Hoffmann. Jesus Christus! (Er stürzt davon.)

Helene allein.

Sie sieht sich um und ruft leise: _Alfred! Alfred!_ und dann, als sie

keine Antwort erhält, in schneller Folge: _Alfred! Alfred!_ Dabei ist

sie bis zur Thür des Wintergartens geeilt, durch die sie spähend blickt.

Dann ab in den Wintergarten. Nach einer Weile erscheint sie wieder.

_Alfred!_ Immer unruhiger werdend, am Fenster, durch das sie

hinausblickt: _Alfred!_ Sie öffnet das Fenster und steigt auf einen

davor stehenden Stuhl. In diesem Augenblick klingt deutlich vom Hofe

herein das Geschrei des betrunkenen, aus dem Wirtshaus heimkehrenden

Bauern, ihres Vaters. _Dohie hä! biin iich nee a hibscher Moan? Hoa'

iich nee a hibsch Weib? Hoa' iich nee a poar hibsche Tächter dohie hä?_

Helene stößt einen kurzen Schrei aus und rennt wie gejagt nach der

Mittelthür. Von dort aus entdeckt sie den Brief, welchen Loth auf dem

Tisch zurückgelassen. Sie stürzt sich darauf, reißt ihn auf und

durchfliegt ihn, einzelne Worte aus seinem Inhalt laut hervorstoßend:

»_Unübersteiglich!_« ... »_Niemals wieder!_« Sie läßt den Brief fallen,

wankt. Zu Ende! Rafft sich auf, hält sich den Kopf mit beiden Händen,

kurz und scharf schreiend. _Zu En--de!_ Stürzt ab durch die Mitte. Der

Bauer draußen, schon aus geringerer Entfernung: _Dohie hä? iis ernt's

Gittla ne mei--ne? Hoa' iich ne a hibsch Weib? Bin iich nee a hibscher

Moan?_ Helene, immer noch suchend, wie eine halb Irrsinnige aus dem

Wintergarten hereinkommend, trifft auf Eduard, der etwas aus Hoffmann's

Zimmer zu holen geht. Sie redet ihn an. _Eduard!_ Er antwortet.

_Gnädiges Fräulein?_ Darauf sie: _Ich möchte ... möchte den Herrn Dr.

Loth_ ... Eduard antwortet: _Herr Dr. Loth sind in des Herrn Dr.

Schimmelpfennig's Wagen fortgefahren!_

Damit verschwindet er im Zimmer Hoffmann's. _Wahr!_ stößt Helene hervor

und hat einen Augenblick Mühe aufrecht zu stehen. Im nächsten durchfährt

sie eine verzweifelte Energie. Sie rennt nach dem Vordergrunde und

ergreift den Hirschfänger sammt Gehänge, der an dem Hirschgeweih über

dem Sopha befestigt ist. Sie verbirgt ihn und hält sich still im dunklen

Vordergrund, bis Eduard, aus Hoffmanns Zimmer kommend, zur Mittelthür

hinaus ist. Die Stimme des Bauern, immer deutlicher: _Dohie hä, biin

iich nee a hibscher Moan?_ Auf diese Laute, wie auf ein Signal hin,

springt Helene auf und verschwindet ihrerseits in Hoffmanns Zimmer. Das

Hauptzimmer ist leer, und man hört fortgesetzt die Stimme des Bauern:

Dohie hä, hoa' iich nee die schinsten Zähne, hä? Hoa' iich ne a hibsch

Gittla? _Miele_ kommt durch die Mittelthür. Sie blickt suchend umher und

ruft: _Freilein Helene!_ und wieder _Freilein Helene!_ Dazwischen die

Stimme des Bauern: _'s Gald iis mei--ne!_ Jetzt ist Miele ohne weiteres

Zögern in Hoffmanns Zimmer verschwunden, dessen Thüre sie offen läßt. Im

nächsten Augenblick stürzt sie heraus mit den Zeichen eines wahnsinnigen

Schrecks; schreiend dreht sie sich zwei -- dreimal um sich selber,

schreiend jagt sie durch die Mittelthür. Ihr ununterbrochenes Schreien,

mit der Entfernung immer schwächer werdend, ist noch einige weitere

Sekunden vernehmlich. Man hört nun die schwere Hausthüre aufgehen und

dröhnend in's Schloß fallen, das Schrittegeräusch des im Hausflur

herumtaumelnden Bauern, schließlich eine rohe, näselnde, lallende

Trinkerstimme ganz aus der Nähe durch den Raum gellen: Dohie hä! Hoa'

iich nee a poar hibsche Tächter?

Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.

Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama · 第 23 / 24 题