Dieser Roman ist eine späte Frucht des Gogolschen Genies. Ein Werk, das
erst nach einem langen Kampfe zwischen den romantischen Neigungen seiner
Phantasie und seiner starken Begabung für die scharfe und treue
Lebensbeobachtung vollendet werden konnte.
Schon in seinen ersten Novellen, den »Abenden am Weiler bei Dikanka«
(1831-32), machten sich die ersten Spuren dieses Zwiespalts bemerkbar.
In diesen Novellen trat Gogol als Schilderer kleinrussischen Lebens und
der niederen Volksklasse hervor, zugleich aber als phantasievoller Poet,
der die alten Sagen und Legenden schöpferisch neugestaltete und belebte.
Dieses früheste Werk läßt ganz deutlich eine Mischung beider Stile
erkennen, wobei freilich der träumerisch-phantastische noch die Oberhand
behält. Selbst die Naturbeschreibungen und die Charakteristik vieler von
den handelnden Personen ist in diesem Stile gehalten -- was Gogol
freilich nicht hinderte, andere Personen und Situationen mit
unverfälschter Schlichtheit und im Geiste einer wahren und echten
Realistik darzustellen. In dieser Vermischung zweier Stile, wie in dem
alternierenden Wechsel von Frohsinn und Wehmut, Weinen und Lachen,
zeigte es sich deutlich, daß das Schaffen des Dichters noch keine feste
Richtung angenommen hatte, daneben aber kam darin der innere Kampf zum
Ausdruck, der sich schon damals in des Künstlers Seele abspielte: der
Idealismus des Phantasten vermochte sich nicht zu vertragen mit der
starken Begabung des Realisten, der mit seinem Blicke die ganze
Häßlichkeit und Gemeinheit des Wirklichen durchdrang, welches er doch
selbst in einem andern, höheren und idealeren Sinne zu erfassen und zu
deuten strebte.
Über diese hohe und ideale Bedeutung des künstlerischen Schaffens hat
Gogol in den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit sehr
viel nachgedacht. Ihn beschäftigte damals ganz besonders das bei den
Romantikern so beliebte Thema von den Leiden, die der Träumer, der
Idealist und der Künstler ganz notwendig auf sich nehmen muß, wenn ihn
das Schicksal schonungslos zusammenstoßen läßt mit der häßlichen,
unbarmherzigen Wirklichkeit. Am tiefsten hat Gogol dies Problem von
Zwiespalt zwischen Traum und Leben durchgeführt in seiner Novelle »Das
Porträt« (1834).
Diese Novelle erinnert inhaltlich ganz an eine Erzählung von E. Th. A.
Hoffmann. Sie behandelt das Seelendrama eines jungen Künstlers, der
Verrat übt an der echten, reinen und hohen Kunst, sich aus Habgier in
den Dienst der Mode stellt, und zuletzt im Wahnsinn stirbt, als er
erkennt, daß er sein Talent zugrunde gerichtet hat. Der böse Genius
dieses unglücklichen Künstlers ist ein phantastisches Porträt des
Antichristen, das mit einer so realistischen oder vielmehr
naturalistischen Kunst dargestellt ist, daß ein Teil der Seele des
Antichristen in dieses Bildnis übergegangen ist.
Die Kunst soll dem _Ideale dienen_ und nicht der _Reproduktion des
Wirklichen_ in seiner ganzen Nacktheit und Häßlichkeit -- dies ist der
Grundgedanke dieser Erzählung -- deren Moral ebenso durch den tragischen
Tod des Künstlers, der sich der Jagd nach dem Golde und der Mode ergab,
wie aus dem verderblichen Einfluß des Porträts, zu uns spricht: dieses
Porträts, das das Produkt einer hyperrealistischen Kunst war.
Wie die deutschen Romantiker, so war auch Gogol von einem hohen, beinahe
religiösen Glauben an die Kunst ergriffen. Aber seine Kunstanschauung
vermochte doch nicht jenen Widerspruch vor ihm zu verhüllen, der
immerdar zwischen der Welt des Traumes und unserm Leben besteht. Er sah
den Abgrund, der zwischen diesen beiden Welten klafft, beständig vor
Augen, und dieser Anblick hatte für ihn etwas Furchtbares und
Schreckenerregendes. Es gibt nur eine Möglichkeit, ihn zu vergessen: sie
liegt in der Erschütterung und in dem Verlust des seelischen und
geistigen Gleichgewichts. Dies ist das Thema der beiden Erzählungen »Der
Newski-Prospekt« und »Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen«.
Aber ganz allmählich vollzieht sich im Schaffen Gogols eine
entscheidende Wendung. Er gibt seinem Talente nach, er unterwirft sich
ihm, und geht zur Darstellung der Realität, der Wirklichkeit über; er
beschönigt sie nicht und idealisiert nicht mehr; er spiegelt sie ab, wie
sie ist, in erster Linie nach ihrer negativen Seite, die ihm von jeher
so stark in die Augen stach. Und nun stößt er mit dieser gemeinen
trivialen und schmutzigen Wirklichkeit auf dem Felde der Kunst zusammen,
und da erhebt sich vor ihm die ernste Frage, auf die er schon im
»Porträt« hingewiesen hat: dient die Kunst auch dann noch ihrer hohen
Mission, wenn sie den Schmutz und das Laster zur Darstellung bringt, und
zwar so natürlich und lebendig zur Darstellung bringt, daß es fast den
Anschein hat, als bleibe ein Stück von diesem Schmutz und diesem Laster
auf dem Kunstwerk selber haften?
Und doch konnte Gogol seinem Talent auf die Dauer nicht Widerstand
bieten. So kam es, daß er seine Kunst immer mehr dem Leben annäherte.
Diese Annäherung macht sich besonders stark fühlbar in der
Novellensammlung, die im Jahre 1834 gleichzeitig mit seinen romantischen
Erzählungen erschien, und die den Namen »Mirgorod« trägt.
Eine dieser Novellen die »Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit« ist ein
schlichtes Idyll, die Geschichte zweier zur Neige gehender
Menschenleben: ein psychologisches Essay, von einer Tiefe und Poesie,
wie sie von keiner romantischen Idylle erreicht wird. Die sentimentalen
und romantischen Schriftsteller liebten solche dankbare Sujets, wie die
Erzählung von zwei liebenden Herzen, die sich inmitten des Friedens der
Natur und fern von allen Lockungen der Kultur zusammenfinden. Die
»Gutsbesitzer aus der guten alten Zeit« sind ein glücklicher Versuch,
die romantischen Elemente in diesem Stoff durch reale und kulturelle zu
ersetzen. An die Stelle der einsamen und wüsten Gegenden tritt hier ein
kleinrussisches Dorf -- an die Stelle der blasierten und enttäuschten
Helden und der schwermütigen oder leidenschaftlichen Heldinnen -- ein
altes Ehepaar; aber trotz dieser Schlichtheit und Durchsichtigkeit ist
diese Novelle überall von einer tiefen Wahrheit und Poesie durchdrungen.
Sie stellt in dem Schaffen Gogols einen der entscheidenden Siege des
Realismus' über die Romantik dar.
Ein ganz anderer poetischer Horizont tut sich vor uns in der
historischen Erzählung »Taras Bulba« auf. Auch hier bemerkt man eine
deutliche Wendung von dem früheren idealisierenden Stil zum Realismus,
natürlich in dem Maße, als dies in einem historischen Romane möglich
ist. Es gibt eine Ansicht, nach der »Taras Bulba« Gogols größtes Werk
darstellt, und dieser Wertung fehlt es nicht an einer gewissen
Berechtigung. Der Inhalt dieser Erzählung ist vielleicht nicht weniger
umfassend und vielgestaltig wie der der »Toten Seelen«; auch hier findet
man denselben Reichtum an den mannigfaltigsten Typen und Episoden, die
gleiche Kraft und das gleiche schnelle Tempo der Handlung. Die
psychischen Regungen und Bewegungen sind im »Taras Bulba« vielleicht
sogar noch tiefer als in irgend einem andern Gogolschen Werke, schon aus
dem Grunde, weil die Gefühle und Empfindungen der Helden hier ernster
und komplizierter sind, als die der handelnden Personen in den »Toten
Seelen«. »Taras Bulba« -- das ist ein heroisches Epos, das einer
gewissen Idealität nicht entbehrt. Es lebt etwas darin vom Geist der
alten Sage, trotzdem aber bleiben die Seelenregungen der handelnden
Menschen stets wahr und frei von jeder romantischen Überspannung. Die
alte Zeit des Saporoger Kosakentums mit ihrem Kostüm, ihrem häuslichen
Leben, ihren Kriegen und Schlachten, die Beziehungen zwischen Juden und
Polen -- das alles ist im »Taras Bulba« mit einer wunderbaren Echtheit
und Wahrheit geschildert; dazu kommen die beschreibenden und
schildernden Elemente, die mit großer Geschicklichkeit in die Handlung
eingeflochten sind; sie beschweren sie nicht, sondern verleihen ihr bloß
noch mehr Lebhaftigkeit und Kolorit. »Taras Bulba« ist in seiner Art
eine kleinrussische _Ilias_, sowohl was das epische Gleichmaß der
Darstellung und den kriegerischen Geist des Werkes, als vor allem die
strenge Durchführung der Charaktere und die Plastizität der Episoden
anbetrifft. -- Soweit also der Realismus in einer historischen Erzählung
als künstlerisches Element neben dem legendären und der Archeologie
möglich und zulässig ist, ist er in dieser Epopöe zum Durchbruch
gekommen.
Aber so recht heimisch in der realistischen Darstellungskunst wurde
Gogol erst mit der Vollendung seiner berühmten Komödie: »Der Revisor«
(1836).
Gogol gehört zu jener wenig zahlreichen Dichtergruppe, die das
»russische« Theater schuf und die russische Lebenswirklichkeit
ungeschminkt und ohne Beschönigung auf die Bühne brachte. Die Geschichte
des russischen nationalen Theaters hat man von den Komödien »Von Wisins«
zu datieren. In diesen Stücken ist das Leben der adligen Gutsbesitzer,
der Epoche Katharinas I., mit genügender Treue geschildert, doch macht
sich hier noch ein Element unliebsam bemerkbar: das sentimentale
Räsonnement. Gleichfalls der Adel, diesmal aber der städtische
Beamtenadel, ist das Milieu, in dem Gribojedows »Verstand schafft
Leiden« spielt, diese geniale Satire, aber keineswegs auch geniale
Komödie. Auch hier erscheint die Wahrheit in einer gewissen Verzerrung:
ein Zugeständnis an die literarischen Traditionen der französischen
Vorbilder.
Im »Revisor« endlich betritt die russische Beamtenwelt die Bühne. Auf
den Gegenstand dieser Komödie waren die Zuschauer schon in gewissem
Sinne vorbereitet durch eine Reihe von freilich recht farblosen Stücken,
in denen die Schriftsteller des XVIII. und der ersten Hälfte des XIX.
Jahrhunderts die Korruption gegeißelt und moralische Tiraden gegen die
Bestechlichkeit zum besten gegeben hatten. Der »Revisor« überragt alle
diese Stücke um Haupteslänge, schon deshalb, weil die in ihm
gezeichneten Typen wirkliche lebendige Menschen waren, denen der
Zuschauer jederzeit -- wenn auch nicht allen zugleich, so doch in
einzelnen Repräsentanten -- in seiner nächsten Nachbarschaft begegnen
konnte. Nach Gogol war es Ostrowski, der in seinen Dramen den
Kaufmannsstand auf die Bühne brachte und so das Gemälde des russischen
Lebens um einige bedeutsame Typen bereicherte. Das waren die drei
»finsteren Reiche« -- die Welt des _Adels_, des _Beamtentums_ und des
_Kaufmannsstandes_, die von nun ab den Russen von der Bühne herab an
jene dunklen Seiten der Wirklichkeit mahnten, die er stets zu
idealisieren geneigt war. In letzter Zeit ist diese Reihe noch um ein
neues Gemälde vermehrt und vervollständigt worden -- um das Bild der
dunkelen Welt des niederen Volkes: in dem Drama »Die Macht der
Finsternis« von Tolstoi.
In seiner Komödie schwang Gogol die Geißel des Spottes über eine ganze
Kategorie gesellschaftlicher Mißstände und Laster, die mächtig in das
soziale Leben eingriffen: er brachte die Dummheit, die Gemeinheit und
Hohlheit der Administration auf die Bühne und strafte die offizielle
Welt, indem er sie dem Spott und Hohn eines Windbeutels, des hohlsten
aller Schwätzer preisgab, und sie durch ihn brandschatzen ließ. Zu guter
Letzt aber stellte er sie vor ihren gesetzlichen Richter und sandte
ihnen einen Gendarmen, der sie zur Vernunft bringen sollte. Die Komödie
bleibt in ihrem ersten Akt streng objektiv und sachlich, im letzten
freilich drängt sich die Moral recht deutlich vor. Der Polizeimeister
erscheint in seiner ganzen Dummheit, gibt sich selbst dem Gelächter und
der Verachtung preis und geizt nicht mit starken Worten zu seiner
eigenen Charakteristik. Der Gendarm erscheint, wie im letzten Akt des
Tartüffe, als der Vertreter des Gesetzes zur Beschwichtigung und
Beruhigung der Zuschauer; er erinnert sie daran, daß das Auge der
Regierung beständig wacht, auch dann noch, wenn man glaubt, daß es
schlafe. Aber der außerordentliche künstlerische Takt des Dichters hat
es so einzurichten verstanden, daß die Moral die Wahrheit der
Situationen und die Lebendigkeit der Typen nicht beeinträchtigte. Bis
dahin waren es die Zuschauer gewöhnt, mitten in der Handlung allerhand
erhebende und erbauliche Reden von der Bühne zu vernehmen, im »Revisor«
aber fehlten diese Reden vollständig. Diese Komödie war eine völlig
neue, originale Tat; sie paßte in keine der bekannten Formen der
dramatischen Kunst hinein, denn sie war weder eine sentimentale Komödie,
noch eine Posse, noch ein moralisches Schauspiel.
Dieses Werk trug seinem Schöpfer einen großen Schmerz und
viele Enttäuschungen ein, denn es regte die heftigsten und
leidenschaftlichsten Anklagen gegen ihn auf. Er suchte Rettung und
Heilung von seiner geistigen Schwermut und der Gereiztheit gegen seine
Mitbürger in einer Reise. Dies war das ständige Mittel Gogols, das er
gegen seine Melancholie und gegen seine geistige Müdigkeit anwandte, und
es wirkte in der Tat weit sicherer und unfehlbarer als alle Medikamente.
Diese Neigung zum Wandern, zum Wechsel des Aufenthaltes war in seiner
romantischen Veranlagung begründet. In dieser Beziehung hatte er viel
Ähnlichkeit mit einem jener Schwärmer, die von Sehnsucht, Melancholie
oder Grimm getrieben, ihre Heimat verließen, um den Ufern eines neuen
fernen Vaterlandes zuzustreben. Auch Gogol besaß solch ein fernes
Vaterland, obwohl er Rußland mit einer geradezu abgöttischen Liebe
liebte, und sich unter fremden Menschen nie wohl fühlte. Er hatte noch
eine andere große Liebe: Italien.
Gogol hat oft über seine Leidenschaft für das Wandern und Reisen
gegrübelt, und nach Gründen gesucht, um sein Nomadenleben zu
rechtfertigen; er begründete sie mit seiner Krankheit, die ihm einen
häufigen Wechsel des Klimas zur Notwendigkeit machte, und mit dem rein
geistigen Bedürfnis des Künstlers, der eine Distanz zwischen sich, den
Menschen und dem Leben suchte, wenn er sie in seinen Werken zur
Darstellung bringen wollte. Zuweilen freilich, wenn er in längeren
Abständen wieder nach Rußland zurückkehrte, fühlte er etwas wie
Gewissensbisse und ein mächtiges Anschwellen der Liebe zu seiner Heimat;
aber diese Gefühle blieben ohnmächtig gegenüber dem unklaren Drange, der
ihn in die Ferne zog. Seine Seele trug die Spuren jener Krankheit an
sich, die einst zu Beginn des Jahrhunderts im Westen herrschte, die
Menschen von der Heimat losriß und sie zu fernen Gestaden hintrieb --
jene Krankheit an der ein Byron und ein Chateaubriand litten, und für
die Schubert in seinem Liede »Der Wanderer«, dem Lieblingslied aller
russischen Jünglinge und Jungfrauen der dreißiger Jahre einen so
wundervollen musikalischen Ausdruck fand.
Allein was Gogol von seiner fünfjährigen Reise im Auslande (von
1836-1841) mitbrachte, war weder ein pessimistisches Tagebuch, noch ein
sentimentales Epos. Er brachte den ersten Teil der »Toten Seelen« mit:
einen Roman oder eine Dichtung, in der der junge russische Realismus
seinen höchsten Triumph feierte. Es war der letzte Sieg, den Gogol im
Felde der Dichtung erringen sollte.