Während seines Aufenthaltes im Auslande und besonders in Italien war
Gogol sehr fleißig und die Arbeit ging glatt vonstatten. Es war die
Zeit, wo seine Schöpferkraft in voller Blüte stand. Die romantischen
Neigungen, die noch zum letztenmal in der schönen Novelle »Rom« zum
Ausbruch gekommen waren, traten allmählich zurück und machten einer
nüchternen, ruhigen und humorvollen Lebensanschauung Platz. Das sich
immer stärker entfaltende Talent des Schilderers, das zu einer innigen
Verschmelzung der künstlerischen Wahrheit mit der Lebenswahrheit
hinstrebte -- gewann immer mehr die Oberhand, was nicht nur in der
Zurückstellung und Aufgabe aller früheren Pläne, die noch im Geiste des
alten romantischen Stils konzipiert waren, zum Ausdruck kam, sondern
auch in der Art wie Gogol seine älteren Werke umschuf und neu
bearbeitete.
In solch einem realistischen Geiste gestaltete Gogol zu dieser Zeit
seine Erzählungen »Das Porträt« und »Taras Bulba« um. Am stärksten und
freiesten aber entfaltete sich diese Kraft des Humoristen und
Lebensschilderers, die in dieser Epoche ihre höchsten Siege über die
sentimentalisch-romantischen Neigungen und Stimmungen des Dichters
feierte, in der Novelle: »Der Mantel«. Dieses Werk nimmt eine ganz
besondere Stellung in der Geschichte der russischen Literatur ein. Es
ist das zeitlich erste und vielleicht vollkommenste Beispiel dieser
Gattung, die später eine große Verbreitung fand und eine große soziale
Bedeutung gewann. Es ist eine Seite aus der Geschichte der »Erniedrigten
und Beleidigten«, die unmittelbar nach Gogol Dostojewski unter seinen
besonderen Schutz nahm. Im Westen setzte dieses Eintreten für die
Schwachen und Benachteiligten durch die Literatur und durch die Tat etwa
um dieselbe Zeit mit dem Wachstum und der raschen Verbreitung der
sozialistischen Ideen ein. In Rußland aber rührte der erste Versuch, die
Gesellschaft für jene große Masse derer zu interessieren, an denen sie
achtlos vorübergeht, von Gogol her, der ganz unbeeinflußt von den
westeuropäischen Tendenzen in seinem »Mantel« ein Werk schuf, das man
mit Recht als den Ausgangspunkt und Ursprung der sogenannten
»Anklageliteratur« in Rußland erklärt hat. Man muß dabei nur im Auge
behalten, daß in Gogols Erzählung der Protest und die Anklage sehr
abgedämpft erscheinen und mehr durch ein weiches Gefühl der Teilnahme
und des Mitleids ersetzt sind. Der Dichter läßt uns mit seinem
unscheinbaren Helden alle wichtigsten Etappen seines Lebens durchleben;
wir besuchen ihn in seiner Dachkammer, wo er langsam von jedem Rubel
Groschen auf Groschen in sein kleines Büchschen zurücklegt, alljährlich
das kleine Häuflein Kupfergeld nachzählt, um es durch Silbermünzen zu
ersetzen, wo er hungert und friert, die Kerze spart, seine Kleider
auszieht, damit sie nicht zu schnell fadenscheinig werden, und wo er
einsam in seinem Schlafrock dasitzt, die ewige Idee des Mantels in
seinem Geiste tragend; wir folgen ihm ins Departement, wo man ihn
ebensowenig beachtet, wie eine vorüber schwirrende Fliege, wo man ihn
verspottet, ihm Papierschnitzel auf seinen Kopf schüttet, wo er jahraus,
jahrein hinter seinem Pulte hockt und die Buchstaben sorgfältig aufs
Papier malt, oder die Akten beiseite legt, die er zu seinem eigenen
Vergnügen kopieren will. Der phantastische Schluß, den Gogol dieser
Erzählung gegeben hat, ist zwar etwas willkürlich, aber überaus
glücklich erfunden und trägt einen ganz anderen Charakter als seine
früheren phantastischen Erzählungen. Das Phantastische enthält eine
solche starke Beimischung von Spott, Humor und Fröhlichkeit, daß es fast
völlig gegen das letztere Element zurücktritt und seinen romantischen
Charakter gänzlich einbüßt. Der Autor braucht das Wunderbare nur um der
paar kleinen Genrebilder willen, mit denen er seine Novelle beschließt.
So stark war Gogols Kunst, wenn er sich von seiner alten Manier abwandte
und seinem scharfen Beobachtungstalent und seinem Humor freien Lauf
ließ.
Wer jedoch die Kraft und Macht dieser Gabe kennen lernen will, der muß
zu der tragikomischen Dichtung »Die toten Seelen« greifen. Hier legt
jede Seite ein beredtes Zeugnis dafür ab.