XII.

Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drängen. Nach der

getümmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf,

und ließ ihn nach Zahlbach tragen in sein Stübchen; nicht nach Britzenheim,

wohin doch der Lebende -- vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber

meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfüllen; und statt

Freude bei Christel zu bringen, hätte er ihr nur plötzlichen Schreck

gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafür selbst auf

den Weg zu seiner Schwester, die schon unglücklich genug, noch auf

vielfache Weise unglücklicher hätte werden können, und jetzt noch, ja erst

werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten,

und _in welcher Folge_ sie über ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging

sein größter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm

vorüber, weil er nicht wußte, daß der Leinweber treulich mit Johannes

gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntniß würde ihn rathlos

gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind,

der plötzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der

herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrün hervortauchenden Raine und

Kämme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft

erschienen waren, die er nicht fröhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie

aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Töne zwitschernd, die Kehle

probirte zum Frühlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen

hangendem Schnee und braunen Frühlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum

flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grünbelaubten, mit

Blüthen ihn verbergenden, säuselnden »Häuser auf einem Stamme« noch nicht

da waren; und vollends erst das Geräusch der sich sammelnden Wasser . . .

und das ferne süße heilige Rauschen auf Berg und Wald -- das Alles stimmte

ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn

alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefühl

des größten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie

austräumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lächelnd,

und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit

ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt blaß; jetzt weinte; und ihm

war, als schiffe er, übergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem

blühenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt

unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser!

Plötzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah.

»Wecker! Todtenwecker!« rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand.

»Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben!« sprach Wecker, der viel

von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rücken

-- reiten hatte. »Gut, daß Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider

Niemand, das heißt kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und

anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde

in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der

Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit! Ich habe es gestern durch

den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine -- wollte ich sagen:

Christels Angst war groß!«

»Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch?« rief jetzt Christel, ihr Kleinstes

auf dem Arme, über den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem

gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herüber durch den

Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den

Fußweg zu ziehen und sprach: »Euer Johannes schickt Euch gewiß den

Händedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht

böse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause?« frug er bedenklich.

»Nicht! Nicht?« tönte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt;

und ihre großgeöffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von

Wehmuth -- in seine Augen voll Wehmuth.

»Wo wird er denn sonst sein!« rief Wecker, barsch vor Angst.

»Christel,« sprach Stephan gedrängt, »was soll ich es Dir verhehlen liebes,

liebes, gutes Weib -- ich komme Abschied von Dir zu nehmen -- ich ziehe

nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet -- -- --«

Christel erröthete und erblaßte.

Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: »Also lebe

wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!«

Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schönen

schwarzen Augen, und flüsterte ihr leise zu: »Weißt Du noch, als der Vater

das Haus baute, und Du ein Lamm hattest als kleines Mädchen; und das Lamm

Dich umstieß; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich

immer wieder hinstieß -- wer erlösete Dich denn aus den Blumen? Christel!

»Brodchristel,« wie wir Geschwister Dich nannten!«

»Mein Bruder!« rief Christel; »Steffen!«

»St. Etienne!« sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber

wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das

Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind.

So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zügen

entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die

ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif über ihr blaß

gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder,

küßte sie auf die schöne geneigte Stirn -- schrie laut, wandte sich ab und

schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja

nun wußte . . . daß er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und

vielleicht auch mehr erzählte, als Christel jetzt erfahren sollte -- bis er

dahin geschieden.

»Bruder!« rief sie ihm nach, »mein Bruder!«

»Zum Teufel! Gott sei bei uns . . .« rief Wecker, »so bleibt doch!«

»Schwester! -- Schwester, leb wohl,« rief er zurück, und sprang in den

Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatte _ihren Bruder_

wieder gesehen, rein den _Reinen_, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie

ihn nur auch noch rein und redlich -- den Redlichen beweinen, wenn auch

nicht den Reinen; _dann_ mochte sie Alles erfahren; _denn keine spätere_

_Schuld kann frühere Unschuld rückwärts im Herzen ermorden; kein späterer

Schmerz kann einmal genossenes Glück zu Unglück verwandeln_ -- nur färben!

»und wie oft habe ich nach durchwachten Nächten gesehen,« sprach er: »wie

die Morgendämmerung selbst schwarze Gegenstände herrlich blau färbt, selbst

Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut es _die Abenddämmerung_ . . . in

welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird,

bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafür ganz leise

auf das Kreuz ihres grünen Hügels schreibt!«

Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte,

und brannte zu hören, wie Daniel seiner Mutter erzählen würde, wie er sich

allein bei dem Vater gefürchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weißem

langem Hemde.

Und siehe, da richtete sich _Johannes_ in weißem, langem Hemde vor Stephan

auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es

gleich nicht begriff -- so durchzuckte ihn Freude, daß er gelähmt stehen

blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er

den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich

an einem Pfahl gestoßen hatte und liegen geblieben war, durchnäßt, von

Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt.

Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes.

»Ich weiß nichts von ihm;« antwortete Stephan, froh, daß jener nichts

wußte, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben

entgegen eilten.

Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan faßte den äußersten Muth: stehen

zu bleiben. Und selbst in der geringen Entfernung war er jetzt am hellen

lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermißte, an ihn

nicht dachte, vor Freuden über Daniel. Aber . . . er hörte die Stimme des

Knaben, die der Wind zerriß; und das Weinen; und ihren Ausruf über die

Gestalt des Leinwebers . . . und die Wörter . . . »Baßgeige,« und

»Armgeigen,« und Weckers lautes Wort: »so muß er begraben werden -- am

Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, daß

der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben

rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rückt zu; das ist ein gutes

Kind! Und mein großer Friedrich ein großer Schlingel!« -- Und er sahe

darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle führte, wo Johannes Blut den

Schnee befleckt hatte -- und sah seine Christel verschwinden . . .

Und er zog seinen Weg.

Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause.

»Sie werden bloß zum bloßen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen

und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und müssen erst

wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben

anfangen;« sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten,

jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den

beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in

der ersten -- wohlriechenden Mühle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich

bei diesen erst der Backofen wohlroch, und -- wärmten die Kinder aus. Aber

es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. »Verdammter Krieg!« sprach

Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund noch auf dem Kirchhofe,

»wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergründlichen Loches,« in welches

er als Kind stundenlang hinabgesehen, um _die_ Grube auszugrübeln und

auszustudiren. -- Und so überzögerten sie »die erste wahrhaft traurige Zeit

eines Weibes, aber nicht die letzte -- und die Frist: daß eine wie vom

Himmel gefallene Wittwe sich nothdürftig ausweint, und den Thränenquell zum

Fließen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hülfe, und

schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trüben Most des Trostes ein, wobei

Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer« -- wie Wecker sagte.

So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber in

_weißem_ -- Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze

Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den

Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode,

die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig

abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber

packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stück, je

Eines in jedes Händchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig

umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: »Wie

könnte ich nur den Kuchen essen, der für den Vater bestimmt ist! Ich wüßte

da nicht, ob Er ihn äße, oder Wer!« Und die Kleinen legten ihn hin. --

»Ja,« sagte Wecker, »folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner

Vater.« Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten

aßen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden

Weber angeschnitten. »Muth!« sagte Wecker; »was schadet Rauch und Fleisch

der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken -- oder leider

nur eine kurze Abschnittszeit -- Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt

Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.«

Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, goß in die Gläser,

kostete selbst -- weil ihn Johannes gepreßt hatte, und gab auch den Kindern

zu nippen von des Vaters -- Mühe und Wohlthat, die so golden im Glase

blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und

erblickte die große mit Kreide deutlich geschriebene Schrift:

»Morgen komme ich wieder, lieber Steffen.

Seid ja nicht böse auf mich!

_Johannes_.«

Sie las sie vor Schreck, unbewußt, laut; und ging vor Wehmuth dann hinüber

zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster,

und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthür Wache, daß Niemand die

Mutter störe, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mühselig

genesen, schon lange so blaß aussah, daß er ihr sonst im Scherz, aber aus

innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei

Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh!

Sie aber träumte jetzt bis die Sonne unterging -- nicht von dem neuen

Unglück, welches der wohlthätige stilleste Freund der armen Menschen, der

Traum, erst wie eine nachreifende Frucht, _bis sie süß und lieb ist_, auf

spätere Nächte aufspart; sondern sie träumte von ihrem alten Glück. -- Sie

war ein kleines Mädchen; und das Lamm stieß sie in die Blumen; und Stephan

nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. -- Sie

schlug grade die Augen auf, als die blitzende Sonne sank -- und ein

ungeheurer Donnerschlag fiel und riß sie empor von dem Bett; und das Haus

schütterte; selbst die Bäume zitterten; und die Erde unter ihren Füßen

bebte weit hin -- und die Thüre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen;

und eh' noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand

sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen

sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschütterten Brust.

Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch

eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendröthe

durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere

Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus

dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drängten sich endlich Raum zum

Sehen, und sahen und hörten. Und Einer sprach zu den Andern! »Uff! der hat

kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren

den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch in _vollem Monde der Ehre,

im großen Tage_ des Vaterlandes, in welchem bald -- einst -- und nie ein

Franzose mehr sterben kann!« Und ein Andrer sprach: »Die sechs Kanonen hat

er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand -- alle mit

Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, über

kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich

abgeprotzt.« -- »Ein Vorwand! _Ein Kind von zwei Müttern geboren!_« sagte

noch ein Andrer. »Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann

erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.«

»Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht auf unserem Wege zu Christel

kam von _Stephan_?« sagte Krieg bestürzt.

»Ist gekommen!« sprach Wecker. »Dein Reich komme!«

»Und hier erschießt er sich nun!«

»_Hat_ sich!« sprach Wecker wieder. »_Vergieb uns unsere Schuld!_ Es ist

kein tempus besser für Jeden, als das praeteritum! Und zum Glück ist unser

Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes,

Verschwindendes.«

»Der Mann ist wie verschwunden!« sagte der gnädige Gottlieb. -- »Er liegt

in hundert Stücken;« sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und

besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes -- zerrissene Stücke

von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller groß; und

weit verstreute einzelne Knöpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den

weggeschleuderten Tschako auf. »Wen der Teufel holt, der braucht keinen

Sarg!« meinte der gnädige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern,

den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene

Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg

gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten

Kopfe St. Etienne's sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den

Abendhimmel. Und Wecker sprach: »Ein Hund weiß doch, wer der Mensch ist! Er

sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst

nicht beim Herzen -- er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande!

Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen!« Darauf kam

Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhüllte und bewahrte ihn,

und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt.

»Schweigt!« hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder

empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. »Siehe, mein Sohn,«

sagte Wecker, »so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben

wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehört -- und schweigen, und

wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen -- nämlich wir! nämlich

_nicht!_ Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen,

mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen.« Da ihm Christel aber

auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum

jüngsten Gericht, erzählt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung:

»Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, -- das ist

mir zu hoch!«

So mit gedrücktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel

ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber:

»Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen -- ich habe nun meinen

Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so

sonderbar -- Ihr wißt aber nicht _warum_, und danket Gott dafür!«

»Ach, meine Mutter!« sprach Daniel, und wandte sich weinend weg.

Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in

der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr

von Ellenroth langsam und leise ein -- und sagte aus gutem Herzen nicht:

»Guten Abend,« sondern: »Ich muß Euch doch besuchen, liebe Christel; ich

komme so gern, und muß. Denn hört Ihr nicht aus der Ferne die Schüsse? Man

wird uns die Vertreibung vertreiben, und uns Eingeschlossene noch enger

einschließen. Darum läßt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so

bald als möglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann

Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem

ganzen Briefe vergüten, geschweige das Andere, was Ihr hier laßt, oder

lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch

rathen läßt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verändert gefunden;

denn seit jenem Abend, wo vormals Euer -- nun wieder der Welt angehörige

Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher

Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht ließ er

mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir!

Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe,

und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so

verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu

unserem möglichsten Glück! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen

kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber

wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfüllt -- wenn auch meine

Seele nur mit Hoffnung und Thränen -- und dieses Bewußtsein ist

immerwährend ein großes Glück -- oder für arme Menschen doch -- das

größte!«

Christel schwieg.

Da die Schüsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hören waren,

sprach Wecker: »_Die_ Christen feiern die Osternacht -- auf ihre

altgläubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch

kein Christ! sondern hatte nur wüthenden Respect vor Christo. Aber den

Johannes können wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen

alten Hector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen

kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als

die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begräbniß. . . . Das auf der

elenden Erde berühmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch,

wodurch alles Schöne heimlich herausläuft, wie aus einem See, so daß die

Welt nur eine löcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil

sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt -- als würfe man Erde auf

einen Sarg -- das Thränenloch ist bald abgetäuft . . . . zu der großen

Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des

Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bäume sterben

zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen

Osternacht ist es schön, einen Lieben zu begraben, während alle Dörfer

umher jetzt denken, denn singen dürfen sie's nicht: »Christ ist erstanden!«

Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle

Begräbniß.

Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann;

das heißt: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und

verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt!

Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die

beste auf drei Quadrat -- Schuhe im Umkreis -- denn um die Lebendigen

stehen alle guten Todten! Weiber und Männer; gewiß auch Johannes! Denn,

sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und

seinen Kindern hinter der Thür!«

Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thür vorsichtig

aufthat, weit offen stehen ließ, so daß Licht in das Haus fiel, und weit

vorgebogen mit dem Köpfchen hinter die Thür nach dem Vater sah.

Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um

den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem

Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mit gefalteten Händen wie

betend: »Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind!

Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch

im Herzen wie Er!«

Darauf beschickten die Männer, mit der nächsten Nachbarn Hülfe, den

sonntäglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; während Christel,

die einen kurzen getrosten Abschied genommen -- weil alle Wittwen ihren

Männern ja bald nachzufolgen glauben -- mit Daniel und den Kleinen zu Hause

geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hörte jetzt wirklich

die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel -- und so sah sie nun auch

-- aus der Neujahrsnacht -- das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen

Erlösung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die

Inschrift rund umher mit den großen Buchstaben; und in der Ferne regte es

sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hölle schien am

Horizont herein; ein naher Kanonenschuß war ihr nur der Donnerschlag aus

dem Wächterauge der Großmutter des Teufels »über die Arbeitenden im

Gefild;« über die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier

Riesenbilder an den Weltwänden -- aber es waren Wolkengestalten; und das

Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wußte es, und doch sah

sie das blasse Antlitz an als _das leidende Gesicht der Menschheit_ -- und

endlich ward das Antlitz _ihr eigenes_ _blasses Gesicht_; und sie selber

sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand

berührte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der fröhlich die kalten

Hände reibend sagte: »Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und

Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist groß und schön, meine

Christel; trotz des weltberühmten Allerweltsloches -- ja eben des Loches

wegen! Wenn ich nicht die Aussicht hätte, mich einmal vor mir selbst

_darein_ zu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu

haben -- vielleicht: _das Antlitz_ Gottes, statt Eures lieben, schönen,

leidenden Mondscheingesichts -- so wollt' ich, wir gingen sogleich nach

Mainz!« Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen.

Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines

Glasschränkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem

kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers großem, womit er den Daniel erweckt

hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes

ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und

zuletzt, mit dem Stück ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die

Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhäuschen

»das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum« feierlich, als wollte

er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. »Denn,« sprach er,

»unser Geschichtschreiber wird sagen: »Sie eilten, von den nahenden

Schüssen gedrängt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten, _froh_

des eignen davon gebrachten Lebens, in die _sichere Stadt_ -- denn selbst

seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und um _sie_ fort zu

genießen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel

mit allem genossenen Glücke klar und nah dahinter, statt Folie; und der

Spiegel ist so warm und _beredt_, als das Glück groß war, daß es nicht

ausgesprochen werden konnte -- wie das Leben.«

Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenüber stand, wählten sie den Weg durch

die erleuchtete, offene, menschenerfüllte Kathedrale, worin so eben

Christus Auferstehung durch eine lebensgroße Puppe künstlich dargestellt

ward, und -- _der Kinder willen_ wählte Christel den Weg durch die Kirche;

obgleich Ellenroth sie so führte, daß sie an dem Grabmale des Churfürsten

Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Ablaß für

Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so daß der geistliche

Pascha seine große Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen

ausängsten mußte -- damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon

erlöste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber

jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzählte.

Hier aber begrüßte sie leise _Paschalis_; und als er mit Christel allein

einmal um das Altar gegangen, frug er sie: »Darf ich Dir den Schmerz um

Johannes aus der Brust nehmen?« -- Und sie sagte: »Ich dächte nicht! Nicht

gern.« »Aber doch!« sagte er langsam. »Siehe Christus ist erstanden: -- --

und _Dein Bruder Stephan ist umgekommen_.«

Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfüllte nun ganz ihre

Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war

nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem

Sein -- und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen großen Welt,

und die ganze Welt war ihr nur: der schöne geliebte todte Bruder. Und

Paschalis ließ sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, still ausweinen,

während sie in's Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und

ihn fest an dem kalten Händchen hielt.

Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand

gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie

noch milder als zuvor: »Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus

der Seele nehmen?« Und sie sagte wieder: »Ich dächte nicht! Nicht gern!«--

»Aber doch!« sagte er: »_Dein Bruder hat sich selber erschossen._«

Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Sänger riefen vom Chor

über die Menschenhäupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft:

»Christ ist erstanden!« und die, das uralte, mächtige Wort zurückhallenden

mächtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen

das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewölbes wälzte es sich vor

Freuden dahin, und stieg herauf, und floß wieder herab . . wie ein

Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte

sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele.

Und als sie endlich aufsah, aber zürnend und doch niedergeschlagen, frug

sie Paschalis wieder: »Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln?« -- Und

sie sagte jetzt: »Gern! Aber unmöglich!« »Aber leicht!« sagte er: . . .

»_Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen._«

Und Christel ward blaß, schloß die Augen, lehnte sich zurück, und über den

schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen

verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als würde es

tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schönsten Mater

dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefem Meeresgrunde

sängen es, in den verborgenen zauberisch schönen Meeresgärten, die

wundervollen Blumen mit Blumenlippen -- und hoch, hoch, hoch darüber

schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wüsten stürmenden Wogen

mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wäre Christel!

. . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rüttelten nur an der Mutter,

die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jäh auffuhr, die Kinder

vergaß und davon fliehen wollte, sie wußte nicht wohin. Paschalis hielt sie

sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich stützend, ward sie wieder

völlig munter, und war wieder aufgetaucht in die öde -- liebevolle Welt.

»Denke doch, Christel,« sprach Paschalis, »das liebevolle Herz schlägt ja

eben in der Welt! Wäre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was

hättest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht öde, sie ist nur graunvoll --

denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst!

Stirb, -- und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie --

ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich weiß, ich empfinde

ganz Anderes. -- Ihr habt Euch nicht selbst geholfen -- Ihr leidet nur

selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir!

Jetzt glühst Du vielleicht so heiß in Gefühlen, und die Marterkammer der

Menschen ist Dir so nah vor den Füßen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst

auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund

zu ermessen! -- Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du -- Du,

Sebastianow! -- Ich kann alle Leiden heilen -- wie Moses selber sterbende

Schlangen! Kommt!«

Und im Gehen sagte Wecker: »Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben

Alle nicht freventlich in der Arche gesessen! Wir sind rechtschaffen mit

ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sündfluth der gemachten

Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit

-- denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen

das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es

hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen den _Krieg_, und --

und -- und werden nun auch erst recht die _Früchte_ mit Muth zu verlangen,

mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu würdigen wissen, die uns der

Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der

bloße nackte Friede selber, _ohne seine versprochenen Gaben_, ist bloß ein

dummer Junge -- ein wahrer »dummer Friede!« Eine Scheune voll leerer

Strohschütten nebst abgedroschenen Flegeln! Früchte wollen wir sehen und

mit Freuden erndten, die wir mit Thränen gesäet! Die sollen uns schmecken,

wie Nürnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?«

Die Osternacht. Zweite Abtheilung · 第 16 / 18 题