Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, --

»Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht,« sprach dieser; »denn ich habe den

sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit

Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde

können näher heranrücken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen

-- dann kann _Christel_ herein -- oder noch her begraben werden, wenn sie

gestorben ist; oder wir, das heißt, unsere sogenannten Freunde, können

einen Ausfall machen, und Britzenheim _nehmen_, wie man so einen Jammer

kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und

dann könnt _Ihr_ zu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu

Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und

ist aller Verhältnisse gelassener Herr, besonders weil die Welt _keine_

Geduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die

große Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts

ist für den Menschen erschrecklicher, als wenn Gott _morgen_ einen sichern

glücklichen Weg für uns macht, und wir, wir machen einen unsichern

unglücklichen -- _heute_. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten

Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewiß niemals mehr

zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten

Werstbänkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hörte ich lustig einmal in

die Morgenluft singen: »Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein

Glück bei Zeiten an!«

Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf

1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf

Jahrhunderte nachhaltende Sprüche über Menschenrechte standen, auf deren

ersten Johannes ihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz

ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las:

Drei Dinge stehen jedem Menschen zu,

Die Niemand niemals ihm verkümmern darf:

Die Gaben Gottes, daß er sei, und froh sei;

Die Hülfe seiner Lebensmitgenossen;

Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen,

Das Recht: den Gott zu ehren und die Seinen

In Noth und Tod zu lieben. Ohne Liebe

Fällt dieses große Haus der Welt zusammen,

Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz.

D'rum ohne dies Recht, muß er lieber sterben,

Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.

»Wie gesagt,« erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: »Ich gehe mit -- denn

meine Baßgeige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu

Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, außer

Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden.

Aber Eure Frau ist keine Baßgeige, und die Kinder keine Armgeigen oder

sogenannte Bratschen -- die schon jämmerlich genug klingen. Doch, ich will

Euch nicht wehren . . . . .«

». . . _Niemand! Niemals!_« schloß Johannes; »denn da steht auch: »Die

Gottes Wege gehn, schützt Gott mit seiner Macht.« --

Und doch ließ der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach

Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und

gar noch verwittweten Baßgeige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen

--

In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immer größer, und St.

Etienne's Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes

wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm

eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nähten ausgetrennt und

in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushändigte, ungezählt,

denn ein lachender oder . . . _vielleicht_ auch weinender Erbe nehme Alles

ungezählt, und zähle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor:

wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und

tränke allen Geizhälsen ein Vivat. »Doch ernstlich,« sprach St. Etienne:

»Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthäupter; und da zwanzig

Lieutenants auf einen Gemeinen aus Rußland und Deutschland wiedergekehrt

sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtäglich Wache zu thun; »wie

ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trägt, um

zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf

Hundertmeilenmärschen bei leeren Ranzen wird.« Wir haben die Ehre! Sag'

ich, und wahrlich, das ist die größte Ehre -- vor Schusse zu stehen! Als

gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der König des Krieges, der Gott des

Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der

Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brüllt,

wenn die Batterien rasen, da genieße ich meines Lebens, da bin ich mir

aller meiner Kraft bewußt, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll

von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefühl: Ich bin da! Ich

bin in der Welt! Was kümmert mich, wer siegt? _Mein_ Sieg, mein Triumph ist

mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewiß über Furcht und Elend

des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft -- Ich bin unbesiegbar im Kampfe

mit einer halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen,

einzigen -- _meinen_ Mann gegenüber, mein Alles, meine Habe, mein Gut,

meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wächst

gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und

Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden -- Ich? -- Nie! Er sitzt

auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein -- Ich esse sie aus! Ich bin

ein Soldat -- Er ist ein bloßer Kaiser und König -- von Gottes Gnaden! Und

Gottes Gnade wendet sich überall stets von den Alleinklugen, den Blinden,

den Tauben und Taubblinden. -- Da nimm den Bettel!«

Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezählt in

Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: »Siehe mich, so lange ich noch

sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal

hunderttausend Jahre nicht gesehen, und können uns dreimal hunderttausend

Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken

und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder

himmlischen Großthustraße! _Jetzt_ aber wirst Du mich zu erkennen glauben,

Johannes (denn so dumm und gläubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage,

_Deine_ Christel ist _meine_ Schwester! Und ich bin also ihr Bruder! So

nennen die Menschen solch kleines Geschmeiß aus einem Mutterschooße! Und Du

bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich

ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und künftiges Unding; wenn die Todten

nicht noch Dinge sind, oder nur Dünger, Bautzner Dünger, Leipziger Dünger

und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das

beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh', bringe die

Bibel! Die Bibel macht Freunde -- Bluts- und Herzensfreunde und

Seelenfreude! -- Das war noch einmal ein Spaß, Steffen, daß Dir die Augen

überlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem -- Kaiser! -- der weidlich:

»Schach den Königen,« gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen

mögen selbst die schachmatten, durch die Völker -- die Bauern -- entsetzten

Könige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Völkern! und die Völker mögen

sagen: Schach den Königen! oder mag ein Tölpel von Kometen gar das

Schachbret umstoßen -- der Spaß bleibt! Der Spaß war herrlich!«

Auf diese Freude, besonders auf dieses _Zutrauen_, das Johannes zu _diesem_

Soldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen

Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschluß fröhlich sogleich

auszuführen, als daß noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe

und auch bei ihm fechten -- Brod erfechten -- umherging, der glücklich

durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weißes Hemd über seine

Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann ähnlich zu sehen, oder

weiß auf weiß gar nicht gesehen zu werden, und der über den Gang nur Scherz

trieb, den er aus der -- für Johannes zu leicht wiegenden -- Ursache

unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsaß, Waffen gegen die

Deutschen, auch Russen zu schmieden. »Hundert!« sagte er; »und mit jeder

Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben.

Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut

sich am Feuer, und schlägt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede

sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstens _Geheime_ Kriegsräthe

heißen! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen, kein Polen! kein Frankreich!

Häuser ins Wasser baut man auf Rost -- von Holze; aber alle Reiche ruhen

auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus

unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche

auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und

müssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus väterlicher Kinderliebe!« -- So

sprach er. Und für ein warmes Frühstück sang er viel lustige Lieder, und

zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwähle und

behaupte, der habe _nunmehr_ das schlechte Theil erwählt. Aber Gott schützt

Frankreich.

Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu

Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehört,

und das ängstliche, ja abscheuliche blinde gotteslästerliche alte unsinnige

Lied:

»O große Noth:

Gott selbst ist todt.«

und sie hatte darauf vom Tode Gottes geträumt, um zu merken: er lebe; sie

hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das

Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, während er zwei weiße

Ueberhemden und zwei weiße Nachmützen für sich und den Pathen aus der

einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn

mit seinem großen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst

thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder

Mutter, und selber die Kinder!

Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu

Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu:

»Morgen komme ich wieder --« fütterte Petern; _vergaß aber ihn

einzusperren_; überließ dem schwachen russischen Unglückspropheten und

Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles

Unrecht fühlenden, übrigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte

die morgende Nacht wieder zurück sein, nur einen Tag mit den Seinen

verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen!

Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes

bereit zu dem kalten Gange, in das weiße Hemd gekleidet; und der Pathe

Leinweber im weißen Hemde; und Einer setzte dem Andern vergnügt die weiße

Nachtmütze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch

die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend

die Hände, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der

Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen -- weil er selbst

gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach

so lange auch wieder nach Hause wollte -- traten sie Beide die

Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrücke, über eine gefährliche

Kluft führte, die sie bisher unerträglich getrennt hatte. Aber sie wären

lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden

Schritt nach dem andern dahin.

Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glückliches Zeichen in

himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerführers Moses erfüllte,

wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Räume der heitern glänzenden

Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum

Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hörten. »Ehe denn

die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffen worden, bist du,

Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. _Der du die Menschen lässest sterben_, und

sprichst: Kommet wieder Menschenkinder!« --

»Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze!« sprach der

Leineweber leise, während sie weiter gingen. »Die Psalmen haben sie aus

ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten

ein Lied abzwingt, so preßt ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch

wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den -- Ohren! Ich

möchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat

auch seine sogenannte Unzeit!«

Johannes schwieg.

Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unübersehliches

weißes Gefild. Es war, als wenn die weiße silberfunkelnde innere Domdecke

vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des

Gewölbes _nicht_; denn die Milchstraße war breit und weiß, wie stiller

wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht

silbern, sondern funkelte golden; und daneben -- da überall, wo die Decke

herabgestürzt und wo nun ein unergründlicher Bau durchsichtig sich

aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie große Ampeln in

fernen, fernen Gemächern und Sälen, nur klein, und ruhig. Und während

Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern

aus dem dunkeln Blau, entzündete sich wie ein feuriger Komet, und schoß mit

langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorüber.

Sie blieben einen Augenblick stehn -- und Peter der Hund war bei ihnen.

Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reife gekommen, wie Saft

und Kraft und Wärme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges

Fruchtbäumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister war _er_ glücklich

in seines Vaters Haus gelangt, ein Bündel mit frischbackenem Kuchen,

wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Grüße

auf seiner Zunge. So saß er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters,

nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefühlt und

davor gefragt: »Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder

gesund!« Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: »Lieber Vater! Ich bin da!

Seid aber ja nicht böse; Ihr konntet mir's nicht erlauben, und die Mutter

weiß es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken

hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin.« So hatte er

gestanden, bis er gefühlt, daß das zweite Bett auch unberührt war, und in

allen Winkeln Niemand; und so saß er denn still im Dunkeln am Ofen, und

neben ihm schnarchte der ihm verhaßte, weißbärtige Sebastianow, während der

Vater und Krieg in der Nacht hinschritten.

Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der

nahen Vorposten umher scholl; denn er hörte seines Herrn, St. Etienne's

Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo

Johannes mit seinem Gefährten vorüber mußte, Johannes rief Petern; und sie

knüpften zwei Tücher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring

seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und

bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe.

Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher

Mühle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mühle

umschlichen, deren Geklapper ihr Ohr erfüllt, standen sie eine Weile mit

Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mühle spähend und horchend,

nach welcher sie nun links über das offene Feld sich schleichen mußten. Und

hier in der Stille hörten sie wieder, aber schwächer den von vielen

deutsch-französischen Männerstimmen gesungenen Psalm: »Meine Seele ist

stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hülfe, mein

Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, so groß er ist. Wie lange stellet

ihr Alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und

zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dämpfen, befleißigen sich der

Lügen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela.« -- Die Luft

strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachfließenden Gesangstrom

seitwärts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: »Meine Zuversicht ist

auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm

aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts,

große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.«

--

»Wenn der knisternde Schnee jetzt fünf Minuten lang nur Flaumenfedern wäre!

oder heute schon: künftiges Wasser, daß er nicht knarrte!« flüsterte der

Leinweber dem Pathen zum Ohr. »Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein

Knabe; und daß Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen

Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebückt! Und

glaubt mir in aller Stille, daß mir der Buckel dabei weit weher thut, als

Euch -- denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und

wir Baßstreicher stehen wie Lichter -- aber ein Wurm krümmt sich -- denn

dort dämmert der letzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorüber müssen.

Nun, Glück zur höflichen Reise!«

Und während sie jetzt so wunderlich wie zwei weiße Eisbären -- vom

losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Stöhnen, dem

Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in

dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nähe von dem ersehnten

Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem fröhlich

gesungenen Liede (von Theodor Körner) inne: »Die Hölle braust auf in neuer

Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bösen.

Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig

getagt, roth muß ja der Morgen sich lösen.«

Jetzt trat plötzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb

nicht stehen, sondern er flog über dem Himmel, wie ein purpurner Ball von

einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend -- und fiel entfernt, wie es

schien, in die schwarzgrünen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen,

setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich

nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen

das sei? Und wieder floß deutscher Gesang jetzt näher und stärker daher:

»Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterländische Geist! Und noch

lebt die Begeisterung, die alle Ketten reißt! Und wie wir hier

zusammenstehn, in Lieb' und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn,

wenn's von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der

Tag der Rache kömmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden

weggeschwemmt. Und _Du_, im freien Morgenroth, zu dem dies Hochlied stieg,

du führ' uns, Gott wär's auch zum Tod! Führ' uns das Volk zum Sieg!« --

Jetzt sahe Johannes den letzten französischen Posten, und auch der spürende

Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. -- --

»Wer da?«[A] rief St. Etienne.

[Fußnote A: Qui vit?]

Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in

seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten

lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest

geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich

und wedelte mit dem Schwanze.

»_Wer da?_« scholl es lauter.

Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen weiter,

während von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt

überrieselten: »Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will

schwer errungen sein. Freiwillig tränkt uns keine Traube, die Kelter nur

erpreßt den Wein; und will ein Engel himmelwärts, erst bricht im Tod ein

Menschenherz.«

»Wer da?« rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrüstung,

Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er

wollte hinzu, und mit dem Manne mit männlicher Gewalt kämpfen -- und

zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlüssen schwebend, er

glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung

versagte ihm die Sprache. -- Da sank er schon; und den Schuß selber hörte

er nicht in den Schluchten verhallen.

Die Wache tritt ins Gewehr. Der gnädige Gottlieb hört von St. Etienne, daß

er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund

springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der

gnädige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die

sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt

seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen

kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch

übrigen paar Thränen, kurz aber heiß über den armen Freund geweint, sprach

er: »Hättest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen --

ich hätte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch

Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und König. Aber waren nicht Alle

die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . -- Ach! . . . .

Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in

die Brust geschossen, sondern mit ihm -- _Ihr_ grade ins Herz! Sie selber

läge hier besser! Und ich am besten!«

Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; -- ein im

Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getöse wie von

Geistern -- und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim

und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig

schlief, während der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glühend,

doch kühl über den Horizont heraufstieg, und mit göttlicher Ruhe das

heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien -- und Johannes

entlaubte Bäume, und Johannes auf immer verlassenes Haus. So still! So

göttlich!

Die Osternacht. Zweite Abtheilung · 第 15 / 18 题