten des zweiten Teiles, das Geheimnis des Schriftstellers mit

genügender Genauigkeit zu enthüllen; es ist zugleich das Geheimnis des

Künstlers und Moralisten.

»Gott hat mich erschaffen,« sagt Gogol einmal, »und er hat mir nichts

von meiner Mission verheimlicht. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine

_Epoche in der Literaturgeschichte_ zu begründen. Mein Beruf ist weit

einfacher und naheliegender: er besteht darin, woran überhaupt jeder

Mensch und nicht ich allein vor allem denken sollte. Mein Gebiet ist die

Seele, die starke, solide Sache des Lebens. Und daher muß auch mein

Handeln und mein Schaffen stark und solide sein.« »Die toten Seelen«

sollten in ihrem Gesamtaufbau ein solch »solides, starkes« Werk werden,

auf das der Mensch sich zu stützen vermochte, wenn Gewitterstürme über

seine Seele dahinbrausten, sie sollten der Katechismus seiner Rettung

sein. Diese Dichtung sollte dem Menschen ein Führer zu seiner sittlichen

Wiedergeburt werden, wie es für den Verfasser ein reinigendes Gebet war,

nach seiner geistigen und seelischen Erleuchtung, und nachdem er Buße

getan hatte für seine eigenen Sünden.

Wie aber hatte dem Dichter eine solche Idee kommen können?

Gogol war von Natur sentimental veranlagt, er liebte es, zu belehren und

zu predigen. Dieser moralisierende Ton findet sich schon in seinen

frühesten Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den Knaben

bewegten, sondern auch von dem lyrischen Schwung seiner Seele. Diese

Lyrik in seinem Fühlen und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen

Novellen, und so finden wir in diesen ersten Erzählungen neben einem

unschuldigen Frohsinn und Humor eine starke melancholische Note; den

Schmerz über die vielen traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben

Maße, als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der Dichter immer

stärker von dem Gedanken ergriffen, er sei berufen, etwas ganz Großes zu

erschaffen, und so kam es, daß ihn die sittlichen Tendenzen immer

mächtiger erfüllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten Aufführung

des »Revisor« überzeugte er sich, daß er wirklich die Kraft zu einer

sittlichen Einwirkung auf die Masse besaß, und von da ab war er

entschlossen, diese Kraft in den Dienst einer großen Sache zu stellen

und die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten zu

verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser Macht noch nicht

bewußt war, träumte er davon, etwas Großes zu leisten, der Wohltäter und

Lehrer seiner Nächsten und ein Held und Kämpfer für das Vaterland zu

werden. Um diese hohe Mission durchzuführen, setzte er seine ganze

Hoffnung auf sein Talent und begann nach einer seiner würdigen Aufgabe

d. h. nach einem großen und bedeutenden Stoff zu suchen, der seinem

Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen Gestaltung zu einer

wirklichen Wohltat für die Nächsten werden sollte.

So konnte die Anekdote von dem Kauf der »toten Seelen« schnell ihren

komischen Charakter verlieren und sich in einen Gegenstand verwandeln,

für den der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen

passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte Gogol von nun ab

die ganze Kraft seines Lyrismus, in ihm wollte er der Macht seiner

eigenen sittlichen Überzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen

Stoff ständig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn bis zu der Höhe

jenes »großen Gegenstandes« emporzuheben, nach dessen Gestaltung er sich

sagen konnte: das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frühesten

Jugend träumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, daß eine solche

Umformung einer schlichten Anekdote zu einer grandiosen Idee nur langsam

und allmählich vor sich gehen konnte, und daß der Autor selbst bei

Beginn seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt sie bei

ihrer Vollendung annehmen werde.

Neben dieser _ethischen_ Tendenz gewann auch die _patriotische_ Absicht

des Dichters einen mächtigen Einfluß auf die Dichtung. Gogols

Patriotismus hatte mit den Jahren bedeutend zugenommen, und als der

Dichter an die Ausführung seines Planes ging, hatte sich seine Liebe zum

Vaterland bereits zu einer stark _konservativen_ Weltanschauung mit

einer ausgesprochenen religiösen Färbung zusammengeschlossen. Und dieser

Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den Weg zur Wahrheit zu

weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung stecken, sondern erstarkte

noch mehr in dem Maße, als der Dichter an der ständigen Erweiterung und

Vertiefung seines Werkes tätig war. Gogol mußte in seinem Roman über

Rußland sprechen, und er hat seinem Vaterlande, besonders im ersten

Teil, manch bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung

seiner Dichtung dachte, ließ er uns seine Heimat nur von »einer Seite«

sehen, und noch dazu von ihrer allerunansehnlichsten. Der Held des

Romans und alle Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen von

einer geradezu erbärmlichen Hohlheit. Sie so zu lassen -- das bedeutete

grausam und herzlos gegen das eigene Vaterland verfahren, das hieß über

seine guten Seiten, hieß über alle Russen schweigen, die einen Anspruch

auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer wachsende Liebe zum

Vaterlande verpflichtete ihn, seinen Mitbürgern in seiner Dichtung auch

ein Wort der Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. Je mehr

sich der Rahmen der Erzählung erweiterte, um so drängender empfand er

diese Verpflichtung. Und Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur

Verherrlichung Rußlands und zur Bewunderung der russischen Tugenden

fort. Er wollte ihnen einen gebührenden Platz in seiner Dichtung

einräumen und spielte schon im ersten Teil des Romans darauf an. Er

wußte, daß der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der _besten_

Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; indem er diesem Wunsche

entgegenkam und seinem eigenen patriotischen Gefühl Folge leistete, fing

er an, nach neuen positiven Typen für sein Werk zu suchen und seine

Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner früheren Werke

emporzustimmen.

Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan der Dichtung.

Einen kaum geringeren, wenn nicht noch stärkeren Einfluß auf des

Dichters Schaffen gewann die religiöse Stimmung, die Gogol mit jedem

Jahre immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande entstand ihm

die Überzeugung von der besonderen Mission, die er zu erfüllen habe. Ihn

beseelte ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme an

ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches Schaffen steigerte sich in

seinen Augen bis zu einer Art Gottesdienst, und so ist es nur natürlich,

daß er sein Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten

begann, eine Pflicht, für die sich der Mensch lange kräftigen und

stählen muß, wenn er die große Aufgabe erfüllen will, die Gott in seine

Hände gelegt hat. Gogol begann sich auf seine schriftstellerische

Aufgabe durch Fasten und Gebet vorzubereiten; er »arbeitete ständig an

sich selbst«, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, was er

für unheilig und sündhaft hielt, und er richtete all seine Gedanken auf

seine sittliche Wiedergeburt; nur mit reinem Herzen und einem verklärten

Gemüt glaubte er seine hohe Sendung erfüllen zu können, und diese

Stimmung fand natürlich auch ihren Ausdruck in seiner Dichtung. Diese

sollte zu einer sittlichen Predigt werden, die sich an die Mitbürger und

Mitbrüder wendete, und zu einem Akt der Reinigung von den eigenen

Sünden.

So verschmolz für Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der

eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde für ihn zu einem

reinigenden Opfer. Die Sünden, von denen er in ihr sprach, forderten

Sühne und Ahndung -- die Sünden seiner _Helden_, wie seine _eigenen_.

Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklärung und

Erleuchtung einer sündhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe

mystische Bedeutung an -- einen ähnlichen Sinn wie das große Epos

Dantes, das Gogol stets mit ehrfürchtiger Bewunderung las.

Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum

Licht, aus der Hölle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden

mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Buße aus sündigen zu,

wenngleich nicht _heiligen_, so doch _edlen_ und _sittlichen_ Menschen

zu machen, ergriff und erschütterte die Seele des Dichters aufs tiefste.

Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur

Ausführung kommen, aber Gogol kam nie über das Nachdenken und Entwerfen

hinaus, und überantwortete schließlich das, was er davon

niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in

vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der

erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sündenfall des Russen, die

Erzählung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und

Gemeinheit.

Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I · 第 14 / 30 题