Hoffmann. Wieso übertreiben?
Helene. Nun, hiermit kann man doch wenigstens drei Kinder ausstatten.
Hoffmann. Bist Du mit meiner Frau spazieren gegangen?
Helene. Was soll ich machen, wenn sie immer gleich müde wird?
Hoffmann. Ach was, immer gleich müde -- sie macht mich unglücklich! Ein
und eine halbe Stunde ... sie soll doch um Gottes Willen thun, was der
Arzt sagt. Zu was hat man denn den Arzt, wenn ...
Helene. Dann greife Du ein, schaff' die Spillern fort! Was soll ich
gegen so 'n altes Weib machen, die ihr immer nach dem Munde geht!
Hoffmann. Was denn? ... ich als Mann ... was soll ich als Mann? ... und
außerdem, Du kennst doch die Schwiegermama.
Helene (bitter). Allerdings.
Hoffmann. Wo ist sie denn jetzt?
Helene. Die Spillern stutzt sie heraus, seit Herr Loth hier ist; sie
wird wahrscheinlich zum Abendbrod wieder ihr Rad schlagen.
Hoffmann (schon wieder in eigenen Gedanken, macht einen Gang durch's
Zimmer; heftig). Es ist das letzte Mal, auf Ehre!, daß ich so etwas hier
in diesem Hause abwarte. Auf Ehre!
Helene. Ja, Du hast es eben gut, Du kannst gehen, wohin Du willst.
Hoffmann. Bei mir zu Hause wäre der unglückliche Rückfall in dies
schauderhafte Laster auch _sicher nicht_ vorgekommen.
Helene. _Mich_ mache dafür nicht verantwortlich! Von _mir_ hat sie den
Branntwein nicht bekommen. Schaff' Du nur die Spillern fort. Ich sollte
bloß 'n Mann sein.
Hoffmann (seufzend). Ach, wenn es nur erst wieder vorüber wär'! -- (In
der Thür rechts.) Also Schwägerin, Du thust mir den Gefallen: einen
recht appetitlichen Abendtisch! Ich erledige schnell noch eine
Kleinigkeit.
Helene (drückt auf den Klingelknopf, Miele kommt). Miele, decken Sie den
Tisch! Eduard soll Sekt kalt stellen und vier Dutzend Austern öffnen.
Miele (unterdrückt, batzig). Sie kinn'n 's 'm salber sagen, a nimmt
nischt oa vu mir, a meent immer: a wär ok beim Inschinnär gemit't.
Helene. Dann schick ihn wenigstens rein.
Miele ab. Helene tritt vor den Spiegel, ordnet dies und das an
ihrer Toilette; währenddeß tritt Eduard ein.
Helene (immer noch vor dem Spiegel). Eduard, stellen Sie Sekt kalt und
öffnen Sie Austern! Herr Hoffmann hat es befohlen.
Eduard. Sehr wohl, Fräulein. (Eduard ab. Gleich darauf klopft es an die
Mittelthür.)
Helene (fährt zusammen). Großer Gott! -- (Zaghaft.) Herein! -- (lauter
und fester) -- herein!
Loth (tritt ein ohne Verbeugung). Ach, um Verzeihung! -- ich wollte
nicht stören, -- mein Name ist Loth.
Helene (verbeugt sich tanzstundenmäßig).
Stimme Hoffmann's (durch die geschlossene Zimmerthür): Kinder! keine
Umstände! -- Ich komme gleich heraus. Loth! es ist meine Schwägerin
Helene Krause! Und Schwägerin! es ist mein Freund Alfred Loth!
Betrachtet Euch als vorgestellt.
Helene. Nein, über Dich aber auch!
Loth. Ich nehme es ihm nicht übel, Fräulein! Bin selbst, wie man mir
sehr oft gesagt hat, in Sachen des guten Tons ein halber Barbar. -- Aber
wenn ich Sie gestört habe, so ...
Helene. Bitte, -- Sie haben mich gar nicht gestört, -- durchaus nicht.
(Befangenheitspause, hierauf:) Es ist ... es ist schön von Ihnen, daß --
Sie meinen Schwager aufgesucht haben. Er beklagt sich immer von ... er
bedauert immer, von seinen Jugendfreunden so ganz vergessen zu sein.
Loth. Ja, es hat sich zufällig so getroffen. -- Ich war immer in Berlin
und daherum -- wußte eigentlich nicht, wo Hoffmann steckte. Seit meiner
Breslauer Studienzeit war ich nicht mehr in Schlesien.
Helene. Also nur so zufällig sind Sie auf ihn gestoßen?
Loth. Nur ganz zufällig -- und zwar gerade an dem Ort, wo ich meine
Studien zu machen habe.
Helene. Ach, Spaß! -- Witzdorf und Studien machen, nicht möglich! in
diesem armseligen Neste?!
Loth. Armselig nennen Sie es? -- Aber es liegt doch hier ein ganz
außergewöhnlicher Reichthum.
Helene. Ja doch! in der Hinsicht ...
Loth. Ich habe nur immer gestaunt. Ich kann Sie versichern, solche
Bauernhöfe giebt es nirgendwo anders; da guckt ja der Ueberfluß wirklich
aus Thüren und Fenstern.
Helene. Da haben Sie recht. In mehr als einem Stalle hier fressen Kühe
und Pferde aus marmornen Krippen und neusilbernen Raufen! Das hat die
Kohle gemacht, die unter unseren Feldern gemuthet worden ist, die hat
die armen Bauern im Handumdrehen steinreich gemacht. (Sie weist auf das
Bild an der Hinterwand.) Sehen Sie da -- mein Großvater war
Frachtfuhrmann. Das Gütchen gehörte ihm, aber der geringe Boden ernährte
ihn nicht, da mußte er Fuhren machen. -- Das dort ist er selbst in der
blauen Blouse -- man trug damals noch solche blaue Blousen. -- Auch mein
Vater als junger Mensch ist darin gegangen. -- Nein! -- so meinte ich es
nicht -- mit dem »armselig«; nur ist es so öde hier. So ... gar nichts
für den Geist giebt es. Zum Sterben langweilig ist es.
Miele und Eduard ab- und zugehend decken den Tisch rechts im
Hintergrunde.
Loth. Giebt es denn nicht zuweilen Bälle oder Kränzchen?
Helene. Nicht mal das giebt es. Die Bauern _spielen_, _jagen_, _trinken_
... was sieht man den ganzen Tag? (Sie ist vor das Fenster getreten und
weist mit der Hand hinaus.) Hauptsächlich solche Gestalten.
Loth. Hm! Bergleute.
Helene. _Welche_ gehen zur Grube, _welche_ kommen von der Grube: das
hört nicht auf. -- Wenigstens ich sehe _immer_ Bergleute. Denken Sie,
daß ich alleine auf die Straße mag? Höchstens auf die Felder, durch das
Hinterthor. Es ist ein _zu_ rohes Pack! -- Und wie sie einen immer
anglotzen, so schrecklich finster -- als ob man geradezu was verbrochen
hätte.
Im Winter, wenn wir so manchmal Schlitten gefahren sind und sie kommen
dann in der Dunkelei in großen Trupps über die Berge, im Schneegestöber
und sie sollen ausweichen, da gehen sie vor den Pferden her und weichen
nicht aus. Da nehmen die Bauern manchmal den Peitschenstiel, anders
kommen sie nicht durch. Ach, und dann schimpfen sie hinterher. Hu! ich
habe mich manchmal so entsetzlich geängstigt.
Loth. Und nun denken Sie an: gerade um dieser Menschen willen -- vor
denen Sie sich so sehr fürchten, bin ich hierher gekommen.
Helene. Nein aber ...
Loth. Ganz im Ernst, sie interessiren mich hier mehr als alles Andere.
Helene. Niemand ausgenommen?
Loth. Nein.
Helene. Auch mein Schwager nicht ausgenommen?
Loth. Nein! -- Das Interesse für diese Menschen ist ein ganz anderes, --
höheres ... verzeihen Sie, Fräulein! Sie können das am Ende doch wohl
nicht verstehen.
Helene. Wieso nicht? Ich verstehe Sie sehr gut, Sie ... (Sie läßt einen
Brief aus der Tasche gleiten, Loth bückt sich darnach.) Ach, lassen Sie
... es ist nicht wichtig, nur eine gleichgültige Pensionskorrespondenz.
Loth. Sie sind in Pension gewesen?
Helene. Ja, in Herrnhut. Sie müssen nicht denken, daß ich ... nein,
nein, ich verstehe Sie schon.
Loth. Ich meine, die Arbeiter interessieren mich um ihrer selbst willen.
Helene. Ja, freilich, -- es ist ja sehr interessant ... so ein Bergmann
... wenn man's so nehmen will ... Es giebt ja Gegenden, wo man gar keine
findet, aber wenn man sie so täglich ...
Loth. Auch wenn man sie täglich sieht, Fräulein ... Man muß sie sogar
täglich sehen, um das Interessante an ihnen herauszufinden.
Helene. Nun, wenn es _so schwer_ herauszufinden ... was ist es denn
dann? das Interessante mein ich.
Loth. Es ist zum Beispiel interessant, daß diese Menschen, wie Sie
sagen, immer so gehässig oder finster blicken.
Helene. Wieso meinen Sie, daß das besonders interessant ist?
Loth. Weil es nicht das Gewöhnliche ist. Wir anderen pflegen doch nur
zeitweilig und keineswegs immer so zu blicken.
Helene. Ja, weshalb _blicken_ sie denn nur immer so ... so gehässig, so
mürrisch? Es muß doch einen Grund haben.
Loth. Ganz recht! und _den_ möchte ich gern herausfinden.
Helene. Ach _Sie_ sind! Sie lügen mir was vor. Was hätten Sie denn
davon, wenn Sie das auch wüßten?
Loth. Man könnte vielleicht Mittel finden, den Grund, warum diese Leute
immer so freudlos und gehässig sein müssen, wegzuräumen; -- man könnte
sie vielleicht glücklicher machen.
Helene (ein wenig verwirrt). Ich muß Ihnen ehrlich sagen, daß ... aber
gerade jetzt verstehe ich Sie doch vielleicht ein ganz klein wenig. --
Es ist mir nur ... nur so ganz _neu_, _so -- ganz_ -- neu!
Hoffmann (durch die Thüre rechts eintretend. Er hat eine Anzahl Briefe
in der Hand). So! da bin ich wieder. -- Eduard! daß die Briefe noch vor
8 auf der Post sind. (Er händigt dem Diener die Briefe ein, der Diener
ab.)
So, Kinder! jetzt können wir speisen. -- Unerlaubte Hitze hier!
September und solche Hitze! (Er hebt den Champagner aus dem Eiskübel.)
Veuve Cliquot: Eduard kennt meine stille Liebe. (Zu Loth gewendet.) Habt
ja furchtbar eifrig disputirt. (Tritt an den fertig gedeckten, mit
Delicatessen überladenen Abendtisch, reibt sich die Hände.) Na! das
sieht ja recht gut aus! (Mit einem verschmitzten Blick zu Loth hinüber.)
Meinst Du nicht auch? -- Uebrigens, Schwägerin! wir bekommen Besuch:
Kahl-Wilhelm. Er war auf dem Hof.
Helene (macht eine ungezogene Geberde).
Hoffmann. Aber Beste! Du thust fast, als ob ich ihn ... was kann denn
ich dafür? Hab ich ihn etwa _gerufen_? (Man hört schwere Schritte
draußen im Hausflur.) Ach! das Unheil schreitet schnelle.
Kahl tritt ein, ohne vorher angeklopft zu haben. Er ist ein
vierundzwanzigjähriger, plumper Bauernbursch, dem man es ansieht,
daß er, so weit möglich, gern den feinen, noch mehr aber den
reichen Mann herausstecken möchte. Seine Gesichtszüge sind grob,
der Gesichtsausdruck vorwiegend dumm-pfiffig. Er ist bekleidet
mit einem grünen Jaquet, bunter Sammtweste, dunklen Beinkleidern
und Glanzlack-Schaftstiefeln. Als Kopfbedeckung dient ihm ein
grüner Jägerhut mit Spielhahnfeder. Das Jaquet hat
Hirschhornknöpfe, an der Uhrkette Hirschzähne etc. Stottert.
Kahl. Gun'n Abend mi'nander! (Er erblickt Loth, wird sehr verlegen und
macht stillstehend eine ziemlich klägliche Figur.)
Hoffmann (tritt zu ihm und reicht ihm die Hand aufmunternd). Guten
Abend, Herr Kahl!
Helene (unfreundlich). Guten Abend.
Kahl (geht mit schweren Schritten quer durch das ganze Zimmer auf Helene
zu und giebt ihr die Hand). 'n Abend och, Lene.
Hoffmann (zu Loth). Ich stelle Dir hiermit Herrn Kahl vor, unseren
Nachbarssohn.