Loth. Waas?! -- es ist also wirklich wahr: Sie schießen Lerchen! Nun für
diesen Unfug, Sie nichtsnutziger Bursche, verdienten Sie geohrfeigt zu
werden, verstehen Sie mich! (Er kehrt ihm den Rücken zu und geht quer
durch den Hof zurück, Beibst und den Mädchen nach. Ab.)
Kahl (starrt Loth einige Augenblicke dumm verblüfft nach, dann ballt er
die Faust verstohlen, sagt): Dukterluder! (wendet sich und verschwindet
rechts. -- Während einiger Augenblicke bleibt der Hof leer.)
_Helene_, aus der Hausthür tretend, helles Sommerkleid, großer
Gartenhut. Sie blickt sich ringsum, thut dann einige Schritte auf
den Thorweg zu, steht still und späht hinaus. Hierauf schlendert
sie rechts durch den Hof und biegt in den Weg ein, welcher nach
dem Wirthshause führt. Große Packete von allerhand Thee hängen
zum Trocknen über dem Zaune: daran riecht sie im Vorübergehen.
Sie biegt auch Zweige von den Obstbäumen und betrachtet die sehr
niedrig hängenden, rothwangigen Aepfel. Als sie bemerkt, daß Loth
vom Wirthshaus her ihr entgegen kommt, bemächtigt sich ihrer eine
noch stärkere Unruhe, so daß sie sich schließlich umwendet und
vor Loth her in den Hof zurückgeht. Hier bemerkt sie, daß der
Taubenschlag noch geschlossen ist und begiebt sich dorthin durch
das kleine Zaunpförtchen des Obstgartens. Noch damit beschäftigt,
die Leine, welche, vom Winde getrieben, irgendwo festgehakt ist,
herunter zu ziehen, wird sie von Loth, der inzwischen
herangekommen ist angeredet.
Loth. Guten Morgen, Fräulein!
Helene. Guten Morgen! -- Der Wind hat die Schnur hinaufgejagt.
Loth. Erlauben Sie! (Geht ebenfalls durch das Pförtchen, bringt die
Schnur herunter und zieht den Schlag auf. Die Tauben fliegen aus.)
Helene. Ich danke sehr.
Loth (ist durch das Pförtchen wieder herausgetreten, bleibt aber
außerhalb des Zaunes und an diesen gelehnt stehen. Helene innerhalb
desselben. Nach einer kleinen Pause.) Pflegen Sie immer so früh auf zu
sein, Fräulein?
Helene. _Das_ eben -- wollte ich Sie auch fragen.
Loth. Ich --? nein! Die erste Nacht in einem fremden Hause passirt es
mir jedoch gewöhnlich.
Helene. Wie ... kommt das?
Loth. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, es hat keinen Zweck.
Helene. Ach, wieso denn nicht?
Loth. Wenigstens keinen ersichtlichen, praktischen Zweck.
Helene. Also wenn Sie irgend etwas thun oder denken, muß es einem
praktischen Zweck dienen?
Loth. Ganz recht? Uebrigens ...
Helene. Das hätte ich von Ihnen nicht gedacht.
Loth. Was, Fräulein?
Helene. Genau das meinte die Stiefmutter, als sie mir vorgestern den
Werther aus der Hand riß.
Loth. Das ist ein dummes Buch.
Helene. Sagen Sie das nicht.
Loth. Das sage ich nochmal, Fräulein. Es ist ein Buch für Schwächlinge.
Helene. _Das_ -- kann wohl möglich sein.
Loth. Wie kommen Sie gerade auf _dieses_ Buch? Ist es Ihnen denn
verständlich?
Helene. Ich hoffe, ich ... zum Theil ganz gewiß. Es beruhigt so, darin
zu lesen. (Nach einer Pause.) Wenn's ein dummes Buch ist, wie Sie sagen,
könnten Sie mir etwas Besseres empfehlen?
Loth. Le... lesen Sie ... noa! ... kennen Sie den Kampf um Rom von Dahn?
Helene. Nein! Das Buch werde ich mir aber nun kaufen. Dient es einem
praktischen Zweck?
Loth. Einem vernünftigen Zweck überhaupt. Es malt die Menschen nicht wie
sie sind, sondern wie sie einmal werden sollen. Es wirkt vorbildlich.
Helene (mit Ueberzeugung). _Das ist schön._ (Kleine Pause, dann.)
Vielleicht geben Sie mir Auskunft, man redet so viel von Zola und Ibsen
in den Zeitungen: sind das große Dichter?
Loth. Es sind gar keine Dichter, sondern nothwendige Uebel, Fräulein.
Ich bin ehrlich durstig und verlange von der Dichtkunst einen klaren,
erfrischenden Trunk. -- Ich bin nicht krank. Was Zola und Ibsen bieten,
ist Medizin.
Helene (gleichsam unwillkürlich). Ach, dann wäre es doch vielleicht für
mich etwas.
Loth (bisher theilweise, jetzt ausschließlich in den Anblick des
thauigen Obstgartens vertieft). Es ist prächtig hier. Sehen Sie, wie die
Sonne über der Bergkuppe herauskommt. -- Viel Aepfel giebt es in Ihrem
Garten: eine schöne Ernte.
Helene. Drei Viertel davon wird auch dies Jahr wieder gestohlen werden.
Die Armuth hier herum ist zu groß.
Loth. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich das Land liebe! Leider wächst
mein Weizen zum größten Theile in der Stadt. Aber nun will ich's mal
durchgenießen, das Landleben. Unsereiner hat so 'n bischen Sonne und
Frische mehr nöthig als sonst Jemand.
Helene (seufzend). Mehr nöthig, als .... inwiefern?
Loth. Weil man in einem harten Kampfe steht, dessen Ende man nicht
erleben kann.
Helene. Stehen wir anderen _nicht_ in einem solchen Kampfe?
Loth. Nein.
Helene. Aber -- in einem Kampfe -- stehen wir doch auch?!
Loth. Natürlicherweise! aber der kann enden.
Helene. _Kann_ -- da haben Sie recht! -- und wieso kann der nicht
endigen -- der, den Sie kämpfen, Herr Loth?
Loth. Ihr Kampf, das kann nur ein Kampf sein um persönliches
Wohlergehen. Der Einzelne kann dies, so weit menschenmöglich, erreichen.
Mein Kampf ist ein Kampf um das Glück aller; sollte ich glücklich sein,
so müßten es erst alle anderen Menschen um mich herum sein; ich müßte um
mich herum weder Krankheit noch Armuth, weder Knechtschaft noch
Gemeinheit sehen. Ich könnte mich so zu sagen nur als letzter an die
Tafel setzen.
Helene (mit Ueberzeugung). _Dann sind Sie ja ein sehr, sehr guter
Mensch!_
Loth (ein wenig betreten). Verdienst ist weiter nicht dabei, Fräulein,
ich bin so veranlagt. Ich muß übrigens sagen, daß mir der Kampf im
Interesse des Fortschritts doch große Befriedigung gewährt. Eine Art
Glück, die ich weit höher anschlage, als die, mit der sich der gemeine
Egoist zufrieden giebt.
Helene. Es giebt wohl nur sehr wenige Menschen, die so veranlagt sind.
-- Es muß ein Glück sein, mit solcher Veranlagung geboren zu sein.
Loth. Geboren wird man wohl auch nicht damit. Man kommt dazu durch die
Verkehrtheit unserer Verhältnisse, scheint mir; -- nur muß man für das
Verkehrte einen Sinn haben: _das_ ist es! Hat man den und leidet man so
bewußt unter den verkehrten Verhältnissen, dann wird man mit
Nothwendigkeit zu dem, was ich bin.
Helene. Wenn ich Sie nur besser .... welche Verhältnisse nennen Sie zum
Beispiel verkehrt?
Loth. Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines
Angesichts Arbeitende hungert und der Faule im Ueberflusse leben darf.
-- Es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im
Krieg zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst,
wie es die Soldaten thun, mit einem Menschenabschlachtungs-Instrument,
wie es der Degen oder der Säbel ist, an der Seite stolz herumzulaufen.
Den Henker, der das mit dem Beile thäte, würde man zweifelsohne
steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion
der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei
ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächtern heranzubilden. Dies sind
einige unter Millionen, müssen Sie bedenken. Es kostet Mühe, sich durch
alle diese Verkehrtheiten hindurchzuringen; man muß früh anfangen.
Helene. Wie sind Sie denn nur so auf alles dies gekommen? Es ist so
einfach und doch kommt man nicht darauf.
Loth. Ich mag wohl durch meinen Entwickelungsgang darauf gekommen sein,
durch Gespräche mit Freunden, durch Lecture, durch eigenes Denken.
Hinter die erste Verkehrtheit kam ich als kleiner Junge. Ich log mal
sehr stark und bekam dafür die schrecklichsten Prügel von meinem Vater.
Kurz darauf fuhr ich mit ihm auf der Eisenbahn, und da merkte ich, daß
mein Vater auch log und es für ganz selbstverständlich hielt, zu lügen;
ich war damals fünf Jahre und mein Vater sagte dem Schaffner, ich sei
noch nicht vier, der freien Fahrt halber, welche Kinder unter vier
Jahren genießen. Dann sagte der Lehrer auch mal: sei fleißig, halt Dich
brav, dann wird es Dir auch unfehlbar gut gehen im Leben. Der Mann
lehrte uns eine Verkehrtheit, dahinter kam ich sehr bald. Mein Vater war
brav, ehrlich, durch und durch bieder, und ein Schuft, der noch jetzt
als reicher Mann lebt, betrog ihn um seine paar Tausend Thaler. Bei eben
diesem Schuft, der eine große Seifenfabrik besaß, mußte mein Vater
sogar, durch die Noth getrieben, in Stellung treten.
Helene. Unsereins wagt es gar nicht -- wagt es gar nicht, so etwas für
verkehrt anzusehen, höchstens ganz im Stillen empfindet man es. Man
empfindet es oft sogar, und dann -- wird einem ganz verzweifelt zu Muth.
Loth. Ich erinnere mich einer Verkehrtheit, die mir ganz besonders klar
als solche vor Augen trat. Bis dahin glaubte ich: der Mord werde unter
allen Umständen als ein Verbrechen bestraft; danach wurde mir jedoch
klar, daß nur die milderen Formen des Mordes ungesetzlich sind.
Helene. Wie wäre das wohl ....
Loth. Mein Vater war Siedemeister, wir wohnten dicht an der Fabrik,
unsere Fenster gingen auf den Fabrikhof. Da sah ich auch noch manches
außerdem. Es war ein Arbeiter, der fünf Jahre in der Fabrik gearbeitet
hatte. Er fing an stark zu husten und abzumagern ... ich weiß, wie uns
mein Vater bei Tisch erzählte: Burmeister -- so hieß der Arbeiter --
bekommt die Lungenschwindsucht, wenn er noch länger bei der
Seifenfabrikation bleibt. Der Doktor hat es ihm gesagt. -- Der Mann
hatte acht Kinder, und ausgemergelt wie er war, konnte er nirgends mehr
Arbeit finden. Er _mußte_ also in der Seifenfabrik bleiben, und der
Prinzipal that sich viel darauf zu gute, daß er ihn beibehielt. Er kam
sich unbedingt äußerst human vor. -- Eines Nachmittags, im August, es
war eine furchtbare Hitze, da quälte er sich mit einer Karre Kalk über
den Fabrikhof. -- Ich sah gerade aus dem Fenster, da merke ich, wie er
still steht -- wieder still steht und schließlich schlägt er lang auf
die Steine. -- Ich lief hinzu -- mein Vater kam, andere Arbeiter kamen,
aber er röchelte nur noch, und sein ganzer Mund war voll Blut. Ich half
ihn ins Haus tragen. Ein Haufe kalkiger, nach allerhand Chemikalien
stinkender Lumpen war er; bevor wir ihn im Hause hatten, war er schon
gestorben.
Helene. Ach, schrecklich ist das.
Loth. Kaum acht Tage später zogen wir seine Frau aus dem Fluß, in den
die verbrauchte Lauge unserer Fabrik abfloß. -- Ja, Fräulein! wenn man
dies alles kennt, wie ich es _jetzt_ kenne -- glauben Sie mir! -- dann
läßt es einem keine Ruhe mehr. Ein einfaches Stückchen Seife, bei dem
sich in der Welt sonst Niemand etwas denkt, ja, ein paar rein
gewaschene, gepflegte Hände schon können einen in die bitterste Laune
versetzen.
Helene. Ich hab auch mal so was gesehen. Hu! schrecklich war das,
_schrecklich_!
Loth. Was?
Helene. Der Sohn von einem Arbeitsmann wurde halbtodt hier
hereingetragen. Es ist nun ... drei Jahre vielleicht ist es her.
Loth. War er verunglückt?
Helene. Ja, drüben im Bärenstollen.
Loth. Ein Bergmann also?
Helene. Ja, die meisten jungen Leute hier herum gehen auf die Grube. --
Ein zweiter Sohn desselben Vaters war auch Schlepper und ist auch
verunglückt.
Loth. Beide todt?
Helene. Beide todt .... Einmal riß etwas an der Fahrkunst, das andere
Mal waren es schlagende Wetter. -- Der alte Beibst hat aber noch einen
dritten Sohn, der fährt auch seit Ostern ein.
Loth. Was Sie sagen! -- hat er nichts dawider?
Helene. Gar nichts, nein! Er ist nur jetzt noch weit mürrischer als
früher. Haben Sie ihn nicht schon gesehen?
Loth. Wieso ich?
Helene. Er saß ja heut früh nebenan, unter der Durchfahrt.
Loth. Ach! -- wie? .. Er arbeitet hier im Hofe?
Helene. Schon seit Jahren.
Loth. Er hinkt?
Helene. Ziemlich stark sogar.
Loth. Soosoo. -- Was ist ihm denn da passirt, mit dem Bein?
Helene. Das ist 'ne heikle Geschichte. Sie kennen doch den Herrn Kahl?
... da muß ich Ihnen aber ganz nahe kommen. Sein Vater, müssen Sie
wissen, war genau so ein Jagdnarr wie er. Er schoß hinter den
Handwerksburschen her, die auf den Hof kamen, wenn auch nur in die Luft,
um ihnen Schrecken einzujagen. Er war auch sehr jähzornig, wissen Sie;
wenn er getrunken hatte, erst recht. Nu hat wohl der Beibst mal
gemuckscht -- er muckscht gern, wissen Sie, -- und da hat der Bauer die
Flinte zu packen gekriegt und ihm eine Ladung gegeben. Beibst, wissen
Sie, war nämlich früher beim Nachbar Kahl für Kutscher.
Loth. Frevel über Frevel, wohin man hört.
Helene (immer unsicherer und erregter). Ich hab auch schon manchmal so
bei mir gedacht .... sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid
gethan --: der alte Beibst und ..... Wenn die Bauern so roh und dumm
sind wie der -- wie der Streckmann, der -- läßt seine Knechte hungern
und füttert die Hunde mit Conditorzeug. Hier bin ich wie dumm, seit ich
aus der Pension zurück bin ... Ich hab auch mein Päckchen! -- aber ich
rede ja wohl Unsinn, -- es interessirt Sie ja gar nicht -- Sie lachen
mich im Stillen bloß aus.
Loth. Aber Fräulein, wie können Sie nur .... weshalb sollte ich Sie denn
....
Helene. Nun, etwa nicht? Sie denken doch: die ist auch nicht besser wie
die Anderen hier.
Loth. Ich denke von Niemand schlecht, Fräulein!
Helene. Das machen Sie mir nicht weis .... nein, nein!
Loth. Aber Fräulein! wann hatte ich Ihnen Veranlassung ...
Helene (nahe am Weinen). Ach, reden Sie doch nicht! Sie verachten uns,
verlassen Sie sich d'rauf -- Sie müssen uns ja doch verachten, --
(weinerlich) -- den Schwager mit, _mich_ mit. _Mich_ vor allen Dingen
und dazu, da -- zu haben Sie wahr... wahrhaftig auch Grund. (Sie wendet
Loth schnell den Rücken und geht, ihrer Bewegung nicht mehr Herr, durch
den Obstgarten nach dem Hintergrunde zu ab. Loth tritt durch das
Pförtchen und folgt ihr langsam.)
Frau Krause (in überladener Morgentoilette, puterroth im Gesicht, aus
der Hausthür, schreit). Doas Loaster vu Froovulk! Marie! Ma--rie!! unter
men'n Dache? Weg muß doas Froovulk! (Sie rennt über den Hof und
verschwindet in der Stallthür. _Frau Spiller_, mit Häkelarbeit,
erscheint in der Hausthür. Im Stalle hört man Schimpfen und Heulen.)
Frau Krause (die heulende Magd vor sich hertreibend, aus dem Stall). Du
Hurenfroovulk Du! -- (Die Magd heult stärker) -- uuf der Stelle 'naus!
Sich Deine sieba Sacha z'samma und dann 'naus! (Helene, mit rothen Augen
kommt durch den Thorweg, bemerkt die Scene und steht abwartend still.)
Die Magd (entdeckt Frau Spiller, wirft Schemel und Milchgelte weg und
geht wüthend auf sie zu). Doas biin iich Ihn'n schuldig! Doas war iich
Ihn'n eitränka!! (Sie rennt schluchzend davon, die Bodentreppe hinauf.
Ab.)
Helene (zu Frau Krause tretend). Was hat sie denn gemacht?
Frau Krause (grob). Gieht's Diich oan, Goans?
Helene (heftig, fast weinend). Ja, mich geht's an.
Frau Spiller (schnell hinzutretend). Mein gnädiges Fräulein, so etwas
ist nicht für das Ohr eines jungen Mädchens wie ...
Frau Krause. Worum ok ne goar, Spillern! die iis au ne vu Marzepane.
Mit'n Grußknecht zusoamma gelah'n hot se ei en Bette. Do wißt de's.
Helene (in befehlendem Tone). Die Magd wird aber _doch_ bleiben.
Frau Krause. Weibsstück!
Helene. Gut! dann will ich dem Vater erzählen, daß Du mit Kahl Wilhelm
die Nächte ebenso verbringst.
Frau Krause (schlägt ihr eine Maulschelle). Du hust' an' Denkzettel!
Helene (todtbleich, aber noch fester). Die Magd bleibt aber _doch_,
sonst ... sonst bring ich's herum! Mit Kahl Wilhelm, Du! Dein Vetter ...
mein Bräut'jam ... Ich bring's herum.
Frau Krause (mit wankender Fassung). Wer koan doas soa'n?
Helene. Ich! Denn ich hab ihn heut Morgen aus Deinem Schlafzimmer .....
(Schnell ab ins Haus.)
Frau Krause, taumelnd, nahe einer Ohnmacht. Frau Spiller mit
Riechfläschchen zu ihr.
Frau Spiller. Gnädige Frau, gnädige Frau!
Frau Krause. Sp...illern, die Moa'd sss... sool dooblei'n.
Der Vorhang fällt schnell.
Dritter Akt.
Zeit: wenige Minuten nach dem Vorfall zwischen Helene und ihrer
Stiefmutter im Hofe. Der Schauplatz ist der des ersten Vorgangs.
_Dr. Schimmelpfennig_ sitzt, ein Recept schreibend, Schlapphut,
Zwirnhandschuhe und Stock vor sich auf der Tischplatte, an dem
Tisch links im Vordergrunde. Er ist von Gestalt klein und
gedrungen, hat schwarzes Wollhaar und einen ziemlich starken
Schnurrbart. Schwarzer Rock im Schnitt der Jägerschen
Normalröcke. Die Kleidung im Ganzen solid, aber nicht elegant.
Hat die Gewohnheit, fast ununterbrochen seinen Schnurrbart zu
streichen oder zu drehen, um so stärker, je erregter er innerlich
wird. Sein Gesichtsausdruck, wenn er mit Hoffmann redet, ist
gezwungen ruhig, ein Zug von Sarkasmus liegt um seine Mundwinkel.
Seine Bewegungen sind lebhaft, fest und eckig, durchaus
natürlich. Hoffmann, in seidenem Schlafrock und Pantoffeln, geht
umher. Der Tisch rechts im Hintergrunde ist zum Frühstück
hergerichtet. Feines Porzellan. Gebäck. Rumcaraffe etc.
Hoffmann. Herr Doktor, sind Sie mit dem Aussehen meiner Frau zufrieden?
Dr. Schimmelpfennig. Sie sieht ja ganz gut aus, warum nicht.
Hoffmann. Denken Sie, daß alles gut vorüber gehen wird?
Dr. Schimmelpfennig. Ich hoffe.
Hoffmann (nach einer Pause, zögernd). Herr Doktor, ich habe mir
vorgenommen -- schon seit Wochen -- Sie, sobald ich hierher käme, in
einer ganz bestimmten Sache um Ihren Rath zu bitten.
Dr. Schimmelpfennig, (der bis jetzt unter dem Schreiben geantwortet hat,
legt die Feder beiseite, steht auf und übergiebt Hoffmann das
geschriebene Recept). So! ... das lassen Sie wohl bald machen; -- (indem
er Hut, Handschuhe und Stock nimmt) -- über Kopfschmerz klagt Ihre Frau,
-- (in seinen Hut blickend, geschäftsmäßig) -- ehe ich es vergesse:
suchen Sie doch Ihrer Frau begreiflich zu machen, daß sie für das
kommende Lebewesen einigermaßen verantwortlich ist. Ich habe ihr bereits
selbst einiges gesagt -- über die Folgen des Schnürens.
Hoffmann. Ganz gewiß, Herr Doktor ... ich will ganz gewiß mein
Möglichstes thun, ihr ...
Dr. Schimmelpfennig (sich ein wenig linkisch verbeugend). Empfehle mich.
(Geht, bleibt wieder stehen.) Ach so! ... Sie wollten ja meinen Rath
hören. (Er blickt Hoffmann kalt an.)
Hoffmann. Ja, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit hätten ... (Nicht ohne
Affectirtheit.) Sie kennen das entsetzliche Ende meines ersten Jungen.
Sie haben es ja ganz aus der Nähe gesehen. Wie weit _ich_ damals war,
wissen Sie ja wohl auch. -- Man glaubt es nicht, dennoch: die Zeit
mildert! ... Schließlich habe ich sogar noch Grund zur Dankbarkeit, mein
sehnlichster Wunsch soll, wie es scheint, erfüllt werden. Sie werden
begreifen, daß ich alles thun muß ... Es hat mich schlaflose Nächte
genug gekostet und doch weiß ich noch nicht, noch _immer_ nicht, wie ich
es anstellen soll, um das jetzt noch ungeborene Geschöpf vor dem
furchtbaren Schicksale seines Brüderchens zu bewahren. Und das ist es,
weshalb ich Sie ...
Dr. Schimmelpfennig (trocken und geschäftsmäßig). Von seiner Mutter
trennen: Grundbedingung einer gedeihlichen Entwickelung.
Hoffmann. Also doch?! -- Meinen Sie, völlig trennen? ... Soll es auch
nicht in demselben Hause mit ihr ...?
Dr. Schimmelpfennig. Nein, wenn es Ihnen ernst ist um die Erhaltung
Ihres Kindes, dann nicht. Ihr Vermögen gestattet Ihnen ja in dieser
Beziehung die freieste Bewegung.
Hoffmann. Gott sei Dank, ja! Ich habe auch schon in der Nähe von
Hirschberg eine Villa mit sehr großem Park angekauft. Nur wollte ich
auch meine Frau ...
Dr. Schimmelpfennig (dreht seinen Bart und starrt auf die Erde. Unter
Nachdenken.) Kaufen Sie doch Ihrer Frau irgend wo anders eine Villa ...
Hoffmann (zuckt die Achseln).
Dr. Schimmelpfennig (wie vorher). Können Sie nicht -- Ihre Schwägerin --
für die Aufgabe, dieses Kind zu erziehen, interessiren?
Hoffmann. Wenn Sie wüßten, Herr Doktor, was für Hindernisse ...
außerdem: ein unerfahrenes, junges Ding ... Mutter ist doch Mutter.
Dr. Schimmelpfennig. Sie wissen meine Meinung. Empfehle mich.
Hoffmann (mit Ueberfreundlichkeit um ihn herum complimentirend).
Empfehle mich ebenfalls! Ich bin Ihnen äußerst dankbar ...
Beide ab durch die Mittelthür.
_Helene_, das Taschentuch vor den Mund gepreßt, schluchzend,
außer sich, kommt herein und läßt sich auf das Sopha links vorn
hinfallen. Nach einigen Augenblicken tritt Hoffmann,
Zeitungsblätter in den Händen haltend, abermals ein.
Hoffmann. Was ist denn _das_ --? Sag' mal, Schwägerin! soll denn das
noch lange so fort gehen? -- Seit ich hier bin, vergeht nicht ein Tag,
an dem ich Dich nicht weinen sehe.
Helene. Ach! -- was weißt Du!? -- Wenn Du überhaupt Sinn für so was
hätt'st, dann würd'st Du Dich vielmehr wundern, wenn ich mal nicht
weinte.
Hoffmann. -- Das leuchtet mir nicht ein, Schwägerin!
Helene. Mir um so mehr!
Hoffmann. ... Es muß doch wieder was passirt sein, hör' mal!
Helene (springt auf, stampft mit dem Fuße). Pfui! Pfui! ... und ich
mag's nicht mehr leiden ... Das hört auf! Ich lasse mir das nicht mehr
bieten! Ich sehe nicht ein warum ... ich ... (im Weinen erstickend).
Hoffmann. Willst Du mir denn nicht wenigstens sagen, worum sich's
handelt, damit ...
Helene (auf's Neue heftig ausbrechend). Alles ist mir egal! Schlimmer
kann's nicht kommen: -- einen Trunkenbold von Vater hat man, ein Thier
-- vor dem die .... die eigene Tochter nicht sicher ist. -- Eine
ehebrecherische Stiefmutter, die mich an ihren Galan verkuppeln möchte
.. Dieses ganze Dasein überhaupt. -- Nein --! ich sehe nicht ein, wer
mich zwingen kann, durchaus schlecht zu werden. Ich gehe fort! Ich renne
fort -- und wenn Ihr mich nicht loslaßt, dann .... Strick, Messer,
Revolver! .... mir egal! -- ich will nicht auch zum Branntwein greifen
wie meine Schwester.
Hoffmann (erschrocken, packt sie am Arm). Lene! .... Ich sag' Dir,
still! ... davon still!
Helene. Mir egal! .... mir ganz egal! -- Man ist ... man muß sich
schämen bis in die Seele 'nein. -- Man möchte was wissen, was sein, was
sein können -- und was ist man nu?
Hoffmann, (der ihren Arm noch nicht wieder losgelassen, fängt an, das
Mädchen allmählich nach dem Sopha hinzudrängen. Im Tone seiner Stimme
liegt nun plötzlich eine weichliche, übertriebene, gleichsam vibrirende
Milde.) _Lenchen_ --! Ich weiß ja recht gut, daß Du hier manches
auszustehen hast. Sei nur ruhig ...! Brauchst es mir gar nicht zu sagen.
(Er legt die Rechte liebkosend auf ihre Schulter, bringt sein Gesicht
nahe dem ihren.) Ich kann Dich gar nicht weinen sehen. Wahrhaftig! -- 's
thut mir weh. Sieh doch nur aber die Verhältnisse nicht schwärzer, als
sie sind --; und dann: -- hast Du vergessen, daß wir beide -- Du und ich
-- so zu sagen in der gleichen Lage sind? -- Ich bin in diese
Bauernatmosphäre hinein gekommen .... passe ich hinein? Genau so wenig
wie Du hoffentlich.
Helene (immer noch weinend). Hätte mein -- gutes -- M -- Muttelchen das
geahnt -- als sie .... als sie bestimmte -- daß ich in Herrnhut --
erzogen .... erzogen werden sollte. Hätte sie -- mich lieber ... mich
lieber zu Hause gelassen, dann hätte ich ... hätte ich wenigstens --
nichts Anderes kennen gelernt, wäre in dem Sumpf hier auf....
aufgewachsen --. Aber so ...
Hoffmann (hat Helene sanft auf das Sopha gezwungen und sitzt nun, eng an
sie gedrängt, neben ihr. Immer auffälliger verräth sich in seinen
Tröstungen das sinnliche Element.) Lenchen --! Sieh mich an, laß das gut
sein, tröste Dich mit mir. -- Ich brauch' Dir von Deiner Schwester nicht
zu sprechen. (Heiß und mit Innigkeit, indem er sie enger umschlingt.)
Ja, wäre sie wie _Du_ bist! ... So aber ... sag' selbst: was kann _sie_
mir sein? -- Wo lebt ein Mann, Lenchen, ein gebildeter Mann, -- (leiser)
-- dessen Frau von einer so unglückseligen Leidenschaft befallen ist? --
Man darf es gar nicht laut sagen: eine Frau -- und -- Branntwein ...
Nun, sprich, bin ich glücklicher? .... Denk an mein Fritzchen! -- Nun?
... bin ich am Ende besser dran, wie? ... (Immer leidenschaftlicher.)
Siehst Du: so hat's das Schicksal schließlich noch gut gemeint. Es hat
uns zu einander gebracht. -- Wir gehören für einander! Wir sind zu
Freunden voraus bestimmt, mit unsren gleichen Leiden. Nicht, Lenchen?
(Er umschlingt sie ganz. Sie läßt es geschehen, aber mit einem Ausdruck,
der besagt, daß sie sich zum Dulden zwingt. Sie ist still geworden und
scheint mit zitternder Spannung etwas zu erwarten, irgend eine
Gewißheit, eine Erfüllung, die unfehlbar herankommt.)
Hoffmann (zärtlich). Du solltest meinem Vorschlag folgen, solltest dies
Haus verlassen, bei uns wohnen. -- Das Kindchen, das kommt, braucht eine
Mutter. -- Komm! sei Du ihm das; -- (leidenschaftlich gerührt,
sentimental) -- sonst hat es eben keine Mutter. Und dann: -- bring ein
wenig, nur ein ganz, ganz klein wenig Licht in mein Leben. _Thuu's! --
thu -- 's!_ (Er will seinen Kopf an ihre Brust lehnen. Sie springt auf,
empört. In ihren Mienen verräth sich Verachtung, Ueberraschung, Ekel,
Haß.)
Helene. Schwager! Du bist, Du bist ... Jetzt kenn ich Dich durch und
durch. Bisher hab ich's nur so dunkel gefühlt. Jetzt weiß ich's ganz
gewiß.
Hoffmann (überrascht, fassungslos). Was ...? Helene ... -- einzig,
wirklich.
Helene. Jetzt weiß ich ganz gewiß, daß Du nicht um ein Haar besser bist
.... was denn! schlechter bist Du, der schlecht'ste von allen hier!
Hoffmann (steht auf, mit angenommener Kälte). Dein Betragen heut ist
sehr eigenthümlich, weißt Du!
Helene (tritt nahe zu ihm). Du gehst doch nur auf das eine Ziel los.
(Halblaut in sein Ohr.) Aber Du hast ganz andere Waffen als Vater und
Stiefmutter oder der ehrenfeste Herr Bräutigam, ganz andere. Gegen Dich
gehalten sind sie Lämmer, alle mit 'nander. Jetzt, jetzt auf einmal,
jetzt eben ist mir das sonnenklar geworden.
Hoffmann (in erheuchelter Entrüstung). Lene! Du bist .... Du bist nicht
bei Trost, das ist ja heller Wahn.... (Er unterbricht sich, schlägt sich
vor den Kopf.) Gott, wie wird mir denn auf einmal, natürlich! ... Du
hast .... es ist freilich noch sehr früh am Tage, aber ich wette, Du
hast .... Helene, Du hast heut früh schon mit Alfred Loth geredet.
Helene. Weshalb sollte ich denn nicht mit ihm geredet haben? Es ist ein
Mann, vor dem wir uns alle verstecken müßten vor Scham, wenn es mit
rechten Dingen zuginge.
Hoffmann. Also wirklich! ... Ach sooo! .... na jaaa! .. allerdings ...
da darf ich mich weiter nicht wundern -- So, so, so, hat also die
Gelegenheit benützt, über seinen Wohlthäter 'n bischen herzuziehen. Man
sollte immer auf dergleichen gefaßt sein, freilich!
Helene. Schwager! das ist nun geradezu _gemein_.
Hoffmann. Finde ich beinah auch!
Helene. Kein Sterbenswort, nicht ein Sterbenswort hat er gesagt über
Dich.
Hoffmann (ohne darauf einzugehen). Wenn die Sachen _so_ liegen, dann ist
es geradezu meine Pflicht, ich sage, meine Pflicht, als Verwandter,
einem so unerfahrenen Mädchen gegenüber wie Du bist .....
Helene. Unerfahrenes Mädchen --? Wie Du mir vorkommst!
Hoffmann (aufgebracht). Auf meine Verantwortung ist Loth hier in's Haus
gekommen. Nun mußt Du wissen: -- er ist -- gelinde gesprochen -- ein
höchst ge--fähr--licher Schwärmer, dieser Herr Loth.
Helene. Daß Du das von Herrn Loth sagst, hat für mich so etwas --
Verkehrtes -- etwas lächerlich Verkehrtes.
Hoffmann. Ein Schwärmer, der die Gabe hat, nicht nur Weibern, sondern
auch _vernünftigen_ Leuten die Köpfe zu verwirren.
Helene. Siehst Du: _wieder_ so eine Verkehrtheit! Mir ist es nach den
wenigen Worten, die ich mit Herrn Loth geredet habe, so wohlthuend klar
im Kopfe ....
Hoffmann (im Tone eines Verweises). Was ich Dir sage, ist durchaus
nichts Verkehrtes.
Helene. Man muß für das Verkehrte einen Sinn haben, und den hast Du eben
nicht.
Hoffmann (wie vorher). Davon ist jetzt nicht die Rede. Ich erkläre Dir
nochmals, daß ich Dir nichts Verkehrtes sage, sondern etwas, was ich
Dich bitten muß, als thatsächlich wahr hinzunehmen .... Ich habe es an
mir erfahren: er benebelt einem den Kopf, und dann schwärmt man von
Völkerverbrüderung, von Freiheit und Gleichheit, setzt sich über Sitte
und Moral hinweg .... Wir wären damals um dieser Hirngespinste willen --
weiß der Himmel -- über die Leichen unserer Eltern hinweggeschritten, um
zum Ziele zu gelangen. Und er, sage ich Dir, würde erforderlichen Falls
noch heute dasselbe thun.
Helene. Wie viele Eltern mögen wohl alljährlich über die Leichen ihrer
Kinder schreiten, ohne daß Jemand ....
Hoffmann (ihr in die Rede fallend). Das ist Unsinn! Da hört _alles_ auf!
... Ich sage Dir, nimm Dich vor ihm in Acht, in jeder .... ich sage ganz
ausdrücklich, in _jeder_ Beziehung. -- Von moralischen Skrupeln ist da
keine Spur.
Helene. Ne, wie verkehrt dies nun wieder ist. Glaub' mir, Schwager,
fängt man erst mal an d'rauf zu achten .... es ist so schrecklich
interessant .....
Hoffmann. Sag' doch, was Du willst, gewarnt bist Du nun. Ich will Dir
nur noch ganz im Vertrauen mittheilen: ein Haar, und ich wäre damals
durch ihn und mit ihm greulich in die Tinte gerathen.
Helene. Wenn dieser Mensch so gefährlich ist, warum freutest Du Dich
denn gestern so aufrichtig, als ....
Hoffmann. Gott ja, er ist eben ein Jugendbekannter! Weißt Du denn, ob
nicht ganz bestimmte Gründe vorlagen ....
Helene. Gründe? Wie denn?
Hoffmann. Nur so. -- Käme er allerdings heut und wüßte ich, was ich
jetzt weiß --
Helene. Was weißt Du denn nur? Ich sagte Dir doch bereits, er hat kein
Sterbenswort über Dich verlauten lassen.
Hoffmann. -- Verlaß Dich d'rauf! Ich hätte mir's zweimal überlegt und
mich wahrscheinlich sehr in Acht genommen, ihn hier zu behalten. Loth
ist und bleibt 'n Mensch, dessen Umgang compromittirt. Die Behörden
haben ihn im Auge.
Helene. Ja, hat er denn ein Verbrechen begangen?
Hoffmann. Sprechen wir lieber darüber nicht. Laß es Dir genug sein,
Schwägerin, wenn ich Dir die Versicherung gebe: mit Ansichten, wie er
sie hat, in der Welt umherzulaufen, ist heutzutage weit schlimmer und
vor allem gefährlicher als stehlen.
Helene. Ich will's mir merken. -- Nun aber -- Schwager! hörst Du? Frag'
mich nicht -- wie ich nach Deinen Reden über Herrn Loth noch von _Dir_
denke. -- Hörst Du?
Hoffmann (cynisch kalt). Denkst Du denn wirklich, daß mir so ganz
besonders viel daran liegt das zu wissen? (Er drückt den Klingelknopf.)
Uebrigens höre ich ihn da eben hereinkommen.
Loth tritt ein.
Hoffmann. Nun --? gut geschlafen, alter Freund?
Loth. Gut, aber nicht lange. Sag' doch mal: ich sah da vorhin Jemand aus
dem Haus kommen, einen Herrn.
Hoffmann. Vermuthlich der Doktor, der soeben hier war. Ich erzählte Dir
ja ... dieser eigenthümliche Mischmasch von Härte und Sentimentalität.
Helene verhandelt mit Eduard, der eben eingetreten ist. Er geht
ab und servirt kurz darauf Thee und Kaffee.
Loth. Dieser Mischmasch, wie Du Dich ausdrückst, sah nämlich einem alten
Universitätsfreunde von mir furchtbar ähnlich -- ich hätte schwören
können, daß er es sei -- einem gewissen Schimmelpfennig.
Hoffmann (sich am Frühstückstisch niederlassend). Nu ja, ganz recht:
Schimmelpfennig!
Loth. Ganz recht? Was?
Hoffmann. Er heißt in der That Schimmelpfennig.
Loth. Wer? Der Doktor hier?
Hoffmann. Du sagtest es doch eben. Ja, der Doktor.
Loth. Dann .... das ist aber auch wirklich wunderlich! Unbedingt ist
er's dann.
Hoffmann. Siehst Du wohl, schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu
Lande. Du nimmst mir's nicht übel, wenn ich anfange; wir wollten uns
nämlich gerade zum Frühstück setzen. Bitte, nimm Platz! Du hast doch
wohl nicht schon irgendwo gefrühstückt?
Loth. Nein!
Hoffmann. Nun dann, also. (Er rückt, selbst sitzend, Loth einen Stuhl
zurecht. Hierauf zu Eduard, der mit Thee und Kaffee kommt.) Ae! wird ..
e .. meine Frau Schwiegermama nicht kommen?
Eduard. Die gnädige Frau und Frau Spiller werden auf ihrem Zimmer
frühstücken.
Hoffmann. Das ist aber doch noch nie ....
Helene (das Service zurechtrückend). Laß nur! Es hat seinen Grund.
Hoffmann. Ach so .. Loth! lang' zu .... ein Ei? Thee?
Loth. Könnte ich vielleicht lieber ein Glas Milch bekommen?
Hoffmann. Mit dem größten Vergnügen.
Helene. Eduard! Miele soll frisch einmelken.
Hoffmann (schält ein Ei ab). Milch -- brrr! mich schüttelt's. (Salz und
Pfeffer nehmend.) Sag' mal, Loth, was führt Dich eigentlich in unsre
Gegend? Ich hab' bisher ganz vergessen, Dich danach zu fragen.
Loth (bestreicht eine Semmel mit Butter). Ich möchte die hiesigen
Verhältnisse studiren.
Hoffmann (mit einem Aufblick). Bitte ...? ... was für Verhältnisse?
Loth. Präcise gesprochen: ich will die Lage der hiesigen Bergleute
studiren.
Hoffmann. Ach, die ist im Allgemeinen doch eine sehr gute.
Loth. Glaubst Du? -- Das wäre ja übrigens recht schön .... Doch eh ich's
vergesse: Du mußt mir dabei einen Dienst leisten. Du kannst Dich um die
Volkswirthschaft sehr verdient machen, wenn ....
Hoffmann. Ich? I! wieso ich?
Loth. Nun, Du hast doch den Verschleiß der hiesigen Gruben?
Hoffmann. Ja! und was dann?
Loth. Dann wird es Dir auch ein Leichtes sein, mir die Erlaubniß zur
Besichtigung der Gruben auszuwirken. Das heißt: ich will mindestens vier
Wochen lang täglich einfahren, damit ich den Betrieb einigermaßen kennen
lerne.
Hoffmann (leichthin). Was Du da unten zu sehen bekommst, willst Du dann
wohl schildern?
Loth. Ja. Meine Arbeit soll vorzugsweise eine descriptive werden.
Hoffmann. Das thut mir nun wirklich leid, mit der Sache habe ich gar
nichts zu thun. -- Du willst bloß über die Bergleute schreiben, wie?
Loth. Aus dieser Frage hört man, daß Du kein Volkswirthschaftler bist.
Hoffmann (in seinem Dünkel gekränkt). Bitte _sehr_ um Entschuldigung! Du
wirst mir wohl zutrauen ..... Warum? Ich sehe nicht ein, wieso man diese
Frage nicht thun kann? -- und schließlich: es wäre kein Wunder ....
Alles kann man nicht wissen.
Loth. Na, beruhige Dich nur, die Sache ist einfach die: wenn ich die
Lage der hiesigen Bergarbeiter studiren will, so ist es unumgänglich,
auch alle die Verhältnisse, welche diese Lage bedingen, zu berühren.
Hoffmann. In solchen Schriften wird mitunter schauderhaft übertrieben.
Loth. Von diesem Fehler gedenke ich mich frei zu halten.
Hoffmann. Das wird sehr löblich sein. (Er hat bereits mehrmals und jetzt
wiederum mit einem kurzen und prüfenden Blick Helenen gestreift, die mit
naiver Andacht an Loth's Lippen hängt, und fährt nun fort.) Doch .... es
ist urkomisch, wie einem so was ganz urplötzlich in den Sinn kommt. Wie
so was im Gehirn nur vor sich gehen mag?
Loth. Was ist Dir denn auf einmal in den Sinn gekommen?
Hoffmann. Es betrifft Dich. -- Ich dachte an Deine Ver..... nein, es ist
am Ende tactlos, in Gegenwart von einer jungen Dame von Deinen
Herzensgeheimnissen zu reden.
Helene. Ja, dann will ich doch lieber ....
Loth. Bitte sehr, Fräulein! .. _bleiben_ Sie ruhig, meinetwegen
wenigstens -- ich merke längst, worauf er hinaus will. Ist auch durchaus
nichts Gefährliches. (Zu Hoffmann.) Meine Verlobung, nicht wahr?
Hoffmann. Wenn Du selbst darauf kommst, ja! -- Ich dachte in der That an
Deine Verlobung mit Anna Faber.
Loth. Die ging auseinander -- naturgemäß -- als ich damals in's
Gefängniß mußte.
Hoffmann. Das war aber nicht hübsch von Deiner .....
Loth. Es war jedenfalls ehrlich von ihr! Ihr Absagebrief enthielt ihr
wahres Gesicht; hätte sie mir dies Gesicht früher gezeigt, dann hätte
sie sich selbst und auch mir manches ersparen können.
Hoffmann. Und seither hat Dein Herz nicht irgendwo festgehakt?
Loth. Nein.
Hoffmann. Natürlich! Nun: Büchse in's Korn geworfen -- heirathen
verschworen! verschworen wie den Alkohol! Was? Uebrigens _chacun à son
goût_.
Loth. Mein Geschmack ist es eben nicht, aber vielleicht mein Schicksal.
Auch habe ich Dir, soviel ich weiß, bereits einmal gesagt, daß ich in
Bezug auf das Heirathen nichts verschworen habe; was ich fürchte, ist:
daß es keine Frau geben wird, die sich für mich eignet.
Hoffmann. Ein großes Wort, Lothchen!
Loth. Im Ernst! -- Mag sein, daß man mit den Jahren zu kritisch wird und
zu wenig gesunden Instinkt besitzt. Ich halte den Instinkt für die beste
Garantie einer geeigneten Wahl.
Hoffmann (frivol). Der wird sich schon noch mal wiederfinden --
(lachend) -- der Instinkt nämlich.
Loth. -- Schließlich, was kann ich einer Frau bieten? Ich werde immer
mehr zweifelhaft, ob ich einer Frau zumuthen darf, mit dem kleinen
Theile meiner Persönlichkeit vorlieb zu nehmen, der nicht meiner
Lebensarbeit gehört -- dann fürchte ich mich auch vor der Sorge um die
Familie.
Hoffmann. Wa... was? -- vor der Sorge um die Familie? Kerl! hast Du denn
nicht Kopf, Arme, he?
Loth. Wie Du siehst. Aber ich sagte Dir ja schon, meine Arbeitskraft
gehört zum größten Theil meiner Lebensaufgabe und wird ihr immer zum
größten Theil gehören: sie ist also nicht mehr mein. Ich hätte außerdem
mit ganz besonderen Schwierigkeiten ....
Hoffmann. Pst! klingelt da nicht Jemand?
Loth. Du hältst das für Phrasengebimmel?
Hoffmann. Ehrlich gesprochen, es klingt etwas hohl! Unser einer ist
schließlich auch kein Buschmann, trotzdem man verheirathet ist. Gewisse
Menschen geberden sich immer, als ob sie ein Privilegium auf alle in der
Welt zu vollbringenden guten Thaten hätten.
Loth (heftig). Gar nicht! -- denk ich gar nicht d'ran! -- Wenn Du von
Deiner Lebensaufgabe nicht abgekommen wärst, so würde das an Deiner
glücklichen materiellen Lebenslage mitliegen.
Hoffmann (mit Ironie). Dann wäre das wohl auch eine Deiner Forderungen.
Loth. Wie? Forderungen? was?
Hoffmann. Ich meine: Du würdest bei einer Heirath auf Geld sehen.
Loth. Unbedingt.
Hoffmann. Und dann giebt es -- wie ich Dich kenne -- noch eine lange
Zaspel anderer Forderungen.
Loth. Sind vorhanden! Leibliche und geistige Gesundheit der Braut zum
Beispiel ist _conditio sine qua non_.
Hoffmann (lachend). Vorzüglich! Dann wird ja wohl vorher eine ärztliche
Untersuchung der Braut nothwendig werden. -- Göttlicher Hecht!
Loth (immer ernst). Ich stelle aber auch an mich Forderungen, mußt Du
nehmen.
Hoffmann (immer heiterer). Ich weiß, weiß! ... wie Du mal die Literatur
über Liebe durchgingst, um auf das Gewissenhafteste festzustellen ob
das, was Du damals für irgend eine Dame empfandest, auch wirklich Liebe
sei. Also sag' doch mal noch einige Deiner Forderungen.
Loth. Meine Frau müßte zum Beispiel entsagen können.
Helene. -- Wenn ... wenn .... Ach! ich will lieber nicht reden ... ich
wollte nur sagen: die Frau ist doch im Allgemeinen an's Entsagen
gewöhnt.
Loth. Um's Himmels willen! Sie verstehen mich durchaus falsch. So ist
das Entsagen nicht gemeint. Nur in sofern verlange ich Entsagung, oder
besser, nur auf den Theil meines Wesens, der meiner Lebensaufgabe
gehört, müßte sie freiwillig und mit Freuden verzichten. Nein, nein! im
Übrigen soll meine Frau fordern und immer fordern -- alles was ihr
Geschlecht im Laufe der Jahrtausende eingebüßt hat.
Hoffmann. Au! au! au! ... Frauenemancipation! -- wirklich Deine
Schwenkung war bewunderungswürdig -- nun bist Du im rechten Fahrwasser.
Fritz Loth, oder der Agitator in der Westentasche! ... Wie würdest Du
denn hierin Deine Forderungen formuliren, oder besser: wie weit müßte
Deine Frau emancipirt sein? -- Es amüsirt mich wirklich Dich anzuhören
-- Cigarren rauchen? Hosen tragen?
Loth. Das nun weniger -- aber -- sie müßte allerdings über gewisse
gesellschaftliche Vorurtheile hinaus sein. Sie müßte zum Beispiel nicht
davor zurückschrecken zuerst -- falls sie nämlich wirklich Liebe zu mir
empfände -- das bewußte Bekenntniß abzulegen.
Hoffmann (ist mit frühstücken zu Ende. Springt auf, in halb ernster,
halb komischer Entrüstung.) Weißt Du? das ... das ist ... eine geradezu
_unverschämte_ Forderung! mit der Du allerdings auch -- wie ich Dir
hiermit prophezeihe -- wenn Du nicht etwa vorziehst sie fallen zu
lassen, bis an Dein Lebensende herumlaufen wirst.
Helene (mit schwer bewältigter, innerer Erregung). Ich bitte die Herren
mich jetzt zu entschuldigen -- die Wirthschaft ... Du weißt, Schwager:
Mama ist in der Stube und da ...
Hoffmann. Laß Dich nicht abhalten.
Helene verbeugt sich; ab.
Hoffmann (mit dem Streichholzetui nach dem Cigarrenkistchen, das auf dem
Buffet steht, zuschreitend). Das muß wahr sein ... Du bringst einen in
Hitze, ... ordentlich unheimlich. (Nimmt eine Cigarre aus der Kiste und
läßt sich dann auf das Sopha links vorn nieder. Er schneidet die Spitze
der Cigarre ab und hält während des Folgenden die Cigarre in der linken,
das abgetrennte Spitzchen zwischen den Fingern der rechten Hand.) Bei
alledem ... es amüsirt doch. Und dann: Du glaubst nicht, wie wohl es
thut, so'n paar Tage auf dem Lande, abseit von den Geschäften,
zuzubringen. Wenn nur nicht heute dies verwünschte ... wie spät ist es
denn eigentlich? Ich muß nämlich leider Gottes heute zu einem Essen nach
der Stadt. -- Es war unumgänglich: dies Diner mußte ich geben. Was soll
man machen als Geschäftsmann? -- Eine Hand wäscht die andere. Die
Bergbeamten sind nun mal d'ran gewöhnt. -- Na! eine Cigarre kann man
noch rauchen -- in aller Gemüthsruhe. (Er trägt das Spitzchen nach dem
Spucknapf, läßt sich dann abermals auf das Sopha nieder und setzt seine
Cigarre in Brand.)
Loth (am Tisch; blättert stehend in einem Prachtwerk). Die Abenteuer des
Grafen Sandor.
Hoffmann. Diesen Unsinn findest Du hier bei den meisten Bauern
aufliegen.
Loth (unter dem Blättern). Wie alt ist eigentlich Deine Schwägerin?
Hoffmann. Im August einundzwanzig gewesen.
Loth. Ist sie leidend?
Hoffmann. Weiß nicht. - Glaube übrigens nicht -- macht sie Dir den
Eindruck? --
Loth. Sie sieht allerdings mehr verhärmt als krank aus.
Hoffmann. Na ja! die Scheerereien mit der Stiefmutter ...
Loth. Auch ziemlich reizbar scheint sie zu sein!?
Hoffmann. Unter solchen Verhältnissen ...... Ich möchte den sehen, der
unter solchen Verhältnissen nicht reizbar werden würde ...
Loth. Viel Energie scheint sie zu besitzen.
Hoffmann. Eigensinn!
Loth. Auch Gemüth, nicht?
Hoffmann. Zu viel mitunter .......
Loth. Wenn die Verhältnisse hier so mißlich für sie sind -- warum lebt
Deine Schwägerin dann nicht in _Deiner_ Familie?
Hoffmann. Frag' sie, warum! -- Oft genug hab ich ihr's angeboten.
Frauenzimmer haben eben ihre Schrullen. (Die Cigarre im Munde, zieht
Hoffmann ein Notizbuch und summirt einige Posten.) Du nimmst es mir doch
wohl nicht übel, wenn ich ... wenn ich Dich dann allein lassen muß?
Loth. Nein, gar nicht.
Hoffmann. Wie lange gedenkst Du denn noch ...?
Loth. Ich werde mir bald nachher eine Wohnung suchen. Wo wohnt denn
eigentlich Schimmelpfennig? Am besten, ich gehe zu ihm. Der wird mir
gewiß etwas vermitteln können. Hoffentlich findet sich bald etwas
Geeignetes, sonst würde ich die nächste Nacht im Gasthaus nebenan
zubringen.
Hoffmann. Wieso denn? Natürlich bleibst Du dann bis morgen bei uns.
Freilich, ich bin selbst nur Gast in diesem Hause -- sonst würde ich
Dich natürlich auffordern ... Du begreifst ...!
Loth. Vollkommen! ...
Hoffmann. Aber sag' doch mal -- sollte das wirklich Dein Ernst gewesen
sein ....?
Loth. Daß ich die nächste Nacht im Gast....?
Hoffmann. Unsinn! ... Bewahre! Was Du vorhin sagtest, meine ich. Die
Geschichte da -- mit Deiner vertrackten descriptiven Arbeit?
Loth. Weshalb nicht?
Hoffmann. Ich muß Dir gestehen, ich hielt es für Scherz. (Er erhebt
sich, vertraulich, halb und halb im Scherz.) Wie? Du solltest wirklich
fähig sein, hier ... gerade hier, wo ein Freund von Dir glücklich festen
Fuß gefaßt hat, den Boden zu unterwühlen?
Loth. Mein Ehrenwort, Hoffmann! Ich hatte keine Ahnung davon, daß Du
Dich hier befändest. Hätte ich das gewußt ....
Hoffmann (springt auf, hocherfreut). Schon gut! schon gut! Wenn die
Sachen _so_ liegen .... siehst Du, das freut mich _aufrichtig_, daß ich
mich nicht in Dir getäuscht habe. Also, Du weißt es nun, und
selbstredend erhältst Du die Kosten der Reise und alles, was drum und
dran baumelt, von mir vergütet. Ziere Dich nicht! Es ist einfach meine
Freundespflicht .... Daran erkenne ich meinen alten, biederen Loth!
Denke mal an: ich hatte Dich wirklich eine Zeit lang ernstlich im
Verdacht .... Aber nun muß ich Dir auch ehrlich sagen, so schlecht, wie
ich mich zuweilen hinstelle, bin ich keineswegs. Ich habe Dich immer
hochgeschätzt, Dich und Dein ehrliches, consequentes Streben. Ich bin
der letzte, der gewisse, -- leider, leider mehr als berechtigte
Ansprüche der ausgebeuteten, unterdrückten Massen nicht gelten läßt. --
Ja, lächle nur, ich gehe sogar so weit zu bekennen, daß es im Reichstag
nur _eine_ Partei giebt, die Ideale hat: und das ist dieselbe, der Du
angehörst! .... Nur -- wie gesagt -- langsam! langsam! -- nichts
überstürzen. Es kommt alles, kommt alles, wie es kommen soll. Nur
Geduld! Geduld ....
Loth. Geduld muß man allerdings haben. Deshalb ist man aber noch nicht
berechtigt, die Hände in den Schooß zu legen!
Hoffmann. Ganz meine Ansicht! -- Ich hab' Dir überhaupt in Gedanken weit
öfter zugestimmt als mit Worten. Es ist 'ne Unsitte, ich geb's zu. Ich
hab' mir's angewöhnt, im Verkehr mit Leuten, die ich nicht gern in meine
Karten sehen lasse .... Auch in der Frauenfrage .... Du hast manches
sehr treffend geäußert. (Er ist inzwischen an's Telephon getreten, weckt
und spricht theils in's Telephon, theils zu Loth.) Die kleine Schwägerin
war übrigens ganz Ohr ... (In's Telephon.) Franz! In zehn Minuten muß
angespannt sein ... (Zu Loth.) Es hat ihr Eindruck gemacht ... (In's
Telephon.) Was? -- ach was, Unsinn! -- Na, da hört doch aber ..... Dann
schirren Sie schleunigst die Rappen an ..... (Zu Loth.) Warum sollte es
ihr keinen Eindruck machen? ... (In's Telephon.) Gerechter Strohsack,
zur Putzmacherin sagen Sie? Die gnädige Frau .... die gnä... Ja -- na
ja! aber sofort -- na ja! -- ja! -- schön! Schluß! (Nachdem er darauf
den Knopf der Hausklingel gedrückt, zu Loth.) Wart' nur ab, Du! Laß mich
nur erst den entsprechenden Monetenberg aufgeschichtet haben, vielleicht
geschieht dann etwas ... (Eduard ist eingetreten.) Eduard! Meine
Gamaschen, meinen Gehrock! (Eduard ab.) Vielleicht geschieht dann etwas,
was Ihr mir alle jetzt nicht zutraut .... Wenn Du in zwei oder drei
Tagen -- bis dahin wohnst Du unbedingt bei uns -- ich müßte es sonst als
eine grobe Beleidigung ansehen -- (er legt den Schlafrock ab) -- in zwei
bis drei Tagen also, wenn Du abzureisen gedenkst, bringe ich Dich mit
meiner Kutsche zur Bahn.
Eduard mit Gehrock und Gamaschen tritt ein.
Hoffmann (indem er sich den Rock überziehen läßt). So! (Auf einen Stuhl
niedersitzend.) Nun die Stiefel! (Nachdem er einen derselben angezogen.)
Das wäre einer!
Loth. Du hast mich doch wohl nicht ganz verstanden.
Hoffmann. Ach ja! das ist leicht möglich. Man ist so raus aus all den
Sachen. Nur immer lederne Geschäftsangelegenheiten. Eduard! ist denn
noch keine Post gekommen? Warten Sie mal! -- Gehen Sie doch mal in mein
Zimmer! Auf dem Pult links liegt ein Schriftstück mit blauem Deckel,
bringen Sie's raus in die Wagentasche. (Eduard ab in die Thür rechts,
dann zurück und ab durch die Mittelthür.)
Loth. Ich meine ja nur: Du hast mich in _einer Beziehung_ nicht
verstanden.
Hoffmann (sich immer noch mit dem zweiten Schuh herumquälend). Upsa!
.... So! (Er steht auf und tritt die Schuhe ein.) Da wären wir. Nichts
ist unangenehmer als enge Schuhe ..... Was meintest Du eben?
Loth. Du sprachst von meiner Abreise .....
Hoffmann. Nun?
Loth. Ich habe Dir doch bereits gesagt, daß ich um eines ganz bestimmten
Zweckes willen hier am Ort bleiben muß.
Hoffmann (auf's Äußerste verblüfft und entrüstet zugleich). Hör' mal
....! Das ist aber beinahe _nichts_würdig! -- Weißt Du denn nicht, was
Du mir als Freund schuldest?
Loth. Doch wohl nicht den Verrath meiner Sache!?
Hoffmann (außer sich). Nun, dann ... dann habe ich auch nicht die
kleinste Veranlassung, Dir gegenüber als Freund zu verfahren. Ich sage
Dir also: daß ich Dein Auftreten hier -- gelinde gesprochen -- für
_fabelhaft_ dreist halte.
Loth (sehr ruhig). Vielleicht erklärst Du mir, was Dich berechtigt, mich
mit dergleichen Epitheta .....
Hoffmann. Das soll ich Dir auch noch erklären? Da hört eben
_verschiedenes_ auf! Um so was nicht zu fühlen, muß man Rhinoceroshaut
auf dem Leibe haben! Du kommst hierher, genieß'st meine
Gastfreundschaft, drisch'st mir ein paar Schock Deiner abgegriffnen
Phrasen vor, verdrehst meiner Schwägerin den Kopf, schwatzest von alter
Freundschaft und so was gut's und dann erzählst Du ganz naiv: Du
wolltest eine descriptive Arbeit über hiesige Verhältnisse verfertigen.
Ja, für was _hältst_ Du mich denn eigentlich? Meinst Du vielleicht, ich
wüßte nicht, daß solche sogenannte Arbeiten nichts als schamlose
Pamphlete sind? ... Solch eine Schmähschrift willst Du schreiben und
zwar über unseren Kohlendistrict. Solltest Du denn wirklich nicht
begreifen, wen diese Schmähschrift am allerschärfsten schädigen müßte?
Doch nur _mich_! -- Ich sage: man sollte Euch das Handwerk noch
gründlicher legen, als es bisher geschehen ist, Volksverführer! die Ihr
seid! Was thut Ihr? Ihr macht den Bergmann unzufrieden, anspruchsvoll,
reizt ihn auf, erbittert ihn, macht ihn aufsässig, ungehorsam,
unglücklich, spiegelt ihm goldene Berge vor und grapscht ihm unter der
Hand seine _paar_ Hungerpfennige aus der Tasche.
Loth. Erachtest Du Dich nun als demaskirt?
Hoffmann (roh). Ach was! Du lächerlicher, gespreizter Tugendmeier! Was
mir das wohl ausmacht, vor Dir demaskirt zu sein! -- Arbeite lieber! Laß
Deine albernen Faseleien! -- Thu was! Komm zu was! Ich brauche Niemand
um zweihundert Mark anzupumpen. (Schnell ab durch die Mittelthür.)
Loth sieht ihm einige Augenblicke ruhig nach, dann greift er,
nicht minder ruhig, in seine Brusttasche, zieht ein Portefeuille
und entnimmt ihm ein Stück Papier (den Chec Hoffmann's), das er
mehrmals durchreißt, um die Schnitzel dann langsam in den
Kohlenkasten fallen zu lassen. Hierauf nimmt er Hut und Stock und
wendet sich zum Gehen. Jetzt erscheint _Helene_ auf der Schwelle
des Wintergartens.
Helene (leise). Herr Loth!
Loth (zuckt zusammen, wendet sich). Ah! Sie sind es. -- Nun -- dann --
kann ich _Ihnen_ doch wenigstens ein Lebewohl sagen.
Helene (unwillkürlich). War Ihnen das Bedürfniß?
Loth. Ja! -- es war mir Bedürfniß --! Vermuthlich -- wenn Sie da drin
gewesen sind -- haben Sie den Auftritt hier mit angehört -- und dann
.....
Helene. Ich habe alles mit angehört.
Loth. Nun -- dann -- wird es Sie nicht in Erstaunen setzen, wenn ich
dieses Haus so ohne Sang und Klang verlasse.
Helene. N -- nein! -- ich begreife --! ..... Vielleicht kann's Sie
milder gegen ihn stimmen ... mein Schwager bereut immer sehr schnell.
Ich hab's oft ...
Loth. Ganz möglich --! Vielleicht gerade deshalb aber ist das, was er
über mich sagte, seine wahre Meinung von mir. -- Es ist sogar unbedingt
seine wahre Meinung.
Helene. Glauben Sie das im Ernst?
Loth. Ja! -- im Ernst! Also .... (Er geht auf sie zu und giebt ihr die
Hand.) Leben Sie recht glücklich! (Er wendet sich und steht sogleich
wieder still.) Ich weiß nicht ....! oder besser: -- (Helenen klar und
ruhig ins Gesicht blickend) -- ich weiß, weiß erst seit ... seit diesem
Augenblick, daß es mir nicht ganz leicht ist, von hier fortzugehen ....
und .... ja ... und ... na ja!
Helene. Wenn ich Sie aber -- recht schön bäte .... recht sehr ... noch
weiter hier zu bleiben --?
Loth. Sie theilen also nicht die Meinung Ihres Schwagers?
Helene. Nein! -- und das -- wollte ich Ihnen unbedingt ... unbedingt
noch sagen, bevor ... bevor -- Sie -- gingen.
Loth (ergreift abermals ihre Hand). Das thut mir _wirklich_ wohl.
Helene (mit sich kämpfend. In einer sich schnell bis zur Bewußtlosigkeit
steigernden Erregung. Mühsam hervorstammelnd.) Auch noch mehr w--ollte
ich Ihnen ... Ihnen sagen, nämlich ... näm--lich, daß -- ich Sie sehr
hoch--achte und -- verehre -- wie ich bis jetzt .... bis jetzt noch --
keinen Mann ...., daß ich Ihnen -- vertraue, -- daß ich be--reit bin,
das ..... das zu beweisen -- daß ich -- etwas für -- Dich, Sie fühle ...
(Sinkt ohnmächtig in seine Arme.)
Loth. Helene!
Vorhang fällt schnell.
Vierter Akt.
Wie im zweiten Akt: der Gutshof. Zeit: eine Viertelstunde nach
Helenens Liebeserklärung.
_Marie_ und _Golisch_, der Kuhjunge, schleppen sich mit einer
hölzernen Lade die Bodentreppe herunter. Loth kommt reisefertig
aus dem Hause und geht langsam und nachdenklich quer über den
Hof. Bevor er in den Wirthshaussteg einbiegt, stößt er auf
_Hoffmann_, der mit ziemlicher Eile durch den Hofeingang ihm
entgegenkommt.
Hoffmann, (Cylinder, Glacéhandschuhe). Sei mir nicht böse. (Er verstellt
Loth den Weg und faßt seine beiden Hände.) Ich nehme hiermit alles
zurück! ... Nenne mir eine Genugthuung! ... Ich bin zu jeder Genugthuung
bereit! .... Ich bereue, bereue alles aufrichtig.
Loth. Das hilft Dir und mir wenig.
Hoffmann. Ach! -- wenn Du doch ... sieh mal ....! Mehr kann man doch
eigentlich nicht thun. Ich sage Dir: mein Gewissen hat mir keine Ruhe
gelassen! Dicht vor Jauer bin ich umgekehrt, .... daran solltest Du doch
schon erkennen, daß es mir Ernst ist. -- Wo wolltest Du hin ....?
Loth. In's Wirthshaus -- einstweilen.
Hoffmann. Ach, das darfst Du mir nicht anthun ...! Das thu mir nur nicht
an! Ich glaube ja, daß es Dich tief kränken mußte. 'S ist ja auch
vielleicht nicht so -- mit ein paar Worten wieder gut zu machen. Nur
nimm mir nicht jede Gelegenheit .... jede Möglichkeit, Dir zu beweisen
.... hörst Du? Kehr um! .... Bleib wenigstens bis ... bis morgen. Oder
bis ... bis ich zurückkomme. Ich muß mich noch einmal in Muße mit Dir
aussprechen darüber; -- das kannst Du mir nicht abschlagen.
Loth. Wenn Dir daran besonders viel gelegen ist ....
Hoffmann. Alles! ... auf Ehre! -- ist mir daran gelegen, alles! ....
Also komm! ... komm!! Kneif ja nicht aus! -- komm! (Er führt Loth, der
sich nun nicht mehr sträubt, in das Haus zurück. Beide ab.)
Die entlassene Magd und der Kuhjunge haben inzwischen die Lade
auf den Schubkarren gesetzt, Golisch hat die Traggurte
umgenommen.
Marie, (während sie Golisch etwas in die Hand drückt). Doo! Gooschla!
hust a woas!
Der Junge (weist es ab). Behaal' Den'n Biema!
Marie. Ae! tumme Dare!
Der Junge. Na, wegen menner. (Er nimmt das Geld und thut es in seinen
ledernen Geldbeutel.)
Frau Spiller (von einem der Wohnhausfenster aus, ruft): Marie!
Marie. Woas wullt Er noo?
Frau Spiller (nach einer Minute aus der Hausthür tretend). Die gnädige
Frau will Dich behalten, wenn Du versprichst ....
Marie. Dreck! war ich er versprecha! -- Foahr zu, Goosch!
Frau Spiller (näher tretend). Die gnädige Frau will Dir auch etwas am
Lohn zulegen, wenn Du ..... (Plötzlich flüsternd.) Mach Der nischt
draus, Moad! se werd ok manchmal so'n bisken kullerig.
Marie (wüthend). Se maag siich ihre poar Greschla fer sich behahl'n! --
(Weinerlich.) Ehnder derhingern! (Sie folgt Gosch, der mit dem
Schubkarren vorangefahren ist.) Nee, a su woas oaber oo! -- Do sool eens
do glei' ... (Ab. Frau Spiller ihr nach. Ab.)
Durch den Haupteingang kommt _Baer_, genannt Hopslabaer. Ein
langer Mensch mit einem Geierhalse und Kropfe dran. Er geht
barfuß und ohne Kopfbedeckung; die Beinkleider reichen, unten
stark ausgefranst, bis wenig unter die Knie herab. Er hat eine
Glatze; das vorhandene braune, verstaubte und verklebte Haar
reicht ihm bis über die Schulter. Sein Gang ist straußenartig. An
einer Schnur führt er ein Kinderwägelchen voll Sand mit sich.
Sein Gesicht ist bartlos, die ganze Erscheinung deutet auf einen
einige Zwanzig alten verwahrlosten Bauernburschen.
Baer (mit merkwürdig blökender Stimme). Saaa--a--and! Saa--and!
Er geht durch den Hof und verschwindet zwischen Wohnhaus und
Stallgebäude. _Hoffmann_ und _Helene_ aus dem Wohnhaus. Helene
sieht bleich aus und trägt ein leeres Wasserglas in der Hand.
Hoffmann (zu Helene). Unterhalt ihn bissel! verstehst Du? -- Laß ihn
nicht fort -- es liegt mir sehr viel daran. -- So'n beleidigter Ehrgeiz
.... Adieu! -- Ach! Soll ich am Ende nicht fahren? -- Wie geht's mit
Martha? -- Ich hab so'n eigenthümliches Gefühl, als ob's bald .....
Unsinn! -- Adieu! ... höchste Eile! (Ruft.) Franz! Was die Pferde laufen
können! (Schnell ab durch den Haupteingang.)
_Helene_ geht zur Pumpe, pumpt das leere Glas voll und leert es
auf einen Zug. Ein zweites Glas Wasser leert sie zur Hälfte. Das
Glas setzt sie dann auf das Pumpenrohr und schlendert langsam,
von Zeit zu Zeit rückwärts schauend, durch den Thorweg hinaus.
_Baer_ kommt zwischen Wohnhaus und Stallung hervor und hält mit
seinem Wagen vor der Wohnhausthür still, wo Miele ihm Sand
abnimmt. Indeß ist _Kahl_ von rechts innerhalb des Grenzzaunes
sichtbar geworden, im Gespräch mit _Frau Spiller_, die außerhalb
des Zaunes, also auf dem Terrain des Hofeingangs, sich befindet.
Beide bewegen sich im Gespräch langsam längs des Zaunes hin.
Frau Spiller (leidend). Ach ja -- m -- gnädiger Herr Kahl! Ich hab -- m
-- manchmal so an Sie -- m -- gedacht -- m -- wenn ... wenn das gnädige
Freilein ... Sie ist doch nun mal -- m -- so zu sagen -- m -- mit Sie
verlobt, und da .... ach! -- m -- zu meiner Zeit ...!
Kahl (steigt auf die Bank unter der Eiche und befestigt einen
Meisekasten auf dem untersten Ast). W -- wenn werd denn d.. dd.. doas
D... d... d... dukterluder amol sssenner W... wwwege gihn? hä?
Frau Spiller. Ach, Herr Kahl! ich glaube -- m -- nicht so bald. -- A..
ach, Herr -- m -- Kahl, ich bin zwar so zu sagen -- m -- etwas -- m --
herabjekommen, aber ich weiß so zu sagen -- m --, was Bildung ist. In
dieser Hinsicht, Herr Kahl ...., das Freilein -- m -- das gnädige
Freilein ...., das handeln nicht gut gegen Ihnen -- nein! -- m -- darin,
so zu sagen -- m -- habe ich mir nie etwas zu Schulden kommen lassen --
m -- mein Gewissen -- m -- gnädiger Herr Kahl, ist darin so rein ... so
zu sagen, wie reiner Schnee.
Baer hat sein Sandgeschäft abgewickelt und verläßt in diesem
Augenblick, an Kahl vorübergehend, den Hof.
Kahl (entdeckt Baer und ruft). Hopslabaer, hops amool!
Baer macht einen riesigen Luftsprung.
Kahl (vor Lachen wiehernd, ruft ein zweites Mal). Hopslabaer, hops
amool!
Frau Spiller. Nun da -- m -- ja, Herr Kahl! ...... ich meine es nur gut
mit Sie. Sie müssen Obacht geben -- m -- gnädiger Herr! Es -- m -- es
ist was im Gange mit dem gnädigen Fräulein und -- m -- m --
Kahl. D.. doas Dukterluder ... ok bbbblußig emool vor a Hunden -- blußig
e.. e.. e.. emool!
Frau Spiller (geheimnißvoll). Und was das nun noch -- m -- für ein
Indifidium ist. Ach -- m -- das gnädige Freilein thut mir auch _soo_
leid. Die Frau -- m -- vom Polizeidiener, die hat's vom Amte, glaub ich.
Es soll ein ganz -- m -- gefährlicher Mensch sein. Ihr Mann -- m -- soll
ihn so zu sagen -- m -- denken Sie nur, soll ihn -- m -- geradezu im
Auge behalten.
_Loth_ aus dem Hause. Sieht sich um.
Frau Spiller. Seh'n Sie, nun jeht er dem gnädigen Freilein nach -- m --.
Aa... ach, _zuu_ leid thut es einem.