XI.

Nun traf es sich, daß an diesem Tage St. Etienne's Geburtstag fiel. Da er

aus so vielen Landen und Schlachten glücklich wieder bis in die Gegend

seiner Heimath gelangt, so war er nicht ohne Schadenfreude, nämlich über

seine geheilten Wunden; und wenn der Soldat keinen Sonntag hat, als wenn

die Sonne scheint, und keinen Feiertag, als wenn er im Feuer steht, so war

ihm in alle dem wüsten Leben nur noch der Tag, durch den er da war, im

Herzen geblieben, und zwar ihm nicht mehr werth, als eben sein unvergnügtes

Dasein jetzt selber, aber doch so viel, und in dem heutigen Tage lag die

Erinnerung alle der frühern -- glücklichen -- mit. Auch machte ihn wohl der

Verdruß ernst, daß Christel fehlte und ferner nicht da sein sollte. Und so

setzte er sich bei drei Flaschen vaterländischen Rheinwein hin -- und

begehrte die Bibel; und Johannes brachte die große Bibel von Christels

Vater und Seinem, und ließ ihn allein zur Andacht.

St. Etienne besah den gepreßten Deckel, schlug ihn um -- und fand von

seines Vaters treubekannter Hand: »seine liebe Tochter _Christel_« darinnen

verzeichnet, und seine Schwester _Martha_ und die andern Geschwister und

sich selbst. Und er las das:

»Mein lieber Sohn _Steffen_, den Gott gedeihen lasse, ward mir geboren

während der unsichtbaren Sonnenfinsterniß, den« -- --

Aber die Augen gingen ihm über. Und er trank hastig ein Glas Wein nach dem

andern, schlug dann das wohlbekannte Buch zu, legte sich zugleich mit den

Lippen darauf, als wenn er Vater, Mutter, Geschwister und Schwester

Christel darin küssen wollte, blieb dann lang mit dem Gesicht darauf

liegen, bis er Alles durchgedacht; dann richtete er sich auf, legte die

gefalteten Hände auf die Bibel, und blieb so sitzen. Er war heim. Denn er

hatte keine andere Heimath mehr, und wußte nicht welcher Stein diese Nacht

noch sein Ruhekissen werden könnte, und welcher Rasen sein Deckbette. --

»Welches Unglück! Wenn nun meine Schwester nicht ein Weib -- wie Christel

war, sondern ein Weib, wie -- ich weiß nicht wie viel!« dachte er. »Aber

wenn die andern zu albern-guten Dinger auch nicht _meines_ Vaters Töchter

sind -- haben sie nicht alle einen Vater: _Einen!_« -- Dabei schlug er mit

der Hand noch auf gut soldatisch auf die Bibel; aber die Hand kam, von

Scheu gemäßigt, nur sanft darauf hernieder. »Heute möchte ich Feldprediger

sein! wenn wir welche hätten! Aber das sieht der Kaiser ein, daß _Der_,

dessen Wort er lehrt, und die, die ihm alle Augenblicke Hohn sprechen, sich

nicht wohl passen. _Der_, -- warum nicht einmal wieder den Namen nennen --

Jesus weinte über seine Vaterstadt, die sein Vaterland war; aber König

darüber mochte er nicht sein, noch weniger: sich durch hunderttausend

Umbringungen von seinen Brüdern als Herrscher erhalten -- und _herrscht

doch_, aber _inwendig_ in den Menschen allein. Das Inwendigherrschen ist

andern nicht respektabel genug! Das macht ihm kein Teufel nach, selbst

unser Allergnädigster nicht. Es ist aus mit Ihm! Ich bin auch nichts mehr!

Wir Alle sind nichts! Und zu erkennen geben kann ich mich nicht. Als wir im

Siege waren, da redeten unsere Thaten. Nun im Verluste . . . mußte ich

nicht ruhmredig werden, aufthauen wie ein altes Weib, das von ihrer

Schönheit spricht, die einmal über ihr Gesicht gefahren, wie die Hand über

. . . »den Verräther der Menschheit.« Mußte ich nicht beschönigen und

lügen! Großthun! Aufschneiden, um nur vor den Leuten bei Ansehen zu

bleiben; und selber bei mir nicht vor Scham zu vergehn! Plagte mich nicht

der deutsche Ahnen- und Titel-Teufel: mich für eines großen Mannes Sohn

auszugeben, für eines Generalpächters Sohn, der wahrscheinlich eines

Prinzen Sohn gewesen -- weil er mit der ganzen noblen Gesellschaft das

Hasenpanier ergriffen, anno: anno! Dies Jahr! wo es wieder andre Noble

ergreifen werden! O Hasenpanier! Du bist allgegenwärtig! Und ich, ich

möchte dich auch ergreifen, wenn ich nicht Sergeant wäre! Und _den großen

Unglücklichen_ verlasse ich nicht! Und mich auch nicht! Sitze, mein

Stephan, und thue Gutes! Vielleicht lernst Du noch wieder beten -- wenn das

die Noth lehrt! Wir sind aber gelehrt: eher auf die Nase zu fallen, als auf

die Kniee. Doch Unglück schickt sich! Und nun sang er, halbberauscht, gar

den neuen Vers:

Soll Unglück sich schicken.

Stößt man sich am Grase,

Und fällt auf den Rücken

Und bricht sich -- die Nase!

sang aber noch ärger dafür:

Man fällt auf die Nase

Und bricht sich -- den Rücken!

Dabei sank er selbst auf den Rücken, dämmerte ein, schloß die Augen und

redete dann halbschlafend, halbträumend: »Sacre: wenn meine Kinder in

Rußland jetzt vielleicht die Knute kriegen, das sollte mich doch

verdrießen! Oder wenn Einer von meinen Buben in Italien sollte Horas

singen, oder, was Gott verhüten möge, in Rom einmal gar Papst werden; oder

ein Schlingel wie der Mufti; oder in Spanien endlich ein Großinquisitor;

alles und jedes möglich . . . denn was ist, oder das türkische Verhängniß

beriefe mein Söhnlein aus Aegypten, und er würde ein Großthier -- wie der

Groß . . . das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn gar eine oder die

andere von meinen unbekannten lieben Töchtern -- gewiß jetzt schon recht

hübsche Mädchen! -- das werden sollten, was ihre Mütter waren,

Ehebrecherinnen, oder erlöste Nonnen und Contessinnen -- --«

Er ward wüthend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß sie blutete,

und schwere Bibel und Weinflasche wie vor Schreck in die Höh' sprangen.

Aber sich erinnernd, setzte er leiser nur grimmiger noch hinzu:

Doch Unglück schickt sich!

Schickt sich . . . . schickt sich . . . . murrt' er und murmelt' er.

Unglück schickt sich nicht! Nicht einmal der Teufel schickt es. Wir machen

es selber. Unglück -- Ungeschick! Unglücklich -- unschicklich . . . . . .

Na! das _dortige_ Unglück! Die Schönheit macht alles ausstehbar! . . . _Das

hiesige_ aber hat sich nicht geschickt, und hätte sich nicht geschickt.

»Steffen! mein Steffen!« würde der Vater sagen . . und die Mutter -- --

ach, es ist doch nichts besser als eine Mutter! -- Rief sie nicht? --

»Mutter, hie bin ich!« rief er, erweckte sich selbst, sprang auf -- und

_Johannes_ stand vor ihm.

Und Stephan war verwandelt, und sah ihn mit großen Augen an, ergriff das

Glas, setzte es aber derb nieder, um nicht zu verrathen, daß er sich

schäme. Und Johannes wischte die Bibel vom Wein ab.

»Haltet das Buch in Ehren, Johannes!« sprach Stephan; »es macht gute

Freunde!«

Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen

mit Willen und Geheiß bewaffnet »losgelassenen Mordläufer«[A], oder Subject

aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem

rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: »mit Hunderttausenden

dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth

hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller

heidnischen alten Armeen Dämon -- denn bloß die christlichen Völker haben

den Teufel -- fahre in _einen_ neuen Soldaten; und mit dem angezogenen

Rocke ziehe der vernünftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frömmste

Mönch, der des Papstes Kleider auf seine paar öffentlichen Jahre anziehe.

Das sei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend

dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder

gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder

hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im

Kriege seinen Feind auf Händen tragen und füttern wolle, wie sein kleines

Kind -- das wäre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause

-- nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern bloß _seinen_ Vater, _seine_

Geschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln

zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber über dem Kopfe anstecken

wolle . . . das ginge nicht! Johannes möge das glauben!«

[Fußnote A: In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.]

Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte:

es wundre ihn nur, daß Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wäre, nicht

glaubten: daß _Alle Gottes_ Kinder wären! -- Stephan sprach erst nur so,

weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward,

wie eine reife Distel -- »_gefressen!_« sprach er satyrisch im Stillen; da

er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fühlte, so ward diese seine gute

Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, daß er für sie

alle -- und meinte Christel -- einmal in eine _verlorene_ Schlacht gehen

wolle, geschweige alles andere thun. -- Mehr könne ein ehrliebender Soldat

sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, daß er ginge und Christel holte,

weil er ihr etwas gar Wunderschönes zu sagen habe von ihm und von ihr!

Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen

Worten, weil sie wußte, daß solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu

thun, und schon eine Bitte ihn verlegen machte vor Rührung, so daß er oft

darüber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht

ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spät, vielleicht

zu spät geschickt.

Er eilte also bloß mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der

Stadt. Es dämmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rüste. Der Himmel

war schwarz umwölkt -- denn aus schwarzen Wolken fällt der weiße Schnee --

und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her

blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; -- und wirklich: er hörte im

Felde _Kinder_ rufen . . . aber so weit rechts ab, daß er im Winde seine

eigenen Kinder _nicht erkannte_. Und doch stand er und horchte, ob sie

nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hülfe? Und sein Herz

klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinüber zu eilen. Aber er freute

sich; denn die Kinder riefen nur: »Mutter! Mutter!« -- Und wie ein

Traumbild sah er auch ein Weib -- sein eigenes Weib, seine Christel, stehen

bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm

nehmen -- das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind,

daß es die Mutter hatte, und daß das Weinen still ward, und die Mutter

wieder den beiden andern größeren Kindern voranschritt oder sprang! -- kam

es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein

gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb

bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm

die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand

. . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr -- und alles war weg! Er

lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein

Wegweiser war, und starrte noch eine Weile hin; aber es blieb still; und er

hörte nur den Schnee säuseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der

Wind herstrich, hörte er auch die Mühle von Zahlbach gehen; und die Mühle

von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein

strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm

grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getröstet: Das Dorf sei

nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib

in Britzenheim!

Er eilte nun durch die wohlbekannten Straßen der Stadt nach Paschalis

Wohnung. Er durfte an keine Thüre klopfen, denn sie standen offen; aber in

allen Zimmern -- Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen!

Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: »Vater!« kein »Willkommen!« schallte

ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch

ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thür war, und vielleicht Menschen

dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thüre war,

wie ein Schrank, nur mit dem Schlüssel aufzumachen; er merkte also nicht,

daß sie verschlossen gewesen.

Beim Dämmer einer an drei vergoldeten Ketten hängenden rubinrothen Lampe

erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mädchen, das an jenem

Abende neben dem englischen Kutscher die vier Kühe vom Bocke gefahren. Mit

dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem

Schnitt. Medizinflaschen und Gläser und Tassen und Schächtelchen auf dem

Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weißen

Bette, mit zurückgezogenen grünseidenen Vorhängen, lag Dorothea, wie er

meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewiß gebetet; denn ihre Hände

waren ausgestreckt und gefaltet. Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe, als

habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich

aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und

erschrack vor Johannes, daß er selber erschrack, und beide sich fragend

anstarrten. --

». . . Schläft sie?« frug er leise.

»Sie schläft;« antwortete das Mädchen; »aber Ihr könnt laut reden,

Johannes; sie schläft fest.« Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor

Furcht oder Ehrfurcht.

». . . Also ist ihr wohl und besser?« frug er zutrauensvoller.

»Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewiß;« erwiederte sie.

». . . Nun ich gönne das Glück unserem Herrn Paschalis! Der wird sich

freuen!« sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glänzten. »Die liebe

ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben!« --

»Und kann nun sein Tod sein!« sprach das Mädchen. Und die Worte schnitten

Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thränen. Und als

Johannes einen Schritt näher zum Bette gethan, und forschender hingesehen,

trat er zurück, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht über dem

Buche, wo vorhin des Mädchens Gesicht gelegen, und die Blätter waren noch

naß. Aber er fühlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thränen zu

ihren kalten.

»Gönnt ihr die Ruhe!« sprach das Mädchen, »Ihr war zu schrecklich zu Muth.

Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein

rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja öfter in Wuth dabei. Und wenn sie

sich auch die Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen,

so ist sie doch nicht daran gestorben -- spricht der Licentiat, sondern an

einer gewissen _Furcht_, die aber _gewiß_ wäre, an einer Furcht vor einer

sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich über das Wort vor

die Stirn schlug, als gehörte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe

Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehört, noch in der letzten

Nacht, wie Dorothea in weißen Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns

zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: »Sage mir nur: Wer an dem

ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und

Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und saß der Abendstern

auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf saß mit ihren Gespenstern!

Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende

Zeit, als das alte Glück an dem neuen Unglück? Die Könige des vorigen

Jahrhunderts an den Königen des jetzt laufenden! O, daß alles Unheil liefe,

verliefe wie Wasser aus Thränen und Blut, und ich mit darauf hinschwämme zu

der großen Pforte hinein, schön und hoch und golden und purpurn wie das

Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt

verwandeln können, und _ein_ Teufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie

die Andere; in der einen -- siebenarmigen -- Hand sieben blitzende Säbel,

und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! -- Und

sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? -- -- Und sieben Gewissen -- und

sieben Schlangen in Jedem! -- Ah!« -- -- So phantasirte die arme Dorothee.

Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hülfe, rang sich mit Jemand wild

umher, ächzte, und lag dann lange wie todt -- dann sprang sie wüthend auf,

starrte umher, daß uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel,

oder ihr Bild darin, daß die Stücken umher flogen, und zertrat das letzte,

aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. »Aber,« frug sie dann höhnisch

lachend: »wäre es _für die Welt_ nicht besser: Ich wäre sieben

Kaiserstöchter! Oder nur sieben Königstöchter! Aber mein Vater ist auch ein

König, und ein ganz Anderer, und das ist besser für den Himmel; besonders

wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in

die Hölle stößt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich muß

auch so thun? Nicht wahr!« -- -- Und dann lachte sie recht heimlich aber

seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . »Ich habe

gethan! Das Gewölbe hat gethan; der Wein hat gethan; und -- die Thür hat

gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wäre doch

besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wäre mir

und dem sündigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich

sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten hätten,

alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fünfte -- --

Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht -- aber nur Eines, das Eine,

ein einziges Mal!« Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zählte

dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fünf -- -- -- dann

erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, daß wir da

gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tücher über sich,

und wir hörten sie darunter dumpf mit den Zähnen klappen, und dazwischen

noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln:

»Es wäre doch gut für die Welt: ich wäre Sieben Königstöchter; denn die

Sieben Kaiserstöchter hätten Sieben Väter, und die Sieben Väter hätten

Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglücks« -- -- -- --

Das Mädchen deckte jetzt den weißen Schleier von Dorotheas Gesicht und

Brust; und wie sie so schön und ruhig lag, und ganz unverstehlich und

unausforschlich lächelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: »Seht nur, ob

Sieben Königstöchter schöner sein können! Seht nur getrost hin: Sie ist nun

eine Königstochter! Und eines ganz andern Königs Tochter, der ein ganz

anderes Herz hat.«

Sie schwieg; denn die Thüre ging auf, und ein französischer Soldat, in

feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt, trat herein;

Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch

einmal so männlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schön, ihn mild

begrüßte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie

noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurück, und

sagte: »Wie kann man das so bald vergessen, daß Du todt bist! Ach nur, weil

ich es nicht glauben kann, daß Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort

lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du

willst, und _wolltest!_« -- Er nahm den Orden von der Brust, und sagte

leis: »Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, für die Sieben Kosaken, die

ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag

mich erwarten ließen. Mit Erlaubniß der Obern wurden sie mein, und so viel

ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug -- und nun falle ich

Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. Der _Achte_ aber liegt schon

_verwundet_ bei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter

seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe der _Unglücksvogel_ heim und

prophezeie! Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da

hinunter gestiegen! -- Das waren schwere Tage, mein Johannes!« sprach er

jetzt noch milder. »Wir sind Leidensgefährten! Denn Eure Christel, von

derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hülfreich

auch in ihrem Wahn -- ob sie gleich wirklich gehört, daß Wecker in

Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich weiß nicht wie: abgethan

werden soll -- Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen

Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause

undurchsucht -- und in den Straßen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt

hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach führt, meinte

eine Kastanienfrau, es wäre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib

hindurch geschlichen wäre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste

nach warmen Kästen (Kastanien) verlangt. -- Ihr müßt sie begegnet haben --

sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verließ ihn im Thore; und daher

komm' ich, noch naß von den Flocken.«

Johannes hörte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern

klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch

er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die

Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die

Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der

Hausthür aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem

Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt fröhlich an ihm emporsprang. Dann

eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich

mit türkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie,

und auf der Straße in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die

Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln

Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus;

und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den

Schnee. Er besann sich, wo er war; und während ihn der Hund mit der Pfote

scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der

angefangenen Erlösung in der Angst um Rettung den Vers: »Nun danket Alle

Gott!« Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die

Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschüsse fielen, und die Eule kam,

und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und

er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das

Licht in der Mühle -- aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und

donnerte ihm sein: »Zurück,« entgegen.

Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen

waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelöst; seine Bitten waren

umsonst, denn der von seiner Erzählung nicht ungerührte Soldat aus dem

Elsaß, fragte ihn nur: »Ob er wolle, daß er erschossen werde? Denn seine

Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei -- so könne er

durch einige fünfzig Stockschläge einer werden, indem er in aller Unschuld

nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe?

und so könne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert

Schritte vorwärts. -- Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich

vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glücklich zwischen den Posten

durchgeschlichen nach Britzenheim.« --

Der redliche Johannes war traurig überzeugt, blieb aber doch noch lange

Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das

Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den

Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschüttete, und seine Thränen

still in sein Kissen.

Vom frühesten Morgen des, auf die betrübte Nacht schön anbrechenden

Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch

brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber

und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er

es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die

Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Fußtapfen auf,

ließ Petern auf die Fährte -- aber die Tritte waren vom eingefallenen

Schnee verweht und verschüttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen.

Johannes starrte betrübt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein

schweres Geheimniß für ihn bedeckte, indeß es doch gewiß an seinem Orte ein

offenbares war, und er weinte die lächelnde Sonne an. Darauf ging er -- als

Gottesdienst -- den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie

Jemanden, den er im Sichern wußte. Der Leinweber Krieg aber ging in den

Krug, um vor Mißmuth und Trauer den Baß zum Tanze zu streichen; im Grunde

aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hören, da das Volk

Alles erfährt, Alles weiß; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft

auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als

schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Täschchen die Kunde

berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern

waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens

Weiberkleider zu sehen und zu fassen wären. Steffen hatte den Kummer im

Hause gemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack,

bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hülfe.

Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen »Blauspecht«

gefangen, wie er sich ausdrückte, der in Britzenheim gestanden, und nun die

gewöhnliche Soldatenbeichte ablegen mußte. Und so ließ sich der

heimgekehrte Johannes nun selber erzählen, daß ein Weib in das Dorf

gekommen, und drei Kinder; und der Wirth hätte sie wohl gekannt und wohl

aufgenommen in diesen schweren Tagen, »wo die Menschen wunderlich

durcheinander geworfen würden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit hätte,

sein Herz zu beweisen;« wie ein alter närrischer Kerl gesagt, den man als

Spion eingebracht mit einer großen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank,

die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter.

Der Gefangene ward in die Stadt geführt, und Johannes begleitete ihn ein

Stück, um Alles noch einmal zuhören, oder nur noch einen kleinen neuen

Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur

schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel

hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern -- da sie nicht zu ihm nach

Hause konnten. Er wäre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach

Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar

nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woran _sein_

Erlöser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer

darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien

ihm eben so liebend und fürsorgend, als der alte gute weißbärtige

Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seiner

_anbefohlenen_ Maria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egypten zog, aber seit

mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der

Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel

war nicht verblüht, und der alte Joseph zerrte unermüdlich noch immer an

dem morgenländischen vierbeinigen Wagen mit dünnhaarigem Schwanze; und sein

Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom

Kirchenstaube. So unverändert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur

Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war

der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters

Lademann Munde. Außer der Vermuthung: daß sich die Seinen wahrscheinlich

bei dem Richter befänden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst

zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; daß sie, als im

Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei

Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wären, von welchem klarer als

die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und

aller Menschen Geschick bewachen soll -- außer dieser Vermuthung tröstete

ihn nur sein Entschluß, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und

hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht

mit dem Bewußtsein, er könne ihn ausführen, in welcher Nacht er wolle --

und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht

untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge

sei dann tausend Augen, und schieße zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl

eines fallenden Sternes.

Die Osternacht. Zweite Abtheilung · 第 14 / 18 题