Kahl (grinst und dreht den Hut. Verlegenheitsstille.)

Hoffmann. Zu Tisch Kinder! Fehlt noch Jemand? Ach, die Schwiegermama.

Miele! bitten Sie Frau Krause zu Tische.

Miele ab durch die Mittelthür.

Miele (draußen im Hausflur schreiend): Frau!! -- Frau!! Assa kumma! Sie

sill'n assa kumma!

Helene und Hoffmann blicken einander an und lachen verständnißinnig,

dann blicken sie vereint auf Loth.

Hoffmann (zu Loth). Ländlich, sittlich!

Frau Krause erscheint, furchtbar aufgedonnert. Seide und

kostbarer Schmuck. Haltung und Kleidung verrathen Hoffahrt,

Dummstolz, unsinnige Eitelkeit.

Hoffmann. Ah! da ist Mama! -- Du gestattest, daß ich Dir meinen Freund

Dr. Loth vorstelle.

Frau Krause (macht einen undefinirbaren Knix). Ich bin so frei! (Nach

einer kleinen Pause.) Nein, aber auch, Herr Doktor, nahmen Sie mir's ock

bei Leibe nicht ibel! Ich muß mich zuerscht muß ich mich vor Ihn'n

vertefentiren, -- (sie spricht je länger, um so schneller) --

vertefentiren wegen meiner vorhinigten Benehmigung. Wissen Se, verstihn

Se, es komm' ein der Drehe bei uns eine so ane grußmächtige Menge

Stremer .... Se kinn's ni gleba, ma hoot mit dan Battelvulke seine liebe

Noth. A su enner, dar maust akrat wie a Ilster. Uf da Pfennig kimmt's

ins ne ernt oa, ne ock ne, ma braucht a ni dreimol rimzudrehn, an ken'n

Thoaler nich, ebb ma'n ausgibbt. De Krausa-Ludwig'n, _die_ iis geizig,

schlimmer wie a Homster egelganz, di ginnt ke'm Luder nischt. Ihrer is

gesturba aus Arjer, weil a lumpigte zwetausend ei Brassel verloern hoot.

Ne, ne! a su sein mir dorchaus nicht. Sahn Se, doas Buffett kust't mich

zwehundert Thoaler, a Transpurt ni gerechnet; na, d'r Beron Klinkow

keans au ne andersch honn.

_Frau Spiller_ ist kurz nach Frau Krause ebenfalls eingetreten.

Sie ist klein, schief und mit den zurückgelegten Sachen der Frau

Krause herausgestutzt. Während Frau Krause spricht, hält sie mit

einer gewissen Andacht die Augen zu ihr aufgeschlagen. Sie ist

etwa fünfundfünfzig Jahre alt; ihr Ausathmen geschieht jedesmal

mit einem leisen Stöhnen, welches auch, wenn sie redet,

regelmäßig wie--m--hörbar wird.

Frau Spiller (mit unterwürfigem, wehmüthig geziertem _moll_-Ton, sehr

leise). Der Baron Klinkow haben genau dasselbe Buffet--m--.

Helene (zu Frau Krause). Mama! wollen wir uns nicht erst setzen, dann

.....

Frau Krause (wendet sich blitzschnell und trifft Helene mit einem

vernichtenden Blick; kurz und herrisch). _Schickt sich doas?_ (Frau

Krause, im Begriff sich zu setzen, erinnert sich, daß das Tischgebet

noch nicht gesprochen ist und faltet mechanisch, doch ohne ihrer Bosheit

im Uebrigen Herr zu sein, die Hände.)

Frau Spiller (spricht das Tischgebet).

Komm, Herr Jesu, sei unser Gast.

Segne, was du uns bescheeret hast.

Amen.

Alle setzen sich mit Geräusch. Mit dem Zulangen und Zureichen,

welches einige Zeit in Anspruch nimmt, kommt man über die

peinliche Situation hinweg.

Hoffmann (zu Loth). Lieber Freund, Du bedienst Dich wohl?! Austern?

Loth. Nun, will probiren. Es sind die ersten Austern, die ich esse.

Frau Krause (hat soeben eine Auster geschlürft. Mit vollem Mund.) In dar

Seisong, mein'n Se woll?

Loth. Ich meine _überhaupt_.

Frau Krause und Frau Spiller wechseln Blicke.

Hoffmann (zu Kahl, der eine Citrone mit den Zähnen auspreßt). Zwei Tage

nicht gesehen, Herr Kahl! Tüchtig Mäuse gejagt in der Zeit?

Kahl. N... n.. ne!

Hoffmann (zu Loth). Herr Kahl ist nämlich ein leidenschaftlicher Jäger.

Kahl. D.. d. die M.. mm.. maus, das ist 'n in... in.. infamtes Am.. am..

amf ff.. fibium.

Helene (platzt heraus). Zu lächerlich ist das, alles schießt er todt,

Zahmes und Wildes.

Kahl. N.. nächten hab ich d.. d.. die alte Szss.. sau vu ins t.. todt

g.. g.. geschossen.

Loth. Da ist wohl schießen Ihre Hauptbeschäftigung?

Frau Krause. Herr Kahl thut's ock bloßig zum Prifatvergnigen.

Frau Spiller. Wald, Wild, Weib pflegten Seine Exellenz der Herr Minister

von Schadendorf oftmals zu sagen.

Kahl. I.. i.. iberm.. m.. murne hab'n mer T.. t.. tau.. t..

taubenschießen.

Loth. Was ist denn das: Taubenschießen?

Helene. Ach, ich kann so was nicht leiden; es ist doch nichts als eine

recht unbarmherzige Spielerei. Ungezogene Jungens, die mit Steinen nach

Fensterscheiben zielen, thun etwas Besseres.

Hoffmann. Du gehst zu weit, Helene.

Helene. Ich weiß nicht --, meinem Gefühl nach hat es weit mehr Sinn,

Fenster einzuschmeißen, als Tauben an einem Pfahl festzubinden und dann

mit Kugeln nach ihnen zu schießen.

Hoffmann. Na, Helene, -- man muß doch aber bedenken ....

Loth (irgend etwas mit Messer und Gabel schneidend). Es ist ein

schandhafter Unfug.

Kahl. Um die p. poar Tauba ....!

Frau Spiller (zu Loth). Der Herr Kahl -- m --, müssen Sie wissen, haben

zweihundert Stück im Schlage.

Loth. Die ganze Jagd ist ein Unfug.

Hoffmann. Aber ein unausrottbarer. Da werden zum Beispiel eben jetzt

wieder fünfhundert lebende Füchse gesucht; alle Förster hier herum und

auch sonst in Deutschland verlegen sich aufs Fuchsgraben.

Loth. Was macht man denn mit den vielen Füchsen?

Hoffmann. Sie kommen nach England, wo sie die Ehre haben, von Lord und

Ladys gleich vom Käfig weg zu Tode gehetzt zu werden.

Loth. Muhamedaner oder Christ, Bestie bleibt Bestie.

Hoffmann. Darf ich Dir Hummer reichen, Mama?

Frau Krause. Meinswegen, ei dieser Seisong sind se sehr gutt!

Frau Spiller. Gnädige Frau haben eine so feine Zunge -- m --!

Frau Krause (zu Loth). Hummer ha'n Sie woll auch noch nich gegassen.

Herr Dukter?

Loth. Ja, Hummer habe ich schon hin und wieder gegessen --, an der See

oben, in Warnemünde, wo ich geboren bin.

Frau Krause (zu Kahl). Gell, Wilhelm, ma weeß wirklich'n Gott manchmal

nich mee, was ma assen sull?

Kahl. J.. j.. ja, w.. w.. weeß ... weeß G.. Gott, Muhme.

Eduard (will Loth Champagner eingießen). Champagner.

Loth (hält sein Glas zu). Nein! ... danke!

Hoffmann. -- Mach' keinen Unsinn.

Helene. Wie, Sie trinken nicht?

Loth. Nein, Fräulein.

Hoffmann. Na, _hör'_ mal an: das ist aber doch ... das ist _lang_weilig.

Loth. Wenn ich tränke, würde ich noch langweiliger werden.

Helene. Das ist interessant, Herr Doktor.

Loth (ohne Tact). Daß ich langweiliger werde, wenn ich Wein trinke?

Helene (etwas betreten). Nein, ach nein, daß .... daß Sie nicht trinken

...., daß Sie überhaupt nicht trinken, meine ich.

Loth. Warum soll das interessant sein?

Helene (sehr roth werdend). Es ist .... ist nicht das Gewöhnliche. (Wird

noch röther und sehr verlegen.)

Loth (tollpatschig). Da haben Sie recht, leider.

Frau Krause (zu Loth). De Flasche kust uns fufza Mark, Sie kinn' a

dreiste trink'n. Direct vu Rheims iis a, mir satz'n Ihn gewiß nischt

Schlechtes vier, mir mieja salber nischt Schlechtes.

Frau Spiller. Ach, glauben Sie mich, -- m --, Herr Doktor, wenn Seine

Exellenz der Herr Minister von Schadendorf -- m -- so eine Tafel geführt

hätten ....

Kahl. Ohne men'n Wein kennt ich nich laben.

Helene (zu Loth). Sagen Sie uns doch, warum Sie nicht trinken!

Loth. Das kann gerne geschehen, ich ....

Hoffmann. Ae, was! alter Freund! (Er nimmt dem Diener die Flasche ab, um

nun seinerseits Loth zu bedrängen.) Denk' dran, wie manche hochfidele

Stunde wir früher mit einander ...

Loth. Nein, bitte bemühe Dich nicht, es ...

Hoffmann. Trink _heut_ mal!

Loth. Es ist alles vergebens.

Hoffmann. Mir zu Liebe!

Hoffmann will eingießen, Loth wehrt ab; es entsteht ein kleines

Handgemenge.

Loth. Nein! ... nein, wie gesagt ... nein! ... nein, danke.

Hoffmann. Aber _nimm_ mir's nicht übel ... das ist eine Marotte.

Kahl (zu Fr. Spiller). Wer nich will, dar hat schunn.

Frau Spiller (nickt ergeben).

Hoffmann. Uebrigens, des Menschen Wille ... und so weiter. So viel sage

ich nur: ohne ein Glas Wein bei Tisch ...

Loth. Ein Glas Bier zum Frühstück ...

Hoffmann. Nun ja, warum nicht? Ein Glas Bier ist was sehr gesundes.

Loth. Ein Cognac hie und da ...

Hoffmann. Na, wenn man das nicht mal haben sollte ... zum Asceten machst

Du mich nun und nimmer. Das heißt ja dem Leben allen Reiz nehmen.

Loth. Das kann ich nicht sagen. Ich bin mit den _normalen_ Reizen, die

mein Nervensystem treffen, durchaus zufrieden.

Hoffmann. Eine Gesellschaft, die trockenen Gaumens beisammen hockt, ist

und bleibt eine verzweifelt öde und langweilige --, für die ich mich im

Allgemeinen bedanke.

Frau Krause. Bei a Adlijen wird doch auch a so viel getrunk'n.

Frau Spiller (durch eine Verbeugung des Oberkörpers ergebenst

bestätigend). Es ist Schentelmen leicht viel Wein zu trinken.

Loth (zu Hoffmann). Mir geht es umgekehrt; mich _langweilt_ im

Allgemeinen eine Tafel, an der _viel_ getrunken wird.

Hoffmann. Es muß natürlich mäßig geschehen.

Loth. Was nennst Du mäßig?

Hoffmann. Nun, ... daß man noch immer bei Besinnung bleibt.

Loth. Aaah! ... also Du giebst zu: die Besinnung ist im Allgemeinen

durch den Alkohol-Genuß sehr gefährdet. -- Siehst Du! deshalb sind mir

Kneiptafeln -- langweilig.

Hoffmann. Fürchtest Du denn, so leicht Deine Besinnung zu verlieren?

Kahl. Iiii..... i.. ich habe n. n. neulich ene Flasche Rrr... r... rü..

rüd.. desheimer, ene Flasche Sssssekt get.. t.. trunken. Oben drauf d..

d.. d.. dann nnoch eine Flasche B.. b... bordeaux, aber besuffen woar

ich no n.. nich.

Loth (zu Hoffmann). Ach nein, Du weißt ja wohl, daß ich es war, der Euch

nach Hause brachte, wenn Ihr Euch übernommen hattet. Ich hab immer noch

die alte Bärennatur: nein, _deshalb_ bin ich nicht so ängstlich.

Hoffmann. Weshalb denn sonst?

Helene. Ja, warum trinken Sie denn eigentlich nicht? Bitte, sagen Sie es

doch.

Loth (zu Hoffmann). Damit Du doch beruhigt bist: ich trinke heut schon

deshalb nicht, weil ich mich ehrenwörtlich verpflichtet habe, geistige

Getränke zu meiden.

Hoffmann. Mit anderen Worten, Du bist glücklich bis zum

Mäßigkeitsvereinshelden herabgesunken.

Loth. Ich bin völliger Abstinent.

Hoffmann. Und auf wie lange, wenn man fragen darf, machst Du diese ....

Loth. Auf Lebenszeit.

Hoffmann (wirft Gabel und Messer weg und fährt halb vom Stuhle auf). Pf!

gerechter Strohsack!! (Er setzt sich wieder.) Offen gesagt, für so

kindisch ... verzeih das harte Wort.

Loth. Du kannst es gerne so benennen.

Hoffmann. Wie in aller Welt bist Du nur _darauf gekommen_?

Helene. Für so etwas müssen Sie einen sehr gewichtigen Grund haben --

denke ich mir wenigstens.

Loth. Der existirt allerdings. Sie, Fräulein! -- und Du, Hoffmann! weißt

wahrscheinlich nicht, welche furchtbare Rolle der Alkohol in unserem

modernen Leben spielt ... Lies _Bunge_, wenn Du Dir einen Begriff davon

machen willst. -- Mir ist noch gerade in Erinnerung, was ein gewisser

Everett über die Bedeutung des Alkohols für die Vereinigten Staaten

gesagt hat. -- Notabene, es bezieht sich auf einen Zeitraum von zehn

Jahren. Er meint also: der Alkohol hat direct eine Summe von 3

Milliarden und indirect von 600 Millionen Dollars verschlungen. Er hat

300000 Menschen getödtet, 100000 Kinder in die Armenhäuser geschickt,

weitere Tausende in die Gefängnisse und Arbeitshäuser getrieben, er hat

mindestens 2000 Selbstmorde verursacht. Er hat den Verlust von

mindestens 10 Millionen Dollars durch Brand und gewaltsame Zerstörung

verursacht, er hat 20000 Wittwen und schließlich nicht weniger als 1

Million Waisen geschaffen. Die Wirkung des Alkohols, das ist das

Schlimmste, äußert sich so zu sagen bis in's dritte und vierte Glied. --

Hätte ich nun das ehrenwörtliche Versprechen abgelegt, nicht zu

heirathen, dann könnte ich schon eher trinken, so aber ... meine

Vorfahren sind alle gesunde, kernige und wie ich weiß, äußerst mäßige

Menschen gewesen. Jede Bewegung, die ich mache, jede Strapaze, die ich

überstehe, jeder Athemzug gleichsam führt mir zu Gemüth, was ich ihnen

verdanke. Und dies, siehst Du, ist der Punkt: _ich bin absolut fest

entschlossen die Erbschaft, die ich gemacht habe, ganz ungeschmälert auf

meine Nachkommen zu bringen_.

Frau Krause. Du! -- Schwiegersuhn! -- inse Bargleute saufen woarhaftig

zu viel: doas muuß woar sein.

Kahl. Die saufen wie d' Schweine.

Helene. Ach, so was vererbt sich?

Loth. Es giebt Familien, die daran zu Grunde gehen, Trinkerfamilien.

Kahl (halb zu Frau Krause, halb zu Helene). Euer Aaler, dar treibt's au

a wing zu tull.

Helene (weiß wie ein Tuch im Gesicht, heftig). Ach, schwatzen Sie keinen

Unsinn!

Frau Krause. Ne, doch hier enner a su ein patziges Froovulk oa; a su ne

Prinzessen. Hängst de wieder a mol die Gnädige raus, wie? -- A su fährt

se a Zukinftigen oa. (Zu Loth, auf Kahl deutend.) 's is nämlich d'r

Zukinftige, missen Sie nahmen, Herr Dukter, 's is alles eim Renen.

Helene (aufspringend). Hör auf! oder ... _hör auf_, Mutter! oder ...

Frau Krause. Do hiert doch aber werklich ... na, do sprecha Se, Herr

Dukter, iis das wull Bildung, hä? Weeß Gott, ich hal' se wie mei egnes

Kind, aber die treib's reen zu tull.

Hoffmann (beschwichtigend). Ach, Mama! thu mir doch den Gefallen ....

Frau Krause. Neee! _groade_ -- iich sah doas nich ein -- a su ane Goans

wie die iis ... do hiert olle Gerechtigkeit uff ... su ane Titte!

Hoffmann. Mama, ich muß Dich aber wirklich doch jetzt bitten, Dich ...

Frau Krause (immer wüthender). Stats doaß doas Froovulk ei der

Wertschoft woas oagreft ... bewoare ne! Doa zeucht se an Flunsch biis

hinger beede Leffel. -- Oaber da Schillerich, oaber a Gethemoan, a sune

tummn Scheißkarle, die de nischt kinn'n als lieja: vu dan'e läßt sie

sich a Kupp verdrehn. Urnar zum Kränke krieja iis doas. (Schweigt bebend

vor Wuth.)

Hoffmann (begütigend). Nun -- sie wird ja nun wieder .... es war ja

vielleicht -- nicht ganz recht ... es ... (Giebt Helenen, die in

Erregung abseits getreten ist, einen Wink, auf den hin sich das Mädchen,

die Thränen gewaltsam zurückhaltend, wieder auf seinen Platz begiebt.)

Hoffmann (das nunmehr eingetretene peinliche Schweigen unterbrechend zu

Loth). Ja .. von was sprachen wir doch? ... Richtig! -- vom biederen

Alkohol. (Er hebt sein Glas.) Nun, Mama: Frieden! -- Komm, stoßen wir

an, -- seien wir friedlich, -- machen wir dem Alkohol Ehre, indem wir

friedlich sind. (Frau Krause, wenn auch etwas widerwillig, stößt doch

mit ihm an. Hoffmann, zu Helene gewendet.) Was, Helene?! -- Dein Glas

ist leer? ... Ei der Tausend, Loth! Du hast Schule gemacht.

Helene. Ach ... nein ... ich ...

Frau Spiller. Mein gnädiges Fräulein, so etwas läßt tief ....

Hoffmann. Aber Du warst doch sonst keine von den Zimperlichen.

Helene (batzig). Ich hab eben heut keine Neigung zum Trinken, _einfach_!

Hoffmann. Bitte, bitte, bitte _seeehr_ um Verzeihung ... Ja, von was

sprachen wir doch?

Loth. Wir sprachen davon, daß es Trinkerfamilien gäbe.

Hoffmann (aufs Neue betreten). Schon recht, schon recht, aber ...

Man bemerkt zunehmenden Aerger in dem Benehmen der Frau Krause,

während Herr Kahl sichtlich Mühe hat, das Lachen über etwas, das

ihn innerlich furchtbar zu amüsiren scheint, zurückzuhalten.

Helene beobachtet Kahl ihrerseits mit brennenden Augen und

bereits mehrmals hat sie durch einen drohenden Blick Kahl davon

zurückgehalten etwas auszusprechen, was ihm so zu sagen auf der

Zunge liegt. Loth, ziemlich gleichmüthig, mit Schälen eines

Apfels beschäftigt, bemerkt von alledem nichts.

Loth. Ihr scheint übrigens hier ziemlich damit gesegnet zu sein.

Hoffmann (nahezu fassungslos). Wieso ... mit ... mit was gesegnet?

Loth. Mit Trinkern natürlicherweise.

Hoffmann. Hm! ... meinst Du? ... ach ... jaja ..., allerdings, die

Bergleute .....

Loth. Nicht nur die Bergleute. Zum Beispiel hier in dem Wirthshaus, wo

ich abstieg, bevor ich zu Dir kam, da saß ein Kerl so: (Er stützt beide

Ellenbogen auf den Tisch, nimmt den Kopf in die Hände und stiert auf die

Tischplatte.)

Hoffmann. Wirklich? (Seine Verlegenheit hat den höchsten Grad erreicht;

Frau Krause hustet, Helene starrt noch immer auf Kahl, welcher jetzt am

ganzen Körper vor innerlichem Lachen bebt, sich aber doch noch so weit

bändigt, nicht laut herauszuplatzen.)

Loth. Es wundert mich, daß Du dieses -- Original -- könnte man beinahe

sagen, noch nicht kennst. Das Wirthshaus ist ja gleich hier nebenan das.

Mir wurde gesagt, es sei ein hiesiger steinreicher Bauer, der seine Tage

und Jahre buchstäblich in diesem selben Gastzimmer mit Schnapstrinken

zubrächte. Das reine Thier ist er natürlich. Diese furchtbar öden,

versoffenen Augen, mit denen er mich anstierte.

Kahl, der bis hierher sich zurückgehalten hat, bricht in ein

rohes, lautes, unaufhaltsames Gelächter aus, so daß Loth und

Hoffmann, starr vor Staunen, ihn anblicken.

Kahl (unter dem Lachen hervorstammelnd). Woahrhaftig! das is ja ... das

is ja woahrhaftig der ... der Alte gewesen.

Helene (ist entsetzt und empört aufgesprungen. Zerknüllt die Serviette

und schleudert sie auf den Tisch. Bricht aus.) Sie sind ... -- (macht

die Bewegung des Ausspeiens) -- _pfui_! (Sie geht schnell ab.)

Kahl (die aus dem Bewußtsein eine große Dummheit gemacht zu haben,

entstandene Verlegenheit gewaltsam abreißend). Ach woas! ... Unsinn! 's

iis ju zu tumm! -- Iich gieh menner Wege. (Er setzt seinen Hut auf und

sagt, indem er abgeht, ohne sich noch einmal umzuwenden:) 'n Obend!

Frau Krause (ruft ihm nach). Koan Der'sch nich verdenken, Willem! (Sie

legt die Serviette zusammen und ruft dabei.) Miele! (Miele kommt.) Räum

ab! (Für sich, aber doch laut.) Su ane Gans.

Hoffmann (etwas aufgebracht). Ich muß aber doch ehrlich sagen, Mama! ..

Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama · 第 6 / 24 题