_Frau Spiller_ geht nach der Hausthüre. Als sie an Loth
vorbeikommt, macht sie eine tiefe Verbeugung. Ab in das Haus.
_Loth_ langsam durch den Thorweg ab. Die _Kutschenfrau_, eine
magere, abgehärmte und ausgehungerte Frauensperson, kommt
zwischen Stallgebäude und Wohnhaus hervor. Sie trägt einen großen
Topf unter ihrer Schürze versteckt und schleicht damit, sich
überall ängstlich umblickend, nach dem Kuhstall. Ab in die
Kuhstallthür. Die beiden _Mägde_, jede eine Schubkarre, hoch mit
Klee beladen, vor sich herstoßend, kommen durch den Thorweg
herein. _Beibst_, die Sense über der Schulter, die kurze Pfeife
im Munde, folgt ihnen nach. Liese hat ihre Schubkarre vor die
linke, Auguste vor die rechte Stallthür gefahren, und beide
Mädchen beginnen große Arme voll Klee in den Stall hinein zu
schaffen.
Liese (leer aus dem Stalle herauskommend). Du, Guste! de Marie iis furt.
Auguste. Joa wull doch?!
Liese. Gih nei! freu' die Kutscha-Franzen, se milkt er an Truppen Milch
ei.
Beibst (hängt seine Sense an der Wand auf). Na! doa lußt ok de Spillern
nee ernt derzune kumma.
Auguste. Oh jechtich! nee ok nee! bei Leibe nich!
Liese. A su a oarm Weib miit achta.
Auguste. Acht kleene Bälge! -- die wull'n laba.
Liese. Ne amool an Truppen Milch thun s' er ginn'n ... meschant iis
doas.
Auguste. Wu milkt sie denn?
Liese. Ganz derhinga, de neumalke Fenus!
Beibst (stopft seine Pfeife; den Tabaksbeutel mit den Zähnen
festhaltend, nuschelt er). De Marie wär' weg?
Liese. Ju, ju, 's iis fer gewiß! -- der Pfaarknecht hot gle bein er
geschloofa.
Beibst (den Tabaksbeutel in die Tasche steckend). Amool wiil jedes! --
au' de Frau. (Er zündet sich die Pfeife an, darauf durch den
Haupteingang ab. Im Abgehen.) Ich gih a wing frihsticka!
Die Kutschenfrau (den Topf voll Milch vorsichtig unter der Schürze,
guckt aus der Stallthür heraus). Sitt ma Jemanda?
Liese. Koanst kumma, Kutschen, ma sitt ken'n. Kumm! kumm schnell!
Kutschenfrau (im Vorübergehen zu den Mägden). Ok fersch Pappekindla!
Liese (ihr nachrufend). Schnell! S' kimmt Jemand. (_Kutschenfrau_
zwischen Wohnhaus und Stallung ab.)
Auguste. Blußig ok inse Frele.
Die Mägde räumen nun weiter die Schubkarren ab und schieben sie,
wenn sie leer sind, unter den Thorweg, hierauf beide ab in den
Kuhstall.
Loth und Helene kommen zum Thorweg herein.
Loth. Widerlicher Mensch! dieser Kahl, -- frecher Spion!
Helene. In der Laube vorn, glaub ich ... (Sie gehen durch das Pförtchen
in das Gartenstückchen links vorn und in die Laube daselbst.) Es ist
mein Lieblingsplatz. -- Hier bin ich noch am ungestörtesten, wenn ich
mal was lesen will.
Loth. Ein hübscher Platz hier. -- Wirklich! (Beide setzen sich, ein
wenig von einander getrennt, in der Laube nieder. Schweigen. Darauf
Loth.) Sie haben so sehr schönes und reiches Haar, Fräulein!
Helene. Ach ja, mein Schwager sagt das auch. Er meinte, er hätte es kaum
so gesehen -- auch in der Stadt nicht ... Der Zopf ist oben so dick wie
mein Handgelenk ... Wenn ich es losmache, dann reicht es mir bis zu den
Knien. Fühlen Sie mal --! Es fühlt sich wie Seide an, gelt?
Loth. Ganz wie Seide. (Ein Zittern durchläuft ihn, er beugt sich und
küßt das Haar.)
Helene (erschreckt). Ach nicht doch! Wenn ...
Loth. Helene --! War das vorhin nicht Dein Ernst?
Helene. Ach! -- ich schäme mich so schrecklich. Was habe ich nur
gemacht? -- Dir ... Ihnen an den Hals geworfen habe ich mich. -- Für was
müssen Sie mich halten ...!
Loth (rückt ihr näher, nimmt ihre Hand in die seine). Wenn Sie sich doch
_da_rüber beruhigen wollten!
Helene (seufzend). Ach, das müßte Schwester Schmittgen wissen .... ich
sehe gar nicht hin!
Loth. Wer ist Schwester Schmittgen?
Helene. Eine Lehrerin aus der Pension.
Loth. Wie können Sie sich nur über Schwester Schmittgen Gedanken machen!
Helene. Sie war sehr gut ....! (Sie lacht plötzlich heftig in sich
hinein.)
Loth. Warum lachst Du denn so auf einmal?
Helene (zwischen Pietät und Laune). Ach! .. Wenn sie auf dem Chor stand
und sang ... Sie hatte nur noch einen einzigen, langen Zahn .... da
sollte es immer heißen: Tröste, tröste mein Volk! und es kam immer
heraus: 'Röste, 'röste mein Volk! Das war zu drollig .... da mußten wir
immer so lachen .... wenn sie so durch den Saal .... 'röste! 'röste!
(Sie kann sich vor Lachen nicht lassen, Loth ist von ihrer Heiterkeit
angesteckt. Sie kommt ihm dabei so lieblich vor, daß er den Augenblick
benutzen will, den Arm um sie zu legen. Helene wehrt es ab.) Ach nein
doch ....! Ich habe mich Dir .... Ihnen an den Hals geworfen.
Loth. Ach! sagen Sie doch nicht so etwas.
Helene. Aber ich bin nicht schuld, Sie haben sich's selbst
zuzuschreiben. Warum verlangen Sie .....
Loth legt nochmals seinen Arm um sie, zieht sie fester an sich.
Anfangs sträubt sie sich ein wenig, dann giebt sie sich drein und
blickt nun mit freier Glückseligkeit in Loth's glücktrunkenes
Gesicht, das sich über das ihre beugt. Unversehens, aus einer
gewissen Schüchternheit heraus küßt sie ihn zuerst auf den Mund.
Beide werden roth, dann giebt Loth ihr den Kuß zurück; lang,
innig, fest drückt sich sein Mund auf den ihren. Ein Geben und
Nehmen von Küssen ist eine Zeit hindurch die einzige Unterhaltung
-- stumm und beredt zugleich -- der beiden. Loth spricht dann
zuerst.
Loth. Lene, nicht? Lene heißt Du hier so?
Helene (küßt ihn) ... Nenne mich anders ... Nenne mich, wie Du gern
möcht'st.
Loth. Liebste! ............
Das Spiel mit dem Küssetauschen und sich gegenseitig Betrachten
wiederholt sich.
Helene (von Loth's Armen fest umschlungen, ihren Kopf an seiner Brust
mit verschleierten, glückseligen Augen, flüstert im Ueberschwang). Ach!
-- wie schön! Wie schön --!
Loth. So mit Dir sterben!
Helene (mit Inbrunst). Leben! ... (Sie löst sich aus seinen Armen.)
Warum denn jetzt sterben? .... jetzt ...
Loth. Das mußt Du nicht falsch auffassen. Von jeher berausche ich mich
... besonders in glücklichen Momenten berausche ich mich in dem
Bewußtsein, es in der Hand zu haben, weißt Du!
Helene. Den Tod in der Hand zu haben?
Loth (ohne jede Sentimentalität). Ja! und so hat er gar nichts
Grausiges, im Gegentheil, so etwas Freundschaftliches hat er für mich.
Man ruft und weiß bestimmt, daß er kommt. Man kann sich dadurch über
alles Mögliche hinwegheben, Vergangenes -- und Zukünftiges ....
(Helenen's Hand betrachtend.) Du hast eine so wunderhübsche Hand. (Er
streichelt sie.)