Frau Spiller. Die gnädige Frau -- m -- haben heut manches häusliche
Aergerniß gehabt -- m --. Ich empfehle mich ganz ergebenst. (Sie steht
auf und betet still, unter Augenaufschlag, dann ab.)
Miele und Eduard decken den Tisch ab. Hoffmann ist aufgestanden
und kommt mit einem Zahnstocher im Mund nach dem Vordergrund,
Loth folgt ihm.
Hoffmann. Ja, siehst Du, so sind die Weiber!
Loth. Ich begreife gar nichts von alledem.
Hoffmann. Ist auch nicht der Rede werth. -- So etwas kommt wie bekannt
in den allerfeinsten Familien vor. Das darf Dich nicht abhalten ein paar
Tage bei uns ...
Loth. Hätte gern Deine Frau kennen gelernt, warum läßt sie sich denn
nicht blicken?
Hoffmann (die Spitze einer frischen Cigarre abschneidend). Du begreifst,
in ihrem Zustand ... die Frauen lassen nun mal nicht von der Eitelkeit.
Komm! wollen uns draußen im Garten bischen ergehen. -- Eduard! den
Kaffee in die Laube.
Eduard. Sehr wohl.
Hoffmann und Loth ab durch den Wintergarten. Eduard ab durch die
Mittelthür, hierauf Miele, ein Brett voll Geschirr tragend,
ebenfalls ab durch die Mittelthür. Einige Augenblicke bleibt das
Zimmer leer, dann erscheint
Helene (erregt, mit verweinten Augen, das Taschentuch vor den Mund
haltend. Von der Mittelthür, durch welche sie eingetreten ist, macht sie
hastig ein paar Schritte nach links und lauscht an der Thür von
Hoffmann's Zimmer.) Oh! nicht fort! (Da sie hier nichts vernimmt, fliegt
sie zur Thür des Wintergartens hinüber, wo sie ebenfalls mit gespanntem
Ausdruck einige Secunden lauscht. Bittend und mit gefalteten Händen
inbrünstig.) Oh! nicht fort, geh nicht fort!
Der Vorhang fällt.
Zweiter Akt.
Morgens gegen vier Uhr.
Im Wirthshaus sind die Fenster erleuchtet, ein grau-fahler
Morgenschein durch den Thorweg, der sich ganz allmählich im Laufe
des Vorgangs zu einer dunklen Röthe entwickelt, die sich dann,
eben so allmählich, in helles Tageslicht auflöst. Unter dem
Thorweg, auf der Erde sitzt _Beibst_ (etwa 60jährig) und dengelt
seine Sense. Wie der Vorhang aufgeht, sieht man kaum mehr als
seine Silhouette, die gegen den grauen Morgenhimmel absticht,
vernimmt aber das eintönige, ununterbrochene, regelmäßige
Aufschlagen des Dengelhammers auf den Dengelambos. Dieses
Geräusch bleibt während einiger Minuten allein hörbar, hierauf
die feierliche Morgenstille, unterbrochen durch das Geschrei aus
dem Wirthshaus abziehender Gäste. Die Wirthshausthür fliegt
krachend ins Schloß. Die Lichter in den Fenstern verlöschen.
Hundebellen fern, Hähne krähen laut durcheinander. Auf dem Gange
vom Wirthshaus her wird eine dunkle Gestalt bemerklich, dieselbe
bewegt sich in Zickzacklinien dem Hofe zu; es ist der Bauer
Krause, welcher wie immer als letzter Gast das Wirthshaus
verlassen hat.
Bauer Krause (ist gegen den Gartenzaun getaumelt, klammert sich mit den
Händen daran fest und brüllt mit einer etwas näselnden, betrunkenen
Stimme nach dem Wirthshaus zurück). 's Gaartla iis _mei_--ne! ... d'r
Kratsch'm iis _mei_--ne ... du Gostwerthlops! Dohie hä! (Er macht sich,
nachdem er noch einiges Unverständliche gemurmelt und geknurrt hat, vom
Zaune los und stürzt in den Hof, wo er glücklich den Sterzen eines
Pfluges zu fassen bekommt.) 's 'Gittla iis _mei_--ne. (Er quasselt halb
singend.) Trink ... ei ... Briderla, trink ... ei ... 'iderla,
Branntw... wwein ... 'acht Kurasche. Dohie hä -- (laut brüllend) -- bien
iich nee a hibscher Moan? .... Hoa iich nee a hibsch Weibla dohie hä?
... Hoa iich nee a poar hibsche Madel?
Helene (kommt hastig aus dem Hause. Man sieht, sie hat an Kleidern nur
umgenommen, soviel in aller Eile ihr möglich gewesen war.) Papa! ...
lieber Papa!! so komm doch schon. (Sie faßt ihn unterm Arm, versucht ihn
zu stützen und ins Haus zu ziehen.) K--omm doch ... nur ... schn--ell
in's Haus, komm doch n--ur schn--ell! Ach!
Bauer Krause (hat sich aufgerichtet, versucht gerade zu stehen, bringt
mit einiger Mühe und unter Zuhilfenahme beider Hände einen ledernen,
strotzenden Geldbeutel aus der Tasche seiner Hose. In dem ein wenig
helleren Morgenlichte erkennt man die sehr schäbige Bekleidung des etwa
50jährigen Mannes, die um nichts besser ist, als die des allergeringsten
Landarbeiters. Er ist im bloßen Kopf, sein graues, spärliches Haar
ungekämmt und struppig. Das schmutzige Hemd steht bis auf den Nabel
herab weit offen; an einem einzigen gestickten Hosenträger hängt die
ehemals gelbe, jetzt schmutzig glänzende, an den Knöcheln zugebundene
Lederhose; die nackten Füße stecken in einem Paar gestickter
Schlafschuhe, deren Stickerei noch sehr neu zu sein scheint. Jacke und
Weste trägt der Bauer nicht, die Hemdärmel sind nicht zugeknöpft.
Nachdem er den Geldbeutel glücklich herausgebracht hat, setzt er ihn mit
der rechten mehrmals auf die Handfläche der linken Hand, so daß das Geld
darin laut klimpert und klingt, dabei fixirt er seine Tochter mit
lascivem Blicke.) Dohie hä! 's Gald iis _mei_--neee! hä? Mech'st a poar
Thoalerla?
Helene. Ach, gr--oßer Gott! (Sie versucht mehrmals vergebens, ihn
mitzuziehen. Bei einem dieser Versuche umarmt er sie mit der Plumpheit
eines Gorillas und macht einige unzüchtige Griffe. Helene stößt
unterdrückte Hilfeschreie aus.) Gl--eich läßt Du l--os! Laß l--os!
bitte, Papa, ach! (Sie weint, schreit dann, plötzlich in äußerster
Angst, Abscheu und Wuth:) Thier, Schwein!
Sie stößt ihn von sich. Der Bauer fällt langhin auf die Erde.
Beibst kommt von seinem Platz unter dem Thorweg herbeigehinkt.
Helene und Beibst machen sich daran, den Bauer aufzuheben.
Bauer Krause (lallt). Tr--ink mei Bri'erla, tr-- ...
Der Bauer wird aufgehoben und stürzt, Beibst und Helene mit sich
reißend, in das Haus. Einen Augenblick bleibt die Bühne leer. Im
Hause hört man Lärm, Thürenschlagen. In einem Fenster wird Licht,
hierauf kommt Beibst wieder aus dem Hause. Er reißt an seiner
Lederhose ein Schwefelholz an, um die kurze Pfeife, welche ihm
fast nie aus dem Munde kommt, damit in Brand zu stecken. Als er
damit noch beschäftigt ist, schleicht _Kahl_ aus der Hausthüre.
Er ist in Strümpfen, hat sein Jaquet über dem linken Arm hängen
und trägt mit der linken Hand seine Schlafschuhe. Mit der rechten
hält er seinen Hut, mit dem Munde seinen Hemdkragen. Etwa bis in
die Mitte des Hofes gelangt, wendet er sich und sieht das Gesicht
des Beibst auf sich gerichtet. Einen Augenblick scheint er
unschlüssig, dann bringt er Hut und Hemdkragen in der Linken
unter, greift in die Hosentasche und geht auf Beibst zu, dem er
etwas in die Hand drückt.
Kahl. Do hot 'r an Thoaler .... oaber halt't Eure Gusche! (Er geht
eiligst über den Hof und steigt über den Staketenzaun rechts. Ab.)
_Beibst_ hat mittels eines neuen Streichholzes seine Pfeife
angezündet, hinkt bis unter den Thorweg, läßt sich nieder und
nimmt seine Dengelarbeit von Neuem auf. Wieder eine Zeit lang
nichts als das eintönige Aufschlagen des Dengelhammers und das
Aechzen des alten Mannes, von kurzen Flüchen unterbrochen, wenn
ihm etwas bei seiner Arbeit nicht nach Wunsch geht. Es ist um ein
Beträchtliches heller geworden.
Loth (tritt aus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut mehrere
tiefe Athemzüge). H! .. h! .. Morgenluft! (Er geht langsam nach dem
Hintergrunde zu bis unter den Thorweg. Zu Beibst.) Guten Morgen! Schon
so früh wach?
Beibst (mißtrauisch aufschielend, unfreundlich). 'Murja! (Kleine Pause,
hierauf Beibst, ohne Loth's Anwesenheit weiter zu beachten, gleichsam im
Zwiegespräch mit seiner Sense, die er mehrmals aufgebracht hin und
herreißt.) Krummes Oos! na, werd's glei?! Ekch! Himmeldunnerschlag ja!
(Er dengelt weiter.)
Loth (hat sich zwischen die Sterzen eines Exstirpators niedergelassen).
Es giebt wohl Heuernte heut?
Beibst (grob). De Äsel gihn ei's Hä itzunder.
Loth. Nun, Ihr dengelt doch aber die Sense ...?
Beibst (zur Sense). Ekch! tumme Dare.
Kleine Pause, hierauf.
Loth. Wollt Ihr mir nicht sagen, wozu Ihr die Sense scharf macht, wenn
doch nicht Heuernte ist?
Beibst. Na, -- braucht ma ernt keene Sahnse zum Futter macha?
Loth. Ach so! Futter soll also geschnitten werden.
Beibst. Woas d'n suste?
Loth. Wird das alle Morgen geschnitten?
Beibst. Na! -- sool's Viech derhingern?
Loth. Ihr müßt schon 'n bischen Nachsicht mit mir haben! Ich bin eben
ein Städter; da kann man nicht alles so genau wissen von der
Landwirthschaft.
Beibst. Die Staadter glee -- ekch! -- de Staadter, die wissa doo glee
oals besser wie de Mensche vum Lande, hä?
Loth. Das trifft bei mir nicht zu. -- Könnt Ihr mir vielleicht nicht
erklären, was das für ein Instrument ist? Ich hab's wohl schon mal wo
gesehen, aber der Name ...
Beibst. Doasjenigte, uf dan Se sitza?! Woas ma su soat Extrabater nennt
ma doas.
Loth. Richtig, ein Exstirpator; wird der hier auch gebraucht?
Beibst. Leeder Goott's, nee. -- A läßt a verludern ... a ganza Acker,
reen verludern läßt a'n, d'r Pauer. A Oarmes mecht a Flecka hoa'nn -- ei
insa Bärta wächst kee Getreide -- oaber nee, lieberscht läßt a'n
verludern! -- Nischt thit wachsa, ok blußig Seide und Quecka.
Loth. Ja, die kriegt man schon damit heraus. Ich weiß, bei den Ikariern
hatte man auch solche Exstirpatoren, um das urbar gemachte Land vollends
zu reinigen.
Beibst. Wu sein denn die I..., wie Se glei soa'n, I...
Loth. Die Ikarier? In Amerika.
Beibst. Doo gibbts an schunn a sune Dinger?
Loth. Ja freilich.
Beibst. Woas iis denn doas fer a Vulk: die I... I...
Loth. Die Ikarier? -- Es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute aus
allen Nationen, die sich zusammen gethan haben; sie besitzen in Amerika
ein hübsches Stück Land, das sie gemeinsam bewirthschaften; alle Arbeit
und allen Verdienst theilen sie gleichmäßig. Keiner ist arm, es giebt
keine Armen unter ihnen.
Beibst, (dessen Gesichtsausdruck ein wenig freundlicher geworden war,
nimmt bei den letzten Worten Loth's wieder das alte mißtrauisch
feindselige Gepräge an; ohne Loth weiter zu beachten, hat er sich
neuerdings wieder ganz seiner Arbeit zugewendet und zwar mit den
Eingangsworten): Oost vu enner Sahnse!
Loth, (immer noch sitzend, betrachtet den Alten zuerst mit einem ruhigen
Lächeln und blickt dann hinaus in den erwachenden Morgen. Durch den
Thorweg erblickt man weitgedehnte Kleefelder und Wiesenflächen;
zwischendurch schlängelt sich ein Bach, dessen Lauf durch Erlen und
Weiden verrathen wird. Am Horizonte ein einzelner Bergkegel. Allerorten
haben die Lerchen eingesetzt, und ihr ununterbrochenes Getriller schallt
bald näher, bald ferner her bis in den Gutshof herein. Jetzt erhebt sich
Loth mit den Worten:) Man muß spazieren geh'n, der Morgen ist zu
prächtig. (Er geht durch den Thorweg hinaus. -- Man hört das Klappen von
Holzpantinen. Jemand kommt sehr schnell über die Bodentreppe des
Stallgebäudes herunter: es ist _Guste_.)
Guste, (eine ziemlich dicke Magd: bloßes Mieder, nackte Arme und Waden,
die bloßen Füße in Holzpantinen. Sie trägt eine brennende Laterne.) Guda
Murja, Voater Beibst.
Beibst (brummt).
Guste (blickt, die Augen mit der Hand beschattend, durch das Thor Loth
nach). Woas iis denn doas fer enner?
Beibst (verärgert). Dar koan Battelleute zum Noarr'n hoa'nn ... dar
leugt egelganz wie a Forr... vu dan luuß der de Hucke vuul liega.
(Beibst steht auf.) Macht enk de Roawer zerecht, Madel.
Guste, (welche dabei war, ihre Waden am Brunnen abzuwaschen, ist damit
fertig und sagt, bevor sie im Innern des Kuhstalls verschwindet): Glei,
glei! Voater Beibst.
Loth (kommt zurück, giebt Beibst Geld). Da ist 'ne Kleinigkeit. Geld
kann man immer brauchen.
Beibst (aufthauend, wie umgewandelt, mit aufrichtiger Gemüthlichkeit).
Ju, ju! do ha'n Se au recht ... na da dank ich au vielmools. -- Se sein
wull d'r Besuch zum Schwiegersuhne? (Auf einmal sehr gesprächig.) Wissa
Se: wenn Se, und Se wull'n da naus gihn auf a Barch zu, wissa Se, do
haal'n Se siich links, wissa Se, zängst 'nunder links, rechts gibt's
Risse. Mei Suhn meente, 's käm do dervoone, meent' a, weil se zu
schlecht verzimmern thäten, meent' a, de Barchmoanne, 's soatzt zu wing
Luhn, meent' a, und do giht's ok a su: woas hust'de, woas koanst'de, ei
a Gruba, verstiehn Se. -- Sahn Se! -- doo! -- immer links, rechts gibt's
Lecher. Vurigtes Johr erscht iis a Putterweib, wie se ging und stoand
iis se ei's Ardreich versunka, iich wiß nee amool, _wie_ viel Kloaftern
tief. Kee Mensch wußte wuhie -- wie gesoa't, links, immer links, doo
gihn Se sicher. (Ein Schuß fällt, Beibst, wie electrisirt, hinkt einige
Schritt in's Freie.)
Loth. Wer schießt denn da schon so frühe?
Beibst. Na, war denn suste? -- d'r Junge, dar meschante Junge.
Loth. Welcher Junge denn?
Beibst. Na, Kahl-Willem -- d'r Nupperschsuhn ... Na woart ok blußig due!
Ich hoa's gesahn, a schißt meiner Gitte de Lärcha.
Loth. Ihr hinkt ja.
Beibst. Doaß 's Goot erbarm', ja. (Droht mit der Faust nach dem Felde.)
Na woart' Du! woart' Du! ...
Loth. Was habt Ihr denn mit dem Bein gemacht?
Beibst. Iich?
Loth. Ja.
Beibst. 's iis a su 'nei kumma.
Loth. Habt Ihr Schmerzen?
Beibst (nach dem Bein greifend). 'S zerrt a su, 's zerrt infamt.
Loth. Habt Ihr keinen Arzt?
Beibst. Wissa Se, -- de Dukter, doas sein Oaffa, enner wie d'r andere!
-- Blußig inse Dukter, doas iis a ticht'er Moan.
Loth. Hat er Ihnen was genützt?
Beibst. Na -- verlecht a klee wing wull au oam Ende. A hoot mer'sch Been
geknet't: sahn Se, a su geknutscht und gehackt un ... oaber nee!!
derwegen nich! -- A iis ... na kurz un gutt, a hoot mit'n aarma Mensche
a Mitleed. -- A keeft'n de Med'zin und a verlangt nischt. A kimmt zu
jeder Zeet ...
Loth. Sie müssen sich das doch aber irgendwo zugezogen haben?! Haben Sie
immer so gehinkt?
Beibst. Nich die Oahnung!
Loth. Dann verstehe ich nicht recht, es muß doch eine Ursache ...
Beibst. Weeß iich's? (Er droht wieder mit der Faust.) Woart ok Due!
woart ok mit dem Geknackse.
Kahl (erscheint innerhalb seines Gartens. Er trägt in der rechten eine
Flinte am Lauf, seine linke Hand ist geschlossen. Ruft herüber.) Guten
Morjen ooch, Herr Dukter!
Loth geht quer durch den Hof auf ihn zu. Inzwischen hat Guste
sowie eine andere Magd mit Namen Liese je eine Radwer zurecht
gemacht, worauf Harke und Dunggabel liegen. Damit fahren sie
durch den Thorweg hinaus auf's Feld, an Beibst vorüber, der nach
einigen grimmigen Blicken und verstohlenen Zornesgesten zu Kahl
hinüber seine Sense schultert und ihnen nachhumpelt. Beibst und
die Mägde ab.
Loth (zu Kahl). Guten Morgen!
Kahl. Wull'n 'S amol was hibsches sah'n? (Er streckt den Arm mit der
geschlossenen Hand über den Zaun.)
Loth (nähergehend). Was haben Sie denn da?